Das Restrisiko beim Transport von Südfrüchten

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Ob er etwas fragen dürfe?
»Kommt drauf an«, sagte der Mann und drückte ihm wieder die Pistole an den Hals.
»Mich würde interessieren, was du vorhast.«
»Ich muss weg.«
»Dabei soll ich helfen?«
»Ich habe nichts zu verlieren.«
»Beruhige dich«, sagte Luc. »Du hast die Waffe, du hast die Macht. Ich will leben. Ich bin kein Held.«
»Ich habe nichts getan.«
»Das interessiert mich nicht.«
»Lügner! Du denkst, ich sei ein Terrorist.«
Luc zog die Schultern hoch und antwortete: »Ich wüsste gerne deinen Namen.«
Der Mann blickte ihn mit leicht geneigtem Kopf undurchschaubar an. Unterstrichen von einer ablehnenden Handbewegung sagte er schliesslich: »Kein Name.«
»Pas-de-Nom?«
»Halt den Mund, Jules.«
»Mein Name ist Luc, Monsieur Pas-de-Nom.«
»Jules, Luc, Martin … Was ist schon ein Name? Was bedeutet mir dein Name? Ich sag es dir: Nichts!«
Aziz verstummte und biss sich, während er nachzudenken versuchte, in die Unterlippe. In seinem Kopf hallten die Schüsse nach, er sah Menschen davonrennen, Schreie, ein weisses Hemd, das sich rot färbte. Die Holperstrecke entlang der Autobahn. Ein passender Name fiel ihm beim besten Willen nicht ein.
»Nenn mich einfach Aziz!«, befahl er mit seiner eigenartig heiseren Stimme.
Luc zeigte keine Reaktion. Nach einer Weile liess er gleichgültig verlauten, dass er froh sei, diesen Sachverhalt geklärt zu haben. Leiser Spott schwang mit. Aziz fragte sich, ob Luc gemerkt hatte, dass er ihm seinen richtigen Namen genannt hatte. Zur Ablenkung schaute er aus den Fenstern, nichts Auffälliges, auch in den Rückspiegeln war kein Mensch zu sehen.
Er fragte Luc nach der Route.
»Lausanne«, antwortete dieser, erleichtert, endlich etwas Vernünftiges zu reden.
»In die Schweiz?«
»Ja.«
»Gut, sehr gut sogar … Fahr los.«
»Ich kann so nicht fahren, das geht nicht. Stell dir vor, wir kommen in eine Kontrolle und ich bin am Sitz festgebunden. Dreimal darfst du raten, was passiert.«
»Das ist ein Problem«, erkannte Aziz.
»Du willst über die Grenze?«
Aziz nickte.
»Das ist gefährlich. Besser, du suchst dir einen Weg durch die Wälder. Ich lass dich vor der Grenze raus, das ist das kleinere Risiko für beide. Glaub mir, ich möchte morgen gerne zu Hause in meinem Bett erwachen … Verstehst du mich?«
Die nächsten Worte modulierte er betont wohlwollend ruhig, beinahe väterlich: »Du hast dein Leben vor dir, Aziz, und ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Aziz, ich weiss nicht, wie du es hast, aber mir ist die Freiheit viel wert, sie bedeutet mir alles. Das sollte sie dir auch. Machen wir das Beste aus der Sache.«
»Fahr los, Luc – und hör auf mit dem Gelaber.«
»Die Gurte.«
Aziz klappte die beiden Metallteile auseinander, Luc atmete – nicht nur wegen des nachlassenden Drucks – erleichtert aus. Er richtete sich in seinem ergonomischen Sitz zurecht und legte sich die Sicherheitsgurte um, hinter ihm grinste Aziz: »Jetzt fesselst du dich aber selber!«
»Das kann man so sehen«, antwortete Luc und wertete den Lacher als ein gutes Signal für die bevorstehende Fahrt.
Der Motor startete, das Grollen der fünfhundert PS durchdrang brummend die schallgedämpfte Hülle der Fahrkabine.
»Warte!«
Luc hielt sich mit den Händen am Lenkrad und blickte nach hinten: »Du weisst auch nicht, was du willst. Mein Gott!«
»Wie weiss ich, ob du nicht die Polizei alarmierst?«
Luc hob die Schultern.
»Ich will, dass du mir alles erklärst, bevor du etwas tust! Damit ich Bescheid weiss. Verstanden?«
»Das macht durchaus Sinn«, antwortete Luc, sorgfältig darauf bedacht, ein Gefühl des Vertrauens zu vermitteln. Er überlegte kurz, wandte Aziz das Gesicht zu und schlug vor, dass er, sobald sie auf die Autobahn gelangten, nach vorne komme und es sich wie ein ganz gewöhnlicher Mitfahrer auf dem Beifahrersitz bequem mache.
»Ich erklär dir alles und so oft du willst.«
»Einverstanden«, erwiderte Aziz nach einigem Bedenken. »Du scheinst ein vernünftiger Mann zu sein.«
»Davon kannst du ausgehen.«
Thierry Rodenbach tippte eine Nachricht in sein Handy, als er aus den Augenwinkeln sah, wie der Auspuff des weissen Scania eine Wolke ausstiess und die Tagfahrlichter angingen. »Das Arschloch haut ab!«, stellte er ungläubig fest. »Das gibt es doch gar nicht.«
Mit der Tasche unter dem Arm stürmte er auf den Lkw zu, riss die Beifahrertür auf, sprang in einem Satz auf das oberste Trittbrett und schwang sich in die Kabine.
»Einfach abhauen, ohne mich, das würde dir so passen! So eine Scheisse, wir haben eine Abmachung!«, brüllte Thierry, den Motor übertönend. Er setzte sich wütend auf den Beifahrersitz, sah sich um und bemerkte die weit aufgerissenen Augen eines Mannes, der eine Waffe auf seinen Kopf richtete. Augenblicklich erstarrte er, sein Mund klappte auf, selbst sein Herz fiel vor Schreck aus dem Rhythmus.
»Halt die Fresse! Ein Fehler und du bist kaputt!«, warnte Aziz, während sein Zeigefinger am Abzug der Pistole zuckelte.
Thierry verstand sofort: Dieser Mann meint es ernst, der schiesst. Der spasst nicht. Ganz langsam zog er die Tür zu, die Tasche stellte er vorsichtig zwischen die Sitze. Er wartete. Ihn beschlich das eigentümliche Gefühl, dass er von Luc abfällig gemustert wurde. Aziz nahm die Tasche, durchsuchte sie, fand in der Seitentasche ein Handy und die Kopie eines Führerscheins, der auf Thierry Rodenbach ausgestellt war. Das Dokument legte er neben sich auf die Liege, das Handy steckte er vorerst in seine Trainingshose, mit der unbestimmten Absicht, irgendwann später darauf zurückzukommen. Anschliessend stellte er die Tasche zurück neben den Beifahrersitz, zögerte kurz, änderte seine Meinung und platzierte sie unterhalb der Liege, genau hinter Thierry.
Warum hatte Luc nichts von diesem Typen gesagt, fragte sich Aziz. Sie hatten doch eben eine Lösung gefunden.
Er durfte keinesfalls Furcht zeigen. Also drohte er in überheblich-aggressivem Ton: »Was immer hier gespielt wird: es ist mir egal. Ich habe keine Angst. Wenn ihr nicht macht, was ich sage, veranstalte ich ein Blutbad. Mit euch, wie nichts!«
Thierrys Blick hastete vom Parkplatz zu seinen Mitfahrern und wieder zurück.
Misstrauen erfüllte die Kabine mit einem Geruch von Angst, Aggression und einer Atmosphäre aus Verdächtigungen, abschätzenden Blicken und einer mühevoll unter Kontrolle gehaltenen Panik. Luc umklammerte die Handbremse, als wäre sie ein Rettungsanker. Einzelne Schweissperlen bahnten sich einen Weg von den Schläfen über die Wangenknochen, wo sie sich in verschiedene Richtungen teilten. Thierry versuchte, einen Ton von sich zu geben, brachte aber nur ein Krächzen zustande.
»Nun fahr endlich los!«, befahl Aziz. »Worauf wartest du?«
»Von rechts kommt jemand«, sagte Luc, zwei tiefe Falten bildeten sich in seinen Mundwinkeln.
Ein staubiger, in die Jahre gekommener Laster mit schaukelndem Anhänger ruckelte vorbei. Der Fahrer grüsste achtlos und steuerte seinen Lastzug in die grosse Kurve, die das Wäldchen auf der anderen Seite halbkreisförmig begrenzte.
Luc löste die Handbremse, die er nach wie vor eisern festhielt. Behutsam drückte er das Gaspedal, der Lkw setzte sich sanft in Bewegung. Er fuhr um die Pinien und beschleunigte in der folgenden Rechtskurve, die auf eine langgezogene Ausfahrt führte. Dort setzte er den Blinker und lenkte den mit Südfrüchten beladenen Lastzug auf die Autobahn.
Madame de Rhime, eine ältere, in letzter Zeit etwas verwirrte Dame mit üppigem Silberschmuck und Foulard, hielt mit ihrem Peugeot an der gezackten Linie, um einem Lkw den Vortritt zu gewähren. Unwillkürlich duckte sie sich hinters Lenkrad, als dieser mit überhöhter Geschwindigkeit an ihr vorbeidonnerte. Sie verfluchte den Idioten von Fahrer, während aus ihrem Lautsprecher ein hörbar mitgenommener Radiosprecher von einem Attentat in Orange berichtete. Mit einem grosszügig bemessenen Sicherheitsabstand folgte sie dem Lkw auf die Ausfahrt. Sie war auf dem Weg zu ihrer Tochter, dem ersten Besuch seit dem Zerwürfnis an Ostern. In einem Korb auf dem Beifahrersitz dufteten selbstgebackene Olivenbrötchen, ein Versöhnungsgeschenk für das gemeinsame Abendessen.
Die von der Sommerhitze ausgebleichte Landschaft zog an ihrem Wagen vorbei, die abgeernteten Rebstöcke in den Weingütern waren in weiches mediterranes Licht getaucht, der wolkenlos blaue Himmel einzig durch eine schwarze Rauchsäule getrübt, die aus einem Feld nahe der Autobahn aufstieg. Jemand verbrannte Holz, Unkraut und was ihm sonst gerade überflüssig erschien. Vor der Rhonebrücke setzte Madame de Rhime den Blinker und überholte zügig den weissen Lkw. Auf eine unbestimmbare Art fühlte sie sich erleichtert, als in ihrem Rückspiegel der Sattelschlepper kleiner und kleiner wurde.
4
Der Weg über die steinernen Stufen zum prächtigen, mit Säulen eingefassten Eingang des Bezirksgerichtes war bereits bedrückend gewesen, doch nichts im Vergleich mit dem Gerichtssaal, Amtszimmer 448, in dem Luc jetzt alleine an einem zu grossen braunen Tisch sass, die Ellenbogen aufgestützt und die Hände vor dem eingezogenen Kopf ineinander verschränkt. Er hatte die Scheidung nicht gewollt, Muriel hatte sie eingereicht. Er hatte sich gewehrt und versprochen, was er meinte, versprechen zu müssen. Aber Muriels Entschluss blieb unverrückbar wie ihr Glaube, dass irgendwo da draussen der passende Mann auf sie warte.
Niemand würde je ihren Ansprüchen genügen, hatte Luc ihr wieder und wieder erklärt, das Problem sei sie selbst. Doch ausser eskalierendem Streit und giftigen Anschuldigungen hatte er nie etwas erreicht. Dazu geisterte sein Töchterchen Lara-Lea – auch so ein Zwang, als ob Lara oder Lea nicht gereicht hätte – verstört durch die Wohnung, den Stoffhund an sich gedrückt, als wäre er ihr einziger Schutz auf dieser Welt. Dieser Anblick brachte Luc erst recht in Rage: Er fluchte, warf Teller zu Boden, zweimal zerstörte er die Kaffeemaschine. Und einmal schlug er zu. Hart und mitten ins Gesicht.
Zu seiner Linken, an einem identischen Tisch, sass Muriel mit ihrem Anwalt, weichlicher Typ mit dünnem Lächeln, der sie dauernd am Arm berührte. Ob sie was mit ihm hat? Er wollte für seine Rechte kämpfen; aber hier gab es nichts, das Widerstand geboten hätte. Der Richter, leicht erhöht, sah mit wässrigen Augen gelangweilt durch ihn hindurch. Hier ordnete sich alles der unsichtbaren Macht der Amtshandlungen unter, selbst die heiteren Landschaftsaquarelle an den Wänden wirkten unterwürfig, so, als ob ihnen die Farbenpracht peinlich wäre. Luc biss auf die Lippen, bittere Tränen rannen über seine Wangen, die von Muriel mit Genugtuung beobachtet wurden. Zweimal atmete er hörbar ein und aus, dann unterschrieb er die vorbereiteten Dokumente. Seine Ex-Frau betrachtete kühl, wie er die Seiten ordnete, bevor er sie in der Tischecke platzierte. Sie schüttelte den Kopf, nicht abfällig, eher bemitleidend. Das herablassende Mitgefühl derjenigen, die sich überlegen fühlen.
Luc wartete, bis der Anwalt Muriel aus dem Saal geführt hatte, ihren Ellenbogen stützend, als stünde sie vor einem Zusammenbruch, dabei hatte sie mehr bekommen, als sie erhofft hatte. Er blieb sitzen. Ob er nun ging oder blieb, es änderte nichts. Der Richter, zu gleichgültig, um die Lügen zu durchschauen, wies ihn darauf hin, dass der nächste Fall vor der Tür stehe. Da Luc keine Anstalten machte, ging er zu ihm, klopfte tadelnd auf die Schulter und liess seine kraftlose Hand dort ruhen.
»Monsieur Rapin? Es wäre Zeit …«
Luc schüttelte den Kopf und senkte den Blick.
»Kommen Sie, Monsieur Rapin.«
Er schob Luc die eine Hand unter die Achsel, die andere seitlich an den Oberarm, mit sanftem Druck half er ihm auf die Füsse. »Die ersten Schritte sind die schwersten, aber glauben Sie mir, danach wird es einfacher«, ermutigte der Richter. »Lassen Sie sich Zeit, es gibt ein Leben danach.« Luc liess sich zur Ausgangstüre begleiten. Vor der Schwelle blieb er stehen und meinte abschätzig: »Gehen Sie in den Gerichtssaal, da gehören Sie hin.«
Der Audi Quattro Turbo, Baujahr 89, stand abseits in einer Seitenstrasse. Er setzte sich hinein, startete den Motor und fuhr aus der Stadt. In einem Vorortskreisel nahm er die Ausfahrt, die bergan führte. Vue des Alpes hiess die Strasse, an deren Ende ein vergilbtes Mietshaus stand, in dem er seit einigen Monaten wohnte. Die Wohnung war mit freier Bergsicht – ›Vue splendide sur la montagne!‹ – angepriesen worden, was für die oberen Geschosse galt, aber nicht für die unteren: Eine Reihe Tannen vor seinem Balkon verdeckte die Sicht auf alles, was mehr als einen Steinwurf entfernt war.
Hamid Boulanouar, ein Mann mit wachen Augen und für sein Alter erstaunlich vollem Haar, erwartete ihn. »Salut Luc«, grüsste er mit rauchigem Timbre. »Ich soll dir ausrichten, dass der Hund von Madame Koch froh wäre, wenn du mit ihm spazieren gingest.«
Hamid tat, als suche er eine Zigarette in seiner Hosentasche. Er rauche nicht, entschuldigte sich Luc, worauf er zu einem Kaffee eingeladen wurde.
»Wenn es keine Umstände macht.«
Hamid bat ihn hinein, Luc zog die Schuhe aus und rutschte auf Socken über das Parkett. Im Wohnzimmer wurde ihm der Platz auf dem Sofa angeboten, er setzte sich. Es tat gut, in Gesellschaft zu sein. Hamid servierte Kaffee.
»Du hast einen praktischen Namen«, begann Hamid die Konversation. »Kurz und klar, ein Abenteurername, passend für einen Mann um die dreissig.«
»Ich wurde nach dem Vater meiner Mutter benannt.«
»Er muss ein besonderer Mann gewesen sein«, meinte Hamid freundlich. »Oder die Mutter war sehr durchsetzungsfähig.«
Luc liess sich tiefer in das weiche Sofa fallen und nahm einen Schluck Kaffee. Da er nun das Tischchen mit der Hand nicht mehr erreichte, hielt er die leere Tasse in der Hand, er kam sich vor wie eine Tante beim Kränzchen. Aus einem ihm unerklärlichen Grund schaffte er es nicht, mit diesem Tässchen in der Hand zu antworten. Als hätte er Angst, es zu zerbrechen oder, schlimmer noch, mit der Stimme einer Frau zu antworten.
Was ein Tässchen alles auslöst, dachte er beiläufig, und dass Sprichwörter mit Tassen durchaus geeignet waren, um Verrücktheiten auszudrücken. Er begann, das Porzellan rundherum zu begutachten, drehte und wendete es. Schien es ihm erforderlich, hielt er den Kopf schief, um eine Lichtspiegelung mit besonders distanziert kritischem Auge zu betrachten. Ein Räuspern weckte ihn aus seiner Meditation.
»Hunger?«
»Danke, nein.«
»Musik?«
»Warum nicht.«
Hamid holte im Nebenzimmer eine Gitarre und einen Fussschemel, den er vor einem Stuhl platzierte. Als er sich eingerichtet hatte, entschuldigte er sich, er sei leider ausser Übung, es dauere, bis die Finger wieder Bescheid wüssten. Er zupfte einige Akkorde und lauschte den Klängen nach. Nach einem Moment der Stille fragte er: »Noch einen Kaffee?«
Luc, der immer noch mit seinem Porzellangefäss haderte, hielt ihm dankbar die Tasse hin.
»Dachte ich mir.« Hamid huschte in die Küche, von wo er mit einer vollen Tasse zurückkehrte.
»Bereits gesüsst«, erklärte er und mit einem trockenen »Et voilà« überreichte er sie.
Behutsam begann Hamid wieder die Saiten zu zupfen. Luc beobachtete seinen umtriebigen Nachbarn; er wusste nicht, wie er ihn einschätzen sollte, sinnierte darüber, liess es jedoch bald bleiben, die Melodien trugen seine Gedanken fort.
Er döste ein.
Selbstvergessen zupfte Hamid die Saiten und murmelte die Liedertexte, die er aus seiner Kindheit kannte.
Plötzlich schrak Luc hoch. Ihm war, als hätte er etwas zu erledigen. »Der Hund«, erinnerte er sich und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. Das Spiel wurde unterbrochen.
»Der Hund?«
»Ich sollte raus mit ihm.«
Hamid stellte die Gitarre zur Seite und begleitete seinen Gast in den Flur, wo Luc seine Schuhe anzog und sich zwischen der Wohnungstür und Hamids wachen Augen etwas verloren vorkam.
»Du spielst gut, Hamid. Mit Gefühl, ein richtiger Musiker. Ich spielte Klarinette, meine Mutter wollte es so – fürs Hausorchester.«
Hamid zog eine Augenbraue hoch: »Eine musikalische Familie?«
»Ja, liegt in der Familie. Ein Onkel ist Pianist, meine Mutter singt sehr gut.« Lucs Gesicht erhellte sich, er lächelte, als er weitersprach. »Mama hatte sich rührend gekümmert, geduldig, liebevoll. Dabei war klar, dass bei mir nicht viel zu holen war; ich war sportlich interessiert. Obwohl ich ganz passabel spielte.«
»Wie meine Familie, damals. Wir spielten zu siebt auf Hochzeiten und Dorffeiern. Die ganze Nacht, alle gemeinsam.«
»Wir gaben Konzerte bei befreundeten Winzerfamilien.« Luc trat ins Treppenhaus. »Es ist Zeit«, sagte er und bedankte sich.
Ein Getriebener, dachte Hamid, trat einen Schritt zurück und sagte: »Geh mit Gott.«
Luc lachte trocken.
Hamid schloss die Tür.
Draussen kroch der kalte Novembernebel einer formlosen Anschuldigung gleich durch die Kleider bis in seine gekränkte Seele. Nach einer Runde um den Block hatte er genug und teilte dem Boxerhund mit, dass er morgen mit Frauchen wieder seinen gewohnten Rundgang habe. Der Hund winselte, er hätte gerne noch den Waldrand inspiziert. Zum Trost nahm er ihn in seine Wohnung, wo er sich freudig auf dem Teppich vor dem Fernseher wälzte. Luc füllte sich ein Glas mit Wein, setzte sich aufs Sofa und klemmte die kalten Füsse unter den Hund, der es sich widerstandslos gefallen liess. Nach dem dritten Glas kam er ins Grübeln. Er dachte an seine Zukunft; dass sein Leben dringend einer Änderung bedurfte; dass er sich vorstellen konnte, diese Wohnung nicht nur vorübergehend zu bewohnen; dass er sich keinesfalls dem Alkohol ergeben durfte. Vor allem das nicht.
5
Aziz Bounabi sass schweigend hinter Luc und Thierry. Die Pistole in seiner rechten Hand pendelte von Fahrer zu Beifahrer und wieder zurück, der Oberkörper schaukelte unruhig, ein Fuss steckte unter dem Fahrersitz, der andere zitterte unablässig.
Thierry Rodenbach dachte an Juliette, die in seinem Mercedes nach Hause fuhr, während er diesem verrückten Terroristen ausgeliefert war. Falls ihm etwas zustossen sollte, trug sie die Schuld, befand er, und irgendwie schien dieser Gedanke tröstlich; er stellte sich seine Beerdigung vor, wie Juliette unter Schuldgefühlen zusammenbricht, unablässig seinen Namen murmelnd.
Luc reihte sich auf der rechten Spur hinter einem Zementtransporter ein. Er hielt grosszügig Abstand, der Verkehr rollte unaufgeregt. Vor dem Anstieg auf die Rhonebrücke überholte der kleine Peugeot, der ihm seit der Raststätte gefolgt war.
Eine abfallende Tonfolge kündete seinen Disponenten an: »Hast du’s gehört?«, kam Meyer grusslos zur Sache.
»Ich hatte Pause«, antwortete Luc ausweichend und hielt die offene Hand beschwichtigend Richtung Aziz, Thierry versah er mit einem warnenden Blick. Dieser verstand sofort: Klappe halten.
»Schlimme Sache in Orange.«
»Ich bin auf der Rohnebrücke, die Stadt liegt direkt vor mir.«
»Ein Attentat, irgendwas in der Art, am besten schaltest du das Radio ein. Wahrscheinlich schliessen sie die Zufahrten und es gibt Kontrollen und Sperren der Autobahnpolizei.«
Luc sah unauffällig in den Fonds der Kabine, von wo aus Aziz ihn mit dunklen Augen anstarrte. Der Junge gehört also dazu, dachte er, und erstmals wurde ihm der Ernst der Lage bewusst.
»Attentat? Wann?«
»Eine Schiesserei, Tote, Verletzte, grauenhaft.«
»Ich schalte auf ›France Info‹. Die senden pausenlos die neuesten Nachrichten. Normalerweise erspar ich mir das, schlägt nämlich übel auf die Laune.«
»Gute Idee, halt dich auf dem Laufenden … Schaffst du es bis um sieben nach Aarau?«
»Wenn nichts dazwischenkommt.«
»Pass auf dich auf.«
»Keine Sorge, wir kommen klar.«
»Wir?«
»Wir?, das … ist nur so dahergesagt.«
»Ach so.«
Den Blick Aziz zugewandt, erklärte Luc, dass er jetzt das Radio einschalte und daher ein paar Knöpfe zu drücken habe. Er wies mit dem Zeigefinger auf alle Knöpfe und Tasten, die zum Gerät gehörten. »Die hier oberhalb«, er zeigte auf einige mit Zeichen versehene Tasten, »die gehören nicht dazu.«
»Wer war das?«, unterbrach ihn Aziz.
»Das war Meyer, mein Disponent. Er hat Zugang zum Bordcomputer. Über GPS sieht er, wo ich mich befinde.«
»Wir sollten Meyer sagen, was los ist«, meinte Thierry und Aziz erwiderte, dass es hier keine Hilfe benötige: »Ihr tut was ich sage, und alles ist gut.«
»Verstanden, reg dich nicht auf«, antwortete Thierry, »der mit Waffe hat die Macht. Auch wenn sonst die Sache anders aussehen würde.«
»Thierry, halt mal deine Klappe, die Nachrichten beginnen.«
»Thierry«, wiederholte Aziz, froh ihn beim Namen nennen zu können.
Thierry Rodenbach rieb sich mit Zeigefinger und Daumen die Nasenspitze und nestelte nervös an den Knöpfen seines rosa Hemdes; ihm war plötzlich heiss, er schwitzte und verlangte, dass Luc endlich die Klimaanlage einschalte.
»Funktioniert mit Klimaautomatik, hält die Temperatur auf konstant 23 Grad.«
»Dann öffne die Fenster. Ich krepiere.«
»Zieh die Jacke aus.«
»Ich ersticke, hier fehlt Sauerstoff! In diesem Karren wird einem übel. So eine verdammte Dreckskiste!«
»Halt die Fresse«, brüllte Luc und schlug mit der flachen Hand auf die Ablage.
»Die Fenster bleiben zu«, bestimmte Aziz und war überrascht, welche Autorität ihm die Waffe verlieh: Nicht ein Murren war zu vernehmen, nur die Radiostimme kündete eine Sondersendung an.
Radio France Info, 16:30 Uhr:
›Marianne Blésier, Sie befinden sich in Orange.‹
›Bonjour Cedric Crissier. Es herrscht Unklarheit, was genau passiert ist. Der Tatort befindet sich am Cours Aristide Briand, einem Parkplatz eingangs der Altstadt. Ersten Berichten zufolge schossen mehrere bewaffnete Männer auf eine Polizeieinheit, die sich vor dem Stadttheater aufhielt. Es heisst, dass einige der Täter fliehen konnten.‹
›Wie ist die aktuelle Situation in Orange, Marianne Blésier?‹
›Die Rettungsteams sind eingetroffen, man spricht von mindestens zwei Toten und zahlreichen Verletzten, darunter Zivilisten, die sich dort aufhielten … Ich erhalte eben eine Meldung, dass ein Juweliergeschäft überfallen wurde … Die Polizei durchkämmt die Altstadt nach weiteren Tätern.‹
›Gibt es Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund?‹
›Noch ist nichts sicher, erste Zeugenaussagen deuten darauf hin.‹
›Marianne Blésier, danke für Ihre ersten Einschätzungen.‹
»Das genügt wohl«, meinte Luc und stellte das Radio leiser. Er lenkte den Lkw über eine Brücke und eine langgezogene Linkskurve auf die A7, die Autoroute de soleil, die von Marseille nach Lyon führte.
Polizeifahrzeuge waren keine zu sehen, dafür kreisten blauweisse Helikopter am pastellfarbenen Vorabendhimmel. Luc kannte die kleine Stadt, in der das Attentat geschehen war. Auch den Parkplatz, auf dem die Einheimischen täglich um die freien Plätze kämpfen mussten mit Touristen, die von weit hergereist waren, um das römische Erbe des Städtchens zu sehen, die verwinkelten Gassen und die historischen, von Platanen beschatteten Plätze.
Thierry schaute mit zusammengekniffenen Augen zu einem Helikopter, der in geringer Höhe über der Autobahn kreiste – zu gerne hätte er gewunken, geschrien, eine Leuchtrakete geschossen, die rot brennend bogenförmig in den Himmel gestiegen wäre. Oder wenigstens einen Rettungsring aus dem Fenster geschmissen. Warten und sich dem Schicksal überlassen: das war nichts für ihn. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er sein Leben nicht gefährden wollte. Er brauchte einen Plan und einen kühlen Kopf. Beides fehlte.
»Ich fahre über Lyon«, erklärte Luc.
Niemand antwortete. Nach einer unangenehm langen Pause sagte Aziz: »Ich habe mit diesem Attentat nichts zu tun.«



