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Meine kleine Ausfahrt fand am 09. Mai 1992 statt und an diesem Tag, wie auch an den Tagen zuvor und danach, wusste ich nicht allzu viel von Computern. Was ich wusste, war, die NASA hatte einen, auch der israelische Geheimdienst, mein ehemaliger Professor an der Uni, der mich durchrasseln ließ, und einen sah ich mal in einem Kopiershop in Berlin. Ein Mitstudent aus Berliner Zeiten sagte mir kurz vor meinem Verlassen der Stadt, schon in zehn Jahren werden die Computer über die Menschen herrschen, hörst du Ronny? Ich hörte und pulte mir unterdessen in dem Lokal, in dem wir saßen, den Strandsand vom Wannsee aus den Zehenzwischenräumen. Sollten die Computer tatsächlich – und nun waren es nur noch acht, nicht mehr zehn Jahre – die Herrschaft des Planeten Erde an sich reißen, würden sie bestimmt Gehirnwäschen mäßig oder sensorimplantierend mit Manfred beginnen. Sozusagen als ersten Testlauf, nur um zu schauen, ob, angefangen bei einem einfachen Exemplar unserer Spezies, alles glatt läuft.
Ich blätterte während der weiteren Fahrt durch den Prospekt und versuchte krampfhaft den pädagogisch wertvollen Beitrag des Produktes, speziell gemünzt für Familien, deren Kinder und Kindeskinder, mit dem neben mir fahrenden Manfred in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Die Frage, die letzten Endes vollkommen unbeantwortet blieb: Warum ausgerechnet Manfred? War er tatsächlich derjenige, der auserkoren war, das Gut der Allgemeinbildung derer dort draußen, mit pädagogischem Feingefühl und strotzend vor Wissen, auf ein neues Niveau zu bugsieren? Warum sitzt kein Lehrerehepaar hinter dem Steuer, was ich für um einiges angebrachter hielt. Die jedoch größten Probleme hatte ich damit, mir Kreisches geistigen Zugang zu diesem, sagen wir mal, Bildungsprodukt vorzustellen. Doch vielleicht lag ich auch komplett falsch und Manfred würde sich schon während unseres ersten Besuchs als wandelndes Lexikon entpuppen, fernab jeglicher persönlicher Geldgier und stets um das Wohl eines jeden Käufers besorgt. Doch warum sollte er sich so entwickeln, war Manfred doch einer von Kaportzkes Drückern und ich hörte Kaportzkes Worte nur zu oft in meinem Ohr.
Zirka fünf Minuten später forderte Manfred mich auf, die erste Karte laut vorzulesen, was ich auch tat. Wir standen bereits vor einem Häuserblock, nur zweistöckig, dafür aber ganz massiv in die Länge gebaut, dieses Mietshaus.
„Rita Perlheimer, Adresse …na wir stehen ja schon hier, wir haben´s ja gefunden.“
„Alles laut vorlesen, Luschke!“
„Okay, Manfred, Rita Perlheimer, Leipziger Straße 45, … und hier steht noch, Großmutter, Witwe und alleinstehend, eine Tochter und zwei Enkelkinder.“
Es gab einen kurzen Moment der Stille im Wagen, sicher war es eine Denkpause Manfreds, gefolgt von einer Bestätigung seinerseits: „Verstanden!“ Er sprach das „Verstanden“ so aus, als hätte er eine überlebenswichtige Information erhalten. „Manfred, wir möchten, dass du das zweite Triebwerk erst nach Wiedereintritt in die Atmosphäre zündest.“ „Verstanden!“ Wahrscheinlich war seine Denkpause überhaupt keine Denkpause, er tat nur so, um mir das Gefühl zu geben, er würde sich über die Informationen von Frau Perlheimer Gedanken machen. Was sagte noch Kaportzke? Sollten nicht alle Drücker einen Scheiß auf diejenigen geben, die wir zu besuchen hatten? Nachdem ich mich aus dem tiefkauernden Cabriolet herausgezogen hatte und einen Moment am Wagen stand, zog Manfred ausgesprochen beeindruckend mit nur einem Arm, einen langen Bogen machend, das Verdeck zu. Ich war erstaunt der kleinen Vorführung, was ihm nicht entging und dazu veranlasste, die ganze, auch wenn kurze Präsentation, nochmals für mich zu zelebrieren. Mein Gott, wenn die Computer wüssten, auf wen sie sich hier als Testobjekt einlassen würden.
Ich fragte Manfred, ob ich an der Tür läuten darf. Ich durfte. Die vielen Sekunden, die vergingen, bis sich Ritas Tür öffnete, verbrachte ich damit zu verstehen, warum der Typ neben mir seine Skibrille nicht absetzen wollte. Wäre ich an Frau Perlheimers Stelle gewesen, ich hätte beim ersten Blick auf Manfred auf dem Hacken kehrtgemacht, die schwere Schublade der Wäschekommode aufgeschoben, den geladenen Trommelrevolver herausgenommen, zurück zur Tür gegangen, die Waffe in Richtung Skibrille gehalten und nur gesagt: „Sie verschwinden sofort!“
Die Haustür öffnete sich und Rita Perlheimer lächelte uns an. Ich lächelte zurück, legte freundlich meinen Kopf etwas zur Seite und reichte ihr zur Begrüßung meine Hand in die offene Tür hinein. Fehlende Abstimmung zwischen Manfred und mir führte nun dazu, dass er, noch immer wie eine Gestalt aus einer fremden Galaxie hinter seiner verspiegelten, großflächigen Fassade versteckt, einen Schritt nach vorn machte, sich die in meiner Hand sanft schlummernden Hand von Frau Perlheimer griff und ein paarmal an dieser zog und schüttelte. Er tat es so unhöflich und rüde, als wollte er von Beginn an uns, der guten Frau Perlheimer und mir, demonstrieren, wer hier der Platzhirsch in unserem Trio ist. „Frau Perlheimer, wir sind ihr Termin, lassen Sie uns beginnen.“ Stimmlage und Emotionslosigkeit erinnerten mich nun an einen dieser Spezialagenten, die unangemeldet vor deiner Haustür stehen, weil du eine merkwürdige Erscheinung am Himmel gesehen hast. Nur in einer derartigen Situation hätte sein Aufzug mit der Skibrille Sinn gemacht, die sich hinter Frau Perlheimer in der gläsernen Flurtür spiegelte. Er wäre um einiges glaubwürdiger gewesen, hätte er unseren Termin entweder als Auftakt einer feindlichen Übernahme durch eine fremde Lebensform angekündigt, oder andersrum, uns als genau eine solche Spezialeinheit vorgestellt, die auf der Suche nach fremden Lebensformen war. Doch so wirkte sein Spiegelbild nur absurd und tatsächlich beängstigend zugleich. Und in dieser Kleinstadt war Frau Perlheimer an diesem Morgen die erste auf unserer Tour, die leider dran war. Erst als Manfred nach Betreten ihrer Wohnung merkte, dass dort die Sonne nicht ganz so geißelnd schien wie draußen auf den Straßen, reagierte er und schob sich sein Monstrum aus dem Gesicht. Einige Male blinzelte er mit den Augen kräftig durch, musste sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen, verständlich, sah er doch die Welt an diesem Morgen bisher in einem anderen Licht.
Frau Perlheimer war eine überaus freundliche, zuvorkommende und adrette Person, ich tippte auf zwischen siebzig und achtzig Jahren, weißhaarig und großzügig gelockt, dazu dezent geschminkt und im modernen blauen Hosenanzug wippte sie voran in ihre Wohnstube. Sie war nicht eine von diesen älteren Damen, die in Kittelschürze und Wollsocken mit einem Schrubber bewaffnet vor einem stehen. Ihre Ausdrucksweise war galant, höflich und aus bestem Hause: „Mögen die Herren etwas trinken? Ein wenig Wasser, Kaffee oder einen Schluck Limonade?“ Manfred winkte mit den Worten „…nee, lassen Sie mal, sind für Geschäfte hier …“ ab. Ich bestellte Kaffee, worauf Frau Perlheimer kurz in die Küche ging, sich eine Thermoskanne mit heißem frischen griff, welchen wir beide anschließend mit etwas Trockengebäck und freundlich zugewandten Blicken genossen. Unterdessen schob Manfred seinen Aktenkoffer auf dem Esstisch in die richtige Position, ließ die Verschlüsse aufspringen und holte all die wichtigen Dinge hervor, die er benötigte, um Frau Perlheimer so richtig über den Tisch ziehen zu können. Sodann begann sein Verhör.
„Frau Perlheimer, wie wir wissen, haben Sie zwei Enkel und es gibt für Sie bestimmt nichts Wichtigeres, als das diese Kinder, ich sage mal, allgemeinbildungsmäßig nicht hinten runter rutschen sollten, und genau dafür haben wir das passende … Teil … Instrument … Ding. Ein vollkommen neues Lexikon hier auf dieser kleinen Scheibe, da ist alles drauf, da können die Kleinen ganz schnell alles finden und sind ganz schnell nicht mehr die Deppen in der Schule.“ Er ließ nun vor unseren erstaunten Augen die kleine Diskette in seinen Fingern kreisen, so, wie er es von Kaportzke gelernt hatte. Er zelebrierte es noch besser, wie ein Zauberkünstler, der im nächsten Moment ein kleines Küchentuch darüberlegen würde, um dann Schwupps und von Manfreds magischer Hand, das Teil verschwinden zu lassen.
„Nun mein Herr, ganz so ist es nicht. Meine Enkel sind keineswegs die, wie sie es ausdrücken, Deppen in der Schule. Sie besitzen durchaus eine gute Allgemeinbildung. Es wäre schön, wenn Sie von solchen Unterstellungen Abstand nehmen würden. Für mich stellt sich die Frage, was ihre kleine Scheibe denn zusätzlich an Möglichkeiten bieten würde, um, wie sie richtigerweise sagen, schnell an Antworten auf Fragen sämtlicher Themen auf dieser Welt zu kommen. Ich nenne es mal einen Wissenstransfer schnell und unkompliziert gemacht. Sehe ich das richtig?“
Während ihrer präzisen Ausführungen bekam Frau Perlheimer von mir immerzu ein zustimmendes Kopfnicken und damit war für sie und mich bereits klar, auf welche Seite ich mich schon nach den ersten Minuten geschlagen hatte. Manfred haderte mit ihren Kommentaren und sein Nicken, gepaart mit beginnendem leichten Zucken seiner Oberlippe, sprach eine ganz andere Sprache: Wenn die mir so kommen will, dann kann sie es haben!
„Ja, Frau Perlheimer, schnell an Wissen rankommen, darum geht`s hier. Die Diskette wird nur schnell in den Computer geschoben und los geht’s. T wie Tierversuche, nur eingeben und schon kommt´s raus, K wie krumme Dinger drehen genauso, und so weiter. Klasse, ne? Ich an ihrer Stelle würde nicht lang fackeln und gleich unter-schreiben, das Ding geht nämlich weg wie warme Semmeln, nicht mehr viel da, also wenn nicht jetzt, dann kann es schon zu spät sein.“
Wir waren erst zehn Minuten zusammen und ich dachte mir: Läuft hier etwas nur schief oder doch total verkehrt? Wie kann der Kerl nur so ungelenk versuchen der Frau Perlheimer beizukommen? Er war ihr haushoch geistig unterlegen, was ihn aber nur weiter anspornte, sie auf billigste Art und Weise zu bearbeiten.
„Frau Perlheimer, wollen Sie allen Ernstes, dass ihre Enkel aufgrund mangelnder Allgemeinbildung für immer durch den Rost fallen und als Obdachlose enden? Als Bettler? Nur weil Sie heut und hier nicht den Vertrag unterschrieben haben? Ich glaub es nicht, was ist hier denn los?“
Manfred hatte nun gänzlich die Kontrolle über sein Rest-Hirn verloren, ganz eindeutig. Frau Perlheimer saß mit offenem Mund da und rang um Fassung und ich überlegte, einzuschreiten oder auch nicht. Ich tat es nicht. Ich wollte sehen wie es weitergehen, wie es richtig zu eskalieren beginnen würde. Letzten Endes könnten Frau Perlheimer und ich ihm immer noch eine Porzellanschüssel über den Kopf ziehen, sozusagen als unsere letzte Rettung.
„Sie entschuldigen mich bitte, meine Herren!“ Frau Perlheimer verließ das Wohnzimmer. Kopfschüttelnd und wankend vor Entsetzung. Von ihrem wippenden Gang war nichts mehr zu sehen. Ich dachte an 110 und Manfred sagte, als sie aus unserem Blickfeld entschwand, dass sie echt einen an der Waffel haben muss. Es war mir ein Rätsel, wie dieser Typ bisher überhaupt an Aufträge rankam. Aber es gab sie, also hatte er des Öfteren einfaches Spiel mit seinen kleinen, dämlichen Überrumpelungen gehabt. Nach Momenten des gemeinsamen Anschweigens am Tisch, kam Frau Perlheimer zurück zu uns und Manfred baute sich auf. Er zog sich an der Tischkante hoch und ging in eine neuerliche Angriffsposition.
„Und nun sage ich Ihnen was, Frau …, Frau …, ich gebe Ihnen bei sofortiger Unterschrift zehn Prozent Rabatt auf die Diskette, das ist ne ganze Menge, mach ich sonst ganz selten, nein, eigentlich nie, aber dafür schreiben Sie mir jetzt schön ihren Namen hier über diesen Strich.“
Frau Perlheimer, kaum dass sie saß, stand wieder auf und verschwand erneut. Dieses Mal war ich mir sicher, sie würde telefonieren, einen Hilferuf absetzen, ihren Schwiegersohn im Büro anrufen, oder tatsächlich die 110. Manfred hatte es komplett versaut. „Luschke, ich gebe der sogar fünfzehn Prozent! Mann, wenn´s hart wird, dann sogar zwanzig! Du wirst sehen, wenn sie zurückkommt, gibt´s eine letzte Massage und dann unterschreibt sie.“
Ich konnte diesem massivem Idioten des ausgehenden 20sten Jahrhunderts nicht mehr reden hören, verließ ebenfalls den Raum und ließ Manfred einfach allein am Tisch zurück. Ich stand einen Moment im Flur vor der Badezimmertür, da hörte ich genau von dort Geräusche, auch die Klospülung vernahm ich, vielleicht musste sie sich schon übergeben. Frau Perlheimer. Wer sonst. Ich zog einen Stift und ein Blatt Papier aus meinem Jackett und begann zu schreiben. Ich schrieb: „Frau Perlheimer, ich bin´s, unterschreiben Sie diesem Kerl bloß nichts!“
Ich schob den Zettel unter der Tür ins Badezimmer durch. Und wartete. Ich riskierte einen kleinen Blick, am Wandvorsprung vorbei, hinüber zum Esstisch, doch Manfred drehte nur gelangweilt an seiner schimmernden Scheibe. Gut so. Dann sah ich, wie der Zettel unter der Tür wieder zurückkam. Darauf stand: „Sind Sie der Nette, der mit mir Kaffee trank?“ Ich schrieb: „Ja das bin ich! Sie haben was zum Schreiben im Badezimmer?“ Und retour zu Frau Perlheimer und etwas später wieder zurück zu mir. „Ich schreibe doch mit meinem Kajalstift! Ich werde natürlich nichts unterschreiben, nicht bei diesem ungehobelten Kerl!“ Unsere stille Postkommunikation nahm ihren Lauf und kam in Fahrt. „Gut so! Was machen wir jetzt? Schreiben Sie auf der Rückseite bitte weiter. Und betätigen Sie bitte noch einmal die Spülung, nur zur Sicherheit!“ Frau Perlheimer spülte kräftig durch, was aber auch den Nachteil hatte, dass ich Manfred nicht mehr hörte. Er hätte sich womöglich auf leisen Sohlen annähern können. Sei auf der Hut Ronny, und komm zu Potte, verdammt. Der Zettel kam zurück. Auf der Rückseite stand: „Gehen Sie in die Küche, nehmen Sie den Besenstiel und erschlagen Sie bitte den Kerl, nein, nur Spaß, sagen Sie ihm, mir ist schlecht geworden, was ja auch stimmt, und verschwinden Sie beide dann bitte. Ich bleibe hier drin!“ Meine letzte Antwort war – es gab kaum noch Platz auf dem Stück Papier –: „So machen wir das, machen Sie es gut Frau Perlheimer.“
Ich ging zurück zu Manfred, der mittlerweile nervös um den Esstisch kreiste.
„Mann, wo bist du denn gewesen und wo in aller Welt ist diese Frau? Ich brauch meinen ersten Auftrag. Jetzt! Hier!“
„Manfred, das wird wohl nichts, der Frau Perlheimer geht es schlecht, sie ist im Badezimmer und hat sich wohl auch schon übergeben, was Schlechtes gegessen vermutlich. Konnte es auf dem Weg zur Gästetoilette hören.“
„Scheiße Mann, der Tag geht nicht gut los, las uns abhauen, nicht das die Oma uns noch dafür noch verantwortlich macht, dass sie kotzen muss.“
Als wir am Badezimmer vorbei zur Haustür gingen, rief ich noch ein „Alles Gute Frau Perlheimer“ gegen die Tür, hinter der sie möglicherweise schon ihren Kajalstift für seinen eigentlichen Zweck nutzte und sich die Augen machte.
Auf der Fahrt zum nächsten Kunden sprachen Manfred und ich zum ersten Mal übers Geschäft. Über sein Geschäft. Er war merklich in Rage, auch äußerst nervös und vergaß sogar sein Verdeck zu öffnen und sich seine Skibrille aufzusetzen.
„Luschke, ich brauch ab jetzt verdammt noch mal Aufträge, so was darf uns heute nicht noch mal passieren. Aber denk dran, du hast die Fresse zu halten, klar? Kaportzke dreht mir den Hals um, wenn ich nichts an Land ziehe, kapiert?“
„Alles kapiert und ich halte schön meine Fresse, kein Problem.“
„Mann Luschke, das ist hier reines Rein-Raus-Geschäft. Rein, Auftrag, raus, so muss die Chose laufen, für alles andere haben wir keine Zeit. Du kennst doch Rein-Raus, oder?“
„Natürlich Manfred, wie du schon sagt: Rein-Raus.“
Soweit zum geschäftlichen Teil unserer Unterhaltung. Wie ich im Laufe des Tages feststellen durfte, gab es eine gewisse kleine mathematische Wahrscheinlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit, wie viel Besuche nötig waren, um einen Auftrag zu bekommen, rein theoretisch wohlgemerkt. Das war allerdings noch nicht alles. Erschwerend war, dass auf einen tatsächlichen Besuch, immer zwei bis drei folgten, die gar keine waren. Wir standen vor verschlossenen Türen und die Leute ließen einfach den Termin platzen. Manfred wusste dies, ein Umstand, der ihm mehr und mehr zusetzte. Der Druck auf Manfred wurde mit jeder Stunde immer größer, mit der logischen Folge, dass seine Nervosität ins Unermessliche zu steigen schien. Nur, auf der anderen Seite, schon nach unserem ersten Besuch bei Frau Perlheimer hatte ich ausgesprochen großes Verständnis dafür, wenn die Leute vor uns Reißaus nahmen. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Sie hatten sicherlich eine Vorahnung, dass nicht irgendwer, sondern eine schräge, einfach gestrickte Wanderheuschrecke zusammen mit einem gewissen Ronny Luschke als stumme Begleitperson, vor ihren Türen aufkreuzen würden, um sodann zum Schlüsselbund zu hechten und so schnell es ging aus ihren Wohnungen zu laufen.
Auf der vierten Karte – die Personen hinter den Karten Nummer zwei und drei waren ausgeflogen – las ich: „Frau Judith Krämer, Mitte Dreißig, Mutter von zwei Kindern“. Vermutlich hatte sich die Judith gesagt, lieber warte ich den ganzen Morgen im Auto vor dem Kindergarten, als dass ich mich mit diesem Typen an einen Tisch setze. Mit diesem vierten Kärtchen hatten wir wieder Glück, wobei sich unser Glück nur auf die Anwesenheit von Judith Krämer bezog. Judith war von attraktiver, schlanker Gestalt mit herbem Kurzhaarschnitt und hatte einen cleveren Trick, uns während unserer Besuchszeit bei ihr zu umgehen. Judith Krämer ließ uns geschickt ins Leere laufen. Sie kochte und sie tat dies unentwegt. Während wir am Küchentisch saßen und Manfred ständig versuchte, mit ihrem Hinterkopf Kontakt aufzunehmen, fuchtelte sie mit den Töpfen und Pfannen hin und her, dass einem schwindelig wurde. Als ich dachte, das Gericht wäre fertig zubereitet, kochte sie einfach weiter. Etwas Neues. Jetzt sollte gedünsteter Fisch mit gedünstetem Gemüse folgen. Und wenn uns das nicht in die Knie zwingen würde, käme noch ein Wackel-Pudding mit Vanillesoße hinterher. Alles nur, um geschickt ihr Desinteresse und uns dabei ihr Hinterteil zu zeigen.
Ihre Taktik ging vollends auf. Als sie begann den Brokkoli zu putzen, drehte sie sich kurz zu uns um und fragte mit einem Augenaufschlag, der mir wunderbar gespielte Naivität zeigte: „Was haben Sie gesagt? Ich glaube, ich habe kaum etwas mitbekommen, von dem, was Sie erzählten. Also, was wollen Sie?“ Manfred blickte kurz zu mir rüber: „Komm Luschke, las uns hier abhauen, hier läuft nichts.“ Wir hatten Judith eine geschlagene halbe Stunde bei ihrer Koch-Show zugesehen, was bitte schön hätte da laufen sollen? Hatte Manfred noch auf eine Stripshow gewartet? Er hatte sich abblitzen lassen, hatte Judith nichts entgegenzusetzen, sammelte letztendlich seine kleinen Scheiben, leere Auftragsformulare und bunte Prospekte vom Tisch wieder ein und stampfte mit abfälligen Bemerkungen aus der Wohnung. Ich hinterher, nicht ohne noch ein Kompliment für Judiths Kochkünste zu hinterlassen.
Es wurde Mittag und ich hungrig. Manfred durstig. Wir fuhren einen Schnellimbiss an, verdrückten ein paar Currywürste im Stehen und Manfred orderte danach für sich noch ein Bier. Ein Bier sollte ihn runterbringen, dachte und hoffte ich. Im Auto kramte er dann nach Kaugummi, fand nichts und so stieg er wieder aus und ging zurück zum Imbiss. Was er für sich mitbrachte, waren, neben Kaugummistreifen, eine Dose Cola und zwei kleine Fläschchen Wodka. Das Kaugummi schmiss er in das Handschuhfach. Er nahm ein paar Schlucke aus der Cola-Dose und füllte sie dann mit Wodka auf. Er trank wieder dreimal kräftig, füllte wieder nach und atmete tief mehrmals durch. Wie ein komplett Erschöpfter. Wie eine erschöpfte Wanderheuschrecke, die ermattet am Wegesrand den anderen Heuschrecken nur noch nachschauen kann.
„Okay, Luschke, der Nachmittag wird´s rausreißen, jetzt gebe ich alles!“
„Nur Manfred, wenn meine Berechnungen stimmen, wären jetzt wieder mindestens zwei Leerfahrten dran, was ich natürlich nicht hoffe. Ganz im Gegenteil, auch ich wünsche mir nichts mehr, als ein paar Aufträge auf unserer Nachmittagstour.“
Die Heuschrecken mussten ganz nebenbei für Kaportzke immer auch ein Tagesprotokoll schreiben. Während wir noch vor dem Imbiss parkten, begann Manfred zu schreiben. Ein Schluck Cola-Wodka, ein Blick in den Himmel, dann eine Notiz. Hinter jedem Namen unserer Tagestour musste etwas stehen und Manfred schrieb hinter jedem einen ganz speziellen Kommentar: „Bin nah dran“, auch dort, wo wir niemanden antrafen. Ich hatte meine Zweifel, ob ein Kaportzke sich mit einem lapidaren „Bin nah dran“ zufriedengeben würde, aber das war nicht mein Bier. Manfreds Bier. Bei Betrachtung unseres bisherigen Besuchsrhythmus waren gemäß der mathematischen Gesetzmäßigkeiten also wieder Leerfahrten dran. Ausflüge ins Nichts. Um Manfred jedoch nicht noch tiefer in einen Strudel endloser Demotivation zu ziehen, behielt ich meine kleine rechnerische Abfolge von Erfolg und Misserfolg für mich. Nur den Fuß in eine fremde Wohnung zu setzen, wertete ich ab diesem Moment bereits als einen großen Bim-Bam. Erfolg auf ganzer Linie, immer gezuckert mit einem „Bin nah dran“, so fest niedergeschrieben, als ob es wirklich so gewesen wäre. Für Manfred war alles nah dran. Bei jeder Leerfahrt, sogar bei jedem Schluck Cola-Wodka schien er mir nah dran zu sein.
Nach einer weiteren Stunde Fahrt durch die Stadt – das kurze, erfolglose Bimmeln an zwei Haustüren war währenddessen kaum der Rede wert –, hielt ich den Moment für gekommen, dass uns die hohe Mathematik dieses Mal wieder einen echten Besuch bereithalten würde. Doch ich lernte, dass auch die hohe Wahrscheinlichkeitsrechnung mal Fehler machen konnte. Wir mussten zwei weitere Klingelmanöver an Haustüren durchstehen, die wieder im Nichts verendeten. Der Nachmittag ging für Manfred denkbar schlecht los und genauso schlecht weiter. Wir kamen jetzt auf vier Leerfahrten und ich dachte einen kurzen Moment, Manfred würde am Steuer zu Weinen beginnen. „Herr Schlüter, Mitte Sechzig, Großvater“, las ich und was mich verwunderte, auf dem Zettel stand noch der Hinweis „Gehfehler, kann nicht richtig laufen“. Was die Leute doch am Telefon alles über sich erzählen. Oder aber die Anrufer der Firma fragen Dinge wie: „Gibt es bei Ihnen irgendwelche Besonderheiten, die wir wissen sollten?“
Manfred läutete bei Herrn Schlüter im Zehnsekundentakt, ohne das sich was rührte und erklärte mir unterdessen: „Wenn der Mann nicht richtig laufen kann, dauert es halt, bis er sich zur Tür schleppt.“ Dann folgte, er war schon nervlich ziemlich durchgeschüttelt, von ihm echtes Sturmklingeln. Als das nichts half, schlug er gegen die Eingangstür des Wohnblockes. Wie ein Irrer.
„Ich muss mit Herrn Schlüter reden, ich muss von Schlüter einen Auftrag bekommen, jetzt!“, schrie Manfred gegen die geschlossene Eingangstür. Es war ein letztes Aufbäumen, dann legte er seinen Kopf gegen die Tür und war in sich gekehrt. Verstummt im Angesicht der erneuten Niederlage. Er drehte ab und gab auf. Ich fühlte mich dabei ziemlich schlecht, dachte kurz an aufbauende Bemerkungen wie „beim Nächsten reißen wir es wirklich“, doch war ich mir unsicher, wie jemand, der derart massiv auf der Verliererstraße fährt, reagieren könnte. Im Wagen angekommen, schrieb er wieder für alle neuen Fehlversuche: „Bin nah dran!“ Mittlerweile konnte ich „Bin nah dran“ nur noch in „Bin nah dran am Rauswurf“ übersetzen. Auf der nächsten Karte stand: älteres Akademiker-Ehepaar, Töchter, Söhne und mehrere Enkel. Er Hochschulprofessor, sie Grundschullehrerin. Na dann viel Spaß Manfred.
Wir mussten raus aus der Stadt und fuhren in ein Wohngebiet, gespickt mit Einfamilienhäusern in naturnaher Umgebung. Großzügige Villen mit altem, viele Meter hohem Baumbestand. Alles wirkte nach einer willkommenen Abwechslung. Statt Mietskasernen, Villenviertel. Du bist nah dran, Manfred, bist nah dran. Ich sprach zu mir selbst und gönnte ihm von Herzen wenigstens einen Auftrag an diesem Tag. Oder nur wirklich ganz nah dran zu sein. Die Auffahrt war mit Limousinen zugeparkt, und so stellten wir uns in eine kleine Seitenstraße. Noch angeschnallt, zeigte ich kurz direkt auf seine Skibrille und er verstand diesmal sofort. Bevor wir läuteten, strich sich Manfred vor der Haustür mehrere Male über seine dünne rote, schlangenartige Krawatte. Die Tür war eher ein Tor, welches wie ein Halbmond aus tiefdunklem Holz geschnitzt aussah, als würde man sich nach Betreten in einem südländischen Museum wiederfinden.
„Manfred, warte, läute noch nicht! Mach dein Jackett bitte zu!“ Ich war zwar alles andere als eine modische Leuchte, aber die ganz absurden Sachen sah ich schon. Aus seinem Jackett guckte nun unten ein roter Schlangenkopf hervor. “Mach es wieder auf!“




