Der mitteleuropäische Reinigungskult

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Dass Barbara dieses Spiel bewusst spielte – mit ihm und er mit ihr, über so viele Jahre hindurch! –, war so lächerlich verlogen und würdelos, dass er kotzen mochte, nicht nur im Theater, auch zuhause, nicht nur nach den Vorstellungen, sondern immerzu, jeden Tag, hier und jetzt.
Aufgebracht reihte er sich in die Schlange vor der Bar ein und blickte zurück auf Barbara, auf sein Mädchen, seine Frau, seine Gefährtin, seine Liebe. Das war sie doch. Sie gehörte zu ihm, wie er zu ihr gehörte, das war unbestritten. Sie war seine große Liebe, oder? Die Schauspielerin, auf die er doch auch stolz war. Auch das war die Wahrheit.
Sie unterhielt sich schon wieder ganz locker mit so einem Hipster mit stylisch gepflegtem Vollbart, lachte laut und hatte wie immer kein Problem mit Situationen wie dieser, hatte das fürchterliche Gesagte umgehend wieder vergessen und eine Sekunde später weitergemacht, wohingegen Anton sich fragte, wie es so weit hatte kommen können, sofort das Ende ihrer Beziehung vor sich sah, sich allein gelassen fühlte und seine oder besser ihre gemeinsame, ja die gesamte Zukunft infrage stellte. Ihr Lachen beleidigte ihn. Wie konnte sie ihn so wegwerfen, beiseiteschieben, sich dem Nächstbesten an den Hals werfen und lachen? Also holte er sich eine neue Flasche Ottakringer Helles, trank sie halb leer und ging wieder zurück, packte sie am Oberarm, entriss sie ihrer Unterhaltung und sagte: »Warum machst du das?«
»Warum mache ich was?«
Der Vollbart, ganz Gentleman, bot seine Hilfe an. »Alles ok? Belästigt dich der Typ?«
Anton nahm den Haken, der ihm zugeworfen wurde, instinktiv an, schnappte zu, der Haken bohrte sich in sein Gaumenfleisch, der Blick des Feindes zog daran, der Schmerz machte ihn wütend. Er musterte den jungen Mann, machte einen kräftigen Schluck und sagte: »Wir duzen uns also? Hat dir deine Mutter nichts beigebracht?«
»Schon in Ordnung«, beschwichtigte Barbara. »Das ist mein Freund.«
»Ah, der Dude, der sich nicht von der CD trennen kann. Mit dem bist du also zusammen …«
Der Dude lächelte gereizt, wusste nicht, ob er lachen oder seiner aufsteigenden Aggression Raum geben sollte. Am liebsten wollte er dem Idioten sein blödes Maul stopfen. Er blieb jedoch ruhig, dachte vernünftig über eine mögliche Reaktion nach, wog kurz die Vor- und Nachteile physischer Gewalt ab und widmete sich seinem Gegenüber schließlich mit einem lässigen: »Scheiß bier, das Ottakringer, was?«
»Darauf kannst du einen lassen«, sagte der Typ, der Producer oder aber Chief eines angesagten jungen Plattenlabels sein mochte – Arschloch Records womöglich. Anton konnte sich einen zynischen Grinser in Barbaras Richtung nicht verkneifen und deutete arrogant wissend auf den knapp dreißigjährigen Vollbart, der offenbar Wichtiges zu sagen hatte, denn sein mit einem silbernen Totenkopf beringter Zeigefinger fuchtelte durch die Luft, bevor er zu folgender Weisheit ausholte:
»Weißt du, Alter, alles verändert sich und nichts besteht. Das ist der …«, er hielt inne, suchte nach dem Wort, »… circle of life. Wir alle müssen sterben, früher oder später. Es ist nur ein blödes Plastikteil, dem du nachtrauerst. Und Musik ist definitiv analog, ich meine ganz grundsätzlich.« Und dann wurde er lauter: »Musik ist Leben, das Leben ist analog und das Digitale ist leblos, eine Lüge.«
Anton applaudierte in einem langsamen, die Aufmerksamkeit der Herumstehenden erregenden Rhythmus, was den Vollbart natürlich provozierte. Lachend schüttelte er seinen Kopf, drehte sich nach seinen Freunden um, die näher kamen und lauter wurden, ihr Testosteron sammelten und ihm Unterstützung garantierten.
»Eine herrliche Rede«, sagte Anton. »Sie hätten dir den Preis geben sollen – bestimmt hätten sie dir aus der Hand gefressen, wären dir zu Füßen gelegen. Aber was genau will diese Aneinanderreihung billiger Klischees heißen?«
»Dass du keine Musik hörst, wenn du sie digital abspielst. Das ist ein wissenschaftlich belegter Fakt.«
»Und was höre ich dann?«
»Eine Simulation.«
»Eine Simulation?«
»Eine Simulation.« Er nickte zur Bestätigung, war sich so sicher wie ein Sekundenzeiger über seinen nächsten Schritt.
»Keine Musik also.«
»Nope.«
Anton lachte gehässig: »Noch einmal, was soll das heißen? Das ist doch unsinnig, völlig substanzlos. Ich meine, dein Fuß wippt ganz automatisch zu einem Beat, du spürst die Bässe im Magen, du kannst dazusingen, weil du den Song kennst – und sagst mir ernsthaft, das sei keine Musik?«
»Ist gut, jetzt beruhigt euch. Ihr seid unterschiedlicher Meinung, das muss ja noch keinen Krieg bedeuten«, versuchte Barbara die Wogen zu glätten, aber der Sturm in Antons Kopf hatte die Wellen schon zu hoch gepeitscht. Sie schlugen ihm entgegen, mitten ins Gesicht. Er war jetzt Ahab, der keine Wahl hatte und weitermachen musste.
Ein paar Fotografen und ein Kamerateam des öffentlichrechtlichen Rundfunks hatten Unruhe gewittert und sich dazugesellt. Was auch immer an diesem langweiligen Abend in dieser Blase der Selbstgefälligkeit, die niemanden da draußen auch nur im Geringsten kümmerte, das wussten die Fernsehmacher und Schreiberlinge ganz genau, ein bisschen Ablenkung, Glamour oder Extravaganz versprach, reichte vielleicht für eine kleine Mitternachtsstory oder ein Skandälchen, für eine Erwähnung in der U-Bahn-Zeitung, auf Twitter oder Instagram. Anton bemerkte sie gar nicht und fuhr fort.
»Du sprichst also vom Leben und vom Sterben, vom Wandel der Zeit, dozierst über das Gesetz der Veränderung und bestehst gleichzeitig auf dem Alten, dem noch viel Älteren, Analogen, auf der Schallplatte, auf einer altbackenen Retro-Ideologie? Hast du mir nicht zugehört? Siehst du nicht, wie dumm das ist? Das ergibt überhaupt keinen Sinn!«
»Nur weil du die Zeichen der Zeit nicht erkennst und etwas nicht kapierst, heißt das noch lange nicht, dass es sinnlos ist. Die Rückbesinnung auf das Alte, Analoge war längst überfällig und hat nichts mit Konservativismus zu tun. Manchmal geschieht einfach das Richtige. Außerdem könntest du endlich den Arm dieser Lady loslassen, Bro.«
»Du sagst Lady zu meiner Freundin? Du nennst mich Bro? Wie alt bist du – vierzehn?«
»Anton! Hör auf. Lass ihn doch. Lass uns einfach gehen. Bitte.«
»Armer, alter Wichser«, sagte der Vollbart und wollte sich davonmachen, Anton aber verlor die Kontrolle, stürzte sich auf ihn, donnerte ihm seine Faust auf die Nase; sofort machte sich Blut auf den Weg durch seinen dichten Bart, an welchem Anton unsinnig zerrte wie an einer aufgeklebten Maske, während sein Fuß ungelenk gegen das Schienbein seines verdutzten Gegenübers stieß. Dutzende Handys waren plötzlich auf sie gerichtet, die fetten Canons und Nikons klickten, Antons Bierflasche entglitt ihm und zerbarst auf dem Boden, er stürzte handvoran auf die Scherben und blutete. »Scheiße!«, brüllte er, was noch mehr Menschen anlockte. Mehrere Gäste und Securitys hielten die Kontrahenten auseinander, einer der Veranstalter bat um Ruhe und Verständnis, immerhin stand diese Preisverleihung unter dem Motto Diversität & Toleranz.
Letztendlich war es also das – nicht der Inhalt seiner Rede, sondern das Blut, der fiktionalisierte Skandal –, was Anton Wagenbach für einen Augenblick ins Zentrum der popkulturellen Aufmerksamkeit seines Landes hievte. Blut verkaufte sich immer noch besser als Musik oder Prominenz. Minuten später waren die Fotos und Videos online, bald war von dem scheinheiligen Musikjournalisten zu lesen, der eben noch, seinen edlen Preis in Händen, schwülstig von den Möglichkeiten der Menschen- und Weltverbesserung gepredigt und kurz darauf den nächsten Krieg angezettelt hatte. Barbara bestand darauf, dass er die Nacht in seiner alten Wohnung verbrachte und schrieb um drei Uhr morgens eine SMS: Das war’s. Ich hab keine Lust mehr und das macht auch keinen Sinn mehr.
Am nächsten Tag ging sie nicht ans Telefon. Sie schrieben sich aggressive, traurige und zärtliche Nachrichten, bedauerten den Weg, den romantische Gefühle gezwungen waren zu gehen, das große Ende war gekommen, das wussten beide und daran gab’s nichts zu rütteln. Anton wollte es schon auf der Party erkannt und beschlossen haben, Barbara konterte, kam immer wieder auf seinen Satz mit den Kindern und ihre von ihm konsequent ignorierte biologische Uhr zurück, worauf er gar nicht näher eingehen wollte, ja nicht eingehen konnte, also legte er neue, gleichsam uralte Vorhaltungen auf den Tisch, die wiederum sie wegwischen musste – irgendwann brach Barbara das kindische Pingpong der Verletzungen und Verletztheiten ab. Anton holte seine Sachen und zog wieder in seine kleine Wohnung, zelebrierte die Einsamkeit mit einer ungesunden Melange aus Schlaflosigkeit, vernachlässigter Körperhygiene, Fernsehen und Alkohol, und wollte endlich seinen Roman schreiben.
Nach drei Monaten trafen sie sich an einem neutralen Ort, in einem Café im ersten Bezirk. Sie saßen zwischen gestressten Touristen und nervösen Tauben. Ihre doch ganz natürliche Art, die für sie so typische Nüchternheit erschien ihm plötzlich unerträglich. Er fragte sich, wie er es acht Jahre mit dieser Frau ausgehalten hatte. Ja, er erwog sogar die Möglichkeit, dass sie tatsächlich verrückt war – in einem klinischen Sinn. Sie ließ sich immer treiben, von links außen nach rechts außen, von den höchsten Höhen bis ganz nach unten. Er konnte ihr nicht mehr folgen, ihr nicht gerecht werden, und er bezweifelte, dass irgendjemand das konnte. Selbstverständlich hatte sie kein Problem mit dem Alleinsein, hatte sogar schon einen Neuen im Visier, nichts Festes, sie wolle es langsam angehen, sagte sie leise, wobei sie ihren Blick starr auf ihre Kaffeetasse hielt. Für Antons zunehmende Verwahrlosung zeigte sie kein Verständnis, mehr noch: kein Interesse. Sein Bart war ungepflegt, seine Haare fettig, seine Haut speckig und unrein – es ekelte sie regelrecht vor ihm. In ihren Augen war er zurückgekippt in eine kindliche Trotzphase, eine egozentrische, womöglich analfixierte und, wie sie meinte, typisch männliche Reaktion auf Zurückweisung und wiedergewonnene Freiheit, mit der er, narzisstisch wie er nun einmal sei, nicht umgehen könne. Sie habe diese Männerfantasien satt und auch nie verstanden. Warum war es ihnen der größte Traum, sich gehen zu lassen, ungewaschen vor dem Fernseher rumzuhängen, ungesundes Zeug zu fressen, Fußball und Pornos zu schauen und haltlos Bier zu saufen? Es war einfach nur lächerlich infantil, aber gut, er konnte tun, was immer er wollte, sie würde ihm nichts mehr vorschreiben. Höflich erkundigte sie sich nach seinem Romanprojekt, was Anton anständig fand. Er wollte schon groß ausholen, erkannte aber umgehend ihr Desinteresse, ihre zur Seite rollenden Augen – als ob sie sich nach innen drehen, verstecken wollten – verrieten ihm, dass sie die Frage gleich wieder bereute, also entschied er sich für eine eher knappe, kryptische Antwort, sprach von seiner intensiven Recherche, die ihn bald nach England führen würde. Er sei hinter einem Mann her, der untergetaucht, ja offenbar auf der Flucht sei, einem ominösen Rechtsradikalen. Sein Name: Julius Aschmann.
Schon ein Jahr zuvor, erinnerte sich Barbara, hatte Anton angefangen, von diesem Mann zu reden, hatte sich aufgebracht gezeigt, weil dieser mit der Veröffentlichung rechter Zeitgeistparolen aufgefallen war. Ein reaktionärer St. Pöltner Lehrer? Wie skandalös, hatte Barbara verächtlich geätzt. Aber nein, so Anton schockiert, Aschmann sei ein verdammter Nazi. Um das behaupten zu können, müsse er sich schon eindringlicher mit ihm beschäftigen, hatte sie ihn belehrt, freilich hasse sie das alles, aber wenn er gefährliche Nazis jagen wolle, solle er besser oben anfangen, in den ausgetrockneten Hügeln der sogenannten Parteienlandschaft, einer kalten und unwirtlichen, öden, luftarmen Gegend.
»Registrierst du meine Sprache?«, hatte sie dabei selbstbewusst gelacht. »Ich sollte schreiben, nicht du.«
Diese Leute müsse er jagen, die hätten alle ideologischen Dreck am Stecken, und jetzt im einundzwanzigsten Jahrhundert werde ihnen der Dreck wieder bereitwillig vom Stecken geleckt, war sie fortgefahren, erinnerte sich Barbara jetzt.
»Die Sache mit der großen Aufarbeitung war doch immer schon eine große Lüge, findest du nicht? Das waren doch immer nur Bücher, Gedichte und Zeitungsartikel, politische Festtagsreden, Theaterstücke oder Filme. Ich als Schauspielerin weiß das, ich bin mittendrin in dieser Aufarbeitungsszene, und das ist auch wichtig und richtig, aber mitunter, so ehrlich muss ich sein, bin ich auch nur ein Teil der großen Lüge. Diese Stücke und Filme werden dem Publikum ja regelrecht aufgezwungen. Im Grunde will das keiner sehen und hören, aber das traut sich auch niemand auszusprechen, also nicken alle betroffen, werfen verstohlene Blicke auf ihre Uhren oder kehren nach der Pause nicht mehr zurück. Die Attacken und Volksbeschimpfungen unserer Schriftsteller und Künstler der Nachkriegsjahrzehnte sind vom Publikum nie geschätzt worden, immer nur von ihresgleichen, von den Selbstgerechten, die sich über alle und alles erhaben meinen, nur weil sie in Universitäts- oder Kunstkreisen verkehren, die haben vom eigentlichen Leben der Leute keine Ahnung – will sagen: Wir haben keine Ahnung. Das Spucken auf das eigene Land und seine Geschichte ist zur Pflichtübung geworden, zu einer Art Normalität. Der Österreichhass hat sich unter den Intellektuellen mit der Zeit etabliert. Bernhard, der alte Trachtenträger, hat ihn zum Humor hochstilisiert, seit damals lacht jener Teil des Volkes, der sich immer noch ungeniert Intelligenz nennt, lauthals darüber, lacht sich kaputt, wenn auf einer Bühne in einem Stück das Wort ›Nazi‹ oder gar ›katholischer Nazi‹ fällt. Wie lustig! Oder wenn die Erna in Schwabs Präsidentinnen sagt: ›Du bist ja eine Nazi!‹ Ein fulminanter Lacher. Und das nennen sie dann Geschichtsaufarbeitung, weil sie in Wahrheit auch nicht wissen, wie sie mit dieser Geschichte umgehen sollen. Weil das keiner weiß. Weil man in Wahrheit mit dieser Geschichte gar nicht umgehen kann. In Wahrheit haben wir nämlich keine Wahl. Die Verdrängung ist unumgänglich, wenn man als ein in dieses Land Hineingeborener so etwas Unverschämtes wie ein glückliches Leben anstrebt. Wie, wenn nicht mit Verdrängung, soll man denn dieser Schuld gegenübertreten? Unser Dilemma ist, dass wir gar keine Wahl haben, dass wir alle damit leben müssen, mit der Geschichte, mit der Wahrheit, mit der Schande und mit der Schuld.
Der Holocaust ist zum goldenen Götzen, zur Cash Cow, zur Klagemauer, zur kulturtouristischen Attraktion verkommen, zum Ausstellungsmarathon, zum literarischen Bestsellerstoff, der schlecht gelaunte Leser, seriöse Rezensionen, Stipendien und Preise verspricht, womöglich Friedenspreise. Wenn also jetzt einer mit seinem Kunstschlauch die österreichische Gesellschaft ordentlich vollspritzt, nicken ein paar Großstadtköpfe betroffen mit denselben oder wackeln amüsiert mit ihren Großstadtschultern, während das Volk dazu schweigt, sich wundert, sich die Pisse von den Schultern streicht oder wütend zurückbrunzt. Und nun, in den herrlichen Zeiten der gottverdammten sozialen Medien, ist das große Schweigen beendet, das Volk brüllt und scheißt zurück – und dies, so unerträglich das ist, ist nun einmal die Gegenwart, der Shitstorm ist die Realität dieses verfluchten Jahrhunderts. Dazu kommt, dass Österreich nur ein Fliegenschiss auf der Weltkarte ist und alle Länder und Gesellschaften dieses Planeten dieselben oder ähnliche Leichen im Keller horten. Das alles ist, wie wir also sehen, nur normal – eine endlose, ekelhafte Aneinanderreihung des Immergleichen: Krieg, Mord, Trauma, Lüge, Korruption und so weiter.«
Bisweilen versuchte Anton sie aufzumuntern, ihren, wie er fand, recht dunklen, womöglich ihrem Beruf geschuldeten Hang zum Dramatischen ins Lot zu bringen, war bemüht, ihr als Gegengift kleine Injektionen des Guten und der Schönheit der sie umgebenden Welt zu verabreichen, ihr das unglaubliche Glück der Gegenwart und des Wohlstands vorzuhalten. Einmal hatte er ihr vorgehalten, sie würde rechts denken und links leben, so erinnerte sie sich, nichtsdestotrotz folgte er ihren Gedanken immer wieder bereitwillig und gerne, hielt sie für ziemlich klug, was ihr natürlich schmeichelte. Auf Julius Aschmann als gewieftem Menschenverführer und Rattenfänger sowie auf der viel größeren Gefährlichkeit der Untergrundnazis bestand er jedoch beharrlich.
Die Tatsache, dass sie gern auf alles spuckte, aber seinen Versuch, aktiv zu werden, so abfällig belächelte, verletzte ihn wahrscheinlich mehr, als sie beide das wahrhaben wollten.
Daran erinnerte sich Barbara, als Anton bereits weg war. Sie hätte sich aber ohnehin in keine Diskussion mehr verwickeln lassen, hätte sich auch wirklich zusammenreißen, all ihre Kräfte sammeln und die größte Disziplin aufbringen müssen, um seinen abstrusen Ausführungen zu seinem großen Roman noch einmal zu folgen – nein, nein, es war schon alles gut so. Anton war ein Kind, womöglich ein verrücktes mit besonderen Bedürfnissen, das seiner inneren Stimme gehorchen und diesem rechtsextremen Schmetterling nachlaufen musste, wer weiß, vielleicht war das seine Bestimmung, aber sie war nicht seine Mutter, sie war gar keine Mutter, das Kindsthema war ein für alle Mal vom Tisch – sie war neununddreißig, Herrgott! Und jetzt hatte sie nicht einmal mehr eine Beziehung. Es war doch nicht verwerflich, kinderlos zu bleiben – in einer Welt wie dieser. Und sie wollte nie eine werden, die sich von einem gnädigen Spender ein Kind machen lässt, nur um vor der Gnade der Mutterschaft in die Knie zu gehen. So verzweifelt durfte sie nicht sein, nicht jetzt, nicht in drei Jahren, nie.
Wie sie dann aber so allein in ihrer Wohnung war, eine Flasche Wein öffnete, sich ans offene Fenster setzte, durchatmete, eine Zigarette anzündete und den Rauch gegen die frische Luft schickte, wie sie die letzten acht Jahre Revue passieren ließ, fühlte sie sich bleiern und alt. Die Stille des Raumes hing schwer wie eine eingezogene Decke über ihr, kam näher und näher.
Draußen hatte sich die Nacht über die Stadt gelegt und verbarg ihren Dreck, die tausend Geschichten, die sie täglich besudelten. Selbst die schamlose Stadt, der tagsüber alles egal war, konnte nicht ohne Verdrängung existieren – und die Nacht entlockte ihr definitiv eine ihrer angenehmeren Seiten. Ein paar Sterne blinkten am Himmel, ein angenehmer Wind ließ die Bäume im Park sich hin und her wiegen, sie tanzten einen kleinen Slowfox – oder wie hieß der Nullachtfünfzehntanz, bei dem man vom linken auf den rechten Fuß wackelte und die Oberkörper sich unbeholfen aneinanderdrängten? Wie hatte Barbara diese Unbeholfenheit gemocht! Sie war so menschlich, und alles Menschliche war gut. Früher. Wenn der eine nicht wusste, wo er seine Hände hinplatzieren sollte, wenn die Gesichter sich näher kamen, man den Körpergeruch des anderen aufsog. Wie schön es war, den Schweiß des anderen zu schmecken. Im Hintergrund lief irgendeine Schnulze, und man wusste instinktiv, diesen Moment, sosehr man sich selbst, die eigene Unsicherheit auch infragestellte, womöglich hasste, dieser Moment würde alles schlucken und relativieren, ihn würde man nicht so schnell, vielleicht nie mehr vergessen, er würde einen ein ganzes Leben lang als Erinnerung an das Gute begleiten.
Aber das war früher.
Da weinte Barbara. Die Tatsache, dass sie hier saß und über das Verhältnis zwischen Kunstbetrieb und Holocaust nachdachte und nicht etwa über den bedenklichen Zustand ihres eigenen Lebens, darüber, wie sie und Anton es vielleicht doch noch schaffen und miteinander in die ohnehin schon schwer angeschlagene Zukunft gehen könnten, wie diese Möglichkeit des Friedens, die Möglichkeit einer Insel der Freundschaft, die doch auf lange Sicht der romantischen Liebe bei Weitem überlegen war, in so unerreichbare Ferne gerückt war, machte sie still und traurig. Sie hatten es nicht geschafft, hatten es verbockt, hatten das Geschenk der Liebe abgelehnt, mit Füßen getreten, hatten nicht einmal Danke gesagt. Das tat ihr leid und da tat sie sich selbst leid. Und da, sosehr sie sich auch dagegen wehrte, tat ihr auch Anton leid.
Vor acht Jahren hatte sie einen Artikel von ihm gelesen. Er hatte eine seiner Lieblingsplatten aus den Neunzigern in Erinnerung gerufen: Blackacidevil von Danzig. Sie erinnerte sich noch, dass er die Tatsache, dass so gut wie jedes Signal auf dieser Aufnahme verzerrt war, gepriesen hatte. Dieses Album sei eine mystische Hochzeit, hatte er geschrieben. (Oder war es mythische Hochzeit?) Außerdem habe dieses Album Hans Tellar nachhaltig beeinflusst, dessen Arbeit er den Lesern ausdrücklich ans Herz lege.
»In einem abgedunkelten, schwülen Raum liegen Verzweiflung, Aggressivität und Schönheit miteinander im Bett und verschmelzen zu einem traurigen Monster.«
Dieser Satz hatte Barbara beeindruckt – und tatsächlich lernten sie sich noch am selben Abend in der Theaterkantine kennen, das konnte kein Zufall sein. Er war mit einem ihrer Kollegen bekannt und deswegen in der Vorstellung gewesen. Sie wurden einander vorgestellt, saßen am selben Tisch, tranken mehrere Runden Weißwein, ihr Gespräch war leicht, die Worte kamen von selbst, sie zwang ihn nicht, über das Theaterstück zu sprechen. Rückblickend würde sie das später einmal interessant finden, dass ausschließlich er, der Mann, mitsamt seiner Arbeit bei diesem ersten Aufeinandertreffen von ihr bewundert wurde, ihre kurz davor geleistete, ihr noch ins Gesicht gezeichnete hingegen nicht einmal erwähnt wurde. Wie auch immer, die Diskrepanz zwischen diesem Mann und dem von ihm Geschriebenen war so krass, dass Barbaras Interesse gleich noch viel größer wurde.
Sie sprach ihn also auf seine Kritik an. Seine Freude über ihr Feedback war authentisch und offen und provozierte wiederum ein Strahlen in ihrem Gesicht, ein für sie körperlich spürbares. Dass diesem freundlichen Sonnenschein eine solch offenbar dämonische, animalisch finstere und exzentrische Platte so viel bedeutete, eröffnete einen doch aufregenden und vielversprechenden Blick in seine Abgründe. (Dieselben Abgründe freilich, die sie ihm Jahre später vorhalten würde.)
»Ist dieser Danzig nicht so was wie ein Satanist?«, fragte sie, so unschuldig es ihr möglich war.
»Ich weiß nicht. Ich glaube, das ist nur ein eitles Spiel mit der Dunkelheit. Ich kann so etwas, ehrlich gesagt, nicht ernst nehmen.«
»Das heißt aber nicht, dass es nicht existiert oder praktiziert wird und auch gefährlich ist.«
»Nein, aber diese Gefährlichkeit macht doch einen erheblichen Teil des Reizes aus, oder? Die Negermusik der Fünfziger, das Sinistre und Unchristliche, das Spiel mit dem Höllenfeuer war doch genau, was die Leute schon damals cool und aufregend fanden. Der Bösewicht war immer schon der reizvollere Charakter. Warum sollte sich das geändert haben? Früher reichte eben ein Hüftschwung aus. Ein Schrei, lange Haare oder dunkle Haut. Heute muss man schon andere Kaliber auffahren, den Teufel höchstselbst bemühen, um den Leuten Angst zu machen.«
»Ich mag Dinge, die mir Angst machen.«
»Echt? Haha … Na siehst du …«
Spätestens jetzt, wo die große Verunsicherung einsetzte, war Anton klar geworden, dass sie hier am Flirten waren.
»Und was sind das für Dinge?«
»Weiß nicht. Sag du es mir.« Sie lächelte ihn an, wie ihn noch nie ein Mensch angelächelt hatte, da war es um ihn geschehen. Wäre das nicht passiert, hätte er sich wohl augenblicklich höflich verabschiedet, denn Gespräche dieser Art, die keine Gespräche waren, nur ein gegenseitiges Abchecken und Beschnuppern, ein Ausloten von Möglichkeiten und Grenzen, mochte er nicht. Nicht, weil er sie grundsätzlich ablehnte, sondern weil sie ihn in einen irrationalen, kindlichen, schwammigen Zustand zurückkatapultierten. Sie waren bodenlos, und ein fester Boden unter den Füßen war ihm ganz recht, das Gefühl von Gefährlichkeit in der Kunst ausreichend. Er schätzte Glenn Danzig, wollte aber nicht Glenn Danzig sein. Feuchte Fanträume, diesen doch überzogenen, wahrscheinlich psychopathischen Grad an Identifikation kannte er nicht. Mutig flüsterte er ihr ins Ohr: »In einem Lied singt er übrigens: I want to bathe in the danger of ourselves.«
Für die nächsten Minuten, vielleicht waren es auch nur Sekunden, vielleicht war es aber auch eine Stunde, lächelten sie sich nur an. Ein nettes Lächeln folgte auf ein vorsichtiges, ein schüchternes auf ein spontan ausbrechendes, ein gespieltes auf ein unverstelltes. Barbara verliebte sich in genau diese Unsicherheit, die, wie sie irgendwann sagen würde, im Bett mit der satanischen Gefahr zu dem von ihm erwähnten traurigen Monster werden konnte. Ja, die Zukunft war ein trauriges Monster, das spürte sie in diesem Moment, das war das Gefühl, von dem sie eingenommen wurde und von dem sie mehr wollte, jenes Gefühl, auf welchem sie den nächsten Morgen, die nächsten Wochen, ihr ganzes weiteres Leben aufbauen wollte. Jene ungeschützten Minuten des Lächelns hatten einen Raum eröffnet, einen für sie beide, einen für Barbara und Anton reservierten.



