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Konrad Pair lächelte ihm aufmunternd zu. »Nicht aufgeben, Sie finden bestimmt etwas.«
»Darf ich fragen, was Sie in New York machen? Vom Akzent her würde ich Sie in Deutschland oder Holland verorten.«
»Da liegen Sie ziemlich richtig. Ich bin in der Tat aus Holland. Amsterdam, um genau zu sein.«
»Und was machen Sie hier in New York, sind Sie Tourist?«
Die Kellnerin, die just in diesem Moment das Essen servierte, enthob ihn einer Antwort. Er nickte Daniel zu. »Na, dann wollen wir uns das mal schmecken lassen. Genießen Sie es.«
Die Geschwindigkeit, mit der die Enchiladas vertilgt wurden, war rekordverdächtig. Konrad Pair konnte nicht umhin, den korrekten Umgang mit Messer und Gabel bei seinem Gast zu registrieren. Offenbar stammte er aus einem guten Haus und hatte Tischmanieren gelernt, ganz im Gegensatz zu den barbarischen Essgewohnheiten, die er sonst bei Amerikanern sah. Während des Essens nahm in ihm eine zuerst vage Idee immer mehr konkrete Gestalt an. Da bot sich ihm vielleicht die Gelegenheit, seinen Häschern ein Schnippchen zu schlagen.
»Das hat Ihnen offenbar geschmeckt«, sagte er. Und nach dem bestätigenden Nicken: »Möchten Sie noch eine Cola?«
»Nein, danke, ich bin Ihnen schon genug zur Last gefallen.«
»Aber ganz und gar nicht, es war mir ein Vergnügen. Wenn Sie erlauben, würde ich Ihnen gern noch einmal helfen. Ich gebe Ihnen hier eine Kreditkarte. Mit der gehen Sie jetzt in den Publix dort hinten und kaufen für sich Lebensmittel ein. Damit kommen Sie dann einige Tage über die Runden. Ich trinke hier noch ein Bier und warte darauf, dass Sie mir die Karte zurückbringen. Was meinen Sie?«
»Oh, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Warum tun Sie das alles?«
»Sagen wir mal, ich war auch mal Student und kann mich ziemlich gut in Ihre Situation hineinversetzen.«
Immer noch ungläubig nahm Daniel zögernd die ihm gereichte Kreditkarte entgegen und machte sich auf den Weg zum Supermarkt. Konrad Pair winkte die Kellnerin heran und beglich die Rechnung. Als Daniel im Publix verschwunden war, stand er auf und machte sich eiligen Schrittes auf den Weg zur Port Authority. Durch den Einkauf würde Daniel eine falsche Spur legen, falls die Kreditkarten-Aktivitäten eines John Norton nachverfolgt wurden. Und er war sich sicher, dass dies geschehen würde. Wenn ihn der Student nach seiner Rückkehr nicht mehr vorfand, würde er die Kreditkarte entweder wegwerfen oder weiter benutzen. Letztere Variante wäre perfekt, denn sie würde suggerieren, dass er sich immer noch in New York aufhielt. Er pfiff vor sich hin. Seine neuen Kollegen hatten da eine schöne Nuss zu knacken.
Bei den Port Authorities angekommen, war er doch ein wenig platt. Sein Alter prädestinierte ihn nicht gerade für diese Art von Gewaltmärschen. Obwohl er mit 50 noch ziemlich fit war, hatte ihn doch sein, insbesondere seit dem Union Square, hohes Tempo ganz schön aus der Puste gebracht. Er hatte keine Mühe, die Abfahrtsplattform für den Bus nach Montreal zu finden. Dankenswerterweise fuhr der erst in einer guten Stunde los, so dass ihm noch genügend Zeit blieb, sich für die lange Fahrt mit Getränken und Sandwiches einzudecken.
Zunächst jedoch ging er zum Fahrkartenschalter. Der übergewichtige Mann in dem Glaskasten sah ihn kurz an, wobei sein schwarzes Gesicht eigentlich nur Langeweile verriet. »Fahrkarte?«
»Ja, nach Montreal bitte.«
»Hin und zurück?«
»Nein, nur hin.«
Nun schaute der Schaffner doch etwas interessierter. »Aha«, wobei sich das bedeutungsschwere Aha auf alles Mögliche beziehen konnte, »das macht 86 Dollar.«
»Okay.« Konrad Pair fingerte einen 100 Dollar-Schein aus der Hosentasche.
»Pass.«
Da hatte er es, dieser schläfrig wirkende Typ hatte nicht nach dem in den USA üblichen Führerschein gefragt, sondern den Pass angemahnt. Sein Akzent hatte ihn wohl gleich als Ausländer entlarvt. Konrad Pair fingerte einen weiten Hunderter aus der Hose und legte ihn auf den Counter. Der Schaffner zeigte keinerlei Reaktion, stempelte das Ticket ab und ließ den Geldschein verschwinden. Dann reichte er ihm die Fahrkarte und sah ihn mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck an.
»Ich habe Sie nie gesehen. Gute Fahrt.«
ÜBERRASCHUNGEN
Beim Verstauen seiner Einkäufe wurde ihm die Stille in seinem Schwarzwälder Berghof unangenehm bewusst. Gabi war mit ihren Jungen wieder zu ihrem Mann zurückgegangen, nachdem Norbert sie diesbezüglich händeringend angefleht hatte. Er war offensichtlich seiner neuen Flamme doch relativ zügig überdrüssig geworden. Zwanzig Jahre Altersunterschied waren auf die Dauer einfach zu viel.
Nicht nur Gabi fehlte ihm, zusätzlich hatte er vor zehn Tagen auch noch seine Schäferhündin einschläfern lassen müssen. Ihre Hüftprobleme waren immer schlimmer geworden und in Absprache mit der Tierärztin hatte er sich zu diesem Schritt durchgerungen. Ihm war immer noch ganz schwer ums Herz und wo immer er sich im Haus bewegte, sah er seine Nicki. Aber es half nichts, seine einzige Unterhaltung waren jetzt zweimal in der Woche die etwas einsilbigen Dialoge mit Agathe, seiner Haushälterin.
Das Telefon riss ihn aus seiner etwas düsteren Stimmung.
»Werner.«
»Hallo, Niels, hier ist Peter, Peter Nehmer.«
»Hallo, Peter, wie geht es?«
»Danke der Nachfrage, mein Lieber. Den Jungen geht es prächtig und Claire, na – du kennst sie ja, sie wird mit jedem Tag schöner. Das Alter scheint ihr überhaupt nichts auszumachen. Ich hoffe, du bist auch gut drauf?«
»Alles okay. Was kann ich für dich tun?«
»Ich will dich nur kurz ins Bild setzen. Deine Idee des … ich nenne es mal Staatsfonds … ist hier bestens aufgenommen worden. Horst war sofort Feuer und Flamme, Boris ist sowieso immer positiv, was meine Vorschläge angeht, die Kohler habe ich mit sanftem Druck auf meine Seite gebracht, nur der Wohler war zögerlich. Natürlich wollte er mal wieder einen Unternehmensberater einschalten.«
Niels Werner stöhnte leicht. »Oh nein, nur das nicht. Da kannst du ja gleich in den Medien unser Vorhaben hinausposaunen. Hast du deinen Kollegen irgendwelche Details gesagt?«
»Wo denkst du hin! Die haben von mir nur vage die grobe Richtung mitgeteilt bekommen. Genauso wie unser Aufsichtsratsvorsitzender Fieber. Der schwätzt ja auch gerne rum. Was mich persönlich noch umtreibt, ist die Frage, woher du so schnell die Information bezüglich des Scheiterns unserer Bankenallianz bekommen hast. Ich meine, ich wusste das ja mal gerade einen Tag vorher. Darf ich fragen, welches Vöglein dir das gesungen hat?«
»Fragen darfst du.«
Nach einem längeren Moment der Stille kam wieder Peter Nehmers Stimme durch das Telefon.
»Schon gut, ich habe verstanden. Übrigens denkt die Kohler, wir sollten uns um das Management des Atomfonds bemühen. Was meinst du?«
»Kann man machen, aber gemessen an den 500 Milliarden, die du im Visier haben solltest, sind das eher Peanuts.«
»Da hast du wohl Recht, ich habe sie zur Tarnung in dem Glauben gelassen, dass das ein guter Vorschlag ist. Horst hat mich übrigens noch auf eine Dringlichkeit aufmerksam gemacht, falls wir deinen Plan umsetzen wollen.« Horst Kaiser, der Finanzchef, die graue Eminenz der Wertebank, war immer für gute Vorschläge gut. Niels Werner schätzte ihn sehr.
»Und was meint er?«
»Er hat mich schon vor Wochen darauf aufmerksam gemacht, dass wir einen guten Chef für das Asset Management brauchen. Die Frage, Niels, ist schlicht, ob du bereit bist, zu uns zurück zu kommen.«
»Du hattest mich doch entlassen, erinnerst du dich?«
»Ich weiß.« Nehmers Stimme klang leicht gequält. »Im Nachhinein betrachtet habe ich damals wohl überreagiert.«
»Ich weiß, ich wollte dich eben auch nur ein wenig piksen.«
»Niels, ich hatte mich bei meiner Entscheidung zu sehr auf deine angedachte Rolle als trojanisches Pferd für Gerd Brauners Meinebank fokussiert und weniger auf deine enormen Verdienste für unsere Bank und mich persönlich natürlich. Ohne dich wäre die Entführung unseres Sohnes wohl nicht so glimpflich ausgegangen.«
Das Angebot zur Wertebank zurückzukommen und seine alte Position wieder einzunehmen, hatte Niels Werner befürchtet. Er fühlte sich hier auf seinem Berghof im Schwarzwald pudelwohl, auch wenn es im Moment sehr still in seinen vier Wänden war. Aber natürlich würde es ihm auch Spaß machen, wieder in seine alte Rolle bei der Wertebank zu schlüpfen.
»Denk darüber nach, Niels. In drei Tagen halte ich in Straßburg eine Rede. Das Europaparlament zieht mal wieder für eine Woche dorthin. Claire will mit den Kindern anschließend nach Colmar zu ihren Eltern fahren. Ich könnte von dort schnell bei dir vorbeischauen, mit dem Auto ist es ja nur eine Stunde.«
»Du bist herzlich willkommen, Peter.«
»Gut, dann also bis Freitag.«
Puh, was sollte er bloß machen? Offenbar ließ ihn seine alte Branche nicht los. Vielleicht sollte er hin und her pendeln? Dann könnte er zumindest das Wochenende hier verbringen. Wenn bloß die Verkehrsverbindung nach München nicht so schlecht wäre. Mit dem Zug war das eine Katastrophe, da kam nur der Wagen in Frage. Aber auch das würde zeitaufwändig sein.
Erst jetzt bemerkte er das laute Klopfen. Als er die Haustür öffnete, stand vor ihm ein etwas verlegen wirkender Josef. Der alte Mann vom tiefer gelegenen Bauernhof war sein nächster Nachbar, allerdings hatte er mit ihm noch nie mehr als drei Worte gewechselt, und das meistens auch nur, wenn seine Nicki die Katze vom Josef gejagt hatte. Das hatte ihn dann stets eine Flasche Rotwein gekostet. Gegenseitige Besuche waren aber völlig ausgeschlossen und hatten auch nie stattgefunden. Entsprechend verlegen trat Josef von einem Bein auf das andere und drehte seinen verwitterten Strohhut in der Hand.
»Entschuldigung, ich habe keine Klingel gefunden – und da habe ich halt an die Tür geklopft. Ich hoffe, ich störe nicht.«
»Aber nein, ganz und gar nicht. Wollen Sie hereinkommen?«
»Nein, passt schon, ich bleib lieber hier draußen in der schönen Sonne und setze mich an den Tisch dort.«
Wie immer hatte Niels Werner Schwierigkeiten mit dem alemannischen Dialekt, aber viele Jahre im Schwarzwald hatten sein Ohr mittlerweile dafür geschärft.
»Haben Sie zwei Gläser?« Mit diesen Worten holte Josef aus den Untiefen seines Umhangs eine Flasche Schnaps hervor. »Selbstgebrannt, versteht sich.«
Nachdem die Gläser auf dem Tisch standen, schenkte er großzügig ein. Mit einem »Prost« kippte er sein Glas hinunter und füllte es sofort wieder nach. Niels Werner kam gar nicht hinterher. Bevor das Ganze allerdings zum Kampftrinken ausartete, begann Josef seine für seine Verhältnisse unfassbar lange Rede.
»Also, die Gerda, was meine Frau ist, und ich, wir haben gedacht, jetzt, wo die Jungen weg sind und auch die Nicki nicht mehr da ist, muss es doch hier oben ziemlich einsam sein und dass Ihnen ein wenig Gesellschaft gut tun würde. Und da wir schon so lange eine gute Nachbarschaft pflegen«, Niels Werner traute seinen Ohren nicht, »habe ich eine Flasche von meinem Selbstgebrannten geschnappt und bin hier hoch gekommen.«
»Das ist eine Superidee von Ihnen, Josef. Ich weiß das sehr zu schätzen. Sagen Sie das auch Ihrer Frau.«
Josef nickte vor sich hin und kippte mittlerweile das dritte Glas seines Schnapses hinunter, ehe Niels Werner fortfuhr: »Aber ich hatte gedacht, die Nicki geht Ihnen auf die Nerven, weil sie doch immer Ihre Katze gejagt hat.«
»Ja, ja, die Nicki, eine bildschöne Hündin, und so lieb war sie, tat keiner Menschenseele etwas zuleide. Und meine Katze, na ja, es gab ja immer eine gute Flasche Rotwein hinterher.«
Josef sah ihn augenzwinkernd an und er begriff, dass wahrscheinlich sein Hund immer dann angeblich die Katze gejagt hatte, wenn der Josef eine neue Flasche Wein brauchte. Das alte Schlitzohr!
»Ja, und die Jungen, die haben doch sicher jede Menge Lärm gemacht und ständig Ihre Äpfel vom Baum geklaut.«
»Ach, die Jungen, lebhaft waren sie schon«, Josef kippte sein viertes Glas, während Niels Werner immer noch mit dem zweiten kämpfte, »aber Äpfel haben wir doch alle geklaut in der Jugend. Die schmeckten immer am besten. Ich bin übrigens der Josef. Du kannst ruhig du zu mir sagen.«
Jetzt musste er doch sein zweites Glas erheben, während Josef sich sein mittlerweile fünftes einschenkte.
»Ich bin der Niels, Prost, Josef.«
»Prost, Niels.«
Dann stand der Josef auf, verkorkte seine Flasche und ließ sie wieder in seinem Umhang verschwinden. Danach kam er um den Tisch herum und legte Niels Werner die Hand auf die Schulter.
»Mein Bruder, der Karl, der hat einen Hof weiter oben in der Nähe vom Höllental und seine Hündin hat Junge bekommen. Das sind Hirtenhunde, vielleicht auch Mischlinge. Aber wenn du einen Welpen willst, sag mir Bescheid. Wir würden auch auf ihn aufpassen, wenn du mal nicht da bist.«
Niels Werner hätte den alten Bauern fast in den Arm genommen, so überwältigt war er von dessen unerwarteter Herzlichkeit.
»Danke, Josef. Aber ich werde eventuell künftig wohl wieder, zumindest in der Woche, in München sein.«
»Sag nur ein Wort und wir werden ein Auge auf deinen wunderschönen Hof haben. Ich muss mich jetzt aber wieder um mein Vieh kümmern. Wenn du etwas brauchst, du weißt ja, wo wir sind.«
Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte wieder den Weg herunter zu seinem Hof, wobei seinem Gang nicht anzusehen war, dass er gerade eine gehörige Menge Schnaps in sich hineingeschüttet hatte. Trotzdem behielt Niels Werner ihn von seiner erhöhten Position im Auge. Man konnte ja nie wissen. Aber Josef meisterte den doch recht steilen Abstieg mit traumwandlerischer Sicherheit und erreichte unbeschadet seinen Hof.
Dort allerdings wurde er von einem Autofahrer angehalten, der ihn offensichtlich nach dem Weg fragte. Josefs Zunge war wohl immer noch vom Schnaps gelöst, denn er beugte sich durch die geöffnete Scheibe zu dem Fahrer herunter und verharrte eine ganze Weile in dieser Position. Dann machte er mit seinem Arm eine einladende Geste den Weg hinauf, den er gerade heruntergegangen war. Der Wagen setzte sich daraufhin in Bewegung und schlug den Weg zu seinem Berghof ein. Jetzt war Niels Werner hochgradig alarmiert. Was kam denn da auf ihn zu? Als der Fahrer, auf seinem Hof angekommen, ausstieg, dachte er nur: Mich laust der Affe!
»Konrad, was in aller Welt machst du denn hier?«
»Hallo, Niels, wie es aussieht, besuche ich einen alten Freund und Ex-Kollegen.«
»Aber um Himmels willen, ich denke, du bist in Amerika und darfst dich in Deutschland nicht mehr blicken lassen.«
»Eins nach dem Anderen. Darf ich vorher erst einmal dein Bad benutzen?«
»Na klar, komm, ich zeige dir den Weg. Möchtest du etwas trinken?«
»Wenn ich unverschämt sein darf, Kaffee wäre schön, und vielleicht hast du auch noch eine Kleinigkeit für meinen Magen.«
»Kein Problem.«
Während Konrad Pair im Bad verschwand, warf Niels Werner die Kaffeemaschine an und stellte schon einmal Milch und Zucker bereit. Es dauerte auch nicht lange, bis sein Gast sichtlich entspannter wieder auftauchte.
»Das ist ja ein Superdomizil, ich muss schon sagen, Niels, schön hast du es hier. Das gefällt mir«, und mit einem ironischen Zwinkern, »hier werde ich mich sicherlich wohlfühlen.«
»Hast du vor zu bleiben?«
»Wenn ich darf. Ich müsste für einige Tage untertauchen, und ich glaube, hier wird mich keiner vermuten und schon gar nicht finden.«
»Du bist willkommen, in dieser Hütte ist es in letzter Zeit ohnehin zu still. Das Gästezimmer ist frei und du hast da auch dein eigenes Bad. Wollen wir uns raussetzen? Auf der Terrasse im Garten ist es am angenehmsten und du hast einen Superblick über das Dreisamtal.«
»Gern.«
Konrad Pair ließ seinen Blick schweifen, während Niels Werner Kaffee und Teile des von Agathe gebackenen Zwetschgenkuchens auf den Tisch stellte. Sein Gast griff beherzt zu.
»Das sind die Dinge, die man in Amerika vermisst. Der Kaffee ist eine Katastrophe und so einen Kuchen bekommst du nirgends.«
»Und deswegen bist du nach Deutschland zurückgekehrt?«
Pair gluckste vor sich hin. »Nicht so ganz. Ich bin vor allem zurückgekommen, um am Leben zu bleiben.«
»Erzähl.«
»Na ja, warum wollten die Amis Samuel Leist eliminieren und warum hat der deutsche Geheimdienst durch meine Person dabei geholfen? Weil nichts über die Existenz dieser Organisationen bekannt werden soll. Nachdem Leist tot war, verblieb nur noch ein Restrisiko.«
»Du redest von dir.«
»Exakt. Ich glaube, sie hatten von Anfang an vor, mich ebenfalls mundtot zu machen. Nur deswegen haben sie mich in die USA gelotst. Natürlich bot sich für ihr Vorhaben New York an, in dieser Millionenstadt fällt ein Toter nicht so auf. Nachdem die mir in Washington erklärten, dass mein künftiger Arbeitsplatz in New York sei, war mir klar, ich muss verschwinden. Ich habe mich dann von New York aus in einem Greyhound abgesetzt und bin nach Montreal gefahren. Dort habe ich einen Flug mit Air France nach Paris gebucht. Vom Flughafen Charles de Gaulle ging es dann mit dem Mietwagen hierher. Den Wagen gebe ich morgen in Freiburg zurück.«
»Und nun? Wie willst du verhindern, dass die dich finden?«
»Das dürfte für die Jungs erst einmal nicht so einfach werden. Ich habe in New York eine falsche Spur gelegt und die John-Norton-Kreditkarte einem dortigen Studenten gegeben. Der wird sie eifrig benutzt und den Amis damit signalisiert haben, ich sei noch in New York. Beim Buchen des Greyhound-Tickets habe ich meine Identität nicht offenlegen müssen und beim Passieren der kanadischen Grenze hat sich so spät in der Nacht kein Grenzer für uns interessiert. Mein Ticket in Montreal lautete dann auf Konrad Pair, ebenso dieser Mietwagen da hinten. Natürlich werden sie mich finden, aber es wird wohl eine Weile dauern.«
»Ja, und dann?«
»Bis dahin werde ich mir eine Rückversicherung schaffen. Ich werde alles niederschreiben und einem Notar übergeben, der im Falle meines plötzlichen Todes diese Informationen an die Presse weitergibt. Und ich werde dafür sorgen, dass sowohl die Geheimdienste in Deutschland als auch in den USA davon wissen. Das dürfte deren Wunsch mich zu töten spürbar dämpfen.«
»Na, das hast du dir ja fein ausgedacht. Aber was ist, wenn es die Öffentlichkeit mitbekommt, ich meine, dass du frei bist?«
»Da wird es dann wohl den einen oder anderen bissigen Zeitungsartikel geben, von wegen Beugung des Rechtssystems und so weiter. Aber ich habe ordnungsgemäße Entlassungspapiere, die als Grund extrem gute Führung angeben. Rechtlich bin ich damit sauber. Der deutsche Geheimdienst kann ja schlecht seine Hilfe bei dieser Entlassung zugeben.«
»Mhm, wenn das so ist, dann könntest du ja wieder in die Wertebank eintreten.«
»Theoretisch schon. Was ist mit dir, hast du mit Peter gesprochen?«
»Ja, er hat mir diesbezüglich schon Avancen gemacht. Er will übrigens in ein paar Tagen hier vorbeikommen. Da kannst du ja auch mit ihm reden.«
»Das passt wie die Faust aufs Auge. Super. Niels, ich würde mich jetzt gern zurückziehen. Ich bin hundemüde, im Flieger konnte ich wie immer nicht schlafen.«
»Kein Problem, fühl dich wie zuhause.«
RACHEGELÜSTE
Sein von Haus aus ohnehin sauertöpfisches Naturell hatte sich in den zurückliegenden Tagen noch weiter eingetrübt. Auch der Blick aus seinem Arbeitszimmer in den schönen Woodland Park konnte seine Stimmung nicht aufhellen. Es war ja auch wirklich zum Auswachsen. Seit Tagen trieb sich offenbar Konrad Pair in New York herum, hatte sich aber noch nicht bei Silberstein gemeldet. Sein genauer Aufenthaltsort war ein Rätsel. Auch wie er überhaupt nach New York gereist war, hatten sie noch nicht wirklich aufklären können. Sein Schatten Liam Waggoner hatte ihn zwar in den Ronald Reagan Airport hineingehen sehen, dann aber aus den Augen verloren.
Max Snyder zuckte mit den Schultern. Es war ja auch eigentlich nicht wichtig. Wichtig war, dass Pair es offenbar für nötig gehalten hatte, seine Fahrt nach New York zu verschleiern. Das ließ sich nur mit einem gehörigen Misstrauen erklären und, was fast noch schlimmer war, wahrscheinlich hatte er Waggoner in seinem Kielwasser bemerkt. Deswegen hatte er den für ihn gebuchten Flug nicht genommen. Das immerhin wussten sie. Und dass er die John Norton-Kreditkarte schon einige Male in New York benutzt hatte.
Er drehte sich um und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Dort studierte er die Liste mit den Kreditkartennutzungen in New York: Publix, Publix, Drugstore, Barnes & Nobles. Hier stoppte er abrupt. Barnes & Nobles? Was hatte Pair in einem Buchladen zu suchen? Hier stand es: Kauf eines Buches über Financial Accounting von Stickney & Weil. In ihm keimte ein fürchterlicher Verdacht. Er riss seine Bürotür auf und rief seiner Sekretärin zu: »Liam Waggoner, ich will ihn sofort sehen!« Seine Vorzimmerdame goss ungerührt ihre Pflanzen weiter, derartige Ausbrüche hatte sie schon öfter erlebt.
»Herr Waggoner ist in New York. Er versucht, die Kreditkarte aufzuspüren.«
»Dann holen Sie ihn ans Telefon, sofort.«
Seelenruhig wählte Linda Herzog die Telefonnummer. Nach einer Weile sah sie ihn bedauernd an.
»Herr Waggoner geht nicht ran.«
»Dann versuchen Sie es weiter.«
Max Snyder knallte seine Bürotür wieder zu. Kaum hatte er sich in seinen Bürostuhl fallenlassen, läutete sein Telefon.
»Na, haben Sie endlich geruht, an Ihr Handy zu gehen?«
Nach einem kurzen Moment der Stille: »Max, hier ist Jerry.«
»Oh, Jerry, sorry, ich dachte, es ist Liam.«
»Alles okay bei dir?«
»Ja, alles okay. Was hast du?«
»Dieser Typ, mit dem der Norton auf dem Frankfurter Flughafen gesprochen hat, du erinnerst dich?«
»Ja, klar, ihr solltet sein Foto mit den Dateien unserer Immigrationsbehörde abgleichen. Habt ihr etwas gefunden?«
»Deine Idee dazu war goldrichtig. Bei den ESTA-Anträgen sind wir fündig geworden. Der Typ ist Deutscher und heißt Niels Werner. Ein Auskunftsersuchen an die deutschen Behörden ist schon unterwegs.«
»Das schadet zwar nichts, aber eigentlich brauchen wir das nicht. Ich kenne den Mann, na ja, kennen ist nicht das richtige Wort. Sagen wir, ich weiß, wer das ist und in welcher Beziehung er zu Norton steht. Danke, Jerry, wenigstens ein Lichtblick an diesem trüben Tag.«
Wie recht er mit seiner Einschätzung des Tages hatte, wurde ihm relativ schnell im unmittelbar folgenden Telefonat mit Liam Waggoner deutlich.
»Wieso gehen Sie nicht an Ihr Handy? Sie wissen doch, Sie haben jederzeit erreichbar zu sein.«
»Es tut mir leid, aber ich war beschäftigt und habe den Klingelton vom Handy nicht mitbekommen.«
Angesichts der trotz ständigen Räusperns belegten Stimme von Liam Waggoner wusste Max Snyder instinktiv, dass unangenehme Nachrichten auf ihn zukamen.
»Spucken Sie es schon aus.«
»Na ja, mir ist aufgefallen, dass die Kreditkarte eigentlich immer nur für Käufe eingesetzt wurde, die für Norton untypisch sind.«
»Schau an, das haben Sie also auch schon gemerkt.«
Liam Waggoner ignorierte diese Äußerung seines Chefs, er wusste die Zeichen eines brodelnden Vulkans nur zu gut zu deuten.
»Wir haben uns daher auf die Stellen des Kreditkarteneinsatzes konzentriert. Ich selbst habe beim häufig frequentierten Publix auf eine erneute Nutzung gewartet. Die kam dann auch relativ prompt.«
»Ja und?«
Max Snyders Stimme hatte einen etwas schrillen Unterton.
»Ich habe danach den Kerl einkassiert. Er war Student der Volkswirtschaft, 25 Jahre alt, Name: Daniel Manner. Bei der Befragung hat er ausgesagt, die Kreditkarte von einem holländischen Touristen bekommen zu haben. Er wollte sie ihm nach der ersten Nutzung zurückgeben, aber der Tourist war nicht mehr an dem vereinbarten Platz. Dann hat er die Karte weiter benutzt. Den Touristen hat er übrigens nach einem Foto als John Norton identifiziert.«
Max Snyder knirschte kurz mit den Zähnen. Dieser Mistkerl von Pair! Weiß der Kuckuck, wo der sich mittlerweile herumtrieb. Vermutlich hatte er die USA schon verlassen.



