- -
- 100%
- +
„Warum sehe ich immer wieder nur dieselben Namen ganz oben? Meine Top-Verkäufer!“, schrie Kaportzke mit süffisantem Unterton in die Menge. “Und immer wieder dieselben Namen ganz unten? Meine Top-Pfeifen! Warum schaffen es meine Top-Pfeifen nicht einmal bis ins hintere Mittelfeld? Haben sie möglicherweise immer noch nicht begriffen, worum es mir geht? Haben sie tatsächlich nicht begriffen, wie man Geld verdient?“
Dass Kaportzke nicht zu den Leuten gehörte, die Gedanken daran verlieren, um den heißen Brei herumzureden, hatte ich mir schon gedacht, sein Auftakt war jedoch brachialer, als ich mir vorstellen konnte. Er war klar auf Angriff gepolt. Kaportzke stellte noch weitere fünf, rein rhetorische Fragen und bekam, wenig überraschend, keine Antworten. Warum auch, ich war mir sicher, Kaportzke hätte seine süffisanten Fragen jederzeit selbst beantworten können, was er dann auch tat. Kurz und bündig beendete er seine Ouvertüre mit – einfach nicht begriffen, diese Idioten!
Die letzten fünf der „Verkäuferhitparade“, allesamt waren sie ohne jeglichen Verkaufsabschluss, wurden von Kaportzke unisono zu Komplettversagern erklärt. Sie mussten sich auf sein Kommando von ihren Stühlen erheben und wurden zu Kaportzkes persönlicher Beleidigungsarie freigegeben. Auf der Hitparade – ich dachte einen Moment an die echte Hitparade, dort, wo auch die schlimmste Schnulze noch frenetischen Beifall bekommt – gab es zwei Meiers. Der eine ganz oben, der andere war einer von den fünf Pfeifen. Kaportzke nannte letzteren nur Versager-Meier. Genüsslich, abwertend und immer wieder aufs Neue.
„Versager-Meier, warum schadest du nicht nur dir, sondern auch mir? Warum willst du, dass ich diesen Monat nicht eine goldene Rolex bekomme, die ich bekommen könnte, wenn du daran denken würdest, mit dem Verkauf zu beginnen? Wie lange soll ich noch auf dich warten, Versager-Meier, sage es mir, wie lange? Wann trittst du dir selbst in den Arsch und lieferst mir endlich mal ein paar Abschlüsse? Oder wartest du darauf, bis ich dir mal richtig in den Arsch trete? Aber das kann ich dir nicht empfehlen, denn dann würde sich die Spitze meiner Stiefelette tief in deinen Versagerarsch bohren, klar?“
Versager-Meier sagte nichts und nickte nur unentwegt unter dem Reigen an Beleidigungen, die auf ihn niederprasselten. Während Kaportzke sich die anderen vier aus der Riege der Abschlusslosen vorknöpfte, suchte ich Kreische auf der Hitliste. Ich fand ihn im hinteren Mittelfeld. Immerhin. Und sein Name war Tobias Kreischke. Jetzt weiteten sich allerdings meine Pupillen. Kreischke ohne - K - war Kreische. Luschke ohne - K - weckte Kindheitserinnerungen in mir. Ich konnte mir zwar zu diesem Zeitpunkt kaum noch vorstellen, Kaportzkes Club der Erniedrigungen beizutreten, und sollte es doch geschehen, bangte ich darum, mich nicht in den unteren Regionen zu Versager-Meier gesellen zu müssen, was bedeuten könnte, wieder als Luschke ohne - K - gebrandmarkt zu werden. Womöglich der alles entscheidende Grund, in der ersten Kaffeepause nun doch das Weite zu suchen. Das eine „Ich“ drängte mich ständig zur Flucht im passenden Moment, das andere „Ich“ sah es allerdings deutlich gelassener, da dieses „Ich“ mir einhämmerte, ich wäre doch nichts anderes als nur ein Gast in diesem absurden Schauspiel. Ein Zuschauer in hinterster Reihe, dem nichts passieren könne.
Nachdem Kaportzke die letzten fünf der Hitliste ausreichend rundgemacht hatte, wandte er sich seinen Lieblingen zu, seinen Besten. Den Top Drei. Kaportzke winkte alle drei mit hektischen Handbewegungen zu ihm nach vorn. Natürlich saßen sie in der ersten Reihe, trugen allesamt feinen Zwirn, einer strich sich sogar mehrmals über sein Jackett, als er sich erhob, ein anderer machte triumphierend zwei Fäuste, die er uns entgegenhielt, der dritte im Bunde schien mir wie ein Dauergast unter den Besten zu sein, er war der Freude wohl längst überdrüssig und blickte nur verächtlich über die Tische. Wir durften nun applaudieren. Wir mussten nun applaudieren. Ich klatschte lange und war der Letzte, der mit Applaus aufhörte. Kreische schoss wieder Blut in seine eh getrübten Rotlinsen. Während alle ihren Applaus gaben, drehte sich Kreische eine Kippe für die erste Pause. Ich wusste, er verachtete mich schon allein meines Applauses wegen. Vielleicht am Abend an der Hotelbar mit Kreische ein paar Biere trinken und Biere machen Menschen warm untereinander. Wo gibt es schon Liebe auf den ersten Blick, schon gar nicht in einer Herde von Drückern, Ronny. Die ersten drei bekamen dann ihre Preise überreicht. Sehr merkwürdige Preise. Der Beste bekam ein Wochenende in einem Mietwagen geschenkt. Keinen schrumpeligen Kleinwagen, sondern offen und sportiv, um mit der Freundin in Dauerschleife schnittig um die Blocks brausen zu können. Will ich nicht, dachte ich mir. Der zweite einen Gutschein vom Elektrohandel, will ich auch nicht, und der dritte im Bunde einen CD-Spieler, gähn, hau mir bloß ab damit, Kaportzke. Wenn schon kein Bargeld, dann wenigstens dreißig Flaschen Rotwein, oder eine kleine Beteiligung an einer Brauerei, kam mir in den Sinn. Die Gewinner spielten ein wenig Freude und Überraschung vor, und der Rest wurde erneut zum Applaudieren aufgefordert. Dieses Mal machte ich es wie Kreische, keinen einzigen Klatscher, nur zweimal dumpfes Klopfen auf den Tisch.
„Scheiße Prämien hier in der Firma, alles für ‘n Arsch. Ein Wochenende frei innen Puff und frei Saufen, okay, oder richtig Asche auf die Kralle, aber nicht so“, raunzte mir Kreische zu. Und mir fiel auf, Kreische und ich, wir wurden langsam warm, auch ganz ohne Bier.
Nach der feierlichen Preisvergabe holte Kaportzke zu einer ausufernden Rede aus, zu der er sich vorab ein Mikrofon geben ließ, und sich somit die Lautstärke seiner Worte mindestens verdoppelte. Doch das war noch nicht alles. Kaportzke ließ sich von einem seiner Jünger aus der ersten Reihe einen Tritt reichen, der einsatzbereit neben der Bühne gestanden haben musste, um sich sodann auf diesem zweistufigen Tritt hinter einem Stehpult in eine erhöhte Rednerstellung zu bringen. Die vorderen Reihen blickten nun nach oben wie zu Gott. Oder hinauf zu Kaportzke. Kreische und ich blickte geradeaus wie immer, auch ein Vorteil der letzten Reihe. Kaportzke war nun zweieinhalb Meter groß. Wer so etwas tut, von dem kann man ruhigen Gewissens auch etwas Großes, ein unglaubliches Spektakel, eine Show sondergleichen erwarten. Kaportzkes Stimme war bei normaler Lautstärke, ohne jegliche Verstärkung, schon durchdringend genug, dass selbst die Damen und Herren der weit entlegenen Hotelrezeption seiner Stimmgewalt folgen konnten. Doch nun, als er seine ersten Worte in das Mikrofon sprach, war es – nach ein, zwei schweren Rückkoppelungen mit zwangsweise logischem Fiepen – so, als ob Kaportzke urgewaltig das Ende der Menschheit abwenden wollte. Diejenigen, die ganz klar wie Schwerstabhängige nur so nach seinen Worten lechzten, und das war die absolute Mehrheit, wurden zu Willenlosen, der Rest sollte mürbe gemacht werden.
„Und noch einmal für alle, insbesondere für diejenigen unter euch, die zu oft leere Netze von ihren Fangzügen mitbringen. Regel Nummer eins: Wir wollen niemanden langwierig überzeugen. Wir beherrschen die Kunst der Überredung, des Aufschwatzens, der Nötigung. Wir setzen unter Druck und wir zeigen Konsequenzen auf, sollten sie nicht unterschreiben. Haben wir eine Methode, eine Technik, um an Aufträge ranzukommen? Versager-Meier, brauchst du etwa neue Verkaufstechniken, um endlich mal ein paar Geschäfte machen zu können? Ich sage es dir und allen anderen auch: Nein, brauchst du nicht, du brauchst nur die Technik der Überrumpelung. Regel Nummer zwei: Seid gierig und schnell. Verzettelt euch nicht in ellenlange Produktpräsentationen, alles Humbug. Regel Nummer drei: Macht ihnen ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht unterschreiben wollen, das funktioniert immer. Baut Druck auf und bedrängt sie, dann sehen sie keinen anderen Ausweg, als zu unterschreiben. Die Erlösung ist die Unterschrift!“
Kaportzkes Regeln waren zehn an der Zahl. Wie die zehn Gebote von Moses. Nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass Kaportzkes Regeln die Ausgeburt der Hölle waren. Jede einzelne Regel triefte nur so vor Hass und Niedertracht. Spätestens jetzt war mir klar: Jeder in diesem Saal war nichts anderes als ein kleiner mieser Drücker und Kaportzke der Anführer dieser Horde. Mit nichts anderem hatte ich es hier zu tun. Ich war kaum drei Schritte von der Tür zur Hotellobby entfernt, ein Sprung, dann nur noch Laufen, irgendwann die Hotelrechnung bezahlen. Doch unser Einpeitscher war schon dermaßen von allen guten Geistern verlassen, er hätte mich wohl wild entschlossen wieder einfangen lassen. Dann ballte Kaportzke eine Faust, hob sie zur Decke empor, so als ob er direkten Kontakt zum Teufel aufnehmen wollte, obwohl ich die Hölle genau dort nicht vermutete, und sprach: „Nicht die Vorteile für den Kunden interessieren uns, nicht das Produkt interessiert uns, nur wir sind von Interesse. Es geht nur um unsere Vorteile und um unser Geld. Und denkt daran, wir fallen unbarmherzig in die Städte ein wie Wanderheuschrecken! Wir durchfressen uns von Süd nach Nord, von West nach Ost, wir zernagen und zerkauen unsere Kunden und unter unserer Chitinschicht sammeln wir Aufträge, bis unsere Panzerungen zu platzen drohen!“
Dann brüllte er fragend in die Menge: „Was sind wir?“
Die Kolonne hauchte in zartem Ton zurück: „Wanderheuschrecken!“
„So wie ihr es von euch gebt, seid ihr keine Wanderheuschrecken, sondern nur lächerliche Stubenfliegen. Also, was seid ihr?“
„Waaaanderheuschreeecken!“
So ist gut, Männer, genau das seid ihr! Und wie machen wir unseren Job? Wie beim … ? Wie beim … ?“
Nichts rührte sich, Kaportzke musste selbst nachlegen und einmal mehr seine eigene Frage beantworten.
„Wie beim Katzenficken! Mensch, ihr Idioten, wie oft muss ich euch das denn immer wieder an den Latz knallen! Schnell müsst ihr sein, so schnell wie beim Katzenficken, verdammte Scheiße!“
Mal abgesehen davon, dass ich „Wanderheuschrecken“ weder hauchte noch schrie, stellte ich mir drei Fragen: Erstens, Kaportzke sprach vom Zernagen. Nagen Wanderheuschrecken? Ist es nicht eher ein Abfressen, wie das Abfressen von beispielsweise Weizenhalmen? Zweitens, wie viele Aufträge mögen unter einer Panzerung Platz finden? Nehmen wir beispielsweise einmal Kreisches angeblichen Panzer, der, kaum sichtbar, längst das Weite in seinem Knochengerüst gesucht und gefunden haben musste. Folglich konnte seine dürre Gestalt wenig Raum für das Sammeln von Aufträgen bieten. Drittens, und das war meine eigentliche geistige Irrfahrt: Katzenficken? Brachte Kaportzke hier nicht ein weiteres Mal etwas aus der Tierwelt durcheinander? Ich hatte vorher nie, nach dieser obskuren Veranstaltung allerdings auch nicht, kopulierende Katzen beobachtet, ging aber davon aus, dass Kaportzke von Hasen sprechen musste, vom allseits bekannten wilden Rammler. Ich wusste, wovon ich sprach, hatte mir doch vor Jahren in Berlin eine reichlich korpulente Studentin beim Kopulieren den Vorwurf gemacht, ich würde mich bewegen wie ein durchgeknallter Rammler. Da ich damals dachte, alles richtig gemacht zu haben, bedankte ich mich sogar für diesen Vergleich. Aber Katzenficken? Ich drehte mich kurz zu Kreische und fragte: „Katzenficken?“ „Ja, alles schnell.“ Dabei schlug er mit der Handinnenfläche dreimal ganz schnell gegen die andere Hand, mit der er Daumen und Zeigefinger kreisrund zu einem Loch formte. Ach so. Ach so geht das hier. Keine weiteren Fragen. Doch eine noch, die ich mir, nicht ihm, stellte. Warum sehe ich hier keine einzige Frau? Nicht einmal eine Frau war unter den sicherlich fünfzig Drückern auszumachen. Möglich, dass vor mir mal eine, so wie ich, hier reinschnupperte, nur um schon vor der ersten Kaffeepause von diesem Ort des Irrsinns zu flüchten. Der Irrsinn war nichts anderes als Kaportzkes persönlicher Höllenritt vor seiner Bande von traumatisierten, ausweglosen Vagabunden. Die Maske eines über seinen Schädel gezogenen, feuerspeienden Totenkopfes hätte seinen Auftritt sicher stilistisch einwandfrei abrunden können. Ein kleiner Inszenierungsmakel. Eigentlich schade. Zum wortgewaltigen, krönenden Abschluss streckte sich Kaportzke auf sagenhafte zwei Meter fünfundsiebzig empor, um dann mit weitgeöffneten Armen seine wahre Prophezeiung in den Raum zu speien. „Schon Morgen werdet ihr, wie nie zuvor, mir zeigen, dass ihr die besten katzenfickenden Wanderheuschrecken seid, die diese Firma je gesehen hat. Ihr werdet Aufträge einheimsen, als würde es kein Übermorgen geben. Und Übermorgen werdet ihr euch von den Erfolgen des ersten Tages noch hungriger durch die Stadt fressen, als gäbe es kein Überübermorgen. Und am Abend des dritten und letzten Tages werdet ihr mit Stolz in eure Aktenkoffer blicken, reichlich Beute zählen und unser Raubzug wird bis zum Morgengrauen des vierten Tages in einer Orgie der Überschwänglichkeit gebührend gefeiert. Dankt mir! Dankt mir dafür, dass ich euch dahin bringen werde. Die Stadt gehört nun euch!“
Ahmen, Herr Kaportzke. Dann fing Kaportzke an zu applaudieren und alle anderen äfften ihm nach. Außer Kreische und mir. Als die Meute sich wie vollends Benommene sogar dazu hinreißen ließ, im Stehen weiter sich die Hände wund zu klatschen, verzogen Kreische und ich uns an die Hotelbar. Wir verbrachten geschlagene sechs Stunden dort an der Bar, und immer wieder schnarrte mir Kreische ins Ohr, dass er in den nächsten drei Tagen zwanzig Aufträge machen werde. Ganz sicher zwanzig, wenn nicht sogar fünfundzwanzig oder dreißig, mal sehen. Mal sehen, wie es läuft und wie er drauf sein wird. Kreisches Problem war, wie er mir auch ohne Umschweife erzählte, dass er nur den Vormittag gut durchstehen kann. Am Vormittag wirke der Restalkohol noch, ab Mittag nicht mehr, wie er erklärte. Deshalb muss er mittags immer einen Kiosk oder einen Laden anfahren, um seinen Pegel wieder zu korrigieren, anzupassen, aufzuladen. Tut er es nicht, würden ihm am Nachmittag beim Kundengespräch die Augen zufallen. Ich verstand.
Gegen Mitternacht machten sich Kreische, Kaportzke und ein paar andere auf den Weg in die Lido-Bar. Da mir nicht danach war, Kaportzke und auch nicht Kreische, in Handtüchern um die Lenden gewickelt, durch die Lido-Bar umherwandern zu sehen, blieb ich an der Bar zurück und trank einen letzten irgendwas und dachte an den privaten Kaportzke. Ohne Höllenritt und dem arg vermissten Totenschädel. Er war sicherlich ein treusorgender Familienvater, der mit seinen Kindern im Vorschulalter Bauklotztürme baut und bei den ersten Gehversuchen im Lesen sich nützlich und pädagogisch liebevoll einzubringen weiß. Seine geliebte Gattin verwöhnt er an den Wochenenden mit zärtlichen Liebkosungen und nachts schläft er mit ihr regelmäßig ordentlich, ohne auch nur einen Moment an Katzenfickerei zu denken, oder das ein solch schnelles Kopulieren ihn übermannen könnte. Doch da war noch der andere Kaportzke. Der animalische Sektenführer, die selbst ernannte Oberheuschrecke. Ich war mir sicher, seine Frau hatte keine Ahnung von seinem zweiten Ich. Sollte sie ihn jemals posaunend vor seiner Kolonne erleben dürfen oder müssen, sie würde wohl die Kinder vor ihm wegsperren. Und sich selbst auch. Und was die Lido-Bar angeht – klingt doch eigentlich ganz harmlos nach einer Strandbar in Rimini –, jede Stadt hat eine Lido-Bar, mindestens eine, und Kaportzke kannte bestimmt alle. Doppelleben. Er hatte eines und somit zwei Leben. Hat nicht jeder, kann nicht jeder. Ich hatte ein solches nicht vorzuweisen. Ich überlegte, was das zweite Leben in meinem Fall für eines sein könnte. Tagsüber ein Nichts, nachts ein Doppelnichts? Tagsüber Bier, nachts Rotwein? Meine Kreativität ließ weiter nach und ich verzog mich auf Zimmer 102. Dann ging ich die Treppe hoch zu Zimmer 201. Mein Zimmer war 201. Ein kleiner Fall von Doppelleben, Ronny?
Am nächsten Morgen im Frühstücksraum, inmitten vieler aus der Kolonne, war die Welt wie ausgetauscht, wie eine ganz andere. Sämtliche Kolonnenmitglieder verhielten sich so, als wären sie dem Tode nahe, und egal, zu welchem Tisch ich meinen Blick schweifen ließ, von fressenden Wanderheuschrecken waren diese ausgelaugten Gestalten so immens weit entfernt, dass ich mir kaum vorstellen konnte, nur einer dieser tauben Tröpfe könne einen einzigen Auftrag an Land ziehen. Einige waren derart zittrig, dass sie nicht einmal ihr Frühstücksei vernünftig köpfen konnten. Einer schlug dreimal daneben, um dann schließlich aufzugeben und das Ei beiseitezuschieben. Der Einzige, der gut bei der Sache war, war Kreische. Der Restalkohol durchspülte in bester Stunde zur Frühstückszeit Kreisches Körper und Geist mit einer ungestümen Wildheit, die ihn pausenlos in unüberhörbare Selbstgespräche verstrickte. Mal waren seine Gedanken und Auswürfe in der Lido-Bar, mal schleuderte er seine persönliche Meinung über Kaportzke durch den Raum, was er lieber sein gelassen hätte, denn während seiner Arien nahm Kaportzke direkt am Tisch hinter uns Platz. Natürlich bekam er alles mit, wie alle im Umkreis von zehn Metern, doch Kaportzke ließ sich nichts anmerken und blieb ruhig. So ist das eben, wenn das Gehirn, wie in dieser Situation bei Kreische, nicht in Gehirnflüssigkeit, sondern noch in Rum schwimmt. Die meisten waren entweder an seinen unüberlegten Beschimpfungen längst gewöhnt oder zu stark mitgenommen, oder beides. Sie waren damit beschäftigt ihre Köpfe aufrechtzuhalten und nicht auf die geschmierten Marmeladenbrötchenhälften fallen zu lassen. Ich war gespannt auf den Tag, auf meine praktische Übung. Auf das Mitfahren bei einem der Wanderheuschrecken.
Als ich den Raum verlassen wollte und Kaportzkes Tisch streifte, griff er kurz zu. Er zog mich ganz nah fest an sich ran, sicherlich war sein Handgriff auch seinem Restalkohol geschuldet, und ich roch, dass er in der Früh wohl in Rasier- oder Toilettenwasser gebadet haben musste. Kaportzke roch, als wäre er sprungbereit für einen neuerlichen Besuch in der Lido-Bar.
„Luschke, du brauchst noch einen, bei dem du mitfahren kannst. Ich such dir einen aus, warte …“ Kaportzke ging ein paar Tische weiter zu einem Typen, der mir bisher nicht sonderlich auffiel. Ich konnte sehen, wie er mit ihm sprach und mit dem Finger auf mich zeigte. Dann kam er zu mir zurück.
„Du fährst mit Manfred mit. Luschke, hat dir einer schon mal gesagt, was rauskommt, wenn man Luschke ohne - K - ausspricht?“
„Nein, keine Ahnung Herr Kaportzke.“
„Na, Luschke, ist doch nicht schwierig, na, was ist es dann, na?“
„Ich habe keine Ahnung Herr Kaportzke, wirklich nicht.“ Dann wurde er richtig laut, damit es auch jeder im Frühstücksraum hören konnte.
„Mensch Luschke, Luschke ohne - K - ist Lusche! Komm, ist doch nur ein kleiner Spaß unter uns.“
„Ja, Herr Kaportzke, ein ausgesprochen guter Spaß, danke sehr.“ Einige der Heuschrecken lachten herzhaft, halt ein typisches Witzchen vom Chef.
„Und auch wichtig Luschke, bei den Kunden sind Sie einer vom Innendienst, sagen wir mal aus dem Controlling, der nur mal so mitfährt, um zu erleben, wie es draußen an der Front ist, klar?“
„Klar, Herr Kaportzke, Controlling, natürlich.“
Auf dem Hotelparkplatz wartete Manfred bereits auf mich. Er war dabei, sein Verdeck nach hinten umzuklappen, die Sonne schien, es war morgens schon warm und dem Manfred war nach offen fahren. Ich war mir nicht sicher, dachte jedoch, Manfreds erster Fehler war, mit einem offenen, tiefergelegten, breiten Wagen, Spoiler hier und dort, auf Kundenfang gehen zu wollen. Manfreds zweiter Fehler war seine Sonnenbrille. Keine für die Augen, eine für die komplette obere Kopfhälfte. Es war ihm sofort anzusehen, wie wenig stilsicher Manfred im Umgang mit Sonnenbrillen war. Die dritte Merkwürdigkeit, die ich an ihm erkannte war seine Krawatte. Eine dünne, ungemein lange rote Lederkrawatte, die in Manfreds kauernder Position hinter dem Lenkrad, sogar soweit hinab reichte, dass sie beulenartig über dem Reißverschluss seiner ebenfalls roten Stoffhose lag. Seine Krawatte verstand es, sich auf seiner Hose fast unsichtbar zu machen. Wie der Kopf einer roten Natter lag die Krawattenspitze über seinem Hosenschlitz, so als ob sie sich ihren Weg ins Innere suchen wollte. Ich war mir nicht sicher, ob diese Art Krawatte nun der letzte Schrei zwischen Paderborn und Bielefeld war oder einfach nur auf eine Fehlleitung des Trägers zurückzuführen war. Letztlich war es sein persönliches, sehr eigenes Entree. Ich hoffte nur, dass er wusste was er tat, doch er wusste es nicht. Er war sich die Wirkung seines belämmerten Auftritts überhaupt nicht im Klaren. Sein Ausdruck war streng und zugleich dumm und ich dachte, für manche sicherlich auch stark angsteinflößend. Wenn er wenigstens gegrinst hätte, als er mich durch seine Skibrille anschaute, dann hätte ich den Spaß verstanden, doch Manfred blieb währenddessen totsterbensernst. Er meinte es so und war sich sicher, alles richtig zu machen. Für mich wirkte es alles in allem ziemlich billig, doch Manfred kommentierte seinen Aufzug nur mit: „Wegen der Seriosität.“
Acht Stunden später war mir klar, dies war längst nicht die einzig unpassende Auffälligkeit von Manfred. Rückblendend betrachtet war dieser Tag mit den schrägsten Erlebnissen gespickt, die ich in meinem Leben durchstehen musste. Bevor wir losgurkten, übergab mir Manfred eine kleine Hartplastikbox, in der sich fünfzig Kärtchen befanden. Auf jedem Kärtchen waren ein Name, eine Adresse sowie eine Uhrzeit niedergeschrieben. Name, Adresse und Uhrzeit ergaben zusammen einen Termin. Wir fuhren folglich nicht einfach so ins Blaue an irgendwelche Mietsblöcke heran, wir hatten feste Termine, die der Innendienst vorher für die Wanderheuschrecken vereinbarte. Wir wurden also erwartet. Irgendjemand wartete auf uns. Herr Gott, wenn die wüssten!
An der ersten Ampel fragte ich Manfred, was es mit dem immer wiederkehrenden Song aus dem Kassettenrecorder auf sich habe. Bis zu diesem Zeitpunkt hörte ich dreimal „Eye of the Tiger“. Rocky lies grüßen. Manfred antwortete mir kurz und bündig: „Um mich auf Touren zu bringen.“ Ansonsten blieb Manfred ausgesprochen stumm und ich hatte meine Mühe zu erkennen, dass der Song, so oft er auch gedudelt wurde, irgendeine Reaktion bei ihm hervorrief, geschweige denn ihn auf irgendwelche Touren brachte. Die Wirkung von „Eye of the Tiger“ musste von sehr subtiler Art bei ihm gewesen sein.
Auf dem Rücksitz lag sein Aktenkoffer. Mir war längst klar, dass ich mich mit Fragen über Wasser halten musste, ansonsten wären wir stumm wie zwei Auftragskiller durch die Stadt gefahren. Auf meine zweite Frage hin, ob ich mir einmal den Katalog anschauen dürfe, griff Manfred während eines Gangwechsels mit der rechten Hand hinter seinen Sitz und schleuderte seinen Aktenkoffer zu uns nach vorn, wobei zuerst mein Hinterkopf, im weiteren Flug das scharfkantige Teil fast noch „Eye of the Tiger“ im Kassettenschacht traf. Der Song hatte offensichtlich mehr in Manfred ausgelöst, als mir lieb war, nur irgendwie sehr abrupt, wie eine große Eruption aus dem Nichts. Sein Koffer lag auf meinem Schoß und Manfred – nicht etwa ich – öffnete ihn, klappte ihn nach vorn, und kramte in seinen Unterlagen rum. Hin und wieder blickte er über das Armaturenbrett, kurze Gegenlenkmanöver, alles in allem blieben wir jedoch stets in unserer Fahrspur. Da Manfred nicht zu seiner Zufriedenheit alles fand, wonach er kramte, beugte er sich an der nächsten Ampel erneut tief mit dem Kopf in seinen Koffer hinein. Nur was ich wusste, war der, rechts neben mir stehenden, älteren Dame im Kleinwagen keineswegs klar. Als sie bemerkte, wie sich Manfreds Kopf aus meinem Schoss in ihr Blickfeld schob, wechselte ihr anfänglich freundlicher Blick in einen sehr irritierten. Natürlich, für sie war es sonniger Oralverkehr während eine Rotlichtphase, ich hätte es an ihrer Stelle auch gedacht, es sah schon danach aus. Manfred wurde schließlich fündig, wedelte mit dem Hausprospekt in der warmen Morgenluft, nach dem ich griff, als Manfred seine Doppelauspuffanlage wieder übermäßig losdröhnen ließ.
Guru Kaportzke sprach am Vortag an die Heuschrecken kein Wort über das, was die Kolonne den Leuten anzudrehen hatte. Natürlich nicht, jeder wusste Bescheid und wie ich Kaportzke verstand, war ihm das Produkt sowieso vollkommen egal. Am Abend zuvor, als Kaportzke und ich zu unserem Zweiergespräch in der Lobby zusammensaßen, erzählte er mir die Geschichte von einem neuartigen Lexikon, verpackt und hineinverschlüsselt auf eine kleine Diskette, welche sich die Leute in ihre Computer stecken können. Kaportzke sprach von etwas revolutionärem, etwas, was die Welt vorher noch nie zu Gesicht bekam. Niemand braucht mehr ein zwei Meter großes Bücherregal, um von A bis Z alles unterzubringen, nur diese kleine Scheibe war der Schlüssel zur Allgemeinbildung von Menschen, die etwas auf Allgemeinbildung setzen. Während er das sagte, drehte er die kleine, bei Licht in Regenbogenfarben schimmernde Scheibe im mittigen Loch immer wieder um den Zeigefinger, sowie man es mit einem hölzernen Spielzeug machen würde.




