Epistolare Narrationen

- -
- 100%
- +
Bisweilen lässt Plinius auch sein Gegenüber als interlocutor zu Wort kommen und sich über den Umfang eines Briefes beschweren; so etwa in der langen Epistel 3,9Plinius der JüngereEpist. 3.9.27 über den Prozess gegen Caecilius Classicus,73 wo folgende Leserreaktion inszeniert wird (27): Dices ‘non fuit tanti; quid enim mihi cum tam longa epistula?’ Durch die (antizipierte) direkte Rede des Adressaten verschwimmen die Grenzen zwischen Brief und Dialog; zudem konstruiert Plinius hier den Typus des „faulen“ Lesers, wie wir ihn insbesondere aus den Epigrammen Martials kennen.74 Auch dort stoßen wir häufig auf negative Reaktionen von Lesern,75 vor allem wenn sie es mit längeren Gedichten zu tun haben oder mit einer Vorrede konfrontiert werden. Plinius scheint in seinem Brief auf die Prosaepistel zu Martials Buch 2 anzuspielen, deren Adressat Decianus heftig gegen die Kombination von Epigrammbüchern mit Prosavorreden protestiert (Mart. 2 praef. 1Martial2 praef.: ‘Quid nobis’ inquis ‘cum epistola?’) und dadurch angeblich verhindert, dass der Brief zu lange wird (14‒15: Debebunt tibi si qui in hunc librum inciderint, quod ad primam paginam non lassi pervenient).76 Eine Variation des Motivs vom faulen Leser findet sich bei Plinius in Epist. 7,2Plinius der JüngereEpist. 7.2, deren Adressat zwar nicht so unwillig reagiert wie die zuvor betrachteten Charaktere – ganz im Gegenteil fordert er sogar die Schriften des Plinius zur Lektüre –, jedoch von so vielen Verpflichtungen eingenommen wird (7,2,1: adsiduis occupationibus impediri), dass Plinius ihm lieber nur kurze Briefe schreiben will (7,2,3: interim abunde est, si epistulae non sunt molestae; sunt autem, et ideo breviores erunt).
Die in den Büchern 1‒9 gesammelten Briefe an verschiedene Adressaten bilden ein Konglomerat an unterschiedlichen Narrationen epistolarer Korrespondenz zwischen Plinius und seinen Zeitgenossen.77 Zwar sind uns, abgesehen von den Briefen Trajans in Buch 10, keine Antwortschreiben erhalten, doch verweist Plinius sehr oft am Beginn eines Briefes auf die vorausgehende Korrespondenz, deren Inhalt er häufig auch kurz paraphrasiert, oder er kündigt am Ende eine Fortsetzung des Briefwechsels an. So kann der Leser bei jedem Adressaten, dem er im Zuge der Lektüre begegnet, eine Geschichte der Interaktion zwischen Plinius und der betreffenden Figur rekonstruieren. Dies beginnt schon im allerersten BriefPlinius der JüngereEpist. 1.1 des Korpus, der mit den Worten frequenter hortatus es, ut epistulas…colligerem publicaremque beginnt (Epist. 1,1,1). Der Leser des ersten Buches taucht also in eine bereits laufende Konversation zwischen Plinius und Septicius Clarus78 ein, der Plinius schon oftmals (frequenter) aufgefordert haben soll, seine Briefe zu sammeln und zu publizieren. Das Adverb frequenter weist dabei nicht nur auf die Intensität der Kommunikation zwischen den beiden Briefpartnern hin, sondern dürfte zu Beginn des Werkes auch das literarische Programm der Briefsammlung ankündigen, indem es eine lateinische Übersetzung des griechischen πολλάκι liefert, das wir am Anfang des kallimacheischen Aitien-Prologs (Kall. fr. 1,1 Pf.)KallimachosAet. fr. 1.1‒3 Pf. finden.79 Während der hellenistische Dichter seine Aitia gegen Neider, die von den Telchinen verkörpert werden, verteidigen muss (fr. 1,1 Pf.: Πολλάκι μοι Τελχῖνες ἐπιτρύζουσιν ἀοιδῇ), ist bei Plinius das invidia-Motiv in einen Diskurs der Zustimmung und Ermunterung verwandelt. Der Epistolograph muss nicht erst gegen den Widerstand von Kritikern ankämpfen, sondern publiziert sein Werk nach mehrfacher Aufmunterung durch einen Freund. Der von Kallimachus geprägte recusatio-Topos, bei dem die poetische Kleinform mit dem ἓν ἄεισμα διηνεκές (fr. 1,3 Pf.) kontrastiert wird,80 findet sich in abgewandelter Form auch bei Plinius, der seine angeblich aufs Geratewohl und nicht chronologisch zusammengestellten Briefe von der Historiographie abgrenzt (Epist. 1,1,1)Plinius der JüngereEpist. 1.1: collegi non servato temporis ordine – neque enim historiam componebam –, sed ut quaeque in manus venerat. Gerade diese recusatio der Historiographie zu Beginn der Briefsammlung animiert den Leser dazu, über das Verhältnis der beiden Gattungen nachzudenken. So bemerkt Tzounakas (2007: 46‒7) in seiner Analyse von Epist. 1,1 treffend:
„By drawing attention to the fact that his work differs from that of historiography only in that ist lacks chronological order, Pliny is implying that in all other aspects there is not much difference.“
Plinius bietet mit seiner Briefsammlung also eine Art Alternativ-Projekt zu einem historiographischen Werk, und die Briefe erfüllen damit vielleicht eine ähnliche Funktion wie Ciceros Dialoge, die man Gildenhard (2013) zufolge als „Historiography Manqué“ lesen könne.81 Die Reflexionen über Briefsammlung und Historie in Plinius’ Epist. 1,1 berühren sich außerdem mit ähnlichen Aussagen in der zeitgenössischen Biographie und Buntschriftstellerei. So begegnen wir etwa in PlutarchsPlutarchAlex. 1 Alexander-Vita82 einer ganz ähnlichen Ankündigung, die auch in ihrem Wortlaut derjenigen bei Plinius verblüffend ähnlich ist (1): οὔτε γὰρ ἱστορίας γράφομεν ἀλλὰ βίους. Plutarch rechtfertigt sich am Beginn dieser Vita, dass er das Leben Alexanders nicht umfassend schildert und nicht alle militärischen Taten des berühmten Makedonen berücksichtigt, sondern vieles davon auslässt (1: ἐπιτέμνοντες τὰ πλεῖστα) und sich stattdessen auf Worte und Taten konzentriert, die den Charakter beleuchten (1: ἔμφασιν ἤθους).83 Biographie und Epistolographie haben also diesen recusationes zufolge einen ähnlichen Status, wenn sie mit der Geschichtsschreibung verglichen werden. Zur Behauptung des Plinius, er habe seinePlinius der JüngereEpist. 1.1 Briefe mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip gesammelt und ediert, findet sich ebenfalls eine Entsprechung bei Plutarch; im zweiten Buch der Quaestiones convivales heißt es über die geschilderten Tischgespräche (Quaes. Conv. 2,1 = Mor. 629d)PlutarchQuaest. Conv. 2.1: σποράδην δ᾽ ἀναγέγραπται καὶ οὐ διακεκριμένως ἀλλ᾽ ὡς ἕκαστον εἰς μνήμην ἦλθεν.
Neben der Biographie lassen sich somit auch im Symposialdialog ähnliche Reflexionen zum Aufbau der Quaestiones convivales finden, die zudem ebenfalls aus 9 Büchern zusammengesetzt und Sosius Senecio gewidmet sind, der auch zu Plinius’ Adressaten zählt.84 Das genaue Zeitverhältnis zwischen Plutarch und Plinius lässt sich nicht eindeutig bestimmen, sodass es schwierig ist zu beurteilen, wer sich auf wen bezieht.85 Das Understatement, mit dem beide auf den Entstehungsprozess ihrer Werke verweisen, ruft die Worte Ovids in einem seiner Exil-Briefe ins Gedächtnis (Pont. 3,9,53‒54)OvidPont. 3.9.53‒54:
Postmodo conlectas utcumque sine ordine iunxi: hoc opus electum ne mihi forte putes.Zumindest Plinius dürfte bewusst auf Ovid anspielen und dessen Poetik der literarischen Selbstunterminierung für sein Prosawerk adaptiert haben;86 dadurch stellt er indirekt eine Verbindung zwischen seinem Œuvre und einem Vorgänger innerhalb der Gattung her, in diesem Fall der Subgattung der Versepisteln.87 Die Parenthese neque enim historiam componebam lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers zudem auf ein weiteres epistolographisches Vorbild: In der vorhin schon betrachteten Atticus-Vita des Cornelius Nepos sagt der Biograph über Ciceros Briefe an Atticus, dass sie einer historia contexta der betreffenden Zeit ähneln (Att. 16.3)Nepos, CorneliusAtt. 16.3.88 Im Unterschied zu Ciceros Briefen an Atticus, die offenbar von Lesern wie Nepos als eine zusammenhängende Darstellung der Zeitgeschichte rezipiert werden konnten, lehnt Plinius einen solchen Lektüreansatz für seine Briefe ab. Die Anspielungen auf Nepos und Ovid im ersten BriefPlinius der JüngereEpist. 1.1 der Sammlung signalisieren dem Leser, wie sich Plinius in der Tradition der Epistolographie verortet: Sein Prosawerk hat einerseits vieles gemeinsam mit poetischen Briefsammlungen wie denjenigen Ovids und unterscheidet sich andererseits von prosaischen Gattungsvorläufern wie Cicero insbesondere durch die Anordnung der Briefe im Gesamtkorpus.89Plinius der JüngereEpist. 1.1
Anstelle einer historia contexta bieten die Plinius-Briefe eine historia fragmentata vom Leben und Wirken des Epistolographen. In jedem Brief taucht der Leser sozusagen in eine bestimmte Phase der Konversation mit einem Adressaten ein, mit dem Plinius, wie immer wieder angedeutet wird, schon länger interagiert. Dies geht auch aus Epist. 1,2Plinius der JüngereEpist. 1.2.1 hervor,90 wo Plinius auf frühere Briefe verweist, in denen er seinem Adressaten Arrianus91 ein Buch bzw. eine Rede versprochen hat (1: librum, quem prioribus epistulis promiseram). Gleichzeitig wird mit der Wendung quia tardiorem adventum tuum prospicio (1) der Blick in die Zukunft gelenkt und suggeriert, dass Plinius und sein Freund sich in naher bzw. mittlerer Zukunft auch persönlich treffen werden. Sowohl die früheren Briefe als auch das avisierte Treffen liegen außerhalb der Gegenwart der publizierten Briefe, und der Leser wird dazu angeregt, einen chronologischen Ablauf des Verhältnisses zwischen Plinius und Arrianus zu rekonstruieren.
Abgesehen von den zahlreichen Stellen, an denen Plinius auf eine nicht ins Briefkorpus inkludierte, frühere Korrespondenz mit einer bestimmten Adressatenfigur verweist,92 gibt es auch Querverweise zwischen solchen Schreiben, die in die Sammlung aufgenommen wurden. Bei einer linearen Lektüre der Briefsammlung stößt der Leser sozusagen auf kleinere Binnen-Narrationen zu verschiedenen Themen,93 wobei die zwischen den betreffenden Briefen imaginierten Zeiträume – sofern sie denn angedeutet werden bzw. sich irgendwie rekonstruieren lassen – unterschiedlich lang sein können. So ist etwa nach Epist. 1,2 auch das Briefpaar Epist. 2,11‒12Plinius der JüngereEpist. 2.11/12 über den Prozess gegen Marius Priscus an Arrianus gerichtet,94 und im zweiten der beiden Briefe nimmt Plinius auf den ersten Bezug (2,12,6): Implevi promissum priorisque epistulae fidem exsolvi, quam ex spatio temporis iam recepisse te colligo.95 In Epist. 2,11 hatte Plinius nach dem langen Bericht über den Prozessverlauf angekündigt, dass in dieser Sache noch einiges an Arbeit bevorstehe (2,11,23: superest tamen λιτούργιον non leve), die dann in Brief 2,12 bereits abgeschlossen ist (2,12,1: λιτούργιον illud). Zwischen den beiden juxtaponierten Briefen muss sich der Leser nun ein spatium temporis vorstellen, das lang genug dauert für die Zustellung des ersten Briefes durch einen schnellen Boten (2,12,6: et festinanti et diligenti tabellario). Der Hinweis, dass der Prozess um Marius Priscus, bei dem Plinius die Gegenseite vertrat, im Senat geführt wurde (2,11,1: in senatu), signalisiert zudem, dass sich Plinius zum Zeitpunkt der Abfassung in Rom befindet, wohingegen der genaue Aufenthaltsort des Arrianus unerwähnt bleibt.
Das wohl bekannteste Beispiel für Querverweise zwischen Briefen ist das Briefpaar 6,16/20Plinius der JüngereEpist. 6.16/20 an Tacitus über den Vesuv-Ausbruch.96 Während bereits der erste der beiden Briefe angeblich auf Bitten des Historikers den Tod des älteren Plinius schildert (1: Petis, ut tibi avunculi mei exitum scribam), sei Tacitus durch dieses Schreiben neugierig geworden, wie es Plinius und seiner Mutter inzwischen in Misenum ergangen sei (6,20,1: adductum litteris) – davon zu berichten hatte Plinius in Epist. 6,16 unterbrochen (21: interim Miseni ego et mater – sed nihil ad historiam). Mit diesem eigebauten reader response des Tacitus suggeriert uns Plinius, dass nicht nur das Schicksal seines Onkels, sondern auch sein eigenes einen für die Historiographie geeigneten Stoff bietet – trotz aller Bescheidenheitsfloskeln, mit denen Plinius das Gegenteil behauptet.97
Nicht nur zeitgeschichtlich relevante Themen, sondern auch Handlungen, die sich im privaten Kontext abspielen, werden in solchen Briefserien sozusagen „inszeniert“. So bildet etwa das Briefpaar 9,21/24Plinius der JüngereEpist. 9.21/24 eine kleine Narration vom Zorn, der sich durch die Fürsprache des Plinius besänftigen lässt. Beide Schreiben sind an einen gewissen Sabinianus98 gerichtet, der – so geht aus Epist. 9,21 hervor – aus irgendeinem nicht näher genannten Grund seinem Freigelassenen zürnt und diesen wohl verbannt hat, weshalb der libertus sich an Plinius um Hilfe wandte. In Epist. 9,21 versucht Plinius mit verschiedenen Argumenten, seinen Freund Sabinianus zum Einlenken zu bewegen, und er hat tatsächlich Erfolg, wie wenig später aus Epist. 9,24 ersichtlich wird: Sabinianus hat seinem Freigelassenen vergeben und ihn wieder bei sich aufgenommen,99 und zwar reducentibus epistulis, d.h. durch die Vermittlung des Briefes 9,21, der den libertus sozusagen „zurückgeführt“ hat ins Haus und Herz seines patronus. Die Positionierung der beiden Schreiben in Buch 9 – sie sind durch nur zwei Briefe getrennt – erweckt beim Leser den Eindruck, dass zwischen Plinius’ brieflicher Intervention und der Reaktion des Adressaten ein eher kurzer Zeitraum liegt.
Ähnlich gering dürfte das spatium temporis zwischen zwei weiteren Schreiben in Buch 9 sein, die explizit aufeinander bezogen werden: Epist. 9,36Plinius der JüngereEpist. 9.36/40 über Plinius’ Tagesablauf auf seinem tuskischen Landgut im Sommer ist angeblich auf Bitten seines jungen Freundes Fuscus Salinator entstanden (1: Quaeris, quemadmodum in Tuscis diem aestate disponam).100 Wenige Briefe später wird in Epist. 9,40 vorausgesetzt, dass Fuscus das Schreiben 9,36 bereits gelesen hat und nach einer Fortsetzung des Berichtes über die Gewohnheiten seines Mentors auf dem Land verlangt hat (9,40,1): Scribis pergratas tibi fuisse litteras meas, quibus cognovisti, quemadmodum in Tuscis otium aestatis exigerem; requiris, quid ex hoc in Laurentino hieme permutem. Es handelt sich bei Epist. 9,40 um den letzten Brief der Sammlung an verschiedene Adressaten, und wie mehrere Gelehrte bereits beobachtet haben, dürfte sowohl der Name des Adressaten als auch die im Schreiben imaginierte Jahreszeit – der Winter – bewusst für das Ende gewählt worden sein.101
Derartige Querverweise auf Briefe bilden nicht nur kleinere Narrationen innerhalb desselben Buches, sondern auch über die Buchgrenzen hinaus. So berichtet Plinius in Epist. 3,20Plinius der JüngereEpist. 3.20 seinem Adressaten Maesius Maximus102 über die kürzliche Einführung geheimer Abstimmung bei Wahlen im Senat (2: nunc in senatu) und verleiht seiner Sorge Ausdruck, dass einige Senatoren dadurch zu unverschämtem Verhalten verleitet werden könnten (8: est enim periculum, ne tacitis suffragiis impudentia inrepat. nam quoto cuique eadem honestatis cura secreto quae palam?). Der Brief 4,25Plinius der JüngereEpist. 4.25 an denselben Adressaten setzt dann voraus, dass es bei einer der folgenden Wahlen tatsächlich zu schamlosen Späßen im Rahmen der Anonymität einer geheimen Abstimmung gekommen ist (1): Scripseram tibi verendum esse, ne ex tacitis suffragiis vitium aliquod exsisteret. factum est. Plinius nimmt explizit auf das vorangehende Schreiben Bezug, ohne jedoch den Zeitraum, der zwischen den beiden Briefen liegt, näher zu bestimmen.103 Der in Epist. 4,25 geschilderte Skandal ereignete sich Plinius zufolge proximis comitiis (1), und somit behandelt der Brief wie schon Epist. 3,20 ein aktuelles Ereignis aus der Tagespolitik.104
Auch im Rahmen der Erzählung vom Prozess des Varenus105 konstruiert Plinius eine narrative Entwicklung über mehrere Bücher, indem er etwa in Epist. 6,5Plinius der JüngereEpist. 6.5 auf Epist. 5,20Plinius der JüngereEpist. 5.20 zurückverweist – beide Briefe sind an Cornelius Ursus gerichtet106 – und sich dabei selbst wörtlich zitiert (6,5,1: Scripseram tenuisse Varenum, ut sibi evocare testes liceret; vgl. 5,20,2: Varenus petit, ut sibi…evocare testes liceret).107 Die Bücher 7 und 8 wiederumPlinius der JüngereEpist. 7.29/8.6 sind unter anderem durch einen Briefwechsel mit einem gewissen Montanus108 verkettet, in dem Plinius seine Entrüstung über die Inschrift auf dem Grabmal für Pallas, libertus und a rationibus unter Kaiser Claudius,109 kundtut; im ersten Brief berichtet Plinius von seiner kürzlichen Entdeckung des Grabsteins während einer Reise auf der Via Tiburtina (7,29,2: proxime adnotavi), im zweiten Schreiben nimmt er erneut darauf Bezug (8,6,1: Cognovisse iam ex epistula mea debes adnotasse me nuper monumentum Pallantis), wobei der zeitliche Abstand zwischen den beiden Briefen offenbar nicht allzu groß ist, da die Auffindung des Grabes im späteren Schreiben immer noch als jüngeres Ereignis (nuper) markiert ist.110 Die Inschrift auf PallasPlinius der JüngereEpist. 7.29/8.6, die in beiden Briefen zitiert wird, erwähnt den Senatsbeschluss, demzufolge Pallas neben einer Summe von fünfzehn Millionen Sesterzen die ornamenta praetoria zuerkannt wurden.111 Aus der Sicht des Plinius ist es nicht nur besonders empörend, dass der Senat einem Freigelassenen bzw. „Schurken“ (7,29,3: ille furcifer) eine derartige Ehre zugestand, sondern dass dieser unter dem Anschein der Mäßigung das Geld ablehnte und sich mit der Ehre allein zufrieden gab. Noch mehr als über Pallas ärgert sich Plinius über das kriecherische Verhalten des Senats, das er in Epist. 8,6 mit nahezu satirischer Schärfe brandmarkt. Dass er mit seinem Brief an die Grenze zu Satire oder Diatribe gelangt ist, scheint Plinius durchaus bewußt zu sein: Möglicherweise, so bemerkt er zum Schluss (8,6,17), habe er mit seiner Entrüstung (indignatio) an manchen Stellen das Maß eines Briefes überschrietten (ultra epistulae modum).112Plinius der JüngereEpist. 7.29/8.6
Wohl in bewusstem Gegensatz zu den Pallas-Briefen wurde das Brief-Paar 6,10 und 9,19 verfasstPlinius der JüngereEpist. 6.10/9.19, in dem es ebenfalls um eine Grabinschrift geht: Diesmal handelt es sich um das positive Exemplum des im Jahre 97 n. Chr. verstorbenen und von Plinius bewunderten Verginius Rufus.113 Die Narration über den „Anti-Helden“ Pallas in Buch 7‒8 wird somit von der Erzählung über das Grabmal eines role-models des Plinius in Buch 6 und 9 umrahmt.114 Anders als im Falle des Pallas ist Plinius hier nicht über den Inhalt der Grabinschrift entrüstet, sondern über deren Fehlen, das aus der Vernachlässigung des Grabmals zehn Jahre nach dem Tod des Verginius herrührt (6,10,3: post decimum mortis annum). Die von Verginius zu Lebzeiten noch selbst in Auftrag gegebene Inschrift, die seinen Sieg über Vindex und seinen Verzicht auf die Herrschaft thematisieren sollte,115 wurde nach zehn Jahren noch immer nicht auf dem Grabstein angebracht (6,10,3: sine titulo). Plinius zitiert die Inschrift sowohl in Epist. 6,10 an einen gewissen Albinus116 als auch im Brief 9,19, der an Ruso gerichtet ist.117 Hier haben wir es nun also mit zwei verschiedenen Adressaten zu tun, denen Plinius über dasselbe Thema schreibt. Überdies beginnt die spätere Epist. 9,19 mit folgenden Worten: (1): Significas legisse te in quadam epistula mea iussisse Verginium Rufum inscribi sepulcro suo…; es folgt dann abermals das Zitat der Inschrift, an der Ruso offenbar Anstoß genommen (1: reprehendis, quod iusserit) und ihr das Beispiel des Iulius Frontinus118 entgegengehalten hatte, der ganz auf ein monumentum verzichtete. Plinius versucht nun, seinem Adressaten gegenüber das Epitaph des Verginius zu rechtfertigen. Wie konnte nun Ruso Einblick in Plinius’ früheren BriefPlinius der JüngereEpist. 6.10/9.19 an Albinus erhalten? Es wäre natürlich möglich, dass ihm das Schreiben von diesem zur Lektüre überlassen wurde; denkbar ist jedoch auch, dass es sich hier um einen literarischen Kunstgriff handelt und Plinius – wohl nicht zufällig im letzten Buch – einen reader response einbaut, der Ruso nicht nur als Adressaten eines einzelnen Briefes, sondern zugleich als Leser der publizierten Sammlung auftreten lässt.119Plinius der JüngereEpist. 6.10/9.19
Wie aus dem Gesagten deutlich geworden sein dürfte, bietet das Medium Brief vielfältige Möglichkeiten, narrative Linien zu konstruieren. Neben den bereits beschriebenen Techniken seien noch solche Fälle betrachtet, in denen Briefe in eine Erzählung eingebettet und für den Handlungsverlauf von Bedeutung sind. Dem Phänomen der embedded letters begegnen wir sehr oft in narrativen Gattungen wie Historiographie, Biographie, Epos, Drama und Roman.120 Hier dienen eingelegte Briefe etwa dazu, Ereignisse zu illustrieren, ihre Authentizität zu unterstreichen,121 Personen näher zu charakterisieren, Handlungsschauplätze miteinander zu verbinden und dergleichen mehr. Auch der Prozess des Abfassens, Sendens, Lesens oder gar Abfangens eines Briefes kann dabei unterschiedlich stark gewichtet werden. Je nach Intention der Darstellung liegt der Schwerpunkt einmal mehr auf dem Inhalt eines Briefes, der uns in indirekter oder direkter Rede präsentiert wird, oder aber auf den mit der Korrespondenz verbundenen materiellen Aspekten. Insbesondere bei Wiedergabe des Briefinhalts handelt es sich um eine „Erzählung in der Erzählung“, die von einem internen Verfasser für einen internen Rezipienten geschrieben ist. In dieser Hinsicht ähneln Briefe den mündliche Figurenreden, die häufig in Erzähltexte eingelegt sind und zur Fokalisierung und Dramatisierung dienen.122 Während die mündliche Rede eine räumliche Nähe von Sprecher und Zuhörer voraussetzt, ist für die Briefkorrespondenz die Distanz der Dialogpartner sowie eine zeitliche Verzögerung zwischen dem Äußern und Rezipieren der Worte konstitutiv, was sich im Rahmen einer Narration auf vielfältige Weise ausschöpfen lässt.
Auch bei Plinius finden sich in einigen narrativen Episteln Beispiele, wo Briefe anderer Verfasser in die Erzählung eingelegt und für die Handlung von Bedeutung sind. In der später noch eingehender zu analysierendenPlinius der JüngereEpist. 1.5 Epist. 1,5123 etwa berichtet Plinius vom Verhalten des berüchtigten Anklägers M. Aquilius Regulus sowohl während der Regierungszeit Domitians als auch nach dem Tode des Kaisers.124 In einem Prozess, der unter der Herrschaft Domitians stattfand, habe Regulus seinen Kontrahenten Plinius arg in Bedrängnis zu bringen versucht, indem er ihn wiederholt nach seiner Meinung über den vom Kaiser verbannten Mettius Modestus fragte (1,5,5‒7).125 Nachdem Domitian ermordet worden ist – die Gegenwart des Briefes lässt sich auf Anfang 97 n. Chr. datieren126 –, ist Regulus in Angst vor Plinius’ Zorn und versucht bei einem persönlichen Treffen,127 seine damalige Verhörtechnik zu rechtfertigen (13): Interrogavi, non ut tibi nocerem, sed ut Modesto. Regulus führt für seine Absicht, dem bereits Verbannten zu schaden, einen „vortrefflichen Grund“ an (14):
subiunxit egregiam causam: ‘scripsit’, inquit, ‘in epistula quadam, quae apud Domitianum recitata est: »Regulus, omnium bipedum nequissimus«’; quod quidem Modestus verissime scripserat.
Der betreffende Brief wurde vermutlich während der Gerichtsverhandlung über Modestus’ Verbannung vor Domitian als Richter verlesen.128 Im Rahmen der Charakterisierung des Regulus in Epist. 1,5 lässt Plinius diesen sowohl in direkter Rede sprechen als auch eine Passage aus dem Brief des Modestus zitieren. Damit wird dem Leser ein schriftlicher Beleg geliefert, der die negativen Wesenszüge des Regulus untermauern soll – Plinius zufolge war die Aussage des Modestus ja auch ganz und gar zutreffend.129 Das gegen Ende der Epist. 1,5Plinius der JüngereEpist. 1.5 eingefügte Brief-Zitat mit dem Spott auf Regulus stellt zudem eine Art Gegenpol dar zu den am Beginn des Briefes zitierten Schmähungen, die Regulus gegen Arulenus Rusticus130 ausgesprochen hatte (1,5,2: ‘Stoicorum simiam’…‘Vitelliana cicatrice stigmosum’).Plinius der JüngereEpist. 1.5
Auch in Epist. 3,9 über den Repetundenprozess der Provinz Baetica gegen den bereits verstorbenen Caecilius Classicus finden wir einen in die Narration eingelegten Brief.131 Plinius, der die Provinz vertrat und die Helfer und Genossen des Classicus zur Rechenschaft ziehen wollte, schildert in dem Brief seine Taktik: Zuerst einmal war es wichtig, die Schuld des Classicus nachzuweisen, um dann auch gegen seine Mittäter vorgehen zu können. Hier konnte sich Plinius neben anderen Schriftstücken auch auf einen Brief des Classicus stützen, den dieser an seine Geliebte in Rom geschickt hatte (Epist. 3,9,13):







