Epistolare Narrationen

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Miserat etiam epistulas Romam ad amiculam quandam iactantes et gloriosas his quidem verbis: ‘io io, liber ad te venio; iam sestertium quadragiens redegi parte vendita Baeticorum.’
In den ansonsten eher ernsten Brief 3,9Plinius der JüngereEpist. 3.9 ist der Briefwechsel eines Liebespaares eingebettet, und mit der despektierlichen Bezeichnung der Adressatin als amicula quaedam gibt Plinius der Episode einen anrüchigen Anstrich.132 Zudem kritisiert er den prahlerischen Ton des Schreibens (epistulas…iactantes et gloriosas) und zitiert dann wörtlich daraus. Der Ausruf io io liber at te venio enthält ein Wortspiel, das Classicus sowohl als Bacchus (Liber), zu dem der Kultruf io passt, als auch schuldenfrei (aere alieno liberatus) charakterisiert.133 Classicus hat angeblich vier Millionen Sesterzen durch den Verkauf von halb Baetica eingenommen, was der höchste Betrag ist, den Plinius im Zusammenhang mit einem Repetundenprozess anführt.134 Briefe wurden in antiken Gerichtsreden nicht selten als Beweismittel herangezogen,135 und Plinius dürfte hier insbesondere Cicero imitieren, der sich in Buch 3 der (niemals gehaltenen) actio secunda gegen Verres ausführlich mit einem Brief von Verres’ Gefolgsmann Timarchides an den decumanus Apronius auseinandersetzt (Verr. 2,3,154‒7).136 Während Cicero den Brief Satz für Satz durchgeht, um Adressanten und Adressat zu diskreditieren,137 genügt bei PliniusPlinius der JüngereEpist. 3.9 ein kurzes Zitat zur Überführung des Caecilius Classicus. Wie Plinius in den Besitz des Briefes kam, bleibt allerdings offen.Plinius der JüngereEpist. 3.9
Auch in anderen Schilderungen iuristischer Probleme spielen Briefe eine nicht unerhebliche Rolle: So etwa in Epist. 6,22Plinius der JüngereEpist. 6.22 über den Prozess des Provinzstatthalters Lustricius Bruttianus gegen seinen Gefolgsmann Montanius Atticinus. Bruttianus hatte seinen Assistenten bei vielen Schandtaten (2: in multis flagitiis) ertappt und daraufhin dem Kaiser brieflich davon berichtet (2: Caesari scripsit).138 Genaueres erfahren wir hier nicht über den Inhalt besagten Briefes, doch für die weitere Handlung ist er insofern von Bedeutung, als Atticinus nun seinerseits Bruttianus anklagt, was in den Augen des Plinius als ein weiteres flagitium zu werten ist (2: Atticinius flagitiis addidit, ut quem deceperat, accusaret). Epist. 6,22 erzählt dann in weiterer Folge vom Verlauf des Prozesses und letztendlich dem Freispruch des Bruttianus. Kaiser Trajan ist auch Adressat weiterer „Briefe im Brief“, von denen etwa in Epist. 6,31Plinius der JüngereEpist. 6.31 über das consilium Traiani in Centum Cellae berichtet wird.139 Plinius schildert hier „nach dem Gesetz der wachsenden Glieder“140 drei Verhandlungen, von denen jede einen Tag einnahm. Am zweiten Tag wurde der Ehebruch einer gewissen Gallitta mit einem Zenturio untersucht (4‒6):141 Gallitta war mit einem angehenden Militärtribun verheiratet und befleckte, wie es heißt, durch die Affäre die Ehre ihres Mannes (4: mariti dignitatem…maculaverat). Der betrogene Gatte berichtete daraufhin in einem Brief seinem Konsularlegaten von der Sache, dieser wiederum schrieb an den Kaiser (4: maritus legato consulari, ille Caesari scripserat).142 Auch hier erfahren wir nur indirekt vom Inhalt der Briefe – Plinius fasst die Sachlage kurz zusammen (4) –, deren Sendung für die beteiligten Personen allerdings ernste Folgen hatte: Trajan entließ nicht nur den ehebrecherischen Zenturio aus dem Dienst und verbannte ihn (5: centurionem exauctoravit atque etiam relegavit), sondern forderte auch den gehörnten Ehemann, der seiner Frau gegenüber inzwischen wieder nachsichtiger geworden war, dazu auf, die Anklage zum Ende zu führen, was dieser nur widerwillig tat. Gallittas Strafe bestand nach der Lex Iulia im Verlust eines Teils ihres Vermögens sowie der relegatio.143 Ein Brief an den Kaiser führte auch zu der dritten Verhandlung in Centum CellaePlinius der JüngereEpist. 6.31, diesmal eine Erbschafts-Angelegenheit (7‒12), die schon vorher in Gerüchten und Gerede die Runde gemacht hatte (7: multis sermonibus et vario rumore iactata): das Testament des Iulius Tiro enthielt einen Nachtrag, der von den Erben als eine Fälschung des Ritters Sempronius Senecio und des Freigelassenen Eurythmus angesehen wurde. Während Trajans Aufenthalt in Dakien hatten die Erben den Kaiser in einem Brief um eine Untersuchung der Sache gebeten, doch bis dieser zurückkehrte und einen Verhandlungstermin festsetzte, wollten einige der Kläger bereits wieder abspringen, wohl weil sie eine Gegenklage wegen calumnia (falscher Anklage) fürchteten.144Plinius der JüngereEpist. 6.31
Eine wichtige Funktion für die Entwicklung der Handlung hat in Epist. 6,16,8Plinius der JüngereEpist. 6.16.8‒9 der Brief der Rectina, die den älteren Plinius um Rettung aus der Gefahrenzone während des Vesuv-Ausbruchs bittet und ihn so zur Änderung seiner Pläne bewegt (9: vertit ille consilium).145 Weniger für die Handlung als für die Selbstdarstellung des Plinius ist der Brief Nervas relevant, aus dem Plinius in Epist. 7,33,9Plinius der JüngereEpist. 7.33.9 zitiert: Nachdem sich Plinius im Prozess gegen Baebius Massa mutig an die Seite des Herennius Senecio gestellt hatte, wurde er von Nerva als exemplum simile antiquis bezeichnet, wie Plinius mit dem Zusatz sic enim scripsit belegt.146
Ein Überblick über die narrativen Briefe, in denen Plinius von der Briefkorrespondenz verschiedener Protagonisten erzählt, macht deutlich, dass solche „erzählten Briefe“ oft in den Kontext von Spott, illegitimer Liebe oder Betrug eingebettet sind; diese Briefwechsel geben der Erzählung sozusagen eine gewisse Würze oder bringen eine pikante Geschichte in Gang. Auch kann es sich um wahre „Krimis“ handeln, in denen Briefe (oder besser gesagt, fehlende Briefe) eine Rolle spielen: Epist. 6,25Plinius der JüngereEpist. 6.25 berichtet vom mysteriösen Verschwinden eines gewissen Robustus und Metilius Crispus;147 zweiterem hatte Plinius die Stelle eines Zenturio verschafft und 40000 Sesterze geschenkt, nach seiner Abreise jedoch nichts mehr von ihm gehört (3): nec postea aut epistulas eius aut aliquem de exitu nuntium accepi. Möglicherweise wurden Crispus und auch Robustus Opfer eines Überfalls oder sonstigen Verbrechens, da auch keine ihre Sklaven mehr auftauchten (4). Darüber hinaus sind Briefe, wie etwa in Epist. 6,16, wichtige Requisite, die den Verlauf einer Handlung beeinflussen. Schließlich dienen solche eingelegten Briefe nicht nur der Charakterisierung ihrer Verfasser (wie etwa des Caecilius Classicus in 3,9,13), sondern auch des Plinius selbst, der mit dem Brief Nervas in Epist. 7,33,9 ein iudicium alienum über seine Person zitiert. Die hier kurz skizzierte Art und Weise, wie Plinius den „Brief im Brief“ auf narrativer Ebene funktionalisiert, erinnert an ähnliche Techniken bei antiken Historiographen, Biographen oder auch in dramatischen Texten. Nach dem Überblick zu antiken Reflexionen über das narrative Potenzial von Briefen sei im Folgenden betrachtet, inwiefern die moderne Erzähltheorie dazu beitragen kann, die Narrativität der antiken Epistolographie zu analysieren.
2 Epistolographie und Narratologie
Moderne Erzähltheorien haben sich in der Klassischen Philologie mittlerweile gut etabliert, insbesondere die Methoden der narratologischen Analyse, wie sie etwa Gérard Genette entwickelte, erweisen sich auch für die Arbeit mit antiken Texten als fruchtbar.1 So existieren inzwischen zahlreiche Studien, in denen Epen, Dramen, historische und biographische Werke, Reden, Romane sowie gelegentlich auch kleinere poetische Genres unter Zuhilfenahme narratologischer Ansätze analysiert werden.2 Was die antike Epistolographie betrifft, hat man sich hier insbesondere auf Briefromane und fiktionale Briefe konzentriert,3 wohingegen Sammlungen von Privatbriefen wie diejenige des jüngeren Plinius noch wenig aus der Perspektive der modernen Erzählforschung untersucht worden sind, wenn man von Interpretationen einzelner Briefe einmal absieht.4 Dies liegt einerseits sicherlich daran, dass dieses Briefkorpus lange Zeit eher als historische Quelle denn als literarischer Text angesehen wurde, und andererseits an der formalen Struktur der Briefsammlung. Im Gegensatz zu durchgängig narrativen Texten wie Epen, Historien oder Romanen, die in der Regel den Gegenstand narratologischer Analysen bilden, zerfallen Briefsammlungen in zahlreiche Einzeltexte, die sich an unterschiedliche Adressaten richten können, je nach Thema und Adressat durch verschiedene Sprechhaltungen des Briefschreibers auszeichnen und in denen jeder Brief räumlich und zeitlich ganz unterschiedlich verortet sein kann. In seiner Studie zu Ciceros Briefen weist Hutchinson (1998) auf die Schwierigkeit hin, epistolare Narrationen mit den gängigen modernen Theorien zu erfassen:
„These narrative letters…cut across the categories of narrative most considered by modern discussions…the narratives that we find in the letters look a peculiar mixture. Here we find accounts of actual events, but narrated from shortly after them, and often by a first person identified both with a principal character in the action and with the writer.“5
Durch ihren kommunikativen Rahmen unterscheiden sich briefliche Narrationen zwar von anderen Gattungen, machen sich jedoch auch die Konventionen dieser Genres zunutze. Ciceros Briefe wurden in der Form, wie sie uns überliefert sind, wohl nicht vom Verfasser selbst publiziert, sondern von späteren Herausgebern zusammengestellt.6 Anders verhält es sich mit dem Briefkorpus des jüngeren Plinius, der sein Werk selbst edierte; neben den einzelnen „narrative letters“ muss bei Plinius somit auch der Buch- bzw. Sammlungskontext mitberücksichtigt werden. Eine narratologische Untersuchung der auf den ersten Blick heterogen wirkenden Plinius-Briefe kann nach ähnlichen Kriterien erfolgen, wie es Liveley und Salzman-Mitchell (2008: 2) am Korpus der römischen Elegien demonstriert haben:
„Although this body of literature does not tell a continuous story in the sense of Callimachus’ ’aisma dienekes [sic], yet many stories surface in the web of the poems at different narrative levels…Throughout elegy there are many embedded tales – narratives in their own right – located within and interacting with the primarily nonnarrative structure of the external frame-text.“
Auch im Fall des Jüngeren Plinius, der sein Briefkorpus in Anlehnung an Gedichtbücher bewusst komponiert und arrangiert sowie selbst publiziert hat,7 dürfte eine narratologische Analyse lohnend sein. Ähnlich wie das elegische „web of poems“8 weist auch das dem Prinzip der variatio verpflichtete „web of letters“ des Plinius mehrere narrative Linien auf, die der Leser im Zuge der Lektüre zu rekonstruieren animiert wird.9 Anstelle einer linearen Narration haben wir es dabei meist mit einer fragmentierten bzw. elliptischen Form der Erzählung zu tun. So betont etwa Altman (1982): „Letter narrative is elliptical narration. Paradoxically many of its narrative events may be nonnarrated events of which we see only the repercussions.“10 Newlands (2010) argumentiert, dass die Briefe des Plinius sich, ähnlich wie die Silvae des Statius, mit Zeitgeschichte befassen, jedoch nicht „in a grand narrative“, sondern „as a series of isolated occasions“.11 Ash (2013a) weist im Rahmen ihrer Analyse des Briefzyklus über Regulus darauf hin, dass die Briefsammlung unterschiedliche Modi der Lektüre suggeriert: Während der Leser der publizierten Bücher eine sich von Buch 1 bis Buch 6 erstreckende „Regulus narrative“ mitverfolgen kann, erhalten die verschiedenen Adressaten dieser Briefe nur die Fragmente dieser Narration.12 Ähnliches gilt auch für andere Briefzyklen, die sich über das Korpus erstrecken und die einzelnen Bücher miteinander verbinden. Die narrative Organisation des epistolaren Korpus sowie einzelner Bücher, wo narrative Linien zwar angedeutet, jedoch nicht stringent durchgezogen werden, lässt sich mit dem Konzept der „weak narrativity“ beschreiben, wie es von McHale (2001) entwickelt wurde.13 McHale konstatiert im Rahmen der Analyse von Lyn Hejinians Gedicht Oxota: a Short Russian Novel (Great Barrington, MA, 1991) Folgendes (McHale 2001: 162):
„Oxota lacks a “main” narrative; rather, it incorporates a proliferation of “minor” narrative genres: anecdotes, gossip and hearsay, jokes, dream narratives, ekphrases of paintings with a narrative content. Moreover, it fragments these minor narratives and disperses them across noncontinguous lines or even noncontinguous chapters, interleaving alien materials. To us readers, then, falls the task of determining what belongs with what, of reassembling the scattered narrative fragments.“
Das von McHale Gesagte lässt sich auch an Briefsammlungen wie derjenigen des jüngeren Plinius beobachten, in der wir anstelle einer „main narrative“ mehrere „minor narratives“ vorfinden. Von der „weak narrativity“ eines Briefbuches oder Briefkorpus, das in chronologischer, räumlicher und thematischer Hinsicht heterogene Texte vereint, ist jedoch die „narrativity“ einzelner Briefe zu unterscheiden, die man mitunter keinesfalls als „weak“ bezeichnen kann: So bilden etwa Plinius’ Berichte über Prozesse, verschiedene Mirabilien und andere Vorfälle stringente und in sich geschlossene Erzählungen, wie in den folgenden Kapiteln noch stärker herausgearbeitet werden soll.
Eine narratologische Analyse ausgewählter Pliniusbriefe unter Rekurs auf die theoretischen Ansätze Genettes hat Illias-Zarifopol (1994) unternommen.14 Gegenstand ihrer Arbeit sind die Briefe 4,11, 3,16 und 7,19 („Historical Narratives“) bzw. 1,5, 3,11, 7,33 und 9,13 („Personal Narratives“), in denen immer wieder die Regierungszeit Domitians ein zentrales Thema darstellt. Illias-Zarifopol bietet überzeugende Interpretationen der einzelnen Episteln, in denen sie narrative Strategien aufdeckt und darlegt, wie Plinius „the reader’s perception of the material“ (3) kontrolliert. Die Untersuchung konzentriert sich allerdings stark auf einzelne Briefe, die als „self-conscious narrative entities“ bezeichnet werden (3). Auf den Buchkontext und die Organisation bzw. lineare Entfaltung dieser „Domitian-Narration“ sowie ihre Interaktion mit weiteren narrativen Linien bzw. Briefzyklen im Korpus wird hingegen wenig Rücksicht genommen. Die vorliegende Arbeit verdankt der Studie von Illias-Zarifopol wertvolle Anregungen und hat unter anderem das Ziel, die dort angestellten Beobachtungen weiterzuführen und zu vertiefen.
Mehrere Forscher haben bereits darauf hingewiesen, dass die Briefsammlung, in der die Selbstdarstellung des Epistolographen eine wichtige Rolle spielt, an eine Autobiographie erinnert15 und die Lektüre dieses Makrotextes durch die Anordnung der Briefe gesteuert wird. Unter Rückgriff auf die narratologische Terminologie könnte man also zwischen den drei vertikalen narrativen Ebenen text (der Text, den ein Leser/Hörer rezipiert), story (die vom Erzähler präsentierte Geschichte) und fabula (die der story zugrunde liegenden Ereignisse, die der Rezipient selbst rekonstruiert)16 unterscheiden, d.h. zwischen den literarischen Strategien, mit denen der Epistolograph verschiedene Aspekte seiner Vita und sozialen Interaktionen durch Auswahl und Anordnung einzelner Texte präsentiert (story) sowie der Biographie des Plinius, die der Rezipient durch die Lektüre des Briefkorpus chronologisch rekonstruiert und ergänzt (fabula). In diesem Zusammenhang sind nicht nur solche Briefe relevant, die nach antiker Auffassung die Funktion des narrare erfüllen, indem sie von konkreten Handlungen und Ereignissen berichten, sondern auch solche Schreiben, die stärker dem Prinzip des loqui/iocari verpflichtet sind; innerhalb der die Briefsammlung durchziehenden bzw. vom Leser rekonstruierten narrativen Linien können somit auch Briefe der letzteren Kategorie – nicht selten hat man sie als bloße „Fülltexte“ abgetan und nicht weiter beachtet17 ‒ wichtige Informationen liefern (indem sie z. B. verschiedene Stimmungen und Emotionen ausdrücken), wenn man sie im Kontext liest.
Sowohl die Struktur der Briefsammlung macht es nötig, narratologische Ansätze entsprechend zu adaptieren, als auch das Problem, dass wir die Plinius-Briefe weder eindeutig als fiktionale noch rein faktuale Texte klassifizieren können. In seiner Korrespondez mit verschiedenen Zeitgenossen sowie Kaiser Trajan suggeriert Plinius dem Leser, dass es sich hier um authentische Briefe handelt, die der Epistolograph, wie er in Epist. 1,1Plinius der JüngereEpist. 1.1 betont, auf Wunsch eines Freundes gesammelt und publiziert hat, ohne sich um eine weitere Überarbeitung oder Organisation der Texte zu bemühen. Der Rezipient nimmt somit in weiterer Folge die Rolle des stummen Zeugen verschiedener Phasen der Kommunikation zwischen Plinius und seinen Briefpartnern ein. In Spannung zu diesem Eindruck von Authentizität stehen Pliniusʼ literarische Kunstgriffe und seine wiederholten Anleihen an poetischen Werken.18 Zudem kann der Leser der Briefsammlung Zusammenhänge zwischen den einzelnen Texten herstellen, die sich den jeweiligen Adressaten nicht erschließen. Dass eine eindeutige Scheidung zwischen „real“ oder „fiktiv“ im Falle der Plinius-Briefe schwierig ist, betont etwa Shelton (1990: 171): „The debate about whether Pliny’s letters are real or fictitious has no objective solution“. Einen Mittelweg zwischen den beiden Gegensätzen schlägt Altman (1982) in ihrer Studie zum Briefroman mit dem Konzept der „epistolarity“ ein, das sich auch für die Untersuchung der Korrespondenz des Plinius als nützlich erweist: Unter dem Begriff „epistolarity“ versteht Altman „the use of the letter’s formal properties to create meaning“.19 An die Stelle der Einordung eines Briefes bzw. eines darin behandelten Ereignisses als entweder real oder fiktiv20 tritt hier die Frage, wie die Gattungskonventionen der Epistolographie die Darstellung von Handlungen, Personen, Gegenständen etc. beeinflussen. Dadurch, dass Pliniusʼ Prosabriefe zwar vorgeben, reale Ereignisse zu thematisieren, dabei aber verschiedene literarischer Kunstgriffe anwenden, sind sie in mancherlei Hinsicht mit der antiken Historiographie vergleichbar, deren Nähe zur Poesie bereits von antiken Lesern konstatiert wurde.21 Dafür, dass sich historiographische Erzählungen nach denselben narratologischen Kriterien untersuchen lassen wie fiktionale Texte, haben sich Theoretiker wie Roland Barthes, Hayden White und Gérard Genette22 ausgesprochen, wohingegen Dorrit Cohn23 dafür plädierte, zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Werken bei folgenden Aspekten („signposts of fictionality“) stärker zu differenzieren:24 Den drei vertikalen narrativen Ebenen text, story und fabula müsse bei historiographischen Texten noch eine vierte hinzugefügt werden, die sie als material bezeichnet, und die Quellen, Prätexte, frühere Versionen und dergleichen umfasst.25 Auch in Bezug auf die Organisation der Zeit sowie die Möglichkeiten zur Fokalisierung unterscheiden sich Cohn zufolge fiktionale und nicht-fiktionale Erzählungen; zudem müsse man in nicht-fiktionalen Texten nicht zwischen Autor und Erzähler unterscheiden, wie es bei fiktionalen Texten üblich ist.26 Diesen Forderungen hat Irene de Jong entgegengehalten, dass sich in der antiken Historiographie sehr wohl diejenigen Merkmale beobachten lassen, die Cohn nur fiktionalen Texten zusprechen will: Dazu gehören etwa vielfältige Methoden der Fokalisierung, Dramatisierung und Einbettung bühnenhafter Szenen, das Auschmücken von Ereignissen (amplificatio) und auch das Konstruieren einer persona des Historiographen, die sich nicht ohne weiteres mit dem historischen Autor gleichsetzen lässt.27 Allerdings zeichnen sich John Marincola zufolge historiographische Werke eben dadurch aus, dass der Autor zwar eine den historischen Stoff vermittelnde persona kreiert, der Text seine Glaubwürdigkeit jedoch dadurch generiert, dass der Leser diese persona mit dem realen Autor identifiziert.28
Wie im Laufe der Analyse der Plinius-Briefe ersichtlich wird, lässt sich auch das Briefkorpus mit ähnlichen narratologischen Fragestellungen untersuchen, wenngleich an die Stelle einer durchgängigen Historie die fragmentierte Textualität einer Sammlung von Einzelbriefen sowie das die Darstellung bestimmende Prinzip der „epistolarity“ tritt. Im Folgenden sei das Briefkorpus im Hinblick auf zentrale Kategorien, die in narratologischen Studien immer wieder diskutiert werden,29 kurz skizziert: Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Autor, Sprecher/Erzähler und Rezipient (narrator/narratee)? Welche Techniken der Perspektivierung bzw. Fokalisierung wendet Plinius an? Wie sind Zeit und Raum im Briefkorpus organisiert? Wie werden Adressaten und handelnde Figuren charakterisiert?
2.1 Epistolare Stimmen
Der epistolare Rahmen der Briefsammlung bringt es mit sich, dass wir mehrere Ebenen der Kommunikation zwischen Autor bzw. Erzähler und Rezipient unterscheiden können: Zunächst einmal ist da ein Autor namens C. Plinius Caecilius Secundus, der ein Briefkorpus publiziert hat, um damit einen größeren Leserkreis anzusprechen. Das Briefkorpus insgesamt dürfte nicht zuletzt auf die positive Selbstdarstellung dieses Plinius vor seinen Zeitgenossen sowie der Nachwelt abzielen.1 Auf einer zweiten Ebene finden wir dann sozusagen das epistolographische Ich bzw. die persona dieses Plinius, d.h. den Schreiber, der auch Sprecher der einzelnen Briefe ist, die an unterschiedliche Adressaten gerichtet sind.2 Wenngleich die Einzelbriefe verschiedene Themen behandeln und sich auch durch unterschiedliche Sprechhaltungen der persona des Briefschreibers auszeichnen,3 fällt dennoch auf, dass diese persona über die gesamte Briefsammlung hinweg relativ einheitlich charakterisiert ist.4 Dies trägt zur Kohärenz des Gesamtkorpus bei und animiert den Leser außerdem, aus den Briefen eine Biographie des Sprechers zu rekonstruieren. Da es sich hier auch um die Stimme handelt, die das Briefkorpus dominiert, können wir sie mit dem „primary narrator“ einer Erzählung wie in Epos, Roman oder Geschichtswerk vergleichen.5 Das epistolographische Ich bzw. der „primary narrator“ ist zugleich auch ein „internal narrator“ oder gar autodiegetischer Erzähler, da seine Person im Zentrum steht und er in zahlreichen Briefen als handelnde Figur auftritt,6 die auf intradiegetischer Ebene immer wieder mit anderen handelnden Figuren kommuniziert – dies geschieht allerdings zumeist mündlich, sodass wir in die schriftliche Korrespondenz auf der Ebene des „primary narrator“ häufig eine mündliche Kommunikation zwischen einem „secondary narrator“ und „secondary narratee“ eingebettet haben. Im Rahmen der Briefsammlung hat der „internal primary narrator“ mit den verschiedenen Briefadressaten zahlreiche korrespondierende „internal primary narratees“, an die er seine Ausführungen richtet; zugleich werden diese Kommunikationsakte vom allgemeinen Leser als „external narratee“ mitverfolgt,7 der die einzelnen Briefe in eine größere Narration von Pliniusʼ Biographie einzuordnen und sein soziales Netzwerk zu überblicken versucht.
Einen besonderen Status in diesem kommunikativen Geflecht nimmt der bereits oben diskutierte Brief 1,1Plinius der JüngereEpist. 1.1 ein, mit dem Plinius seine Sammlung eröffnet und in dem er sich zur Publikation der Briefe äußert.8 Zwar ist dieser Brief, der zugleich die Funktion einer praefatio hat, nicht explizit an den allgemeinen Leser, sondern an Septicius Clarus gerichtet, doch lassen die meta-epistolaren Aussagen den Rezipienten glauben, hier den realen Autor des gesamten Korpus sprechen zu hören, nicht nur den Verfasser einzelner Briefe. Die Konstellation ist hier mit derjenigen vergleichbar, die Pausch (2011) am Geschichtswerk des Livius beobachtet hat: Ihm zufolge lassen sich in Ab urbe condita zwei Stimmen des Livius unterscheiden, nämlich die des Erzählers, der aus einer allwissenden Perspektive von der römischen Geschichte handelt, und die des Autors, der sich in den praefationes zur Genese seiner Historie äußert oder im Zuge der Narration verschiedene Überlieferungsvarianten diskutiert.9 Bei Plinius können wir möglicherweise sogar drei verschiedene Stimmen unterscheiden: Die des Autors Plinius, der sich zur Genese seiner Briefbücher10 sowie zu den Konventionen seiner Gattung11 äußert, die des Verfassers einzelner Briefe an einzelne Adressaten sowie die des Plinius als handelnde Figur in einzelnen Erzählungen. Der Rezipient freilich bezieht all diese Stimmen auf dieselbe Person, sodass wir im Fall der Briefe eine ähnliche narrative Identität vorliegen haben, wie sie Genette zufolge für die Autobiographie typisch ist: Autor (A) = Erzähler (N) = Person (P).12







