Epistolare Narrationen

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Anders als Epist. 5,11 ist der folgende Brief 5,12Plinius der JüngereEpist. 5.12 nahezu „raumlos“: Plinius berichtet hier von einer Rezitation, zu der er einige Freunde eingeladen hat – diesmal sind es nicht Gedichte, wie in Epist. 5,3Plinius der JüngereEpist. 5.3, sondern eine nicht näher identifizierte oratiuncula (1).83 Weder erfahren wir, wo sich die beiden Briefpartner gerade befinden, noch, wo diese Rezitation stattgefunden hat – möglicherweise soll man sich wie in Epist. 5,3,11 das private cubiculum als Schauplatz vorstellen. Im Gegensatz zu Epist. 5,12 ist die Handlung des nächsten BriefesPlinius der JüngereEpist. 5.13 wieder eindeutig im römischen Senat (2: in senatu) verortet, wenn Plinius eine Fortsetzung von Epist. 5,4Plinius der JüngereEpist. 5.4 liefert und vom Fall der Vicetiner und ihrem Anwalt Nominatus erzählt.84 Nominatus, der von seinen Klienten Geld für den Rechtsbeistand angenommen, sie dann aber im Stich gelassen hatte, wurde auf Befehl des Prätors Nepos in den Senat geführt (1: inductus) und hielt dort eine Verteidigungsrede, in der er sein Verhalten rechtfertigte – insbesondere die sermones amicorum hätten ihn davor abgeschreckt, weiter gegen einen Senator vorzugehen, dem es nicht nur um die Abhaltung eines Wochenmarktes in Vicetia, sondern um Einfluss, Ruf und Ansehen ging (2). Wie auch aus dieser Stelle deutlich wird, bietet Buch 5 eine Palette an sermones unterschiedlicher Ausprägung (Gespräche, Erzählungen, Reden, Gerede), die verschiedene Reaktionen nach sich ziehen. Ähnlich einer Bühnenfigur verließ Nominatus nach seiner Rede den Saal unter mäßigem Beifall und weiteren Bitten und Tränen (3: erat sane prius, a paucis tamen, acclamatum exeunti. subiunxit preces multumque lacrimarum), woraufhin es im Senat zur Abstimmung und zum Freispruch kam (4‒7).
Nachdem in Epist. 5,13 Rom als Ort des Erzählers und der Erzählung im Zentrum stand, führt uns Epist. 5,14Plinius der JüngereEpist. 5.14 wieder nach Comum, wo sich Plinius für einen kurzen Urlaub im secessus befindet (1: secesseram in municipium; 9: includor angustiis commeatus) und von der Ernennung des Cornutus Tertullus zum curator Aemiliae viae erfahren hat.85 Den Hauptteil des Briefes bildet ein Lob auf Tertullus, mit dem Plinius eine lange Freundschaft verbindet (2‒6). Der Epistolograph ruft sich nach dieser laudatio selbst zur Ordnung, um seinen Brief nicht übermäßig auszudehnen (7: in infinitum epistulam extendam, si gaudio meo indulgeam), und kommt wieder auf die Einleitung zurück, indem er die Situation näher schildert, in der er von Tertullus’ Beförderung erfahren hat: In Begleitung seines Schwiegergroßvaters, der Tante seiner Frau und einigen Freunden habe er sich der Inspektion der Ländereien gewidmet (8: circumibam agellos), sich die Klagen der Bauern angehört, Rechnungen durchgesehen und schon seine Rückreise vorbereitet (8: coeperam etiam itineri me praeparare). Am Ende des Briefs erfahren wir, dass sich der Adressat Pontius Allifanus86 gerade in Kampanien befindet, wenn sich Plinius wünscht, dass die beiden zur gleichen Zeit in Rom eintreffen mögen (9: cupio te quoque sub idem tempus Campania tua remittat…cum in urbem rediero).
Im Gegensatz zu anderen secessus ist der in Epist. 5,14Plinius der JüngereEpist. 5.14 geschilderte nicht von literarischen Aktivitäten geprägt, sondern der Lektüre von pragmatischen Schriftstücken wie Rechnungsbüchern gewidmet (8: rationes legebam invitus et cursim – aliis enim chartis, aliis sum litteris initiatus). Einen auffälligen Kontrast zu dieser Tätigkeit bildet der Brief 5,15Plinius der JüngereEpist. 5.15, in dem sich Plinius zu seiner aemulatio mit den griechischen Epigrammen des Arrius Antoninus bekennt.87 Seinen Wetteifer mit diesen Gedichten vergleicht Plinius mit dem erfolglosen Versuch eines Malers, ein schönes und perfektes Gesicht angemessen wiederzugeben und verweist so auf die Kunst des Porträtierens (1: ut enim pictores pulchram absolutamque faciem raro nisi in peius effingunt). Da in Buch 5 ansonsten nur in Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6 die Rede von Malerei ist – dort ahmt die Landschaft ein schönes Gemälde nach (13) und ein Wandgemälde imitiert die Natur (22) –, wird dem Leser nahegelegt, einen Zusammenhang zwischen künstlerischer, ekphrastischer und poetischer imitatio herzustellen. Eine Verbindung besteht auch zu Epist. 5,16Plinius der JüngereEpist. 5.16, wo es um eine andere Form der Nachahmung geht: Plinius betrauert in diesem Brief die mors immatura der Tochter des Minicius Fundanus88 und bedient hier den Topos der Hochzeit, die sich in ein Begräbnis umwandelt.89 Im Rahmen seiner laudatio auf das Mädchen (2‒5) bietet Plinius eine bewegte descriptio des Charakters, in dem sich die Würde einer reifen Frau mit mädchenhafter Anmut vereinigten (3): ut illa patris cervicibus inhaerebat! ut nos amicos paternos amanter et modeste complectebatur!…quam studiose, quam intellegenter lectitabat! ut parce custoditeque ludebat! Es wurde bereits beobachtet, dass diese Schilderung CatullsCatullc. 3 passer-Gedicht c. 3 evoziert, bei dem es sich ebenfalls um eine Art Nachruf handelt.90 Der Tod ereilte die Tochter des Fundanus offenbar im Haus ihres Vaters, wo sie bis zuletzt tapfer gegen eine Krankheit ankämpfte, den Anweisungen der Ärzte folgte und sogar noch den Vater und die Schwester ermutigte (3‒5). Am Ende des Briefes bemerkt Plinius, dass das Mädchen seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war (9): non minus mores eius quam os vultumque referebat totumque patrem mira similitudine exscripserat. Während ein Künstler beim Abzeichnen oder Abmalen eines Gesichts die angestrebte Ähnlichkeit oft nicht zustande bringt, wird mira similitudo durch natürliche Reproduktion und moralisches Bemühen geschaffen.91
Der Trauer über den Tod in Epist. 5,16Plinius der JüngereEpist. 5.16 (1: tristissimus) steht in Epist. 5,17Plinius der JüngereEpist. 5.17 an Vestricius Spurinna92 Freude über literarische Leistungen der Lebendigen gegenüber (1: quantum gaudium). Kompositionsdatum und dramatisches Datum des Briefes fallen auf denselben Tag (1: hodierno die), an dem Plinius im Auditorium des Dichters Calpurnius Piso weilte, als dieser ein elegisches Gedicht mit dem Titel Περὶ τῶν καταστερισμῶν („Verstirnungen“)93 vortrug. Das Spektrum der literarischen Gattungen, über die Plinius in Buch 5 bislang reflektiert hat (Briefe, Epigramme, Ekphrasis, Reden, Historiographie), wird hier um die Elegie erweitert. Wo diese Rezitation stattfand, wird nicht ausdrücklich erwähnt – man soll sich vermutlich das Haus des Calpurnius Piso als Ort der Vorlesung vorstellen, denn am Ende des Briefes wünscht sich Plinius, dass die Adeligen in ihren Häusern mehr schöne Dinge haben mögen als ihre berühmten Vorfahren (imagines), womit er insbesondere literarisch talentierte Nachfahren meint (6: cupio, ne nobiles nostri nihil in domibus suis pulchrum nisi imagines habeant).94 Nach der Schilderung in Epist. 3,1Plinius der JüngereEpist. 3.1, wie Vestricius Spurinna sein Alters-otium in seiner Villa verbringt, soll man ihn vielleicht auch in Epist. 5,17 dort verorten, wobei uns nirgendwo im Briefkorpus Hinweise auf die Lage seines Anwesens gegeben werden. Eine auffällige Parallele zum Titel „Verstirnungen“ des in Epist. 5,17 gerühmten Werks bildet der Hinweis in Epist. 3,1, dass Spurinnas Tagesroutine in ihrer geregelten Abfolge dem Lauf der Gestirne gleiche (2: ut certus siderum cursus). Die Ekphrasis der Tagesroutine Spurinnas in Epist. 3,1 entspricht als literarisches Projekt somit dem in Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6.43 genannten Werk des Arat über die Gestirne (43: vides, ut Aratus minutissima etiam sidera consectetur et colligat).95 Wie die Phainomena des Arat, so ist auch Epist. 3,1 nicht nur excursus, sondern opus ipsum (vgl. 5,6,43), und ähnliches dürfte für das Gedicht des Calpurnius Piso gelten. Neben dem in Epist. 5,17 imaginierten Himmelsraum liefert Plinius auch eine descriptio personae, wenn er Stimme und Haltung des jungen Dichters bei seinem Vortrag schildert (3): commendabat haec voce suavissima, vocem verecundia: multum sanguinis, multum sollicitudinis in ore, magna ornamenta recitantis. Calpurnius Piso zeichnete sich nicht nur durch seine angenehme Stimme und zurückhaltende Vortragsweise aus, sondern auch die Röte und Aufregung in seinem Gesicht.96 Es wird deutlich, dass Plinius in der Briefserie 5,15‒18 das Motiv der descriptio oris bzw. faciei variiert, indem er zuerst ein von einem Künstler gemaltes Gesicht (5,15,1) imaginiert und dann die von der Natur bewirkte Ähnlichkeit zwischen Vater und Tochter herausstreicht (5,16,9), bevor er in Epist. 5,17Plinius der JüngereEpist. 5.17 selbst eine descriptio oris liefert.Plinius der JüngereEpist. 5.17
Vom auditorium einer Rezitation versetzt uns Plinius in Epist. 5,18Plinius der JüngereEpist. 5.18 zunächst in das nicht näher lokalisierte Landgut des Calpurnius Macer,97 der zusammen mit Frau und Sohn die Annehmlichkeiten seiner villa amoenissima genießt, zu denen Meer, Quellen, Gärten und Felder gehören (1: frueris mari, fontibus, viridibus, agro, villa amoenissima). Plinius selbst befindet sich in Tuscis (2) und ist mal abwechselnd, mal gleichzeitig mit Studien und Jagd beschäftigt.98 Innerhalb des fünften Buches ist dies der zweite Brief, in dem Plinius sich auf seinem tuskischen Landgut verortet, und die Kürze dieses Schreibens steht in auffälligem Kontrast zum Umfang der Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6. Zudem bildet Epist. 5,18 das Gegenstück zu Epist. 5,2Plinius der JüngereEpist. 5.2, wo wir Plinius auf seinem Laurentinum begegnen. Mit dem in Epist. 5,18 entworfenen Bild der Erholung kontrastiert Epist. 5,19Plinius der JüngereEpist. 5.19, wo Plinius seiner Sorge um den erkrankten libertus Zosimus Ausdruck verleiht, ein Brief, der in der Forschung insbesondere als Quelle für die humanitas des Plinius gegenüber Sklaven und Freigelassenen Aufmerksamkeit erregte.99 Plinius beschreibt Zosimus als hochgebildeten Mann, der sozusagen als sein „Etikett“ die Kunstfertigkeit des Schauspielers beherrsche (3: et ars quidem eius et quasi inscriptio comoedus). Zosimus verstehe sich insbesondere auf das Vortragen (3: pronuntiat acriter, sapienter, apte decenter), spiele auch ausnehmend gut Zither und könne sowohl Reden, Geschichtswerke als auch Poesie äußerst geschickt vorlesen. Innerhalb von Buch 5 bildet der libertus somit das Gegenstück zu Calpurnius Piso, dessen Vortrag Plinius in Epist. 5,17,2‒3Plinius der JüngereEpist. 5.17.2‒3 beschreibt, sowie zu Plinius selbst, der seine Gedichte rezitiert (Epist. 5,3)Plinius der JüngereEpist. 5.3.100 Nach der Charakterisierung des Zosimus kommt Plinius auf das eigentliche Problem, die Krankheit, zu sprechen: Bereits vor einigen Jahren (6: ante aliquot annos) habe Zosimus sich bei einem Vortrag sehr verausgabt und Blut gespuckt, weswegen Plinius ihn für längere Zeit nach Ägypten schickte, von wo er kürzlich gut erholt zurückgekehrt sei (6: confirmatus rediit nuper). Nachdem er jedoch abermals mehrere Tage seine Stimme überanstrengte, habe er einen Rückfall erlitten und wieder Blut ausgeworfen (6: rursus sanguinem reddidit).101 Anstelle seinen Freigelassenen erneut nach Ägypten zu schicken, will Plinius ihn nun nach Forum Iulii in der Gallia Narbonensis senden, wo sein Adressat Valerius Paulinus102 ein Landgut besitzt (7: qua ex causa destinavi eum mittere in praedia tua, quae Foro Iulii possides). Häufig nämlich habe Plinius von Valerius Paulinus gehört, dass die Luft dort besonders gesund und die Milch für die Behandlung besonders geeignet sei (7: audivi enim te saepe referentem esse ibi et aera salubrem et lac eius modi curationibus accommodatissimum).103 Die mündlichen Erzählungen des Paulinus über die Vorteile seines Anwesens entsprechen der schriftlichen Beschreibung, die Plinius seinem Freund Apollinaris über seine Villa in Etrurien liefert (5,6,2Plinius der JüngereEpist. 5.6.2: saluberrimo montium subiacent). Offenbar befindet sich Paulinus während der Korrespondenz selbst nicht in Forum Iulii, da Plinius ihn bittet, seinen Leuten zu schreiben, damit sie vor Ort die nötigen Vorkehrungen treffen (8: rogo enim scribas tuis). Plinius schließt den Brief mit der Ankündigung, dass er Zosimus mit so viel Reisegeld (9: tantum viatici) ausstatten werde, wie es für die Fahrt nach Forum Iulii nötig sei.104
Mit den in Epist. 5,19Plinius der JüngereEpist. 5.19 kombinierten Bildern von Krankheit und Reise rückt das Ende des Buches in die Nähe, und zusammen mit dem Thema des Todes finden sich die beiden closure-Motive vereint in Epist. 5,21Plinius der JüngereEpist. 5.21, dem letzten Brief des Buches.105 Doch vor dem Ende kommt es noch einmal zu einem Anfang, wenn Plinius mit Epist. 5,20Plinius der JüngereEpist. 5.20 den „Briefroman“ über den Prozess der Provinz Bithynien gegen den Prokonsul Rufus Varenus eröffnet.106 Wurden wir in Epist. 5,19Plinius der JüngereEpist. 5.19 gedanklich nach Ägypten und Forum Iulii versetzt, so finden wir uns in Epist. 5,20Plinius der JüngereEpist. 5.20 im römischen Senat, wo Plinius als Anwalt des Varenus gegen die Bithynier auftritt. Der Fall des Varenus bildet in der Briefsammlung eine der magnae et graves causae, derer sich Plinius in Epist. 5,8,6Plinius der JüngereEpist. 5.8.6 rühmt, und die für Varenus gehaltene Rede will Plinius publizieren (5,20,2: liber indicabit). In diesem Zusammenhang kommt es wieder einmal zur Gegenüberstellung von einer Rede, die vor Gericht gehalten wird, und der Lektüre einer verschriftlichten oratio (5,20,3). Vor Gericht werde der Erfolg einer Rede durch Faktoren wie fortuna, memoria, vox, gestus, tempus und amor bzw. odium rei beeinflusst, was auf eine publizierte Rede nicht zutreffe. Mündlichkeit und Schriftlichkeit kontrastiert Plinius auch am Ende seines Briefes, wo er der inhaltsleeren Geschwätzigkeit seines Gegenanwalts (4‒5: respondit…plurimis verbis, paucissimis rebus…aliud esse eloquentiam, aliud loquentiam) die loquacitas seines Briefes gegenüberstellt (8), der die Neugierde des Adressaten auf die Rede zu mindern droht.
Aus dem letzten Brief des fünften Buches (5,21)Plinius der JüngereEpist. 5.21 geht hervor, dass sich der Adressat Pompeius Saturninus in Rom befindet (1: te in urbe teneri), während Plinius an einem nicht näher konkretisierten Ort außerhalb weilt107 und bereits in der Haupstadt erwartet wird, wo Saturninus anlässlich seiner Rückkehr eine Rezitation veranstalten will (1: quod recitaturum, statim ut venissem, pollicebantur; ago gratias, quod exspector).108 Tatsächlich begegnen wir in Epist. 6,1Plinius der JüngereEpist. 6.1 einem Plinius, der inzwischen in Rom eingetroffen ist (1: ego in urbe) und dort seinen Freund Calestrius Tiro vermisst.109 Der Übergang zwischen den Büchern 5 und 6 erinnert dadurch an eine literarische Technik, wie sie etwa Ovid in mehreren Metamorphosen-Büchern anwendet, wenn er am Ende eines Buches von einer Reise erzählt, die am Beginn des folgenden Buches vollendet wird.110 Abgesehen von der für Plinius erfreulichen Nachricht, dass sich sein Adressat in Rom aufhält, beinhaltete der Brief des Saturninus auch traurige Mitteilungen, wie diejenige von der Krankheit des Iulius Valens (2)111 sowie vom Tod des Iulius Avitus (3).112 Ähnlich wie in Epist. 5,16Plinius der JüngereEpist. 5.16 handelt es sich auch bei Avitus um eine mors immatura, die den jungen Mann als Quästor während der Rückreise aus der Provinz ereilte (3: decessit, dum ex quaestura redit, decessit in nave, procul a fratre amantissimo, procul a matre, a sororibus).113 Diese kurze Narration vom Tod des Avitus ist stilistisch ausgefeilt durch die Anapher von decessit sowie procul und der Präposition ab, was dem Satz einiges an Pathos verleiht. Während die junge Tochter des Fundanus zuhause starb und noch während ihrer schweren Krankheit dem Vater und der Schwester Trost spendete und sie ermutigte (5,16,3‒5), ist das Schiff fernab von Heimat und Familie der Schauplatz für den Tod des Iulius Avitus.114 Aus welcher Provinz er zurückkehrte, verrät uns Plinius nicht – wie in vielen anderen Briefen interessiert sich Plinius weniger für die räumlichen Aspekte als vielmehr für die Charaktereigenschaften der dargestellten Personen: So erfahren wir einiges über die vielversprechenden Anlagen des jungen Mannes, dessen Vorzüge – zu denen die Liebe zur Literatur zählte – durch den Tod zusammen mit ihm dahingerafft wurden (4‒5). Besonders tragisch ist es für Plinius, dass all die Talente des Avitus sine fructu posteritatis (5) dahingegangen sind, er also offenbar trotz seiner literarischen Studien nichts Schriftliches hinterlassen hatte.115 Das Ende des BriefesPlinius der JüngereEpist. 5.21 und zugleich des fünften Buches ist deutlich markiert, wenn sich uns Plinius als jemand präsentiert, der seine Trauer und seine Tränen zu zügeln versucht (6): finem epistulae faciam, ut facere possim etiam lacrimis, quas epistula expressit.116 Mit dem Ende des Briefes soll auch das Ende der Tränen einhergehen, wobei man das Verb expressit hier in doppeltem Sinn verstehen kann: Einerseits hat der Brief dem Verfasser die Tränen117 abgerungen, andererseits macht der Brief durch Worte und Ausdruck die Tränen für den Adressaten anschaulich bzw. bildet sie sozusagen sprachlich nach.118 Im Kontrast zur Geschwätzigkeit des vorhergehenden Briefes 5,20Plinius der JüngereEpist. 5.20 steht somit in Epist. 5,21 die Vorstellung, dass durch sprachliche Mittel das für den Adressaten nicht sichtbare physische Phänomen der Tränen nachgezeichnet wird.Plinius der JüngereEpist. 5.21
Im Rahmen einer linearen Lektüre des fünften Buches wurden die Strategien der Raumkonstruktion aus narratologischer Perspektive analysiert. Neben den Aufenthaltsorten der Briefpartner während der Korrespondenz wurden auch Räume als Schauplätze von Handlungen und Ereignissen sowie als Gegenstand von Beschreibungen in den Blick genommen. Zudem konstruiert Plinius in seinen Briefen Räumlichkeit auch durch die Darstellung verschiedener Objekte oder körperlicher Aspekte sowie visueller und akustischer Phänomene. Es hat sich dabei herausgestellt, dass seine Angaben zumeist sehr selektiv sind, was sogar auf die Villen-Ekphrasis in Epist. 5,6Plinius der JüngereEpist. 5.6 zutrifft, die alles andere als das Ziel einer vollständigen Beschreibung des Anwesens verfolgt. Sowohl in Hinblick auf den Ort, an dem sich die Briefpartner während der Kommunikation jeweils befinden, als auch auf die Schauplätze von Handlungen und Ereignissen, über die Plinius berichtet, muss der Leser oft selbst die räumlichen Details ergänzen, während Plinius nur kurze Hinweise gibt. Nach der Betrachtung der Raumkonstruktion soll sich das nächste Kapitel mit den Personen befassen, die uns im Briefkorpus begegnen und sozusagen das epistolare Figurenarsenal bilden.
2.4 Adressaten und Figurenarsenal
Die Briefsammlung präsentiert uns ein breites Spektrum an Personen, von denen die meisten als Adressaten der Briefe fungieren, andere als handelnde Figuren und viele in beiden Rollen. Plinius konstruiert in seinen Briefen eine soziale „community“, mit der er auf verschiedene Weise interagiert und vor deren Hintegrund er seine eigene Persönlichkeit profiliert.1 Was die Adressaten der Briefe betrifft, hat man sich bisher weniger mit literarischen als prosopographischen Fragen beschäftigt2 oder prominenteren Briefpartnern wie Tacitus und Sueton die Aufmerksamkeit geschenkt.3 Im Unterschied zu Briefsammlungen wie etwa denjenigen Ciceros und Senecas sind die neun Briefbücher des Plinius nicht nach Adressaten arrangiert oder nur an einen Adressaten gerichtet, sondern spiegeln das in Epist. 1,1Plinius der JüngereEpist. 1.1 formulierte Prinzip der zufälligen Anordnung wider, indem jeder Brief für einen anderen Empfänger bestimmt ist, was der Sammlung einen „reality effect“ verleiht.4 Manche Adressaten, wie etwa Tacitus, Calpurnius Fabatus oder Voconius Romanus,5 erhalten mehrere Briefe, während andere seltener oder gar nur einmal als Empfänger auftauchen.6 Sowohl thematisch als auch hinsichtlich der Empfänger ist die Briefsammlung dem Prinzip der Abwechslung verpflichtet, wobei folgende Ausnahmen bzw. Besonderheiten ins Auge stechen: In Epist. 2,11‒12Plinius der JüngereEpist. 2.11/12 sowie 2,20Plinius der JüngereEpist. 2.20 und 3,1Plinius der JüngereEpist. 3.1 wird in zwei unmittelbar aufeinander folgenden Schreiben derselbe Adressat angesprochen.7 Der Brief 3,10Plinius der JüngereEpist. 3.10 wiederum ist an zwei Empfänger gerichtet, nämlich Vestricius Spurinna und seine Frau Cottia.8 Während die Mehrzahl der Plinius-Briefe an Männer von unterschiedlicher sozialer Stellung adressiert ist, gibt es auch eine Reihe von Frauen, die uns als Empfängerinnen begegnen.9 Gibson und Morello (2012: 141) weisen darauf hin, dass die meisten für Plinius wichtigen Personen bereits in Buch 1 der Briefe auftreten und später in der Sammlung erneut in Erscheinung treten. Da Plinius sein Briefkorpus sorgfältig komponiert hat, dürfte auch das Auftreten der verschiedenen Adressaten keineswegs dem Zufall geschuldet sein, sondern auf kompositorischen Prinzipien basieren. Während manche Personen bereits als handelnde Figuren agieren, bevor sie in die Rolle des Briefempfängers schlüpfen, verhält es sich bei anderen umgekehrt.
Für den modernen Leser mag es ungewöhnlich erscheinen, dass Plinius als ersten Adressaten und gleichzeitig WidmungsträgerPlinius der JüngereEpist. 1.1 der Sammlung Septicius Clarus gewählt hat, der zur Zeit der Veröffentlichung noch relativ unbedeutend gewesen sein dürfte und sich erst unter Hadrian politisch etablierte.10 Sherwin-White (1966: 85) vermutet, dass Plinius es vermeiden wollte, andere Senatoren vor den Kopf zu stoßen, indem er jemanden aus dem Rittestand an den Anfang des Briefkorpus stellte. Hoffer (1999: 22) interpretiert die Wahl des WidmungsträgerPlinius der JüngereEpist. 1.1s als Ausdruck dessen, dass Plinius – anders als etwa sein Zeitgenosse Martial – keiner Widmung „nach oben“ bedurfte und Septicius Clarus lediglich ein „Platzhalter“ sei und beliebig ausgetauscht werden könne. Gowers (1993: 272) hingegen argumentiert, dass Plinius den zukünftigen Erfolg des Clarus vorausgeahnt und sozusagen in die Zukunft „investiert“ habe. Gibson und Morello (2012) wiederum sehen die Wahl des Widmungsträgers vor dem Hintergrund der Selbstdarstellung des Plinius, in dessen Briefkorpus die Interaktion mit sozial niedriger gestellten Personen großen Raum einnimmt.11 Wie schon in anderem Zusammenhang besprochen wurde, bietet sich der Name Clarus auch für ein Wortspiel an, indem er am Beginn der Briefsammlung Pedanius Fuscus, dem Adressaten des letzten Briefes, gegenübersteht.12
Mehreren Figuren, die in anderen Briefen als Adressaten auftauchen, begegnen wir innerhalb der Narration in Epist. 1,5Plinius der JüngereEpist. 1.5, wo mit Marcus Aquilius Regulus eine Kontrastfigur zu Plinius eingeführt wird, die der Epistolograph auch anderweitig negativ charakterisiert.13 Regulus erscheint in der Briefsammlung stets als handelnde Figur, niemals jedoch als Adressat. Anders verhält es sich mit Caecilius Celer, Fabius Iustus, Vestricius Spurinna und Iunius Mauricus, die allesamt in der Handlung der Epist. 1,5 „mitspielen“ und in späteren Briefen auch die Rolle der Adressaten übernehmen.14 Voconius Romanus wiederum, der Adressat von Epist. 1,5Plinius der JüngereEpist. 1.5, erhält seinerseits eine Reihe an Briefen mit einem breiten inhaltlichen Spektrum und überwiegend bedeutenden Themen:15 Epist. 2,1Plinius der JüngereEpist. 2.1 über das Staatsbegräbnis für Verginius Rufus, 3,13Plinius der JüngereEpist. 3.13 über den Panegyricus, 6,15Plinius der JüngereEpist. 6.15 über einen peinlichen Vorfall bei einer Rezitation, 6,33Plinius der JüngereEpist. 6.33 über die Rede für Attia Viriola, 8,8Plinius der JüngereEpist. 8.8 über den Fons Clitumnus, 9,7Plinius der JüngereEpist. 9.7 über Plinius’ Villen am Comersee und 9,28Plinius der JüngereEpist. 9.28 mit dem Dank für drei Briefe, die Voconius aus Spanien gesendet hat; Voconius wird außerdem in Epist. 2,13Plinius der JüngereEpist. 2.13 einem gewissen Priscus empfohlen und in diesem Rahmen näher charakterisiert,16 und in Epist. 10,4Plinius der JüngereEpist. 10.4 bittet Plinius Kaiser Trajan, Voconius Romanus in den Senatorenstand zu erheben. Als Figur, die neben Tacitus und Calpurnius Fabatus zu den häufigsten Adressaten im Briefkorpus zählt, fungiert Voconius Romanus als eine Art „navigational landmark“ für den Leser,17 der sich innerhalb einer Vielzahl von bekannten und weniger bekannten Individuen zu orientieren versucht.







