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Einige Monate später läuteten die Kirchenglocken mitten unter der Woche. Die Menschen trugen schwarze Kleider, und der Pfarrer sprach vom plötzlichen, unerwarteten Ableben und dass der Herr gebe und der Herr nehme. Frieda Järmann wurde zu Grabe getragen.
Emma sass mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in der Kirche. Sie war nicht überrascht von Frieda Järmanns Tod. In den letzten Monaten war der schwarze Fleck grösser geworden, so gross, dass er Frau Järmanns natürliches Strahlen überdeckte. Und ohne dieses Strahlen, hatte Emma für sich festgestellt, gab es kein Leben. Nur die Überraschung der anderen Menschen erstaunte sie: dass sie vom unerwarteten und plötzlichen Tod von Frau Järmann sprachen. Das war doch schon seit einiger Zeit klar. Konnten sie das nicht erkennen?
Gerne hätte sie der Mutter erzählt, was ihr in der Kirche in den Sinn gekommen war. So gerne wäre sie losgeworden, was sie bedrückte. Sie wollte wissen, was sie nicht verstand. Fragen wimmelten in ihrem Kopf wie Ameisen in einem Ameisenhaufen. Auf dem Heimweg nahm Emma einen neuen Anlauf, mit ihrer Mutter zu sprechen.
Doch diese wollte nichts davon hören. «Hör auf mit diesen Phantastereien, dafür bist du mittlerweile zu alt», schalt sie, «ausserdem bringt das nur Ungemach!» Rosina packte Emma an der Hand und eilte die Strasse entlang. Daheim wartete bestimmt schon Oswald und war ungehalten über das verspätete Mittagessen, und die zwei Kleinsten, Otto und Hulda, warteten bei ihrer Schwägerin. Ausserdem schmerzte ihr Rücken, der Bauch war schwer und wölbte sich weit vor unter dem schwarzen Kleid. Rosina Kunz war innerhalb von drei Jahren zum dritten Mal schwanger. Schatten lagen unter ihren Augen.
Sorgen gruben sich wie Furchen in ihre Seele. Je weniger Arbeit ihr Mann hatte, desto mehr trank er. Gewöhnlich kam er spät in der Nacht aus dem Wirtshaus, wenn sie alle längst schliefen. Er fiel zu ihr ins Bett wie ein Stein und rieb sich an ihrer Wärme. Dann schlief er ein und ihr war kalt.
Schule
«Zapple nicht so, Emma, ich kann dir die Zöpfe nicht ordentlich binden!» «Beeile dich, Stephan wartet nicht auf mich!» «Stephan ist noch nicht fertig, er wäscht sich draussen am Brunnen.» Rosina zog den Kamm durch das widerspenstige Haar ihrer Tochter. Emma wurde ruhiger.
Heute war es soweit, sie durfte in die Schule gehen. In die Schule, in der ihre Geschwister lesen und rechnen gelernt hatten. In das Haus voller Wissen, in dem es Bücher gab, in dem der Lehrer von fremden Welten erzählte. Geschafft! Emmas Haare waren gebändigt und fielen ihr in ordentlichen Zöpfen über den Rücken hinab. Der blaue Kittel über dem grauen, wollenen Rock war frisch gewaschen und wies nur eine winzige Flickstelle auf. Emma war glücklich. Ihre jüngeren Geschwister Otto und Hulda sassen auf der Küchenbank und machten lange Gesichter.
Eine langweilige Zeit würde für sie beginnen. Emma hatte ihnen Geschichten erzählt und sie aufgeheitert, wenn sie traurig waren oder der Hunger in ihren Mägen rumorte. Mit Emma war der krumme Apfelbaum draussen im Garten zum Schloss geworden, auf dem Hunderte von Apflingen wohnten und ein reges Leben führten. Apflinge waren winzige, wunderschöne Wesen mit durchsichtigen, schillernden Flügeln, welche, unsichtbar für die Erwachsenen, die Welt bevölkerten. Am Abend, wenn sie alle im Bett lagen und Emma ihnen neue Geschichten von den Apflingen erzählt hatte, konnten sie die Wesen in den Bäumen neben dem Haus wispern hören. Sogar Stephan und Rosa, die beiden älteren Geschwister, waren verstummt, wenn Emma Geschichten spann. Und was war mit Mina, der einjährigen Mina, die am gleichen Tag wie Emma Geburtstag hatte – wer würde sie jetzt aus der Wiege nehmen, wenn sie weinte?
Emma wechselte einen Blick mit Hulda und Otto, die verloren auf der Küchenbank sassen, und versuchte sie zu trösten. «Die Schule dauert nicht lange, mittags bin ich wieder zu Hause!»
Unvermittelt wurde die Küchentüre aufgerissen, ein Schwall kalter Luft, durchsetzt mit dem Geruch des Misthaufens vom Hof, quoll in die Küche. «Emma, komm jetzt! Ich will nicht zu spät sein.» Der zehnjährige Stephan stand ungeduldig in der Tür, das Gesicht und die Hände rot vom kalten Wasser des Brunnens. Die Mutter strich Emma übers Haar: «So, jetzt kannst du gehen!»
Es war nicht weit zum kleinen Schulhaus. Blühender Flieder säumte den Weg, die Strasse war schlammig vom Regen der vergangenen Nacht. Stephan und Emma umrundeten die ärgsten Pfützen, bemühten sich redlich, sich nicht gleich am ersten Schultag mit Dreck vollzuspritzen.
Die Schulhausglocke ertönte mit hellem Klang, die Türe mit den schweren Beschlägen öffnete sich, der Lehrer rief die Kinder herein. Emma kannte ihn vom Sehen, den schlanken, wendigen Mann, dessen Haarpracht zu einem schütteren, graublonden Kranz geschrumpft war. Sein Leuchten kam ihr angenehm vor. Mit ruhiger Stimme begrüsste Lehrer Kuhn die murmelnde Kinderschar und wies jedem seinen Platz im muffig riechenden Schulzimmer zu, die Erstklässler in die vorderste Reihe. Emma kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, ganz entrückt stand sie da, die Stimme des Lehrers, der sie zum Sitzen aufforderte, drang nur schwach an ihr Ohr. Da waren sie, all die magischen Gegenstände, von denen die älteren Kinder erzählt hatten: die grosse, schwarze Tafel an der Wand und auf dem Tisch des Lehrers eine grosse, blaue Kugel. Das war also ein Globus; darauf sollte man die ganze Welt sehen können! Wie war dies möglich?
Hinter dem Tisch hing das Bild eines Mannes an der Wand, der steif wie ein Stock vor einem Haus stand und streng ins Schulzimmer hinab sah, als wollte er jedes einzelne Kind persönlich an den Ernst des Lebens erinnern. Zugleich strahlte sein Gesicht eine seltsame Sehnsucht aus, die von weither kam, wie der rote Sand, den der Südwind mit sich brachte. Der Mann kam Emma vertraut vor. Wer war er? Emma stutzte: Der Mann auf dem Bild drehte den Kopf und blinzelte ihr zu. Sie schrak auf, eine Glocke ertönte. Herr Kuhn hielt sie in der Hand. «Setzt euch jetzt! Keiner springt oder steht herum!» Hastig schlüpfte Emma in die Schulbank. Die erste Schulstunde hatte begonnen.
Die Mittagsglocke ertönte, Stühlerücken, die Kinder stürmten zur Tür hinaus, in die warme Sonne. Der Lehrer sammelte seine Bücher auf dem Pult ein. In der vordersten Reihe war ein kleines Mädchen sitzen geblieben. Kuhn schaute auf, seine Augen folgten den versonnenen des Mädchens auf das Bild hinter ihm. «Emma?», fragte er, «Emma Kunz?» Das Mädchen zuckte zusammen, kam von weit her zurück. «Weisst du, wer das ist?», fragte Kuhn. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Ein fragender Blick aus grossen braunen Augen ruhte auf ihm. «Das ist dein Grossvater, Stephan Kunz. Er war hier Lehrer, so wie ich. Und er war bekannt für seine Gedichte. Hat dein Vater nie von ihm erzählt?» Wieder schüttelte das Mädchen den Kopf, eine widerspenstige Locke hatte sich aus einem der Zöpfe gelöst und hing ihr ins Gesicht.
«Emma, Emma, wo bist du?» Emmas Bruder Stephan schaute zur Tür herein. Zögernd stand Emma auf, warf noch einmal einen Blick auf das Bild des Grossvaters: «Lesen Sie mir ein Gedicht von ihm vor?» Ihre Worte klangen leise, aber bestimmt, mehr Aufforderung als Frage. Gerührt schaute der Lehrer auf die kleine schmale Gestalt vor sich, in deren Gesicht die braunen Augen wie tiefe Brunnen wirkten. Er legte eine Hand auf Emmas magere Schulter. «Ja, das werde ich, Emma!» Stephan packte Emma an der Hand, das Verhalten seiner kleinen Schwester war ihm peinlich. «Komm jetzt, Emma. Wir müssen heim!» Er zog sie mit sich fort.
Verträumt trottete Emma neben Stephan her, der mit einem Stecken auf die Büsche am Wegrand einschlug. «Jetzt weisst du, wie das geht mit der Schule, von jetzt an kannst du alleine gehen.» Er war wütend. Bei Emma wusste man nie, was ihr einfiel oder was sie sagte. Hoffentlich hatten die anderen Buben nicht gesehen, dass er sie an der Hand aus dem Schulzimmer holen musste. Und wie sie mit dem Lehrer geredet hatte, als ob sie ein Geheimnis mit ihm teilte. «Stephan, sei nicht böse auf mich. Hast du gewusst, dass dieser Mann an der Wand unser Grossvater ist? Er hat mir sogar zugezwinkert!» «Du spinnst, da war gar kein Mann!» Emma kicherte. «Ich meine den Mann auf dem Bild an der Wand! Der Lehrer hat mir erklärt, dass sei unser Grossvater. Er sei Lehrer gewesen und habe Gedichte geschrieben.» «Von dem habe ich noch nie gehört! Bist du sicher, dass er gesagt hat, er habe Gedichte geschrieben? Hier in Brittnau schreibt niemand Gedichte. Das tun höchstens die komischen Leute in den Büchern, die nichts Besseres zu tun haben.» Stephan stiess die Küchentüre auf, alle sassen am Tisch, so, wie er befürchtet hatte. Stephan zog den Kopf ein.
«Warum kommt ihr so spät?», knurrte der Vater drohend. «Wer zu spät kommt, kriegt nichts!» Stephan schlüpfte schnell auf die Bank neben Otto und Hulda, die mit gesenkten Köpfen ihre Suppe löffelten. Die Mutter war aufgestanden und schöpfte Suppe in zwei Teller. «Ich habe gesagt, sie bekommen nichts zu essen!» «Oswald, das war der erste Schultag für Emma, da kann es etwas später werden!» Emma ging zu ihrem Vater. Zutraulich legte sie ihm die Hand auf den Arm. Sie war die einzige, die sich das traute. «Vater, stimmt es, dass unser Grossvater Lehrer war und Gedichte schrieb?» «Wer hat dir denn das erzählt?» Rosina am Herd erstarrte. «Der Lehrer, der Herr Kuhn.» «Er soll euch besser etwas beibringen statt alte Geschichten aufwärmen, die ihn nichts angehen.» «Stimmt es, Vater?» Emma blieb beharrlich. Röte überzog das Gesicht des Vaters. «Was kümmert dich das? Ja, er war Lehrer, aber er musste vorzeitig mit der Arbeit aufhören, wegen seiner Gesundheit. Dann sass er im Garten unter dem Baum und schrieb Gedichte. Wir Kinder durften mit der Mutter am Webstuhl schuften, damit wir nicht verhungerten. So einer war dein Grossvater. Dank seiner Gedichte sitze ich immer noch im Keller am Webstuhl. Jetzt iss deine Suppe. Ich will nichts mehr davon hören!» Rosina stellte rasch die vollen Teller vor Emma und Stephan auf den Tisch.
Armut
Der Bauer war zufrieden. Wohlgefällig blickte er über seinen Stall, in dem die Kühe zahlreich an der Krippe standen, Heu aus der Krippe zupften, bedächtig mahlten. Er hatte Glück gehabt dieses Jahr, noch war keine Kuh erkrankt. Es schepperte, Stephan stellte den frisch gespülten Melkeimer in den Stall. «Für heute ist Feierabend, Stephan. Du kannst morgen beim Heuen helfen.» «Morgen habe ich Schule, Herr Widmer, da kann ich erst am späteren Nachmittag kommen.» «Lernt ihr überhaupt etwas in dieser Schule, der Kuhn sieht mir nicht aus wie einer, der den Kindern Respekt beibringen kann», knurrte der Bauer. «Dann kommst du halt am Nachmittag, aber trödle nicht herum!» Er wandte sich ab und schritt über den sauber gefegten Hof.
Direkt vor ihm öffnete sich die Haustür, und ein mageres Mädchen in einem verwaschenen Kleid huschte hinaus, unter dem Arm einen Laib Brot. Es stockte, als es den Bauern sah, grüsste mit gesenktem Blick und eilte davon. Bauer Widmer stiess die Tür auf, der Geruch von frisch Gebackenem umschmeichelte seine Nase. Er streifte die schweren Stiefel ab, zog den Stallkittel aus und schlüpfte in die Filzpantoffeln. In der Küche stand seine Frau am Herd, in dem ein Feuer knackte und prasselte. Sie rührte in einer dicken Gemüsesuppe, die mit grossen Fleischbrocken angereichert war. Ihr rundes Gesicht war von der Wärme gerötet, das Haar begann, sich aus den strengen Flechten rund um ihren Kopf zu lösen. «War das die Emma, die gerade hinausschlich?», polterte der Bauer. Seine Frau strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. «Ja, das war die Emma.» «Du weisst, dass es mir nicht gefällt, wenn du diesen Hungerleidern Kunz Essen gibst. Es genügt, wenn mir der Stephan im Stall hilft und dafür Milch bekommt.» Seine Frau drehte sich langsam um und sah ihm ins Gesicht: «Sei nicht so hart, Hans! Uns geht es gut. Die drüben haben viele Mäuler am Tisch, da reicht es hinten und vorne nicht. Auch nicht mit der Milch, die du Stephan gibst. Es ist unsere Christenpflicht zu helfen.» «Der Oswald soll halt seinen Verdienst nicht versaufen, dann hätten auch die Kunzens ihr Auskommen. Saufen und vögeln, das ist das einzige, was er mit Ausdauer macht. Den zu unterstützen ist nicht meine Christenpflicht.»
Widmers Frau baute sich vor ihm auf, die Arme in die ausladenden Hüften gestemmt. Ihr Ton wurde schärfer. «Jetzt mach aber einen Punkt, Hans! Dafür können weder Rosina noch ihre Kinder etwas. Denen geht es einfach mies. Unternimm endlich etwas gegen diese Misere. Oswald Kunz ist nicht der einzige im Dorf, der zuviel trinkt, und seine Frau ist nicht die einzige, die von Tag zu Tag nicht weiss, wie sie ihre Kinder satt bekommt. Es ist eine Schande!» Amalia Widmer legte eine Pause ein. Dann sprach sie leise, jedes Wort betonend: «Du bist im Gemeinderat, Hans Widmer. Heute abend ist Sitzung, Gelegenheit, die Sache endlich an die Hand zu nehmen!»
Rauchende Köpfe
Rauch verhüllte die Decke, die hohen Holzstühle ächzten unter dem Gewicht der massigen Herren, roter Wein funkelte in bauchigen Gläsern auf dem Tisch. Hans Widmer zog genüsslich an seinem Stumpen. Der Gemeindeschreiber verlas gerade die Beschlüsse der Sitzung. Er nuschelte schwer verständlich vor sich hin und schneuzte sich von Zeit zu Zeit in ein kariertes Taschentuch: «Jakob Gugelmann, Kräzersämis, wird gebüsst, weil er zwei fremde Weibspersonen beherbergt hat. Auf ein Schreiben des Bezirksamtes betreffend nächtlicher Gelage und Branntweinexzesse ergeht der Beschluss, neben dem Wächter einen Nachtwächter zu bestellen. Die Wache hat wöchentlich während wenigstens drei Nächten in der ganzen Gemeinde zu patrouillieren. Die Familie des alt Ammann J. J. Zimmerli wird aufgelöst und die blödsinnigen Kinder verdingt. Samuel Widmer, Stöcklisami, ist wegen schlechten Betragens vor der Behörde zu zwei mal vierundzwanzig Stunden Gefangenschaft zu verurteilen.»
So ging es eine ganze Weile weiter, bis der Schreiber ermattet und mit heiserer Stimme zum Schluss kam.
«So, das war’s, meine Herren. Gibt es noch etwas Wichtiges, das wir heute behandeln müssen?» Der Gemeindeammann fragte es ohne viel Elan, es war spät und höchste Zeit, dass die Sitzung zu Ende ging. Ausserdem juckte ihn der enge Kragen.
Bauer Widmer meldete sich zu Wort, langsam, umständlich, etwas nervös an seiner Villiger saugend. «Zahlreiche Kartoffeläcker, die jedes Gemeindemitglied zugut hat, sind verwildert, und es wachsen dort mehr Brennnesseln als Kartoffeln. Ich wäre dafür, dass wir die Betreffenden büssen, indem wir die besagten Grundstücke als Gemeindeweideland zurücknehmen.» «Widmer, brauchst du mehr Weide für dein Vieh?» Spott schwang in der Stimme des Holzhändlers Fabian. Seine massige Gestalt schälte sich aus dem Stumpenrauch, als er sich vorbeugte. «Du weisst doch ganz genau, dass die Kartoffeln für die meisten Familien lebensnotwendig sind, weil sie sonst hungern würden.» Widmer ereiferte sich. Verstand ihn denn niemand? Zuerst widersprach ihm seine Frau, und jetzt dieser Fabian. «Ich habe nichts gegen diejenigen, die zu ihren Äckern schauen, aber wir haben im Dorf viele Tunichtgute, die lieber im Wirtshaus hocken oder zuhause heimlich Schnaps brennen, als ihre Äcker zu bestellen. Dem müssen wir einen Riegel schieben. Schaut doch einmal, wie viele blöde Kinder wir in der Gemeinde haben, die wir unterstützen müssen. Das kommt von diesem Teufelszeug! Den Grossteil unserer Gemeindeeinnahmen verwenden wir für Lebensmittel und Kleidung für die Armen, derweil ihre Äcker brach liegen. Das kann doch nicht so weitergehen!» Polternd liess er seine Faust auf den Tisch fallen und lehnte sich selbstzufrieden zurück. Damit sollte das Thema vom Tisch sein, dachte er.
Aber Gemeinderat Fabian hakte nach. «Das Problem ist, Widmer, dass die meisten von ihnen mit der Handweberei nicht mehr genug Geld verdienen, seit es die automatischen Webstühle gibt. Schau doch mal bei deinem Nachbarn in den Keller, der sitzt in diesem dunklen, feuchten Loch und weiss ganz genau, dass das, was rauskommt, nicht zum Leben reicht – unter solchen Umständen würdest auch du zu saufen beginnen. In den Spinnereien ist es nicht besser, dort müssen sie ebenfalls für einen Hungerlohn schuften. Ich sage es ungern in diesem Kreis, aber die Zustände in unserer Gemeinde, meine lieben Kollegen Gemeinderäte, sind eine Schande.»
Es wurde still. Verstohlene Blicke wurden ausgetauscht, der Gemeindeammann hüstelte nervös. Gerold Fabian war bekannt für seine ungewöhnlichen Ansichten, man wusste, dass er sogar Bücher las. Unangenehm war das, denn was er sagte, entsprach der Wahrheit. Und es verlangte nach Taten. Zudem musste man den Mann ernst nehmen, sein Holzhandel war lukrativ und brachte Geld in die Gemeindekasse.
Widmer bekam einen roten Kopf, der Schreiber einen Hustenanfall. Immer dieser Besserwisser! Der Bauer versuchte es auf die sanfte Tour. «Das ist ja gut und recht, Fabian, aber deswegen verwildern die Äcker trotzdem. Ich bin für Massnahmen!» Fabian lachte hell auf. «Solche Massnahmen wie diejenige, als die Gemeinde die untragbarsten Elemente nach Amerika zwangsverschickt hatte? An die hundertfünfzig waren es. Am Schürberg siehst du noch immer die kahle Stelle vom Holzschlag, den die Gemeinde durchführen musste, um die Reisekosten zu bezahlen! Und jetzt, schicken wir wieder eine Schiffsladung hinüber? Mittlerweile haben die Amerikaner leider gemerkt, welche Geschenke wir ihnen machen und weigern sich, weiterhin solche Menschen aufzunehmen. Widmer, ich sage dir, sie haben recht: Wir können unsere Probleme nicht einfach auf die anderen abwälzen!» Jetzt hatte sich Fabian in Fahrt geredet, denn dies war eines seiner Lieblingsthemen. Er las täglich das «Aargauer Tagblatt» sowie zusätzlich die «Neue Zürcher Zeitung» und war auf dem Laufenden.
Der Gemeindeammann griff schlichtend ein. «Meine Herren, beruhigen Sie sich bitte!» Schweissperlen rannen über seine Stirn. «Wir werden schon eine Lösung für dieses Problem finden.» Er stöhnte, denn das Ende der Versammlung war in weite Ferne gerückt.
Da meldete sich Hansheinrich Müller, wie Hans Widmer besass er ein grosses Bauerngut. Müller war ein kleiner, schmaler Mann, dessen sechs Söhne ihn um Haupteslänge überragten. Er trug meist ein fremdländisch anmutendes Beret, das er sich drüben bei den Franzosen geholt hatte. Seine hellblauen Augen schauten verschmitzt in die Welt. «Ich muss Widmer Recht geben, es nützt niemandem etwas, wenn gutes Ackerland verwildert. Am allerwenigsten den Armen. Aber Fabian hat auch recht, wir müssen etwas gegen dieses Elend unternehmen, in dem so viele Einwohner von Brittnau stecken. Vor allem dieser Schnaps, den sie selber brennen und den sie sogar ihren kleinen Kindern geben, ist ein Übel. Der Schnaps führt auf direktem Weg zur Verblödung. Deshalb schlage ich vor, dass wir Bürger, die ihr Ackerland nicht bewirtschaften, verwarnen. Wenn sie im Jahr darauf ihr Land immer noch nicht nutzen, wird es ihnen weggenommen und verpachtet. Mit dem Pachtzins kaufen wir Lebensmittel, die wir an die Bedürftigsten abgeben.» Müller hatte sachlich gesprochen, wohlüberlegt seine Gedanken, abgewogen die Worte. Jetzt sah er erwartungsvoll in die Runde.
Da und dort war ein Nicken zu erkennen oder zustimmendes Gemurmel. Bauer Widmer war noch damit beschäftigt, das Gehörte zu verarbeiten, man sah ihm an, wie es in seinem Kopf mahlte. Fabian hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt, das Gesicht halb abgewandt im Schatten. Da spielte Müller seine beste Karte aus: «Ausserdem schlage ich vor, dass wir auf Gemeindekosten Wein kaufen», sagte er und hob das Glas, «es muss nicht gerade ein edler Tropfen sein.» Er schaltete eine Kunstpause ein, trank genüsslich einen Schluck, bevor er fortfuhr. «Diesen Wein geben wir in den Wirtshäusern billig ab.»
Schlagartig verstummte die Runde. Dann redeten alle durcheinander, einige der gesetzten Herren hatten sich erregt erhoben. «Dieser Müller kann nicht recht im Kopf sein! Wein billig abzugeben, wo doch viele Einwohner von Brittnau dem Alkohol verfallen sind! Verstehe einer diesen Unsinn!», krähten die einen. Andere erkannten das Bestechende der Idee.
Die Sitzungsordnung drohte zu zerfallen. Der Gemeindeammann entriss dem Schreiber zu seiner Rechten das Protokollbuch und hieb damit auf den Tisch, dass die Gläser Luftsprünge machten. «Ruhe, Ruhe, verdammt noch mal! So geht es nicht! Gemeindeschreiber, notieren Sie Müllers Vorschläge und setzen Sie sie auf die Traktandenliste für die nächste Sitzung. Das gibt uns allen Zeit, darüber nachzudenken. Die Sitzung ist beendet.»
Seufzend fuhr er mit seinem Finger unter den engen Hemdkragen. Der Finger war klitschnass. Der Wirt kam herein, riss die Fenster auf, stürmischer Wind bauschte die Vorhänge, Regen klatschte an die Hausmauer.
Die Gemeinderäte waren nicht die einzigen, die spät dran waren. Aus der Wirtsstube nebenan torkelten ein paar Gestalten die Treppe hinab, auf die Strasse, wo Wind und Wetter sie verschluckten. Diese Nacht würde der Nachtwächter allzu lange Gänge unterlassen.
Nacht
Die Nächte waren schlimm. Gegen Mitternacht hörte man den Vater mit schweren Schritten die Treppe hochsteigen. Meist war er betrunken. Heute vielleicht nicht? Vielleicht ging er nur schlafen. Banges Warten, harren auf das nächste Geräusch. Emma bemerkte, dass ihre Schwester aufgewacht war. Sie vernahmen, wie der Vater ins nebenanliegende Elternschlafzimmer trampelte. Die dünnen Wände dämpften weder Schall noch Aggression. Man hörte ihn rumoren, mit den Stiefeln auf den Boden treten, derbe Flüche ausstossen.
«He Weib, auf mit dir, zieh mir die Strümpfe aus!» «Lass mich in Ruhe, ich bin müde, ich will schlafen.» «Was? Komm jetzt, aber schnell! Sonst helfe ich dir!» Die Herzen der Kinder schlugen ihnen bis zum Hals, die Ahnung kurz bevorstehender Gefahr schnürte ihnen die Kehlen zu. Starr lagen sie in ihren Betten.
Emma spürte die Angst der Mutter und der Geschwister. Die Härchen auf ihren Armen kräuselten sich. «Nicht, Emma, geh nicht, das letzte Mal hat er dich geschlagen!», flüsterte Hulda. Im Nebenraum beschimpfte der Vater die Mutter mit unflätigen Worten, und die Kinder vernahmen heftiges Keuchen, als sei drüben ein Kampf im Gange. Die Mutter verstummte.
Emma öffnete die Tür zum Schlafzimmer der Eltern. Sie tastete nach dem Arm des Mannes. «Vater, lass bitte die Mutter schlafen. Ich ziehe dir die Strümpfe aus», flüsterte sie. Der Mann drehte sich um und liess von der Frau ab. «Ein faules Weib ist sie, immer weist sie mich ab. Ich werde es ihr zeigen!» Emma betete inbrünstig: «Bitte, hilf mir, oh mein Gott.» Sie fühlte das Unglück des Vaters und dass er nur einen Anlass zum Streiten suchte. Tief in ihrem Innern empfand sie Kraft und Sicherheit. Wieder berührte sie ihn sanft an der Schulter, ihr Körper schauderte. Der Vater wurde ruhiger und liess sich von Emma auf die Bettkante helfen. Sie schnürte seine schweren, vom Strassenstaub beschmutzten Schuhe auf und zog an einem Fuss. Er drückte ihr den andern Schuh ans weisse Nachthemd und hinterliess einen Dreckfleck.
Kaum hatte sie seine Schuhe ausgezogen, fiel er hintenüber und schlief ein. Emma hievte seine Beine aufs Bett und zog die Decke über ihn. Es war noch einmal gut gegangen.
Ihre Mutter blickte dankbar auf. Müde und abgehärmt sah sie aus. Emma ging mit leisen Schritten zu ihrem Bett zurück. Der Vater schnarchte. Ihre Schwester hatte die Decke über den Kopf gezogen, und auch in den anderen Betten rührte sich niemand. Emma flüsterte: «Es ist vorbei, er schläft.» Erleichterte Seufzer waren die Antwort. Emma kniete neben ihr Bett und dankte, dass alles gut gegangen war. Dann schlüpfte sie zu ihrer Schwester unter die Decke.
Am nächsten Morgen weckte die Mutter die Kinder früh: «Seid leise, der Vater schläft noch.» Stumm zogen die Kinder ihre Kleider an und huschten zur Mutter in die Küche, wo Haferbrei in einer Pfanne kochte.
Rosina sah ihre Tochter an: «Emma, heute kannst du nicht in die Schule, wir haben Waschtag. Ich brauche dich hier.» Emma begehrte auf. Sie ging gern zur Schule. Dort war eine andere Welt als diese hier. Eine, die ihr viel mehr entsprach! Sie wollte hinaus aus der Enge dieses Kreislaufs von Angst, Verzicht und Machtlosigkeit, in die Weite, die ihrem Wesen entsprach! Dorthin, wo es kein dauerndes Jammern oder Schimpfen gab, kein «mach dies!» oder «lass jenes!» Der Lehrer war gerecht, er plagte die Kinder nicht.
Emma mochte das Rechnen und Schreiben. Und sie liebte Geschichten. In der geistigen Beschäftigung, im Rechnen genauso wie im Träumen, entrann sie der lähmenden Schwere ihrer Umgebung. Jetzt murrte sie lauthals: «Immer muss ich waschen! Kann nicht die Rosa helfen? Wir dürfen heute in der Schule einen Aufsatz schreiben!»




