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Die Mutter schüttelte den Kopf. «Hast du vergessen, dass Rosa ins Bernische fährt?» Jetzt fiel es Emma wieder ein. Ihre ältere Schwester war zu einem Bauern ins Emmental verdingt worden. Maria und Jakob waren auch nicht mehr da. Maria arbeitete als Dienstmagd beim Ochsenwirt und kam nur an ihren freien Tagen heim, und Jakob hatte in der Schuhfabrik in Brittnau eine Anstellung als Schuhmacher erhalten. Er hatte Glück gehabt.
So waren Emma und Stephan nun die ältesten der übriggebliebenen fünf Kunz-Kinder. Emma seufzte. Jetzt, da Rosa wegging, musste sie noch mehr im Haushalt helfen. Wo war ihr Leben? Wo ging es hin?
«Wo ist die Emma Kunz?», fragte der Lehrer in der Schule. Stephan, der ältere Bruder, duckte sich hinter den Rücken seines Vordermannes. Otto, Emmas jüngerer Bruder, wand sich. «Sie musste zu Hause bleiben und bei der Wäsche helfen.» Der Lehrer wandte sich ab, die Kinder sollten seinen Zorn nicht sehen. Es war immer das Gleiche bei diesen kinderreichen, armen Familien! Die Kinder kamen unregelmässig zur Schule, da sie zu Hause helfen mussten. Eine Sauerei.
Emma Kunz war ein sehr begabtes Mädchen! Neulich hatte der Lehrer seiner Frau einige Abschnitte aus einem ihrer Aufsätze vorgelesen. Beide hatten sich an der lichten Kraft des Textes gefreut, an der Art und Weise, wie die Schreiberin aus schwerem Stoff einen weichen, trostvollen Umhang wob. Sie glich darin ihrem Grossvater, dessen Gedichte über das Niveau eines Dorfdichters hinausragten. Lehrer Kuhn war ein Bewunderer von Stephan Kunz, der sich mit seinen Gedichten über die ärmliche Enge seines Alltags erhoben hatte, der es trotz niederer Herkunft und kränkelndem Körper geschafft hatte, Lehrer zu werden. Möge dasselbe auch Emma gelingen, denn sie war ein besonderes Kind!
Seine Frau hatte dem Lehrer erzählt, dass die Leute im Dorf über das Mädchen tuschelten. Die Emma sei eine Komische, man wisse nie genau, wo sie hinschaue, und sie sage unheimliche Dinge. Dinge, die sie eigentlich nicht wissen könne.
Wieder einmal wurde Kuhn schmerzlich bewusst, dass seine Ehe kinderlos geblieben war. Ein so aufgewecktes Kind wie Emma wäre ein wahrer Segen gewesen. Er seufzte. Der Schoss seiner Frau schien nicht fähig zu sein, Früchte zu tragen. Sie litt sehr darunter. Hatte sie sich ihm früher bereitwillig zugewandt, ihre grossen Brüste an seiner Brust gerieben und seine Männlichkeit freudig willkommen geheissen, drehte sie ihm nun den Rücken zu. Bestand er doch auf seinem Recht, kam ihm vor, als ob er einen trockenen Acker bezwingen müsste, wo früher ein Quell lustvoller Freuden gewesen war.
Am Bach
Sonntagmorgen auf dem Land. Rundherum der Klang von Kirchenglocken. Frisch gebügelte Röcke, gestärkte Hemdkragen und sauber gewichste Schuhe. Der Braten im Ofen oder auch nur ein Kartoffelauflauf. Kaum Fuhrwerke, keine Arbeiter. Ruhe, Friede, rote Backen. Kirchgang, fest gefügtes Ritual, die Männer gingen anschliessend in die Wirtschaft, die Frauen an den Herd.
Emma eilte zur Kirche, die Bänder der weissen Sonntagsschürze im Gehen bindend.
Die schweren Kirchentore waren bereits geschlossen, der Klang des ersten Liedes, das die Kirchgänger angestimmt hatten, drang gedämpft nach draussen: «Näher mein Gott zu Dir».
Das Mädchen stand vor dem ehrfurchtgebietenden Portal. Es zögerte, verharrte unentschlossen. Die Schwere des Bauwerks passte so gar nicht zur Leichtigkeit, die es angesichts dieses hellen Tages empfand. Emma drehte sich um und ging. Schnell an der Kirche vorbei, die schmale Gasse hinab und hinaus aus dem Dorf. Über eine Wiese voll blühender Blumen, hinunter an den Bach rannte sie und liess die Gedanken fliegen.
Schliesslich setzte sie sich ins Gras und legte das Gebetbuch neben sich. In der Kirche war es ihr am Sonntag zu eng. Die Gedanken der Menschen in dem Gebäude klangen durcheinander, lauter als der vorgetragene Choral. Und all die Frauen, die argwöhnisch kontrollierten, ob ihre Kleider auch sauber und geflickt waren! Unangenehm. Sie streifte die kratzigen Strümpfe ab, um ihre Füsse ungehindert ins Bachwasser tauchen zu können.
Das schwarze Buch, das neben ihr lag, erinnerte sie an ihre Pflichten. Schuldbewusst nahm sie es in die Hand und las ein Gebet. Während sie las, wusste sie genau, dass sie am richtigen Ort war, ihr Herz jubelte, ihr Blut pulsierte, die Haut an den Beinen rötete sich im kalten Wasser.
Emma hoffte, dass ihre Mutter nichts von ihrem Ausflug an den Bach erfuhr, den sie anstelle des Kirchgangs unternommen hatte. Die Mutter lag zuhause im Bett. Krank. Eine ganze Woche lang hatte sie es nie verlassen. Eine Fehlgeburt, und Rosina war um ein Haar gestorben, verblutet. Die Hebamme hatte dem Vater ins Gewissen geredet, die Mutter dürfe keine Kinder mehr bekommen, das nächste würde sie nicht überleben. Der Vater hatte gemurrt, getobt und der Hebamme gedroht, aber jetzt liess er Rosina in Ruhe. Dafür verbrachte er noch mehr Zeit im Wirtshaus. Der Himmel strahlte blau, über ihrem Haus stand eine graue Wolke.
Die Sonne schien, und so schmerzvoll, wie Emma Drangsal erlebte, so sehr fühlte sie auch die Kraft des Lebens. Jetzt genoss sie dieses Geschenk. Hier an diesem Bach war Gott nahe, gleich neben ihr, und sie wandte sich an ihn. Worte formten sich, und schnell nahm sie aus der Rocktasche das kleine Notizbuch, das ihr der Lehrer Kuhn geschenkt hatte. Damit sie ihre Geschichten aufschreiben könne, hatte er gemeint. Dieses Büchlein, das sie immer bei sich trug, war Emmas grösster Schatz. Sie schrieb ihre Sätze in kleiner Schrift, damit es nicht so schnell voll würde.
Nun sass sie konzentriert da, das Büchlein auf dem Schoss, den Bleistiftstummel in der Hand:
«Du armi Seel, was jammerist
Dem andre dini Sorge.
Lue, jede bhaltet’s Glück für sich,
Nit eine tuets dir borge.
Wenn z’lide häst, so träg es still,
Doch eis tue nit vergesse,
s chunt anders scho, wenn Gott es will,
Er tuet ja s’Glück zuemesse.
Gott schenkt au Trost zur rechte Zit,
Hilft Not und Chummer träge,
Und wär’s zum Ziel au lang und wit,
Im Warte lit dr Säge.»
Fein säuberlich reihten sich die Buchstaben aneinander, selbstverständlich fanden sich die Reime. Emma lächelte zufrieden und steckte ihr Heft zurück in die Rocktasche. Sie sinnierte vor sich hin, zwischen den dunklen Augen richtete sich steil eine Falte auf. Plötzlich wurde ihr der Kopf schwer, und sie stützte ihn auf die Hände.
Vieles von dem, was der Pfarrer in der Kirche predigte, verstand sie nicht. Es klang sehr streng, fremd und wurde mit ernstem Blick verkündet. Es war verknüpft mit so vielem, was man sollte und musste und nicht durfte. Emma kannte den Unterschied zwischen Büchern und dem Leben, zwischen dem Reden und dem Sein sehr genau. Den Graben zwischen den Worten in des Pfarrers Predigt und seinen Gedanken konnte sie lesen wie ein einfaches Buch. Solche Widersprüche stanken wie verschwitzte Socken.
Emmas Fähigkeiten, Verborgenes wahrzunehmen, nahmen rasch zu. Kaum etwas in ihrer Umgebung entging ihr. Die Fähigkeit wurde zur Pein, oft so schlimm, dass sie meinte, sie nicht mehr zu ertragen. Dann hämmerte ein Schmerz in ihrem Kopf, die Gedanken rasten, ihr wurde übel. In solchen Momenten reichte ihr die Mutter die Bibel, damit sie darin lese und Trost fände.
Rosina Kunz war bange, als sie zu verstehen begann, dass ihr Kind mehr sah als andere, dass es Worte hören konnte, bevor sie ausgesprochen wurden, dass es ins Innere der Menschen blickte wie durch eine Fensterscheibe in ein Haus. Das war in ihren Augen Hexenwahn, und davor vermochte nur der Glaube zu schützen – wenn überhaupt. Emma war dies nur recht, sie las gern, und Jesus Christus, der sich für die Menschen geopfert hatte, erschien ihr als Vorbild. Auch er hatte gelitten, so wie sie selbst litt, und auch er war ausgelacht und ausgestossen worden. Das tröstete sie.
Der Klang der Kirchenglocken drang in Emmas Bewusstsein. Sie erschrak. Schon so spät! Schnell streifte sie die Socken über, schlüpfte in die Schuhe, nahm ihr Buch und rannte an der Kirche vorbei, bevor sich das grosse Portal öffnete und die Kirchgänger sie erblickten. Zuhause schlüpfte sie in die Küche. Ihre Mutter stand am Herd, schwach und zittrig, in der Hand hielt sie ein Holzscheit. Der Herd war kalt.
Emma erschrak. «Mutter, was tust du da?» «Es gibt ein richtiges Essen», antwortete Rosina matt und deutete mit abwesender Miene auf den Tisch, auf dem ein frisch gerupftes Huhn ohne Kopf lag. «Endlich gibt es ein richtiges Essen. Der Schwager ist vorbeigekommen mit einem Suppenhuhn, er ist ein guter Mensch, Gott segne ihn.» Emma erschrak, das Suppenhuhn beachtete sie nicht, ihr Blick fixierte die Mutter. «Mutter, geh ins Bett, ich koche!» Die Mutter, bleich im Gesicht, wankte. Eingefallen die Züge, schwankend der Gang. Emma schob sie aus der Küche in Richtung Schlafkammer, die Mutter liess es mit sich geschehen. Elend langsam zog sie sich die Treppe hinauf und verschwand in ihrem Zimmer.
Emma band sich die Schürze um und griff nach dem Eimer: «Für diese Suppe hole ich frisches Wasser vom Brunnen», dachte sie. Eifrig machte sie sich auf den Weg und sammelte im Garten Kräuter, von denen sie wusste, dass sie der Kranken auf die Beine helfen würden.
Julia
«Nein, du kannst Julia nicht besuchen!» Die Stimme der Mutter klang bestimmt. «Sie ist sehr krank, und niemand kann ihr helfen. Die Krankheit ist ansteckend, deshalb wirst auch du nicht hingehen. Freundin hin oder her. Ich will nichts mehr davon hören!»
Emma blickte ihre Mutter abwesend an. Sie wusste, sie würde Julia besuchen. Sie wusste nur noch nicht, wie sie das bewerkstelligen wollte. Julia war ihre einzige Freundin, sie verspottete Emma nie, wenn diese etwas sah, was die anderen Kinder nicht wahrnehmen konnten. Sie teilte ihr Pausenbrot mit Emma, wenn diese nichts dabei hatte. Das war deshalb aussergewöhnlich, weil Julia Lerch die Mädchen des ganzen Dorfes zu Freundinnen hätte haben können. Sie hatte ein freundliches Wesen und stammte aus einer besseren Familie. Allen war es ein Rätsel, was die beliebte Julia an der komischen Emma fand.
Emma wandte sich ab, schwieg und begann mit dem Abwasch. Diesmal würde sie ihrer Mutter nicht gehorchen. Sie würde den erstbesten Augenblick nutzen, um sich davonzustehlen.
Wenig später klopfte sie scheu bei Lerchs an die Haustür. Sie war noch nie da gewesen. Lerchs waren wohlhabende Leute, sie wohnten weit entfernt vom Handweber Kunz. Die Familie besass ein herrschaftliches, strahlend weiss getünchtes Haus, dessen Vorgarten mit Blumenrabatten verziert war. Julias Mutter öffnete die Tür. Ihr Gesicht war bleich, und in ihren Augen verschwand Gottes wunderbare Schöpfung wie ein Stecken, den man in einen brackigen Tümpel wirft.
«Was willst du?» Unfreundlich, wie es sonst nicht ihre Art war, fuhr sie das Mädchen an. Innerlich ärgerte sie sich über sich selbst: Sie hatte nicht die Absicht gehabt, die Türe zu öffnen. Der Kummer über die niederschmetternde Diagnose, welche der Arzt ihr am Morgen eröffnet hatte, schnürte ihr das Herz zu. Frau Lerch wollte nichts und niemanden sehen. «Was willst du?», wiederholte sie ihre Frage, ohne zu bemerken, dass sie dem Kind gar keine Zeit gelassen hatte zu antworten.
Emma zuckte zusammen, aber dann blickte sie der Frau mutig in die Augen. «Ich will Julia besuchen.» «Julia ist schwer krank, sie kann jetzt niemanden empfangen.» Anneliese Lerch wollte entschieden auftreten, aber die Augen des Mädchens stimmten sie milde. In diesen Augen lag ein verborgener Zauber, ein Licht, das sie anrührte. «Wer bist du?», fragte sie. «Ich bin die Emma Kunz, ich sitze in der Schule neben Julia.» «So, du bist Emma!» Anneliese Lerchs Gesicht hellte sich auf. «Julia hat viel von dir erzählt. Komm herein, Julia freut sich sicher über Abwechslung. Aber komm ihr nicht zu nah, die Krankheit ist sehr ansteckend.»
Die Frau führte Emma in ein grosses Zimmer im ersten Stock des Hauses. Emma staunte. Jeder Raum, den sich betraten, war in einem anderen Farbton gehalten. Julias Zimmer war in Rosarot getaucht, vor den grossen Fenstern hingen dicke Vorhänge und hüllten das Zimmer in Dämmerlicht. Das ausladende Bett war kunstvoll verziert, goldene Kugeln blinkten von den Seitenstützen. Ein kleiner eleganter Sekretär stand an der Wand, Tintenfass und Feder griffbereit.
Julia verschwand beinahe in den Kissen mit dem weissen Damastbezug, ihr bleiches Gesicht hob sich davon ab wie der Schatten eines Nebelfetzens auf einer Schneefläche. Sie versuchte sich aufzurichten, aber ein Hustenanfall zwang sie in die Kissen zurück.
Emma nahm Julias Hand in die ihre. Anneliese Lerch wollte einschreiten, aber ihre Stimme versagte. Julia atmete stossweise. «Emma! Es ist schön, dass du gekommen bist. Erzählst du mir eine Geschichte?» Emma setzte sich auf den rot gepolsterten Stuhl vor Julias Bett. Das Ticken der grossen Standuhr in der Ecke fiel aus dem Takt.
Emma erzählte. Sie erzählte von all den wundervollen Elfen, die in den Blumen im Garten wohnten und im Sonnenschein ihren Reigen tanzten. Dazu atmete sie im Gleichklang mit der Kranken und hielt ihre Hand. Ab und zu glänzte zwischen den Hustenattacken ein feines Lächeln auf Julias Gesicht. «Bist ein Engel», flüsterte sie im Fieber. «Bist du ein Engel?»
Als Julias Mutter nach einer Stunde den Raum betrat, schlief ihre Tochter ruhig. Ihr Gesicht glich dem vollen, rosigen Mond. Emma Kunz sass still daneben und hielt Julias Hand. Anneliese Lerch betrachtete die beiden Kinder gerührt. Tränen rannen über ihre Wangen.
Beim Abschied drückte sie Emma eine Tafel Schokolade in die Hand und bat sie, bald wieder zu kommen. Emma nickte.
Dann wankte sie nach Hause. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Ihr war schrecklich übel. Die Häuser, die Strasse, die Menschen drehten sich in wildem Tanz um sie herum. Die Schokolade steckte sie zuhause ihren kleinen Schwestern zu, dann sank sie auf ihr Lager und begann zu husten. «Bin ich froh, dass Mutter nicht weiss, wo ich gewesen bin», dachte sie, bevor die Dunkelheit sie umfing.
Im Halbschlaf sah sie das rosafarbene Zimmer Julias vor sich. Den Sekretär mit der Feder und dem Tintenfass. Sie seufzte und zog die Wolldecke enger um sich, froh, dass sie, seit Rosa fort war, das Bett für sich allein hatte. Ihr war abwechselnd glühend heiss und eiskalt. Das Tintenfass aus Julias Zimmer verwandelte sich in ihren Grossvater. Er streichelte ihre Stirn. Emma sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Am nächsten Tag stand sie fröhlich auf, der Husten war verschwunden, und Emma sehr hungrig. Die Mutter war erleichtert, als sie Emma mit Heisshunger einen Teller Haferbrei essen sah. Schnell machte sich Emma für die Schule bereit und war zur Tür hinaus, bevor ihrer Mutter eine Arbeit einfiel, mit der sie sie zurückhalten konnte.
Auf dem Heimweg besuchte Emma erneut ihre Freundin. Julia sass in dicke Decken gehüllt im Garten, in der Nähe der Rosen. Ihre Mutter strickte aus gelblicher Wolle Binden für die Armen. Sie erhob sich und ging Emma entgegen. «Guten Tag, Emma, schön, dich zu sehen! Julia geht es viel besser. Der Arzt hat gesagt, es sei ein Wunder, dass sie sich erholt hat – damit hätte er nicht gerechnet. Julia wünschte sich heute so sehr in der Sonne zu sitzen und die Rosen zu riechen, dass ihr Vater sie in den Garten getragen hat.» Anneliese Lerch strahlte.
«Emma!», Julia war aufgeregt, «Emma, ich habe sie gesehen. Hier bei den Rosen habe ich sie gesehen, und sie haben wirklich getanzt.» Frau Lerch blickte verdutzt auf, aber Emma lachte laut, sie freute sich mit Julia. Erwachsene konnten die Blumenelfen nicht sehen. Erwachsene brauchten nicht alles zu sehen.
Schulschluss
Die Schulzeit verflog, und das kleine, magere Mädchen entwickelte sich zu einer hochgeschossenen, jungen Frau. Emma war grösser geworden als ihre zwei älteren Schwestern Maria und Rosa. Dünn war sie noch immer, aber unter den meist zu knappen Kleidern blühten weibliche Formen auf. Emma Kunz war zu einer Schönheit herangewachsen, mit grossen Augen, dunklem glänzenden Haar und ebenmässigen Gesichtszügen.
Zur Schulabschlussfeier zeigte sie sich stolz in einem neuen weissen Kleid mit farbig gestickten Blumen am Saum. Niemand hatte es zuvor gesehen, sie hatte es selbst genäht. Nähen war keineswegs ihre Lieblingsbeschäftigung, das stundenlange Stillsitzen und feine Sticheln langweilte sie. Aber sie hatte durchgehalten. Ausserdem trug sie einen Schal, den ihr die Mutter in den Farben der Blumen im Garten gewoben hatte.
Die schwarzen Knöpfchenstiefel hatte sie poliert, bis der Glanz der Schuhwichse die Falten überstrahlte, die der jahrelange Gebrauch durch drei Kunz-Kinder hinterlassen hatte. Die langen Haare hatte sie sich in Flechten rund um den Kopf gewunden. Schmuck sah sie aus am letzten Schultag. Aber Trauer überschattete die Freude über das neue Kleid. Die Schule hatte Abwechslung in den harten Alltag gebracht. Das war nun vorbei. Was würde kommen?
Im Schulhaus fand eine kleine Feier statt. Der Lehrer verabschiedete die Schulabgänger. Mit einem warmen Lächeln überreichte er Emma das Zeugnis; es war das beste Zeugnis des Jahrgangs.
Einige Tage zuvor war er unangemeldet bei der Familie Kunz aufgetaucht. Es sei schade, wenn Emma keine höhere Schule besuchen könne, hatte er gemeint. Ihre Tochter sei sehr intelligent, hatte er Oswald und Rosina Kunz eindringlich erklärt, er halte es für wichtig, dass sie die Chance erhalte, sich weiterzubilden. Er hatte auch angeboten, Mittel und Wege für die Finanzierung der Ausbildung zu finden. Eine Stunde lang hatte er auf Emmas Eltern eingeredet. Vergeblich. Sie hatten abgewinkt. Der Vater wäre um ein Haar grob geworden. Die Emma solle sich nicht für etwas Besseres halten als die anderen, hatte er laut zur Antwort gegeben.
Alexander Kuhn behielt beim Abschied Emmas Hand einen Augenblick länger in der seinen. «Was tust du jetzt, Emma?» «Ich bleibe zuhause und helfe der Mutter. Es gibt viel zu tun mit meinen kleinen Geschwistern, der Arbeit im Haus und auf dem Acker. Vielleicht gehe ich in die Fabrik.» Der Lehrer seufzte tief, drückte ihr nochmals die Hand und liess sie gehen.
Zuhause, bei seiner Frau, brach es aus ihm heraus: «Wie schade!» Er sagte es zornig, bitter. «Sie hätte Lehrerin werden können, wie ihr Grossvater. Ein begabtes Mädchen, es ist ein Elend!» Die Frau schwieg und fasste seinen Arm. Sie kannte die Geschichten. Aus der Nachbarschaft, von der Strasse, vom Frauenverein, aus dem Laden, vom Kirchenchor.
Emma ging zum letzten Mal den Weg von der Schule zum Elternhaus. In drei Wochen würde sie vierzehn Jahre alt werden. Sie war traurig. Aber nicht allzu lange, denn es war Frühling, und die ersten Blumen zeigten sich in aller Farbenpracht.
Ihre kleine Schwester kam angerannt. Eine warme Hand schob sich in die ihre. «Emma, Emma, warte auf mich! Denk doch, heute abend werden die Strassenlampen zum ersten Mal angezündet!» Mina deutete auf die Eisenstangen mit dem seltsamen Glasaufsatz und dem kleinen Fenster, die vor ein paar Tagen vor den Augen der staunenden Dorfbevölkerung aufgestellt worden waren. «Kommst du mit, ich möchte das gerne sehen?» Emma nickte und überlegte sich, wie das wohl sein würde, wenn nicht mehr Mond und Sterne das Dorf beleuchteten, sondern diese Lampen.
Die Zeit brachte Veränderungen ins Dorf. Eine besondere Erleichterung waren die Wasserhahnen im Haus – das Wasserholen draussen am Brunnen bei jedem Wetter und jeder Temperatur entfiel. Man drehte an dem Eisenhahnen in der Küche, und das Wasser plätscherte aus der Röhre.
Und man hörte von der Industrialisierung. In Strengelbach entstand eine Fabrik, in der Wolle von Maschinen verstrickt wurde. Wie mochte das gehen? Emma konnte sich nicht vorstellen, wie das, was sie mit ihren zwei Händen und Stricknadeln tat, von Maschinen übernommen werden konnte. Viele Frauen aus Brittnau erhielten eine Anstellung in der Fabrik. Das klang gut, nur waren die Löhne niedrig und die Arbeitszeiten lang. Vieles änderte sich, abgesehen davon änderte sich wenig. Vielen blieb nur das Armenhaus.
Emmas Tag war angefüllt mit Arbeit in Haus, Garten und dem kleinen Flecken Allmend, das ihnen die Ortsbürgergemeinde überlassen hatte. Ihre Mutter hatte sich von der letzten Fehlgeburt nicht mehr erholt und kränkelte. Emma übernahm ihre Arbeit.
Der Vater
Vorsichtig öffnete Emma die Tür. Es war still im Raum, das Geräusch des Schlagbaums im Keller war nicht zu hören.
«Komm herein, Emma.» Da sass er im Dunkeln, die Petrollampe hatte er nicht angezündet. «Vater, es ist dunkel hier drin, ich will Licht machen.» «Nein, lass nur, mir ist wohler so.»
Emma trat behutsam näher. Die Gestalt des Vaters krümmte sich über dem Webstuhl zusammen, der in leinenen, weiss-roten Streifen gezettelt war. «Kann ich etwas für dich tun, Vater? Hast du Schmerzen?» So, wie es an Licht im Raum mangelte, so fehlte das Lebenslicht ihres Vaters. Emma schauderte, eine eigenartige Kälte ging von ihm aus. Oswald Kunz schüttelte den Kopf. «Für mich kann niemand mehr etwas tun, Emma. Soeben war der Meier hier und hat erklärt, er habe keinen Auftrag mehr für mich. Der Stoff aus der Fabrik ist billiger als den, den ich webe.» Er stockte. «Es gibt keine Arbeit mehr, verstehst du, Kind! Wie wollen wir da unser Brot verdienen?»
Emma legte die Hand auf die Schulter des Vaters, Schluchzer entrangen sich seiner Brust. Sie hatte ihren Vater noch nie so zerstört erlebt. «Hab Vertrauen, Vater, es werden sich andere Wege öffnen.»
Er lachte kurz und bitter, brauste für einen Augenblick auf. «Andere Wege? Welche denn? Zauberst du uns einen Braten auf den Tisch, Emma? Andere Wege!» Wieder dieses Lachen, das an einen Wüstenwind erinnerte, der die fruchtbaren Felder mit Sand zudeckt und die Brunnen vertrocknen lässt. «Vater!» Emma beharrte. «Frag doch in der Uhrenstein-Fabrik drüben nach Arbeit!»
Oswald Kunz hatte genug geredet. Er hatte überhaupt genug. Er erhob sich, schob seine Tochter beiseite. «Ich kenne nur einen anderen Weg, einen, der die Bitterkeit des Lebens versüsst. Meier hat wenigstens noch die letzte Arbeit bezahlt.» Er griff zu seiner braunen Jacke.
«Vater, Mutter schickt mich. Sie braucht Geld für den Bäcker, wir haben kein Brot mehr!» «Sag ihr, ich habe nichts, gar nichts.» «Das stimmt nicht!» Emma stellte sich ihrem Vater in den Weg. «Du hast doch gerade gesagt, der Meier habe bezahlt. Willst du das alles ins Wirtshaus tragen?»
Jetzt war es heraus. Emma hielt den Atem an. Wie würde er reagieren? Normalerweise war der Vater nur gewalttätig, wenn er betrunken war. Aber so etwas hatte noch niemand zu ihm gesagt.
Der Mann starrte das Mädchen mit leerem Blick an. «Das geht dich gar nichts an», knurrte er düster. Er kramte eine Münze aus seiner Tasche, drückte sie ihr in die Hand, zog die Jacke an und stürzte hinaus.
Unbekannte Gefühle
Ein junger Mann sass am Waldrand und schaute über das Land. Die Sonne schien, der blassblaue Himmel versprach einen warmen Frühlingstag, und doch überfiel ihn von Zeit zu Zeit eiskalte Angst. Vor sich sah er die dunkle Studierstube seines Vaters mit den schweren Möbeln und den gewichtigen Büchern in den Regalen. Sein Vater war einer, der den Kindern Zucht und Ordnung mit der Rute beibrachte. Und heute abend würde er diesem Vater sein Zeugnis zeigen müssen und ihm beichten, dass er nicht mehr zurück aufs Seminar gehen konnte. Sie hatten ihn rausgeworfen, wegen schlechter Noten, und dann hatte man ihn mehr als einmal erwischt, wie er frühmorgens durchs Fenster des Wohnheims hineinkletterte.
Der junge Mann seufzte, lehnte sich an den Baumstamm und schloss die Augen. Friedlich war es hier. Friedlich!
Kinderstimmen ertönten, er öffnete die Augen. Eine Kinderschar kam lachend und schwatzend angerannt. Mitten unter ihnen ein wunderschönes, etwas älteres Mädchen, gross gewachsen mit feinen Gesichtszügen, das lange, dunkle Haar zu zwei Zöpfen geflochten. Unter dem einfachen dunklen Kleid verbarg sich ein wohlgeformter Körper. Diese Beine, diese Hüften, diese Brüste! Der Pfarrerssohn wurde unruhig.
Die Kinder hatten ihn entdeckt, und die zwei Jüngsten näherten sich ihm neugierig. Sie sahen ihn erstaunt an. Mitten am Tag sass da ein junger Mann einfach im Gras. Das kannten sie nicht. Musste der nicht arbeiten?
«Hulda, Mina, kommt!» Das ältere Mädchen war in einiger Entfernung stehengeblieben. Die zwei kleinen Mädchen zögerten, und schnell fragte der junge Mann: «Was macht ihr hier?»




