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Gleichzeitig steckten wir uns die Stückchen in den Mund. Wir waren nun beinahe fertig mit unseren Tellern und es war überraschend sättigend gewesen. Doch als ich nun das Stück in den Mund steckte, erstarrte ich plötzlich. Scheiße. Das war scharf. Sehr scharf. Meine Augen begannen zu tränen und die Schärfe stieg mir in den Kopf. Ich hasste scharf.
Ich hatte wohl ein Geräusch gemacht, denn Louisa sah mich erschrocken und leicht besorgt an. »Was ist?«
»Hm«, machte ich erstickt. Ich versuchte, das Gimbap hinunterzuwürgen und hustete. »Das ist … scharf.« Ich klang, als hätte ich eine heftige Erkältung. Die Schärfe zog sich hinauf bis in meine Nase und fast augenblicklich begann diese zu laufen. Ich spülte das Gimbap mit Wasser hinunter, doch das machte es nur noch schlimmer und ich begann wieder zu husten. Beschämt drehte ich mich etwas von Louisa weg.
»Mist«, sagte Louisa, stand auf und klopfte mir auf den Rücken. Mit der anderen Hand griff sie über den Tisch und hielt mir was hin. »Hier, iss das.«
Durch meine tränenden Augen sah ich nicht wirklich, was es war, aber ich folgte ihrer Anweisung. Erst, als ich es heruntergeschluckt hatte, merkte ich, dass es Mayonnaise war. Wo zum Teufel hatte sie Mayonnaise gefunden? Doch die Konsistenz linderte die Schärfe und langsam beruhigte ich mich wieder. »Wie peinlich«, schniefte ich. »Danke.«
Louisa hielt mir wortlos ein Päckchen Taschentücher entgegen und wartete geduldig, bis ich sie ihr wieder zurückgab. Anscheinend kannte sie sich mit der Sauce aus.
»Geht’s wieder?«, fragte sie sichtlich besorgt und setzte sich.
Ich nickte rasch, mein Kopf nun rot vor Scham. »Ja, danke«, wiederholte ich.
»Kein Problem. Hast du etwa die Wasabi-Sauce gegessen?«, fragte sie.
Ich schaute auf meinen Teller und deutete auf die grüne Sauce. »Das hier? Ja …« Tatsächlich hatte ich während des Redens nicht so darauf geachtet, in was ich mein Gimbap getaucht hatte und viel zu viel von der Paste genommen.
»Huch, in der Menge ist das sogar für mich scharf«, meinte Louisa überrascht. »Traue nie japanischen Saucen.«
Ich lachte. »Ist das nicht koreanisch?«
Louisa zuckte mit den Schultern. »Doch, aber die Sauce ist japanisch. Traditionell isst man Gimbap gar nicht mit Wasabi. Also kannst du eigentlich den Köchen hier die Schuld geben.«
Ich lachte wieder, das schien zur Gewohnheit zu werden um Louisa herum. »Na ja, ich sollte auch keine neuen Saucen in der Menge probieren, wenn ich scharf allgemein nicht so mag.«
»Ja, das wäre fürs nächste Mal auch eine Idee.«
Nach dem Essen schlenderten wir durch die Stadt in Richtung Kino, da wir noch genügend Zeit hatten. Louisa hatte das Nachtessen erst zahlen wollen, da »du ja schon das Kino ermöglichst« und als »Entschädigung« für meine Begegnung mit Wasabi, aber ich hatte darauf bestanden, meinen Teil selbst zu zahlen. Und zum Glück hatte die Bedienung auch Deutsch gesprochen, sodass ich mich durchsetzen konnte.
Louisa erzählte mir gerade, dass sie im ersten Studienjahr war und Business und Marketing studierte. Irgendwie fand ich, dass diese Fächer gut zu ihr passten, sie war sicher eine geschickte Promoterin. Außerdem hatte sie einen Blog, wie sie mir erzählte. Nach einigem Nachfragen rückte sie damit heraus, dass ihr Blog schon etwas Erfolg hatte und sie damit ein bisschen Geld ans Taschengeld verdiente. Ich nahm mir fest vor, diesen Blog später zu finden. Konnte doch nicht allzu schwer sein, oder? Louisa wohnte zwar noch zu Hause, doch ich erfuhr nicht viel über ihre Eltern und ließ das Thema dann bleiben.
Stattdessen wollte Louisa mehr über mich wissen. »Hast du außer Mia noch andere Geschwister?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Mia ist meine einzige Schwester. Na ja, also eigentlich ist sie meine Halbschwester.«
Louisa warf mir einen Blick zu. »Oh… dann sind deine Eltern getrennt?«
Ich nickte. »Seit fünf Jahren.« Es war nicht so, dass ich nicht damit klarkam. Aber ich dachte auch nicht besonders gerne daran.
»Tut mir leid.«
»Schon okay«, sagte ich rasch und zuckte mit den Schultern. »Mias Vater ist nett, ich kann mich nicht beklagen.«
Louisa schaute mir in die Augen, ihre Stimme auf einmal überraschend sanft. »Du darfst dich dennoch beklagen.«
Ihre Worte fanden einen direkten Weg in mein Herz und augenblicklich wurde mir warm. »Na ja… ich hab´ ja immer noch Kontakt zu meinem Vater.« In mir drin regten sich jedoch Emotionen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie noch existierten. Die Trennung zwischen meinen Eltern war verhältnismäßig ruhig verlaufen, aber dennoch war es mir am Anfang schwergefallen, die Umstellung zu akzeptieren. Ich überlegte mir, welcher Elternteil mir mehr ein Vorbild war, aber ich wusste es nicht. Ich hatte sowohl mit meiner Mutter als auch meinem Vater Gemeinsamkeiten und obwohl sich die Beziehung zu meinem Vater logischerweise geändert hatte, verstand ich mich immer noch gut mit ihm.
»Weißt du, Mias Eltern sind gerade in den Flitterwochen«, meinte ich und lachte, als ich hörte, wie ironisch sich das anhörte. »Also versteh mich nicht falsch, ich gönne es ihnen.«
Louisa lachte auf. »Wirklich?«
Ich nickte aufrichtig. »Ja, wirklich. Deshalb passe ich auf Mia auf.« In der Tat hatte ich mich damals gefreut, eine kleine Schwester zu bekommen, auch wenn sie einen anderen Vater hatte als ich.
»Ah, verstehe.« Sie machte eine Pause. »Das ist eine liebe Geste von dir.«
Ich war überrascht und wieder einmal füllte sich mein Körper mit Wärme. »Danke.« Nate hatte sich ebenfalls erstaunt gezeigt. Aber ich mochte Mia von Herzen und ich freute mich für meine Mutter, dass sie in einer liebevollen Beziehung war – selbst wenn es nicht mit meinem Vater war.
»Hm«, machte Louisa nachdenklich und ich schaute sie leicht fragend an. »Sie müssen Vertrauen in dich haben. Deine Eltern meine ich. Dass sie dir ein Mädchen in dem Alter überlassen.«
Einen Moment lang war ich verblüfft. Ja, ich war verantwortungsbewusst genug, dass ich auf Mia aufpassen konnte. Und in der Tat würde das wohl nicht auf jede achtzehnjährige Person zutreffen. Aber ich erkannte nicht sogleich, was Louisa damit sagen wollte. »Ich nehme das mal als Kompliment?«
Louisa machte große Augen. »Ja, bitte mach das!«
»Na dann, danke.« Ich musste erleichtert lachen. »Weißt du, meine Mutter ist glücklich mit Paul und das zählt für mich. Manchmal habe ich das Gefühl, sie sind verliebter als Nate und ich es sind.« Ich schaute nach vorne, sah, dass wir schon bald beim Kino waren, und verlangsamte automatisch die Schritte. Kurz runzelte ich die Stirn über meine eigenen Worte. Was erzählte ich ihr da alles? Irgendwie hatte sie einen Punkt in mir getroffen, der mich plötzlich offen reden ließ und ich merkte, dass ich mich wohl dabei fühlte, ihr meine Gefühle anzuvertrauen. Und das geschah bei mir meist nicht so schnell.
Louisas Augen weiteten sich bei meinen Worten kurz, mit einer Hand strich sie sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sie sah mich auf einmal wieder intensiv an und beinahe spürte ich beim Gehen ihre Schulter an meiner. »Oh, soll das heißen, du bist in deiner Beziehung nicht glücklich?«
Ich öffnete den Mund, aber wusste nicht, was ich erwidern sollte. Doch, klar war ich glücklich. Nur nicht mehr mit rosaroter Brille und Glitzer. Louisa brachte mich dazu, jedes meiner Gefühle zu hinterfragen. Erst mit meinem Vater, dann mit meinem Freund. Ich liebte Nate, das war keine Frage. Warum also konnte ich ihr keine klare Antwort geben? »Ähm…«, sagte ich äußerst geistreich. »Doch, klar.«
Louisa winkte schnell ab. »Tut mir leid, ich stelle zu persönliche Fragen.«
Ich lachte, war aber erleichtert, dass sie die Spannung aufgelöst hatte. »Schon okay.« Ich deutete nach vorne auf das Kino. »Hier rein.«
In der Tat kannten wir uns erst seit zweieinhalb Tagen, aber es fühlte sich an wie Monate. Ich hatte das Gefühl, Louisa schon ewig zu kennen und ihr alles anvertrauen zu können. Und das, obwohl ich sonst nicht leicht vertraute. Lag das an ihrer offenen Art, die jeden einzuladen schien? An ihrem Charme, ihrer fröhlichen Ausstrahlung? Oder ihrer Begabung, in mich hineinzusehen und meine Gefühle zu lesen? Es war beinahe schon beängstigend, aber ich fühlte nichts anderes als Geborgenheit.
Ich kümmerte mich um die Tickets und stellte sicher, dass wir den Rabatt bekamen. Dann kauften wir uns eine Packung Nachos zum Teilen und begaben uns in den Kinosaal. Wir suchten uns einen Platz in der Mitte des Saales und Louisa schob die Lehne zwischen uns hoch, damit wir die Nachos dort platzieren konnten. Sie hatte sich anscheinend gar nicht informiert, worum sich der Film drehte, denn jetzt stellte sie mir Fragen zum Inhalt.
Ich musste lachen. »Warst du so begeistert über den Rabatt, dass du den Trailer gar nicht angeschaut hast?«
»Nein!«, widersprach sie empört. Dann sprach sie etwas leiser. »Ich war bloß so begeistert über Kino mit dir, dass ich mir den Trailer gar nicht angeschaut habe.«
Mein Herz klopfte wie verrückt. Kino mit mir. Was an mir fand Louisa so interessant, dass sie mir ein derartiges Kompliment machte nach bloß zwei Tagen Bekanntschaft? Ich war vielleicht nicht langweilig, aber ich war auch nicht die, auf die sich alle stürzten. Doch Louisa schien das anders zu empfinden. Ich spürte einen Schauer und merkte erst dann, dass Louisas Hand in der Nachopackung leicht zu zittern schien. Bevor die Spannung zu groß wurde, ging der Beamer an.
Unsere Köpfe drehten sich nach vorne und wir warteten gespannt darauf, dass der Film begann. Während noch die Werbung lief, beugte ich mich etwas zu Louisa herüber und berührte ihre Hand, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. »Es ist eine Mischung aus Komödie und Liebesdrama.«
Louisa drehte ihren Kopf zu mir, ihre Augen schauten mich intensiv an. Ich hatte fast das Gefühl, dass sie unter meiner Berührung zusammengezuckt war. »Das ist perfekt«, meinte sie, doch ihr Blick bewegte sich unruhig auf und ab. Ihre braunen Augen erinnerten mich an flüssiges Karamell.
»Gut.« Ich nahm erleichtert meine Hand zurück und drehte mich wieder zur Leinwand um. Aber ich spürte, dass Louisa mich immer noch betrachtete, und ich fragte mich, was sie dabei dachte. Etwas nervös zupfte ich an meinem Top herum und widerstand der Versuchung, zu Louisa zu schauen. Stattdessen machte ich es mir in dem Sitz bequem und bald begann auch schon der Spielfilm.
Ich war erleichtert, als ich merkte, dass Louisa der Film gefiel. Schließlich hatte ich ihn ausgesucht und fühlte mich daher irgendwie verantwortlich. Doch wir lachten an denselben Stellen und schauten uns in denselben Momenten vielsagend an, wenn klar war, dass es romantisch werden würde. In den ersten paar Minuten flüsterte Louisa mir zu: »Der geht fremd. Der geht hundertprozentig fremd.« Und in der Mitte des Filmes bekam sie zu meiner Überraschung tatsächlich recht. Anerkennend schaute ich zu Louisa. »Wie hast du das gemerkt?«, wollte ich wissen.
Louisa zuckte mit den Schultern und ein Grinsen verzog ihre Lippen. »Ich sah es an seiner Haltung, als sie einander gegenübersaßen. Er war nicht seiner Frau zugewandt, sondern schaute an ihr vorbei.«
Ich hob die Augenbrauen. »Beeindruckend.«
Louisa schenkte mir ein Lächeln und schaute kurz an mir herunter. »Du glaubst nicht, wie viel man anhand der Körpersprache lesen kann.« Ihr Lächeln vertiefte sich und sie steckte sich gelassen einen weiteren Nacho in den Mund, als hätte sie nicht gerade etwas Zweideutiges gesagt. Ich schaute schnell zu den Nachos, da ich sie sonst weiter angestarrt hätte. Diese Frau. Sie war wirklich erstaunlich. Ich schnappte mir einen Nacho, darauf bedacht, Louisa dabei nicht zu berühren. Wir saßen so nah nebeneinander, dass die fünf Zentimeter Breite der Nachopackung das Einzige war, das uns voneinander trennte. Andererseits gab es auch Freundinnen, die direkt aufeinandersaßen, also war das wohl nichts Besonderes. Kurz dachte ich an meine beste Freundin Nora. Wenn wir bei ihr einen Filmabend machten, schliefen wir am Schluss meistens nebeneinander auf dem Sofa ein. Doch sie war wie jeden Sommer bei ihrer Familie in Italien und daher sah ich sie erst wieder in einer Woche in der Schule.
Als der Abspann begann, lehnte ich mich zufrieden zurück. Die anderen Kinogäste erhoben sich, als sei der Teufel hinter ihnen her und strömten auf den Ausgang zu. Ich sah meistens den Nutzen nicht, sofort aufzuspringen. Stattdessen schaute ich Louisa an.
»Und?«, sagte ich nur und lächelte. Mit einer Hand schob ich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. Meine blonden Haare waren ein starker Kontrast zu Louisas schwarzen, fiel mir amüsiert auf.
Louisa erwiderte das Lächeln. »Du hast einen guten Film ausgesucht.«
»Danke, ich hab´ als professionelle Ticketverkäuferin halt ein Auge dafür«, grinste ich.
»Das dachte ich mir schon«, meinte Louisa zwinkernd. »Gehört bestimmt zur Ausbildung.«
Ich musste lachen und griff nach Louisas Hand, um ihr zu bedeuten, dass wir uns nun langsam auch zum Ausgang bewegen konnten. »Natürlich, ich muss zwangsläufig immer wieder Filme schauen«, witzelte ich auf dem Weg nach draußen weiter.
»Oh je, das ist wirklich ein harter Job«, zeigte Louisa Mitleid.
Ich quittierte ihren Kommentar mit einem Lachen und spazierte glücklich grinsend neben Louisa aus dem Saal. Als ich im grellen Licht des Kinoeingangs stand, wurde mir bewusst, dass die Zeit mit Louisa für heute bald vorüber war. Ich musste wahrscheinlich Mia abholen gehen und wir würden uns verabschieden müssen.
»Alles okay?«, fragte Louisa, die gemerkt hatte, dass mein Lächeln etwas erloschen war.
Ich nickte schnell und kramte mein Smartphone aus meiner Tasche.
»Ja, ich muss nur schauen, ob meine Tante was geschrieben hat.« Als ich auf den Bildschirm schaute, sah ich, dass ich zwei SMS und einen verpassten Anruf hatte. Der Anruf sowie eine der beiden SMS waren von Nate und augenblicklich bekam ich Schuldgefühle. Ich hatte den ganzen Abend hindurch kaum an ihn gedacht. An der SMS sah ich, dass dies bei ihm nicht der Fall gewesen war. Er schrieb, dass er bald kein Netz mehr habe und sich daher erst am nächsten Tag wieder melden könne. Dazu hatte er mehrere Herzen geschickt. Doch ich verblieb nicht allzu lange auf seiner SMS, sondern wechselte danach zum Chat mit meiner Tante. Sie schrieb, dass Mia schon schlief, und schlug vor, dass ich sie am nächsten Morgen vor acht Uhr abholte, da sie arbeiten gehen müsse. Ich schrieb ihr rasch zurück, dass das okay war, und dankte nochmals für ihre Hilfe. Es war nun schon nach elf Uhr und es hätte mich gewundert, wenn Mia bis jetzt noch nicht geschlafen hätte.
»Und …?«, fragte Louisa vorsichtig. Sie hatte respektvoll weggeschaut, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie auf meinen Bildschirm schaute. Doch sie wippte etwas nervös auf den Beinen hin und her.
»Mia schläft und Nate hat noch versucht, anzurufen«, erwiderte ich und wieder erkannte ich eine Regung in ihrer Miene. Etwas an meinen Worten schien sie zu beschäftigen, denn sie wirkte auf einmal nicht mehr so unbeschwert wie noch vor noch fünf Minuten. Es schien, als sei ein Schatten über ihr Gesicht gehuscht. »Musst du irgendwann zu Hause sein?«, fragte ich sicherheitshalber nach.
Louisa schaute nervös auf die Uhr. »Nein, aber die Bahn fährt mittwochs nicht bis spät. Ich muss mich wohl bald auf den Weg machen.«
»Oh«, meinte ich bedauernd. »Wann fährt die letzte Verbindung denn?«
»Heute um halb eins.«
»Und wie lange brauchst du bis nach Hause?«
»Etwa eine halbe Stunde.«
»Und wie lange fährt die Bahn noch in die Stadt?«, fragte ich weiter.
»Die fährt noch bis halb zwei Uhr in die Stadt und dann weiter ins Depot.«
»Okay, ich komme mit«, beschloss ich und lächelte.
Louisa sah mich erstaunt an. »Was?«
»Ich begleite dich bis nach Hause«, wiederholte ich. Dann hatten wir noch eine halbe Stunde zusammen und sie konnte auf ihre letzte Verbindung gehen.
»Oh… das ist lieb. Bist du dir sicher, dass du nachher noch eine halbe Stunde zurückfahren willst?«
Ich nickte. Ich war mir sicher. »Ich hab´ Zeit schon schlimmer verbracht«, kommentierte ich trocken.
Louisa musste lachen und stimmte endlich mit ein, nun schien der Schatten über ihrer Miene wieder verschwunden zu sein. Nebeneinander verließen wir das Kino und Louisa führte mich zu der Straßenbahn, die sie benötigte. Wir unterhielten uns noch etwas über den Film und waren uns beide einig, dass die rebellische Frau der beste Charakter gewesen war. Selbstständig und stark, das gefiel mir. Zwar hatte sie am Schluss den Mann dennoch zurückgewollt, aber nicht, weil sie ihn gebraucht hatte. Ich genoss es, mich mit Louisa zu unterhalten und erst vor ihrer Haustür verstummten wir. Ich hatte mir den Weg zu ihr gut gemerkt, damit ich einerseits zurückfand, aber andererseits auch wieder herfand. Kurz schauten wir uns unschlüssig an, Louisa mit ihrem intensiven Blick, der bis in mein Innerstes ging. Erneut dachte ich daran, dass sie eine wunderschöne Frau war, und ich fragte mich, wie lange sie schon single war. Sie wurde doch bestimmt die ganze Zeit von jungen Männern angesprochen. Wies sie diese jeweils ab?
»Hm.« Louisa machte ein undeutliches Geräusch, wirkte fast schon nervös. »Also, es war ein schöner Abend, danke für den Vorschlag«, meinte sie und legte mir zur Betonung ihrer Worte die Hand auf den Unterarm, die angenehm warm war.
»Fand ich auch«, meinte ich und lächelte. »Und gerne.« Ich zögerte kurz, dann nahm ich sie zum Abschied in den Arm. »Gute Nacht, Louisa.«
»Schlaf gut«, erwiderte sie und als ich mich umdrehte und mich auf den Rückweg machte, spürte ich Louisas Blick, der mir folgte.
Kapitel 3 – Expartner
Ich war mit meiner Schwester auf dem Spielplatz und Mia rannte mit so viel Energie wie immer auf die Rutschbahn zu. Ich versuchte, nicht daran zu denken, ob Louisa und Jenny hier waren. Stattdessen konzentrierte ich mich voll und ganz auf Mia und darauf, dass sie nicht von der Rutsche fiel.
»Ich fange dich unten wieder auf, okay?«, rief ich ihr zu, als sie hinten die kleine Leiter hochkletterte, um auf die Rutsche zu kommen. Zwar konnte Mia auch problemlos die Rutschbahn hinunterrutschen, ohne dass ich sie auffing, aber es war lustiger so.
»Jaa, du musst unten warten«, verlangte Mia und setzte sich oben hin. »Uuund los …!«
Sie rutschte auf mich zu und ich fing sie mit beiden Händen auf. Kurz kitzelte ich sie, dann ließ ich sie los und sie rannte wieder zur Leiter. Das ging eine Weile so hin und her und ich fragte sie währenddem darüber aus, was sie im Tagesheim so gemacht hatte. Wir wechselten zu anderen Spielvorrichtungen und ich ertappte mich, wie ich wieder nach Jenny und Louisa Ausschau hielt. Seit gestern Abend hatten wir nicht geschrieben und ich widerstand der Versuchung, auf ihren Chat zu gehen. Es beunruhigte mich, dass ich nicht wusste, wann wir uns wieder sehen würden. Warum hatten wir kein weiteres Treffen abgemacht? So musste ich es dem Zufall überlassen, wann wir uns wieder sahen, oder halt auf ihre Nachricht warten. Aber Geduld war nicht meine Stärke. Was, wenn wir uns nicht wieder trafen und nichts weiter waren als eine Spielplatzbekanntschaft? Ich konzentrierte mich wieder auf Mia, um mich einerseits abzulenken und andererseits sicherzugehen, dass ihr nichts passierte. Ich stand nie weiter als fünf Schritte von ihr weg, um reagieren zu können, falls sie fiel. Ja, ich gab zu, ich war ängstlich, wenn es um meine Schwester ging. Solange sie in meiner Obhut war, hatte ich schließlich die Verantwortung. Nach einer Weile wechselten wir wieder zur Rutsche zurück, da Mia nie genug davon bekommen konnte. Während Mia wieder die Leiter hochkletterte, spürte ich durch eine Vibration, dass mir jemand eine Nachricht geschrieben hatte. In den Augenwinkeln immer noch auf Mia schielend, schaute ich rasch aufs Handy. Vielleicht hatte Nate gerade Internet? Ich hatte schon seit ein paar Stunden nichts mehr von ihm gehört. Doch es war Louisa, die geschrieben hatte.
»Bist du gestern noch gut nach Hause gekommen?«, fragte sie mit einem pinken Herz dahinter.
Mein Puls ging in die Höhe und rasch ging ich sicher, dass Mia immer noch unversehrt auf der Rutsche war, bevor ich die Nachricht öffnete. Ich fand es süß, dass sie das fragte, obwohl es jetzt auch zu spät wäre, falls ich verneinen würde. »Ja, es war eine ruhige Fahrt im Dunkeln«, tippte ich ins Handy. »Bin gerade ...« Ich hörte auf zu tippen, als ich eine abrupte Bewegung vor mir sah. Mia hatte sich seitlings auf die Rutschbahn gesetzt und schlitterte runter, hinter ihr ein weiteres Kind, das gefährlich wenig Abstand hielt.
»Mia, pass auf!«, rief ich und ließ das Handy fallen, während ich auf meine Schwester zueilte. Doch ich reagierte zu spät – ein Meter vor dem Ende der Bahn kippte Mia seitlich über und fiel in den Kies. Fluchend rannte ich zu ihr und ließ mich neben ihr auf die Knie fallen. Mia begann zu weinen und ich setzte sie schnell auf. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie eine weitere Mutter herbeirannte, die sich um das andere Kind kümmerte. Doch ich hatte nur Augen für Mia. Meine Gedanken rasten, aber ich gab mir Mühe, ruhig zu bleiben. Mia liefen Tränen übers Gesicht und ihre Wange blutete, ebenso wie ihre linke Hand. »Mia, Schatz, wo tut es dir weh?«
Mia hob ihre Hand und streckte sie mir entgegen, über ihre Lippen kamen bloß Schluchzer. Doch ich hatte das Gefühl, dass sie auch etwas unter Schock stand und deswegen weinte. Dennoch schaute ich mir die Hand genauer an. Das Blut kam aus Schürfwunden vom Kies, doch mehr konnte ich nicht erkennen. »Beweg mal deine Hand«, bat ich sie und versuchte, ihr die Tränen wegzuwischen.
Mia bewegte langsam ihre linke Hand und weinte sogleich heftiger.
»Tut das weh?«, fragte ich und versuchte, ruhig zu bleiben. Mit einer Hand angelte ich nach meiner Tasche und meinem Handy, das ich in der Hektik fallen gelassen hatte. Am liebsten würde ich jetzt selbst zu weinen beginnen, doch das konnte ich mir nicht leisten.
Mia nickte wimmernd und ich fluchte innerlich. Was, wenn sie sich ernsthaft verletzt hatte? Ausgerechnet jetzt? Hastig holte ich Taschentücher aus der Tasche und wischte ihr erstmal das Blut von der Hand und der Wange. Die Schürfwunden würden wieder heilen. »Okay Schatz, wir gehen jetzt nach Hause und kühlen deine Hand, ist gut?« Ich packte schnell meine Sachen zusammen, hob das kleine Mädchen hoch und ignorierte dabei alle Blicke auf mir. Mia ließ mich machen und schmiegte sich an meine Schulter. Bestimmt waren meine Kleider nun voller Blut.
»Das andere Mädchen wollte auch rutschen«, jammerte Mia, als wir aus der Straßenbahn stiegen. Sie weinte nun beinahe nicht mehr und ich hatte Hoffnung, dass nichts Schlimmes passiert war.
»Wie meinst du? Hat sie dich gestoßen?«
»Sie wollte sich vordrängen«, erwiderte Mia schniefend. »Aber ich war ja vor ihr dran!«
Ich seufzte. Ich hätte keine SMS schreiben dürfen! Was bin ich bloß für eine verantwortungslose, schlechte Schwester?! »Mia, du darfst nur rutschen, wenn du alleine bist auf der Bahn, okay?«
Mia nickte mit großen Augen.
»Aber du hast recht, das andere Mädchen hätte warten müssen«, fügte ich hinzu. Ich trug sie immer noch im Arm und langsam wurde sie schwer. Es waren nur noch ein paar Schritte bis zu unserer Haustür. Wieder spürte ich, wie ich Nachrichten bekam, aber dieses Mal ignorierte ich sie. Wenn Mia etwas Ernstes zugestoßen wäre, könnte ich mir das nie verzeihen.
In der Küche wusch ich ihr nochmals das Blut weg, versorgte ihre Schürfwunden und holte dann ein Kühlpad für ihre Hand. Zum Glück waren die Schürfungen nicht sehr tief und würden schon bald kaum mehr sichtbar sein. Auch ihre Hand sah nicht so schlimm aus, wie ich es befürchtet hatte. Sie konnte sie bewegen, wenn auch unter Schmerzen, daher vermutete ich, dass es nicht gebrochen war. Sonst würde sie schreien. Eine Weile lang saßen wir stumm da, ich in Gedanken versunken und den Arm um meine kleine Schwester gelegt. Mein Blick lag auf ihrer Hand, die sie sich auf den Schoss gelegt hatte. »Jessie, jemand ruft dich an«, informierte mich Mia mit großen Augen. Sie nickte zu meinem Handy, das neben uns auf dem Tisch lag und verzweifelt vibrierte.
»Das kann warten«, meinte ich, ohne hinzuschauen. War das Nate? »Erst muss es deiner Hand besser gehen.«




