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Er grübelte, da ihm eine spezielle Frage keine Ruhe ließ. Haben die komischen Wesen, die er an dem Tag mit seinen Freunden gesehen hatte, irgendetwas mit dem Verschwinden seiner Eltern zu schaffen? Oder hatte ihm sein Gehirn einen blöden Streich gespielt. Er grübelte, bis die Müdigkeit langsam zurückkam.
Er gähnte ausgiebig und beim Einschlafen schaute er kurz auf die Gitarre in der Ecke, bevor ihm die Augen wieder zufielen. Der letzte Gedanke, der ihm durch den Kopf schwebte, war: „Mein kleiner Rockstar bekommt heute alles, was er sich wünscht …“ Er schlief mit einem Lächeln ein, aber eine einsame Träne floss ihm aus dem Augenwinkel.
– 5 –
Am nächsten Morgen waren die Schrecken der Nacht verblasst. Simon stand erst gegen halb zehn Uhr auf. Als er in die Küche kam, fand er Müsli, eine Schüssel sowie eine Packung Milch für ihn bereitgestellt. Seine Tante stand deutlich früher auf und hatte bereits gefrühstückt. Bestimmt war sie zum Markt gefahren.
Simon holte sich etwas frischen Saft aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Küchentisch. Sein Platz wurde von der Sonne erwärmt und er träumte gelassen, ohne konkrete Gedankengänge, vor sich hin, während er frühstückte.
Als er fertig war, holte er sein Handy heraus und schrieb im Gruppenchat:
@Simon> Hey Leute, seid ihr wach?
@Simon> Wollen wir nachher in den Park? Es ist schließlich die letzte Ferienwoche, das sollten wir nutzen, oder?
Die anderen waren einverstanden und planten, sich um ein Uhr zu treffen.
Simon ging ins Bad und stand eine Weile vorm Spiegel. Er duckte sich etwas. Da er mit 1,88 deutlich größer als seine Tante war, hing der Spiegel für ihn zu tief. Er betrachtete seine zotteligen gewellten rotbraunen Haare, die nach Bettfrisur aussahen. Das war aber seine normale Frisur. Einen Kamm sahen die nur sporadisch.
Er warf sich eine Hand voll Wasser ins Gesicht, was ihn gleich mehr aufweckte. Beim Anblick seiner Haut, die am Ende der Ferien noch recht blass war, dachte er: „Na, ausreichend braun werde ich ja nie, das ist echt unfair.“
Simon war schlank und drahtig. Ganz der Sportler. Er warf sich ein zweites Mal Wasser ins Gesicht und kam langsam in die Gänge. Er putzte sich flink die Zähne und sprang unter die Dusche. Als er fertig war, suchte er sich ein weißes lässiges T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans heraus. Die Surfer Halskette, die er immer trug, holte er sich vom Nachttisch und damit war er bereit.
Der Weg zum Park war für ihn nur zehn Minuten mit dem Fahrrad, somit wäre er zu früh dort gewesen, wenn er sofort losgefahren wäre. Aber er konnte da auf die anderen warten. Das war besser, als bei dem Wetter länger drinnen zu bleiben.
Er legte seiner Tante einen Zettel hin und machte sich auf den Weg.
Er nahm die Pfade durch die Hinterhöfe seines Wohngebiets. Das war besser, als an der Hauptstraße Fahrrad zu fahren. Zwischen den ganzen Wohnblöcken gelangte die Sonne nie komplett bis auf den Boden. Als er das Viertel verließ und zum alten innerstädtischen Flugplatz kam, der mittlerweile als Park genutzt wurde, hellte sich alles merklich auf und er dachte: „Das wird nochmal ein wunderschöner Sommerferientag.“
Er fand eine einzelne Baumgruppe auf der weiten offenen Rasenfläche und wählte diesen Platz. Mangels Fahrradständer wurde sein altes Gefährt unter den Baum gelegt und er platzierte sich daneben in den Schatten. Er schloss die Augen und genoss einen Luftzug, der sehr erfrischend war.
„Hi Simon“, riss ihn nach Kurzem eine hohe Stimme aus seinen Gedanken. Er machte die Augen wegen der Sonne langsam auf. „Ah Marie, hi, wie geht’s?“
„Gut“, antwortete Marie. „Ist sonst keiner da?“, fragte sie.
Simon antwortete mit einem verschmitzten Lächeln. „Na du bist wie immer pünktlich wie die Maurer.“ Und mit einem kurzen Blick auf die Handyuhr ergänzte er: „Dreiviertel eins, du kennst die andern. Maximal von Ben könnte man erwarten, dass er bis ein Uhr hier ist. Aber die beiden Turteltäubchen wären in einer halben Stunde noch pünktlich für ihre Verhältnisse. Ich weiß nicht, wer von den beiden länger für seine Haare braucht.“
„Ah, stimmt“, murmelte Marie und lächelte verlegen. Sie hatte eine eigene Decke dabei, die sie auf dem Boden ausbreitete und sich draufsetzte. Marie trug ein unauffälliges beigefarbenes Kleid. Es war knielang mit kurzen Ärmeln. Sie saß still auf ihrer Decke und schaute über die weite Grasfläche des Parks.
„Bist du hergelaufen?“, fragte Simon. „Ja, ich war noch in der Bibliothek und die liegt auf halbem Weg.“
„Hast du was Interessantes zum Lesen gefunden?“, fragte er weiter.
„Ach, ich habe schonmal was wegen der Schule für nächste Woche geschaut. In Geschichte kommen nach den Ferien die Napoleonischen Kriege dran“, antwortete Marie verlegen.
Simon ließ sich grinsend zurück ins Gras fallen. „Ach Mariechen, du bist unverbesserlich. Noch sind Ferien. Genieß das, solange du kannst.“
Da kam Ben um die Ecke auf die beiden zu und winkte fröhlich. „Hi Leute, da seid ihr ja. Seid ihr schon lange da?“, fragte Ben.
„Ich bin erst gekommen“, antwortete Marie. „Simon faulenzt hier schon eine Weile im Gras rum.“ Marie wirkte gleich auffällig lebendiger, seit Ben da war.
„Puh, ist das heiß heute“, stöhnte Marie und rutschte an den Rand ihrer Decke, um Platz zu machen. „Hier Ben, da ist Platz für dich, wenn du magst.“
„Danke“, antwortete Ben und setzte sich neben Marie. Er schnaufte und setzte sein Basecap ab, um sich damit Luft zuzufächeln. „Dafür habe ich auch was, um dir bei der Hitze zu helfen. Warte“, sagte Ben und kramte in seinem Rucksack. „Meine Mum hat mir die kleine Kühltasche eingepackt, mit Eis drin. Du magst doch Erdbeere oder Marie?“
„Ja super“, freute sie sich und lächelte Ben glücklich an. Er gab es ihr und nahm sich selbst ein Schokoeis.
„Und was ist mit mir?“, fragte Simon gespielt beleidigt. „Was kann ich dir bieten für ein kühles Eis? Eine Decke habe ich leider nicht und eine Frau bin ich leider auch nicht“, lachte er. Ben schaute Marie verlegen an und auch sie errötete und schaute zur Seite. Da antwortete Ben eilig: „Ach, schon gut, du bekommst auch eins. Was magst du?“
„Schoko bitte. Danke schön“, antwortete er.
Simon hatte recht gehabt, was die andern beiden Freunde anging. Sie verspäteten sich fürchterlich. Ben, Marie und er hatten längst ihr Eis aufgegessen, bis Lukas und Tamara da waren.
Als sie ankamen, sahen sie wieder aus, als ob sie schick zum Essen ausgehen wollten, anstatt Eis auf einer Wiese sitzend zu schlecken.
Simon begrüßte sie, wie üblich, ohne sich einen Seitenhieb zu verkneifen: „Na ihr zwei, die Haare sitzen gut. Hoffentlich bleibt das, bis ihr nachher zu dem Empfang kommt, oder sind die Sachen eher was für das Theater?“
„Ach Simon, du verstehst das nicht“, gab Tamara schnippisch zurück. „Nicht jeder hat das Bedürfnis, wie ein mittelloser Surferboy auszusehen.“
„Na los, setzt euch. Habt ihr eine Decke dabei?“, fragte Ben. Das hatten sie, breiteten diese neben den anderen aus und setzten sich.
Nachdem die beiden Neuankömmlinge ihr Eis von Ben erhalten hatten, unterbrach Marie nach einem Moment das Schweigen. „Mich brennt es, die ganze Zeit zu fragen. Wie habt ihr die Nacht geschlafen?“
Tamara antwortete kurz angebunden: „Ging schon. Eigentlich ganz gut.“ Marie schaute sie an und sah die übermäßige Schminke um die Augen, die nur schwer die müden Augenränder verdeckte. Aber sie sagte nichts.
Lukas hingegen gab ausweichend zu, dass es nicht so gut bei ihm gewesen war. „Mein Schlaf war eher aufgewühlt, aber ich erinnere mich an nichts Konkretes, falls ich geträumt habe.“
Ben sagte: „Ich habe leider nicht geträumt. Nicht von den anderen und auch sonst nichts.“
Darauf erwiderte Marie: „Sei froh. Ich weiß, du hättest sie gern wiedergesehen, ich hatte schlimme Alpträume. Nicht direkt von denen. Ich wurde im Traum permanent verfolgt. Ich habe nur nie gesehen, wer oder was es war. Es waren düstere Schatten und ich bin die ganze Zeit panisch geflohen. Ich kam kaum vom Fleck und die Schatten kamen dauernd näher. Bis ich letztendlich schweißgebadet aufgewacht bin.“ Sie erschauerte bei der Erinnerung. „Und bei dir Simon?“, fragte sie.
Er zögerte mit der Antwort und sagte dann: „Bei mir war es ganz eigenartig. Ihr kennt ja die Geschichte von meinen Eltern?“ Alle nickten verlegen.
„In letzter Zeit habe ich kaum damit Probleme gehabt und erst recht keine Alpträume mehr wie in der ersten Zeit. Doch gestern habe ich wieder furchtbar lebendig davon geträumt. Beinahe real hat es gewirkt. Mehr als sonst im Traum. Aber nicht nur das. Die Schatten und die komischen Stimmen kamen darin vor.“
Simon erzählte den anderen vier seinen Traum im Detail und seine Überlegungen, was das zu bedeuten gehabt haben könnte. Doch alle waren sich einig, dass das eine Kombination der Erlebnisse vom Vortag gewesen war, was ihm in der Nacht einen Streich gespielt hatte.
Simon lehnte sich wieder zurück ins Gras und hing seinen Gedanken nach. „Es ist zu verlockend für mein Unterbewusstsein, sich einzureden, Mum und Dad leben in einer anderen verrückten Parallelwelt und warten dort auf mich. Das ist klassische Verdrängung und eindeutig Unsinn.“
Kapitel 3 – Schützender Glaube
– 1 –
Gegen siebzehn Uhr an diesem Mittwoch, in der letzten Ferienwoche des Sommers, hatten die fünf Freunde endgültig genug Sonne. Bens Eis war alle und es war unerträglich heiß. Sie räumten ihr Zeug zusammen und machten sich auf den Weg. Simon schwang sich auf sein Rad und sagte: „Also dann macht’s gut, Leute. Wir sehen uns die Tage. Ein Tick Ferien haben wir ja noch.“ Lukas und Tamara putzten sich mit den Händen gründlich Reste vom Gras von den Kleidern und spazierten zum Bus.
An der Haltestelle schaute Lukas auf den Fahrplan und sagte: „Mist, knapp verpasst, aber der nächste kommt in 10 Minuten.“
Tamara antwortete: „Gut, lass uns im Schatten sitzen beim Warten.“ Als sie auf der Bank waren, fragte sie ihn: „Du hast vorhin wieder extrem geschafft ausgesehen und ich denke nicht, dass das an dem schlechten Schlaf lag, von dem du erzählt hast. Was war los daheim?“
Lukas seufzte: „Ach, Dad hat wieder Probleme auf Arbeit. Und du weißt ja, dass es speziell dann am schlimmsten mit den beiden ist.“
„Deine Mum hat sich auch wieder von ihm mitreißen lassen?“, fragte Tamara.
„Ja, in den meisten Fällen wirkt es, als ob sie selbst an dem religiösen Erlösungsgerede von Dad zweifelt. Aber sobald er loslegt, verfliegt das wie Nebel im Wind. Dad ist so überzeugt, dass ausschließlich der Herr über uns wacht und unser Schicksal in Händen hält, dass er nicht erkennt, was sein eigenes Handeln für Auswirkungen auf die Personen in seiner Umgebung hat.“
„Er ist dein Vater, verdammt. Er ist mindestens genauso verantwortlich für dein Wohlergehen wie Gott. Aber was sag ich dir das. Du weißt ja, wie es bei mir daheim aussieht.“
Lukas nahm sie in den Arm und sagte: „Ja, das weiß ich, aber so ist es ja nicht jeden Tag und wir haben uns. Die können uns mal mit ihrem Fanatismus. Du zeigst mir, wie schön das Leben sein kann.“
So saßen sie die restlichen Minuten, bis der Bus kam, Arm in Arm beisammen.
Tamara stieg zwei Haltestellen vor Lukas aus. Sie küsste ihn zum Abschied und verließ den Bus. Als dieser losfuhr, schaute Lukas ihr gedankenverloren nach.
Er wohnte mit seinen Eltern in einem Altbau, direkt an der Haltstelle. Sein Viertel war deutlich grüner und idyllischer als die seiner Freunde.
Oben an der Wohnungstür empfing ihn seine Mutter. Martha Pfeiffer war eine dürre Frau mittleren Alters mit streng nach hinten gebundenen Haaren und einem langen hochgeschlossenen Kleid. Darüber trug sie eine Schürze mit der Aufschrift „Gott schütze dieses Heim“.
Resolut schaute sie auf ihren Sohn und sagte: „Das Essen ist so gut wie fertig, wo warst du so lange?“ Dann huschte aber doch ein schmales Lächeln über ihr Gesicht. „Na los, komm rein und zieh dich flink für das Essen um. Dein Vater ist noch in seinem Büro. Rasch, ab in dein Zimmer.“
Lukas beeilte sich und war kurze Zeit später bereit am Esstisch, als die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters aufging.
„Was denken die sich?“, schimpfte er, als er herauskam. „Wie können die es wagen, uns ihre finanzielle Unterstützung zu entziehen? Speziell in schlechten Zeiten müssen die Kirche und der Glaube stark sein. Und wir unterstützen sie dabei rechtlich gegen all jene ketzerischen Arschlöcher, die das zerstören. Gott ist auch allzeit für uns da und unterstützt uns, egal wie die Zeiten stehen.“
Christian Pfeiffer war Partner in einer Anwaltskanzlei für Kirchenrecht. Glühend verteidigte er die Kirche vor Gericht. Leider war die wirtschaftliche Lage herausfordernd. Aus diesem Grund sprangen vermehrt die finanziellen Unterstützer ab.
„Du hast ja Recht, nichtsdestotrotz hört der Herr solche Wortwahl auch nicht gern“, sagte Martha. „Komm jetzt. Essen ist fertig. Wir warten.“
Christian brummte zustimmend und nickte. „Wenn ich mich aufrege, lasse ich mich zu deren Sprache hinreißen. Du weißt ja, die Sprache deiner komischen Freunde Lukas. Speziell dieser Simon hat ein Schandmaul. Das kommt alles von dieser verkommenen Rockmusik, die der andauernd hört“, schimpfte er weiter. „Wo wir schon dabei sind. Wo warst du den ganzen Tag? Wieder mit denen unterwegs, oder?“
„Ja Dad, aber wir haben bei dem Wetter nur im Park gesessen“, antwortete Lukas, ohne seinen Vater anzusehen. „In der Kirche ist es zu jeder Jahreszeit kühl, im Sommer wie im Winter“, konterte Christian. „Oder ihr könntet die Ferien sinnvoll nutzen und etwas für das Allgemeinwohl tun.“
Martha versuchte, das Ganze zu beruhigen, und sagte: „Na, setz dich erst mal und wir essen.“ Sie füllte die Speisen auf und Lukas wünschte: „Guten Appetit.“ Doch das reichte seinem Vater natürlich nicht. „Nichts da, sag das Tischgebet für uns Sohn.“ Lukas tat das anstandslos wie befohlen. Diskutieren brachte dabei schon nichts, wenn er gute Laune hatte.
– 2 –
In der folgenden Ruhe, während alle still ihr Essen zu sich nahmen, hörte man gedämpft das Küchenradio vom Tresen. Die Nachrichten liefen gerade. „Und nun zu den Lokalnews“, sagte der Moderator. „Leider ist es heute auf dem Rockfestival in der Arena am Flughafen zu einer Tragödie gekommen. Eine größere Metallkonstruktion am Rand der Bühne ist aus noch ungeklärter Ursache zusammengekracht und auf die Zuschauer in vorderster Reihe gestürzt. Zum Glück wurde niemand getötet, jedoch gab es drei Schwer- und sechs Leichtverletzte. Das Konzert wurde umgehend abgebrochen.“
„Na da siehst du es, Lukas. Das ist die gerechte göttliche Strafe für diese Sünder. Das ist es, was man erhält für einen ungläubigen Lebensweg, wie der von deinem Freund Simon.“
Für gewöhnlich schaffte es Lukas, es zu ignorieren und wegzuhören, wenn sein Vater sprach, aber immer, wenn er von seinen Freunden sprach, kochte es in ihm hoch. Sein Kopf lief rot an und schließlich entglitt ihm seine Beherrschung. Wider besseres Wissen widersprach er seinem Vater: „Ich dachte, Gott ist gnädig und beschützt die Menschen. Ist das nicht seine Aufgabe?“
„Seine Aufgabe?“, stieß sein Vater entsetzt hervor. „Er hat keine Aufgaben. Er ist allmächtig und er beschützt dich nur, wenn du dich an seine Regeln hältst und ehrfürchtig sowie fromm durchs Leben gehst. Bist du aber ein Sünder und führst ein verlottertes Leben, ohne dafür Buße zu tun oder zu Gott zu beten, dann bestraft er dich dafür mit all seiner Macht. Und er tut recht daran.“
Lukas antwortete kleinlaut: „Wenn jemand das Gesetz bricht und zum Beispiel jemand anderem Schaden zufügt, soll er das machen. Das verstehe ich vollkommen. Aber Tod und Verletzung dafür, dass man Rockmusik hört. Das ist in meinen Augen maßlos übertrieben.“
Da platzte seinem Vater erwartungsgemäß der Kragen. „Da haben wir es. Der Einfluss deiner Freunde ist ja schlimmer, als ich dachte. Morgen bewegst du deinen winzigen Hintern in die Kirche, mein Sohn und keinerlei Widerrede. Ich lasse es nicht zu, dass du deine Seele verdammst. Und jetzt gehst du sofort auf dein Zimmer. Kein Computer oder Fernsehen da oben. Lies lieber was Ordentliches. Nach diesen Äußerungen wäre die Bibel angebracht.“
Wortlos stand Lukas auf und verließ die Küche. Er hielt es sowieso nicht länger mit seinem Vater in einem Raum aus. Ihm war klar, wenn er weiter diskutiert hätte, hätte das wie gestern geendet und sein Vater würde sich vollständig vergessen. Da hatte er sich dafür eine Ohrfeige eingefangen, die sich gewaschen hatte, und das hatte er nun nicht erneut vor.
Lukas stürmte in sein Zimmer nach oben. Die Wohnung, in der er aufgewachsen war, war äußerst geräumig und erstreckte sich über zwei Stockwerke des gepflegten Altbaus. Die Deckenhöhe war gewaltig in allen Zimmern und reich mit Stuck verziert. Sein Zimmer war hochwertig eingerichtet, aber nicht übermäßig prunkvoll wie der Rest der Wohnung.
Sein Vater war gut als Anwalt und er hätte es sehr weit gebracht, in einer normalen Kanzlei. Aber er hatte den Weg des Dienstes an Gott gewählt und war anscheinend der Einzige in seiner Kanzlei, der das selbstlos auf sich nahm. Nie hätte er eine Entscheidung für seinen eigenen Gewinn getroffen und wenn ausnahmsweise mehr raussprang, steckte er das in ein weiteres Kirchenprojekt.
Darüber beschwerte sich Lukas nicht. Seine Familie hatte ein gutes Einkommen und es fehlte ihnen an nichts. Jedoch dieser unbändige Hass seines Vaters gegenüber allen, die er als Ungläubige ansah, war es, was ihn stets zur Verzweiflung brachte.
„Sicher erhält Gott keine Aufgaben. Von wem auch? Nennen wir es simpel Verpflichtung gegenüber seiner Schöpfung. Dieselbe, die Eltern gegenüber ‚ihrer Schöpfung‘, ihren Kinder, haben.“
– 3 –
Am nächsten Tag machte sich Lukas keine Illusionen, dass sein Vater das mit der Strafe vergessen hatte. Der Kirchenbesuch war in Christians Augen logischerweise niemals eine Strafe.
Alle drei zogen sich passend an, um zusammen in die Kirche zu gehen. Bereits bei der Kleidung fing die Gottesgefälligkeit an, wie sie Lukas’ Vater verstand. Ein ausgeleiertes T-Shirt oder gar eine Jogginghose wäre ihm niemals in den Sinn gekommen und so erzog er seinen Sohn. Lukas dachte: „Komisch, dass ich mit Tamara kleidungsmäßig auf einer Wellenlänge liege, aber aus gegensätzlichen Gründen. Ich werde nahezu gezwungen und sie trägt es aus Trotz, um sich von ihren Eltern abzusetzen, die in den meisten Belangen das krasse Gegenteil meiner Eltern sind. Bis auf den Hass auf die, die anders sind. Tamara war stets selbstbewusster als ich und widersetzt sich ihren Eltern häufiger. Leider mit dem erwartbaren Ergebnis.“
Die Kirche lag nicht weit entfernt und darum liefen sie das Stück zu Fuß. „Musst du denn heute nicht arbeiten Dad?“, fragte Lukas.
„Ich werde später arbeiten, aber das ist heute von größerer Bedeutung. Außerdem, ist es Teil meiner Arbeit, Gott und seinen Schäfchen zu helfen. Speziell wenn sie, wie du mein Sohn, vom Weg abgekommen sind.“
Christian arbeitete oftmals von zu Haus in seinem Arbeitszimmer und hatte die Möglichkeit, sich seine Zeit frei einzuteilen.
Martha war von Beruf Hausfrau. Dennoch unterstützte sie ihren Mann bei diversen Aufgaben.
Nachdem die Familie Pfeiffer ihr Haus verlassen hatte, folgten sie der kurzen Allee-artigen Straße, in der sie wohnten. Nach ein paar hundert Metern trafen sie auf die Hauptstraße und man fühlte sich direkt wie in einer anderen Welt. Keine Bäume boten Schutz vor der heißen blendenden Sommersonne und die Menschenmassen drängten sich auf dem breiten Gehweg. An der Kreuzung hupten die Autos, weil irgendwer nicht rasch genug abgebogen war oder Ähnliches. Alles und jeder wirkte übertrieben hektisch.
Ein Stück weiter ihres Weges hatte sich eine größere Menschenmenge versammelt. Zwei Männer schienen aus unbekanntem Grund in Streit geraten zu sein, was diverse Schaulustige auf den Plan rief. Natürlich dachte niemand daran, die beiden Streithähne zu trennen. Im Gegenteil, viele von ihnen hatten ihr Handy gezückt und filmten das Geschehen eifrig.
Die Ansammlung versperrte den ganzen Gehweg. Uninteressierte Passanten quetschten sich am Rand vorbei. Eine Frau mit Kinderwagen stand verzweifelt daneben und wusste nicht, wie sie weiterkommen sollte.
Als sich die Pfeiffers näherten, erregte das Geschehen Christians Aufmerksamkeit. „Hey ihr da, was soll dieses Verhalten? Beherrscht euch doch!“, fuhr er die beiden von außerhalb der Menschenmenge an.
Christian hatte mit seinen ein Meter neunzig eine massive, Eindruck erregende Statur. Er stürmte in die Menge und zerrte die beiden Streitenden auseinander. Er schrie sie an: „Wollt ihr wohl aufhören? Habt ihr denn keine Selbstachtung, euch hier als erwachsene Männer auf der Straße zu prügeln?
Gott sieht das nicht gern. Habt ihr vor eure Seele für irgendwelche kindischen Kleinigkeiten zu verdammen?“, fragte er sie mit tadelndem Tonfall. „Jetzt übt euch in Reue und Vergebung. Betet zu Gott, dass er euch diese Entgleisung verzeiht.“
Da kicherten einige der Umstehenden verhalten und viele filmten weiter mit ihren Handykameras. Christian realisierte dabei erst wieder, dass er die Menschenmenge um sich hatte. Dutzende Augenpaare beobachteten ihn interessiert. Das brachte ihn nur noch mehr zur Weißglut und er schaute die Schaulustigen mit böse funkelnden Augen an.
Lukas beobachtete das Geschehen mit steigendem Unbehagen und schämte sich wie üblich für seinen Dad. Er bemerkte, wie ein spürbarer Luftzug kühl durch die Menschenmenge fuhr und das blendende Licht langsam verschwand. Christian schaute die Reihen der umstehenden Gesichter an, über die nun Schatten wanderten.
Er schimpfte in deren Richtung: „Und ihr? Was ist eure Ausrede? Ihr steht hier und gafft auf diese Sünder und ergötzt euch an deren Frevel. Was macht das mit eurer unsterblichen Seele? Was hält Gott wohl von diesem Unsinn? Und darüber hinaus mit dem Handy draufhalten. Ihr macht mich krank. Alle miteinander.“ Er spuckte vor den Leuten auf den Boden, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen.
– 4 –
Auf der Straße war der Verkehr abgeflaut und Lukas bemerkte, wie die Frau mit dem Kinderwagen ihr Glück versuchte, um an der Ansammlung vorbeizukommen. Sie quetschte sich halb auf der Straße vorbei. Ein stärkerer Windzug zerrte am Wagen, als hätte er vorgehabt sie am Weiterkommen zu hindern. Die Schatten verdichteten sich und schienen sich unnatürlich zu bewegen.
Christian hielt weiter die Streitenden gepackt und fuhr in seiner Rage fort: „Keiner von euch kommt auf die Idee seinen Mund aufzumachen und dem Unsinn Einhalt zu gebieten. Wenn ihr zu feige seid, geht weiter und starrt hier nicht in der Gegend umher!“
Da antwortete ihm ein vorwitziger junger Mann aus der Menge: „Ihre Tirade ist viel zu gut, um die zu verpassen. Das bringt wunderbare Klickzahlen im Social Media. Kommen Sie, lächeln Sie für die Fans.“ Er hielt sein Handy dichter an das Geschehen.
Da ließ Christian schlagartig die beiden Streitenden los und sprang nach vorn auf den Kerl zu. Alle Umstehenden waren überrascht von dieser flinken Bewegung und drängten weiter auseinander. Christian packte den Burschen am Kragen und schlug ihm mit der anderen Hand das Handy weg. „Sie halten sich wohl für besonders witzig was? Ihnen werde ich zeigen, was es heißt, sich über mich lustig zu machen, während ich hier gottesfürchtig des Herrn Arbeit erledige.“
Lukas dachte: „Nein Dad, tu es nicht. Lass ihn einfach los.“
Doch Christian stieß den Mann von sich, in Richtung der Menschen, die sich am dichtesten an der Hauptstraße drängten. Hinter dem Taumelnden sah Lukas einen enormen Schatten, der aber eine physischere Form angenommen hatte, wie man es von einem Schatten gewohnt ist. Im Fallen durchbrach und verwirbelte er ihn wie einen Nebelschleier.
Erschreckt flüchteten die Menschen, auf die er zufiel, nach hinten auf die Straße zu. Einer aus der hintersten Reihe stolperte am Bordstein und stieß heftig gegen den Kinderwagen der Frau, die dort vorbeidrängte.
Auf der Hauptstraße fuhr ein LKW der städtischen Müllabfuhr. Der Fahrer hörte dröhnend Musik und war unaufmerksam. Er hatte seine Schicht beendet und war auf dem Weg zurück ins Depot. Da kreisten seine Gedanken hauptsächlich um das Feierabendbier, das er sich gleich genehmigen würde.



