Epistolare Narrationen

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Betrachtet man die Räume, die im Briefkorpus explizit thematisiert werden, dann fällt auf, dass es sich beim ersten konkret genannten Ort um Comum handelt, wo Caninius Rufus, der Adressat der Epist. 1,3Plinius der JüngereEpist. 1.3, sein Landgut hat.27 Die Ekphrasis dieses locus amoenus erfolgt im Rahmen einer Reihe von durch quid eingeleiteten Fragen (1), die gleichsam einen imaginären Spaziergang durch das Anwesen nachzeichnen (1: Comum…suburbanum…porticus…platanon…euripus…lacus…gestatio…balineum…triclinia…cubicula), das von Plinius als Ort des otium und der studia charakterisiert wird (3‒4). Einen metaphorischen Spaziergang unternimmt Plinius auch in Epist. 1,2Plinius der JüngereEpist. 1.2 in einem stilistischen Zusammenhang, wo das Bild des Abschweifens vom Weg aufgrund von Annehmlichkeiten (4: paulum itinere decedere non intempestivis amoenitatibus) die Nachahmung des ciceronischen Redestils illustriert.28 Schließlich suggeriert die Nennung mehrerer Ortschaften in Epist. 1,4Plinius der JüngereEpist. 1.4 eine Reise an einen weiteren für Plinius wichtigen Ort der Muße: Der Epistolograph lobt die Landgüter seiner Schwiegermutter Pompeia Celerina in Ocriculum, Narnia, Carsulae und Perusia (1), die alle auf dem Weg nach Tifernum Tiberinum lagen, wo Plinius selbst seine Villa hatte29 – sie wird in diesem Brief allerdings nicht explizit erwähnt. Beim letzten Ort, den das Briefkorpus thematisiert, handelt es sich mit dem Laurentinum abermals um eine otium-Villa (9,40)Plinius der JüngereEpist. 9.40, wobei hier der zeitliche Aspekt im Vordergrund steht, wenn Plinius seinen Tagesablauf im Winter schildert.30 Während, wie zuvor betrachtet, Domitians Tod als zeitlicher Marker das Korpus der neun Briefbücher rahmt, sind es auf räumlicher Ebene Mußeorte, die Plinius an Anfang und Ende der Sammlung imaginiert. Dies erinnert an die literarische Praxis Ciceros, seine Dialoge an ähnlichen Mußeorten zu lokalisieren,31 und stellt möglicherweise eine bewusste Reminiszenz an das Vorbild Cicero und den Dialog als „Schwestergattung“ der Epistolographie dar.
Unter den Ländern und Regionen, die eine Rolle in den Briefbüchern 1‒9 spielen – seien sie Schauplätze von Handlungen und Ereignissen, Gegenstand einer Beschreibung oder Aufenthaltsort der Briefpartner während der Kommunikation – hat zweifellos Italien die Spitzenstellung inne.32 Die Geographie der Episteln wird ergänzt durch Griechenland und einige griechische Inseln33 sowie die Provinzen Africa,34 Ägypten,35 Asia,36 Bithynien,37 Syrien,38 Gallia Narbonensis,39 Germanien,40 Spanien41 und Dakien.42 Lediglich einmal werden die Provinzen Illyricum, Pannonien und Sizilien erwähnt.43 Neben dem geographischen Raum der Briefe sind noch weitere Aspekte der Räumlichkeit zu berücksichtigen, wie etwa die Unterscheidung von Außen- und Innenräumen sowie die Funktion von Objekten bzw. Requisiten im Rahmen einer Narration. Auch lassen sich von Räumen, die als Schauplätze von Handlungen und Ereignissen fungieren („spaces“), solche unterscheiden, die in Träumen, Gedanken und Erinnerungen auftauchen („frames“).44 Im Folgenden seien die epistolaren Konstruktionen von Räumen sowie ihre Funktionen am Beispiel von Buch 5 der Plinius-Briefe betrachtet.
2.3.1 Raumkonstruktionen in Buch 5
Das Buch wird eröffnet durch einen BriefPlinius der JüngereEpist. 5.1, der von einem Rechtsstreit um das Vermögen der Pomponia Galla berichtet, nachdem diese ihren eigenen Sohn Asudius Curianus enterbt und Plinius zusammen mit einigen anderen als Erben eingesetzt hat.1 Ein erstes Vier-Augen-Gespräch zwischen Plinius und Curianus, der Plinius darum bittet, ihm seinen Anteil zu schenken, wird räumlich nicht näher lokalisiert (2‒5). Im Unterschied dazu macht Plinius konkretere Angaben zum Ort seines darauf folgenden Beratungsgesprächs (5: consilium) in Anwesenheit von Corellius und Frontinus, das in seinem Wohnzimmer stattfand (5: his circumdatus in cubiculo meo sedi). Man kann sich vorstellen, wie Plinius inmitten der beiden spectatissimi (5) Curianus gegenübersaß, sich anhörte, was dieser zu sagen hatte, einiges entgegnete und sich dann mit seinen beiden Mentoren zu einer Konsultation zurückzog (5: deinde secessi). Von der Szenerie eines „domestic tribunal“2 wechselt der Schauplatz dann zum Zentumviralgericht, wo Curianus Klage einreicht (6‒8). Zwar liefert schon die vorherige Erwähnung des spectatissimus civitatis Corellius (5) ein Indiz dafür, dass das dramatische Datum der Narration in die Zeit Domitians fällt,3 doch erst die Formulierung metu temporum (7) im Zusammenhang mit der bevorstehenden Verhandlung vor dem Zentumviralgericht, der Plinius’ Miterben gerne entgehen wollten, verschafft Klarheit. Hatte der Brief etwas unspektakulär mit einem Bericht über einen Erbschaftsstreit begonnen, gewinnt die Erzählung nun an Dramatik (7: verebantur…ne ex centumvirali iudicio capitis rei exirent).4 Nachdem die Miterben Plinius gebeten haben, mit CurianusPlinius der JüngereEpist. 5.1 zu sprechen und einen Vergleich zu erwirken, treffen sich die beiden Männer im Tempel der Concordia (9: convenimus in aedem Concordiae), einem Ort, der hier Symbolkraft besitzt, geht es doch um die Abwendung drohender Gefahr durch einen Prozess. Man denkt hier sicherlich in erster Linie an den Concordia-Tempel im Nordwesten des Forum Romanum, der von Tiberius im Jahr 7 v. Chr als Concordia Augusta restauriert wurde.5 Allerdings berichtet Ovid in seinen Fasti noch von einem weiteren Concordia-Heiligtum, das sich in oder bei der Portikus der Livia befunden haben soll (6,637‒8)OvidFast. 6.637‒8: Te quoque magnifica, Concordia, dedicat aede / Livia, quam caro praestitit ipsa viro.6 Die Säulenhalle der Livia mit ihrem Concordia-Heiligtum, das Ovid zufolge die eheliche Eintracht des Kaiserpaars symbolisieren sollte, lag wie auch das Stadthaus des Plinius auf dem Esquilin (vgl. Epist. 3,21,5Plinius der JüngereEpist. 3.21.5)7 und wäre von dort aus wohl schneller zu erreichen gewesen als das Forum Romanum. Dass es sich bei dem in Epist. 5,1 erwähnten Concordia-Tempel um das von Ovid beschriebene Heiligtum handeln könnte, suggeriert auch die Ähnlichkeit der Szene mit Epist. 1,5Plinius der JüngereEpist. 1.5.9, wo sich Plinius und Vestricius Spurinna in der Portikus der Livia treffen (9: coimus in porticum Liviae), die offenbar auf halbem Weg zwischen den Häusern der beiden lag und in der Spurinna als Fürsprecher für Regulus auftritt.8 Wie bereits erörtert, gibt Plinius äußerst selten konkrete Hinweise auf die Topographie Roms, und so fällt die parallele Gestaltung der betreffenden Szenen in Epist. 1,5 und 5,1 umso deutlicher auf. Falls der Leser in Epist. 5,1,9 an den Concordia-Tempel bei der porticus Liviae denken soll, stellt Plinius möglicherweise eine implizite Verknüpfung zwischen Epist. 1,5 und 5,1 über Ovids Fasti als Prätext her. Abgesehen von der Symbolkraft der Concordia als Göttin der Eintracht – sei es im politischen oder familiären Bereich – ist die Anlage der porticus Liviae auch über das Motiv der Erbschaft von Bedeutung: Vor der Errichtung der Säulenhalle befand sich an der Stelle das luxuriöse Anwesen des durch Extravaganz und Grausamkeit berüchtigten P. Vedius Pollio,9 der Augustus sein Haus vererbte, das dieser jedoch abreißen ließ, um sich den Römern als positives Exemplum zu präsentieren (vgl. Ov. Fast. 6,639‒48OvidFast. 6.639‒48).10 Sowohl das architektonische Monument der porticus Liviae als auch der das fünfte Buch eröffnende Brief des Plinius propagieren den Erbauer bzw. Verfasser als exemplum für das angemessene und altrömische Verhalten eines Erben im Angesicht einer problematischen Erbschaft, und so könnte in Epist. 5,1 die aedes Concordiae in der Livia-Säulenhalle als Erinnerungsort evoziert sein: Wandelte Augustus die verschwenderische domus des Pollio in eine der Öffentlichkeit zugängliche Säulenhalle um,11 erzählt uns Plinius von seinen Bemühungen, sich mit dem enterbten CurianusPlinius der JüngereEpist. 5.1 zu einigen, was ihm angeblich nicht nur Ruhm einbrachte (10: tuli fructum…famae), sondern auch das Lob des Curianus selbst, der Plinius’ Tat als factum antiquum bezeichnete (11).Plinius der JüngereEpist. 5.1
Während die Handlung in Epist. 5,1 in Rom spielt, begegnet uns Plinius als Briefschreiber in Epist. 5,2Plinius der JüngereEpist. 5.2 auf seinem Laurentinum in der Nähe der Haupstadt,12 von wo aus er als Gegengabe für Drosseln, die ihm der Adressat Calpurnius Flaccus13 geschickt hat, lediglich epistulae steriles (2) senden kann. Dabei handelt es sich freilich um eine scherzhafte Unterminierung der Qualität dieser Briefe, hatte Plinius doch in Epist. 4,6Plinius der JüngereEpist. 4.6 den reichen Ertrag seines Laurentinum gepriesen (1: solum mihi Laurentinum meum in reditu), allerdings nicht den landwirtschaftlichen, sondern den literarischen (2: aliis in locis horreum plenum…ibi scrinium). Mit den von Plinius in Brief 5,2 erwähnten epistulae dürften nicht nur die Briefe an Calpurnius Flaccus gemeint sein, sondern zugleich diejenigen des fünften Buches, als dessen zweite Einleitung Epist. 5,2 fungiert. Der folgende Brief 5,3Plinius der JüngereEpist. 5.3 versetzt uns dann gedanklich ins nicht näher lokalisierte Haus des Titius Aristo (1: apud te), bei dem es, wie es heißt, eine angeregte Diskussion über Plinius’ Gedichte und deren Rezitation gegeben habe.14 Plinius rechtfertigt sich in diesem Brief ausführlich für seine Aktivität als Dichter und Rezitator und imaginiert in diesem Zusammenhang die Reaktion der Zuhörer bei einem Vortrag (9): quid quisque sentiat, perspicit ex voltu oculis nutu manu murmure silentio. Lediglich der kurze Hinweis auf Mimik, Gestik und Laute oder Schweigen der Anwesenden könnte dem Leser suggerieren, sich einen Raum vorzustellen, in dem eine solche Rezitation stattfand15 – am Ende des Briefes enthüllt Plinius, dass es sich dabei nicht um ein öffentliches Auditorium, sondern ein Zimmer bei ihm zuhause handelt (11: haec ita disputo, quasi populum in auditorium, non in cubiculum amicos advocarim).16Plinius der JüngereEpist. 5.3
Der suburbanen otium-Villa in Epist. 5,2 und dem privaten Rahmen der Gedichtrezitation in cubiculo in Epist. 5,3 steht in Epist. 5,4Plinius der JüngereEpist. 5.4 der Senat gegenüber, in dem zwischen dem Prätor Sollers und den Gesandten von Vicetia über die Abhaltung eines Wochenmarktes auf den Gütern des Sollers verhandelt wurde.17 Der Geographie der Briefe in Buch 5 wird somit auch die regio X Venetia, in der das Gebiet von Vicetia (heute Vicenza) lag, hinzugefügt.18 Plinius berichtet von dieser Verhandlung als aktuelles und noch nicht abgeschlossenes Ereignis (1: res parva, sed initium non parvae; 3: sed, quantum auguror, longius res procedet) und liefert mit Epist. 5,4 und ihrer Fortsetzung in 5,13 – beide Schreiben sind an Iulius Valerianus gerichtet – sozusagen eine simultane Narration.19 Bereits am Ende von Epist. 5,4 kündigt Plinius ein Sequel seines Berichts an (4: quam blande roges, ut reliqua cognoscas) und hält es sogar für möglich, dass sein Adressat, nun neugierig geworden, nach Rom kommen und lieber spectator als lector sein wolle (4: si tamen non ante ob haec ipsa veneris Romam spectator malueris esse quam lector) – vom Aufenthaltsort des Iulius Valerianus erfahren wir allerdings nichts.
Nach dem römischen Senat als Schauplatz („space“) einer Verhandlung wird in Brief 5,5Plinius der JüngereEpist. 5.5 der Raum eines Traumes20 („frame“) entworfen: Plinius beklagt zunächst die mors immatura des Gaius Fannius, der sich zu Lebzeiten u.a. als Historiker durch drei Bücher über die Opfer Neros hervorgetan (3)21 und seinen Tod aufgrund einer nächtlichen Vision vorausgeahnt habe (5): Fannius, der bei seinem Traum wohl tatsächlich in seinem Bett gelegen sein dürfte, träumte auch von seinem Bett (5: visus est sibi…iacere in lectulo suo), in dem er in Studier-Haltung mit seiner Bücherkapsel vor sich saß (5: compositus in habitum studentis, habere ante se scrinium). Das cubiculum bzw. die Objektregion des Bettes22 werden zu einer Art Bühne, wenn Kaiser Nero auftritt (5: mox imaginatus est venisse Neronem), sich aufs Bett setzt, das erste Buch De sceleribus eius hervorholt,23 vom Anfang bis zum Ende liest und in derselben Manier mit Buch 2 und 3 verfährt, bevor er wieder von der „Bühne“ abtritt (5: tunc abisse). Abgesehen von dieser Traum-Szene ist Epist. 5,5 relativ arm an räumlichen Elementen, setzt sich dagegen umso intensiver mit dem Thema Zeit auseinander, insbesondere mit der (zu kurzen) Lebenszeit in Relation zur Unsterblichkeit durch literarisches Schaffen. Plinius bemerkt unter anderem, dass ihm der frühe Tod einer Person insbesondere dann als besonders bitter erscheint, wenn jemand gerade dabei war, etwas Unsterbliches (4: immortale aliquid) zu erschaffen. Am Ende des Briefes macht sich Plinius auch über seine eigene Sterblichkeit und literarischen Bemühungen Gedanken (7: occursant animo mea mortalitas, mea scripta) und fordert sich selbst und seinen Adressaten dazu auf, dem Tod möglichst wenig zu überlassen, was er vernichten kann (8), d.h. literarische Werke zu schaffen, die überdauern.
Es scheint, als würde Plinius mit der unmittelbar folgenden Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6 dieses Vorhaben gleich in die Tat umsetzen wollen, denn es handelt sich bei dieser descriptio der tuskischen Villa sowohl um den längsten Brief im Korpus als auch ein Konkurrenz-Projekt zu epischen Ekphraseis wie den Schildbeschreibungen bei Homer oder Vergil.24 Beide Dichter, so konstatiert Plinius im Rahmen einer Rechtfertigung des ungewöhnlichen Umfangs seines Briefes, befolgen trotz der Länge ihrer Darstellung (43: quot versibus) noch immer das Prinzip der brevitas (43): brevis tamen uterque est, quia facit, quod instituit. Bleibt ein Autor bei seinem Gegenstand, könne man ihn nicht der Weitschweifigkeit bezichtigen, sehr wohl aber dann, wenn er etwas Sachfremdes herbeizieht (42). Der die Villa beschreibende Brief gewinnt selbst eine räumliche Dimension, wenn Plinius erläutert non epistula, quae describit, sed villa, quae describitur, magna est (44). Anlass für dieses Schreiben ist, so wird uns suggeriert, eine Äußerung des Adressaten Domitius Apollinaris,25 der von einer Reise nach Etrurien im Sommer abriet, da das Klima dort seiner Meinung nach ungesund sei (1‒3).26 Mit seinem Brief will Plinius nun die Sorge seines Freundes zerstreuen (3): …ut omnem pro me metum ponas, accipe temperiem caeli, regionis situm, villae amoenitatem; quae et tibi auditu et mihi relatu iucunda erunt. Am Ende des Briefes greift Plinius die Einleitung nochmal auf mit den Worten habes causas, cur ego Tuscos meos Tusculanis, Tiburtinis, Praenestinisque praeponam (45). Gerade diese Passage enthält eine auffällige Parallele zu Martials Epigramm 10,30Martial10.30, das ebenfalls eine Villen-Ekphrasis bietet – es handelt sich dort um die VillaPlinius der JüngereEpist. 5.6 von niemand anderem als Plinius’ Adressaten Domitius Apollinaris in Formiae.27 Martials Gedicht beginnt mit einem Lobpreis auf Formiae, das Apollinaris anderen Erholungsorten vorzieht (1‒7):
O temperatae dulce Formiae litus,
vos, cum severi fugit oppidum Martis
et inquietas fessus exuit curas,
Apollinaris omnibus locis praefert.
non ille sanctae dulce Tibur uxoris,
nec Tusculanos Algidosve secessus,
Praeneste nec sic Antiumque miratur.
Die Ähnlichkeit zwischen diesen Versen und dem Briefschluss bei Plinius28 dürfte kaum auf Zufall beruhen, sondern, wie unlängst von Mratschek (2018) argumentiert wurde, eine bewusste Reaktion des Plinius auf den Martial-Text für den gemeinsamen Freund Apollinaris darstellen: „Pliny’s celebrated letter…was designed as a response and a contrast piece to Martial’s epigram.“29 Ziel der Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6 ist es nicht nur, den Sorgen des Adressaten entgegenzuwirken – dem milden Klima in Formiae (Mart. 10,30,1Martial10.30: temperatae…Formiae) wird die temperies caeli in Etrurien gegenübergestellt (Epist. 5,6,3)30 –, sondern diesen durch die detaillierte Beschreibung gleichsam zu einem virtuellen Spaziergang durch die Villa einzuladen, wie Plinius am Ende seiner Ekphrasis erläutert (41):
Vitassem iam dudum, ne viderer argutior, nisi proposuissem omnes angulos tecum epistula circumire. neque enim verebar, ne laboriosum esset legenti tibi, quod visenti non fuisset, praesertim cum interquiescere, si liberet, deposita epistula quasi residere saepius posses.
Die Lektüre des Briefes entspricht also einem Besuch des Anwesens, durch das Plinius seinen Freund als „generischer Wanderer“ oder „Wanderführer“ geleitet.31
Bevor Plinius mit der Schilderung der Landschaft beginnt, in der seine Villa liegt, beschreibt er das Klima, das im Winter zwar kalt sei (4), im Sommer aber erstaunlich mild (5), weshalb man in dieser Gegend viele alte Leute antreffe (6). Es ist denkbar, dass Plinius auch mit der Formulierung hinc senes multi (6) auf Martials Epigramm anspielt, wo von den senes mulli die Rede ist (10,30,24Martial10.30), die sich im Fischbecken des Apollinaris tummeln und die Plinius in Form einer Assonanz mit seinen senes multi zu evozieren scheint. Während Martial in seine Ekphrasis der Villa Formiana auch Menschen und Tiere integriert – neben den ianitores und vilici, die sich in Abwesenheit des Apollinaris an der Villa erfreuen (28‒29), ist insbesondere der Katalog erlesener Fische in der piscina zu nennen (21‒24) –, werden bei Plinius lediglich die alten Menschen in Etrurien erwähnt, wohingegen uns im Rahmen der eigentlichen Villen-Beschreibung keinerlei Lebewesen mehr begegnen.32 Luxuriöse Elemente wie die piscina maritima des Apollinaris werden bei Martial positiv dargestellt,33 während Plinius jegliches lebendige sowie leblose Inventar seines tuskischen Anwesens ausspart, wohl um dem Vorwurf der luxuria keine Angriffsfläche zu bieten.34 Auch Plinius besitzt eine piscina, in der man sich vermutlich auch Fische vorstellen soll, doch erwähnt der Epistolograph dieses Becken lediglich als Blickfang vor den Fenstern eines Zimmers, der sowohl die Augen als auch Ohren erfreue (5,6,23‒24): piscinam, quae fenestris servit ac subiacet, strepitu visuque iucundam. Anstatt uns von Tieren und Menschen in seiner VillaPlinius der JüngereEpist. 5.6 zu berichten, weist Plinius auf die in der Region lebenden senes multi hin, von denen man alte Geschichten und Erzählungen der Vorfahren hören könne (6: audias fabulas veteres sermonesque maiorum), was dazu führe, dass man sich dort in einem anderen Jahrhundert geboren wähnt (6: putes alio te saeculo natum). Mit seiner Ekphrasis versetzt Plinius den Leser somit nicht nur an einen anderen Ort, sondern auch in ein anderes Zeitalter.
Abgesehen von ihrer Funktion, den Adressaten gleichsam zu einem virtuellen Spaziergang einzuladen, dient Epist. 5,6 auch zur Charakterisierung des Villenbesitzers35 und liefert ein Porträt, das durch Epist. 9,36Plinius der JüngereEpist. 9.36 ergänzt wird. Dort schildert Plinius seine Tagesroutine auf dem tuskischen Landgut im Sommer, wobei unter allen Aktivitäten insbesondere die literarische Beschäftigung hervorsticht.36 Anders als in Epist. 5,6, wo uns nahezu keine Menschen begegnen, werden in Epist. 9,36 sowohl ein notarius (2), die Ehefrau und Gäste beim Abendessen (4: si cum uxore vel paucis), Schauspieler und Musiker (4: comoedia aut lyristes) sowie gebildete Sklaven und Freigelassene erwähnt, mit denen Plinius verschiedene Gespräche führt (4: cum meis ambulo, quorum in numero sunt eruditi…variis sermonibus vespera extenditur); außerdem tauchen Freunde aus den Nachbarstädten auf (5) sowie Gutspächter (6), die Plinius’ Zeit in Anspruch nehmen wollen. Zusammen konstruieren Epist. 5,6 und 9,36 das Bild einer otium-Villa, in der Plinius die meiste Zeit seinen literarischen Studien widmet; während Epist. 5,6 die Lage und Architektur dieses Mußeortes schildert, wird er in Epist. 9,36 mit Leben und sozialen Interaktionen befüllt. Der Brief 9,36 an Pedanius Fuscus korrespondiert zudem mit Epist. 7,9Plinius der JüngereEpist. 7.9, die ebenfalls an diesen Adressaten gerichtet ist,37 insofern als der Beginn von Epist. 9,36 (1: quaeris, quemadmodum in Tuscis diem aestate disponam) den Anfang von Epist. 7,9 (1: quaeris, quemadmodum in secessu…putem te studere oportere) aufgreift. Plinius empfiehlt seinem Adressaten in Epist. 7,9Plinius der JüngereEpist. 7.9 unter anderem, sich mit kanonischen Autoren zu messen (3: licebit interdum et notissima eligere et certare cum electis), und legt Fuscus damit einen Versuch ans Herz, den auch er selbst mit seiner Ekphrasis in Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6 wagt (5,6,43: Homerus…Vergilius…Aratus).
Bei der Beschreibung seiner Villen geht Plinius äußerst selektiv vor, in der Forschung weist man häufig auf die fehlende Präzision hin, was die Schilderung architektonischer Elemente angeht.38 Archäologische Rekonstruktionsversuche, die auf dem Wortlaut der Briefe basieren, stoßen rasch an ihre Grenzen,39 und man ist sich mittlerweile mehr oder weniger einig, dass Plinius keine „Baupläne“ liefern wollte, sondern mit seinen Ekphraseis andere Ziele verfolgte. Anstelle von architektonischen Details präsentiert uns Epist. 5,6 insbesondere die Relationen verschiedener Räume zueinander, meist in Form von bloßer Aneinanderreihung,40 durch Ortsadverbien wie ante, inde, deinde, contra, die Präpositionen ab, ex, sub und in usw. Plinius bietet eine Liste von Bereichen und Räumen mit unterschiedlicher Funktion (15‒32: porticus, atrium, xystus, ambulatio, triclinium, diaeta, dormitorium cubiculum, cenatio, balineum, sphaeristerium, cryptoporticus, hippodromus) und erwähnt, ob sie Sonne, Schatten oder besondere Ruhe genießen. Häufig beschreibt Plinius die Aussicht durch die Fenster, während er, wie bereits gesagt, kaum auf das Inventar dieser Räume – Wandverzierung, Möbel, Kunstobjekte, Bücher etc. – eingeht. Man wandelt als Leser geistig durch die Villa von einem Raum zum anderen und fühlt sich ähnlich wie in einem Labyrinth. Während der Epistolograph zunächst die Landschaft, in der sich die Villa befindet, aus einer Panorama-Perspektive von oben schildert (7‒12) und explizit den Blick von einer höher gelegenen Position aus hervorhebt (13: si…ex monte prospexeris), der dem Blick auf ein schönes Gemälde entspreche (13: formam…pictam videberis cernere), bietet er uns die Architektur der Villa selbst als Serie von Räumen dar (14‒40). Es wurde bereits mehrfach beobachtet, dass die Ekphrasis des Anwesens Parallelen aufweist zu rhetorischen Ausführungen zur Mnemotechnik, wie sie sich etwa bei QuintilianQuintilianInst. 11.2.18‒20 finden.41 Dieser empfiehlt seinen Lesern, sich ein großes Haus mit zahlreichen Winkeln und Zimmern vorzustellen (Inst. 11,2,18: domum forte magnam et in multos diductam recessus) und in jedem ein besonderes Kennzeichen einzuprägen (11,2,18: quidquid notabile), mit dem man die Abschnitte einer schriftlich oder gedanklich konzipierten Rede verknüpft. Man solle dann im Zuge des Memorierens geistig vom vestibulum zum atrium, den impluvia, cubicula, exedrae usw. voranschreiten (11,2,20).
Abgesehen von Parallelen zur Lehre der Mnemotechnik scheint Plinius, wie Chinn (2007) gezeigt hat, mit seinem Text nicht nur ein Beispiel für die antike Kunst literarischer Ekphrasis zu liefern, sondern auch auf theoretische Ausführungen zu dieser Tradition anzuspielen, insbesondere auf Quintilians Kapitel über die rhetorische Technik der sub oculos subiectio sowie der evidentia.42 Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6 weist somit einiges an Selbst-Referentialität auf, und oft scheinen die Grenzen zwischen beschreibendem Text und beschriebenem Objekt zu verschwimmen: Einerseits spiegelt der Text durch seinen Umfang die Größe der Villa wider (44) und zieht im Kontext des Briefbuchs selbst als Objekt von ungewöhnlicher räumlicher Ausdehnung die Aufmerksamkeit auf sich. Andererseits kann auch die Villa wie ein Text „gelesen“ werden, etwa wenn Plinius von den Buchsbäumen in seinem Garten berichtet, deren kunstvolles Arrangement die Namen des Besitzers und des Künstlers angeben (35): buxus…in formas mille discripta, litteras interdum, quae modo nomen domini dicunt, modo artificis.43 Für den Entwurf der Anlage und des Gartens hat Plinius offensichtlich einen artifex beauftragt, dessen Namen dann durch die Bepflanzung verewigt wurde, ähnlich einer Künstler-Signatur, wie man sie etwa in der antiken Vasenmalerei und Plastik findet.44 Als Schöpfer der literarischen Villa im Brief darf allerdings Plinius selbst gelten, der hier als dominus und artifex in Personalunion auftritt45 und uns mit dem Hinweis auf den der Villa eingeschriebenen Namen eine Art Binnensphragis liefert, die sich in jenem Buch findet, das die Mitte des Briefkorpus bildet.46







