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Ich konnte mich auch mit dem Gedanken anfreunden, allein zu leben, dachte aber auch daran, was im Alter sein würde, wenn ich vielleicht Pflege brauchte. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie es sein würde. Ich war nicht in der Lage, diesem Teil meiner Zukunft ein Gesicht zu geben.
Wieder lief ein Film in meinem Kopf ab, Erinnerungen aus meiner Studentenzeit in Mannheim, Bundeswehr, Schulzeit, alles in hellem Licht, eine Menge Gerüche, die mich überfluteten. Gesichter, die ich lange vergessen hatte oder die ich hatte vergessen wollen, geisterten an mir vorbei, Freunde im Studentenwohnheim, Genossen in der Partei, Kollegen aus meinen verschiedenen Jobs, die ich angenommen hatte, um mir etwas leisten zu können, Menschen, mit denen ich Fußball oder Tennis gespielt hatte. Zu den allermeisten hatte ich keinen Kontakt mehr. Meist hatte es sich totgelaufen, hatte sich durch Umzug erledigt, oder ich hatte mich bewusst getrennt, weil ich sie irgendwann unerträglich fand.
Ein paar wenige begleiten oder verfolgten mich immer noch, je nachdem wie ich die Sache besah. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass die Lücken, die bestimmte Personen hinterließen, sich entweder schlossen oder dass andere die Positionen besetzten.
Ich spürte auch den Schmerz, wenn eine Lücke wie eine offene Wunde blieb. Davon gab es wenige, doch diese schmerzten heftig und lange. Die Zeit ist ein langsamer Heiler.
Seventy-nine fiel mir ein. Wir nannten sie so, weil sie im Studentenwohnheim in Zimmer 79 wohnte. Sie hieß Hilde, war aus Hannover und machte einen Sommerkurs an der Mannheimer Universität. Ich kam eines Abends relativ früh aus der Kneipe, fuhr mit dem Fahrstuhl in den Keller, um mir noch ein Bier aus dem Automaten zu holen. Sie wollte gerade einsteigen, als ich im Keller ankam. Wir grüßten uns, hatten uns wohl vorher im Haus schon einmal gesehen. Sie hielt die Fahrstuhltür offen, während ich mein Bier aus dem Automaten zog. Auf der Fahrt nach oben fragte ich sie, ob sie ihr Bier nicht bei mir trinken wollte. Sie stimmte fast zu schnell zu. Sie schien einsam, machte den Eindruck als wollte sie reden, fing schon im Fahrstuhl an, von sich zu erzählen.
Ich konnte schon immer gut zuhören, was mir oft hinderlich war, weil ich mich besonders gern von Frauen benutzen ließ, die bei mir ihre seelischen Beschwerden abladen wollten. Durch das Reden über die intimsten Dinge entstand meist eine Distanz, die nicht mehr aufzulösen war. Bei Hilde hatte ich Glück, dass sie so viel trank.
Nachdem wir uns auf meinem Bett in meiner kleinen Studentenbude, wo es weder Tisch noch Stuhl gab, niedergelassen hatten, erzählte sie mir endlose Details aus ihrem reichlich verkorksten Leben. Manchmal konnte ich den Faden nicht verfolgen, den sie vor mir abrollte. Zwischendurch fuhr ich mehrmals nach unten, um mehr Bier zu holen. Ihre Erzählungen wurden mit jedem Bier ein wenig wirrer. Ich spürte den Alkohol auch, ohne richtig betrunken zu werden. Ich hörte, wie sie umständlich eine verwirrende Missbrauchsgeschichte darstellte. Ihr Großvater hatte sie anscheinend an einer intimen Stelle berührt. Es hörte sich aber auch teilweise so an, als sei sie selbst gar nicht beteiligt gewesen, als habe sie das nur beobachtet.
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