Elisabeth, Erbin von Toggenburg. Oder Geschichte der Frauen von Sargans in der Schweiz

- -
- 100%
- +
Ich weiß nicht, welche Nachrichten oder Beobachtungen meinen Oheim, ihn, der von jedermann gut dachte, so schnell geneigt gemacht hatten, Graf Waltern von der schlimmern Seite zu betrachten; ich glaubte den größten Theil dessen, was er sagte, nur halb, und suchte Entschuldigungen für denjenigen, der, so oft ich ihn sah, einen tiefern Eindruck auf mich machte, und mich immer unfähiger ließ, Arges von ihm zu denken.
Walter von Vatz war unglücklich, war des größten Theils der Rechte seiner Geburt beraubt, schon dieses wär hinlänglich gewesen, mir ihn interessant zu machen; aber er brauchte die wenige Macht, die er besaß, noch dazu, andern Nothleidenden Schutz zu gewähren, und sich dadurch mächtige Feinde auf den Hals zu ziehen; konnte etwas edler und großmüthiger gedacht werden? und war es möglich, daß ein solcher Mann den geringsten Anschein von Verdacht verdiente?
Hedwig, Gräfinn von Rappersweil, mußte vor ihrem Feinde, dem herrschsüchtigen Abte von Sankt Gallen, fliehen. Sie war Wittwe, und der Argwohn war nicht klein, daß ein Gifttrunk aus dem Keller des geistlichen Herrn sie in diesen Stand gesetzt hatte. Gern hätte seine Bosheit auch die verlassene Dame aufgeopfert, die seinen Hoffnungen um desto furchtbarer war, da das Land einen Erben von ihr erwartete, welcher in die Rechte seines Vaters treten konnte. Hedwig mußte fliehen, sie war dem Augenblick ihrer Niederkunft nahe, die Feinde waren dicht hinter ihr, sie konnte ihr Schicksal errathen, wenn sie in ihre Hände fiel. Sie ermannte sich in der namlosen Angst, welche sie von allen Seiten bestürmte, und faßte unter der schützenden Hülle der Nacht den einigen Entschluß, der sie retten konnte. Sie verließ den Wagen, dessen keuchende Rosse dem fernen Zufluchtsort, den sie gewählt hatte, vergebens entgegen eilten, ohne eine andere Begleiterin mit sich zu nehmen, als ihre unmündige Tochter Elisabeth. Sie gebot ihren Leuten, den Weg, so gut sie könnten, fortzusetzen, und dadurch ihre Verfolger irre zu leiten. Sie dachte sich in den dichten Gebüschen zu verstecken, oder irgend ein ruhiges Bauerhaus zu finden, wo sie sich von ihrer Angst erholen und einem unglücklichen vaterlosen Kinde das Leben geben könne, sicher, von den treuherzigen Bewohnern dieser Gebürge, den Feinden der Unterdrücker, ihrem Tyrannen nicht verrathen zu werden.
Die Gegend rund umher war öde, ein einsamer Reuter kam den Abhang herauf und begegnete der beklagenswürdigen Dame, welche, von der schwachen Hand der jungen Elisabeth unterstützt, sich kaum mehr aufrecht erhalten konnte. Es war Graf Walter, der von der Jagd kam, und seine Leute bereits vorausgeschickt. Die Gräfinn von Rappersweil brauchte sich ihm weder als eine Hülfsbedürftige zu melden, noch ihren Namen zu nennen, er war ungefordert zur Hülfe bereit. Sein schallendes Horn versammelte sein ganzes Gefolg um ihn her. Schnell ward ein leichter Jagdwagen herbeygeschafft, und ehe eine Stunde verging, befanden sich die Verfolgten in den friedlichen Mauern eines Schlosses, welches vor des Feindes Ueberfall, wär ein solcher zu befürchten gewesen, hinlänglich gesichert war.
Der Graf Venosta war diesen Tag ebenfalls auf die Jagd geritten, es war weit nach Mitternacht, und ich sah ihm beym Spinnrocken mit meinen Dirnen ängstlich harrend entgegen. Allerley Gedanken durchkreutzten sich in meinem Gehirn, an welchen, wie gewöhnlich, Graf Walter auch seinen Antheil hatte. Da öffneten sich schnell die Flügelthüren meines Zimmers, und der, an welchen ich dachte, stand fast außer Athem vor mir.
Fräulein, rief er, ich bitte euch um eine Gnade. Mir ist ein Gast gekommen, und keine Dame ist in meinem Hause, ihn zu bewirthen; vor dem Schloßthor wartet ein Wagen, laßt euch gefallen einzusteigen und mich nach meiner Burg zu begleiten.
Graf! welche Bitte!
Die kühnste, unverzeihlichste, welche sich denken läßt! aber schließt aus der Unvorsichtigkeit, mit welcher ich sie euch vortrage, auf die Eil, mit welcher ich sie erfüllt zu sehen wünsche.
Walter hatte nicht die günstigste Zeit gewählt, irgend eine Gnade, besonders eine von so seltsamer Art von mir zu bitten. Ich hatte in der Einsamkeit an die Warnungen meines Oheims gedacht. Die gescheuchten Pferde und die Feuersbrunst waren mir in den Sinn, gekommen, und der Unmuth, in welchem ich mich diesen Abend befand, hatte mich nicht geneigt gemacht, diese Dinge mit dem mir gewöhnlichen Vorurtheil zu betrachten. Ich sahe mit Graf Venostas Augen, und man kann also leicht schliessen, daß der gegenwärtige Antrag mir als die plumpeste List, mich in meines Liebhabers Gewalt zu bringen, vorkam, die sich denken läßt.
Ihr zürnt? rief Walter, der den Unwillen auf meiner Stirne sah. Gut, ich muß mich um einen Vorsprecher bemühen. – Er eilte mit diesen Worten ins Vorzimmer und kam mit einem kleinen reizenden Mädchen zurück, welches durch die Miene der Angst und des Kummers und durch ihr holdes mit Thränen überschwemmtes Gesicht den Eindruck vermehrte, den ihre plötzliche Erscheinung auf mich machen mußte.
Gutes, liebes Fräulein! rief die Kleine, indem sie meine Knie umfaßte, ich bitte euch, thut alles, was dieser Ritter euch sagt. Wir, meine Mutter und ich, sind in einem Hause, wo man nichts sieht, als bärtige, wilde Männer, und meine Mutter ist so sehr krank, und sie fragte, ob denn keine Dame vorhanden war, die ihr zu rathen wüßte, da sprach unser Retter, dieser Herr, er kenne eine, die er wie seine Schwester liebte, und er wolle sie wohl herbey holen, wenn sie folgen wollte, und da nahm er mich mit sich, euch erbitten zu helfen, und ihr werdet euch erbitten lassen, ich sehe es, weil ihr mich so freundlich anblickt.
Ich küßte die kleine Bittende ohne genau zu wissen, was sie wollte, und sah Waltern mit fragendem Blick an. Er erzählte mir das Abentheuer mit der Gräfinn von Rappersweil auf eine so interessante Art, daß ich nicht zweifelhaft hätte bleiben können, was zu thun war, und wenn auch nicht das Schicksal dieser unglücklichen Dame, von welchem in dieser Gegend alles voll war, schon vorher manch trauriges Nachdenken und mancher Wunsch ihr zu helfen, in mir erregt hätte.
Ich vergaß jede Bedenklichkeit, die ich haben konnte, und warf mich, in Begleitung meiner Amme, einer verständigen Frau, die der Gräfinn wahrscheinlich mehr Trost zu bringen vermochte, als ich, in den wartenden Wagen, dessen Eil ich zu beflügeln wünschte; denn ich war so ganz mit meinen Gedanken bey der Nothleidenden, daß ich kaum ans Walters zärtliche Danksagungen, und auf die Reden meiner Amme achtete, welche mit einigem Murren erwieß, daß wir uns übereilt hatten, daß eigentlich meine Gegenwart hier ganz unnöthig, nur die ihrige erforderlich sey, und daß der Graf Venosta Ursach habe, bey seiner Heimkunft zu zürnen, daß ich in seiner Abwesenheit mit einem Ritter in tiefer Nacht bey Sturm und fallendem Schnee davon gezogen sey.
Wir kamen an. Unser Anblick verbreitete auf dem Gesicht der schwachen Gräfinn, welche hier unter lauter Männern schlecht genug bedient war, neues Leben. Sie umarmte mich, und nannte mich Schwester. Ich ließ sie in den Händen meiner Amme, und ging hinaus, um zu ihrer Verpflegung Anstalten zu machen und Befehle zu geben, als wenn ich hier zu gebieten hätte. Die Angst um sie, machte mich geschäftig, mir kam in meiner seltsamen Lage nichts wunderbar vor, und ich konnte nicht begreifen, warum mich Graf Walters Leute so mit wundernden Augen betrachteten, und warum er selbst immer in so einem Uebermaaß von Entzücken an meiner Seite war, und mich mit Danksagungen überhäufte, welche unmöglich alle auf die Rechnung der Gräfinn von Rappersweil zu schreiben waren.
Hedwig ward in dieser Nacht die Mutter eines Sohnes, und das Entzücken, mit welchem sie ihn an die Brust drückte, war mit dem, was andere Mütter in solchen Augenblicken fühlen mögen, nicht zu vergleichen. Sie umschloß in diesem neugebornen Kinde den Ueberwinder ihrer Feinde, den Retter seines Hauses, nichts war nöthig, als seine Geburt, um den feindseligen Abt von Sankt Gallen zu demüthigen, und ihn in die Gränzen eines Lehnsmannes zurück zu weisen. Auch ermangelte Graf Walter nicht, die Nachricht von der Geburt eines jungen Grafen von Rappersweil in der ganzen Gegend kund zu machen, und Freund und Feind durch seine Herolde einladen zu lassen, sich von dem Daseyn des jungen Herrleins durch eigene Augen zu überzeugen.
Graf Venosta war durch die Nachricht von meiner nächtlichen Verschwindung, deren Grund man ihm nur sehr unvollkommen angeben konnte, zu seltsamen Besorgnissen verleitet worden; er mußte sich selbst von der Wahrheit unterrichten, und der erste Morgenstrahl sah ihn, unter der Begleitung seines ganzen Jagdgefolgs, das, auf den ärgsten Fall schnell zu ernstlicher Fehde bewaffnet worden war, auf Walters Schlosse einreiten. Der Graf von Vatz war in Geschäften, welche das Abentheuer vergangener Nacht nothwendig machte, ausgeritten, und mich traf mein Oheim an dem Bette der erlauchten Kindbetterinn, deren inniger Dank für die Hülfe, die sie durch meine Vermittelung erlangt haben wollte, jede Furche von seiner Stirne hinweghauchte, und die Strafrede, welche mir zugedacht war, kaum zum kleinen Verweis wegen einiger Uebereilung werden ließ.
Graf Walter kam zurück; er, nebst mir, dem Grafen Venosta, und der Schwester des Neugebornen, waren Taufzeugen des Kindes, und gaben ihm den Namen seiner Väter Rudolf. Wohlstands9 wegen wurde darauf angetragen, die Kindbetterinn, welche sich nicht von mir trennen wollte, nach dem Schlosse meines Oheims bringen zu lassen, aber sie war zu einer solchen Reise zu schwach, und ich mußte mir gefallen lassen, noch einige Zeit lang, auf Graf Walters Schlosse die Stelle der Hausfrau zu vertreten.
In dieser Epoche geschah das, worauf die ganze Sache von Graf Waltern angelegt war. Ohne Zweifel hätte er zu Bewirthung seines schönen Gasts andere Anstalten treffen können, aber nutzte schnell die dargebotne Gelegenheit, mich in eine Verbindung zu ziehen, welche mich ihm näher brachte, er suchte mir einen stillschweigenden Beweis vorzüglicher Achtung zu geben, und sich zugleich ein Recht auf die meinige zu erwerben, indem er mich zur täglichen Zeuginn der edeln Behandlung machte, welche eine Person bey ihm fand, die ihm ganz fremd war, welche sich ihm durch nichts empfahl als Hülflosigkeit, und ihm zur Belohnung für seine Milde nichts gewähren könnte, als Verstrickung in ihre eignen verdrüßlichen Händel.
Walter erreichte seine Absicht bey mir vollkommen, und auch mein Oheim begunnte ihn mit günstigern Augen anzusehen. Beyde interessirten sich gleich stark für die Gräfinn, und schwuren alles zu thun, sie und ihren neugebornen Sohn, in den noch immer von dem Abt zu Sankt Gallen bestrittenen Rechten zu schützen. Einerley Endzwecke machten sie vertraut, und Walter war hinlänglich auf seiner Hut, um bey dieser Vertraulichkeit nicht zu verlieren. Schon glaubte er der Erreichung seines nie wörtlich gestandenen Endzwecks, des Besitzes meiner Hand nahe zu seyn, als mein Oheim einen neuen Beweis gab, daß eine Verlobung mit ihm gegenwärtig gar nicht dasjenige sey, was er suchte oder wünschte.
Die Geschichte meiner nächtlichen Reise – Entweichung war das Wort, dessen man sich bediente – war nicht verschwiegen geblieben. Die Lage der Gräfinn von Rappersweil erforderte es, viel Fremde zu sehen, und man fand mich immer an ihrer Seite, sah, daß ich in Graf Walters Hause die Wirthinn10 spielte und machte daraus seine Schlüsse. Einige nannten mich die Braut des Grafen von Vatz, andere setzten aus bekannten und unbekannten Umständen eine Geschichte zusammen, welche zu anstößig war, um von mir nacherzählt zu, werden, und die, als sie zu meines Obeims Ohren kam, den Entschluß, mich aus meiner wunderbaren Lage zu reissen, schnell zur Ausführung brachte. Die Kindbetterinn war jetzt stark genug, eine Veränderung der Wohnung zu ertragen, und der Aufenthalt in dem Hause des mächtigen Grafen Venosta, den ihr die Freundschaft anbot, konnte ihr die Sicherheit, die sie bey Waltern fand, in weit höherm Grade gewähren.
Mein Oheim und der Graf von Vatz sahen finster, ich trauerte und die schöne Hedwig von Rappersweil gab dem, was keines dem andern gestehen wollte, Worte. O Schicksal! rief sie beym Abschied von ihrem bisherigen Beschützer, indem sie meine und Walters Rechte fest in der ihrigen zusammendruckte, verbinde die beyden edelsten Seelen, die du bildetest, mit einander, dies ist der beste Lohn, den du der Großmuth und uneigennützigen Freundschaft, die ich hier fand, ertheilen kannst! Hedwigs sprechende Augen waren gen Himmel gerichtet, und wir beyde sahen einander erröthend an, ohne ein Wort vorbringen zu können. Mich dünkte, Walter hätte nicht stumm seyn sollen, aber – er schwieg.
Die Gräfinn lebte lang in unserm Hause, es kam mit ihren Beschützern und dem halsstarrigen Abt von Sankt Gallen zur offenen Fehde, in welcher jener immer unterlag, ohne ganz überwunden zu werden. Gott weiß, welches die Quellen unüberwindbarer Macht sind, welche man in unsern Tagen immer bey den geistlichen Fürsten findet. Feige Herzen, schwache Arme, sorglose Unthätigleit, welche Gegner für ritterliche Stärke und Heldenmuth! – Ohne Zweifel schlingt eine unsichtbare Kette alle Söhne der Kirche insgeheim zusammen, und wird das Mittel, sie immer den Weltlichen überlegen zu erhalten, so oft sie auch von ihnen besiegt werden.
Hedwig war schön und eine Wittwe, und mein Oheim ein Mann, der sich dem Alter mit so langsamen zögernden Schritten näherte, daß man bey seinem Anblick seine Jahre zu zählen vergaß. Ich war vielleicht nicht die erste, welche auf den Gedanken fiel, eine Verbindung zwischen ihnen könne gegenseitiges Glück hervorbringen. Ich merkte bald, daß meine Vorschläge von beyden mit Wohlgefallen gehört wurden, und ich triumphirte in dem Gedanken, meine Freundinn und meinen Wohlthäter bald den Weg des häuslichen Glücks von neuem beginnen zu sehen.
Graf Walter, welcher in unserm Hause kein seltner Gast war, hörte meine Plane mit Erstaunen aus meinem Munde. Nie hatte ich zuvor einen so sonderbaren Zug in seinem Gesicht gesehen, als in diesem Augenblicke. Fräulein! schrie er, wache oder träume ich? Eine Verbindung, die euch um alle eure Hoffnungen betrügt? die eine Fremde in alle Rechte, welche euch zukommen, einsetzt? – und diese Verbindung euer Werk? –
Kann Graf Walter den geringsten Gedanken von Eigennutz in meiner Seele ahnden? fragte ich mit einem Erstaunen, welches dem seinigen wenigstens gleich kam. Sollte es möglich seyn, daß ähnliche Gesinnungen in seinem Busen Platz finden? Oder ist vielleicht das Ganze ein Versuch, seine Freundinn auf die Probe zu stellen?
Er biß sich auf die Lippen und schwieg. Meine Augen waren fest auf ihn gerichtet und er erholte sich erst spät, um die Miene zu verändern, und mir zu erweisen, wie er bey einer Sache, welche weiter gar keine Beziehung auf ihn haben könne, blos um mich sorge, und wie das edelste, uneigennützigste Herz, bey Freundesangelegenheiten, wohl Betrachtungen stattgeben könne, die bey eigenen aus dem Sinn geschlagen würden.
Ich glaubte alles, was Walter mir sagte, und also auch dieses, und er war im Gegentheil so gefällig, auch meine Vorstellungen gelten zu lassen, und mir am Ende einzuräumen, daß eine Verbindung zwischen dem Grafen Venosta und Graf Rudolfs Wittwe allerdings eine höchst annehmliche und selbst für mich vortheilhafte Sache seyn müsse, auch versprach er mir, so bald die nächste Unternehmung wider den Abt von Sankt Gallen geglückt seyn würde, auf meine Seite zu treten und das Glück meiner Lieben durch Bitten und Überredungen beschleunigen zu helfen.
Der Heerzug gegen den gemeinschaftlichen Feind betraf die Einnahme einer der Burgen, welche er dem rechtmäßigen Erben vorenthielt, und man machte sich des andern Tages früh vor Aufgang der Sonne auf, durch List und Waffen den Sieg zu erstreiten, den man schon fast in den Händen zu haben glaubte.
Meine Freundinn und ich hatten unsere Helden schon zu oft von ihren Unternehmungen glücklich zurückkehren gesehen, als daß wir ihnen Seufzer oder ängstliche Wünsche hätten nachschicken sollen; wir hatten die Zeit ihrer Rückkunft genau ausgerechnet, und den Anschlag gemacht, sie mit den zurück gebliebenen Kriegsleuten wie im Siegsgepränge einzuholen, dem fröhlichen Zuge voraus sollte eine mit Denksprüchen und Sinnbildern gezierte Fahne wehen, welche noch unter unserer Nadel war, und die wir uns mit der größten Emsigkeit zur bestimmten Zeit zu fertigen mühten. Unserer Gespräche bey dieser lieblichen bald vollendeten Arbeit waren mancherley, ich nannte die reizende Hedwig scherzend meine Tante, und diese lohnte mir damit, daß sie meinen Namen mit dem Namen Graf Walters verschlungen in ein leeres Wappenfeld setzte. Unsere Unterhaltung ward ernsthafter. Sie bezeugte mir über das, was mich vorlängst befremdete und bekümmerte, über Walters schweigende Liebe ihre Verwunderung, und betheuerte eben, daß sie nur darum Gräfinn Venosta zu werden wünschte, um den blöden11 Ritter, so nannte sie Waltern, zum Sprechen zu bringen, und sein und mein Glück mit Nachdruck zu befördern, als ein Geräusch im Schloßhof unser Gespräch und unsere Arbeit unterbrach; wir sprangen auf, der Hufschlag von Pferden würde uns die Wiederkunft unserer Geliebten haben ahnden lassen, wenn eine so schleunige Endigung des Streites möglich gewesen wär. Wir schickten unsere Dirnen hinaus, um Erkundigung einzuholen, und flogen selbst an die Fenster, um uns durch eigne Augen zu belehren.
Die Gräfinn stürzte mit einem lauten Geschrey zurück, und mich versetzte der Anblick eines einigen blutenden Reuters, mit etlichen leeren Handpferden fast in den nemlichen Zustand. Ists Friede? rief ich mit halb erstorbener Stimme vom Altan herab. Ach Gott, Fräulein, erwiederte der Bote mit stammelnder Zunge, meine Herren! – Der Hinterhalt dort im Gebürge! – Beyde, Beyde gefangen! – O schleunige, schleunige Hülfe! –
Schon waren unsere Leute beschäftigt, dem tödlich Verwundeten, der sich kaum mehr aufrecht erhalten konnte, beyzustehen, und mich machte das Entsetzen, anstatt mich in die Vernichtung wie meine Freundinn zu stürzen, stark genug, hinaus zu eilen, um Anstalt zur Rettung zu treffen. Ueberall war ich selbst gegenwärtig, und ehe eine Stunde verging, stand alles, was dieses Schloß von Mannschaft in sich hatte, in Waffen, und ich selbst in einer leichten Rüstung meines Oheims eilte zu der kranken Gräfinn von Rappersweil, die ich unter den Händen ihrer Frauen verlassen hatte, um mich mit ihr zu letzen12, und sie mit der Hoffnung glücklicher Wiederkunft zu trösten.
Auch du, auch du eilst von mir? schrie Hedwig – Gott, was wird aus mir werden! Nimm mich mit dir, oder töde mich! Unglücksahndnng beklemmt mein Herz! nicht genug an alle dem Schrecklichen, was wir bereits erfahren haben, mich dünkt auch, wir werden uns nicht wiedersehen.
Ich drückte meine schwache Freundinn an mein Herz, empfahl sie ihren Leuten und flog dahin, wo mich weit weniger Muth und Entschlossenheit, als Verzweiflung und dringende Noth riefen. Wir jagten mit verhängtem Zügel die Ebene hindurch und stiessen in den ersten Krümmungen des Gebürgs auf die Stelle, wo Tapferkeit hinterlistiger Bosheit unterlag. Ein schrecklicher Anblick! Eine im Blute schwimmende Wahlstatt13! Tausend Gegenstände, bey welchen das Mitleiden gern verweilt hatte, um noch vielleicht einige zu retten, aber wichtigere Betrachtungen hiessen uns die Ohren vor dem Gewimmer der leidenden Menschheit verschliessen, und den Weg ungesäumt fortsetzen. Doch schickte ich einige von meinen Leuten zurück, um das zu verrichten, was ich lieber selbst gethan hatte, und gebot dem einen von ihnen, wenn irgend aus dem Munde eines noch lebenden Nachrichten von Wichtigkeit zu erforschen wären, mir sie eilig nachzubringen.
Durch dieses Mittel erfuhr ich den Weg, den die dreymal grössere Mannschaft des Abts von Sankt Gallen mit den gefangenen Helden genommen hatte, und langte noch vor Abends bey der Veste an, welche man mir als den Kerker meiner Freunde bezeichnet hatte.
Wir rüsteten uns zum Sturm. Ich hatte erfahrne Krieger unter meinen Leuten, welche meiner Unwissenheit in Dingen dieser Art zu Hülfe kamen, und die dagegen durch meinen Muth, den Muth eines Weibes, doppelte Stärke erhielten. Nicht lange, so sahen wir von der Burg die weisse Fahne wehen, und mit gehöriger Vorsicht für die Sicherheit seiner theuren Person, kam auf der Zinne der Räuber meiner Lieben, der Unterdrücker der Unschuldigen, der abscheuliche Abt von Sankt Gallen zum Vorschein.
Ich hatte meinen Helm abgesetzt, um mein glühendes Gesicht zu kühlen, und meine Locken, noch mit jungfräulichem Blumenschmuck geziert, den ich in der Eile abzulegen vergessen hatte, flatterten im Winde. Willkommen schönes Fräulein, rief der hämisch lächelnde Mönch, der mich kannte, zu mir herab. Die Freunde, welche ihr sucht, sind nicht mehr in diesen Mauren, darum höret auf, wider die Unschuldigen zu wüthen. Legt die schwere Rüstung ab, welche eurem Geschlecht so wenig ziemt, und kommt herein, ein friedliches Abendmahl mit mir zu theilen.
Schon rüstete ich mich zu einer Antwort, wie sie der frechen Anrede gebührte, aber die Worte erstarben auf meinen Lippen. In meinen Ohren tönte aus hundert Kehlen das Wort: Verrätherey! ich sah zurück, und sah rund umher Feindes Schwerdter blinken, sah meine Leute zurückweichen und fallen, sah den Weg zu mir eröffnet, und das Kriegsvolk des heimtückischen Abts, das hinter uns in großem Haufen aus einem alten Gemäuer hervor stürzte, von weiten zu mir einstürmen. Mir vergingen die Sinne, und ich weis nicht, was aus mir geworden wäre, wenn nicht meine getreue Dirne, Mechtild, die mir unerschrocken in den Streit gefolgt war, mich aufrecht erhalten hätte. Mein unbehelmtes Haupt und das bleiche jungfräuliche Gesicht machte mich kenntlich, sie deckte es mit der Sturmhaube eines feindlichen Kriegsknechts, der nicht weit von uns gefallen war, hüllte mich in seinen Wappenmantel und zog mich aus dem Gedränge auf eine Seite, von welcher sich jetzt der Streit hinweg wandte.
Die Nacht begünstigte unsere Flucht. Mechtild bewieß mir, indem wir unsern Pferden zueilten, daß meine Gegenwart hier, da es meinen Leuten nicht an Anführern fehlte, unnöthig, und meine Gefangenschaft bey dem kleinsten Zögern gewiß sey, auch war ich durch die letzte schreckliche Ueberraschung, und die heftige Anstrengung würklich zu sehr geschwächt, um etwas anders, als das beste Rettungsmittel des Weibes, die Flucht, übrig zu haben.
Mehr tod als lebendig brachte mich meine Retterinn durch die öde nächtliche Gegend nach dem Schlosse zurücke, das ich, unbekannt mit meinen Kräften und der Stärke und Hinterlist meiner Feinde mit so großen Hoffnungen verlassen hatte. Von der Wahlstatt, bey welcher wir vorüber mußten, tönte es uns wie Röcheln der Sterbenden nach, und die Haare streubten sich auf unsern Häuptern empor. Die weibliche Schwäche behauptete von neuem ihre Rechte, und diejenigen, welche sich vor kurzer Zeit mitten unter die Schwerdter der Feinde gewagt hatten, zitterten jetzt vor einem Schatten, vor einem Hauch, den ihnen die erhitzte Phanthasie vorstellte.
Wir fanden die Burgthore verschlossen, und die Zugbrücke aufgezogen, kein Zeichen, das wir geben konnten, vermochte uns Eingang zu verschaffen. Alles schien im Schloß wie ausgestorben zu seyn. Kein Schimmer von Licht ließ sich in den hochgewölbten Fenstern erblicken, und wir waren genöthigt, in einem kleinen verlassenen Gebäude diesseit des Grabens, zu übernachten.
Ueberzeugt, daß nur die Furcht vor feindlichen Ueberfall unsere Zurückgelassenen zu dieser hartnackigen Vorsichtigkeit hatte bewegen können, sahen wir dem Morgen ängstlich harrend entgegen. Wer wußte, ob der Feind hinter uns nicht den Sieg davon getragen hatte? wer wußte, ob er nicht, denselben vollkommen zu machen, die Flüchtigen hieher verfolgen, und sich zum Meister dieses Schlosses machen würde? – Ich hatte die Gräfinn von Rappersweil in schlechtem Schutz gelassen. Die Begierde meinen Oheim und meinen Geliebten zu retten, hatte gemacht, daß außer unsern Frauen niemand im Schloß zurück geblieben war, als der alte Hausverwalter, der Thurmwächter und wenige Bedienten.
Der erste war es, der uns bey Anbruch des Tages den Zugang zum Ort der Sicherheit eröffnete, wir hielten unsern traurigen Einzug, und wurden von dem schwachen Greise mit allen Merkmalen des Entsetzens empfangen. Unsre einsame Zurückkunft, und sein entstelltes Ansehen war der Gegenstand unserer ersten gegenseitigen Fragen, die von beyden Theilen unbeantwortet blieben. Ich eilte über den Burghof, um mich in die Arme meiner Freundinn zu werfen, und mit ihr die Maßregeln zu unserer künftigen Sicherheit zu nehmen, aber das erste, was sich meinen Augen am Eingange darbot, war ein Haufen blutender Leichname. Ich fuhr mit Entsetzen zurück, um zu fragen, was für schreckliche Dinge hier vorgegangen wären, aber das Entsetzen hemmte meine Worte, auch wurde ich durch die um Hülfe rufende Stimme meiner Begleiterinn unterbrochen, unter deren Händen der Schloßvogt, welcher vermuthlich bey Eröffnung der Pforten seine letzten Kräfte zugesetzt hatte, ohnmächtig geworden war.



