- -
- 100%
- +
Lukas sah das Unheil kommen und versuchte zu rufen. Doch die Luft war ihm wie abgeschnürt, und alles wurde konstant düsterer. Die Welt schien sich, wie in Zeitlupe, um ihn zu bewegen. Auf einmal war da Licht. Um die Frau und ihren Kinderwagen herum schienen die Schatten urplötzlich zu leuchten. Filigrane, blaue, geschwungene Linien schienen sichtbar auf ihnen. Sie wurden so grell, dass sie Lukas blendeten.
Dann ertönte in seinem Kopf eine wunderschöne, sanfte, unwirkliche Melodie und alle Schatten bewegten sich mit einem heftigen Ruck.
Die Frau mit Kinderwagen wurde durch eine unnatürlichen Luftstoß zurück Richtung Bordstein geschoben. Sie fiel dabei auf die Seite und verlor eine ihrer Sandalen, die auf der Straße zurückblieb. Der Kinderwagen kam jedoch aufrecht und in Sicherheit auf dem Gehweg zum Stehen.
Lukas traute seinen Augen kaum. Er hatte aber keine Zeit, sich lange zu wundern. Die Schatten verschwanden, so unvermittelt wie sie gekommen waren und mit ihnen das blaue Licht. Die Welt um ihn herum beschleunigte wieder auf das normale Tempo und mit einem Schlag entspannte sich der Druck auf seiner Brust und er atmete schwer aus.
Der Müllwagen auf der Hauptstraße rauschte heran und brauste an der Szene vorbei. Dabei rollte er über die einzelne Sandale auf der Straße und zerfetzte sie. Der Fahrer sang weiter das Lied aus dem Radio, ohne zu merken, was beinahe passiert wäre.
„Woah, was war denn das?“, fragte Lukas mit weit aufgerissenen Augen. Aber keiner hörte ihn. Alle hatten ausschließlich Augen für die Frau, die da neben ihrem Kinderwagen auf dem Gehweg lag. Wieder gafften sie hemmungslos, ohne sich zu bewegen.
Christian jedoch löste sich aus dem Schreck und stieß die Anderen beiseite. Er ging auf die Frau zu und sagte zu ihr: „Geht es Ihnen gut? Haben Sie sich verletzt? Lady, hören Sie mich?“ Sie drehte ihm den Kopf zu und der Schock war deutlich in ihren Augen zu erkennen. Christian verkündete: „Sie sind gesegnet. Gott wacht über Sie und Ihr Kind. Er hat Sie vor einem enormen Unheil bewahrt. Beten Sie und danken ihm für diese Gnade.“
Die Frau schaute verwirrt und sagte: „Was? Keine Ahnung was Sie wollen, aber Danke für Ihr Mitgefühl. Es geht schon wieder. Das war nur der Schreck. Würden Sie so freundlich sein und mir aufhelfen?“
Christian antwortete: „Aber selbstverständlich Madam. Kommen Sie und nehmen Sie meine Hand.“
Während er ihr aufhalf, fiel der Schock langsam von den Passanten ab und alle redeten aufgebracht durcheinander. Einer verkündete in Richtung der Frau: „Ein Schutzengel. Mann, das war mehr als Glück. Ihr Schutzengel hat heute Überstunden geschoben. Wahnsinn.“
Als sie wieder aufrecht stand, schaute sie zuerst nach ihrem Baby. Aber den Kleinen schienen der Ruck und der aufbrandende Trubel nicht gestört gehabt zu haben. Er döste friedlich weiter. Erleichtert wendete sie sich wieder Christian zu. „Ich weiß nicht, es fühlte sich wie eine starke Windböe an, die mich umgehauen hat. Es war also schieres unfassbares Glück.“
„Pah, Glück. Das reden sich alle ein. Es gibt kein Glück. Gott hat Ihnen die Hand gereicht und Ihr Leben bewahrt. Seien Sie ihm dankbar dafür. Sie wollen doch nicht, dass er sich von Ihnen abwendet. Beim nächsten Vorfall geht es nicht mehr so glimpflich für Sie aus.“
Sie trat einen Schritt von ihm zurück. „Mein Herr, erneut vielen Dank für Ihre Hilfe. Ihren Glauben möchte ich Ihnen nicht nehmen, aber bitte lassen Sie mir meinen. Dann reden wir auch nicht darüber, inwiefern Sie an der Situation mit Ihrem rüden Verhalten Anteil hatten. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“
Die Frau erfasste wieder den Griff ihres Kinderwagens und schob diesen auf dem Gehweg weiter von der Straße weg. Die umstehenden Schaulustigen räumten ihr bereitwillig den Platz und sie war verschwunden.
Christian schaute in die zahllosen Gesichter, die ihn anstarrten. „Hört endlich auf zu gaffen. Es gibt nichts mehr zu sehen. Ich habe hier nur geholfen, was keiner von euch behaupten kann. Für euch würde Gott niemals solch ein Wunder vollbringen wie für diese Frau. Sie wird das schon irgendwann einsehen.“
An seine Familie gewandt rief er: „Martha, Lukas, kommt, wir gehen jetzt.“
Sie hatten ein paar Meter zwischen sich und die sich langsam auflösende, Menschenmenge gebracht, da konnte Lukas nicht mehr an sich halten und fragte: „Mum, Dad, habt ihr auch die Schatten gesehen und das komische blaue Licht?“
Seine Mutter antwortete: „Was? Wovon redest du denn Lukas?“
„Na die ganzen Schatten, die auf die Frau in Gefahr zustürmten und sie von der Straße schubsten, als die Musik losging?“
Sein Vater schaute ihn verwundert an. „Was soll dieser Unsinn? Gott hat sie gerettet. Sagst du da, du hast Gott gesehen, mein Sohn?“
Lukas schüttelte den Kopf. „Nein, also ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Das Wort des Passanten finde ich passender. Schutzengel. So würde ich es nennen. Was es auch war, es hat sie gerettet. Mum, was hast du gesehen?“
„Nun, der Wind hat aufgefrischt und ihr buntes Kleid blähte sich stark um sie herum auf. Das hat sie, wie es scheint, zur Seite umgeworfen“, antwortete Martha, wirkte dabei jedoch unsicher. „Natürlichen Ursprungs sah es nicht aus. Das gebe ich zu. Das war wohl wirklich eine göttliche Intervention. Preiset den Herrn.“
– 5 –
Als sie endlich in der Kirche ankamen, hatten sie sich alle drei wieder beruhigt. Nur Lukas verblieb gedankenversunken. Er grübelte darüber nach, was das vorhin zu bedeuten hatte und warum niemand anderes gesehen hat, was er gesehen hat. Vor allem dachte er, was das mit dem Erlebnis im Wald vor zwei Tagen zu tun gehabt hat. Ständig schwirrte ihm dieser Gedankengang im Kopf herum: „Halluzinieren wir jetzt alle? Simon in seinem Traum und nun ich. Oder steckt da mehr dahinter und dieses Paradell gibt es tatsächlich?“
Er kam zu keinem richtigen Schluss und beließ es bei dem Vorsatz, mit seinen Freunden darüber zu sprechen. Leider waren sie erst am Samstag wieder alle beisammen. Morgen musste er shoppen gehen. Ihm fehlte weiterhin eine Idee, was er Ben zu seinem Geburtstag am Samstag mitbringen sollte.
Am folgenden Tag stand Lukas erst gegen zehn Uhr auf. Er hatte bereits eine Stunde vorher seine Zimmertür einen Spalt weit geöffnet, um zu hören, was unten vor sich ging. Doch da waren seine Eltern in der Küche zu Gange gewesen. Er dachte sich: „Lieber warte ich. Dad verschwindet gleich ins Arbeitszimmer und Mum zum Einkaufen. Der gestrige Tag reicht mir vorerst an ‚schöner‘ Familienzeit.“
Er ließ die Tür angelehnt und legte sich nochmal hin. Er griff nach dem Handy und schrieb Tamara:
@Lukas> Guten Morgen Schatz, bist du schon wach?
Die Antwort folgte prompt.
@Tamara> Ja, wir haben gerade gefrühstückt. Und du?
@Lukas> Ach ich lieg ein bisschen rum und warte, dass Dad arbeiten geht. Dann kann ich in Ruhe frühstücken.
@Tamara> Ich verstehe. Den Trick nutze ich auch oft ;-).
@Lukas> Ich werde nachher ins Shoppingcenter gehen und für Ben ein Geschenk suchen. Kommst du mit?
@Tamara> Na klar. Super Idee ich brauche eh ein paar Schuhe, die ich am Samstag tragen werde.
Sie verabredeten sich zu zwölf Uhr und Lukas hing seinen Gedanken an den letzten Tag nach. Um zehn Uhr hörte er von unten seinen Vater sagen: „Dann mal frisch ans Werk. Nach dem Zeichen gestern bin ich wieder zuversichtlicher, dass ich die wackeligen Geldgeber heute auf Linie bekomme. Lass uns auf Gott vertrauen, Martha, dann schaffen wir es. Denk bitte beim Einkauf an meine Baldriantropfen, die brauche ich dringend.“
„Na klar Christian, ich bin dann unterwegs. In Gedanken und im Gebet bin ich jederzeit bei dir. Du schaffst das.“
Das war das Zeichen für Lukas aufzustehen. Er aß ein paar Toasts und trank Orangensaft, wobei er die Ruhe des Hauses genoss.
Um zwölf Uhr war er pünktlich im Einkaufscenter und wartete auf Tamara. Er setzte sich in das Eiscafé am Eingang und schrieb im Handy:
@Lukas> Hi Schatz, ich sitze vorn beim Italiener, am Tisch in der Ecke.
@Tamara> Okay, ich bin gleich da.
Lukas beobachtete die Menge, die hektisch im Einkaufscenter auf und ab strömte. Nach fünf Minuten entdeckte er im hereinkommenden Menschenstrom seine Freundin. Es machte ihn glücklich, dass das wie zu Beginn ihrer Beziehung einen kurzen Satz in seiner Herzfrequenz auslöste.
Tamara sah ihn, kam zu seinem Tisch und sagte mit einem Lächeln: „Na, du siehst aber zufrieden aus. Hast du etwas Schönes gesehen?“
„Nur das hübscheste Mädchen, das ich kenne“, antwortete er und schaute sie liebevoll an.
„Ach du …“, sagte sie und errötete.
Sie setzte sich zu ihm an den Tisch. Sie bestellten sich zusammen ein Spaghettieis. Als der Kellner mit der Bestellung weg war, sagte Lukas: „Du wirst es nicht glauben, was gestern passiert ist. Ich brenne schon die ganze Zeit darauf, es dir zu erzählen, aber das war nichts für das Telefon.“ Tamara schaute ihn mit einer Mischung aus Neugier und Verwunderung an. Dann erzählte er ihr im Detail die Ereignisse von gestern, wie er mit seinen Eltern auf dem Weg zur Kirche gewesen war.
„Was hältst du davon?“, fragte er, als er fertig war.
Einen Moment sagte Tamara erst einmal nichts. Dann ergriff sie seine Hand, die auf dem Tisch lag, sah ihn an und sagte: „Du weißt, wie ich zu diesem ganzen Paradellzeug stehe. Andererseits glaube ich dir und so langsam häufen sich die Vorfälle, sodass ich es nicht mehr schaffe zu ignorieren.“
„Ja, es ist zu surreal. Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll.“
Als das Eis kam, aßen sie es gemeinsam still und gedankenversunken. Nachdem der letzte Löffel verputzt war, lenkte Lukas das Thema in eine andere Richtung. „Also, Ben … was könnten wir ihm zum Geburtstag kaufen?“
Tamara sagte mit einem Zwinkern: „Ich kenne ihn nicht so lang wie du. Was zum Trainieren scheint mir angebracht.“
„Haha, ja du hast recht. Aber dennoch, sei nicht so fies zu ihm“, sagte er. Worauf sie mit seriöserer Miene sagte: „Okay, im Ernst. Ich habe gehört, dass er diese alten Kindergruseltaschenbücher liebt. Ich komme nicht auf den Titel der Reihe. Ich glaube, das ist ein weiteres, dieser Stevie-Andenken, an denen er hängt.“
„Das ist perfekt, Schatz, super Idee. Ich habe das Cover vor Augen und erinnere mich gut an sein Bücherregal. Wir finden im Buchladen sicher eins, was er noch nicht hat.“
Sie zahlten und machten sich auf den Weg. Im Gehen kam Lukas erneut auf die Vorkommnisse zu sprechen. „Weißt du? Wenn das Ganze nicht real ist, was ist es dann? Was löst bei uns fünf zusammen solche lebendigen Halluzinationen aus?“, fragte er und fuhr mit einem Gedanken fort, der ihn schon den ganzen Tag beschäftigte. „Wenn es real ist, kann ich das erst recht nicht einschätzen. Einerseits haben sie eventuell mit dem Verschwinden von Simons Eltern zu schaffen. Das wäre echt übel, obwohl wir nicht wissen, wie das ablief. Aber gestern wirkte es, als wären sie wie Schutzengel, die den Menschen helfen.“
Darauf sagte Tamara: „Wenn wir sie wirklich in dem Wald gesehen haben, wissen wir, sie sind auch nur aus Fleisch und Blut. Und von allem, was wir über uns Menschen wissen, gibt es dabei Licht und Schatten, mit jeder Menge Graustufen. Warum sollte es bei denen anders sein?“
„Dann hoffen wir, dass das Licht die Schatten überwiegt“, antwortete Lukas.
Kapitel 4 – Rückkehr
– 1 –
Samstagmorgen. Neun Uhr. Ben Lindner, der an diesem Tag fünfzehn Jahre alt geworden war, schlief tief und fest. Ein schwankender Lichtschimmer schien in seinem Zimmer. Das Aquarium in der Ecke leuchtete in der Nacht konstant und wenn die Fische an der Lampe vorbeischwammen, erzeugte das schaurige Schatten. Geräuschlos und gemächlich öffnete sich seine Zimmertür, aber niemand trat ein. Die Vorhänge an seinem Fenster wehten weit in den Raum durch den spärlichen Luftzug, der durch die offene Tür kam. Im Wind quietschte die Tür in den Angeln. Das Geräusch wirkte lauter durch die absolute Stille, die ansonsten herrschte.
Ben regte sich dadurch und aufgrund des Lichts, was durch den zur Seite gewehten Vorhang in das Zimmer strömte.
Plötzlich unterbrach ein Lied die Stille, das erst schwach ertönte und langsam an Kraft gewann.
Die Melodie weckte ihn endgültig und er schlug die Augen auf. Kurz war er noch etwas verwirrt, aber er erkannte die Melodie sofort und grinste über das ganze Gesicht.
In dem Moment wurde seine Zimmertür vollständig aufgestoßen und seine Eltern kamen herein. Sie sangen: „Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday lieber Ben, happy birthday to you.“
Seine Mum hielt ein winziges Törtchen mit einer Kerze in der Hand und lächelte ihn liebevoll an. Als das Lied aus dem Bluetooth-Lautsprecher zu Ende ging, sagte sie: „Alles, alles Liebe zu deinem Geburtstag mein Schatz. Wir wünschen die ganz viel Glück, Freude und Gesundheit im neuen Lebensjahr.“
Sein Vater schloss sich an: „Alles Gute. Ich hoffe, du hast heute einen wunderbaren Tag mein Sohn.“
Ben konnte kaum mehr grinsen, ohne schwere Gesichtslähmung zu riskieren. Er war übermäßig gerührt. „Danke, danke, vielen Dank, Mum und Dad. Das ist so lieb von euch.“
Seine Mum gab ihm das Törtchen und sagte: „So hier schon einmal eine kleine Kerze zum Üben und eine Kleinigkeit zum Naschen. Zum Frühstück gibt es dann die richtige Version.“
„Kann ich mir somit zweimal was wünschen?“, fragte Ben und lachte. „Du kannst es versuchen, aber du kannst auch einen ganz wichtigen Wunsch doppelt verstärken“, schlug sein Dad vor.
Ben nahm das Törtchen und dachte an die wenigen Bilder, an die er sich von Paradell erinnerte. Er pustete mit geschlossenen Augen und die Kerze erlosch.
Clara Lindner war eine kleine, etwas untersetzte Frau mit einem herzerwärmenden Lächeln. Sie sah aus, als würde sie in jeder Klischeewerbung für Backwaren die Hausfrau mit der Schürze spielen, die den frisch gebackenen duftenden Kuchen ins Fenster zum Abkühlen stellte.
Sie setzte sich neben ihren Sohn aufs Bett und nahm ihn in den Arm. „Mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen, mein Liebling.“
Ben biss behutsam in den Kuchen, um das Bett nicht vollzukrümeln, und das Lächeln wurde wieder breiter.
Bens Vater Thomas, ein mittelgroßer Mann mit runder Brille, dessen Haare bereits früh licht geworden waren, trat ans Bett und legte die Hand auf Bens Schulter. „Na dann mein Sohn, möchtest du weiterschlafen oder kommst du zum Frühstück?“ Ben antwortete mit einem Zwinkern. „Ich weiß nicht, lohnt es sich, das gemütliche Bett zu verlassen?“
„Hm, da steht ein Tisch mit komischen Kisten, die in allerlei grellbuntes Papier gewickelt sind. Ich habe keine Ahnung, was der Quatsch soll, aber wenn du dir das anschauen willst, müsstest du leider aus dem warmen Bett kommen“, sagte Thomas.
Da stand Ben schnell auf und sagte: „Na das weckt meine Neugier, wer hat sich denn da einen Scherz erlaubt und solch irres Zeug in unserer Wohnung platziert?“
Sie lachten alle drei vergnügt und gingen durch den Flur in das Esszimmer. Und tatsächlich, ein erheblicher Berg Geschenke war auf dem Esstisch aufgebaut worden und davor stand eine große leckere Torte mit viel Schokolade, auf der fünfzehn Kerzen brannten.
„Gut, jetzt hast du ja geübt. Nun mal los und alle auf einmal auspusten“, sagte Thomas zu seinem Sohn.
Ben trat an den Tisch und dachte wieder an Paradell. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Da erschien vor seinem inneren Auge ein Bild von Angrowin aus seiner Erinnerung. Er hielt kurz inne und dachte: „Wenn ich sie und ihre Welt nur noch einmal wiedersehen könnte.“ Da pustete er mit aller Kraft über die Kerzen und schaffte es, sie alle zu löschen.
Thomas und Clara klatschten erfreut und klopften ihrem Sohn auf die Schulter. „Gut gemacht Schatz, was auch immer du dir gewünscht hast, muss ja jetzt in Erfüllung gehen“, sagte seine Mutter.
Ben schaute sie an und sagte: „Na dann drücken wir die Daumen.“ Dabei dachte er: „Wenn du wüsstest, aber das würdest du mir sowieso nicht glauben.“
– 2 –
Als das Frühstück beendet war, ging Ben ins Bad und begann sich für die bevorstehende Feier vorzubereiten.
Seine Eltern hatten in der Bowlinghalle die einzelne, für private Feiern abgetrennte Bahn gemietet. Sie wurde für den Geburtstag bunt geschmückt. Vorher war es geplant, dass sich alle im zur Bowlinghalle gehörenden Restaurant zum Essen trafen.
Um elf Uhr, eine halbe Stunde vor der Abfahrt, stand Ben vor seinem Kleiderschrank. Er sah unschlüssig hinein. Dann griff er, mehr aus Reflex als mit einer wirklichen bewussten Entscheidung, zu seinem Lieblings-T-Shirt und den ausgeblichenen Jeans, die er immer in der Schule trug. Legte sie auf das Bett und schaute erneut in den Schrank. Im obersten Fach lag Stevies Basecap mit der Mickey Maus. Er griff danach und schaute es verträumt an.
„Nein heute nicht. Es tut mir leid Stevie, Simon hat recht. Heute bleibt die Mütze im Schrank“, sagte Ben in das leere Zimmer hinein. Er legte das Cappi zurück und stand selbstbewusster, mit voller Energie, vor dem Schrank und schaute in den Spiegel. „Langsam wird es Zeit, erwachsener zu werden, Ben“, sagte er zu seinem Spiegelbild und lächelte.
Er suchte nach dem Poloshirt, das er sich vor einem Monat mit seiner Mum ausgesucht hatte, was er bisher nie angezogen hatte. Als er es fand, nahm er noch die neue moderne Jeans dazu und zog beides an. Und tatsächlich. Er sah wieder in den Spiegel und war äußerst zufrieden, was er da sah. Er wirkte gleich zwei Jahre älter. Er zwinkerte seinem Spiegelbild zu. Im Augenwinkel sah er etwas hinter sich im Spiegel, als wäre da jemand in seinem Zimmer gewesen. Erschreckt drehte er sich um, aber da war niemand. Er war allein im Zimmer.
„Hallo?“, fragte er verunsichert. Doch es antwortete niemand. Ben schüttelte den Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen. Er schaute im Spiegel auf das darin sichtbare Aquarium. „Sicherlich nur die Bewegung der Fische“, versicherte er sich in Gedanken. Er verstaute die alten Sachen im Schrank und ging ins Bad. Dann legte er seine Brille zur Seite und kämmte sich die Haare. Sie waren stets zerzaust. An diesem Tag benutzte er jedoch Kamm und Haarwachs. Nachdem er seine Brille wieder aufhatte, fühlte er sich bereit für den Tag.
Er ging zu seinen Eltern ins Wohnzimmer. Als seine Mutter ihn bemerkte, weiteten sich ihre Augen vor Erstaunen. „Oh Schatz, du hast ja die neuen Sachen angezogen. Du siehst großartig aus.“ Sein Vater nickte anerkennend und sagte: „Na dann können wir ja los. Wann kommen denn die Winters?“
Die Familie Winter wohnte im Haus unter ihnen und Ben war von klein auf mit deren Sohn Franz befreundet gewesen. Er war auch zur Geburtstagsfeier eingeladen. Clara und Thomas hatten seine Eltern gefragt, ob sie mitkommen wollten. Dann hätten sie jemanden, mit dem sie den Nachmittag verbringen könnten, und würden die Kinder in Ruhe unter sich lassen.
Zwei Minuten später klingelte es und die Winters standen abfahrbereit vor der Tür, als Thomas sie öffnete. „Wo ist denn das Geburtstagskind?“, fragte Andreas, der Vater von Franz. „Da bin ich schon“, kam es aus der Wohnung und Ben trat neben seinen Vater. „Alles Gute zum Geburtstag Junge. Fünfzehn Jahre. Mann, euer Kleiner wird erwachsen, was Thomas?“
Lachend antwortete er: „Ja, man will es gar nicht wahrhaben, bis es so weit ist.“
Sie fuhren alle zur Bowlinghalle. Während sie auf den Parkplatz abbogen, sah Ben ein Mädchen, das mit einem bunten Päckchen in der Hand allein am Rand stand. Es war Marie. Als sie das Auto der Lindners erkannte, winkte sie ihnen zu.
Ben stieg aus und rannte zu ihr. „Hi Marie, schön dass du da bist. Wartest du schon lange?“
„Nein nein, nur ein paar Minuten. Alles Gute zum Geburtstag Ben“, sagte sie und lächelte ihn an. Dann schaute sie verlegen auf ihre Füße und sah dabei das Geschenk an, das sie in der Hand hielt. „Ah ja, ich habe dir auch etwas mitgebracht. Ist nur eine Kleinigkeit. Aber ich habe es selbst gemacht.“ Ihre Gesichtsfarbe verschob sich deutlich in Richtung rot und sie drückte Ben das Päckchen in die Hand. „Vielen Dank Marie“, sagte Ben und stand unbeholfen da. Dann umarmte er sie doch noch kurz und sie gingen gemeinsam rein.
Drinnen war es ruhig, da mittags nicht viele Bowler in der Halle waren. Momentan interessierten sie sich aber noch nicht für die Bowlingbahnen. Sie gingen an ihnen vorbei zu dem Restaurant am anderen Ende der Halle.
„Hallo Miss, Ben Lindner, wir haben einen Tisch reserviert“, sprach Ben eine Kellnerin an. Sie drehte sich um und erkannte ihn. „Oh hallo, du musst das Geburtstagskind sein. Alles Gute. Kommt, euer Tisch ist der da hinten in der Ecke.“
Ben und Marie setzten sich und die anderen kamen kurz darauf dazu. „Nun Marie, dann schauen wir doch mal, was ich da von dir bekommen habe“, sagte Ben. Er packte das Geschenk behutsam aus und achtete darauf, das Papier nicht zu zerreißen.
„Ein Buch“, sagte Ben, unsicher was er davon halten sollte. „Memories steht darauf. Was ist das?“
Marie, gleich wieder mehr rot im Gesicht, antwortete: „Na Erinnerungen. Ich habe ein Album gemacht, das alle Bilder enthält, die ich von uns finden konnte. Also von Simon, Lukas, dir und mir. Ach ja und von Tamara auf den letzten Seiten auch. Da sind all unsere Erlebnisse aus den letzten Jahren drin. Es ist also eine Art Freundschaftsbuch.“
Ben wusste nicht, was er sagen sollte. Er war viel zu sehr gerührt und blättert im Buch, um darüber hinwegzutäuschen. Als er doch noch seine Stimme wiederfand, war sie zwar brüchig, aber er schaffte es, zu sagen: „Oh Marie, vielen lieben Dank dir. Das ist so großartig.“ Ohne darüber nachzudenken, schloss er sie in die Arme und drückt sie fest an sich. Marie war vollkommen überrascht und verkrampft. Dann ließ sie locker und lächelte über das ganze Gesicht. „Sehr gern Ben. Ich hatte selbst so viel Freude beim Erstellen und Erinnern. Ihr seid einfach das Wichtigste in meinem Leben.“
– 3 –
Ben nahm das Buch erneut zur Hand und begann zum zweiten Mal es durchzusehen. „Wahnsinn, was man wieder alles vergessen hat. Hier schau mal. Der Tag am See vor zwei Jahren. Simon wäre fast gestürzt, als er auf den Baum kletterte, um von da ins Wasser zu springen.“
In dem Moment kam Simon, wie als hätte er es gehört, zur Tür herein. „Hey, Ben mein Kurzer. Alles Gute zum Geburtstag wünsch ich dir. Unser kleiner Ben schon ganze fünfzehn Jahre alt“, spottete er und lachte herzlich über seinen eigenen Humor.
„Was heißt hier Kleiner? Du wirst erst im Herbst fünfzehn. Nur weil du so ein Riese bist, brauchst du nicht alle anderen runtermachen“, antwortete Ben und setzte ein gespielt beleidigtes Gesicht auf. „Ach jetzt hab dich nicht so. Happy Birthday Ben“, sagte Simon und begrüßte ihn mit einem Handschlag.
Als Geschenk hat er ihm ein neues Cappi mitgebracht. „Ich weiß, du magst Mickey Maus. Und ich werde dich deswegen nicht mehr aufziehen. Aber wenn du es doch mal leid sein solltest, hättest du damit eine Alternative.“ Er zwinkerte Ben zu und bemerkte dabei erst, dass er das alte Basecap gar nicht aufhatte und allgemein so gut gekleidet war. „Ach, jetzt bemerk ich erst, dass ich offensichtlich zu spät komme. Du bist bereits shoppen gewesen. Gut siehst du aus.“
„Danke, aber ein neues Cappi fehlt mir tatsächlich noch dazu“, sagte Ben und setzte es auf. „Sieht hübsch aus“, bemerkte Marie.
„Wer sieht hübsch aus? Unser Ben, na das glaub ich doch nicht“, kam es aus Richtung der Tür von Tamara, die in dem Moment mit Lukas eingetroffen war.
Alle drehten sich um und erblickten die beiden. „Hey ihr seid ja richtig pünktlich“, rief Simon. Die beiden Neuankömmlinge kamen zum Tisch.
„Alles Gute mein Bester“, sagte Lukas und klopfte Ben auf die Schulter. „Hier eine Kleinigkeit von uns beiden. Tamara hat sich daran erinnert, dass du die so magst.“
„Ja wir hoffen, du hast die noch nicht. Alles Gute auch von mir Ben“, schloss sich Tamara an.
Ben packte das Geschenk aus und seine Augen leuchteten: „Nein, das sind ja die neuen Bücher aus der Gänsehaut Reihe. Die habe ich noch nicht. Die lese ich seit Jahren. Früher habe ich die immer Stevie vorgelesen. Es sind zwar Kinderbücher, aber für die werde ich wohl nie zu alt.“
Ben freute sich wie ein Schneekönig. „Vielen lieben Dank euch. Auch euch Andern nochmal. Das ist bereits jetzt der schönste Geburtstag, bei den Geschenken. Aber nun lasst uns was essen. Ich verhungere.“




