Elisabeth, Erbin von Toggenburg. Oder Geschichte der Frauen von Sargans in der Schweiz

- -
- 100%
- +
Doch warum beschreibe ich bey dem Ueberfluß von traurigen Scenen, die meiner Feder bevorstehen, die erste so umständlich? Nichts also von dem, wie wir nach und nach hinter das fürchterliche Geheimniß kamen, sondern lieber sogleich den ganzen Vorgang.
Das einzige Gut, welches ich nach dem, Verlust meines Geliebten und meines Oheims noch besaß, meine Freundinn, meine Hedwig, auch sie war mir während meiner Abwesenheit entrissen worden. Unbekannte Feinde waren bald nach unserm Abzuge hereingedrungen, hatte die wenigen männlichen Bewohner des Schlosses theils getödet, theils tödlich verwundet, unsere Frauen, gebunden, die Gräfinn von Rappersweil mit ihren Kindern davon geführt, die Schloßpforten hinter sich verschlossen, die Zugbrücke aufgezogen, und die grauliche Einsamkeit zurückgelassen, welche ich hier fand. Der Thurmwächter und der Schloßvogt waren die einigen von den Männern, deren Wunden nicht den Tod nach sich gezogen hatten, und indessen der erste nach langsamer Erholung hinaufgegangen war, nach dem Zustand in den Gemächern zu sehen, hatte der andere der Hülfe von aussen den Zugang eröffnet.
Die entfesselten Weiber stürzten mir jetzt voll Verzweiflung entgegen und forderten von mir die Gräfinn, die ich hier, ach so unvorsichtig, so schlecht beschützt, zurückgelassen hatte! Unsere Furcht vor einiger weitern Gefahr wurde durch die Empfindung unsers Verlusts verschlungen, und wir wären eine leicht eroberte Beute unsres Feindes gewesen, wenn er sich des gegenwärtigen Augenblicks zu bedienen gewußt hätte.
Gegen den Mittag kamen einige Leute aus der benachbarten Gegend, und brachten die junge Elisabeth zurück, welche sie verirrt und weinend im Gebürge gefunden hatten. Ach! schrie sie, indem sie sich in meine Arme warf, ach gutes Fräulein! was ist aus meiner Mutter geworden! Ich konnte ihr nur mit meinen Thränen antworten, und auch sie war so außer sich, daß ich erst spät so viel erfuhr, wie man sie anfangs mit ihrer Mutter davon geführt, dann sie wegen ihres unablässigen Schreyens und Weinens lästig gefunden, und in dem Gebürge zurückgelassen hätte. Man stelle sich die Empfindung der Mutter bey der Trennung von der Tochter vor! Nichts als die Drohung, ihr auch ihren kleinen Sohn vom Busen zu reissen, hatte sie endlich Ergebung in den Willen ihrer Entführer lehren können!
Es war erst spät gegen den Abend, als ich Besonnenheit genug hatte, einige Anstalten zu unserer Sicherheit zu machen, und einige Nachfragen zu thun, welche mir nöthig dünkten. Die Burg ward gesperrt, die Toden, weil unsere Arme zu schwach zu ordentlicher Beerdigung waren, in den verfallnen Brunnen eines abgelegenen Hinterhofs geworfen, und alle Muthmassungen gesammelt, wer der Urheber unsres Unglücks seyn möchte. Der Hausverwalter, vor dessen Bette die Berathschlagung gehalten wurde, behauptete mit unumstößlichen Gründen, der Abt von Sankt Gallen, auf dessen Rechnung wir alles Unheil zu schreiben bereit waren, sey hier unschuldig, und er gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er andere Muthmassungen habe. Die kleine Elisabeth, welche nie von meiner Seite ging, und die wir diesmal gar nicht bemerkt hatten, erhob ihre zarte Stimme, um zu versichern, sie habe unter den Entführern ihrer Mutter ein Gesicht erblickt, das Graf Waltern nicht ungleich gesehen habe, auch habe sie sich erkühnt, bittend seinen Namen zu nennen, aber ein unfreundlicher Stoß, und bald darauf die Zurücklassung im Gebürge sey der Lohn ihres Vorwitzes gewesen. –
Du irrest, mein Kind, sagte ich, denn alles andere abgerechnet, welches es unmöglich macht, daß unser Freund unser Verfolger seyn könne, so ist auch der Graf von Vatz ja der Theilnehmer der unglücklichen Gefangenschaft meines Oheims: hast du vergessen, was der Unglücksbote gestern bey seiner Ankunft aussagte?
Ja, wollte Gott, rief der kranke Greis, wir hätten diesen Unglücksboten genauer befragt oder scharfer bewacht. Doch wer konnte Mißtrauen in ihn setzen oder ihn bey der Todenschwäche, in welcher er zu seyn schien, der Flucht fähig halten?
Der Flucht? rief ich, der Bote ist geflohen, und wenn und warum geschahe dieses? –
Mittlerweile wir Anstalt machten ihm die Wunden zu verbinden, die unser keiner gesehen hat, und ihn auf einige Augenblicke verlassen hatten, entkam er. Die Zurüstung zum Aufbruch machte, daß wir ihn aus der Acht liessen, er hätte in der Zeit, da wir ihn verlassen hatten, sterben können, wär er so schwach gewesen, als er schien; wir suchten ihn, aber er war nirgend zu finden und wir meynten, unzeitige Tapferkeit und Treue könne ihn wohl veranlaßt haben, den Rettern seines Herrn zu folgen, und einen Weg zu unternehmen, dessen Ende für ihn der Tod seyn mußte.
Und wäre dies nicht möglich? rief ich, Werner war immer ein treuer Diener seines Grafen.
Der Hausvogt versicherte, daß ihm bey dem bald darauf folgenden Ueberfall Dinge vorgekommen wären, welche seiner Flucht eine andere Auslegung gäben, und wollte sich eben deutlicher hierüber erklären, als der Schall der Trompeten von aussen, uns alle aufschreckte, und einen jeden an den Posten trieb, welchen Pflicht und Neigung ihn anweisen. Der Thurmwächter stieg auf die Warte, meine Frauen versteckten sich, und ich mit der kleinen Elisabeth eilte auf die untere Zinne, um mich von der Beschaffenheit der Gefahr zu unterrichten.
Gott! schrie ich, beym ersten Anblick der Reisigen14, welche das Feld vor der Burg bedeckten, Graf Walters Leute! – Meines Oheims Fahnen! – Wache oder träume ich? Graf Venosta ritt jetzt hervor, um dem Thurmwächter, der von seiner Höhe herab die gewöhnlichen Fragen that, selbst zu antworten, aber mir fehlte die Geduld dieses abzuwarten. Die Burgpforten öffneten sich, die Zugbrücke flog nieder und ich lag in den Armen meines theuern geretteten Oheims, ehe ich noch den Gedanken von seiner Befreyung mit Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit zusammen räumen konnte.
Ja, ich bin frey, meine Tochter! rief Graf Zirio, als ich aus dem ersten Taumel des Entzückens zu mir selbst kam, und weißt du, wem du und ich Glück und Leben zu danken haben? Hier diesem Helden, den ich insgeheim so lang verkannte und ihm die Belohnung, die er längst verdiente, mißtrauisch vorenthielt.
Graf Walter? schrie ich, er, der selbst gefangen war?
Zum Glück war er es nicht, erwiederte mein Oheim. Als wir vom Hinterhalte des Abts im Gebürge überfallen wurden, entkam er, sammelte alle Reisigen, die er in seiner Burg zurückgelassen hatte, und heute am Morgen war er und die Rettung vor der Thür. O Noria! hilf mir vergelten, was wir diesem edeln Manne, schuldig sind! doch du allein kannst es. Hier Graf Walter, die Hand der Erbinn aller der Gegenden, die eure Vorfahren ehemals Herr nannten, die Hand eurer Geliebten, um die ihr so lange schweigend bittet! – nun, was zögert ihr? schlagt ein in die Hand, die sich euch mit so wenig Zögern darbietet.
Graf, erwiederte Walter, der mit einer seltsamen Geberde dastand, die Linke ans Schwerd, die Rechte auf die Brust gelegt, sprach ich euch um die Hand der Erbinn von Sargans an?
Ha ihr zielt auf meine Vermählung mit der Gräfinn von Rappersweil, aber, ich kann meine Gemahlinn und meine Nichte bedenken, ohne eine von ihnen zurückzusetzen.
Hiervon ist nicht die Rede! Ich frage euch, bat ich euch jetzt, mich zum Gemahl der schönen Noria zu machen?
Nein, und ich weiß die Ursach, warum ihr schweiget, Stolz und Furcht vor Abschlag, doch was ist das unter mir und euch? Ich biete euch aus Dankbarkeit meinen liebsten Schatz an, und ihr liebt zu stark, um ihn auszuschlagen.
Ja, Graf Venosta, ich liebe. Aber mir liegt daran, daß alle Welt es wisse, wie euer freyer Wille, ohne Rücksicht auf meine anderweitige Lage, ohne Drang von meinen Bitten mich zu euren Neffen machte.
Was für Bedenklichkeiten! Nun so wisse es alle Welt, bey meinem Eide, ich biete meine Nichte dir Waltern von Vatz freywillig an, und erwarte deine Antwort.
Und ihr Fräulein? fragte Walter.
Ich schwieg und sah erröthend vor mir nieder. O dieser edle Stolz, mit welchem Walter, um jeden Verdacht von Eigennutz zu vermeiden, zögerte sein Glück anzunehmen, hätte jetzt mein Herz für ihn gewonnen, wär es nicht längst das Seinige gewesen. – Mein Oheim war der Erklärer meiner Blicke, ich widersprach nicht, mein Geliebter schloß mich zum erstenmal in seine Arme und nannte mich mit dem Namen, der mir auf der Welt der liebste war.
Himmlisch wären diese Augenblicke gewesen, wenn nicht dicht hinter ihnen die bitterste Kränkung hergeschlichen wär. Mein Oheim wandte sich von der Scene unserer Liebe, und fragte nach der Gräfinn von Rappersweil. O Himmel, welche Entdeckung! wie soll ich den Zustand meines Oheims schildern, als er den Verlust der schönen Hedwig erfuhr.
Ein Held äußert Gram und Entsetzen auf andere Art als wir Frauen. Hedwigs Rettung und nicht müssige Klagen waren die Folgen meiner Erzählung. Die ermüdete Mannschaft mußte von neuem aufsitzen um die Gegenden rund umher, nach der Entführten zu durchziehen, ich stimmte nur gar zu willig in die Unternehmungen meines Onkels ein, aber Graf Walter, der mehr Besonnenheit hatte als wir andern, fragte, ob wir schon wüßten, welchen Weg wir zu Befreyung der Gräfinn zu nehmen hätten? Ohne Zweifel, sagte mein Oheim, zu der nächsten der Vesten unsers Feindes des heimtückischen Abts, dessen Hand bey diesem Bubenstück nicht zu verkennen ist. Ich brachte die Zweifel vor, die ich wider diese Muthmassung aus dem Munde des kranken Hausmeisters gehört hatte, und bat, ihn vor dem Abzuge näher hierüber zu befragen, weil er mehr von diesen Dingen zu wissen geschienen hätte; aber die Nachricht von seinem Tode kam uns entgegen, und der Graf Venosta, der in der Verzweiflung, in welcher er war, lieber aufs ungewisse handeln als müssig seyn wollte, drang auf den Anfang einer Untersuchung, die in verschiedenen Monaten erst geendigt, oder vielmehr aus Verzweiflung als fruchtlos aufgegeben wurde. In dieser unruhigen Zeit, da mein Oheim und Graf Walter fast nicht aus der Rüstung kamen, ward meine Vermählung gefeyert; eine traurige angstvolle Feyer, das Vorzeichen der Tage, welche folgen sollten.
Ich war die Gemahlinn meines Geliebten, und genoß das Glück, das unsere meisten Frauen an der Seite ihrer kriegerischen Gatten geniessen; eine rauhe wilde Liebe, deren Aeußerungen oft den Wirkungen des Hasses ähnlich sehen. Ich hatte mir die Seeligkeit der Ehe freylich anders geträumt, aber welches Mädchen träumt nicht so, und welche wird nicht getäuscht!
Die Gräfinn von Rappersweil war und blieb verloren. Der Abt von Sankt Gallen behauptete hartnäckig seine vermeynten Rechte, und der Graf Venosta bewies durch den dumpfen Trübsinn, der Besitz von seiner Seele nahm, daß er die theure Verlorne stärker geliebt hatte, als er sich vor dem, ihr und sich selbst zu gestehen wagte.
Kinder, sagte er, eines Tages zu mir und meinem Gemahl, Hedwig und die Freuden des Lebens sind für mich verloren. Es war Thorheit zu wähnen, noch am Rande des Grabes würde mir das Glück begegnen, zu hoffen, die Hand der Liebe würde dereinst meine Augen schliessen. Ich habe für diese Thorheit gebüßt. Ich fühle die Abnahme meiner Lebenskräfte, fühle den nahen Tod im Herzen. Laßt mich die letzten Abendstunden vor der Nacht des Grabes der Ruhe und Einsamkeit weihen. Alles was ich besitze, ist euer Eigenthum; ich behalte mir nur das angenehme Münsterthal15, und mein Schloß Oberhelbstein16 am Rhein gelegen, zum Eigenthum vor, jene entlegene Gegenden; sollen mich in meinen ernsten traurigen Stunden beherbergen, und dieses will ich besuchen, wenn heiterere Augenblicke mich eure nähere Gegenwart wünschen lassen.
Ich widersetzte mich der Entschliessung meines Oheims, aber mein Gemahl fand sie vortheilhaft für uns, und ich hatte seit einiger Zeit häufige Beweise, daß Walter gegen eignen Nutzen nicht unempfindlich war. Er fand nichts übermäßig, das der Graf Venosta für uns that, er eilte nun, seine Verfügungen zu unserm Besten rechtskräftig zu machen, und schien nebenbey zu bedauern, daß er uns nicht alles überlassen hatte. Die wehenden Schatten des Münsterthals und das stolze Schloß am Rhein dünkten ihm noch einmal so reizend, seit sich Zirio den Besitz davon ausschliessend vorbehielt, und zuweilen merken ließ, daß er dasselbe dereinst nicht uns zu hinterlassen, sondern für diejenige aufzuheben gedächte, deren Wiederfindung er noch immer zu hoffen schien.
Graf Venosta, der offne redliche Mann, welcher besonders im Umgange mit uns, seinen Kindern, keine Zurückhaltung kannte, liebkoßte einst die junge Elisabeth, die er besonders liebte, und Walter merkte an, daß sie schon die völlige Miene des Standes habe, den sie einst in der Welt führen würde. Welches Standes? fragte Zirio, und Elisabeth, welche täglich ihr künftiges Schicksal aus dem Munde meines Gemahls hörte, antwortete mit ihrer gewöhnlichen Naivetät: Was hat ein armes Fräulein ohne Eltern für andre Aussicht, als das Kloster? Du arm? schrie Zirio, indem er sie fester an seine Brust drückte, du ohne Eltern, so lange Venosta noch lebt? Nein, mein Kind, ich weiß, was ich dem Andenken deiner edeln Mutter schuldig bin: von mir sollst du nicht verlassen seyn, ob alle dich verliessen.
Graf Walter hatte das Fräulein von Rappersweil nie sonderlich geliebt, und von diesem Tage an begunnte er sie zu hassen.
Auch sie schien einen heimlichen Widerwillen gegen ihn zu hegen, dessen Aeußerungen nur durch eine unbegränzte Furcht vor ihm zurückgehalten wurde.
Ach Gräfinn, sagte sie eines Tages zu mir, als sie mich über neue Ausbrüche seiner schlechten Denkungsart, die sich täglich mehrten, weinen fand, ihr wißt es noch nicht ganz, was für ein böser, böser Mann er ist. Kaum wage ich es, euch eine Sache zu wiederholen, die ehemals so wenig von euch beachtet wurde; aber Graf Walter ist gewiß, ganz gewiß der Räuber meiner Mutter. Wie wär es möglich, daß meine Augen mich dergestalt hätten trügen sollen? aber ich schweige, denn ich denke noch immer an die harte Begegnung, die ich von ihm erfahren mußte, als ich in jener Nacht seinen Namen nannte.
Ich kannte denjenigen, des ich mir vordem als einen Engel träumte, jetzt besser, und Elisabeths Reden fanden in diesem Augenblicke würklich mehrern Eingang bey mir, als zur Zeit verblendeter Liebe; doch war das, was das junge Mädchen vorbrachte, fast zu schrecklich, um ganz geglaubt zu werden und ich hielt es also für gut, ihr wenigstens äußerlich zu widersprechen. Aber in wenig Tagen erhielt ich Beweise, daß mein Gemahl mancher Handlung fähig war, die ich sonst mit einem Eide auf mein Gewissen von ihm abgelehnt haben würde, und daß es also wenigstens nicht unmöglich sey, daß er an jener, deren ihm seine unschuldige Anklägerinn zeihete17, Antheil gehabt haben könne.
Die Männer, welche die erste Veranlassung zu einer Bekanntschaft mit dem Grafen von Vatz gaben, welche ich bereits als mein Unglück anzusehen begunnte, der Abt und der Prior des Klosters Kurwalde, hatten bisher, von meinem Oheim bey ihren Rechten geschützt, mit ihren Mönchen in gutem Frieden gelebt, aber als dieses Kloster durch die Milde des Grafen Venosta unter die Herrschaft Graf Walters kam, da begunnte sich Unruh und Meuterey unter den ausgelassenen Klosterherren, die der Zucht eines tugendhaften Obern nicht gehorchen wollten, wieder im Verborgenen zu regen, und Abt Konrad that mir oft im Beichtstuhl ein Gegenbekenntniß seiner geheimen Leiden und der traurigen Aussichten für die Zukunft, die mein ganzes Herz bewegte; aber ich war zu schwach zu helfen, mein Gemahl taub gegen meine Bitten, und Graf Venosta zu fern, um mich an ihn zu wenden.
Ich saß einst weit nach Mitternacht, die Rückkunft meines Gemahls von einem Zechgelag zu erwarten, und mich auf die in solchen Fällen gewöhnlichen Auftritte zu bereiten, als Mechthild mit ängstlicher Geberde eintrat, und mir meldete, wie sie im Garten einige dunkle Gestalten wahrgenommen habe, die durch den blendenden neugefallnen Schnee ein noch fürchterlicheres Ansehen gewönnen, und wie sie, um die Wahrheit zu erkunden, hinab geeilt sey, und diejenigen mit sich gebracht habe, die sie in vergebliches Schrecken gesetzt hätten. Arme hilfsbedürftige Geister! setzte sie hinzu, die euch um Rettung anflehen. Ich kannte die Art der muthigen Mechthild, unangenehmen Dingen durch den Ton ihrer Erzählung das Schreckliche zu benehmen und erwartete den Eintritt der Fremden nicht ohne Herzklopfen. Aber wie ward mir, als ich den redlichen Abt Konrad, den ehrwürdigen Lüttger und noch einige andere Mönche eintreten sah; deren entstelltes Ansehen noch mehr als ihre Worte meinen Beystand forderte. O gute Gräfinn! schrie Konrad, alles ist für uns verloren. Das gefürchtete Unglück ist endlich ausbrochen, und wir sind alle Opfer des Todes, wenn ihr uns nicht zu schützen vermöget. Heute vor dem Altar nahm man mich und diese Männer im Namen unsers Grundherrn, Graf Walters, gefangen. Ein scheußliches Loch ward unser Gefängniß. Unsere Appellation an den Bischof von Chur ward verlacht, und einige Worte unserer Kerkermeister gaben uns zu verstehen, daß unser Schicksal auf immer entschieden seyn würde, ehe unsere Appellation an eine höhere Macht gelangen könne. Uns ist bekannt, was in Klöstern möglich ist. Todesahndung umschwebte uns. Das Geräusch der Schwelgerey, welches diesen ganzen Tag hindurch über uns ertönte, vermehrte unsere Besorgnisse. Welche Unthaten sind bereits von trunkenen Mönchen verübt worden! Einer meiner heimlichen Freunde fand Mittel, sich zu uns in den Kerker zu stehlen, und uns die Wahrheit unserer Besorgnisse vor Augen zu legen. Die Feinde der Ordnung und Tugend werden von dem Grafen von Vatz geschützt; er selbst ist gegenwärtig im Kloster, und wir würden wahrscheinlich schon nicht mehr seyn, wenn uns unser Kundschafter nicht heimlich davon geholfen hätte und mit uns geflohen wär. Unser Leben steht nun in eurer Hand, rettet uns durch Vorbitte oder Verbergung, ihr seyd die einige Zuflucht, die uns nahe genug war, vor der Ankunft unserer Feinde erreicht zu werden.
Vorbitte? rief ich, indem ich eine Thür meines Kabinets aufschloß, welche zu meinen Bädern hinab führte, Vorbitte bey Graf Waltern? Augenblickliche Flucht ist das einige Rettungsmittel! Folgt mir ohne Verweilen! Ich ging voran, die Männer folgten mir nach, und wir gingen einen weiten unterirdischen Weg, der mir allein bekannt war, und der einen Ausgang ins Gebürg hatte, wo ich meine Geretteten verließ, überzeugt, daß sie durch Lüttgers Hülfe, welcher in diesen Gegenden, die er mit mir beym Kräutersuchen so oft durchstrichen hatte, wohl bekannt war, sich leicht würden zurecht finden können.
Die Hälfte der Nacht war über dieser Begleitung verflossen. Ich fand den wüthenden Walter in meinem Zimmer, und ein fürchterliches Ungewitter brach über mich los. Ueberzeugt, daß meine Freunde nun geborgen seyn müßten, leugnete ich ihm nichts, ich beantwortete seine Schmähungen mit Vorwürfen wegen des Worts, das er mir ehemals gab, den bedrängten Konrad immer bey seinen Rechten zu schützen, und das er nun so schändlich gebrochen hatte. Meine Worte hatten Wahrheit und Nachdruck für sich, aber ich war die schwächere. Niemand war, der mich hören und zwischen mir und Graf Waltern richten konnte, mir wiederfuhr die unwürdigste Begegnung, und mein Zimmer ward mein Gefängniß.
Das Volk, das mich liebte, schrie über Gewaltthat, als Mechtild Mittel fand, das was ich erlitt, auszubringen, aber der Graf von Vatz sprach lauter als sie. Ein schimpfliches Verständniß mit dem vertriebenen Abt des Klosters Kurwalde, das man mir schuld gab, beschönigte die Härte, mit welcher man mich behandelte, und man sah es ohne sonderliche Bewegung, als ich in wenig Tagen unter starker Bedeckung, niemand wußte wohin, abgeführt, und mir so gar der Trost geraubt wurde, meine Mechtild und das junge Fräulein von Rappersweil zu Begleiterinnen zu haben. Nur Heinrich von Melchthal, einer der vornehmsten Einwohner der Gegend, ein Mann, in welchem ganz der Geist helvetischen Muths und ächter Freyheitsliebe athmete, wagte es, laut wider meinen Tyrannen zu murren, und Gefühle des Unwillens unter seinen Gefärthen zu verbreiten, welche mich hätten retten können, wenn man nicht zu sehr geeilt hätte, mich dem Volke aus den Augen zu bringen.
Jenseit dem Hasliberge18, ob dem Thuner See, liegt ein altes Schloß, der Familie von Uspunnen gehörig, welche seit undenklichen Zeiten mit den Grafen von Vatz und Sargans im Bunde stand. Gegenwärtig lag es wüste, der Eigenthümer lebte im fernen Italien, und hatte seinem Freunde, Graf Waltern, den er in diesen Gegenden sehr gut gekannt hatte, den freyen Gebrauch eines Orts überlassen, welcher schwerlich zu etwas anders dienen konnte, als dazu, wozu er jetzt gebraucht ward, zur Einkerkerung unschuldiger Personen.
Der Weg nach dieser Gegend, den man mich führte, war lang und grauenvoll, aber der Ort meiner Bestimmung selbst übertraf alle Schrecknisse, die ich in den fürchterlichen Gebürgen gefunden hatte, bey weitem. Ein uraltes Felsennest, das zu Zeiten Karls des Großen gebaut war, und bey dem unaufhörlichen Reissen der Stürme und Wühlen der Ströme, längst dem Einsturz drohte, nahm mich auf. Ich sah es von weitem an einer steilen Felsenklippe hängen, und bebte, da man mir es als meine künftige Wohnung nannte. Ich Thörinn! Mit Entzücken floh ich einst in Walters Arme, wo ich den Himmel zu finden dachte, und ward getäuscht. Mit Todesahndung nahte ich mich den Ruinen des Schlosses Uspunnen19, und ward ebenfalls getäuscht. Wird denn der kurzsichtige Sterbliche nie begreifen lernen, daß das Wesen einer Sache und ihre Außenseite meistens verschieden sind? Doch ein oder zwey Erfahrungen dieser Art machen uns weise und ruhig, und lehren uns jenen Gleichmuth, welcher uns über das Lächeln und Drohen des Glücks erhebt, uns gleich stark gegen thörichte Wünsche und unnöthige Besorgnisse macht.
Ich war in der That in den ersten Wochen meines Gefängnisses höchst elend. Meine Lage ward durch Mangel an den nöthigsten Bedürfnissen und Bequemlichkeiten erschwert, und durch die graulichste Einsamkeit fast unerträglich gemacht. Ich sehnte mich nach Gesellschaft, sollte es auch eine solche seyn, welche mich dem äußerlichen Anschein nach weder Unterhaltung noch Trost hoffen lassen konnte. Ich sah oft aus meinem vergitterten Fenster in den verwilderten Garten, welchen zu besuchen mir nicht vergönnt war, einen drey- bis vierjährigen Knaben spielen, dessen unschuldige Fröhlichkeit einen Eindruck auf mich machte, welcher oft die Thränen aus meinen Augen trieb.
Holdes unschuldiges Geschöpf! sagte ich bey mir selbst, diese Gegend ist dir ein Paradies, weil du keine andre kennst! du bist arm, verlassen, vielleicht tausend Gefahren ausgesetzt, ohne es zu fühlen. Das Andenken an die Vergangenheit bekümmert dich so wenig, als die Sorge für die Zukunft, und schwerlich könnte dich ein König glücklicher machen, als du gegenwärtig bist. O daß ich dich in meine Arme schliessen, mich an deinen holden Lächeln weiden und von dir die Kunst im Kerker glücklich zu seyn lernen könnte.
Ich eröffnete meinen Wunsch meinen Aufsehern, und nach einigen Weigerungen ward es mir vergönnt, den kleinen Rudolf zuweilen auf meiner Kammer zu sehen.
Rudolf? sagte ich, als er mir zuerst seinen Namen nannte, Rudolf? wiederholte ich, als ich seine Gesichtszüge untersuchte und Aehnlichkeiten in denselben entdeckte, welche mich in Erstaunen setzten. Und wie ward mir erst, als der liebenswürdige Kleine, ach ein alter Bekannter von mir! seine Mutter mit dem Namen, Hedwig von Rappersweil, nannte.
Ja, diese theure, längst aufgegebene Freundinn theilte diesen Ort des Schreckens mit mir, ich athmete mit ihr einerley Luft, konnte hoffen, sie jeden Tag zu sehen, und die Freude hierüber ließ mich nicht zur Ueberlegung kommen, daß der Entschluß Graf Walters, mich an einerley Ort mit dieser hinterlistig Geraubten zu bringen, mir das Unterpfand ewiger Gefängniß sey. – Seine Ursach, ihr und mir mit solcher Härte zu begegnen, mochte nun seyn welche sie wollte, so blieb so viel gewiß, daß keine von uns die Freyheit wieder geniessen durfte, um seine Grausamkeiten nachzusagen, oder ihrer Unglücksgefärthinn ebenfalls aus dem Kerker zu helfen.
Erwegungen von dieser Art waren in diesen Augenblicken fern von mir, ich fühlte nichts als die Seligkeit des Wiedersehens, die ich hoffte. Ach Gott, es würde mir Trost gewesen seyn hier die gemeinste menschliche Seele zu finden, wenn ich sie nur zur Theilnehmerinn, zur Vertrauten meiner Leiden hätte machen können, aber auf Hedwigs Umarmungen hoffen zu können, wer kann mir sagen, wie vielfache Freuden für, mich in diesem einzigen Gedanken lagen!
Leider war die Ausführung meines Wunsches nicht so leicht als ich wähnte. Die Gräfinn von Rappersweil ward so eingeschränkt gehalten als ich, und unser Aufseher blieb hartnäckig bey dem Entschlusse von der Instrucktion seines grausamen Herrn keinen Schritt abzuweichen. Mich dünkt, dieser Mann war nicht böse, es kränkte ihn vielleicht, uns hart behandeln zu müssen, aber es war ihm Gewissenssache nicht in dem kleinsten Punkte von dem abzugehen was er, wie er uns oft auf unsere Klagen antwortete, dem Grafen von Vatz hatte zuschwören müssen. Ihr seht, sagte er, ich bin in allen Stücken billig, wo ich es seyn kann, ich habe keinen besondern Befehl zu Einkerkerung des Kindes, das mir zugleich mit seiner Mutter übergeben ward, und ich laß es also all derer Vortheile geniessen, die ich ihr nicht gewähren darf. Auch ward mir nie verboten, der Gräfinn von Rappersweil alle Beschäftigung für ihren Geist und für ihre nimmer müssigen Hände zu geben, die sie wünschte, sie hat daher Bücher, sie hat ihre Spindel und die Weberspuhle, jetzt mag sie diese hinlegen und sich mit der Feder beschäftigen; eben dieser Vortheil soll euch zugestanden werden, und mich dünkt, es kann am Ende einerley seyn, ob ihr einander das, was ihr euch zu sagen habt, schriftlich oder mündlich mittheilt.



