Wolfgang Nairz - Es wird schon gut gehen

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Die Anekdote wirft aber ein bezeichnendes Licht auf eure Unbekümmertheit und damit auch ein wenig auf euren Expeditionsstil. Ihr wart schon – wenn ich es einmal so sagen darf – rotzfreche Typen, oder?
Ja, es hat sich – auf Deutsch gesagt – „koana was gschissn“ (Lachen). Es war ja die Zeit der Nach-Achtundsechziger. Deshalb habe ich mein vorhergehendes Buch ja auch „Die wilden siebziger Jahre im Himalaya“ genannt.
Ein Schlüsselwort jener Zeit war das „Aussteigen“. Wart ihr Aussteiger? Sind vielleicht Bergsteiger generell Aussteiger?
Aussteiger waren wir nicht und wollten es auch nicht sein. Wir wollten vor allem so viel Zeit wie nur irgendwie möglich neben dem Beruf oder Studium in den Bergen verbringen. Aber wichtig war, bei aller Unbekümmertheit und aller Frechheit, dass wir alle gute Bergsteiger waren. Und dass wir uns gut kannten. Beides zusammen war die Voraussetzung für die Erfolge. Mit guten Bergsteigern etwas zu tun, ist einfacher, wenn sich diese kennen, wenn sie befreundet sind, bevor sie irgendwo in die Weltberge hinausziehen. Es ist schwieriger, wenn sich eine international zusammengewürfelte Expedition erst am Berg trifft und dann Top-Bergsteiger aus verschiedensten Nationen erstmals zusammenarbeiten sollen. Da zählt dann oft vor allem persönlicher Ehrgeiz und weniger das Gemeinsame.

Kathmandu, Frühjahr 1982: Wolfgang Nairz lauscht den Erzählungen Herbert Tichys über die Erstbesteigung des Cho Oyu.
In dem Buch, das vor ein paar Jahren zum 100. Geburtstag des Cho-Oyu-Erstbesteigers Herbert Tichy erschienen ist, hast du ein Kapitel geschrieben. Und da beschreibst du den Expeditionsstil Tichys als sehr unterschiedlich zu dem der Expeditionen Herrligkoffers und Hunts, deren Berichte – und jetzt zitierst du Tichy – „fast wie Kriegsmeldungen klangen und deren Teilnehmer wie Soldaten einen feierlichen Eid der Kameradschaft schworen“. Im Gegensatz dazu war Tichys Expedition bescheiden, was das Budget und die Zahl der Teilnehmer betraf. Und er hat damit – wie du schreibst – das Himalaya-Bergsteigen revolutioniert. War er ein Vorbild für den Expeditionsleiter Nairz?
In einem hohen Maß. Dazu trug bei, dass mit Herbert Tichy, den ich ja erst viel später kennengelernt habe, auch der Tiroler Sepp Jöchler unterwegs war. Und Jöchler war – wie Buhl – ein „Karwendler“ und ist auch bei uns zu Hause ein und aus gegangen. Ihn habe ich also auch früh als Vorbild gehabt. Und Tichys Buch „Cho Oyu – Gnade der Götter“ war für mich prägend, auch für den Stil unserer Expeditionen.
In deinem Buch „Die wilden siebziger Jahre im Himalaya“ beschreibst du eine Situation am Cho Oyu. Da heißt es: „Im Basislager setzten wir uns mit allen Sherpas zusammen. Ich machte ihnen klar, dass wir alle gemeinsam hart arbeiten müssen, wenn wir den Gipfel erreichen wollen, und dass es keinen Unterschied zwischen Sherpas und Sahibs gibt.“ „Wenn wir alle zusammenarbeiten“ – das war die Botschaft –, „hat auch jeder eine Chance auf den Gipfel“. War das der große Unterschied zu dem Stil der vorhergehenden Generation, dass man auch mit den Sherpas gemeinsam plante?
Klar, das brachte uns auch Vorteile. Wir profitierten ja von den Erfahrungen der Sherpas. Und da war eben Tichy ein Vorreiter, der am Cho Oyu seinen Sherpa Pasang Dawa Lama als gleichberechtigtes Expeditionsmitglied ansah.

Manaslu-Südwand 1972: Hans Hofer (rechts) und Wolfgang Nairz im Schmetterlingstal

MANASLU 1972: DER „BERG DER SEELE“ ALS ORT DER PRÜFUNG
Mein erstes Expeditionsziel im Himalaya war also 1972 der Manaslu, mit 8163 Metern Höhe der achthöchste Berg der Erde, dessen Namen „Berg der Seele“ bedeutet. Er war 1956 von einer japanischen Expedition erstbestiegen worden, und auch die zweite Besteigung gelang Japanern, sodass der Manaslu als „Japanerberg“ galt, so wie der Everest gern als Berg der Engländer und der Nanga Parbat als „Schicksalsberg der Deutschen“ bezeichnet wurde.
Die Besteigung der Berge des Himalaya war einem ähnlichen Muster wie Jahrzehnte davor die Eroberung der Alpengipfel gefolgt: Nach der Besteigung auf der einfachsten Route – ich möchte hier absichtlich das Wort „Normalweg“ vermeiden, denn auf einen Achttausender gibt es keinen „normalen“ Weg – lockten bald schwierigere Anstiege. Den „klassischen Routen“ folgten schwere Wände, Flanken und Pfeiler. Es begann 1963 mit der Besteigung der Everest Westridge im Rahmen der Amerikanischen Everest-Expedition unter der Leitung von Norman Dyhrenfurth, hier wurde erstmals ein neuer Maßstab im Himalaya-Bergsteigen gesetzt. Im Sommer 1970 gelang den Briten Dougal Haston und Don Whillans die Durchsteigung der 3000 Meter hohen Annapurna-Südwand. Noch im gleichen Jahr fiel die Rupalflanke am Nanga Parbat durch die Brüder Messner, im Jahr darauf folgte der Makalu-Westpfeiler durch eine französische Expedition sowie die Kombination von Nordwand und Nordwestgrat am Manaslu, wieder durch Japaner. Diesem Streben zu immer schwierigeren Routen wollte auch unsere Expedition gerecht werden. Die Südwand des Manaslu schien uns ein würdiges Ziel zu sein.
Unser Unternehmen hatte nicht den Charakter einer straffen Expedition, wie sie frühere Generationen, verkörpert etwa durch Karl Maria Herrligkoffer, verstanden hatten. Unsere Expedition war dagegen ein Vorhaben von gleichrangigen, hochqualifizierten, erfahrenen Berufsbergführern. Jeder von uns war es gewohnt, in schwierigen Situationen selbständig zu handeln und verantwortungsbewusst zu entscheiden. Das war unsere Stärke.
Am 25. April 1972 schienen die Bedingungen für einen Gipfelsturm ideal. Das Wetter war gut. Die gesamte Mannschaft befand sich zwischen Lager II und Lager IV verteilt, Reinhold Messner und Franz Jäger starteten zum ersten Gipfelangriff. Reinhold war in Hochform. Sein Partner, Franz Jäger, fühlte sich jedoch nach mehreren Stunden Aufstieg den bevorstehenden Anstrengungen eines Gipfelgangs mit anschließender Rückkehr ins Lager IV an diesem Tag nicht gewachsen und erklärte, er wolle umdrehen. Für ihn und Reinhold bestand kein Zweifel, dass er den Weg zurück schaffen würde. Franz versprach, das zusammengelegte Zelt aufzustellen, Tee zu kochen und auf Reinhold zu warten.

Grußkarte der Tiroler Himalaya-Expedition 1972 zur Manaslu-Südwand
Als Messner den Gipfel erreichte, begann das Wetter umzuschlagen. Eine Wolkenbank im Süden drängte zum raschen Abstieg. Bald brach ein Sturm los, der sich rasch zum Orkan steigerte. Der Abstieg wurde zu einem Wettlauf mit der Zeit. Reinhold verliert die Orientierung, er hört Franz rufen, kann aber das Zelt nicht finden, er geht im Kreis.
Inzwischen ist Horst Fankhauser, gefolgt von Andi Schlick, zum Lager IV aufgestiegen und hat das Zelt aufgestellt, in das schließlich auch, mit schweren Erfrierungen, Reinhold Messner zurückfindet. Alle sind entsetzt, dass Franz Jäger nicht da ist: Horst hört ihn in der Nähe des Zeltes rufen, er und Andi machen sich auf, ihn auf dem Plateau zu suchen.
Ich war inzwischen mit Bulle ins Lager II abgestiegen, wir hatten Funkkontakt zum Lager IV. Als wir von dort nichts mehr hörten, dachten wir, Horst und Andi hätten Franz gefunden, aber nach Einbruch der Dunkelheit im Sturm biwakieren müssen.
Tatsächlich hatten Horst und Andi mehrere vergebliche Versuche gestartet, Franz in diesem Schneesturm zu suchen. Als dies misslang und sie in der Dunkelheit den Rückweg ins Lager nicht finden konnten, beschlossen sie, den Morgen in einer Schneehöhle abzuwarten. Andi wurde immer apathischer. Er redete wirres Zeug, erklärte schließlich, nach dem Wetter sehen zu wollen, und verschwand. Horst stürzte ihm nach, brüllte vergeblich nach ihm und tat schließlich das einzig Vernünftige in dieser Situation: Er kehrte ins Schneeloch zurück und wartete den Morgen ab.
Franz und Andi starben in dieser Nacht. Ihre Körper wurden nie mehr gefunden. Horst Fankhauser vermutete später, Franz Jäger sei entweder zu langsam abgestiegen und auch in den Sturm geraten, oder er sei nach einer Rast doch noch Messner gefolgt.

Nach dem Schneesturm: Expeditionsarzt Oswald Oelz versorgt Reinhold Messner.
Die Geschehnisse am Manaslu, die Fankhauser später in Jochen Hemmlebs Sammelband „Austria 8000. Österreichische Alpinisten auf den höchsten Gipfeln der Welt“ aus eigener Sicht und unter dem Titel „Über-Leben lernen“ eindrucksvoll beschrieben hat, sind heftig und kontroversiell diskutiert worden. Durfte Reinhold Messner seinen Begleiter allein umkehren lassen? Horst Fankhauser beschreibt Messners „Offenheit, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit“, auch in der realistischen Einschätzung jeder Situation, und betont seine Erfahrung, von der „wir anderen“ nur profitieren konnten. Himalaya-Experten wie Hias Rebitsch oder Ernst Senn erklärten, dass auch sie in dieser Situation Jäger ohne Bedenken allein umkehren hätten lassen. Eine Parallele aus der Himalaya-Geschichte ist Hermann Buhls Alleingang auf den Gipfel des Nanga Parbat, nachdem sein Partner Otto Kempter am Silbersattel umgekehrt und allein abgestiegen war.
Die tragischen Tage am Manaslu waren ein wichtiges Erlebnis für uns alle und für mich im Besonderen. Ich hatte zum ersten Mal erfahren, was es bedeutete, eine Expedition zu leiten, und die Erlebnisse hatten unsere kleine Freundesgruppe noch stärker zusammengeschweißt. Trotz der tragischen Ereignisse wusste ich jetzt, dass ich hier, in den fernen Weiten und Höhen des Himalayas, mein Glück in den Bergen finden kann. Und waren es zuerst nur die Berge, die mich dorthin zogen, so wurde daraus eine immer tiefere Liebe zu diesem wunderbaren Land Nepal, seinen Menschen, seiner Kultur und Religion.
Wenn ich heute nach Nepal fliege und der Manaslu mir gegenübersteht, denke ich immer noch mit Trauer an die Freunde Andi und Franz, aber auch mit Dankbarkeit an die Erfahrungen meiner ersten Expedition im Himalaya.

Manaslu-Südwand. Die Hauptschwierigkeiten lagen im unteren Teil am Felspfeiler.

Erholung im Basislager. Wolfgang Nairz entspannt sich bei Musik und Lektüre.

Manaslu-Basislager. Heute befinden sich diese Zelte im Museum.

Abendstimmung in Lager I am Beginn des Schmetterlingstales

Mit improvisierten Strickleitern wurde der Felspfeiler gangbar gemacht.

Franz Jäger und Andi Schlick sichern sich beim Abstieg.
„DEN ANGEHÖRIGEN GEGENÜBERSTEHEN“
Am Manaslu verunglückten zwei Expeditionsmitglieder, Franz Jäger und Andi Schlick, tödlich. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, niemandem kann Schuld zugewiesen werden. Trotzdem – wie geht man als Expeditionsleiter und Freund damit um, vor allem damit, die Angehörigen benachrichtigen zu müssen?
Das ist eine sehr schwierige Situation, und damals, 1972, war es noch schwieriger als heute. Heute hat jeder sein Satellitentelefon, andererseits sind heute die Medien live dabei. Das war damals nicht der Fall. Wir wollten die Angehörigen selber verständigen, bevor irgendetwas Unqualifiziertes in der Presse erschien. Horst Fankhauser und ich sind in einem Eilmarsch nach Pokhara gerannt, wo es das nächste Telefon gab. Ich voraus und Horst mit angefrorenen Zehen hinterher. Wenn er auf 50 Meter heran war, bin ich wieder weitergelaufen. In Pokhara hat es dann geheißen, „maybe it takes a week to get a line“. Gespräche nach Europa musste man nämlich anmelden. Gott sei Dank hat es einen Flug nach Kathmandu gegeben, von dort konnten wir die Angehörigen verständigen, bevor alles in den Medien gestanden ist. Noch schlimmer ist dann, wenn man den Angehörigen direkt gegenübersteht und alles noch einmal erzählen muss. Das ist das Schlimmste überhaupt. So war es dann wieder am Cho Oyu, wo Reinhard Karl starb und wir hinausgeflogen sind und Reinhards Frau am Flughafen von Kathmandu gewartet hat und schon gewusst hat, was passiert ist, und man muss es jetzt noch einmal erzählen. Das ist schon sehr, sehr traurig.
Eigenverantwortlichkeit war bei euren Expeditionen immer großgeschrieben.
Professionalität war bei aller Freundschaft sehr wichtig. Am Manaslu wollten anfangs die, die überlebt hatten, oben bleiben und Franz und Andi bergen gehen, aber wir unten mussten entscheiden, dass sie herunterkommen, weil wir sahen, dass es zu lawinengefährlich wurde.
Warst du mit diesen Angehörigen später noch in Kontakt?
Ich war es, wenn auch nur lose. Andi Schlicks Sohn, der geboren wurde, als sein Vater schon tot war, und der jetzt selbst Bergführer ist, hat Kontakt mit uns aufgenommen, weil er wissen wollte, wie alles geschehen ist. Hildegard, die Frau von Andi, hat einige Jahre später den Hans Hofer geheiratet, der auch bei unserer Manaslu-Expedition dabei war. Er war alpiner Einsatzleiter der Gendarmerie im Pinzgau und ist später mit dem Hubschrauber tödlich abgestürzt. Auch die Frau von Franz Jäger habe ich später einmal getroffen.

Makalu-Südwand 1974: Neue Maßstäbe im Himalaya-Bergsteigen
Reinhold Messner bekennt im Beitrag zu diesem Buch: „Nicht immer waren wir erfolgreich“. Nicht erfolgreich wart ihr zum Beispiel am Makalu. Was hat euch zu diesem Berg hingezogen und warum seid ihr letztlich gescheitert?
Der 8485 Meter hohe Makalu wurde am 15. Mai 1955, also zwei Jahre nach dem Everest, von den Franzosen Lionel Terray und Jean Couzy erstbestiegen, an den darauffolgenden Tagen waren zwei weitere Mannschaften erfolgreich. Eine großartige Leistung dieser französischen Expedition, bei der alle Teilnehmer, auch der Sherpa Gyalzen den Gipfel erreichten, und eine faszinierende Geschichte. Als wir fast auf den Tag genau 19 Jahre später an diesem Berg unterwegs waren, hat uns – wie bei allen unseren Expeditionen – eine neue Route gereizt, eine neue Route in der Südwand.

Adlerhorst in steiler Wand: Auf Aluminium-Plattformen wurden die „Whillans-Boxes“ errichtet.
Wer war dabei?
Reinhold Messner, Oswald Oelz, Josl Knoll, Walter Almberger, Helli Hagner, Gerhard Markl, Albert Precht, Yves Buchheim, Horst Bergmann und ich.
Was waren die Probleme?
Es waren einerseits die Wetterverhältnisse – Schneestürme und Lawinen –, andererseits aber vor allem die Schwierigkeiten der Wand. Wir haben aus Österreich Aluminiumplattformen mitgebracht, die wir in der steilen Felswand verankern konnten, damit wir wenigstens einen ebenen Miniplatz hatten, um zwei kleine Zelte, sogenannte Whillansboxen, aufstellen zu können.
Was genau waren die Schwierigkeiten der Wand?
Das waren die vereisten Felsen. Reinhold hat die Kletterei in diesen Felsen später als die Grenze des Möglichen, des noch Verantwortbaren bezeichnet. Unser Ziel war hochgesteckt und wir gaben unser Bestes, mussten uns letztendlich aber geschlagen geben.
Wie weit seid ihr gekommen?
Wir waren schon fast sechs Wochen dort, bis wir eine Höhe von 7500 Metern erreichten und einsehen mussten, dass wir nicht weiter kamen.
Was geschah dann?
Wir haben lange und gründlich diskutiert. Sollten wir es doch auf dem klassischen Weg der Erstbesteiger versuchen? Jedes zweite Lager auslassen und im Alpinstil den Gipfel erreichen? Aber auch dafür erschien uns das Risiko zu groß, da das Wetter schlecht blieb und wir wahrscheinlich nicht mehr über die hohen Pässe nach Kathmandu zurückgekommen wären. Wir entschieden uns, die Expedition abzubrechen, und das erwies sich als richtig. Während des ganzen langen Rückmarschs schneite und regnete es fast andauernd.
Was für ein Gefühl hat man als Expeditionsleiter beim Scheitern so eines Unternehmens?
Man tröstet sich damit, hoffentlich das Richtige getan zu haben, denn man gibt so ein Ziel ja nicht leichtfertig auf, weil man vielleicht keine Lust mehr hat, man wägt ja alle noch bestehenden Möglichkeiten ab. Was es emotional bedeutet, eine Expedition abzubrechen, aufzuhören, das muss man selbst erlebt haben.
Wie waren die Außenreaktionen?
Es gibt natürlich immer neidische Kollegen, die mitleidig lächelnd sagen: „Sie sind halt nicht hinaufgekommen.“ Wie es aber dazu gekommen ist, bleibt dabei unbedacht.
Wie geht man damit um?
Zum einen: Reinhold Messners Bemerkung „Nicht immer waren wir erfolgreich“ setzt sich fort in seiner Feststellung, „aber immer sind wir in Frieden heimgekehrt.“ Zum anderen aber gilt wieder einmal Hias Rebitschs Satz: „Es ist leicht, ein guter Bergsteiger zu sein, aber schwer, ein alter Bergsteiger zu werden.“
CHO-OYU-SÜDWAND 1982: DER KAMPF UMS ÜBERLEBEN
Um Bulle stand es kritisch, er war schwer höhenkrank und immer wieder bewusstlos. Er musste so schnell wie möglich ins Tal transportiert werden, aber alle Mühe, ein Yak aufzutreiben, war vergeblich, und zum Selber-Gehen war er nicht mehr in der Lage. Am Abend sah er zwar etwas besser aus, wir hofften, er sei jetzt „über den Berg“. In der Früh dann der Rückschlag: deutliche Anzeichen einer Lungenentzündung. Er war bewusstlos.
Sofort schickte ich den Sherpa Maila Pemba im Eiltempo nach Namche Bazar, um von dort über Funk einen Hubschrauber anzufordern. Mit zwei langen Stangen und Skistöcken bauten wir dann eine Tragbahre und banden den Schwerkranken darauf. Für ihn begann ein unbeschreiblicher Leidensweg. Nach sechs Stunden auf der Moräne waren wir nahe bei Gokyo. Bulles Lunge rasselte, wir dachten, er würde die nächsten zwei Stunden nicht überleben, wenn nicht ein Wunder geschähe. Reinhard, Rudi und ich flüchteten in schwarzen Humor. Reinhard sagte, es würde ihm nichts ausmachen, hier zu sterben und begraben zu werden, dann könnte seine Witwe regelmäßig eine schöne Reise nach Nepal machen!
In Gokyo geschah das Wunder. Dort trafen wir zwei Schweizer Ärzte, die sich sofort um Bulle kümmerten. Er hatte seit zwei Tagen nicht uriniert. Katheter war keiner vorhanden, so stachen sie die Nadel einer Spritze direkt in die Bauchhöhle und drückten den Urin heraus, gaben ihm mehrere Spritzen und erklärten sich bereit, mit uns weiter abzusteigen.
Ich lief voraus zum Khunde-Hospital, um Sauerstoff zu holen, falls am nächsten Tag kein Hubschrauber kommen sollte. Von Gokyo nach Khunde rechnet man mit zwei Tagesmärschen – ich brauchte fünf Stunden. Bei jeder Mani-Mauer stammelte ich ein hastiges „Om mani padme hum“. Immer wieder flogen schwarze Kolkraben um mich herum, und ich musste an das Lied von Ludwig Hirsch denken: „Komm, großer, schwarzer Vogel …“.
Beim Dorfeingang von Khunde gaben die Batterien meiner Taschenlampe den Geist auf. Zwei zufällig entgegenkommende Buben leuchteten mir für zehn Rupien den Weg zum Khunde-Hospital. Doktor Jamie Uhrig, dem ich erklärte, wer ich sei und was ich brauche, richtete mir sofort eine Sauerstoff-Ausrüstung und Medikamente her, falls am nächsten Tag kein Hubschrauber fliegen konnte. Ich brachte keinen Bissen hinunter, nur trinken, trinken, trinken. Dann schlief ich erschöpft ein.

Die 3000 Meter hohe Südwand des Cho Oyu vom Gokyo Peak gesehen
Sobald es hell wurde, schickte der Khunde-Doktor Bulle und seinen Begleitern einen Träger entgegen. Ich folgte, voller Ungewissheit, ob der Schwerkranke die Nacht überlebt hatte. Um etwa 8:30 Uhr kam tatsächlich der rettende Hubschrauber taleinwärts geflogen und flog kurze Zeit später wieder hinaus, ins Krankenhaus nach Kathmandu. Aber immer noch war da die Ungewissheit, ob Bulle den Flug überleben würde, ob nicht doch „der große schwarze Vogel“ siegen würde.
Erst im Lager der Sherpas erfuhr ich: Bulle ist am Leben. Ich musste zur Seite gehen, da mir Tränen in den Augen standen.
Tage darauf machten wir uns daran, den Plan für den Gipfelsturm über die Cho-Oyu-Südwand aufzustellen, aber alles sollte anders kommen.
Reinhard und ich schliefen in einem Zelt. Rudis Platz in der Mitte war frei, er war mit Zahnschmerzen abgestiegen und sollte nachkommen. Wir hatten am Abend unsere Flaschen mit Tee gefüllt. „Dieses Achttausender-Bergsteigen geht mir langsam auf die Nerven“, hatte Reinhard gesagt: „Wir werden ihn einfach machen, diesen Cho Oyu, und dann ist Schluss, zumindest für dieses Jahr“, fügte er hinzu.

Mit Reinhard Karl vor dem Zelt
Ich schlief tief und fest und wachte um 5 Uhr früh auf. Reinhard steckte den Kopf zum Zelt hinaus: „Wolkenlos – heute und morgen packen wir’s!“
Ich drehte mich zur Seite und zog mir den Schlafsack über die Ohren. Reinhard lag auf dem Rücken, ein wenig hatten wir noch Zeit, bis das Eis im Gaskocher geschmolzen war. Aber plötzlich ein Rauschen und Dröhnen – ich hörte Reinhard noch sagen, „was ist das?“, und dann fiel über uns eine Eislawine, so gewaltig und so schnell, dass wir keine Zeit hatten, nur irgendwie zu reagieren. Ich hielt die Hand über den Kopf, versuchte, meine Füße zu bewegen, aber sie waren eingeklemmt wie in einem Schraubstock. Ich hörte und roch Gas ausströmen. Es war dunkel um mich, ich rief „Reinhard, Reinhard, Reinhard“, aber es herrschte Stille, nur das Gas strömte. „Eigentlich ist Sterben gar nicht schwer“, dachte ich, und es war wie eine Erlösung, als ich in Bewusstlosigkeit fiel.

Noch erscheint alles friedlich: Wolfi und Reinhard am Vorabend des Unglücks
Später wird langsam alles um mich herum klar. Ich liege in drei Schlafsäcke eingewickelt im Zelt der Sherpas. „Wo ist Reinhard?“, stammle ich. Große Augen, steinerne Gesichter. „How is Reinhard?“, quäle ich heraus. „Not good, not bad“, antwortet Maila Pemba. Langsam versuche ich mich aufzurichten. Den rechten Fuß kann ich kaum bewegen, jede Bewegung tut mir weh. Langsam begreife ich, ich bin am Leben, ich lebe noch. „Is Reinhard dead?“, frage ich, obwohl ich es schon in Maila Pembas Augen sehe. „Yes, he is dead.“



