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„Frau Schmidtke, können Sie mich hören? Hören Sie mich? Wenn Sie mich hören, dann geben Sie mir bitte kurz ein Zeichen!“
Keine Reaktion von Frau Schmidtke.
„Frau Schmidtke, wir kennen uns doch aus dem Park. Ich saß mit den Tüten auf der Parkbank und ihr Hund war doch so verrückt nach mir, wegen dem Hundefutter was ich bei mir hatte und Sie zogen ihn dann doch weg. Frau Schmidtke? Hören Sie?“
Zu diesem Zeitpunkt gab es kein Zurück mehr für mich. Ich war mittendrin in dieser Nummer und stellte mir sogar vor, neben mir würde ein zweiter, imaginärer Agent stehen. Eine Vorstellung, die mir noch mehr Mut gab.
„Frau Schmidtke, ich kann Sie noch heute Morgen glücklich machen. Sie und Ihren Hund!“ Mir ging durch den Kopf, was ich gerade sagte. „Frau Schmidtke, nicht das Glücklich machen, was Sie jetzt vielleicht denken, sondern ein anderes. Das, was ich meine!“
Ich machte immer wieder auf professionelle Art Pausen, um ihr eine Chance auf Reaktion zu geben.
„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Frau Schmidtke. Ich will wirklich nichts von Ihnen. Ich verteile kostenlos Hundefutter hier im Viertel und habe einen kurzen Fragebogen dabei, um mehr geht es doch nicht. Alles was ich vorhabe, wird auch in Ihrem Sinne sein!“
Nichts. Dann kam der Moment, in dem ich es für notwendig hielt, der ganzen Angelegenheit einen offiziellen Anstrich zu geben. Ich zückte meinen Ausweis und hielt ihn gegen die verschlossene Tür.
„Hören Sie, Frau Schmidtke, was Sie jetzt nicht sehen können ist, dass ich gerade meinen offiziellen Ausweis an ihre Tür halte, der mich dazu berechtigt, mit Ihnen zu reden, Sie zu befragen und ihren Hund mit Fressproben zu versorgen. Frau Schmidtke, ich kann Ihnen nur empfehlen, zu kooperieren. Es wird Ihnen nichts passieren. Sie brauchen absolut keine Angst zu haben. Wir sind eine offizielle, international tätige und sehr friedfertige Organisation, die nur Gutes im Schilde führt. Uns liegt das Wohl unserer Kunden am Herzen. Frau Schmidtke, was Sie jetzt auch nicht sehen können, ich reiche Ihnen jetzt meine Hand. Greifen Sie zu! Nehmen Sie von mir ein Stück Glück! Nur darum geht es mir doch!“
Ich machte eine Pause und lauschte an der Tür. Mein Puls marschierte ordentlich und ich nahm einige tiefe Züge der kalten Treppenhausluft.
„Frau Schmidtke, das hat doch alles keinen Sinn! So kann es doch mit uns nicht weitergehen! Nun machen Sie schon auf! Ihr Hund wird mit einer halben Packung bestem Trockenfutter belohnt, soviel hab ich noch nie rausgerückt. Bedenken Sie das bitte! Ich appelliere ein letztes Mal an ihre Vernunft! Sollten Sie sich nach wie vor weigern mit mir zu reden, werde ich in meinem Fragebogen einen Vermerk machen. Mein Institut wird darüber nicht sehr erfreut sein. Strapazieren Sie bitte nicht die Friedfertigkeit unserer Organisation zu sehr. Wir können auch anders, Frau Schmidtke, jawohl, auch anders!“
Man sollte immer wissen, wann es genug ist. Ich wusste es nicht und bekam eine Quittung, die sich gewaschen hatte. Ich erinnerte mich noch dunkel, wie ein großer, stinkender, gewalttätiger Mann in Unterhose die Tür aufriss, mich am Schlafittchen packte, schüttelte und gegen die Treppenhauswand warf. Meine Hundefutterpackungen flogen nur so umher. Das übelriechende Monstrum eines Mannes schnappte sich drei meiner Packungen und verschwand brüllend in der Wohnung von Frau Schmidtke. Ich sammelte meine umherliegenden Packungen zusammen und tastete mich mit weichen, zitternden Knien aus dem Häuserblock. Es ging alles so wahnsinnig schnell vonstatten, dass ich noch nicht einmal genug Zeit hatte, mich zu entscheiden, ob Furcht oder Mut die richtige Reaktion gewesen wäre. Jetzt saß ich wieder auf meiner Parkbank und war wie von Angst gepackt. Angst vor großen, stinkenden Männern in Unterhosen. So konnte es nicht weitergehen, nicht einmal für die letzten paar Stunden, die ich noch vor mir hatte. Nur, es war mittlerweile mittags und keiner meiner restlichen fünfzig Fragebögen auch nur ansatzweise beschrieben. Ich begann, Namen und Adressen mir auszudenken und Kreuzchen zu machen. Am Abend werde ich mir meine Wunden lecken und trinken. Richtig trinken. Und ich werde diesen Straßenabschnitt meiden, nicht dass der stinkende Mann sich mein Gesicht gemerkt hatte. Und sprach der idiotische Student in der Mensa nicht von einem angenehmen Job? Ich werde ihn mir vorknöpfen. Ich werde ihm die Packungen und die Fragebögen an seine Hände festketten und ihn dann in die Mietskasernen peitschen. Vom Geruch des Futters angelockt, hatte sich längst wieder eine neue Traube an Hunden um mich herum versammelt. Das tierische Gewusel um mich herum störte mich in meiner Konzentration so sehr, dass mir nicht mal mehr die einfachsten Namen einfielen. Es war eindeutig der falsche Ort für hochkonzentriertes Arbeiten. Während ich meinen Kram zusammenpackte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Bei näherer Betrachtung war dieser angebliche Geistesblitz kein wirklicher Geistesblitz, sondern nur außerordentlich naheliegend. Vielleicht war der Gedanke auch einfach nur zu banal, um schon viel früher Zugang zu meinem Gehirn zu bekommen. Was war eigentlich in meinem Treppenhaus los? Wo ich wohnte. Ein Dutzend obskurer Menschen lebten dort, einige gemeinsam mit ihren vierbeinigen Freunden. Mit wenigen von ihnen konnte ich sogar, mit vielen nicht. Es kam jetzt nur darauf an, an die Richtigen heranzukommen, aber so kam es leider nicht. Außer Michalski war keiner anzutreffen und Michalski war ein Fall für sich. Wir wohnten im vierten Stock genau gegenüber. Michalski war um die vierzig, hatte immer langes, ungewaschenes, schon gräuliches Haar und er trug ein kleines, dünnes Brillengestell, wie es die Intellektuellen zu tragen pflegen. Er war wohl der Meinung, so könne man ihm sein verwahrlostes Junkiedasein nicht sofort ansehen. Obwohl er von großer Statur war, konnte man erkennen, dass bereits seine besten Jahre, wenn es die überhaupt gab, vorbei waren. Er war leider schon mitten im körperlichen Verfall angekommen. Er bewegte sich nur gebeugt, war oft äußerst nervös und rieb sich ständig mit umherwandernden Blicken die Hände. Es ging mit uns beiden anfangs gar nicht so schlecht los, wir verbrachten sogar einige Sonntage zusammen auf der Trabrennbahn, Michalski, sein Schäferhund und ich. Es waren schöne Tage voller Heiterkeit und viel Unsinn. Aber dann kam der Tag, an dem ich mich mal wieder aussperrte. Michalski bot mir zur Lösung des Problems prompt seine Hilfe an. Was jedoch dann passierte, konnte ich nur noch mit gelähmter Fassungslosigkeit beobachten. Der Mann zerspante mir mit schwerem Bohrgerät im Drogenwahn nicht nur das ganze Schloss, sondern auch die Tür drum herum. Er hinterließ ein Loch von zwanzig Zentimeter Durchmesser. Wir konnten uns mit Leichtigkeit die Hände durch diese Öffnung zur Begrüßung reichen. Der Vermieter betrachtete die ganze Angelegenheit mit weniger Leichtigkeit und ich musste für eine neue Wohnungstür aufkommen. Michalski hatte mit all dem nichts zu tun, wie er dem Vermieter versicherte. Seit diesem Vorkommnis hatte unsere Beziehung erhebliche Risse bekommen. Aber es gab eben auch die schönen Tage mit ihm auf der Trabrennbahn in Mariendorf. Mit Michalski und Hund sonntäglich Zeit auf der Rennbahn zu verbringen bedeutete erst einmal wirklich viel Zeit mitzubringen. Stand ich morgens um neun abmarschbereit bei ihm auf der Matte, machten wir uns keineswegs unverzüglich auf die Socken. Ich durfte mich erstmal auf sein abgewetztes Sofa setzen, und ihn dabei beobachten, wie er sich selbst versuchte zu sortieren. Er war sonntags anfangs immer angeschlagen und besonders durch den Wind. Das hatte jedoch nichts damit zu tun, dass er am Vorabend unterwegs war. Er war in den seltensten Fällen mit anderen unterwegs. Er war ein ziemlich einsamer Knochen, der mit seinem Hund und einem Wellensittich zusammenlebte. Wenn ein vierzig Jahre alter Mann mit einem Hund zusammenlebt ist das eine Geschichte, wenn ein vierzig Jahre alter Mann mit einem Hund und einem Wellensittich zusammenlebt, ist das ein klares Zeichen für fortschreitende Vereinsamung. Aber ich gewöhnte mich an den Anblick eines erwachsenen Mannes, der nichts Besseres zu tun hatte, als frisches Wasser in eine kleine Vogeltränke zu füllen. Auch dies gehörte zu seinen sonntäglichen Vormittagsritualen, bevor wir uns in Bewegung setzen konnten.
Gegen Mittag nahmen wir Platz auf einer der Tribünen. Rufus, so der Name seines Hundes, machte zwischen uns Sitz. Er sabberte nur allzu gern meine Hosen ein. Wir drei waren sofort wie angefixt von diesem Wetteifer der Pferderennen. Michalski war wie ausgetauscht. Die Trabrennbahn war sein Element. Er gestikulierte wild wie ein Verrückter, der er ja ohne Zweifel auch war, und erklärte mir dabei jedes Detail zu jedem Pferd und jedem dazugehörigen Jockey. Dann lief er los und besorgte uns Wettscheine und Bier, und zwar für uns drei, Rufus eingeschlossen, und er meinte das durchaus ernst. Rufus bekam eine Mischung aus Wasser und Bier in eine Trinkschale, die Michalski immer dabei hatte, wobei Michalskis Mischverhältnis selten zugunsten des Wassers ausfiel, was Rufus jedoch nicht weiter störte. Im Gegenteil, er stürzte sich förmlich auf seinen ersten Drink und schlabberte in schnellen Zügen seinen Napf leer. Er quittierte es mit zufriedenem, aber auch forderndem Bellen nach mehr. Auch für Rufus war der erste Napf nur der Beginn für einen feuchtfröhlichen Tag und er wurde von seinem Herrchen keineswegs außen vorgelassen. Rufus bekam regelmäßig, wie auch wir selbst, seine Portion. Michalskis Wettstrategie war, nur auf die hohen Favoriten zu setzen. Er war ein Schisser und mied das Risiko. Außenseiter gewinnen zu selten, brabbelte er ständig. Ich dagegen setzte nur auf Außenseiter und zwar die Form von Außenseiter, die nun wirklich keiner auf der Rechnung hatte. Auch die, denen Michalski totale Formschwäche attestierte. Michalski gewann oft und kassierte wenig, ich ganz selten, aber dafür bis zum Zehnfachen meines Einsatzes. Wir hatten immer einen Grund zu feiern. Rufus ließ es sich nicht nehmen, seine Kommentare in Form von freudigem Gebelle kundzutun. Er war genauso wild auf die Rennen wie wir und bellte die trabenden Pferde lautstark ins Ziel. Michalski übernahm das Ausfüllen von Rufus Wettscheinen, was aber nichts anderes bedeutete, als dass Rufus genauso risikolos wetten musste wie sein Herrchen. Ich war erstaunt, was der Hund vertrug, denn selbst nach vier, fünf leergeschleckten Trinkschalen bellte er keineswegs fahrig, launig oder überdreht. Er war die ganze Zeit wirklich gut bei der Sache. Ich dachte mir, wahrscheinlich wird er als Tier sehr wohl merken, das dort ebenfalls Tiere im Geläuf unterwegs sind, was vielleicht eine gewisse geistige Verbundenheit zwischen Hund und Pferd erzeugte. So konnte es gewesen sein. Sie gehören einer gemeinsamen Spezies an. Rufus und Michalski dagegen nicht und möglicherweise konnte Rufus das erkennen. Vielleicht kreisten in seinem Hundekopf auch Gedanken an eine zukünftige Neuordnung zwischen Tier und Mensch, das eben der Zeitpunkt komme würde, wo Hunde und Pferde sich den Menschen untertan machen und dressieren würden. Rufus war immerhin ein Hund, kein Idiot. Je mehr ich trank und darüber sinnierte, so realistischer erschien mir ein derartiges Bild der Zukunft. Noch nicht morgen, oder nächstes Jahr, aber irgendwann. Wir vertranken immer all unsere Wetteinahmen bis zum letzten Groschen und zogen dann von Glück besudelt, ein Hund und zwei Männer, zurück zur U-Bahn. Ja, es waren wunderbare Sonntage auf der Trabrennbahn.
Mit diesen wohligen Gedanken stand ich vor Michalskis Tür. Wir werden Fragebögen ausfüllen, er sein Gras rauchen, ich sein Bier trinken und beide werden wir Rufus dabei zuschauen, wie er sich genüsslich durch meine Probepackungen fressen würde. Mache den Menschen und Tieren Geschenke und sie sind außer sich vor Freude. Eine alte Binsenweisheit, die auch an diesem Nachmittag ohne Abstriche auf Michalski und Rufus passte. Drei Kilo Trockenfutter bedeuteten für Michalski, den guten alten Rufus über Wochen bei Laune und Kraft halten zu können und klein zerbröselt ginge das Zeug auch als Vogelfutter für seinen Sittich durch. Michalski war nicht der Typ für große Worte, seine Freude über den unerwartet großen Gabentisch zeigte er durch beherzte Schläge auf meine Schulter und einer anschließenden kurzen, aber wilden Luftgitarreneinlage, die so abrupt endete, wie sie begann. Wir machten es uns zu dritt auf seinem mit Brandlöchern durchsiebten Orientteppich gemütlich, tranken, und Rufus fraß die Brocken in sich rein. Michalski stellte noch den Vogelkäfig zu uns, so waren wir eine gemütliche Runde von zwei Menschen und zwei Tieren, jede Spezies war quasi pari vertreten. Ich fand es erstaunlich wie widerstandsfähig beide Tiere, auch der Sittich, waren. Michalski war ständig am Rauchen, egal ob Gras oder Zigaretten, und der Sittich befand sich permanent in einer dichten Wolke. Nur dank seiner gelben Signalfarbe blieb er für uns sichtbar und es war bemerkenswert, dass er nicht von Atemnot geplagt, von der Stange fiel.
Unglaublich, an diesem Nachmittag waren wir in der Lage sämtliche fünfzig Fragebögen auszufüllen. Tatsächlich war es so, dass Michalski nach zehn Bögen auf dem Teppich einschlief und ich die restlichen im Beisein seiner Tiere, die wach blieben und mir zuschauten, selbst bekritzelte. Ich machte schließlich einen großen Schritt über den schlafenden Körper meines Nachbarn, kraulte zum Abschied den borstigen Hundeschädel und schloss leise die Tür hinter mir. Michalski hatte sich seinen Schlaf redlich verdient.
Drei Tage später saß ich wieder im Büro meines Chefs, breitete sämtliche ausgefüllte Fragebogen auf seinem Schreibtisch aus und erzählte ihm, wie großartig und erfolgreich meine Zeit als Befrager und Verkoster gewesen ist.
„Keinen getürkt?“, fragte er.
„Keinen Einzigen, schauen Sie sich die Antworten und die Kommentare an, die können nur von echten Menschen in echten Situationen mit echten Hunden kommen. So viel steht fest!“
„Ja, ich sehe, gute Arbeit, wir starten in vier Wochen einen großangelegten Testlauf für eine neue Zahnpasta und ich hätte Sie gern dabei.“
„Zahnpasta? Für Hunde?“
Er rückte sich seine Krawatte zurecht, drehte an seiner Taucheruhr und sagte: „Natürlich nicht, auf was für Ideen kommen Sie eigentlich? Natürlich für Menschen wie Sie und ich!“ Wie belanglos, dachte ich, lehnte dankend ab und ging.
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