Wolfgang Nairz - Es wird schon gut gehen

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Die diversen alpinen Vereine in Innsbruck, die Karwendler, die Gipfelstürmer, die Melzerknappen, die Wettersteiner und wie sie alle heißen, sind gesellschaftlich höchst unterschiedlich orientiert, und da gab’s auch die verschiedensten ideologischen Ausrichtungen. Es hat – was heute weitgehend verdrängt wird – in der Zwischenkriegszeit in Innsbruck auch eine jüdische Bergsteigergruppe gegeben. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat noch lange eine Art Lagerdenken bestanden. So hat’s neben dem traditionell eher nationalen AAKI auch den „schwarzen“ AAVI, den Akademisch Alpinen Verein, gegeben. Und natürlich, wie überall, auch die „roten“ Naturfreunde. Haben diese ideologischen Unterschiede zu deiner Zeit noch eine Rolle gespielt? War dir das irgendwie bewusst?
Ein gewisses nationales Denken war bei uns in der Familie schon da. Aber die Zeit, als wir in die Dolomiten gefahren sind, war dann auf ganz andere Weise eine politisch sehr heikle. Die „Bumser“, die in Italien Sprengstoffanschläge verübten, waren nicht selten Bergsteiger, und ich war nahe daran, selbst in diese Kreise zu geraten.
Wer nicht!
Ja, wer nicht. Wir haben damals auch dauernd Schikanen erlebt. Wenn wir mit dem Zug nach Bozen gefahren sind, haben uns die Carabinieri stundenlang am Bahnhof den Rucksack aus- und wieder einpacken lassen, um zu schauen, ob wir vielleicht Bomben mithaben. Oder wenn wir die Goldkappl-Südwand im Tribulaungebiet an der damals gesperrten und bewachten Grenze zwischen Österreich und Italien gegangen sind, haben wir uns von der Nordtiroler Seite anschleichen und in einem Schafstall übernachten müssen, dann sind wir über den Stacheldrahtzaun an der Grenze gestiegen und zum Einstieg gelaufen. Dass unter solchen Verhältnissen widersprüchlichste Gedanken aufkommen, ist nicht verwunderlich. Wir haben von der großen Freiheit der Weltberge geträumt und gleichzeitig die Unfreiheit in unserer nächsten Nähe erlebt.
Diesen Konflikt hat ja damals der Südtiroler und Kosmopolit Reinhold Messner mit seinem berühmten Satz „Meine Fahne ist das Schnäuztuch“ drastisch charakterisiert. Aber wie war denn das persönliche Verhältnis der Mitglieder der vielen Innsbrucker Bergsteigervereine untereinander? Ihr habt euch wohl alle gekannt, aber wart ihr Freunde oder eher Konkurrenten?
Wir waren keine Freunde im wirklich freundschaftlichen Sinn. Wir haben uns alle gekannt und sind auch miteinander Touren gegangen. Aber wir waren bergsteigerisch gesehen schon harte Konkurrenten. Das heißt, wenn die „Gipfeler“, die Gipfelstürmer, eine neue Route in den Kalkkögeln eröffnet haben, dann sind wir diese gleich nachgegangen, um zu sehen, ob das, was sie ins Tourenbuch geschrieben haben, auch stimmt, ob die Schwierigkeitsbewertung angemessen ist. Wenn das unserer Meinung nicht so war, sind jede Menge ironischer Bemerkungen dazugeschrieben worden. Man braucht sich nur das Tourenbuch der Adolf-Pichler-Hütte anzuschauen, in das übrigens auch schon Buhl seine Touren eingetragen hat. Da finden sich beispielsweise die sensationellen Erstbesteigungen eines Walter Spitzenstätter von den Gipfelstürmern und daneben immer die oft despektierlichen Bemerkungen der Kletterer anderer Klubs.
Ein wichtiger Faktor bei der Bedeutung Innsbrucks als „alpines Biotop“ war wohl, dass es eine Universitätsstadt ist. Deshalb auch die vielen akademischen Vereine: der AAKI, der AAVI, die Akademische Sektion des Alpenvereins. Durch die Uni ist ja auch zum Beispiel jemand wie der „Preußen-Peter“ oder ein Oswald Oelz nach Innsbruck gekommen, weil sie eben da studiert haben. Was war die Universität für dich?

Der Berg als Studienobjekt: Beim Gletschervermessen am Hintereisferner in den Ötztaler Alpen
Für mein bergsteigerisches Leben war die Uni schon sehr wichtig, da ich mich ja für ein Studium entschieden hatte – Meteorologie und Glaziologie –, das sich auf den Bergen abspielt. Unser Klubbruder Herfried Hoinkes war der Institutsvorstand und hat immer wieder gefordert, in die Berge zu gehen und dort zu forschen. Die Studenten sind ja auch nicht, wie manchmal gelästert wurde, nur für ein „Skisemester“ nach Innsbruck gekommen, sondern weil sie hier ein Zentrum alpiner Forschung vorgefunden haben mit hervorragenden Professoren, wie eben Herfried Hoinkes oder den Geografen Hans Kinzl und Franz Fliri.
Und das hat sich in deiner Generation fortgesetzt.
Ja, und zwar auf mehreren Gebieten: einmal in der Höhenmedizin mit Oswald Oelz, dann in der Meteorologie mit Karl Gabl, in der Gletscherforschung mit Gernot Patzelt oder in der Chirurgie mit Raimund Margreiter, der sich mit den Verletzungen durch das Anseilen auseinandergesetzt hat und auf unserer Everest-Expedition unter schwierigsten Bedingungen Sherpas operiert hat, also lauter Disziplinen, die eng mit dem Bergsteigen zu tun haben.
Die 1950er-Jahre in Tirol kannten neben Hermann Buhl oder Sepp Jöchler vor allem ein sportliches Idol, und das war Toni Sailer, der 1956 bei den Olympischen Spielen von Cortina im alpinen Skilauf alles gewann, was zu gewinnen war. Wie hast du als gebürtiger Kitzbüheler und sportbegeisterter Bub ihn wahrgenommen?
Neben den Bergsteigern haben wir als Buben natürlich vor allem die Skifahrer bewundert, und der am meisten bewunderte war klarerweise Toni Sailer. Ich habe ihn später persönlich kennen und schätzen gelernt. Als Skilehrer musste er für die Skiführerausbildung einen Alpinkurs abschließen und ich war zu dieser Zeit Lehrer in der österreichischen Berg- und Skiführerausbildung. Toni Sailer wurde meiner Gruppe zugeteilt und wir machten großartige Hochgebirgstouren in der Silvretta. Toni war trotz seiner Berühmtheit ein bescheidener Mensch mit viel Humor und fügte sich wie jeder andere in die Gruppe ein. Den Skiführerkurs hat er mit Auszeichnung bestanden – wie konnte es anders sein.
In meiner Tätigkeit als Presse- und Werbechef der Tirol Werbung traf ich Toni Sailer wieder bei einer Veranstaltung anlässlich der Skiweltmeisterschaft 1993 in Morioka in Japan. Franz Klammer und Karl Schranz waren auch dabei, aber das Interesse der japanischen Medien galt nur dem „Toni“. Ein ganzes Skigebiet, das Sailer Valley, war nach ihm benannt worden.
In Kitzbühel lud ich Toni dann zu einer Ballonfahrt ein. Wir schwebten über die Berge der Kitzbüheler Alpen und er war begeistert, seine Heimat aus der Vogelperspektive zu betrachten. Die meisten Gipfel kannte er und fasziniert schaute er auf „seine Streif“ hinunter. Anschließend lud er die ganze Crew in sein Haus in Gundhabing zwischen Kitzbühel und Reith ein, wo dann in seinem Weinkeller die traditionelle Ballonfahrertaufe stattfand. Mit „Land der Berge“, der Sendung des ORF unter Manfred Gabrielli und Lutz Maurer, planten wir mit Toni Sailer und einigen jungen Skirennläufern ein Trekking in Nepal, da Sailer von den großen Himalaya-Bergen, wie er sagte, immer geträumt hatte. Leider kam es aus Termingründen nicht dazu.
Zu Toni Sailers 70. Geburtstag im November 2005 schenkte ich ihm mein Nepalbuch sowie eine Ansichtskarte, die ich beim Golden-Everest-Jubiläum von vielen Everestbesteigern, darunter auch Edmund Hillary, unterschreiben hatte lassen. In meinem Fundus fand ich noch einen kleinen Stein, den ich 1978 vom Gipfel des Mount Everest mitgebracht hatte, sowie die Everest-Jubiläums-Medaille, die anlässlich des 50-Jahre-Jubiläums der Erstbesteigung in Nepal geprägt worden war. All das schickte ich Toni Sailer. Eine Zeitlang hörte ich nichts, doch dann kam sein Antwortschreiben; ein Brief, den ich als wertvollen Schatz in meiner Sammlung halte. Toni Sailer verstarb am 24. August 2006.

KLETTERHEIMAT KALKKÖGEL: „ES HAT SO SCHÖN GEPLUMPST“
Im Mondlicht sehen sie noch imposanter aus, die Türme, Zacken und Wände der Kalkkögel. Die Wasserstreifen, die die Wände hinunterrinnen, glänzen dann und die Schotterhalden, die von den Scharten und Wandfüßen bis ins Grün hinunterziehen, sehen aus wie fahle, silberne Bäche. Wir stehen beim Gedenkstein des Akademischen Alpenklubs am Sonntagsberg. Die Spitze des Steins ist mit einem Kranz von Almrosen und Latschen geschmückt, im Kupferkessel brennt ein Feuer. Heute ist das Stiftungsfest des AAKI, nach der Festrede wird das Klublied angestimmt:
Den ersten Preis dem Alpenland, dem Lande unsrer Liebe,
den Bergeshöh’n im Firngewand, hoch überm Weltgetriebe.
Wenn wieder sich im hellen Grün die Alpenmatten zeigen,
fühl ich in mir ein seltsam Glühn, denn jetzt gilt’s flott zu steigen.
Wie wird mir da der Sinn so klar, versenkt in all die Wunder,
seh ich der Eisgiganten Schar, getaucht in Flammenzunder.
Drum Brüder auf, den Sang erhebt zum Preis der Zauberlande.
Es haben ja nur halb gelebt, die nie da droben standen …
Es läuft mir über den Rücken hinunter und ich bekomme einen Knödel im Hals, als wir dieses Lied singen, aber ich finde, sein Pathos passt in diese großartige Landschaft. Wir wollen nicht „halb“ leben, wir wollen das Leben in vollen Zügen genießen, besonders in den Bergen.
Die Kalkkögel und die Adolf-Pichler-Hütte des Akademischen Alpenklubs Innsbruck haben mich mein ganzes Bergsteigerleben begleitet. Als die Hütte im Winter bewirtschaftet war, habe ich von Grinzens aus, das lange Senders tal hinein, als Träger gearbeitet. Mit 50, 60 Kilo am Rücken bin ich hineinmarschiert zur Kemater Alm und weiter zur Hütte. Ich habe dies als Training gesehen, auch wenn ich dabei gut verdient habe: zweieinhalb Schilling pro Kilo. Das war ein ordentlicher Verdienst! Als die Hütte dann erweitert und ausgebaut wurde – unser Alter Herr Hans Pircher hat dem abgerissenen „Häusl“ mit dem Satz „es hat so schön geplumpst“ einen würdigen Nachruf gehalten –, war ich als Baugehilfe den ganzen Sommer dort oben. Jeden Tag um vier Uhr nachmittags haben die Maurer die Kellen auf die Seite gelegt und wir sind zu irgendeinem Einstieg gerannt, um bis zum Dunkelwerden noch die eine oder andere Klettertour zu machen. Feste wurden gefeiert, manchmal bis ins Morgengrauen, und wir sind nicht nur einmal nach so einem Fest direkt zum Einstieg gegangen. Fridolin „Puti“ Purtscheller hat einmal gesagt, nach so einer Nacht sei es viel einfacher zu klettern. Man müsse nur warten, bis sich die Wand zurücklehnt, und dann schnell klettern, bis sie sie sich wieder nach vor lehnt.

Kalkkögel (Standort Seisenalm), Öl auf Leinwand, 40 × 170 cm (Foto Maria Peters)
Im Tourenbuch der Adolf-Pichler-Hütte zu blättern, ist ein Vergügen. Akribisch sind alle Neutouren eingetragen und nicht weniger akribisch die Bemerkungen der Wiederholer. Das erste Tourenbuch reicht von 1904 bis 1964, darin finden sich lauter berühmte Namen: Auckenthaler, Schmidhuber, Buhl, Rebitsch, Mariner, bis herauf zu den Kletterern meiner Generation: Walter Spitzenstätter, Otti Wiedmann oder Kurt Schoißwohl. Hias Rebitsch war es, der einmal gesagt hat: „Wer in den Kögeln klettern kann, kann überall klettern.“ Hier in den Kalkkögeln habe ich das Klettern gelernt. Und so erinnere ich mich oft an besondere Erlebnisse zurück: Wie wir im Schneetreiben aus der Riepen-Nordwestwand erst im Dunkeln ausgestiegen sind und die Seile so vereist waren, dass wir die Knoten nicht mehr aufbrachten und angeseilt bis in die Hütte zurückgingen. An manche Erstbegehung denke ich oder an meine Alleinbegehung der Fischer-Fohringer an der Kleinen Ochsenwand. Heute kommt mir das Schaudern, wenn ich dort hinaufsehe und daran denke. „Es haben ja nur halb gelebt, die nie da droben standen …“ Und so liege ich in den Almrosenfeldern am Sonntagsberg und sehe zu, wie die Wolkenfelder über die Gipfel hinwegziehen.
DIE FRÜHEN TOURENBÜCHER
Meine Tourenbücher beginnen im Jahr 1958. Genauestens habe ich zehn Jahre bis 1967 jede meiner Touren niedergeschrieben, mit Bemerkungen über Schwierigkeit, meine Befindlichkeit und die meiner Freunde, über Wetter, Anzahl der nach der Tour getrunkenen Biere oder die mühsamen Anfahrten in die Dolomiten mit Eisenbahn und Bus. Über das „sauschwere“ Gepäck habe ich geschimpft, über einen Sonnenuntergang vor dem Zelt habe ich gejubelt.

Zehn Jahre Tourenbücher: Sauschweres Gepäck, bejubelte Sonnenuntergänge und viele Biere – alles ist festgehalten.
20. 6. 1962: Fleischbank-SO-Verschneidung, Versuch und Umkehr, dafür auf den Bauernpredigtstuhl, Rittlerkante
21. 6. 1962: Karlsspitze Direkte Ostwand, am Nachmittag per Autostopp nach Innsbruck, da am nächsten Morgen Darstellende-Geometrie-Schularbeit, danach wieder per Autostopp nach Ellmau und auf die Gaudeamushütte
22. 6. 1962: Fleischbank-SO-Verschneidung, diesmal hat’s funktioniert, und anschließend noch Predigtstuhl-Westverschneidung – habe alles geführt!
7. 7. 1963: In den Kalkkögeln: In der Früh Kleine Ochsenwand: Fischer-Fohringer, am Nachmittag Riepenwand, Alte NW-Wand
6. – 22. 8. 1962: Dolomitenurlaub:
Schwer bepackt mit 3 Rucksäcken und einem Zelt mit dem Bus nach Misurina und zu Fuß auf die Auronzo-Hütte und weiter zur Lavaredo-Hütte, dort stellen wir das Zelt auf.
8. 8. 1962 Kleine Zinne, Gelbe Kante
10. 8. Westliche Zinne, Demuthkante
11. 8. Große Zinne, Nordwand, Comiciführe
13. 8. Weiter in die Civetta
16. 8. Torre Valgrande NW-Wand
18. 8. Civetta-NW-Wand: wieder habe ich fast alles geführt!
1. Winterbegehung, Kleine Ochsenwand, Bazanellapfeiler
aus dem vierten Tourenbuch, 1963
Am Samstag, dem 28. 12. 1963 fahren wir mit dem Bus mit unseren Riesenrucksäcken in die Axamer Lizum, mit dem Lift geht’s auf den Hoadl und hinten hinunter auf die Kemater Alm. (Jetzt kann man wirklich singen: … Zwoa Brettln und nirgends a Schnee …)
Diesen „schneelosen“, aber eiskalten Winter wollen wir – Heralt Schneider und ich – aber zum Klettern nützen. Bereits am nächsten Tag steigen wir in Richtung Alpenklubscharte hinauf. Wir wollen die 2. Winterbegehung der Fischer-Fohringer-Route an der Kleinen Ochsenwand machen. Erst um 11:00 Uhr steigen wir ein. Es ist saukalt (soll heißen sehr sehr sehr kalt!), 2x habe ich den „Hoanigl“, doch bald werden die Finger wieder warm. Nach 1¾ Stunden steigen wir aus. Wir queren das Band zur Alpenklubscharte hinaus, dort treffen wir Sepp und Hansjörg, die die 1. Winterbegehung der rechten Nadelsockelkante gemacht haben.
Am Abend beim Wein kommen wir auf die verrückte Idee, uns den Bazanellapfeiler näher anzuschauen. Um halb acht wachen wir auf. Es ist schönes Wetter, jedoch viel kälter als am Vortag. Wir zögern noch kurz, dann stehen wir auf.
30. 12. 1963 Kleine Ochsenwand, Direkter Nordpfeiler (Bazanella), 1. Winterbegehung
Beim Einstieg zittern und frieren wir. Es fängt ziemlich schwer an. Zuerst geht’s über brüchigen Fels zu einem kleinen Standplatz (kalte Finger!). Ein feiner, überhängender Riss durchzieht den rechten Wandteil. An die Kälte hat man sich jetzt schon gewöhnt und wir klettern ziemlich schnell. Wo der Riss aufhört, quert man nach rechts auf die Kante und geht dort weiter bis auf die Schulter des Pfeilers. Der Haken, der dort angeblich stecken sollte, ist eingeschneit. 10 Meter absteigen über abschüssigen, vereisten Fels, dann spreizt man ca. eineinhalb Meter auf die Wand hinüber, da war mir nicht ganz wohl zumute. Die nächste Länge ging es dann leicht hinauf bis zu einem guten Standplatz.
Jetzt beginnen die Hauptschwierigkeiten: Man quert circa 4 Meter nach links, dann geht es in einen überhängenden Riss hinein. Zuerst stecken noch drei Haken, dann geht’s ca. 8 Meter überhängend, kleingriffig und abdrängend hinauf bis zum nächsten Haken. Dann steckt noch ein Haken, aber es wird noch schwerer! Für die rechte Hand ist ein Griff da, für die linke Hand ein paar kleine Griffe (… du hast ja nur zwei linke Hände, schreit Heralt herauf! …). Tritte sind keine da. Beim nächsten Haken muss ich mich erst einmal erholen. Heralt fotografiert fleißig. Auf den nächsten 5 Metern bis zum Standplatz unter dem Dach sind nur ein paar Miniaturgriffe vorhanden, für die Füße nichts! Der Standplatz ist sehr klein und vor allem luftig. Heralt kommt nach. Den Riss ist er bald heroben, da er eine Fifi hat, doch dann geht ihm bald das Schmalz aus (… die Liesl wird ihn in der Nacht schon nicht schlafen lassen haben, ich hab halt doch die bessere Kondition …). Zuerst zaubert er mit seiner Fifi herum, dann streckt er sich bis zum nächsten Haken, schreit: „ Pass auf, i fliag! …“

Kalte Finger und ein Krampf in den Händen: Heralt Schneider bei der ersten Winterbegehung des Bazanellapfeilers in den Kalkkögeln
Ich rede ihm noch gut zu, jedoch 1½ cm vor dem Haken ist es endgültig aus, Heralt hängt 2 Meter tiefer und flucht! Ich habe ihn ganz gut gehalten, und er versucht jetzt verzweifelt, sich hinauf zu hanteln, doch sein Schmalz lässt immer mehr nach, und nach 45 Minuten kann ich ihn auch nicht mehr halten. Ich lasse ihn noch bis auf ein Band (nach meiner Aussage), Griff (nach Heralts Aussage) hinunter und fixiere dann die Seile. Jetzt habe ich einen Krampf in den Händen und spüre die Finger nicht mehr vor lauter Kälte, und Heralt muss selber schauen, wie er mit seinem Salat zurechtkommt. Er flucht, schimpft, ächzt, wirft mir alle Schimpfworte dieser Welt zu, aber schließlich prusikt er sich zu mir herauf. Inzwischen habe ich meine Finger wieder warm bekommen. Der Standwechsel ist ziemlich schwierig.
Nun geht es über das weit ausladende Dach in einen engen Kamin (ich blieb zuerst mit dem Kopf stecken!) und weiter in einen Riss. Dieser endet nach circa 15 bis 20 Metern in schwieriger Freikletterei auf einem guten Standplatz. Heralt, der noch immer nicht viel Schmalz hat, kann ich nachziehen. Langsam kommt er auch wieder zu Kräften! Nun geht es in eine Höhle und weiter oben aus dieser wieder hinaus. Langsam wird es dunkel. In der darauffolgenden Schlucht ist es saukalt, wirklich saukalt, vereist und dunkel. In einem Riss sehe ich einen Haken stecken. Der Riss wird immer brüchiger, und beim nächsten Haken hänge ich mich hinein, um meine Finger zu wärmen. Beim Weitergehen halte ich mich kurz daran – und habe ihn auch schon in der Hand! Die nächsten 10 Meter bis zum Band sind noch äußerst schwierig und sehr brüchig. Am Band angelangt kann ich endlich aufatmen. Heralt kommt schnell und bald nach und wir queren das Band hinaus zur Alpenklubscharte.
Gewonnen!
Heralt schuldet mir 5 Schnäpse: 2x hat er das Knie verwendet, 1x für den Flug und 2x fürs ziehen! Es sind aber mehr geworden …
P. S. Gagga und Spitz ärgern sich, dass wir ihnen am Bazanellapfeiler zuvorgekommen sind!
DIE INNSBRUCKER BERGSTEIGERSZENE DER WILDEN SIEBZIGER MIT WOLFI NAIRZ, DEM UNBEKÜMMERTEN
Von Oswald Oelz
Meine Stadt der Helden war Innsbruck, von dort stammten die wilden Vorbilder, allen voran Hermann Buhl. Als an einem Sommermorgen 1957 der Radiosprecher meldete, Buhl sei an der Chogolisa abgestürzt, sagte ich erschrocken am Frühstückstisch, mir wäre lieber, meine Schwester wäre gestorben. Vom Vater bekam ich eine Ohrfeige, Mutter war entsetzt und meine Schwester weinte. Aber mir war ernst. Ein Jahr später durfte ich als 15-Jähriger in den Kalkkögeln eine Ausbildungswoche unter Leitung von Wastl Mariner machen und kam 1961 zum Medizinstudium in die Heldenstadt Innsbruck. Hier lebten Walter Spitzenstätter, Otti Wiedmann und Robert Troyer, und mein mich sehr schnell übertreffender Kletterschüler Gagga brachte mich in den Dunstkreis der „Gipfelstürmer“. Von denen wusste man, dass sie wilde Hunde waren und schon einmal ein Hüttenmobiliar zerkleinerten, um bei einem Stiftungsfest herauszufinden, wie groß der resultierende Holzhaufen werde. An einem Standplatz in der Martinswand traf ich den späteren Professor Friedl Purtschscheller. Wenig später machte Puti mich mit Wolfi Nairz bekannt, sicher war es in einer Kneipe: „Das hier ist der Wolfi, der studiert Glaziologie, auf der Uni sieht man ihn nie, der ist immer am Gletscher oder beim Klettern.“ Wolfi beherrschte schon damals die Kunst des entspannten Seins, das trotzdem oder deswegen erfolgreich war. Er war Mitglied des Akademischen Alpenklubs und damit automatisch Konkurrent, da ich mich im Kreis der „Gipfelstürmer“ bewegte.
An einem Samstagabend saßen Kurt „Gagga“ Schoißwohl, Robert Troyer und ich im Gasthaus, als das Wort Rotwand fiel. Drei Stunden später waren wir dank Robert am Karerpass und beim Morgengrauen am Einstieg der direkten Führe von Brandler und Hasse. Mittags erwarteten uns die Gipfelstürmer mit zwei Flaschen Kalterer See am Gipfelplateau. Daraus wurde ernsthaftes Trinken und resultierte meine Aufnahme in diesen elitären Club. Dies war meiner Meinung nach für einen Vorarlberger das Höchste, was in Innsbruck zu erreichen war. Somit konnte ich die Großen auf Augenhöhe ansprechen, selbst wenn sie Klassen besser waren. Dieses verheißungsvolle Kletterleben wurde durch meine Promotion jäh unterbrochen, und ich verzog zur weiteren medizinischen Tätigkeit nach Zürich. Hätte da nicht Gert Judmaier am 3. September 1970 am Gipfelgrat des Mount Kenya einen sehr großen lockeren Felsbrocken gelöst und wäre damit abgestürzt, hätte ich im Leben wohl noch einige Touren und Trekkings gemacht, wäre aber in der Bergsteiger-Anonymität verdämmert. Dank der offenen Unterschenkelfraktur von Gert auf 5100 Meter in totaler Einsamkeit und wildestem Gelände und der siebentägigen Bergung kam ich in Innsbruck wieder ins Gespräch. Die primäre Versorgung mit Hilfe kenianischer Bergsteiger und die vom Vater Fritz Judmaier mit Gerhard Flora organisierte Rettung brachte uns in die Schlagzeilen der Presse bis zu einer langen Geschichte im Reader’s Digest. Nur in Innsbruck konnte damals innert 24 Stunden eine so professionelle Rettungstruppe zusammengestellt werden: Walter Spitzenstätter, Werner Haim, Horst Bergmann, Walter Larcher, Kurt Pittracher und Raimund Margreiter. Für mich geschah damals ein Wunder, Gert überlebte, die Innsbrucker Szene hatte im Ernstfall perfekt funktioniert.
Dann besuchte ich Gert in der Innsbrucker Chirurgischen Klinik, die hatten damals so eine Art Bergsteigerabteilung. Wer immer irgendwo herunterfiel und nicht gleich tot war, im Seil gehangen oder sich Finger oder Zehen erfroren hatte, wurde dort behandelt. Im Bett neben Gert lag mit grimmigem Gesicht Reinhold Messner, der nach der Überschreitung des Nanga Parbat und dem Lawinentod seines Bruders Günther auf die Amputation seiner schwarzen Zehen wartete. Wir kamen schnell ins Gespräch, er sagte mir, dass Wolfi Nairz eine Expedition zum Baur-Sporn am Kangchendzönga plane und dass ich als Expeditionsarzt vorgesehen sei. Wenig später tauchte auch Wolfi auf und bestätigte das. Ich sagte zu, ohne eine Sekunde zu zögern. Erstens wollte ich unbedingt in den Himalaya und zweitens war ich felsenfest überzeugt, dass der lockere Tunichtgut Wolfi unter Wunschträumen litt und ein solches Unternehmen nie organisieren könne.
Erwartungsgemäß scheiterte das Gesuch für den Kantsch in Delhi, aus Nepal kam aber die Genehmigung für die Südwestwand des Manaslu. Wir trafen uns regelmäßig in Innsbruck, aus Wolfis Wohnung wurde ein chaotisches Materialdepot und die neuen Kameraden Andi, Franz, Hans, Josl, Horst und Reinhold zu Freunden. Auch die Finanzierung war chaotisch, aber gelegentlich tröpfelten einige Schillinge herein. Wolfi machte das, wir brauchten uns um wenig zu kümmern und, wie er versicherte, uns keine Sorgen zu machen, er habe gute Verbindungen zu Walli, dem legendären Landeshauptmann. Die Kontakte wurden im Gasthaus Stiegl gepflegt.



