Epistolare Narrationen

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Abgesehen von literarischen Zitaten seien am Schluss noch solche Beispiele betrachtet, wo Plinius aus nichtliterarischen Quellen zitiert und auf diesem Weg „fremde“ Stimmen bzw. Texte in sein Briefkorpus integriert. Es wurden in anderem Zusammenhang schon solche Fälle betrachtet, wo sich Plinius auf Briefe anderer bezieht.78 Neben Briefen zitiert Plinius auch Inschriften in Versen oder Prosa, wie etwa das elegische Selbstepitaph seines Mentors Verginius Rufus (6,10; 9,19Plinius der JüngereEpist. 6.10/9.19)79 oder die Grabinschrift des berüchtigten libertus a rationibus unter Kaiser Claudius, M. Antonius Pallas (7,29; 8,6Plinius der JüngereEpist. 7.29/8.6).80 Der Brief 8,6 sticht hier außerdem dadurch heraus, dass Plinius nicht nur die Grabinschrift, sondern auch Passagen aus dem Senatsbeschluss des Jahres 52 v. Chr. zitiert, demzufolge Pallas mit einer Summe von 15 Millionen Sesterzen und der Prätorwürde geehrt werden sollte.
2.2 Zeit in den Briefen
Konstitutiv für die Korrespondenz durch Briefe und somit auch für die literarische Gattung der Epistolographie ist die räumliche Trennung von Adressant und Adressat, womit auch eine zeitliche Verschiebung zwischen dem Abfassen bzw. Senden eines Briefes und dessen Empfang und Lektüre einhergeht. Das in der antiken Epistolographie häufig anzutreffende Brieftempus, wo der Standpunkt des Empfängers vorherrscht und eine Handlung, die in die Gegenwart des Schreibens fällt, in die Vergangenheit gesetzt wird, wendet Plinius allerdings nicht konsequent an.1 Durch das Medium Brief kann diese Distanz überwunden werden, indem Epistolographen die Vorstellung vom absens generieren, der durch die Lektüre zum praesens wird: Literarische Strategien wie die besondere Anschaulichkeit (enárgeia) der Schilderung von Objekten oder Ereignissen oder aber die Fiktion vom mündlichen Gespräch der Briefpartner, die, wie vorhin betrachtet, durch die Figur des Interlokutors hergestellt wird, vermitteln den Eindruck, dass sich die Briefpartner im selben Gefüge von Raum und Zeit befinden.2 So zielt etwa die Ekphrasis von Plinius’ Villa in Etrurien in Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6.41 an Domitius Apollinaris darauf ab, einen gemeinsamen Spaziergang von Briefschreiber und Empfänger durch das Anwesen zu ersetzen (41: nisi proposuissem omnes angulos tecum epistula circumire), die Lektüre entspricht gleichsam einem Besuch (41: legenti…visenti).3 Mit der Schilderung des Prozesses der Attia Viriola in 6,33Plinius der JüngereEpist. 6.33.7 will Plinius seinen Adressaten in die Rolle des Zusehers versetzen (7: si…interesse iudicio videreris).4
Jeder Brief friert sozusagen einen Moment innerhalb der Korrespondenz zwischen den Briefpartnern ein und kann, wie bereits in anderem Zusammenhang diskutiert wurde, als Fragment einer Narration der sozialen Interaktion zwischen Plinius und seinen Adressaten gelesen werden.5 Auf eine explizite Datierung seiner Briefe verzichtet Plinius,6 in vielen Fällen sind weder Zeit noch Ort der Abfassung klar angeführt und können bestenfalls implizit erschlossen werden,7 etwa wenn von einem bestimmten Ereignis die Rede ist, das nicht weit von der Gegenwart des Briefes entfernt liegt. Dies ist etwa der Fall in Epist. 1,5 und 2,1, die beide an Voconius Romanus gerichtet sind.8 Der Brief 1,5Plinius der JüngereEpist. 1.5 beginnt mit der Frage vidistine quemquam M. Regulo timidiorem, humiliorem post Domitiani mortem? (1), wodurch suggeriert wird, dass Plinius ein relativ aktuelles Ereignis thematisiert, und verweist später auf ein Treffen mit Regulus bei der Amtseinführung des Prätors (11: ipse me Regulus convenit in praetoris officio), die sich auf den 1. Januar des Jahres 97 n. Chr. datieren lässt.9 Man gewinnt als Leser den Eindruck, dass Plinius seinem Freund nicht allzu lange danach über Regulus berichtet. Ähnlich verhält es sich in Brief 2,1Plinius der JüngereEpist. 2.1, für den das Staatsbegräbnis für Verginius Rufus den Anlass bildet (1: publicum funus Vergini Rufi); durch die Erwähnung des Konsuls Tacitus als Lobredner (6: laudatus est a consule Tacito) lässt sich das Begräbnis auf das Ende des Jahres 97 n. Chr. datieren,10 und auch hier scheint es so, als würde Plinius seinem Freund nicht allzu lange danach davon erzählen (10: quibus ex causis necesse est tamquam immaturam mortem eius in sino tuo defleam). Zudem lässt der Bericht über politisch bedeutsame Ereignisse in Epist. 1,5 und 2,1 darauf schließen, dass sich Plinius in Rom befindet, wohingegen der Aufenthaltsort des Voconius Romanus unbekannt bleibt. Auch gehen beide Briefe gleich medias in res und geben keinen Hinweis auf ein vorausgehendes Schreiben des Adressaten.
Von der Gegenwart eines Briefes, die freilich nicht gleichzusetzen ist mit dem Publikationsdatum,11 ist das dramatische Datum der Erzählungen zu unterscheiden, die Plinius in den jeweiligen Brief integriert. In Epist. 1,5 spielt die Handlung, wie schon erwähnt, teilweise nicht allzu lange vor der Abfassung des Briefes (1; 8‒16), teilweise jedoch im Rahmen einer Analepse mehrere Jahre zuvor während der Schreckensherrschaft Domitians (2‒7). Auch Epist. 3,16Plinius der JüngereEpist. 3.16 erzählt von mehreren Zeitebenen: Der Brief an Nepos wurde offenbar einen Tag nach einem Gespräch des Plinius mit Fannia abgefasst (2: hesterno Fanniae sermone),12 die einiges über das Schicksal ihrer Großmutter Arria während der Zeit des Claudius zu erzählen wußte (3‒12).13 Die im gesamten Briefkorpus erzählte Zeit umfasst größtenteils das Leben des Plinius als Erwachsener unter den Kaisern Trajan, Nerva und Domitian,14 wobei der Tod Domitians den ersten im Briefkorpus explizit erwähnten zeitlichen Marker bildet, der die Sammlung der Bücher 1–9 gleichsam einklammert (1,5,1Plinius der JüngereEpist. 1.5.1: post Domitiani mortem; 9,13,2Plinius der JüngereEpist. 9.13.2: occiso Domitiano).15 Einzelne Briefe gehen weiter zurück als die Regierung des letzten Flaviers, etwa wenn in den Vesuv-BriefenPlinius der JüngereEpist. 6.16/20 das Jahr 79 n. Chr. das dramatische Datum bildet,16 das in Epist. 9,33Plinius der JüngereEpist. 9.33 geschilderte Delphin-Wunder in die Regierungszeit Vespasians fallen dürfte,17 in Epist. 7,19,4‒10Plinius der JüngereEpist. 7.19.4‒10 vom Schicksal der Fannia und des älteren Helvidius unter Nero, Vespasian und Domitian erzählt18 oder in Epist. 7,29 und 8,6Plinius der JüngereEpist. 7.29/8.6 das Verhalten des Senats unter Claudius im Jahre 52 n. Chr. kritisiert wird.19 Die Regierungszeit des Claudius bildet außerdem den Hintergrund einer Anekdote in Epist. 1,13,3Plinius der JüngereEpist. 1.13.3 sowie in der Erzählung über die ältere Arria in 3,16Plinius der JüngereEpist. 3.16 und in der Geschichte über Curtius Rufus in 7,27,2‒3. Einen zeitlosen Charakter hingegen hat die in Epist. 7,27Plinius der JüngereEpist. 7.27 eingelegte Anekdote über den Philosophen Athenodorus und das Gespenst in Athen (5‒11).20 Außerdem bezieht sich Plinius mehrmals im Kontext der Kritik an zeitgenössischen Mißständen auf eine nicht näher definierte „gute alte Zeit“, die zur Gegenwart in Kontrast gesetzt wird und teilweise noch die Zeit der römischen Republik mit einschließt.21
Neben der Frage nach der Gegenwart des Briefes und ihrem Verhältnis zur erzählten Zeit bzw. zum dramatischen Datum, an dem eine Handlung spielt, lassen sich noch weitere Formen der Zeit im Briefkorpus bestimmen:22 So kann man etwa von der natürlichen Zeit – Tag, Nacht, Jahreszeiten –, auf die in einzelnen Briefen hingewiesen wird, die kulturelle oder offizielle Zeit unterscheiden, die sich etwa in der Angabe von Stunden, Kalender-, Fest- und Gerichtstagen sowie Jahren oder sonstigen offiziellen Daten ausdrückt und auch gesellschaftliche Konventionen wie Tagesmahlzeiten einschließt, von denen bei den Römern der cena als sozialer „Event“ sicherlich die wichtigste Bedeutung zukam.23 Dann gibt es noch die persönliche Zeit, die bei Plinius eine besonders wichtige Rolle spielt in Form von individuellen Tagesabläufen und in der Dichotomie zwischen otium und negotium, die eine unterschiedliche Zeitordnung in der Stadt bzw. auf dem Forum und in den Villen mit sich bringt.24 Auch die Lebenszeit an sich in Gegensatz zu Tod und Nachleben spielt bei Plinius in mehreren Briefen eine wichtige Rolle. Konkrete Datumsangaben sind selten in den Briefen und finden sich außerhalb von Buch 10 nur in Epist. 1,7,4Plinius der JüngereEpist. 1.7.4 (idus Octobris), 6,16,4Plinius der JüngereEpist. 6.16.4 (nonum Kal. Septembres hora fere septima), 8,6,13Plinius der JüngereEpist. 8.6.13 (X Kal. Februarias) und 9,39,2Plinius der JüngereEpist. 9.39.2 (idibus Septembribus).25
Als BeispielPlinius der JüngereEpist. 3.5 für eine Narration, in der nahezu all die genannten Formen von Zeit wichtige Strukturelemente bilden, sei Epist. 3,5 betrachtet, wo Plinius die Tagesroutine seines Onkels schildert (7‒16).26 Während das Datum der Gegenwart des Briefes unklar bleibt,27 fällt das dramatische Datum der Handlung in die Lebenszeit des älteren Plinius als Erwachsener. Die Beschreibung beginnt mit dem unbestimmten Zeitadverb aliquamdiu, das sich auf die Tätigkeit des älteren Plinius als Advokat bezieht (7), und geht über zur Lebenszeit bzw. dem Lebensende des Onkels (7: decessisse anno sexto et quinquagesimo), der in der Zeit dazwischen (7: medium tempus) durch wichtige Verpflichtungen und die amicitia principum in Anspruch genommen worden sei.28 Auch ein offizielles Datum findet sich in der Beschreibung, wenn der jüngere Plinius erzählt, dass sein OnkelPlinius der JüngereEpist. 3.5 an den Vulkanalien (8: Vulcanalibus)29 schon mitten in der Nacht (8: statim a nocte multa) mit seinen literarischen Studien begonnen habe, im Winter hingegen um die siebte, achte oder auch sechste Stunde (8).30 Das Imperfekt (8: lucubrare…incipiebat) drückt hier den iterativen Aspekt aus, ebenso wie der Satz ante lucem ibat ad Vespasianum imperatorem (nam ille quoque noctibus utebatur) (9), der von der bereits in der Nacht einsetzenden Arbeitsroutine von Kaiser und Plinius maior berichtet. Auch die weitere Narration ist im Imperfekt gehalten,31 wenn erzählt wird, dass der Onkel nach seinen negotia die restliche Zeit zuhause den Studien gewidmet habe (9: quod reliquum temporis studiis reddebat). Nach ante lucem (9) ist mit post cibum (10) ein weiterer temporaler Marker gesetzt,32 durch den der Tagesablauf des Plinius maior gegliedert wird, wobei hier eine Differenzierung der Gewohnheiten im Sommer (10: aestate) gegenüber dem Rest des Jahres erfolgt. Mit si quid otii (10) wird auf die Qualität der Zeit nach dem Essen verwiesen, denn das otium als freie Zeit ermöglichte ein Sonnenbad sowie weitere literarische Studien. Die Junktur post solem (11) leitet den nächsten Abschnitt der Tagesroutine ein, den der ältere Plinius zum kalten Bad, Imbiss und kurzen Schlaf nutzte, wobei für ihn nach diesem Nickerchen gleichsam ein neuer Tag einsetzte (11: mox quasi alio die), den der Onkel erneut bis zum Abendessen den Studien widmete (11: in cenae tempus). Die im Imperfekt gehaltene Narration über den Tagesablauf unterbricht der Epistolograph durch eine kurze Anekdote über einen Vorfall bei einer cena, der ein punktuelles Ereignis darstellt, durch memini (12) eingeleitet und somit als vom Briefschreiber selbst Erlebtes charakterisiert wird. Der ältere Plinius, der einen seiner Freunde für die Unterbrechung des Vorlesers tadelte, äußert sich hier gar in direkter Rede, was die Szene lebendiger macht und vom Rest der Narration abhebt.33 Die Schilderung der täglichen Routine setzt daraufhin wieder ein mit der Bemerkung, dass der Onkel sich im Sommer noch bei Tageslicht von der cena erhoben habe, im Winter während der ersten Nachtstunde (13).
Erst nach diesen Ausführungen erfahren wir, dass es sich bei den bisher erzählten Gewohnheiten um die Zeitordnung handelt, die der ältere Plinius während seiner Aufenthalte in der Stadt Rom befolgte (14: haec inter medios labores urbisque fremitum). In einem deutlich gesteigerten Erzähltempo berichtet der jüngere Plinius im Anschluss von der Routine seines Onkels in secessu (14) und in itinere (15). Auch hier ist die Narration wieder vom Imperfekt geprägt, wird jedoch abermals durch eine kurze Anekdote abgerundet, die uns ebenfalls als persönliche Erinnerung des jüngeren Plinius präsentiert wird (16: repeto) und eine direkte Rede des Onkels enthält, der seinem Neffen die Vergeudung wertvoller Studienzeit durch Spazieren vorwirft.Plinius der JüngereEpist. 3.5
Die an Epist. 3,5Plinius der JüngereEpist. 3.5 beobachteten Kategorien der Zeit spielen natürlich auch in anderen Briefen eine wichtige Rolle bei der Strukturierung der Narration, wie anhand der Interpretation einzelner Briefe noch deutlicher gezeigt werden soll. Zunächst sei jedoch noch die Chronologie des Briefkorpus betrachtet: Wie schon in anderem Zusammenhang erläutert wurde, verzichtet Plinius in seiner ersten Epistel programmatisch auf eine chronologische Anordnung seiner Briefe, um sich einerseits von der Historiographie abzugrenzen, diese jedoch gleichzeitig als Folie zu nutzen, vor deren Hintergrund das eigene literarische Projekt steht.34 Wenngleich die Briefe in den einzelnen Büchern nicht in einer chronologischen Reihenfolge organisiert, sondern dem Prinzip der variatio verpflichtet sind, finden sich in den Büchern dennoch „Zeitcluster“, die ein temporales Voranschreiten der Sammlung suggerieren.35 Es handelt sich hier somit um immanente Buchdaten, die nicht notwendigerweise mit dem tatsächlichen Publikationsdatum der einzelnen Bücher bzw. des Korpus gleichzusetzen sind. Den Eindruck einer temporalen Progression seiner Sammlung vermittelt Plinius auch durch die Wahl der Adressaten in Epist. 1,1Plinius der JüngereEpist. 1.1 und 9,40Plinius der JüngereEpist. 9.40: Mit dem Namen Septicius Clarus („der Helle“) wird die Vorstellung vom Sonnenaufgang evoziert, während der letzte Brief an Pedanius Fuscus („der Dunkle“) an den Sonnenuntergang denken lässt und außerdem den Winter als Jahreszeit thematisiert.36
Ein temporales Fortschreiten wird auch durch Briefzyklen suggeriert, die sich über einzelne oder mehrere Bücher erstrecken und die Entwicklung einer Handlung nachzeichnen, wobei sich in diesem Rahmen natürlich auch narrative Analepsen und Prolepsen finden können. So enthält etwa Buch 7 drei Briefe an Calpurnius Fabatus,37 in denen der Besuch des Calestrius Tiro38 bei Fabatus in Comum thematisiert wird (7,16, 7,23 und 7,32): In Epist. 7,16Plinius der JüngereEpist. 7.16 berichtet Plinius zunächst von seiner Freundschaft mit Calestrius Tiro, mit dem er zusammen Militärdienst leistete, Quästor war und nahezu gleichzeitig Tribun und Praetor (1‒2). Tiro, der auf dem Weg als Prokonsul nach Baetica ist, will über Ticinum reisen und macht, wie Plinius hofft, bei Fabatus in Comum Halt, um bei einer manumissio zugegen zu sein (3‒5). Aus dem kurzen Brief 7,23Plinius der JüngereEpist. 7.23 geht hervor, dass Fabatus Calestrius Tiro nach Mediolanum entgegenreisen will, doch Plinius rät ihm, den Freund in Comum zu empfangen. In Epist. 7,32Plinius der JüngereEpist. 7.32 ist der Aufenthalt des Tiro bei Fabatus in Comum bereits vergangen und die Freilassung mehrerer Sklaven vollzogen (1: delector iucundum tibi fuisse Tironis mei adventum). Einen Briefzyklus bzw. juristischen Briefroman, der sich über die Bücher 4‒7 erstreckt, bildet die Verteidigung des Iulius Bassus (4,9)Plinius der JüngereEpist. 4.9 und Rufus Varenus (5,20; 6,5; 6,13; 7,6; 7,10;Plinius der JüngereEpist. 5.20/6.5/6.13/7.6/7.10 vgl. 6,29), wobei wir als Leser den Verlauf der Handlung gleichsam „live“ mitzuverfolgen glauben, da die Gegenwart der betreffenden Briefe sich eng mit dem dramatischen Datum der Narration berührt.39 Während die einzelnen Briefe in diesem Zyklus von Ereignissen aus der jüngsten Vergangenheit berichten, bildet der gesamte Zyklus eine simultane Narration.40 Auch der Briefzyklus über Plinius als Dichter, der von Buch 4 bis Buch 9 reicht, vermittelt uns in Buch 4 und 5 zunächst den Eindruck, dass wir zu Zeugen der ersten Versuche des Plinius auf dem Gebiet der Kleinpoesie werden, während Epist. 7,4Plinius der JüngereEpist. 7.4 im Rahmen einer Analepse die Vorgeschichte zur Produktion der Hendecasyllabi präsentiert.41
2.3 Der Raum der Briefe
Räumlichkeit1 spielt in der Epistolographie schon insofern eine zentrale Rolle, als die Briefpartner sich in der Regel an verschiedenen Orten befinden, die manchmal konkret benannt, häufig indirekt identifiziert werden oder aber auch unbekannt bleiben. Das Briefkorpus des Plinius entwirft gleichsam eine „Geographie der Freundschaft“,2 die sich v.a. dort nachzeichnen lässt, wo wir etwas über die Herkunft der Adressaten oder ihren Aufenthalt an einem bestimmen Ort – sei es in offizieller Funktion oder während eines secessus – erfahren oder zumindest aus anderen Quellen erschließen können. Das soziale Netzwerk des Plinius, das sich in der Korrespondenz der Bücher 1‒9 widerspiegelt, erstreckt sich, wie etwa Syme und Champlin gezeigt haben, neben Rom insbesondere auf Comum und Italia Transpadana sowie die Region um Tifernum Tiberinum an der Grenze zwischen Umbrien und Etrurien.3 Bisweilen erwähnt Plinius explizit, wo er oder seine Adressaten sich während des Briefwechsels aufhalten, häufig können wir es aus indirekten Andeutungen erschließen oder bleiben in völliger Unkenntnis über den Aufenthaltsort des einen oder anderen Briefpartners. So enthält etwa Epist. 6,1Plinius der JüngereEpist. 6.1 an Calestrius Tiro4 klare Hinweise, wo die beiden Korrespondenten gerade weilen (1: quamdiu ego trans Padum, tu in Piceno, minus te requirebam; postquam ego in urbe, tu adhuc in Piceno, multo magis…),5 und variiert zugleich das Motiv des desiderium absentium, indem der mittlerweile nach Rom zurückgekehrte Plinius seinem Freund in Picenum schreibt, dass ihn die Orte, an denen die beiden üblicherweise zusammen sind – Orte in Rom, die jedoch nicht mehr genauer lokalisiert werden –, an Tiro erinnern (1: seu quod ipsa loca, in quibus esse una solemus, acrius me tui commonent). Die Passage ähnelt einerseits Quintilians Ausführungen zur Mnemotechnik, denen zufolge das Aufsuchen bekannter Orte mit der Erinnerung an Handlungen, Personen und Gedanken einhergeht;6 andererseits scheint der Ausdruck der Sehnsucht nach dem Freund, die angeblich von bestimmten Örtlichkeiten hervorgerufen wird, ein Motiv aus der Liebeselegie aufzugreifen und in einen epistolaren Kontext zu transferieren: So rät etwa Ovid in seinen Remedia amoris davon ab, Orte, die der Schauplatz eines unglücklichen Liebesverhältnis waren, erneut aufzusuchen (Rem. 725‒6OvidRem. 725‒6: et loca saepe nocent: fugito loca conscia vestri / concubitus: causas illa doloris habent). Bei Plinius stehen die nur vage genannten loca, an denen er und Tiro sich in Rom zu treffen pflegen, in auffälligem Kontrast zur expliziten Angabe der Örtlichkeiten, die für die Trennung der beiden Freunde verantwortlich sind.
In Rom befindet sich Plinius auch bei der Abfassung der Epist. 1,10Plinius der JüngereEpist. 1.10 an Attius Clemens (1: si quando urbs nostra liberalibus studiis floruit, nunc maxime floret), in der ein Porträt des Philosophen Euphrates geliefert wird.7 Anders als in Epist. 6,1 erfahren wir hier nicht, wo sich der Adressat aufhält – Plinius fordert ihn nur auf, möglichst bald zu kommen, um sich Euphrates als Schüler anzuvertrauen (11: quo magis te, cui vacat, hortor, cum in urbem proxime veneris…illi te…permittas).8 Die Stadt Rom wird in Epist. 1,10 nicht nur als Ort, an dem die freien Künste erblühen, charakterisiert, sondern auch als Ort der negotia, die Plinius, der gerade das Amt des praefectus aerarii Saturni innezuhaben zu scheint,9 an einem intensiveren Kontakt mit Euphrates hindern (9: nam distringor officio ut maximo sic molestissimo). Somit ist die Stadt Rom im Briefkorpus auch ein symbolisch aufgeladener Raum10 der negotia, der den Villen bzw. secessus auf dem Land als otium-Raum gegenübersteht.11 Dies geht ex negativo etwa aus Epist. 9,6Plinius der JüngereEpist. 9.6 hervor, die beginnt mit den Worten omne hoc tempus inter pugillares ac libellos iucundissima quiete transmisi. ‘quemadmodum’ inquis, ‘in urbe potuisti?’ (1). Nur wegen der gerade stattfindenden Zirkusspiele (1: circenses erant), für die sich Plinius nicht im geringsten Maße zu interessieren vorgibt, ist literarisches otium in der Hauptstadt möglich.12
Lediglich aus indirekten Anhaltspunkten lässt sich etwa in Epist. 2,3Plinius der JüngereEpist. 2.3 erschließen, dass Plinius seinen Brief von Rom aus sendet: Mit seinem Lob auf den Rhetor Isaeus bildet der Brief ein Pendant zu Epist. 1,1013 und variiert das Thema der in Rom florierenden Wissenschaften;14 auch hier fordert Plinius seinen Adressaten Nepos15 dazu auf, zu kommen, um Isaeus zu hören (8: proinde…veni!), wobei uns der Aufenthaltsort des Nepos vorenthalten wird. Eine Anekdote über einen Mann aus Gades, der einst ab ultimo orbe terrarum (8) gekommen sei, um Titus Livius „live“ zu erleben, und anschließend gleich wieder zurückkehrte, soll den Adressaten motivieren.16 In anderen Briefen wiederum wird die räumliche Distanz zwischen Plinius und seinen Adressaten nur durch deiktische Pronomen oder Adverbien wie hic und istic angedeutet (vgl. Epist. 8,17,1)Plinius der JüngereEpist. 8.17.1.
Neben der räumlichen Dimension der brieflichen Kommunikation an sich sind noch die Räume zu berücksichtigen, die eine bestimmte Funktion im Text des Briefes erfüllen, etwa indem sie als Schauplatz einer Handlung dienen, wie z. B. der Senat oder das Zentumviralgericht in mehreren Prozess-Berichten,17 der Golf von Neapel in den beiden Vesuv-Briefen (6,16; 20Plinius der JüngereEpist. 6.16/20),18 Athen in der Gespenster-Geschichte in Epist. 7,27,5‒11Plinius der JüngereEpist. 7.27,19 die Kolonie Hippo in Afrika in Epist. 9,33Plinius der JüngereEpist. 9.33,20 Sizilien, Rom und Domitians Villa Albana in Epist. 4,11Plinius der JüngereEpist. 4.11 oder das Landgut des Larcius Macedo in Formiae sowie ein öffentliches Bad in Rom in Epist. 3,14Plinius der JüngereEpist. 3.14. In Epist. 7,27,2‒3 fungiert die Provinz Africa nicht nur als Schauplatz für eine unheimliche Begegnung sondern auch als Personifikation und somit handelnde Figur. Zusammenhängende Darstellungen von Räumen liefert Plinius insbesondere in seinen Villen-Ekphraseis (Epist. 2,17Plinius der JüngereEpist. 2.17/5.6; 5,6; 9,7Plinius der JüngereEpist. 9.7) und Natur-Beschreibungen (4,30; 8,8; 8,17; 8,20Plinius der JüngereEpist. 4.30/8.8/8.17/8.20; 9,33), wohingegen die Hinweise auf das räumliche Setting in Briefen, die eher handlungsorientiert sind, oft nur sehr kurz erfolgen. So ist in vielen narrativen Briefen der Fokus stärker auf die handelnden Charaktere, ihre Aussprüche und Gedanken als auf ihre räumliche Umgebung gerichtet, wie v.a. in solchen Erzählungen, die im Senat oder im Zentumviralgericht spielen. Räumliche Aspekte werden in diesen Prozess-Briefen etwa dann thematisiert, wenn Plinius von der großen Anzahl der Personen berichtet, die sich im Gerichtssaal drängen (Epist. 4,16Plinius der JüngereEpist. 4.16; 6,33Plinius der JüngereEpist. 6.33).21
Überhaupt geht Plinius bei der Beschreibung von Orten, die außerhalb der Stadt Rom liegen, stärker ins Detail, während Rom selbst weniger in seiner Materialität durch topographische und architektonische Elemente als durch seine politischen und sozialen Institutionen wie Senat oder Zentumviralgericht und andere mit dem Bereich negotium verbundene Tätigkeiten evoziert wird. Die Darstellung der Stadt Rom durch Plinius erfolgt nach dem Muster, das Fuhrer, Mundt und Stenger (2015) am „Cityscaping“ in Kunst, Film und Literatur beobachten: „…for the most part all that is used is a selection of urban ‘props’, or reductions.“22 Der Epistolograph präsentiert uns lediglich Fragmente der Stadt, sozusagen „Räume im Raum“,23 was natürlich auch für andere Regionen und Orte innerhalb der Geographie der Briefsammlung zutrifft. Nur wenige Male finden wir explizite Erwähnungen der Topographie Roms, wie etwa der Basilika Julia (5,9,3)Plinius der JüngereEpist. 5.9.3, des Esquilin (3,21,5)Plinius der JüngereEpist. 3.21.5 und Palatin (1,13,3)Plinius der JüngereEpist. 1.13.3, der Säulenhalle der Livia (1,5,9)Plinius der JüngereEpist. 1.5.9, des Concordia-Tempels (5,1,9)Plinius der JüngereEpist. 5.1.9 und der Regia (4,11,6Plinius der JüngereEpist. 4.11.6).24 Im Zusammenhang mit Szenen im römischen Senat nennt Plinius zudem mehrmals die Curia Julia auf dem Forum Romanum als Versammlungsort des Gremiums (5,13,2Plinius der JüngereEpist. 5.13.2; 8,6,5Plinius der JüngereEpist. 8.6.5; 8,14,5.8Plinius der JüngereEpist. 8.14). Vergleicht man die Briefe des Plinius mit den Epigrammen seines älteren Zeitgenossen Martial, die häufig auf Roms Topographie rekurrieren,25 sticht die Sparsamkeit des Plinius in dieser Hinsicht noch deutlicher ins Auge. Es ist auch bezeichnend, dass Plinius in Epist. 3,21Plinius der JüngereEpist. 3.21, wo er Martials Epigramm 10,20[19]Martial10.20[19] auf ihn zitiert, die erste Hälfte dieses Gedichts mit der Wegbeschreibung zu seinem Haus auf dem Esquilin auslässt.26







