Elisabeth, Erbin von Toggenburg. Oder Geschichte der Frauen von Sargans in der Schweiz

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Elisabeth an Ludwig.
Montforts Schicksal schwebt mir unaufhörlich im Sinn. Ich liebte ihn einst so innig, und Gott, was würde ich nicht hingegeben haben, ihn glücklich zu machen. Wie hat sich jetzt alles geändert, die, welche diesem Montfort einst alles, selbst das Wohlwollen eines warnenden Bruders, der ihn besser kannte, aufzuopfern bereit war, zögert jetzt, ihm durch einige Meilen Land, durch Aufgebung einiger leeren Titel, dem Elend zu entreissen, und dieses blos darum – weil er nicht mehr für sie leben will. O Elisabeth, Elisabeth! du hast eine niedrige Seele! deine herrische Leidenschaft für Heinrichen war nichts als Selbstsucht!
Schilt mich nicht wankelmüthig, Bruder, ob diesen Aeußerungen, welche dir, nach der Fassung, in der du mich zuletzt sahest, unerwartet kommen müssen. Du kennst nicht den fürchterlichen Kampf zwischen Leidenschaft und Pflicht, weißt nicht, wodurch derselbe bey mir von neuem erregt ward. Montfort, von seinem Oheim gefangen, weil er die unbemittelte Berta wählte? Vorschläge des alten Grafen von Montfort, sich um mich zu bewerben, und dadurch seine Freyheit zu erkaufen? – O Bruder, Bruder! welche Demüthigung für die stolze Elisabeth, Heinrich verwerfe, was man verlangt, oder willige ein! –Mein Entschluß ist gefaßt, und doch, um dich und deine Rathschläge nicht zu entehren, mit Vorsicht gefaßt. Ich will nicht das Ansehen haben, aus einer Anwandlung von übereilter Großmuth zu handeln, oder die empfindlichste Rache, die Rache durch Wohlthaten an meinen Feinden zu üben, nein, ich will nichts thun, als meine Pflicht. Ich habe die Sache einem unpartheiischen Richter übergeben, ich will wissen, was ich den Werdenbergerinnen schuldig bin, und dies will ich thun, ohne einen Dank von jemand zu verlangen. Wie müßte mir seyn, Ludwig, wie müßte mir seyn, wenn Montfort mir dankte, daß ich ihm die Verbindung mit der geliebten Berta erleichtert hätte!
Elisabeth an Ludwig.
Laß uns von andern Dingen reden, Bruder. Dieser Montfort und diese Berta dürfen schlechterdings keinen Zutritt mehr in meinen heimlichsten Gedanken haben; nicht einmal ihren Namen will ich wiederum schreiben. Ich darf ja nur, um diese Gespenster zu verscheuchen, sie in ewige verachtende Vergessenheit zu begraben, an jenen Tag denken, da der erzürnte Bruder dem entflohenen, mit Montfort entflohenen Mädchen endlich vergab, sie von neuem Schwester, und den Entführer Bruder zu nennen versprach, und drauf sich herabließ, dem Treulosen sein Glück selbst anzukünden. Wie Heinrich drauf die stolze Elisabeth im Triumph vor den Altar führte, und wie er im Augenblick, da sich sein Mund aufthat, ihr ewige Treue zu schwören, das unwiederrufliche Wort erstickte, weil – weil er unter den Begleiterinnen seiner Braut eine erblickte, die ihm schöner dünkte, als sie.
O wenn ich dieser Dinge gedenke, Bruder! – Die Gräfinnen von Werdenberg, meine Freundinnen, waren gekommen, mir den Kranz zu schmücken, und sie rissen ihn von meinem Haupte, ihn in den Staub zu treten! – O Heinrichs Unpäßlichkeit, die seine Hand schnell aus der meinigen zog, war erdichtet, seine nächtliche Flucht und die Bestürzung der Werdenbergerinnen hätte mich sollen die Wahrheit ahnden lassen; aber ich ahndete nichts, bis ich erfuhr, Berta und Heinrich wären so genau verbunden, als ich mit ihm zu werden dachte!
Noch einmal; Stillschweigen, ewiges Stillschweigen über diese Dinge! Mein Flehen hielt ehemals Ludwigs Rache gegen den Verbrecher auf, sollen nun meine Klagen sie von neuem aufregen?
Elisabeth an Ludwig.
Ob es gut ist, daß ich dir so ofte schreibe? Andre Beschäftigung wär wohl besser, auch denke ich ernstlich auf dergleichen. Ein Besuch bey der Aebtißinn, um meine Bitten wegen der verlangten Schriften zu erneuern, hat meine Neugier nach denselben aufs höchste gebracht. Ich fühle, daß die Sehnsucht nach Wissenschaft von den Leiden dererjenigen, die einst unglücklich waren, wie ich, das Gefühl meiner eignen Schmerzen mindert.
Die Aebtißinn schien zweifelhaft, ob sie mir das schon halb zugesagte endlich gewähren sollte. Liebe Gräfinn, sagte sie lächelnd, würde es euch nicht lieber seyn, diejenigen, von welchen diese verworfenen, übel geschriebenen Blätter handeln, persönlich zu kennen, und ihre Geschichte aus dem Munde einer Freundin, zu hören? – Sehet hier, fuhr sie fort, indem sie einen dünnen Vorhang von der östlichen Seite ihres Kabinets zog, sehet hier die Bildnisse der vornehmsten jener berühmten Frauen, von deren Annalen euch ein unnützer Mund so viel vorgeschwatzt hat: Schriften, die ich würklich besitze, welche aber unter einen solchen Wust fremder, nicht dahin gehöriger Papiere begraben sind, daß die Muse einer Einsiedlerinn und die Geduld einer Heiligen erforderlich wär, sie zu übersehen.
Ich stand und schaute, stand und hörte, aber die sprechenden Gemählde der edelsten Frauen ihrer Zeit, und die hinreissenden Erzählungen der einnehmenden Aebtißinn von Zürich von den Schicksalen dieser Heiligen, waren fürwahr nicht das Mittel mir das Verlangen zu benehmen mehr, noch, mehr hievon zu wissen.
Auch deine Schwester, Ludwig, hat zuweilen die Gabe der – Ueberredung; ich siegte, und sahe, noch ehe der Abend einbrach, eine massige eiserne Truhe in mein Zimmer bringen, welche alles enthielt, was mir zum Mittel dienen sollte, mich von mir selbst loszureissen, und mich in eine andere Welt zu zaubern, als die, in welcher ich lebe. O es ist angenehm, sich so zuweilen von dem Schauplatze seiner Leiden hinweg zu stehlen.
Von derselben.
Bis am Morgen wühlte ich in den bestaubten Pergamenten, um das Interessanteste herauszusuchen, und das übrige für künftige Zeiten zu sparen, und wie gut, daß ich es that. Die Nonnen waren kaum aus der Frühmetten, als mir mein Schatz wieder entrissen ward! Die Aebtißinn kam selbst, sich zu entschuldigen, sie sprach von Klostergeheimnissen, und dem Willen des Bischofs von Chur, dem doch die große Frau, wie man die Domina von Zürich hier nennt, so viel ich weiß, nicht unterwerfen ist; aber ich war zornig und konnte mich kaum überwinden, ihr mit leidlicher Höflichkeit zu antworten, auch reut mich es nicht, daß ich die Wortbrüchiche hintergangen, und ein gutes Theil der mir entwandten Schriften auf die Seite gebracht habe; gerade, wie ich hoffe, die interessantesten, eben diejenigen, nach denen mich das Anschauen jener Bilder am begierigsten machte.
Hier, das Leben der bleichen halb verschleyerten Noria Venosta, welcher der Gram, in ihrem hohen Alter, da sie gemahlt ist, noch Reitze genug überließ, um auf die hinreissende Schönheit ihrer Jugend zu schliessen. Hier, etwas von der unglücklichen Frau von der Wart, einem gebohrenen Fräulein von Sargans, welche Muth genug hatte, auf der Gerichtsstätte, wo ihr beklagenswürdiger Gatte den Geist aufgeben mußte bis zum letzten Hauch seines Lebens zu verweilen, die sie nur verließ, um sich selbst hinzulegen und zu sterben. Hier noch etwas von zwey Fräuleins dieses Hauses die gestern im Kabinet der Aebtißinn meine Aufmerksamkeit besonders hinrissen. Ein paar einsame Wallerinnen6 (so schildert sie das Gemählde,) auf einem öden Schneegebürge; beyde mit den Zügen der Unschuld und Schönheit geschmückt, bekannte Züge, fast demjenigen gleich, was meine partheiische Freundschaft einst an Marien und der nichtswürdigen Berta bewunderte, beyde von verschiedenen Gegenden mit der Miene der namlosesten Angst, einen Weg durch das einsame Gebürge suchend, wo sie hülflos verschmachten mußten, wenn ihnen nicht einen höhere Macht den Weg zeigte. Auch dünkte7 es mich auf dem Bilde einen Schatten wahrzunehmen, der einer von den armen Pilgerinnen winkend voranschwebte, oder irgend ein Heiliger vom Himmel gesandt, sie aus dem schrecklichen Labyrinth zu führen.
Außer diesen besitze ich noch einige andere minder wichtige Fragmente, welche auf die Seite gelegt werden, bis diese durchlesen und dir mitgetheilt sind. Auch schickte mir die Domina, vermuthlich um mich zu besänftigen, durch eine ihre Jungfern das Leben einer ihrer Vorgängerinnen, welche auch ein Freyfräulein von Vatz und Sargans war, und die, wie sie meynte, vornehmlich meine Neugier bei der Bildersammlung, erregt haben würde. Ich nahm die dicke Pergamentrolle mit Dank an, und habe sie schon durchlesen und zurückgeschickt, denn sie enthielt weiter nichts, als wie diese gute Aebtißinn nicht allein eine Heilige sondern auch eine gelehrte Frau gewesen sey und mit Waltern von der Vogelweide, den Grafen von Habsburg und Welschneuenburg, wie auch dem Abt von Einsiedeln und dem Bischof von Konstanz um die Wette den Musen geopfert, und wöchentlich gelehrte Zusammenkünfte beym Züricher Bürgermeister, Rüdiger Manesse, angestellt habe.
Ich ward durch diese Dinge wenig unterhalten, und wandte mich so bald ich allein war, zu meinem heimlich entwendeten Schatz, davon du das, was ich gelesen habe, sogleich erhältst. O Ludwig, solltest du glauben, daß mich auch bey dieser Beschäftigung Montforts Andenken nicht verlassen hat? Doch wer kann bey Betrachtung dieser Muster der Verleugnung noch schwach seyn, ich lese weiter, um mich zu jedem guten Vorsatze zu stärken.
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Zweyter Abschnitt.
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Noria Venosta, von ihr selbst verzeichnet.
Es ist schön, am Abend des Lebens rückwärts zu blicken, und den Weg zu mustern, der uns zu der stillen Herberge führte, die wir nun fast erreicht haben. Zwar nur unvollkommen ist diese Uebersicht, denn die Kühle der herannahenden Nacht benimmt uns fast den Begriff von den Beschwerlichkeiten, die uns die Glut der Mittagssonne verursachte, und unser Auge gleitet über die Gebürge, die wir zu übersteigen hatten, über die tiefen Thäler, in denen wir uns zu verirren dachten, sanft hinweg. Wir erblicken nichts, als eine glatte Ebene; die Ferne des zurückgelegten Weges und die immer dichter werdende Dämmerung täuscht unsere Augen. Auch die Freuden unserer Pilgerschaft sind für uns verloren, so wie ihre Mühseligkeiten, wir erblicken nicht mehr die Blumen des Thals, bey welchem wir verweilten, noch den rieselnden Bach, der uns labte. Wir haben von dem Ganzen kein andres Gefühl, als daß es vorbey ist, und wundern uns bey flüchtiger Erinnerung oft nicht wenig, wie all diese Kleinigkeiten uns in solchem Grad rühren konnten. Dies sind die Gefühle des hohen Alters, die Ihr, für die ich schreibe, du Ursula, und du Kunigunde, zur bestimmten Zeit auch erfahren werdet. Ach bis dahin ist noch ein langer mühseliger Weg für euch zurück zu legen, und ich fühle, ich bin es auch schuldig, den Pfad, den ich gegangen bin, noch einmal zu übersehen, und euch durch Erzählung dessen, was ich auf demselben erfuhr, den eurigen zu erleichtern.
Der Frühling meines Lebens war schön und glänzend. Ich wuchs unter den edelsten Jungfrauen meiner Zeit auf und nannte Fürstentöchter meine Gespielen. Graf Habsburgs Töchter lebten mit mir wie Schwestern und unser Freundschaftsbund ward nicht getrennt; als Rudolf Kaiser ward, und ihnen die Erhöhung ihres Vaters eine Aussicht auf die ersten Fürstenstühle Europens eröffnete. Was kümmert sich Unschuld und unerfahrne Jugend um Hoheit und Größe? Dinge dieser Art, waren nur der Gegenstand unsers Scherzes; wir ließen die jungen und alten Fürsten, die sich um des Kaisers Töchter bewarben, der Reihe nach, die Musterung paßiren, wir vertheilten sie unter uns, und hatten darob unser Gelächter. Es waren ihrer gerad sieben, und da ich und die Prinzeßinnen zusammen eine gleiche Anzahl ausmachten, so ging ich nie leer bey der Vertheilung aus.
Aus dem Scherze ward Ernst, der Herzog von Sachsen, welcher bisher alle seine Wünsche auf die älteste Prinzeßinn Mathilde eingeschränkt hatte, begunnte zu sehen, daß ihre Gespielin Noria auch schön seye, und weil ich von mehrern, wegen der Gleichheit, die in allem unter uns eingeführt war und wegen unserer Unzertrennlichkeit, für die Schwestern meiner Freundinnen gehalten wurde, so hielt er es für keine große Sache, zwey Töchter eines Vaters um einander zu vertauschen, und verheelte seine Gesinnungen so wenig, daß – ich vom Hof entfernt wurde, ehe ein entscheidender Schritt in dieser bedenklichen Sache gethan werden konnte. Mein Vater war in den letzten baselschen Unruhen geblieben, meine Mutter hatte ich nie gekannt, und ich fiel der Vormundschaft meines Oheims zu, welcher große Ländereyen in Räthien gekauft hatte, und daselbst frey von dem Geräusch des Hofs das Leben der Freyheit lebte.
Graf Zirio Venosta empfing mich mit offnen Armen, und ich, so schmerzlich mir auch die Trennung von meinen Freundinnen war, konnte doch bald einsehen, welche Vorzüge die Unabhängigkeit von den Ketten des Hoflebens habe, sollten sie auch noch so leicht geschlungen seyn wie die meinigen gewesen waren. Die Luft der Freyheit wehte mir hier überall entgegen, die Räthier, welche die Fesseln ihrer Beherrscher allgemach abzuschütteln begunnten, feyerten überall Feste der Befreyung, und luden die benachbarten Walliser ein, Theil an ihrem Glück zu nehmen. Was für Scenen für ein junges fühlendes Herz, und doch hatte ich nicht Erfahrung genug das Schöne und Seltene derselben ganz einzusehen. Nicht oft wird Freyheit anders als mit Blut erkauft, und die Freude über das erlangte Gut, ist also immer mit trauriger Erinnerung verknüpft; hier war sie die Folge der Mäßigkeit und Arbeitsamkeit, welcher es endlich gelungen war, das Joch der Schwelgerey und des Übermuths zu zerbrechen. Ritter und Geistliche, die bisherigen Beherrscher dieser Gegenden, fröhnten lange Zeit sorglos den Wollüsten, bis sie die Schuldner ihrer Knechte wurden, welche indessen durch Fleiß und Nüchternheit in Sitten emporgewachsen waren, und denen die Stirne bieten konnten, deren Vasallen sie ehemals waren. Die verarmten Schwelger konnten hiezu nichts thun als sauer sehen und sich das, was sie Fügung des Glücks nannten, gefallen lassen.
Aber mein Oheim Zirio war nicht unter diesen herabgekommenen Großen; sein Wohlstand wuchs mit jedem Tage, seine Ländereyen vermehrten sich durch den Ankauf dessen, was seine Nachbaren ihren Schulden aufopfern mußten, auch seufzte das Land nicht unter seiner Macht; er gönnte seinen Vasallen gern eine Art von Unabhängigkeit, welche sie nach keiner mehrern Freiheit lüstern werden ließ. Er gab seinen Dienstleuten eigene Ländereyen ein, und überließ ihnen beynahe den Vollgenuß ihres Ertrags, auch behielt er viele von den fremden Gästen, den Wallisern im Lande, und ersetzte ihnen durch Anweisung manches fruchtbaren, bisher ungebrauchten Stück Landes, was sie in ihrem damals so unruhigen Vaterlande verliessen. O Kinder, es ist ein Geschäft, das uns der Gottheit ähnlich macht, gleichsam aus dem Nichts blühende Gegenden emporsteigen zu lassen, und ihnen glückliche Menschen zu Bewohnern zu geben. Ich bin Zeuge solcher Verwandlungen gewesen, die den Fürsten dieser Erde so leicht seyn würden, wenn sie wollten. Sie vermöchten dadurch die Allgewalt und Milde des Schöpfers zu kopiren, aber sie ahmen lieber seiner strafenden Gerechtigkeit nach, verwandeln die Wohnungen der Menschen in Steinhaufen, und lassen fruchtbare Thäler in Blut schwimmen.
Unter den Großen des Landes, deren Besitzungen jetzt den Grafen von Venosta Herr nannten, waren die Grafen von Vatz die vornehmsten. Graf Walter der letzte, so viel wir wußten, Abkömmling dieses Hauses, hatte von seinem Vater nicht den zehnten Theil von demjenigen geerbt, was seine Vorfahren ehemals ihr Eigenthum nannten. Gram und Mißmuth drückten den jungen Mann nieder, er suchte sein Glück in fremden Kriegsdiensten, fand es nicht, und kam traurend zurück, die verfallnen Schlösser, welche noch sein waren, zu stützen, und die Trümmern seiner gesunkenen Größe zusammen zu suchen. Er litt unverschuldet, und doch färbte die Erwegung seines Zustands seine Wangen mit einer Schaamröthe, die er besonders vor denen zu verbergen suchte, welche auf den Ruinen der Vatzischen Hoheit ihr Glück erbaut hatten. Er vermied den Umgang meines Oheims absichtlich; bey keiner Gelegenheit, wo sonst Ritter und Edle zusammen kommen, ließ er sich finden, wenn dieser gegenwärtig war, und so geflissen auch Zirio die Gelegenheit suchte, den jungen Ritter kennen zu lernen, der ihn auf mehr als eine Art interessirte, so würde doch wahrscheinlich sein Bestreben immer fruchtlos, geblieben seyn, wenn sich nicht eine Begebenheit zugetragen hätte, welche die Gegenwart beyder erforderte, und dadurch ein Band knüpfte, welches – soll ich sagen, besser ungeknüpft geblieben wäre? – Doch die Fügungen der ewigen Weisheit sind untadelhaft, ich lege den Finger auf den Mund und schweige.
Im Schlosse eines friedlichen Thals, am Ufer des Rheins, erhoben sich die Mauern eines Klosters, das bey den großen dazugehörigen Ländereyen nur den Besitzungen der Züricher großen Frau, und den Mönchen zu Sankt Nosus8 in Solothurn, an Macht und Reichthum weichen muß. Seit undenklichen Zeiten waren die Herren von Vatz Eigenthümer dieser Distrikte, und sie kannten den Werth derselben so gut, daß sie fast das einige waren, was sie nur Pfandsweise aus der Hand gelassen hatten. Schon lange hatte mein Oheim mit Graf Werner, Walters Vater, hierüber Unterhandlungen gepflogen, und nach dessen Tode seinen Sohn eben so entschieden gefunden, sich von dem Kleinod des Landes (so pflegte man das Kloster am Walde zu nennen) nicht ganz zu trennen. Tausend Mittel waren meinem Oheim, selbst von den Klosterherren, an die Hand gegeben worden, die Hartnäckigkeit des alten Eigenthümers zu besiegen, aber Zirios zartes Gewissen fand sie widerrechtlich, und alles blieb wie es war. Laßt dem jungen Manne die Hoffnung, sagte er oft, wenn von Graf Waltern die Rede war, durch die Ansprüche an dieses reizende Stück Landes in seinem ehemaligen Erbteil festen Fuß zu behalten, ich will es nicht seyn, der ihn aus demselben verdrängt, will eher ihm die Hand zu Erfüllung seiner Wünsche bieten, wenn er ganz derjenige ist, für den ich ihn halte. Er weide sich an den Sagen von hier vergrabenen Schätzen, und an all den Chimären, mit welchen man auch mich mehrmahls zu täuschen und anzutreiben suchte, mit gewaffneter Hand das zu suchen, wozu mir nur Walters freye Einwilligung ein entscheidendes Recht geben kann.
Nur gar zu wahr war es, daß man es an nichts ermangeln ließ, den Grafen Venosta gegen Waltern aufzubringen, der an seiner Seite ähnlichen Einhauchen hinterlistiger Verräther ein geneigtes Ohr liehe. Die Fehde wär erklärt gewesen, und die Wohnungen der Ruhe hätten längst in Blut geschwommen, wenn Zirio nicht immer großmüthig nachgegeben hätte. – Das Verlangen über diese und ähnliche Dinge, einmal, nur einmal mit Waltern selbst zu sprechen, war der Grund, warum mein Oheim ihn überall aufsuchte, und die Ursach, warum jener jede nähere Erklärung floh, konnte eben so wohl in stolzer Schaam vor dem großen Grafen Venosta, oder in Verhetzung böser Leute, als in irgend einem schlimmen Zuge seines Charakters liegen. Mein Oheim und ich hatten es uns zur Regel gemacht, gut von Graf Waltern zu denken – Zwar hatten wir beyde lang am Hofe, dem Geburtsort des argwöhnischen Mißtrauens, gelebt, aber er sowohl, als ich, liessen beym ersten Eintritt in das treuherzige Helvetien diesen Feind der ländlichen Ruhe zurück, und waren entschlossen ganz das zu seyn, was der Charakter unsers neuen Vaterlands von uns heischte.
Die Begebenheit, welche meinen Oheim und Graf Waltern endlich zusammen brachte, war eine Streitigkeit zwischen den Mönchen von Churwalde und ihrem Abte, die nach und nach so überhand nahm, daß sich der Lehnsherr darein mischen mußte. Und wer war dieser Lehnsherr? Zirio, der Innhaber dieser Gegenden? oder Walter, welcher sich das volle Recht auf dieselben noch immer vorbehielt? – Die Mönche appellirten lange von einem an den andern, und es war schlechterdings eine Zusammenkunft beyder nöthig, die Sache ins Gleiche zu bringen.
Nie verstattete mir Zirio, mich in Dinge zu mischen, welche außer der Sphäre des Weibes liegen, aber wie hätte er mir wehren können, hier eine Parthie zu nehmen, da es auf die Ehre und das Wohl einiger Personen ankam, die ich nach meinem Oheim am meisten schätzte.
Der verfolgte Abt von Churwalde, Konrad, der erste dieses Namens, war mein Beichtiger, der Prior Lüttger, der den unverschuldeten Haß der Mönche mit ihm theilte, mein Lehrer in der Kräuterkunde, die auf den Rhätischen Gebürgen mein Lieblingsstudium war, ich kannte die Redlichkeit beyder, und wandte alle Kräfte der Ueberredung an, welche in weiblichen Bitten und Thränen liegen, den Grafen Venosta immer auf der Seite meiner Freunde zu erhalten. Auch war es mir unmöglich, meinen Oheim allein nach dem Orte reisen zu lassen, welcher zur Zusammenkunft zwischen ihm und Graf Waltern bestimmt war. Auch diesen, von welchem man sagte, daß er sich gewaltig auf die Seite der Verfolger der Unschuld lenkte, wolle ich von der wahren Lage der Sache zu unterrichten suchen, und ich glaubte nichts weiter nöthig zu haben, als dieses, um alles für die Bedrängten zu erhalten; ich wußte noch nicht, daß es möglich sey, gegen die klarste Ueberzeugung zu handeln.
Man sagt, bittende Schönheit, welche sich selbst vergißt, um nur für andre thätig zu seyn, sey unwiderstehlich. Der Vortrag meines Oheims an Waltern war zu Ende, und mir ward erlaubt, einige Worte hinzu zu thun. Ihrer waren wenig, aber sie waren voll Nachdruck, und ich glaubte in Walters Augen zu lesen, daß sie ihres Endzwecks nicht verfehlten. Er antwortete nichts, aber sein Blick ruhte mit einem Ausdruck auf meinem Gesicht, welcher machte, daß ich bestürzt zur Erde sahe, meinen Schleyer fallen ließ und mich zurück zog. Graf Venosta, sagte Walter, Eure Hand! Thut in der Sache, was Euch gefällt! Ein so schönes und tugendliches Fräulein kann nicht die Seite der Verbrecher halten. Unsere streitsüchtigen Mönche behalten ihren Abt, und dieser hat nichts zu thun, als seine mächtige Vorsprecherinn auch zu ihnen mit dem ihr eignen Ton der Ueberredung sprechen zu lassen, um sich ihrer Unterthänigteit auf ewig zu versichern. Mich dünkt, der Mann könne auf diese Art Herr der ganzen Welt werden, und sich, wär er auch der größte Sünder, durch den Mund seiner Heiligen selbst in den Himmel stehlen.
Ich fand diese Reden so kühn als schmeichelhaft; ein Wink meines Oheims sagte mir, daß auch er etwas anstößiges in denselben fand, und ich verließ das Zimmer voll Verlegenheit und Beschämung.
Ich hatte die Freude, meine Freunde gerettet und ihren Verfolgern zum Trotz in ihrer Würde bestätigt zu sehen, und die Kränkung, allerley nachtheilige Folgen meiner gutherzigen Vorbitte zu erfahren. Die erste derselben war ein ziemlich heftiger Verweis vom Grafen Venosta, wegen dem Feuer, – Zudringlichkeit nannte er es, – mit welcher ich zu Graf Waltern gesprochen hatte. Wär Noria ein einfältiges Alpenmädchen, sagte er, das in dem vaterländischen Gebürge nie etwas von den kühnen Erwartungen stolzer Männer bey dem geringsten Grad weiblicher Freundlichkeit gehört hätte, so wollte ich ihr die Freyheit, mit welcher sie sprach, und den Ausdruck ihrer bittenden Blicke verzeihen; aber Noria, an einem Kaiserhofe erzogen, hätte behutsamer seyn sollen. Walters sittenloses Anschauen und seine Worte voll kühner Schmeicheley gefielen mir nicht, und ich mag seinetwegen bisher noch so vortheilhafte Gedanken gehabt haben, so sind sie durch diese Dinge mehr als halb getilget.
Ich beantwortete Zirios warnende Rede mit Stillschweigen, und Selbstvorwürfe folgten hintennach, doch wußte ich kaum, was ich mir vorwerfen sollte: mein Herz war unschuldig, meine Absicht rein, nur die Folgen konnten mich belehren, daß ich in irgend etwas gefehlt hatte.
Walter von Vatz, er, der sich Jahre lang nirgend finden ließ, so sehr mein Oheim nach seiner Bekanntschaft strebte, er, der noch jetzt seine Gesellschaft nicht allzu eifrig suchte, kam von nun an mir, nur mir fast jeden Tag vor die Augen. Ging ich zur Kirche, so war sein Weg der nemliche, stand ich auf meinem Balkon, so ritt er vorüber, war ich bey einem der ländlichen Feste, zu denen es unsern Vasallen nie an Veranlassung fehlte, und bey welchen ich nie mangeln durfte; so bot er mir beym Tanze die Hand, ja das Schicksal wollte sogar, daß ich ihm in der Folge Dank schuldig werden mußte. Ein bunter Aufzug ländlicher Hochzeiter, welcher von wilder schwärmender Musik begleitet war, durchkreutzte einst meinen Weg des Abends im Zweylichten; die dicht vor den Augen meiner Pferde geschwungenen weißen Brautfahnen, und die schwirrenden Zimbeln, die man ihnen in die Ohren tönen ließ, machten sie scheu, sie gingen mit mir durch, und würden vielleicht mit mir den jähen Abhang hinunter gestürzt seyn, aber Graf Walter war bey der Hand, rettete mich, ehe ich noch fast Gefahr ahndete, und genoß dafür das Glück, wie er es nannte, mich nach Hause zu begleiten, und mir in einem seltsamen Tone von Liebe vorzureden, auch kam einst des Nachts in meinem Vorzimmer ein Feuer aus, welches schnell genug überhand nahm, um mich in Schrecken und Ohnmacht zu stürzen. Beym Erwachen fand ich mich in Walters Armen, welcher mir von Flucht vor der Gefahr vorredete, und bereit war, mich davon zu führen, aber da ich jetzt Besonnenheit genug hatte keine dringende Noth zu diesem Schritt zu sehen, so ging die Flucht nicht weiter, als in die Zimmer meines Oheims, in welche ich gebracht zu werden verlangte. Zirio dankte meinem Retter mit ziemlicher Kälte, und hängte seinem Dank die Frage an: welcher Zufall ihn so schnell und so zu gelegener Zeit herbeygebracht habe? Walter sprach von Geistern, welche für die Geliebten des Himmels wachen, und mein Oheim entließ mich, als sich Walter entfernt hatte, mit mancher ernsten Warnung. Die Begebenheit, welche jüngst meine Pferde scheu machte, und das Feuer, das mich in Walters Arme lieferte, konnte, wie er meynte, beydes von ihm selbst angelegtes Maschienenwerk seyn, ihn mir theuer zu machen; wenigstens war so viel gewiß, daß jener Brautzug nach angerichtetem Unglück wie verschwunden war, und dieses Feuer nichts weiter gethan, als einiges Tapetenwerk verzehrt hatte. Hat der Graf von Vatz Ursachen, deine Gewogenheit zu wünschen, fuhr Zirio fort, warum geht er nicht den geraden Weg? Warum bewirbt er sich nicht bey mir um dich? Es war eine Zeit, wo ich dich ihm nicht versagt haben würde, wo ich gemeynt hätte, durch seine Verbindung mit der künftigen Erbinn von Vatz und Sargans eine Handlung der Gerechtigkeit auszuüben.


