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Ich war also ab diesem Moment jemand ohne Abschluss. Nun, die allermeisten Kioskbetreiber haben auch keinen Hochschulabschluss und sie halten immerhin ihre Kioske am Laufen. Einen Kiosk zu haben, fand ich schon immer gut. Man trinkt das, was man verkauft und raucht das, was in den Regalen liegen bleibt. Ich trank an diesem Tag achtzehn Wodka-Colas, allerdings ohne Pause zwischen Mittag und Nachmittag, also in bestem Tempo in einem durch. Billigstes Gemisch am Kiosk. Ich dachte wieder an die traumatische Vertreterkommission, die zu Beginn meiner Prüfung in meinem Kopf herumspukte. Die Kommission war zusammengekommen, weil ich Kunden über den Leisten gezogen haben soll. Was ich ihnen verkaufte, war mir nicht klar, war mir anfangs noch nicht klar, doch musste es etwas sehr Spezielles gewesen sein. Etwas, was nicht in einem der üblichen Läden angeboten wird, beispielsweise in einem Möbelhaus, oder in einem Elektrofachhandel, sondern ich musste etwas feilgeboten haben, was ich mit mir schleppte. In einem Koffer. Ein Aktenkoffer voller Prospekte und Verträge. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich, wie ich an Wohnzimmertischen die Schlösser aufschnappen lasse, meine Kataloge ausbreite, und Geschichten über die Unbeschreiblichkeit dieses unverzichtbaren Produkts erzähle, um schließlich den Kuli mit selbstsicherem Blick dem Gatten des ahnungslosen Ehepaars zur Unterschrift rüberzureichen. „Heinz, sollen wir wirklich? Bist du dir sicher, dass wir uns nicht finanziell damit übernehmen? Und brauchen wir das überhaupt?“ „Gertrud, Herr Luschke hat uns doch alles so gut erklärt, wir können ihm vertrauen.“ Genauso könnte es sich abspielen. Ein Vertreter von, keine Ahnung was, vielleicht von Markisen für die Veranda derer, die sich ihre Reihenhäuser in den Vorstädten gerade so leisten können. Der Vertreter biss sich in meinem Kopf fest. Vielleicht hatten diese Leute nicht den allerbesten Ruf – warum saß ich sonst traumatisch in dieser Kommission? –, doch um meinen Ruf machte ich mir am wenigsten Sorgen. Wer keinen hat, dem stehen alle Türen offen. Vielleicht werde ich Spirituosenvertreter und könnte meinem Kioskmann jede Woche einen Besuch abstatten.
In den Wochen und Monaten nach meiner Prüfungsbruchlandung zeigte sich mir allerdings, wie steinig der Weg zum kleinen Ruhm sein kann. Und beiläufig am Rande erwähnt: Egal mit wem ich sprach, egal, wem ich voller wildem Enthusiasmus von meinem Vorhaben erzählte, die Reaktionen waren immer dieselben. Sprachloses, angewidertes Kopfschütteln war noch die höflichste Form meiner Gegenüber, oft wurde ich überschüttet mit Kommentaren, die nur auf eines hinausliefen: Wie tief kann ein Mensch sinken, wie widerwärtig müssen die Gedanken in meinem Kopf sein, doch am wenigsten verstand ich: Was stimmt mit dir nicht Ronny?
Während Violetta – sie war die Einzige, die sich ernsthaft um hilfreiche Bemerkungen bemühte – mir an die Hand gab, dass ich menschliche Regungen wie Skrupel und Mitleid entwickeln und empfinden würde, wobei sie vollkommen recht damit hatte, und schon allein diese Umstände ihrer Meinung nach ausreichen würden, um mich als wenig geeignet für einen schmierigen Vertreter betrachten zu müssen, war es mit Sofie ganz anders. Sofie sagte nur in abfälligem Ton: „Solltest du tatsächlich irgendwann einmal im Eingangsbereich einer Shopping Mall mit deiner dämlichen Art Teppich Schampoonierer anbieten, ich sag´s dir schon jetzt, dann werde ich dich nicht kennen, du wirst Luft für mich sein!“ „Natürlich liebe Sofie, darauf können wir uns einigen, auch du wirst in diesem Moment Luft für mich sein, obwohl ich dir nur zu gern eine Flasche Shampoo für deine schäbigen Läufer angedreht hätte.“
Mein erstes Vorstellungsgespräch war eine einzige, für mich nicht verstehbare Merkwürdigkeit. Ich hatte eine Einladung zu einem Gespräch für einen Montagmorgen um 09.00 Uhr erhalten. Irgendwo im Norden von Berlin. Auf einem Flohmarkt erstand ich Tage vorher meinen ersten Aktenkoffer. Nicht die schmale Variante, eher die breite und wichtig erscheinende Ausgabe. Genau so stand er – neben dem Verkaufstisch des Händlers mit den unzähligen Kunstlederartikeln, meist Geldbörsen und Handtaschen – einsam in einer Pfütze und wartete nur darauf, von mir für fünf Mark mitgenommen zu werden. Diesen, meinen ersten Aktenkoffer. Er war nicht schwarz wie all die anderen, er war braun, zwar etwas durchnässt, doch die Verschließschnapper und Zahlenschlossrädchen waren aus Messing und wirkten sehr edel. Oder es war pures Gold? Der Zahlencode war ganz einfach: 999. Für beide Schlösser. Nur 999. Dies konnte sich jeder Idiot merken. Das Öffnen des Koffers war eine erhabene Prozedur. Das Klacken der Verschließsysteme war laut und tief, nicht dünn und billig. Synchrones Öffnen oder innerhalb einer zehntel Sekunde versetzt – wo und wann mir danach war, ließ ich die Schnapper meiner Neuanschaffung aufschnappen, oft auch im Takt der Gleise während meiner U-Bahn Fahrten. Und der Koffer roch nach afrikanischem Büffelleder. Von der sengenden Steppenhitze warf das Leder fast Blasen. Mit diesem Koffer hätte ich nackt und betrunken durch die Straßen torkeln können, die Leute hätten mir trotzdem noch den seriösen Vertreter abgenommen.
Als ich später einmal im kleinen Kreis mein Erlebnis mit dem nicht stattgefundenen Vorstellungsgespräch erzählte, erntete ich von einigen nur Hohn und Spott. „Bist du so blauäugig Ronny, dass du diesen Trick nicht durchschauen konntest?“, war der entscheidende Vorwurf, den ich mir anhören musste. Was hatte ich damals nicht durchschaut? Alles hatte sich wie folgt abgespielt:
Bei der Firma handelte es sich um eine Firma, die mit dem Verkauf von Büro- und Schreibartikeln beschäftigt war. Jeden Tag. Kulis und Bleistifte beispielsweise. Oder Schnellhefter. Die gängigen Artikel der Schüler, Studenten und Bürogestalten. Ich erhielt im Einladungsschreiben auch die Information, eine Seitentür, linke Hand vom Haupteingang, kurz um die Ecke, zu benutzen. An der Tür bitte läuten und dann würde diese, bei einem ertönenden Surren, zu öffnen sein. Das mit dem Surren stand so zwar nicht in dem Brief, aber es surrte tatsächlich, und ich trat durch eine Aluminium- oder Stahltür in einen Raum, der stark an ein Wartezimmer bei den Doktoren erinnerte. Was mich etwas irritierte, war, dass dieser Raum nicht automatisch irgendwohin führte, sondern er war vollkommen abgekapselt. Nach allen Seiten. Keine Fenster, folglich kein Tageslicht, nur eine Neonröhre an der Decke sorgte an einem Sommermorgen für künstlich grelles Licht. Direkt gegenüber der massiven Eingangstür war eine zweite Stahltür in die Wand eingelassen, leider ohne eine surrende Taste. Der Stahlkoloss musste der Zugang tief ins Innere der Firma gewesen sein, hinter dem ich eine Empfangsdame vermutete, die sicher darauf wartete, mir einen Begrüßungskaffee anbieten zu können. Nur leider waren wir durch zehn Zentimeter dicken Stahl getrennt. Ich war hermetisch abgeriegelt, und zwar so hermetisch abgeriegelt, dass ich nicht einmal einen kleinen Blick auf diejenigen werfen konnte, die sich gerade damit beschäftigen, eine noch nie da gewesene Verkaufstaktik für das neue Radiergummi-Sortiment zu entwickeln. Es war ein Wartezimmer, welches ohne Probleme auch als Schutzraum vor möglichen Angriffen seinen Zweck erfüllen konnte. Um einen großen Glastisch konnten ein Dutzend Besucher oder Schutzsuchende Platz nehmen. Ich nahm Platz und kramte in den ausgelegten Zeitschriften. Autohefte, ein paar Illustrierte, auch was Spezielles für die Frau von heute und auf Hochglanz polierte Wirtschaftsmagazine. Ich las etwas Spezielles für die moderne Frau und stellte fest, die moderne Frau mag den modernen Mann, und im Handumdrehen war die erste halbe Stunde rum. Ohne dass irgendetwas passierte. Ich hatte um 09.00 Uhr einen Termin und es war nun mittlerweile 09.30 Uhr. Ich vertrat mir die Beine und machte zehn Kreise um den Tisch. Jetzt war es gerade mal 09.32 Uhr, trotz langsamer Gangart um den Glastisch. Hatte man mich vergessen? Nur, wie kann eine moderne Firma, in der moderne Frauen und Männer ihre Schreibartikel mit noch moderneren, ausgeklügelten Verkaufsstrategien an die Schreib- und Malwütigen bringen, den angehenden Top-Vertreter Ronny Luschke derart lang warten lassen, oder gar komplett schon aus ihren Gedanken gestrichen haben? Einen Augenblick später bemerkte ich etwas, was der ganzen Angelegenheit für mich einen neuen Blickwinkel gab. Ich sah Kameras. Zwei Kameras, die gegenüberliegend an der Decke in den Ecken angebracht waren. Ich zog einen Stuhl in Position, stellte mich drauf und nahm eine der beiden genauer unter die Lupe. Ich blickte aus nächster Nähe direkt in die Linse, konnte nicht erkennen oder hören, ob sie lief oder nicht, und versuchte am Gehäuse etwas zu drehen. Es war nichts zu machen, sie ließ sich nicht hoch zur Decke bewegen. Vollkommen festgezogen das Teil. Und still war sie, wie tot war die Kamera. Doch das hatte nichts zu bedeuten, überzeugt war ich davon, dass ich beobachtet wurde, dass man mich unter die Lupe nahm. Und nicht nur das – ich war mir sicher, irgendwo in einem Kontrollraum saßen sie an einem Pult, sahen mich und betrieben längst eine merkwürdige Tiefenanalyse.
„Frau Psychologin, was sagen Sie zu diesem Fall?“
„Ich habe ein derartiges Verhalten noch nicht gesehen, mit diesem Mann stimmt etwas nicht, aber lassen sie uns nicht vorschnell urteilen, sehen wir, wie er sich weiter verhält.“ Nur so konnte ich es mir vorstellen. Ich sah mein Spiegelbild in der Linse, strich kurz über mein Gesicht, rasch noch mein Haar gerichtet, sodann ein Blick in meinen Mund. Alles war am richtigen Platz. Ich drückte mich auf meinen Zehenspitzen hoch, etwas wackelig ging es jetzt auf dem Stuhl zu, doch konnte ich nun meine Krawatte in ihrer Position sauber nacharbeiten. Sah so ganz gut aus, nur wenig durchgewetzt der Stoff. Hatte After Shave drauf, aber eine Kamera kann nicht riechen, egal. Ich hüpfe vom Stuhl und klopfte mehrmals an die Tür, die zur Firma führen sollte. Nichts, keinen Mucks gab es. Ich gab mich als Ronny Luschke zu erkennen, rief, ich wäre der mit dem Vorstellungsgespräch. Um durch die Stahltür oder durch die Wände durchdringen zu können, legte ich dabei deutlich an Lautstärke zu. Doch es klang wie in einem vollisolierten Raum. Ich war wie in einem Panik-Raum gefangen und stand unter voller Beobachtung. Ich krabbelte wieder auf den Stuhl, griff mir die Kamera und sprach in diese hinein: „Sie dort, sie hatten mich doch zu einem Gespräch eingeladen. Nun, ich warte, außerdem muss ich mal, soll ich draußen … ? Na gut, ich geh kurz raus und mache und rauche eine, dann komm ich wieder rein. Okay?“
Ich ließ einen Fuß in der Tür stehen und qualmte eine durch. Für alles andere war meine Position in der Türschwelle nicht so passend. Ich ging zurück in meinen Panik-Raum und versuchte nun einen Platz zu finden, der hoffentlich nicht von den Kameras eingefangen wurde. Ich wollte mich nur noch ihrer Beobachtung entziehen, unsichtbar für die Psychologin sein und so drückte ich mich stehend in eine Ecke, einem Ort, von dem ich dachte, außerhalb der Reichweite des ominösen Kameraauges zu sein.
„Was tut er da jetzt?“
„Er versucht sich unserem Blick zu entziehen, doch egal was er auch unternimmt, wir haben ihn unter Kontrolle.“
„Sollen wir abbrechen? Ich denke, wir haben genug gesehen, Frau Psychologin.“
„Ja, wir brechen hier ab. Es hat keinen Sinn weiterzumachen.“
Es war nun schlag zehn und wenigstens funktionierte noch meine Einbildung von dem, was sich im Kontrollzentrum hätte abspielen können. Vielleicht war es aber auch keine Zermürbungstaktik und möglicherweise gab es auch überhaupt kein Kontrollzentrum und keine Psychologin weit und breit. Womöglich hatten sie mich nur vergessen, einfaches menschliches Vergessen. Raus aus dem Radar, nicht mehr auf dem Schirm. Doch dann hörte ich eine Stimme, weiblich, aber tief. „Herr Luschke, Sie können jetzt gehen. Wir wünschen Ihnen alles Gute. Vielen Dank!“
Ich drückte mich an der Wand langsam zur Eingangstür und hörte wieder diese Stimme aus dem Nichts. „Herr Luschke, gehen Sie bitte ganz normal, es gibt keinen Grund sich an der Wand herauszuschleichen.“
„Ja, danke, das mache ich, also ich gehe dann mal.“
Von Verwirrtheit gepackt sprang ich mit einem Satz zur Tür, riss sie auf und hechtete in die Freiheit. Ich war zur damaligen Zeit schon oft durcheinander, jedoch noch nie so durcheinander wie in diesem Moment, als ich mich aus dem Panik-Raum warf.
„Mann Ronny, du Depp! Die haben dich getestet. Du willst Vertreter werden? Es gab mit Sicherheit irgendwo Hinweise im Raum, wie du dich verhalten solltest. Natürlich nicht in die Kamera reden. Mann Ronny, überleg doch mal!“
Die Wanderheuschrecken
Irgendwo zwischen Bielefeld und Paderborn, in jedem Fall weit hinter Hannover, saß ich an diesem Morgen frischgewaschen in einem Konferenzraum eines übergroßen Konferenzhotels mitten in der Pampa. Am Vorabend hatte ich erst in der Lobby, später an der Hotelbar, ein Kennenlernen mit einem Mann, der seine Kolonne von Stadt zu Stadt jagte. Auf dem Bartresen breitete er eine Landkarte von Norddeutschland aus und lies seine Finger von Ort zu Ort wandern, von links nach rechts, von Westen nach Osten. Fruchtbarer Boden, wohin man auch blickt, waren seine Worte, während seine Augen dabei zu glänzen begannen. Sein Stoßtrupp hatte sich von westlicher Seite einem Ort zu nähern, brachte sich auf einem Parkplatz am Ortseingangsschild in Position, sollte überfallartig einfallen, von Haus zu Haus sich vorkämpfen und nach drei Tagen wäre eine Kleinstadt durchkämmt. Der Mann, der mir das erzählte, trug zwar keine militärische Kluft, aber was er von sich gab, klang nach purem Einsatzkommando und Häuserkampf. Mitten im zweiten Bier an der Bar stupste er mich an und forderte mich auf, ihm nach draußen zu folgen. Wir nahmen unsere Biere mit auf den Weg und schlenderten zum Hotelparkplatz. Warum auch nicht, dieser Sommerabend war genau richtig, um sich zwischen parkenden Karren weiter zu betrinken. Wir stoppten vor einem dunkelgrünen Jaguar E-Type, der sich quer über zwei Parkbuchten langmachte. Ich war kurz davor, das außerordentlich gut gepflegte englische Springpferd zu berühren, als er mahnend seinen Finger erhob: „Fassen Sie ihn nicht an, und passen Sie mit ihrem Bier auf!“
Er stellte sich so neben seinem Gefährt auf, als ob er darauf wartete, von mir fotografiert zu werden. Seine Sonnenbrille schob er aus seinem Haar zurück ins Gesicht und stützte sich ganz leicht auf den vorderen Kotflügel. Und griente mich an. Und nun? Eine Bemerkung von mir, wie gut er sich an seinem Automobil aus den 60ern macht? Etwas Applaus mit der freien Hand, an die, die das Bierglas hielt?
„Warum sind wir jetzt hier, hier an meinem Jaguar E-Type Luschke, Idee?“
„Ich denke, Sie wollen mir zeigen, dass Sie es sehr weit in ihrem Leben gebracht haben. Jetzt, stehend an der Seite dieses, sicherlich nicht gerade billigen Automobils.“
„Luschke, ich bitte Sie, nicht gerade billig. Mann, nicht viele können sich so etwas leisten. Aber Sie denken in die richtige Richtung. Meine Leute bekommen, für den Fall, dass sie nichts oder wenig verkaufen, so wenig Geld, dass sie nicht mal ihre Mieten bezahlen können. Machen sie allerdings einen sehr guten Job und verkaufen wie Hölle, liegt genau das hier drin.“
Seine offenen Handflächen ließ er dabei andächtig über die Motorhaube seines Jaguars wandern, und ich dachte, er würde seine kleine Vorführung mit einem „Voilà!“ abschließen wollen, so wie ich es mal bei einem Autoverkäufer sah, der mir einmal inbrünstig ein schnittiges Coupé zeigte, obwohl ich mich dort im Ausstellungsraum nur aufwärmen wollte, da es mir zu kalt an der nahe gelegenen Haltestelle wurde.
„Meine Besten machen richtig Asche Luschke, richtig Asche. Kommen Sie, wir gehen wieder rein.“ Während ich ihm zurück an die Hotelbar folgte, fiel mir erst auf, wie er mich ansprach. Nicht etwas „Herr Luschke“, oder „Herr Ronny Luschke“, er sagte ausschließlich und immer wieder nur – „Luschke“. Vielleicht war es die Gepflogenheit in dieser Firma, eine spürbar herablassende Merkwürdigkeit, die ich zwar mit jedem weiteren „Luschke“ mehr und mehr zum Kotzen fand, mich jedoch keineswegs davon abhielt, mich auf ihn einzulassen. Wieder einmal siegte meine Neugier auf alles, was das Leben mir präsentieren würde. Ich selbst beließ es bei „Herr Kaportzke“. Herr Kaportzke, der aussah wie jemand, der es mochte, sich einen ganzen sonnigen Tag an seinen Sportwagen zu stellen, um weltmännisch in die Luft zu grinsen. Mitte vierzig, höchstens, tiefengebräunt und poliert von oben bis unten, genau wie sein stolzes Gefährt. Zurück an der Bar und wieder in eine angenehme Trinkposition gebracht, erklärte ich Herrn Kaportzke die Situation mit meinem Abschluss, also mit meinem fehlenden Abschluss. Könnte ich schon bald nachholen, und dann, Schwupps, wäre meine Aktenlage sauber. Kaportzke – ich strich gedanklich ab sofort das „Herr“ – zeigte sich sehr irritiert über das, was ich sagte. Niemand, aber auch wirklich niemand aus seinem Trupp, nicht einmal er selbst, besitze so etwas wie einen Hochschulabschluss. „Luschke ...“ – da war es wieder – „Luschke, ich brauche hier keine hoch qualifizierten Theoretiker, keine Zahlendreher, keine Typen, die irgendwelche Lehrbücher nachplappern können. Kommen Sie mir nicht mit Studium und solchem Gedöns. Ich brauche Leute, die echte Verkäuferschweine sind, die sich durchbeißen können, die auf Teufel komm raus, jeden Scheiß an die Leute bringen, davon rede ich, verstanden?“
Ich verstand und drehte nunmehr meinen kleinen Einwurf in die richtige Richtung. “Herr Kaportzke, ich ein erfolgreicher Hochschulabsolvent? Sehe ich so aus? Nicht im Geringsten, wo denken Sie hin. Seien Sie beruhigt, allenfalls habe ich mich als untalentierter Bongospieler in Bahnhofstunneln durchgeschlagen. Ein Zahlendreher? Wie soll ich etwas drehen, was ich kaum kenne? Ich versichere Ihnen, ich bin durch und durch keine große Leuchte.“
Kaportzkes Gesichtszüge entspannten sich. Große Leuchten waren einfach nicht bei ihm gefragt. Eine weitere Bierlänge gab es für mich nun einiges aus Kaportzkes Welt zu hören, wobei er weniger über sich sprach, vielmehr beschrieb er den Ablauf eines typischen Tages seiner „Jungs“. Jetzt wusste ich, wie der Hase lief. Der Hase ist ein fletschendes Kampfkarnickel in Gestalt eines Verkäuferschweines, welches wie vom Wahn gepackt durch die Vorgärten seine Haken schlägt, um sich dann solange am Opfer zu verbeißen, bis es aufgibt und den Auftrag unterschreibt. Oder jämmerlich verblutet, jedoch nicht ohne, dass das Kampfestier vorher noch die Tinte des Opfers zur Unterschrift führt.
Ronny, bist du eigentlich noch ganz bei Trost? Du wanderst hier direkt in eine Drückerkolonne hinein. Entweder du wirst ein Drücker, der seine Miete nicht zahlen kann, oder, wie Kaportzke es formulierte, eben eines der Verkäuferschweine allererster Güte, skrupellos, durchtrieben und mit einem ausgeprägten Hang zu Goldschmuck und tosendem Motorengeheule. Kaum gedacht, wurde ich von Kaportzke leicht in die Rippen gestoßen. Auch so ein merkwürdiges Ritual.
„Luschke, ich muss los, muss noch wohin, trinken Sie ruhig noch was, aber nicht zu viel, morgen müssen Sie fit sein. Die nächsten zwei Tage werden spannend für Sie. Schnuppern Sie bei uns erst einmal rein und denken Sie daran, ihre Biere zu zahlen.“
Kaportzke lud mich nicht ein. Kaportzke rechnete seine Biere heraus, zahlte seinen Teil und verschwand. Wir waren beide in einer fremden Stadt, wo musste Kaportzke also hin? Ich war mir sicher, er wollte noch einen kurzen oder längeren Abstecher in den hiesigen Kleinstadtpuff machen. Ein wenig war mir auch nach Kleinstadtpuff, doch hatte ich wenig Lust wieder auf Kaportzke zu treffen, außerdem reichte mein Geld sowieso nur noch für zwei letzte Biere an diesem Abend. Mir kam der Gedanke, vom Barhocker aufzustehen, Bier und Zimmer zu zahlen, um ganz unbemerkt das Weite zu suchen. Weg von Kolonnenführer Kaportzke. Mein Gott Kaportzke, was für ein Name und so, wie er hieß, so war er auch. Ein rüder, arroganter Typ, für den seine Kolonne nur aus „Verkäuferschweinen“ bestand. Warum überhaupt diese Höflichkeit? Warum nicht nur „Schweine“? Komm Ronny, bleib sitzen, nimm nicht den Nachtzug nach irgendwo. Was wäre, wenn du schneller mit Kaportzkes Welt warm wirst, als du denkst, und vielleicht bist du in einem Jahr selbst Kolonnenführer. Ich? Ausgerechnet ich?
Ich blieb am Tresen sitzen, fragte den Barmann nach einem gewissen Etablissement im Ort, bekam prompt den Tipp, die „Lido-Bar“, dort, am Ende der Straße, sehr nette Damen dort, angemessene Preise dort. Dort, am Ende der Straße. Ich blieb sitzen und trank mein letztes Bier.
Am Morgen danach war ich der erste im Konferenzraum. Ein Dutzend Tischreihen mit Dutzenden Stühlen. Ausreichend Platz für eine kleine Drückerarmee. Letzte Reihe in Nähe zum Ausgang war wie immer Ronny Luschkes Platz. Angestammt. Das war in den wenigen Besuchen in Auditorien niemals anders. Kaffeepausen sind nicht nur zum Kaffeetrinken da, sondern zum schnellen Abgang wie gemacht. Kaportzke hatte seine Leute im Griff, um Schlag neun war jeder Platz besetzt, keiner war verspätet, dafür viele verkatert oder in noch schlechterem Zustand. Es roch nach schalem Bier, kaltem Rauch und direkt neben mir nach Schnaps. Wonach roch ich? Keine Ahnung, doch die halbe Kanne Kaffee, die ich mir vor Minuten gab, übertünchte wenigstens sämtliche Reste von Modrigkeit im Mund, die ich nur allzu gut kannte. Kaportzke trug jetzt einen dunklen Anzug, nicht mehr seine Lederjacke vom Vorabend. Ansonsten ließ er sich nichts anmerken, auch nicht als einer seiner Leute ihn auf irgendeine Sache in der Lido-Bar ansprach. Der Bursche bekam kurzerhand einen verbalen Tritt in den Arsch, worauf er sich an seinen Platz kuschte. Es mussten wohl einige die Nacht in der Lido-Bar verbracht haben, es war anfangs Thema Nummer eins. Der Letzte, der reinkam, nahm neben mir am einzig verbliebenen freien Stuhl Platz. Der Typ trug ein Hawaiihemd, kurzärmelig, seine roten Unterarme waren übersät mit Einritzungen und kleinen Tätowierungen, und trotz meiner Schätzung von nicht mal dreißig, war sein Gebiss kaum als solches auszumachen. Er roch wie eine menschliche, offene Whiskeyflasche. Als er sich zu mir drehte, sah ich auf seiner rechten Wange eine alte Narbe, die vom Ohr bis zum Mund reichte. Eine schwere Kampfeswunde aus vergangenen Zeiten, sicherlich nicht von einem Gefecht mit einem widerspenstigen Kunden davongetragen, eher vermutete ich eine Hinterhof-Messerstecherei. Ronny, ein bisschen auf die Wortwahl aufpassen, nichts, was ihn leicht provozieren könnte. Am besten sage erst mal gar nichts, nur könnte das Narbengesicht womöglich gerade dein Schweigen als Provokation auffassen, also sprich doch, stelle dich freundlich vor und sage etwas Nettes über ihn. Ein Kompliment, nicht der Narbe wegen, nein, besser vielleicht für seine von Einkerbungen malträtierten Arme, oder doch für das orangerotgelb leuchtende Hawaiihemd? Sein Haar war zerzaust wie die eines Straßenköters und ich konnte aus seinem erwartungsvollen Blick spüren … ja, er wartete auf irgendetwas. Sicher auf ein paar höfliche Willkommensworte von mir.
„Ich bin Ronny, Ronny Luschke.“ Daran war nun wirklich nichts provozierend.
„Ich bin Kreische, alle sagen nur Kreische zu mir.“
Ich traf vorher noch nie einen Menschen bei dem der Name so sehr zur Stimmlage passte. Kreisches Stimmbänder mussten über eine sehr lange Zeit richtig in die Mangel genommen worden sein. Er sprach nicht, er krächzte jedes Wort fast wie unter Qualen heraus. Möglich, dass das Messer seines damaligen Kontrahenten nicht nur sein Gesicht, sondern auch gleich seine Stimmbänder der Länge nach mit aufschnitt. Den Rest erledigte sicher Hochprozentiges. Ich stellte mir kurz vor, wie es sein würde, wenn Kreische auf Kunden treffen sollte, was ihm ja jeden Tag passierte. Wählen die Leute heimlich die 110 oder flüchten sie über den Balkon ins Freie? Und was macht dann der zurückgelassene Kreische? Bedient er sich an der Hausbar und trinkt die gefundene Flasche Doppelkorn leer? Nicht dass ich total verkehrt lag und in wenigen Minuten wird Kreische zum Verkäufer des Monats ausgerufen und mit gefalteten Händen eine krächzende Dankesrede halten.
„Kreische, es ist mein erster Tag, ich mache erst einmal nur zur Probe hier mit. Heute die Konferenz, oder was das hier sein soll, und morgen mit einem von euch mit rausfahren. Vielleicht ja mit dir, Kreische?“
Kreisches Augen weiteten sich schlagartig, als hätte jemand ihm eine Ladung Valium verpasst. Als seine Pupillen sich wieder auf Normalgröße schrumpften, krächzte er mir ein „niemals, bei mir fährt keiner mit“ zu. Die Absurdität meiner Frage schoss ihm so massiv durch den Körper, dass er mich noch sekundenlang anstierte, wodurch mein Blick ebenfalls an seinen rotglasigen Augen haften blieb. Es ist wie mit Hunden, die in keiner guten Grundstimmung sind. Ein allzu langer Blick direkt in die Hundeaugen kann für den Zweibeiner schlimme Aggressionen des Tieres nach sich ziehen. Ich begann, meinen Kuli auseinanderzunehmen, die Mine zu prüfen, setzte ihn wieder zusammen, sortierte mein Schreibpapier von links nach rechts, dann zurück, dies alles nur, um Kreische zu zeigen, dass ich verstanden hatte und nicht auf Ärger aus war. Alles war vergebens. Aus dem rechten Augenwinkel konnte ich erkennen, wie sein Blick an mir kleben blieb. Ich gab mich so beschäftigt, wie es nur ging und schrieb „Heute erste große Konferenz“ auf ein Stück Papier, doch alles war umsonst. Auch wenn es lediglich eine vage Idee war, mit Kreische mitzufahren, doch nicht mehr als das, schien sein Gehirn unaufhörlich ihm eine Meldung wie „wenn der Typ es noch einmal wagen sollte, dann wird er die Kaffeepause nicht lebend überstehen“ zu signalisieren. Erst als Kaportzke die Bühne betrat – ich schrieb auf mein Papier „Kaportzke betritt die Bühne“ –, ließ er endlich von mir ab. Kaportzke krempelte sich die Hemdsärmel hoch und schlug einigen aus der ersten Reihe kumpelhaft auf die Schultern. Einem drückte er sogar seine Pranke derart in den Nacken, dass der junge Kerl mit schmerzverzerrtem Gesicht einen Katzenbuckel machen musste. Der Katzenbucklige drehte sich nach Sekunden der Peinigung aus Kaportzkes festem Griff heraus und rieb sich den malträtierten Hals, bevor er wieder seine internatshafte aufrechte Sitzposition einnahm. Kaportzke lachte lauthals kurz auf, als er sah, dass sein Griff nicht ohne Wirkung blieb. Alles Vorgeplänkel, alles nur Teil seines Vorspiels. Kaportzkes Auftritt begann mit feinem Ausrichten einer Folie auf dem Overheadprojektor. Nur die Überschrift war zu sehen, der Rest war mit einem Papier abgedeckt. Ich las dort „Verkäuferhitparade“ und ich schrieb „Verkäuferhitparade“, was Kreische jedoch nicht entging. Ein kurzer, flüchtiger Blick in sein Gesicht. Wieder schaute ich in ein von Valium aufgepumptes Augenpaar, und sein unverändert aggressives Reibeisen stieß „… schreib dir die Scheiße doch nicht auf, du Idiot!“ heraus. Kaportzke ließ ein lautes „Schnauze an alle!“ folgen, was außerordentlich gut funktionierte. Ab diesem Moment herrschte Ruhe. Geschlossene Schnauzen soweit ich sehen und hören konnte. Dann zog Kaportzke das Papier von der Folie und legte nicht nur viele Namen und Verkaufszahlen der letzten Woche frei, sondern er auch richtig los.




