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Mia zuckte mit den Schultern. »Das Handy ändert doch nichts«, erwiderte sie neunmalklug und lehnte sich einigermaßen zufrieden gegen mich. Ich war unendlich erleichtert, dass sie mir anscheinend nichts übel nahm und außerdem sehr gut mit der Situation umging. Doch das Handy hatte nun schon wieder aufgehört zu klingeln und ich ließ es liegen.
»Weißt du noch, als ich mal von der Schaukel gefallen bin?«, fragte Mia jetzt.
Ich erinnerte mich noch gut. Damals waren ihre Eltern jedoch auch dabei gewesen und das Ganze hatte ein eher lustiges Ende gehabt. Ich musste lächeln. »Da hat dich Papa aufgefangen«, meinte ich und freute mich, sie lächeln zu sehen. »Das hätte ich jetzt auch machen müssen …«
Mia schüttelte den Kopf. »Aber du bist ja nicht so stark wie Papa«, sinnierte sie und ich korrigierte ausnahmsweise nicht, dass Frauen auch stark sein konnten. Denn sie hatte Recht – mein Stiefvater Paul war um einiges größer und muskulöser als ich.
»Das stimmt, Kleine«, musste ich also zugeben. Ich zuckte zusammen, als mein Handy wieder zu klingeln begann. Die Person war wirklich insistierend.
»Jetzt geh ran«, forderte mich Mia auf, die sah, wie ich zum Handy schielte. Ich zögerte, tat dann aber, wie meine kleine Schwester es mir befahl. Auch damit hatte sie Recht – es änderte nichts mehr, ob ich jetzt kurz ans Handy ging oder nicht. Es war schon passiert.
Anders als erwartet war es nicht Nate, sondern Louisa. »Hallo Louisa«, grüßte ich mit etwas zittriger Stimme.
»Jessica?«, fragte Louisa sogleich. Sie klang außer Atem. »Alles okay bei dir?«
Ich zögerte. Woher wusste sie, dass etwas nicht stimmte?
»Du hast mir eine seltsame Nachricht geschrieben …«, fuhr Louisa fort, als ich keine Antwort gab. »Daher wollte ich fragen, ob …« Sie ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen, als ob sie nicht wusste, was sie fragen wollte.
»Wenn du schon fragst …«, meinte ich jetzt zerknirscht und holte tief Luft. »Während ich getippt habe, ist Mia von der Rutsche gefallen.«
Kurz herrschte Stille. »Was?!« Louisa klang bestürzt. »Ist alles okay mit ihr? Brauchst du Hilfe?«
Wieder zögerte ich. »Na ja, sie hat Schürfwunden und ihre Hand tut ihr weh.« Es war seltsam, über Mia zu reden, während sie bei mir auf dem Schoss saß. »Ich weiß nicht, wie ernst es ist.«
»Mist! Soll ich zu dir kommen?«, bot sie erneut an und mir fiel auf, dass ich darauf noch keine Antwort gegeben hatte.
Ich war gerührt über ihre Fürsorge, und dass sie anbot, direkt hier aufzukreuzen. Kurz fragte ich mich, ob das Nate auch tun würde, drängte den Gedanken dann aber beiseite. Das konnte man nicht vergleichen. »Bist du denn zu Hause?« Zwar schrie alles in mir, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als Louisa zur Unterstützung bei mir zu haben. Aber ich fühlte mich auch etwas schlecht, wenn sie deswegen von zu Hause bis hier herkommen musste.
»Ja, aber wenn ich das Auto nehme, bin ich in fünfzehn Minuten da«, erwiderte Louisa. »Lass das meine Sorge sein.«
Ich nickte seufzend, obwohl sie das nicht sehen konnte. »Okay, würde mich freuen«, meinte ich dann.
»Gut, bis bald«, sagte Louisa und legte schon auf, als ich »bis dann« erwiderte. Ich schaute hinunter zu Mia, um ihr zu sagen, dass Louisa kommen würde. Doch als ich sie ansprechen wollte, sah ich, dass sie auf mir eingeschlafen war. Gerührt beugte ich mich zu ihr hinunter und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie schlief friedlich und atmete regelmäßig. So weit, so gut. Höchstwahrscheinlich war es wirklich nicht viel mehr als ein Schock gewesen, denn wenn ihre Hand verstaucht oder gebrochen wäre, würde sie kaum so ruhig schlafen können. Behutsam nahm ich sie in den Arm und trug sie zum Sofa. Dort legte ich sie hin, deckte sie zu und setzte mich anschließend daneben. Obwohl ich beinahe sicher war, dass es ihr bald wieder gut gehen würde, wich der Druck nicht von meiner Brust. Ich schaute sie stumm an, bis Louisa fünfzehn Minuten später an der Tür klingelte.
»Ich hätte dich nicht ablenken sollen.« Louisas karamellfarbene Augen waren voller Reue. Sie saß neben mir auf dem Sofa, Mia schlief immer noch. Das Kühlpad war mittlerweile warm geworden und ich hatte ihr vorsichtig ein neues gemacht.
»Nein, das konntest du ja nicht wissen«, widersprach ich. Louisa hatte mich sofort in den Arm genommen und mich erzählen lassen, was genau passiert war. »Ist meine Schuld, dass ich aufs Handy geschaut habe.«
»Ich verstehe, dass du das denkst, aber du hättest es auch sonst nicht verhindern können«, meinte Louisa nun und schüttelte den Kopf. Sie hatte wohl meinen bitteren Unterton gehört. »Das andere Kind hat sie anscheinend gedrängt und du kannst daran von unten nicht viel ändern.«
»Ich hätte schneller reagiert …«, erwiderte ich mit dem Blick auf den Boden.
Louisa legte wieder eine Hand auf meine Schulter. Sie war angenehm warm und wirkte in der Tat beruhigend auf mich. »Jessica, deine Reaktion braucht dennoch ein, zwei Sekunden«, sagte sie mit sanfter Stimme. »Mach dir keine Vorwürfe. Wahrscheinlich geht es ihr wieder besser, wenn sie aufwacht.«
Ich schaute zu Mia rüber. Ihr Gesicht war entspannt und sie schlief tief und fest. Ich fragte mich, ob sie bei unserer Tante zu spät ins Bett gegangen war. »Du hast Recht«, murmelte ich und seufzte.
Kurz herrschte Stille, in der wir einfach Mia betrachteten. Doch es war eine harmonische Stille, in der ich nicht das Gefühl hatte, dass ich etwas sagen musste. Wenn ich so neben Louisa saß, hatte ich das Gefühl, als ob wir schon eine Ewigkeit miteinander verbracht hätten. In den vergangenen drei Tagen hatte ich eine unglaubliche Vertrautheit mit ihr konstruiert, für die ich normalerweise drei Monate brauchte. Ich fühlte mich wohl dabei, sie an meinem Leben teilhaben zu lassen. Und jetzt verdrängte ich auch jeden Zweifel daran, ob es ihr damit gleich erging. Bestimmt lag auch ihr etwas an mir, sonst wäre sie jetzt nicht hier aufgetaucht. Sie hätte mich nicht zweimal angerufen, nur weil sie eine unvollständige SMS von mir bekommen hatte. Als ich nun daran dachte, dass Nate erst seit drei Tagen in den Ferien war, konnte ich es beinahe nicht glauben. Obwohl Nate und ich regelmäßig in Kontakt standen und auch immer wieder telefonierten, kam mir die vergangene Zeit länger vor. Kurz dachte ich daran, wie Louisa mal einen Exfreund angedeutet hatte. Wie er wohl gewesen war?
»Wollen wir sie in Ruhe schlafen lassen?«, fragte Louisa nun in die Stille hinein und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie von Mia sprach.
Rasch nickte ich. »Okay«, stimmte ich zu. »Lass uns zum Küchentisch gehen, dann sehen wir sie noch.« Unsere Küche war schön eingerichtet, häufig aßen wir gleich dort das Abendessen statt im Wohnzimmer. Ich hatte mir in den vergangenen Tagen Mühe gegeben, dass der Raum aufgeräumt war und somit gästetauglich. Also setzten Louisa und ich uns an den Tisch und ich machte uns beiden einen Kaffee. Ich spürte, dass Louisa meinen Bewegungen zuschaute, aber es war mir nicht unangenehm.
»Ist das dein Freund?«, fragte Louisa unvermittelt. Sie hatte den Blick nun auf den Kühlschrank gerichtet, wo ein Foto von Nate und mir hing, inmitten von weiteren Fotos und Postkarten.
Ich warf einen Blick darauf. Das Foto war in der Anfangsphase unserer Beziehung entstanden und ich sah sehr verliebt aus. An dem Tag hatte mich Nate mit einem spontanen Ausflug überrascht. Er war mit mir in die Natur gefahren, um auf einer Blumenwiese zu picknicken. In der Tat war es ein romantisches Date gewesen. Nicht, dass ich jetzt unglücklich war, aber ich hatte manchmal das Gefühl, dass wir uns auseinanderlebten: Er wollte nach der Schule direkt mit dem Medizinstudium beginnen, ich hingegen mochte lieber zuerst reisen gehen. »Ja, das war bei einem Ausflug auf das Land«, meinte ich und setzte mich neben Louisa an den Tisch. Ich gab ihr eine Tasse und stellte ihr Zucker hin. »Das war einer unserer ersten Ausflüge.« Tagesausflüge war etwas, was Nate und ich bis heute gerne miteinander unternahmen. Uns beiden gefiel die Natur und wenn schönes Wetter war, machten wir Wanderungen oder grillten mit Freunden im Wald.
Louisa hatte mir bis vor Kurzem noch in die Augen geschaut, nun senkte sie den Blick auf die Kaffeetasse. Beinahe meinte ich, Schmerz in ihrem Blick zu erkennen, und mein Herz zog sich zusammen. Hing sie noch an ihrem Ex und hatte ich sie damit an die Trennung erinnert?
»Wie …« Ich brach ab, mein Mund war auf einmal trocken. Wie konnte ich sie danach fragen, ohne ihr zu nahe zu treten? Andererseits stellte sie auch einfach Fragen, oder? Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. »Ähm, was war denn der Grund, warum du … und dein Exfreund euch getrennt habt?«
Louisa schaute auf, der Schmerz in ihren Augen schien verschwunden, aber sie tippte nervös mit dem Finger auf ihrer Tasse herum. »Ach, das …« Sie räusperte sich und trank einen Schluck Kaffee. »Also weißt du, Angie … Angelina hatte andere Vorstellungen davon, wie unsere Beziehung laufen sollte …«
Ich stutzte. Moment mal. Angelina? Das war ein Frauenname.
Und dann ergab auf einmal alles Sinn, ich fühlte mich plötzlich so nervös, wie Louisa aussah. Louisa stand auf Frauen, nicht auf Männer! Als ich genauer darüber nachdachte, merkte ich, dass sie auch nie von einem Exfreund geredet hatte, sondern nur von einem »vergangenen Partner« oder einer »Beziehung«. Und irgendwie überraschte es mich auch nicht sonderlich, obwohl ich nicht benennen konnte, warum. Ich blickte zu Louisa und unsere Blicke trafen sich. Ihre sanften braunen Augen schauten mich leicht ängstlich an, ich sah die Verletzlichkeit darin, und dass sie atemlos auf eine Reaktion wartete. Ich legte ihr eine Hand auf den Arm und schenkte ihr ein Lächeln. »Möchtest du … davon erzählen?«, fragte ich, ohne darauf einzugehen, dass sie ein Mädchen als Exfreundin hatte.
Louisa atmete aus, ich sah regelrecht, wie erleichtert sie war. »Angie war bereits als lesbisch geoutet, als wir zusammenkamen. Ihre Eltern waren auch super unterstützend«, begann sie dann zu erzählen und betrachtete wieder ihre Tasse. In ihrer Stimme schwang Bitterkeit mit. »Aber ich nicht, und sie war für mich auch die Erste. Doch sie hat mich fortan gedrängt, dass ich es meinen Eltern sagen sollte. Das und auch andere Dinge führten zu Streit und irgendwann ging es dann zu Bruch.« Louisa schaute auf und zuckte mit den Schultern. »Sie hatte nicht verstanden, dass es nicht für alle so einfach ist, wie für sie.«
»Puh«, sagte ich, selbst schockiert über die Ignoranz von … Angelina. »Das ist wirklich nicht sehr mitfühlend von ihr. Wie lange wart ihr denn zusammen?«
»Fast ein Jahr lang.«
»Wow. Hast du noch Kontakt mit ihr?«
Louisa schüttelte den Kopf, wobei ihre Haare in ihr Gesicht flogen und ihre Mundwinkel zuckten belustigt. »Nein, ich hab´ sie komplett aus meinem Leben bugsiert.« Es hörte sich so an, als ob sie es nicht bereute.
»Okay, versteh´ ich.« Ich betrachtete sie einen Moment lang stumm und bemerkte wieder einmal, wie hübsch sie war. Eine schwarze Haarsträhne hing ihr ins Gesicht und als sie sie wegschob, fiel sie wieder zurück. Sie hatte schöne Gesichtszüge und einen Teint, den ich mir nur wünschen konnte. Ich holte tief Luft, fragte mich, ob ich sie mehr zu ihrer Freundin fragen konnte. Denn als ich nun darüber nachdachte, fielen mir hundert Fragen ein, die ich ihr stellen wollte. Wie hatte sie gemerkt, dass sie lesbisch war? Wie alt war sie gewesen?
»Frag einfach«, sagte Louisa nun unvermittelt und lachte kurz.
Ich zuckte ertappt zusammen. »Du merkst wirklich alles«, lachte ich verlegen und spürte, dass ich rot wurde. Woher kam diese plötzliche Nervosität, die meine Hände zittern ließ?
»Ist nicht allzu schwer zu erraten, Süße.«
Mein Herz begann, noch schneller zu schlagen. Ich schob mir eine Haarsträhne hinter die Ohren und setzte zum Sprechen an. Mit einer Hand umklammerte ich die Kaffeetasse, als könnte sie davonspringen. »Wenn du sagst, sie war deine Erste – meinst du damit die erste Frau oder generell die erste Person, mit der du eine Beziehung hattest?«
Louisa lächelte leicht. »Sie war generell die erste Person, mit der ich eine richtige Beziehung geführt habe«, meinte sie. Im Gegensatz zu mir wirkte sie nun nicht mehr nervös, sondern gelassen und zufrieden. »Ich hatte zuvor zwei Jungs gedatet, aber ich habe nie wirklich Interesse an ihnen entwickelt – im Gegenteil.«
Ich musste lachen. »Wie meinst du das?«
»Je näher ich ihnen kam, desto weiter wollte ich weg von ihnen«, erklärte Louisa lachend. »Der eine ist jetzt ein guter Freund von mir.«
Ich lachte noch immer. »Na, dann hast du wohl auf die Art gemerkt, dass dich Frauen mehr interessieren.«
Louisa warf mir einen intensiven Blick zu. »Genau«, bestätigte sie. »Das hab´ ich eigentlich schon lange gewusst, es aber erst wirklich wahrgenommen, als ich mich richtig in ein Mädchen verliebt habe. Weil meine …« Sie unterbrach sich mitten im Satz und holte Luft, plötzlich schien ihre Nervosität zurückgekehrt zu sein. Die Worte schienen ihr nicht über die Lippen zu kommen.
»Schon okay, du musst nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst«, beruhigte ich sie sanft und legte ihr erneut eine Hand auf den Arm. Sie begegnete meinem Blick und ich sah dermaßen viel aufgewühlte Gefühle in ihren Augen, dass ich für einen Moment lang wie gefesselt davon war.
Nun bemühte sich Louisa um ein gezwungenes Lächeln. »Danke«, erwiderte sie aufrichtig. »Aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.«
Ich lachte kurz. »Na dann«, sagte ich nur leise und drückte leicht ihren Arm, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie mir vertrauen konnte.
»Also ich habe eigentlich vor, mich bald meinen, ähm, Eltern zu outen«, setzte Louisa nun neu an und befeuchtete nervös ihre Lippen. »Aber ich weiß einfach nicht, wie. Sie sind nicht gerade das, was man als offen bezeichnen würde …«
Ich biss mir betroffen auf die Lippen und widerstand der Versuchung, Louisa in den Arm zu nehmen. »Mist, sind sie streng gegen Homosexualität?«
Louisa nickte langsam. »Sie denken, das ist eine Krankheit, ein Fluch des Teufels oder Aufmerksamkeitshascherei …« Ihre Stimme klang belegt.
»Oh, Louisa«, murmelte ich und konnte nicht mehr widerstehen. Ich rückte näher zu ihr und nahm sie in den Arm. Sie ließ bereitwillig zu, dass ich sie einmal an mich drückte und dann den Arm nur langsam von ihr löste. »Aber dir ist bewusst, dass sie nicht Recht haben und du lieben darfst, wen du willst?« Zwar sollte man selten den Eltern anderer widersprechen, aber hier erlaubte ich es mir.
Louisa nickte und lächelte gerührt. »Danke Jessica, ja.« Sie fuhr sich einmal mit der Hand übers Gesicht und nahm dann einen Schluck Kaffee.
Ich widmete mich ebenfalls meinem Getränk und ehe ich nach den nächsten Worten suchen konnte, schreckte mich ein Geräusch aus den Gedanken. Sogleich reckte ich mich, um ins Wohnzimmer schauen zu können. Mia bewegte sich auf dem Sofa und schien aufgewacht zu sein.
»Lass uns nach ihr schauen«, meinte Louisa und erhob sich schon, nun wieder gefasst.
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