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„Klirrr …“ Und da war es wieder, das Geräusch des zerberstenden Spiegels. Ohrenbetäubender als vorher. Alle fünf erfasste ein Windstoß und sie stürzten zu Boden. Da lagen sie im Dreck und der unnatürlich schmerzliche Druck auf der Brust war wieder da. Regelmäßige Wellen einer abnormalen Energie schüttelten sie durch, sodass sie aus Reflex die Augen fest zugedrückt hielten.
– 4 –
Simon war der Erste, der die Augen behutsam öffnete, und traute ihnen kaum, als er erkannte, was er da vor sich sah. Der Wald war verschwunden, sie waren drinnen. Der Raum war spärlich von diversen glühenden Steinen beleuchtet und die Wände selbst schienen ein dezentes Leuchten von sich zu geben. Sie waren über und über bedeckt mit filigranen Linien, die in einem orangenen Rotton schimmerten.
Einerseits sah es wie ein Altarraum in einer Kirche aus, andererseits war alles unnatürlich und fremd.
„Es ist wunderschön“, dachte Ben. „Diese Muster sind hypnotisch und haben eine elfenartige Eleganz.“
Direkt neben Marie standen zwei Wesen, die bisher keinem aufgefallen waren. Bis zu diesem Zeitpunkt.
„Was ist das denn?“, dachte Simon. „Menschen sind das auf jeden Fall nicht. In was für einen Film sind wir hier geraten?“
Dabei ähnelten sie anatomisch schon grundsätzlich den Menschen. Sie waren zwar außergewöhnlich hochgewachsen, aber ansonsten menschlich. Es waren eher die Details, die sie fremdartig wirken ließen. Die Augen, größer und in verschiedensten Farben schimmernd. Die Gesichtszüge vollkommen glatt und mit spitzem Kinn, sowie die hohe weise wirkende Stirn. Silbriges Haar, was je nach Licht tiefpurpurn schimmerte. Lange feingliedrige Finger und die gesamte Haut von ähnlichen Linien durchzogen wie die Wände des Raums, gleichermaßen filigran. Die Verzierungen hatten ebenso ein ihnen innewohnendes Leuchten. Mal bläulich, mal purpurn wie die Haare.
„Wie ist das möglich? Sie haben die Schattenwand durchbrochen“, wunderte sich das eine Wesen. Und die Stimme schwang wieder in ihrer mehrschichtigen Melodie. Beide waren jedoch seelenruhig. Sie zeigten weder Überraschung noch Angst, sondern betrachteten die fünf Jugendlichen, wie ein Wissenschaftler sein Forschungsobjekt.
„Aber Ligara, du hast mir erklärt, dass das unmöglich ist“, sagte das andere Wesen. „Wo ist Abbadhor? Er war doch eben noch hier. Was er wohl zu diesem Vorfall zu sagen hat?“
Die als Ligara Angesprochene sah feminin aus, auch ihre ganze Statur zeigte, dass sie eine weibliche Vertreterin dieser Spezies war. Trotz des Umstands, dass die Haut keine Falten zu haben schien, waren ihre Gesichtszüge geprägt von Erfahrung, sodass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit älter war.
Sie drehte sich, um sich im Raum umzusehen oder sich zu vergewissern, dass dieser Abbadhor nicht da war. Dabei wehte ihr ihre reich verzierte Robe um den Körper. Der Stoff wirkte unbeschwert wie eine Feder und floss um ihre Erscheinung. Rein weiß, jedoch mit umfangreichen, goldenen sowie rötlichen, filigranen Verzierungen.
Die Tür zum Raum war geschlossen. Sonst war niemand da. Nur sie beide standen an einer eigenartig glatten Wand, die nicht zu den anderen Wänden passte, die so geschwungen und reich verziert waren. Und neben ihnen am Boden lagen die fünf Jugendlichen.
Die glatte Wand besaß nicht dieses Leuchten durch die Linien. Im Gegenteil, sie schien von einem Schleier aus Schatten verdeckt. Jedoch ließen sich in den Schatten keine Details ausmachen. Es wirkte eher wie statisches Rauschen bei einem alten Fernseher ohne Empfang.
„Lass Abbadhor da mal raus, Angrowin“, beschwichtigte Ligara. „Es ist nicht nötig, dass er alles weiß. Er ist auch nur ein simples Mitglied des Rates. Du wirst schon noch lernen, wie das läuft. Gib dir Zeit und vertraue auf deine eigene innere Stärke und Überzeugung.“ Angrowin sah deutlich jünger aus und ihre weiblichen Gesichtszüge waren daher umso lieblicher anzusehen.
Ligara fuhr fort: „Aber Menschen, die ungewollt nach Paradell kommen, darum sollten wir uns kümmern. Das hat es noch nie gegeben und widerspricht dem Gleichgewicht, über das wir wachen. Das Gleichgewicht der Kräfte ist heilig und gehört um jeden Preis beschützt.“
„Zumindest dieses konkrete Vorkommnis scheint sich von selbst zu lösen“, unterbrach sie Angrowin, indem sie auf die Kinder hinabblickte. Ihre Stimmen verloren in dem Moment an Kraft.
„Oh je, was ist denn jetzt wieder?“, dachte sich Lukas, wo er die beiden immer verschwommener wahrnahm. Da zerfielen ihre Konturen zu Nebel und sie verwandelten sich zu schattenhaften Umrissen, obwohl der Raum klar und deutlich zu sehen war. Doch dann verschwammen die Linien an den Wänden zu Bäumen und deren Ästen. Der Raum verlor seine Kontur und obgleich alles von Schatten überlagert war, erhellte es sich merklich. Die Sonne schien sich ihren Weg zu suchen.
Die fremde Welt, eben noch deutlich und real, wirkte wie ein schlechter Traum. Viele Schatten waren weiterhin überall, aber zerfielen langsam zu Staub. Da kamen die Sonnenstrahlen ausgeprägter zum Vorschein und bald lagen die fünf, wie vorher, im Wald, im Dreck unter der brütenden Nachmittagssonne des Sommerferientags, der so friedlich gestartet hatte.
Es dauerte einige Minuten, bis sich einer von ihnen regte. Alle waren wie in Schockstarre verfallen. Selbst in dem Moment, wo sich die Ersten lösten, brach keiner in Panik aus. Sie waren zwar zutiefst verängstigt, aber die Erfahrung war zu unwirklich und verstörend gewesen, sodass alle zu perplex waren, um zu schreien. Zusätzlich hatten die beiden Wesen eine unheimlich beruhigende Wirkung gehabt, die sich keiner erklären konnte.
– 5 –
„Habe ich geträumt?“, fragte schließlich Ben. „War ich ohnmächtig?“
„Wenn, dann waren wir es alle, wie wir es uns hier im Dreck bequem gemacht haben“, versuchte es Simon mit einem Anflug von unsicherem Humor.
„Außerdem habe ich euch in meinem Traum gesehen“, sagte Marie. „Dementsprechend ist es möglich, dass es keine Illusion war?“
„Wenn ihr alle diese beiden Freaks wahrgenommen und mit mir in dem abgespaceten Raum gelegen habt, ist es eher unwahrscheinlich, dass es ein Traum war“, bemerkte Simon.
Wie aus fernen Gedanken gerissen empörte sich Ben: „Freaks? Die waren majestätisch und wunderschön. Wenn es angesichts des altarähnlichen Raums nicht klischeehaft wäre, würde ich sagen, sie hatten etwas Göttliches an sich.“
„Leute, hört euch doch mal zu“, schimpfte Tamara. „Ihr redet ja, als wären wir soeben in eine andere Welt gereist. Das ist unmöglich. Wir sind von dem Windstoß, woher er auch kam, umgeworfen worden und auf den Kopf gefallen“, sagte sie und verschränkte zur Verstärkung ihrer Aussage die Arme vor der Brust. Die Geste zeigte, dass sie da keine Diskussion zuließ.
„Klar, und unsere Köpfe denken sich solch eine wahnwitzige Geschichte aus und zu allem Überfluss dieselbe“, murmelte Marie kaum vernehmlich.
Alle standen langsam auf, putzten sich notdürftig ab und wirkten außerordentlich wackelig auf den Beinen. Gemächlich kamen sie in Bewegung und setzten ihren Heimweg fort, den sie gefühlt vor Stunden angetreten hatten. In Wirklichkeit waren kaum fünf Minuten vergangen.
Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Tamara zu Lukas. „Weißt du was, ich habe echt Kopfschmerzen, geh du nachher mit den anderen ins Kino. Ich glaub, ich gehe früh zu Bett.“
„Ach nee, mir ist auch nicht nach Kino“, antwortete Lukas.
„Ja, wenn ich es mir recht überlege, habe ich nur schlechte Rezensionen von dem Film gesehen“, fügte Ben hinzu und zog sich ebenso von dem Vorhaben zurück, an dem Tag ins Kino zu wollen.
„Ich glaube, die Hitze hat uns alle geschafft. Lasst uns versuchen den Abend in Ruhe ausklingen zu lassen“, schloss sich Marie an.
Nur Simon blieb überrascht stehen. „Echt jetzt, keiner von euch will mitkommen? Soll ich jetzt etwa allein da rein? Nee, dann bin ich auch raus“, schmollte er. Es wirkte jedoch, als wäre er nicht unglücklich gewesen, heimzugehen und für den Rest des Abends dortzubleiben.
„In Sicherheit“, dachten sie alle.
Kapitel 2 – Schatten der Erinnerung
– 1 –
Nachdem sie alle daheim angekommen waren, fiel erst allmählich die eigenartige Trance von ihnen ab. Erst in dem Moment realisierten sie langsam, dass da irgendetwas mit ihnen geschehen war.
Sie schafften es kaum, an sich zu halten, und mussten sich mit den anderen austauschen. Einmal daheim angekommen, wollten sie da jedoch bleiben. Daher eskalierte es in ihrem Gruppenchat und alle tippten exzessiv auf ihre Handys ein.
@Simon> Fühlt ihr auch diese kribbelnde Energie in euch? Ich schaffe es kaum, in Ruhe zu sitzen.
@Marie> Ja, ich weiß nicht, wie ich nachher schlafen soll.
@Lukas> Da sagst du was … Schlafen … ich werde schlimme Alpträume bekommen von dem Ganzen. Da bin ich mir sicher.
Ben schien entgegen seiner sonstigen Art weiterhin keine Angst zu haben. Im Gegenteil. Er schwärmte wieder von den Wesen.
@Ben> Ich habe euch vorhin bereits gesagt, die anderen sind kein Grund für Alpträume. Ich würde mich freuen, sie im Traum wiederzusehen.
Tamara blieb bei ihrer ablehnenden Haltung.
@Tamara> Dann hau du dir mit was Schwerem auf den Kopf, damit du wieder in dieses Traumland kommst.
@Tamara> Die Energie kommt rein vom Adrenalin. Das ist klar. War wahnsinnig erschreckend vorhin.
@Marie> Diese Energie nicht, das hatte ich noch nie. Adrenalin kenne ich zu gut, wenn diese groben Idioten in der Schule wieder hinter mir her sind und Streberschelte spielen.
@Lukas> Ich glaube, wir wissen alle nichts damit anzufangen, was da mit uns passiert ist. Unwirklich genug war es auf jeden Fall, dass es schwer als Realität zu akzeptieren ist. Es ist jetzt vorbei und irgendwem davon erzählen ist unmöglich. Das glaubt uns niemand.
@Simon> Es ist das Beste, wenn wir alle schlafen. Morgen sieht das eventuell anders aus.
Alle wünschten sich lapidar eine gute Nacht und damit war die Diskussion vorerst erledigt.
Simon lag ausgestreckt in seinem zu kurzen Bett und schaute sich in dem winzigen Zimmer um. Die Wohnung seiner Tante war leider deutlich enger als die, in der er früher mit seinen Eltern gewohnt hatte. Er war ihr dennoch übermäßig dankbar, dass sie sich um ihn kümmerte, nachdem seine Eltern verschwunden waren. Er würde sich da kaum beschweren.
Er schaute an die gegenüberliegende Wand, wo ein schmales Regal hing. Das hatte er einst zusammen mit Dad in dessen Werkstatt gebaut. Heute standen darauf seine diversen Pokale von gewonnenen Handballturnieren, mittig der goldene Ball aus der letzten Landesmeisterschaft.
„Bester Spieler des Matchs, Simon Gideon“ stand auf der dahinterstehenden Urkunde und er lächelte, als er das las.
Sein Blick schweifte weiter zu dem Foto an der Wand. Es zeigte ihn zusammen mit seinen Eltern zu der Zeit ihres letzten gemeinsamen Urlaubs in London. Alle drei hatten sie, breit grinsend, vor der Tower Bridge gestanden.
Sein Blick verweilte kurz darauf, bis er sich seufzend davon losriss und zum Lichtschalter griff. Er machte die Augen zu und entgegen seiner früheren Annahme schlief er zügig ein.
– 2 –
Simon fand sich in seinem alten Zimmer wieder, in dem er aufgewachsen war. Sein Dad war bei ihm. „Wann können wir denn endlich los?“, quengelte Simon.
„Das Volksfest läuft uns nicht weg Junge“, antwortete sein Vater ungeduldig.
Zumindest hatte die Vorhersage gestimmt, dass er eine traumreiche Nacht vor sich hatte. Nur kam das Erlebnis von früher am Tag offenbar nicht vor. Er träumte wie gewohnt von seinen Eltern. Der Tag, von dem er diesmal träumte, war drei Jahre her und eine Weile nicht mehr in seinen Träumen aufgetaucht. Es handelte sich um den Volksfestbesuch, als er zwölf Jahre alt war, der sich tief in sein Gedächtnis gebrannt hatte.
Im Traum ließ er nicht locker: „Wir wollten längst unterwegs sein. Nicht dass wir nachher wieder ewig an den Achterbahnen anstehen.“
Charles Gideon, versuchte, seinen Sohn zu beschwichtigen: „Mum braucht nicht mehr lange, sie beeilt sich ja. Wenn du ein bissel geduldig bist, ist nachher ein Abstecher an den Schießstand drin und ich gewinne dir da, was immer du dir wünschst. Deal?“
Simon wusste, dass das ein guter Deal war. Sein Vater war ein wahrer Künstler an diesen Schießbuden. Er gewinnt ihm mit Sicherheit den Hauptpreis.
„Okay! Deal“, sagte Simon, grinste seinen Vater an und die beiden bewegten sich von seinem Zimmer durch die Diele zur Haustür. Sie wohnten zwar in einem von diesen langweiligen Wohnblöcken, aber ihre Wohnung im dritten Stock war mit ihren vier Zimmern schön geräumig.
Da kam endlich seine Mum zu ihnen. „Entschuldigt, dieses neue Kleid. Da waren überall die Preisschilder und Nadeln dran.“ Sie trug ihr neues Sommerkleid und lächelte Simon mit ihrem einnehmenden liebevollen Blick an, den eine Mutter ausschließlich für ihr Kind übrig hatte.
Wie immer vermochte es Simon dann nicht ihr böse zu sein.
Sie schlossen die Wohnungstür, stiegen die drei Etagen des Treppenhauses nach unten zum Auto und waren auf dem Weg.
Die ganze Fahrt war Simon übermäßig aufgedreht und saß kaum im Auto still. „Sind wir bald da?“, fragte er zum gefühlt einhundertsten Mal.
Als sie da waren, war ihnen dennoch ein Parkplatz deutlich weiter vorne, wie es Simon befürchtet hatte, vergönnt. Sie fuhren alle seine Lieblingsachterbahnen sogar zweimal, ohne lange anzustehen.
Simon war glücklich und zufrieden: „Der Tag ist nahezu perfekt. Es fehlt nur, dass du dein Versprechen einlöst Dad.“ Er grinste und zwinkerte seinem Vater zu. „Schau da, hinter dem Zuckerwattestand. Eine Schießbude. Komm schon Dad.“ Er zog ihm, ohne eine Antwort abzuwarten, am Arm und ließ nicht locker.
Nach ein wenig gespielter Gegenwehr ließ sich Charles von seinem Sohn zum Schießstand zerren und gab dem Schausteller zehn Euro für seine Schüsse.
„Ich versuche es mit den bewegten Entchen als Ziel“, kündigte Charles selbstbewusst an. Er zielte nur kurz, schoss und der Schuss streifte die erste Ente an der Ecke, sodass sie widerwillig langsam umfiel. Aber sie war unten. Das zählte. „Ah, sie zieht minimal nach links“, murmelte er für sich. Dann setzte er wieder an und die restlichen Schüsse fielen, ohne abzusetzen, in einer schwindelerregenden Schnelligkeit.
„Alle Enten sind weg“, verkündete der Schausteller überrascht den Umstehenden. „Wir haben hier einen Meisterschützen. Damit dürfen sie sich da von den kleinen Plüschtieren eines aussuchen oder aus den Kisten da vorne.“
„Hey, was ist mit den Hauptpreisen da hinten in der Ecke?“, fragte Simon. „Dad hat alle Enten erwischt, warum bekommt er dann nicht, was er will?“
Der Schausteller antwortete: „Hör zu Junge, die Hauptpreise bekommt man nicht so einfach. Die sind für die Allerbesten vorbehalten.“
„Mein Dad ist der Allerbeste“, verkündete Simon nachdrücklich mit stolzer Stimme. „Nicht wahr Mum? Dad kann niemand das Wasser reichen.“
„Na klar. Dein Vater ist ein Superheld. Der Typ in der Bude ist zu knauserig und rückt die großartigen Preise nicht raus“, bestätigte ihm seine Mutter.
Charles sagte: „Das stimmt Sophia, das ist immer eine gemeine Abzocke an diesen Buden. Aber dem zeig ich es.“ Und an Simon gewandt fügte er hinzu: „Du sollst deinen Hauptpreis bekommen. Versprochen ist versprochen.“
Er rückte dicht an den Schausteller ran und sprach flüsternd, aber unmissverständlich zu ihm. „Okay, mein Freund, ich zahle nochmal doppelt so viele Schüsse, dass ich genug für die zweite Reihe Enten habe und sie drehen die Geschwindigkeit auf Anschlag. Ich habe meinem Sohn den Hauptpreis versprochen. Wenn ich alle erwische, bekomme ich eins von denen, ohne Wenn und Aber.“
Der Schausteller willigte mürrisch in den Deal ein. Hauptsächlich, weil er sich versprach, damit mehr Interessenten an seinen Stand zu locken. Er hatte vor, die Aktion werbewirksam anzupreisen.
„Na mein Junge, schau aufmerksam hin. Such dir einen der Hauptpreise aus“, sagte Charles. Simon betrachtete die Auslage neugierig. Es gab gewaltige Plüschtiere, einen ferngesteuerten Truck sowie eine Legoburg. Ihn beeindruckte das alles nicht.
Doch da entdeckte er, was er wollte. „Da, Dad, siehst du die Rockgitarre? Wow, ist die cool. Die ist es.“ Simons Augen leuchteten. Es war zwar eine Kindergitarre, aber sie sah verdammt echt aus.
„Gut mein Sohn. Dann aufpassen und Daumen drücken“, sagte Charles, zwinkerte Simon zu und schulterte wieder das Gewehr.
„Aufgepasst, aufgepasst, kommen Sie näher Leute. Schaut euch diesen tollkühnen Schützen an“, schrie der Schausteller aus voller Kraft. „Dieser Herr wagt das Unmögliche.“ Er wedelte enthusiastisch mit den Armen und winkte die vorbeiziehenden Volksfestgäste heran. „Die schnellste Geschwindigkeitsstufe, das hat bisher keiner geschafft. Werden Sie Zeugen dieses wagemutigen Versuchs!“
Sophia küsste Charles als Glücksbringer auf die Wange: „Viel Glück Schatz.“ Er lächelte und setzte das Gewehr an.
Die Enten rasten in einer unfassbaren Geschwindigkeit hin und her. Für die meisten Zuschauer waren sie zu fix, um sie zu erkennen. Sie verschwommen vor ihren Augen.
Charles zielte minimal länger und atmete entspannt. Währenddessen wich die Sonne dem Schatten und ein zarter Windzug kam auf. Die ganze Bude schien sich zu verdunkeln. Und viele Schatten streiften langsam über die Ziele an der Wand.
„Oje, das wird knifflig“, dachte Simon und hielt den Atem an. In dem Moment ließ sein Vater seinen Atem allmählich entweichen und schoss. In herrlich gleichmäßigem Takt machte es Peng und jedes Mal hörte man direkt das beruhigende metallische Pling einer umfallenden Ente.
Die Schatten verdichteten sich mit jedem Pling der Enten; die Konturen ließen nach, aber Charles ließ sich nicht ablenken. Er machte unbeirrt weiter. Simon hielt konstant den Atem an und es schmerzte geringfügig in der Brust. Da kamen die letzten drei und peng, peng, peng sowie drei Pling, Pling, Pling.
Die letzte Ente fiel und die umstehende Menge entlud die Anspannung und brach in Jubel aus. Simon atmete in einem Stoß aus und jubelte am lautesten.
Die Sonne hatte ihren Weg wiedergefunden und alle Schatten waren weg, als wären sie niemals da gewesen. Simon war zu fokussiert, um dem Ganzen größere Aufmerksamkeit zu widmen.
Sophia umarmte Charles. „Glückwunsch, mein Revolverheld“, lachte sie. Und zum Schausteller sagte sie mit Nachdruck: „Keine Ausreden mehr. Mein Sohn erhält die Gitarre dahinten.“
„Aber selbstverständlich“, verkündete er an alle Zuschauer gewandt. „Schaut, schaut, der Meisterschütze hier hat den Hauptpreis redlich verdient. Wer vermag es ihm nachzumachen? Wer akzeptiert die Herausforderung und versucht als Nächster sein Glück? Hier gibt es Gewinne, Gewinne, Gewinne. Einer besser als der andere.“ Tatsächlich trauten sich Andere heran und es entstand eine beträchtliche Schlange an potenziellen Kunden vor der Schießbude.
Der Besitzer schritt zu den Hauptpreisen und holte die Gitarre herunter. „Hier mein Junge, die ist für dich. Dein Vater hat sie fair erkämpft. Viel Spaß damit.“ Simon bedankte sich artig und freute sich wie ein Schneekönig über seine neue Gitarre.
– 3 –
„Sophia, ich glaube, wir haben uns alle Zuckerwatte verdient. Findest du nicht?“, fragte Charles.
Sophia antwortete: „Klar, mein Revolverheld und mein kleiner Rockstar bekommen heute alles, was sie sich wünschen.“ Sie ging zum Stand nebenan und kaufte eine mächtige Portion Zuckerwatte. Alle drei zupften sich eine Zeit lang schweigend ihre Stückchen ab und genossen sie sowie die Sonne, die auf sie herunterschien.
Sophia sagte nach kurzer Zeit: „Hier Simon, halt den Rest, du darfst es aufessen, wenn du magst. Ich muss zur Toilette.“
Da schloss sich Charles an: „Gute Idee, ich komm fix mit. Simon, du wartest hier.“
„Klar, kein Problem, ich habe ja meine Zuckerwatte“, kichert er.
Als sich seine Eltern umgedreht hatten, krochen wieder die Schatten heran. Alles verdunkelte sich. Schemenhafte Silhouetten überlagerten die Welt und rangen mit der Realität.
Simon dachte: „Schade, die Sonne war so schön“, hatte aber nur Augen für seine Zuckerwatte. In dem Moment sah er einen der Schatten an seiner Zuckerwatte vorbeihuschen. Da schaute er auf und ein weiterer bewegte sich vor ihm. Die Form war kaum auszumachen. Mal schien es menschlich, mal wie unförmiger Nebel.
Eine Stimme neben ihm klang überraschend unnatürlich doppelt, sodass er dachte, er musste sich verhört haben. „Die beiden dahinten. Los. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Simon schaute sich um, niemand anderem schien irgendetwas aufzufallen. Außerdem sah er niemanden, der das gesagt gehabt haben könnte. „Die Stimme hat sich melodisch angehört“, dachte Simon. „Aber sie hatte einen fiesen Unterton.“
Langsam wurde ihm ungemütlich. Eine unnatürliche Kälte schlich sich ihm in die Knochen und er hoffte, dass Mum und Dad bald wieder da wären. Er schaute in Richtung der Toiletten, sah aber kein Zeichen von ihnen.
Die Luft wurde gefühlt zunehmend dicker und es atmete sich kontinuierlich schwerer. Da hörte Simon ein Klirren von Glas, das aber auch irgendwie metallisch erschien. Gleich darauf zerfielen die Schatten zu Staub und der Druck war aus der Umgebungsluft verflogen. Auch die Sonne war wieder da.
„Was war das?“, rief Simon deutlich hörbar. „Was war das Klirren und wo sind die Schatten hin?“ Eine Frau, die neben ihm stand, schaute ihn an, als wäre er verrückt geworden.
„Was willst du Junge? Fantasierst du?“, fragte sie und nahm deutlich Abstand zu ihm ein.
Da seine Eltern immer noch nicht zurück waren, packte ihn langsam die Angst. Er dachte zwar: „Mensch Simon, du bist elf Jahre alt, das ist lächerlich Angst zu haben, weil Mummy und Daddy ein paar Minuten weg sind.“ Er drehte sich dennoch zu den Toiletten und nach kurzem Zögern flitzte er rüber und suchte seine Eltern.
Leider war nichts von ihnen zu entdecken. „Muuum, Daaad“, rief er. Keine Antwort. Dabei war das ein billiges transportables Klohäuschen, die hätten ihn da drin hören müssen. Seine Panik wuchs ständig weiter. Allen logischen Erklärungsversuchen zum Trotz schaffte er es nicht, sich dagegen zu wehren.
Im Traum rannte er zunehmend hektischer umher und rief nach seinen Eltern, während die Panik ins Unermessliche stieg.
– 4 –
Im Bett in der Gegenwart warf sich Simon wild umher und zerwühlte das ganze Bettzeug. Schweißgebadet wachte er auf.
„Muuum, Daaad!“, rief er nochmal kräftig in die Dunkelheit seines Zimmers. Seine Tante Olivia kam an die Tür, steckte den Kopf durch den Spalt und fragte: „Simon, alles in Ordnung? Ich habe dich rufen gehört.“
„Alles klar, es war nur ein Alptraum“, beruhigte Simon sie. Er selbst war alles andere als beruhigt. „Okay, dann ist alles wieder in Ordnung? Kann ich dir noch irgendetwas bringen?“, fragte seine Tante. „Nein, ist schon gut. War nur ein Traum“, bestätigte er erneut, auch um sich selbst zu vergewissern.
„Na dann schlaf gut weiter, mein Junge“, sagte Olivia mit sanfter Stimme.
Nach Schlaf war ihm nicht zu Mute. „Oh Mann, davon habe ich ja seit Ewigkeiten nicht mehr geträumt. Und wenn, dann nie so lebhaft“, dachte er sich.
„Und an die Schatten erinnere ich mich erst recht nicht“ er erschauderte und zog sich die Decke weiter bis ans Kinn. „War das mein Kopf, der die heutigen Erlebnisse im Traum mit dem Tag vor drei Jahren verbunden hat? Waren die damals wirklich da und ich habe das im Licht all der Ereignisse später vergessen?“
Er wusste nur eins, an dem Tag hatte er so lange gerufen, bis er die Aufmerksamkeit der Leute erregt hatte. Der Sicherheitsdienst des Volksfestes hatte ihn im weiteren Verlauf befragt und zu guter Letzt die Polizei gerufen. Doch auch die waren machtlos. Man hatte seine Eltern ausgerufen und die Polizisten hatten das ganze Volksfest durchsucht. Nachdem alle Gäste am Abend das Festgelände verlassen hatten und von seinen Eltern keine Spur zu finden war, hatte man sie offiziell als vermisst gemeldet und seine Tante Olivia angerufen.
Leider war das auch schon alles gewesen. Man hatte sie nie gefunden. Nicht mal irgendwelche Hinweise hat es in den folgenden Jahren gegeben.
Seither lebte Simon bei seiner Tante Olivia Gideon. Die Schwester seines Vaters hatte nach ihrer Scheidung wieder ihren Mädchennamen angenommen und wohnte seitdem in ihrer Nähe. Simon hatte bereits davor eine enge Beziehung zu seiner Tante gehabt. Danach setzte sie alles daran ihm die erste Zeit zumindest erträglicher zu gestalten, bis er sich damit abgefunden hatte, dass seine Eltern für immer weg waren.




