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»Hat der Knabe eine Ahnung, wo dieser holländische Tourist hin wollte?«
»Äh, dazu konnte er keine Auskunft mehr geben.«
Ihn überlief es heiß und kalt. Wie hatte Waggoner eingangs gesagt: Er war Student.
»Ihr habt doch wohl nicht …«
»Doch, es tut mir leid, die Befragung war vielleicht etwas zu grob, aber wir wollten halt schnelle Antworten von ihm.«
»Waggoner, Sie sind ein hirnloser Idiot!« Snyders Stimme hatte nun einen gefährlichen Unterton. »Es bestand keinerlei Veranlassung den Jungen zu töten. Er stellte weder für uns noch für unsere Organisation eine Gefahr dar«, und nachdem er sich nach einer längeren Pause wieder in der Gewalt hatte, »ich hoffe, ihr habt ihn gescheit entsorgt.«
»Keine Sorge, er ist im Krematorium sauber verbrannt worden, als Beigabe für einen kürzlich ebenfalls Verstorbenen.«
»Dann machen Sie sich jetzt auf den Weg zu den Port Authorities. Das ist der Startpunkt für die Greyhounds. Ich wette, unser Freund ist mit denen weitergereist und mein Tipp wäre nach Kanada.«
»Wird gemacht, Boss.«
Boss! Das hatte Waggoner noch nie zu ihm gesagt. Dem war wohl doch ein wenig das Herz in die Hose gerutscht. Das nutzt dir nichts, mein Lieber, in deine Personalakte kommt trotzdem eine Notiz. Schlampige Auftragsausführung, unnötige Brutalität und so weiter. Bevor er jedoch anfangen konnte, dies auszuformulieren, kam ungerührt Linda Herzog in sein Büro und stellte eine Kanne Kräutertee auf seinen Tisch.
»Das entspannt und beruhigt die Nerven. Übrigens hat ein Herr Kaminski vom deutschen Nachrichtendienst versucht, Sie zu erreichen.«
»Und das sagen Sie erst jetzt?«
Max Snyders Stimme hatte schon wieder eine gepresste Tonlage. Seelenruhig schenkte die Herzog ihm trotzdem Tee in die mitgebrachte Tasse.
»Trinken Sie erst einmal einen Schluck, wie gesagt, das beruhigt. Ich verbinde Sie dann gleich.«
Nachdem sie sein Büro wieder verlassen hatte, schlürfte Snyder vorsichtig an seinem Tee. Mmh, in der Tat nicht schlecht. Auch wenn die Herzog ihm manchmal auf die Nerven ging, wusste er doch ihren Dienst in seinem Vorzimmer sehr zu schätzen. Ihm blieb gerade noch Zeit für einen weiteren Schluck Tee, als es schon wieder klingelte.
»Ja.«
»Kaminski hier. Guten Tag, Herr Kollege.«
Der grauenhafte Akzent von diesem Kerl tat seinen Ohren weh. Warum mussten diese Deutschen immer in so einem abgehackten Stakkato sprechen und stets am Ende des Satzes mit der Betonung in den Keller gehen? Egal, er zwang einen freundlichen Unterton in seine Antwort.
»Herr Kollege, wie geht es und was gibt es Neues?«
»Tja, so einiges. Ich hatte vorhin einen Anruf von Konrad Pair.«
Max Snyder saß stocksteif.
»Was wollte der Mistkerl?«
»Er hat mich darüber informiert, dass er in Deutschland ist und gedenkt, sein normales Leben wieder aufzunehmen.«
»Haben Sie den Anruf zurückverfolgen können?«
»Dafür war er nicht lang genug, aber das Gespräch kam definitiv aus dem Inland.«
»Na egal, wir werden ihn schon finden. Mit Ihrer Mithilfe natürlich.«
»Ich fürchte, das wird uns nicht viel nützen. Er hat mir eiskalt erklärt, dass er sein Wissen niedergeschrieben hat und die jeweiligen Papiere an drei Stellen hinterlegen wird. Für den Fall seines plötzlichen unnatürlichen Todes werden die Dokumente automatisch an die Presse weitergeleitet.«
Wenn er weiter so mit seinen Zähnen knirschte, würde er bald ein längeres Gespräch mit seinem Zahnarzt haben.
»Aber wie will er denn ein normales Leben führen? Er muss doch die Öffentlichkeit meiden.«
»Das habe ich ihm auch gesagt. Er hat mich daraufhin nur ganz ungerührt daran erinnert, dass er ja legale Entlassungspapiere aus dem Gefängnis vorlegen könne, die ihm bestätigen, wegen extrem guter Führung wieder freigesetzt worden zu sein. Nach deutscher Rechtsprechung ist er damit sauber. Eine eventuelle Aufregung in der Öffentlichkeit wegen zweierlei Maß bei der Behandlung von Kriminellen würde er locker aushalten.«
»Hat er sonst noch etwas rausgelassen? Wovon will er leben?«
»Das wird sich zeigen. Ich persönlich würde mich nicht wundern, wenn er zur Wertebank zurückgeht. Soweit wir wissen, wird er dort immer noch sehr geschätzt. Sobald ich etwas höre, melde ich mich. Bis dann, Herr Snyder.«
»Machen Sie’s gut, Herr Kaminski.«
Nach dem Telefonat ging Snyder an sein Bürofenster zurück und nahm seine Betrachtung des Woodland Parks unter ihm wieder auf. Das musste er erst einmal verarbeiten. Er spürte eine ungeheure Wut in sich und den übermächtigen Wunsch, sich zu rächen, nur wie und an wem, das war ihm noch nicht so ganz klar.
TEAMBILDUNG
Als die beiden Männer den Weg zu seinem Berghof hinaufgingen, war die Luft erfüllt von dem Duft der Blumen und Kräuter am Wegesrand. Außer dem Zirpen der Grillen und dem Klopfen eines Spechtes wurden sie von einer angenehmen Stille umhüllt. Noch nicht einmal Josefs Kühe waren zu hören. Der Zauber des Dreisamtals hatte sie voll im Griff. Niels Werner genoss jedes Mal den Aufstieg zu seinem Zuhause und soweit er das beurteilen konnte, ging es gerade Konrad Pair ebenso.
Der sah mittlerweile viel besser aus. Die zwei Tage Ruhe und das eifrige Bekochen durch Agathe hatten positive Zeichen hinterlassen. Offenbar hatte der gute Konrad den Dreh mit den Damen heraus. Seine Haushälterin jedenfalls bot ihre Dienste weit über das normalerweise von ihr zu erwartende Maß an. Statt der vereinbarten drei Stunden täglich war sie gestern geschlagene fünf Stunden geblieben und hatte sich immer wieder nach Konrads Wünschen erkundigt. Vermutlich wartete sie auch heute dort oben, obwohl es gar nicht ihr Tag war. Und es war ja nicht nur Agathe. Auch Gerda, die Frau vom Josef, war bei ihrem Besuch eben nicht wiederzuerkennen gewesen. Von wegen schwerhörig oder, wie sie in der Vergangenheit immer betonte, stocktaub, sie hatte äußerst lebhaft Konversation betrieben und jedes Wort verstanden. Die war genauso ein Schlitzohr wie der Josef selbst. Zur Krönung hatte sie dann noch etwas Lippenstift aufgetragen. Dem Josef war fast sein obligatorisches Schnapsglas aus der Hand gefallen.
Aber Konrads Charme hatte ihr eigentliches Anliegen beim Josef sehr erleichtert. Selbstverständlich würde er den verklebten Umschlag mit den darin befindlichen Dokumenten in seine Obhut nehmen, und natürlich hatte er diesen Umschlag nie gesehen. Die Gerda hatte ihn auch gleich irgendwo auf dem Bauernhof in einem Geheimfach verstaut. Beide hatten verstanden, dass sie diesen Umschlag nur nach Aufforderung durch Niels Werner wieder herausgeben sollten.
Niels Werner klopfte sich innerlich auf die Schulter. Es war seine Idee gewesen, den Josef einzuspannen. Vielleicht würden diese Geheimdienstfuzzis irgendwie hinter seine Identität kommen und sein Haus durchsuchen. Aber auf den Josef kommen die nie, dachte er zufrieden.
So sah das offensichtlich auch Konrad Pair. »Ich wette, meine Kollegen kommen nie darauf, dass der Josef die Papiere hat. Bei dir könnten sie etwas vermuten, aber bei den beiden nie.«
Mittlerweile hatten sie das Plateau erreicht, auf dem Niels Werners Berghof stand.
»Ich denke das auch – hoffentlich täuschen wir uns nicht.«
»Keine Sorge, Niels, Geheimdienstleute sind viel zu hochnäsig, um hinter der Fassade von Josef und Gerda etwas Derartiges zu vermuten. Der Josef hat dich ja auch super über den Tisch gezogen und mit dieser Hundenummer deine Weinvorräte dezimiert.«
»Woher willst du das denn wissen?«
»Na, er hat es mir gesteckt, als du im Bad warst. Die Gerda hat dabei schallend gelacht.«
»Hauptsache, ihr habt euch amüsiert. Ich kann mich jedenfalls nur über deinen Charme wundern, die Gerda habe ich noch nie so aufgeräumt gesehen. Ihr Geheimdienstagenten scheint speziell auf Frauen eine besondere Ausstrahlung zu haben.«
»Klar, das kannst du in jedem James-Bond-Film sehen.«
»Setz dich, ich hole uns ein Bier.«
Als Niels Werner wieder zurückkam und die Rothaus-Biere auf den Tisch stellte, konnte er sich eine süffisante Bemerkung denn doch nicht verkneifen.
»So doll scheint es mit deinem Charme doch nicht her zu sein. Ich hätte gewettet, Agathe kommt heute wieder.«
»Das ist nur, weil du in die falsche Richtung siehst. Schau mal, die Radfahrerin da oben am Berg. Ich wette, das ist sie.«
Beide Männer lachten lauthals und sahen Agathe entgegen, als sie auf ihrem Mountainbike den schmalen Hohlweg herunterkam. Als sie den Hof erreichte, durchzuckte es Niels Werner. Mich laust der Affe, dachte er, jetzt hat die auch noch Lippenstift aufgelegt. Agathe strahlte sie beide an, Konrad Pair etwas länger, und verschwand im Haus, aus dem kurze Zeit später das Klappern von Pfannen und Töpfen zu vernehmen war. Niels Werner rief durch das offene Fenster in die Küche: »Was gibt es denn heute Schönes, Agathe?«
»Szegediner Gulasch.«
Natürlich, Konrad Pair hatte ihr gestern sein Lieblingsessen genannt und prompt kam das heute auf den Tisch. Er machte eine hilflose Geste zu seinem Gast und bewegte den Kopf energisch zu der etwas weiter vom Haus weg gelegenen zweiten Gartenterrasse. Dort waren sie außer Hörweite.
»Was meinst du, Niels, wo deponieren wir die anderen Dokumente? Der Josef hat jetzt einen Satz und gestern habe ich an meinen Münchner Notar einen zweiten abgeschickt mit der Maßgabe, im Falle meines plötzlichen Todes diese Papiere sofort zu veröffentlichen. Ich habe aber noch einen dritten Umschlag gestern angefertigt.«
Niels Werner zögerte keine Sekunde. »Den solltest du bei Peter hinterlegen. Entweder er oder die Pauli können im Falle des Falles die Veröffentlichung veranlassen.«
»Gute Idee, aber meinst du, Peter wird dem zustimmen? Eigentlich muss er doch sauer auf mich sein. Schließlich habe ich ihm jahrelang meine Geheimdienst-Zugehörigkeit verheimlicht. Wo steckt er überhaupt, er wollte doch schon gestern hier sein?«
»Du siehst ihn nur nicht, weil du in die falsche Richtung siehst. Schau, da unten bei Josef, siehst du die schwarze Limousine?« Beide lachten wieder schallend. »Ich wette, das ist er.«
Beide Männer standen auf und gingen wieder zu der Terrasse am Haus, wo sie dem sich nähernden Auto entgegenblickten.
»Agathe, es sieht so aus, als ob wir noch einen Gast bekommen. Am besten kochen Sie etwas mehr.«
Als Peter Nehmer strahlend aus dem Auto stieg, hatte Konrad Pair sich aus dessen Blickfeld entfernt und ins Haus zurückgezogen.
»Hallo, Niels, ich freue mich wahnsinnig, dich zu sehen.«
»Das gilt auch für mich.«
Beide Männer umarmten sich.
»Wie war die Fahrt, hast du den Weg gut gefunden?«
»Kein Problem.« Peter Nehmer reckte sich leicht und ließ den Blick anerkennend schweifen. »Jetzt verstehe ich gut, warum du an diesem Platz so hängst. Da hast du dir ja ein wunderschönes Fleckchen ausgesucht.«
»Ja, Peter, ich fühle mich sehr wohl hier.«
»Wohnen da, wo andere Urlaub machen. Sehr schön. Aber ist dir das auf Dauer nicht doch ein wenig zu langweilig?«
Niels Werner konnte nicht umhin, die Ironie dieser Situation zu registrieren. Genau die gleiche Argumentation hatte damals Gerd benutzt, als er ihn als trojanisches Pferd in Peters Bank gewinnen wollte.
»Das Thema können wir ja nachher noch vertiefen. Zunächst muss ich dir sagen, dass ich noch einen Besucher habe. Das Vöglein gewissermaßen.«
»Wie, was, Vöglein, wovon redest du?«
»Na, du wolltest doch wissen, welches Vöglein mir vom Scheitern der Bankenallianz gesungen hat.«
Peter Nehmer ließ sich schwer auf einen Gartenstuhl sinken. »Und dieses Vöglein ist hier?«
»In der Tat«, ließ sich nun der aus dem Haus getretene Konrad Pair vernehmen. »Hallo Peter, alles gut? Du siehst etwas angegriffen aus.«
Peter Nehmer sprang auf und umarmte ihn heftig. Dann hielt er ihn auf Armeslänge von sich, sah ihm ins Gesicht und schüttelte immer wieder seinen Kopf. »Jetzt brat mir aber einer einen Storch. Wo in aller Welt kommst du denn her? Das gibt es doch gar nicht!«
»Das ist eine spezielle Geschichte. Am besten setzen wir uns wieder dahinten in den Garten.«
Dabei machte er eine bedeutungsvolle Geste in Richtung Haus. Nehmer verstand sofort und folgte ihm zusammen mit Niels Werner.
»Also, wenn ihr nichts dagegen habt, ich kenne die Geschichte ja schon. Ich werde mal ins Haus gehen und Agathe ein wenig auf die Finger schauen. Wer weiß, was die in ihrem Faible für Konrad sonst noch alles anstellt. Peter, was darf ich dir zu trinken anbieten?«
»Ihr habt ja schon mit Bier angefangen, dann schließe ich mich an.«
»Okay, kommt sofort. Konrad, du hast noch?«
Konrad Pair nickte und begann, als Niels Werner die zwei allein ließ, intensiv auf Peter Nehmer einzureden. Niels Werner ließ sich Zeit mit dem Bier. Er wusste, Peter würde angesichts dessen, was Konrad ihm auftischte, so schnell kein Bedürfnis nach seinem Bier haben. Agathe sah ihn vorwurfsvoll an, sie hatte sich wohl ein wenig mehr Zweisamkeit mit Konrad erhofft oder war enttäuscht, dass sie nicht mitbekam, was da so Interessantes besprochen wurde. Als er mit dem Bier in der Hand zum Tisch der beiden Freunde ging, spielte Peter Nehmer gerade den Moralapostel und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum.
»Willst du mir ernsthaft sagen, du warst ein Geheimdienstagent? All die Jahre, die du für mich gearbeitet hast? Konrad, ich habe dir vertraut!«
»Ja, so kann man es auch formulieren. Ich habe mich aber immer im Hauptberuf als dein Mitarbeiter gesehen und meine Geheimdienstnummer war eher eine Nebenbeschäftigung. Ich denke, dein Vertrauen in mich war in jeder Phase gerechtfertigt. Ich habe dir schließlich nicht geschadet.«
An dieser Stelle mischte sich Niels Werner ein. »Peter, man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen können. Schließlich haben wir alle, und dazu zählst vermutlich auch du, früher Dinge getan, auf die wir heute nicht mehr unbedingt stolz sind. Das gilt ganz besonders für mich und meine, wenn auch nur kurzzeitige, Rolle als trojanisches Pferd. Du hast es ja auch bei mir geschafft zu verzeihen. Ich denke, Konrad hat so viel für dich getan, du solltest auch in seinem Fall großzügig sein können.«
Die nun folgende Pause war lang, sehr lang. Werner und Pair sahen Peter Nehmer schweigend an. Dessen Blick war auf ein imaginäres Ziel in der Ferne gerichtet. Schließlich kehrte sein Blick zurück, er nahm das Bier und schenkte sein Glas voll. Dann sah er die beiden an und hob sein Glas. »Na dann Prost, ihr Säcke.«
Ein erleichtertes Lachen und ein lautes Prost war die Reaktion. Niels Werner brachte geschickt sofort ein anderes Thema zur Sprache. »Was hat dich aufgehalten, Peter, du wolltest doch gestern schon hier sein.«
»Ich hatte kurzfristig einen Termin beim bayerischen Ministerpräsidenten bekommen. Ihr kennt ihn übrigens, er war damals dabei, als wir Gerd Brauner bei unserem Treffen in der bayerischen Landesvertretung in Berlin zerlegt haben. Damals war er noch Wirtschaftsminister, ihm sind also ökonomische Fragestellungen durchaus geläufig. Deswegen hat sich mein Besuch bei dir, Niels, um einen Tag verzögert.«
Niels Werner winkte ab. »Kein Problem, wie war seine Reaktion?«
»Nun, er hat den Charme dieser Idee natürlich sofort verstanden, nicht umsonst war er vor seiner politischen Karriere als Steuerberater tätig. Aber er hat mich gleich gewarnt. Es würde sehr schwierig werden, den Finanzminister zu gewinnen. Diesem Buchhaltertyp wären neue Schulden ein Gräuel. Und er sieht auch keine Möglichkeit, diesen Plan durch den Haushaltsausschuss zu bringen, ohne eine riesige Debatte über Verteilungsgerechtigkeit loszutreten. Der Haushaltsausschuss muss aber in jedem Fall derartige Aktionen genehmigen. Darüber hinaus stellt die Frage, wer an diesem Fonds partizipieren soll, für ihn ein schier unüberwindbares Hindernis dar. Sollen alle einen Anteil an diesem Fonds haben oder nur die, die auch in unser Sozialsystem einzahlen, egal welcher Nationalität sie angehören. Und dann wäre da noch zu klären, ab wann dieser Anteil bezogen werden kann, erst mit der Rente oder auch schon früher, und so weiter und so weiter. Zusammengefasst, er persönlich findet die Idee gut, sieht aber enorme Probleme bei der Durchführung. Er will mir demnächst noch ein Grundsatzpapier zu all diesen Problemen erstellen lassen, sein Sekretär wird diesbezüglich auf mich zukommen.«
Peter Nehmer hatte sich zwar vorgenommen, nicht zu negativ bei seinem Bericht zu werden, aber je länger er sprach, desto schlechter konnte er seinen Frust verbergen. Und wie so oft in der Vergangenheit war es auch diesmal Konrad Pair, der ihn wieder aufbaute.
»Vergiss diesen ganzen Verteilungskram, vergiss, wer wann ein Anrecht auf seinen Anteil hat. Das Ganze muss als Staatsfonds konzipiert werden. Schau nach Norwegen, die haben so einen Staatsfonds. Der ist 1000 Milliarden Euro schwer, wird aus den Öl- und Erdgaseinnahmen des Landes gespeist und investiert in die globalen Anleihe- und Aktienmärkte. Norwegen hat auch schon bei konjunkturellen Schwierigkeiten bis zu 50 Milliarden aus dem Fonds abgezogen, um der Wirtschaft wieder Leben einzuhauchen. Zuletzt geschehen 2020 während der Corona-Pandemie.«
»Das ist es, Konrad«, Niels war sofort Feuer und Flamme, »und unser Fonds speist sich eben aus der Aufnahme von Schulden zu Nullzinsen. Bei 500 Milliarden und einer durchschnittlichen Verzinsung unserer Aktieninvestments von 6 Prozent, etwas, was die Börse in den letzten 100 Jahren im Durchschnitt eines jeden Jahres erzielt hat, haben wir Pi mal Daumen in zehn Jahren auch 1000 Milliarden Fondsvolumen. Der Staat kann dann sogar bei wichtigen Unternehmen als Ankerinvestor auftreten und so unerwünschte Übernahmen aus dem Ausland verhindern.«
»Na, ihr zwei seid ja wohl der perfekte Braintrust. Einfach super! Kann ich denn davon ausgehen, dass ihr mir künftig zur Verfügung steht?«
Niels Werner war der Erste, der das folgende Schweigen brach: »Wenn Konrad mit an Bord ist und du mir einen Wagen mit Fahrer stellst, der mich Montag morgens abholt und Freitag abends hier wieder abliefert, dann bin ich dabei, Peter. Eine derart spannende Geschichte möchte ich um nichts in der Welt verpassen.«
»Okay, letzteres lässt sich leicht arrangieren und was Konrad angeht, kannst du dich denn überhaupt in Deutschland frei bewegen?«
»Ich denke schon. In meinen Papieren steht Entlassung wegen extrem guter Führung. Wer daran gedreht hat, wird dankenswerterweise nicht erwähnt. Meine persönliche Sicherheit ist durch das Deponieren meiner Niederschrift über das Geschehene wohl gewährleistet. Nicht umsonst habe ich das meine früheren Kollegen wissen lassen. Natürlich kann es aber einen gewissen Sturm der Entrüstung in den Medien geben, aber noch nicht einmal das ist sicher.«
»Na, und selbst wenn, damit können wir umgehen.« Nun hatte Peter Nehmer einen Geistesblitz. »Wenn wir diesen Plan in Berlin durchboxen wollen, brauchen wir einen fähigen Mann vor Ort. Wie wäre es, Konrad, wenn du unsere Berliner Dependance leitest und vor Ort den Kontakt zu den entscheidenden Personen auf dem politischen Parkett intensivierst? Wir brauchen eine erstklassige Lobbyarbeit, und du hast das richtige Temperament und den Grips dafür.«
Niels Werner konnte es sich nicht verkneifen: »Oh ja, und er hat auch noch andere Talente, die sehr nützlich sein könnten.« »Hör nicht auf ihn, Peter, er ist nur neidisch. Also gut, deine Idee gefällt mir. Für diesen Fonds müssen wir in der Tat eine starke Präsenz in Berlin aufbauen und eventuell sogar einen Teil unseres Asset Managements dorthin verlagern.« Er ignorierte, dass Niels Werner seine Augen verdrehte. »Ich bin dabei, mein Lieber, sehr gern sogar.«
»Sehr schön, zusammen mit Horst Kaiser sind wir ein unschlagbares Team. Wegen der Details wird sich der Bernhardt mit euch in Verbindung setzen, er …«
Seine weitere Rede wurde rüde von Agathe unterbrochen, die die Herren zu Tisch bat.
ANGRIFFSPLANUNG
Der Flug vom Washingtoner Ronald Reagan zum New Yorker La Guardia Airport war eine einzige Schüttelei. Die Ausläufer eines massiven Sturmtiefs in den Carolinas warfen das Flugzeug hin und her. Mehr als einmal erwartete er das Abbrechen eines Flügels, aber die betagte Boeing versah tapfer ihren Dienst. Offenbar war auch den anderen Fluggästen mulmig, denn im Flugzeug war es verdächtig ruhig. Lediglich die Stewardess sah auf ihrem Sitz, auf dem auch sie sich zur Sicherheit angeschnallt hatte, ziemlich unbeeindruckt aus. Ihm jedenfalls reichte es und er war heilfroh, als die Landung relativ problemlos klappte. Hastig verließ Max Snyder, sobald es ging, den Flieger und atmete tief durch.
Am Ausgang des Flughafengebäudes erspähte er Ilans Fahrer, der ihm seinen Aktenkoffer abnahm und ihn zu der etwas entfernt parkenden Limousine lotste. Dankbar ließ er sich auf den Rücksitz fallen und versuchte, sich zu entspannen. Er schloss die Augen und praktizierte ein wenig autogenes Training. Der Chauffeur ließ ihn gewähren, er wusste von früheren Gelegenheiten, welch unangenehmer Zeitgenosse sein heutiger Fahrgast sein konnte.
Die Fahrt zum Rockefeller Plaza war erfreulich kurz, von dem sonst üblichen Gedrängel auf den Straßen war diesmal nichts zu sehen. Max Snyder stieg aus und hastete in das Rockefeller Center zu dem für Silberstein reservierten Aufzug. Durch seine Chipkarte aktiviert, öffneten sich dessen Türen und nach seinem Eintreten setzte sich der Aufzug zum vorprogrammierten Stockwerk in Bewegung. Dort angekommen, führte ihn ein wartender Mitarbeiter zum Büro der Investmentlegende Ilan Silberstein, der sich bei seinem Eintritt sofort erhob.
»Hallo Max, schön, dich zu sehen. Setz dich.«
Wie immer war Ilan Silberstein makellos gekleidet, seine gepflegte Erscheinung und sein schlohweißes, volles Haar verliehen ihm eine unnachahmliche Grandezza. Hinzu kamen, wie Snyder wusste, perfekte Manieren und eine sehr kultivierte Sprache. Das waren alles Dinge, die niemand von ihm behaupten würde. Er war eher der hemdsärmelige Typ, der keinerlei Empathie ausstrahlte. Aber wie er wusste, war auch bei Ilan nicht alles Gold, was glänzte.
»Hallo Sir, leider habe ich nicht so tolle Nachrichten.«
Ilan Silberstein stellte eine geöffnete Flasche Wasser und zwei der in den USA unvermeidbaren Pappbecher auf den Besuchertisch und nahm gegenüber von Snyder Platz. »Schieß los.«
»Also, die Nummer mit dem Pair kennst du ja.«
»Ja, der ist uns hier in meiner Stadt entwischt, also eigentlich ist er euch entwischt. Auf jeden Fall hat er uns ganz schön blamiert.«
Als Silberstein Snyders griesgrämigen Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er hastig hinzu: »Solche Dinge passieren, deswegen solltest du keine Magengeschwüre bekommen. Mir ist nur nicht klar, warum Liam den Studenten umbringen musste.«
»Das weiß ich auch nicht, das war völlig überflüssig. Auf jeden Fall ist dieser Pair in Deutschland wieder aufgetaucht.«
»Dann ist ja alles gut, wir schnappen ihn uns eben dort.«
»Eben nicht. Mich hat dieser Kaminski vom BND angerufen. Pair hat sich bei ihm gemeldet, deswegen wissen wir ja auch, dass er in Deutschland ist. Der Typ hat dem Kaminski eiskalt erklärt, dass er an drei Stellen, die er nicht näher bezeichnete, Aufzeichnungen, Dokumente und was weiß ich noch alles deponiert hat. Diese Papiere würden detailliert unsere Aktivitäten belegen und im Falle seines plötzlichen Todes veröffentlicht. Er will wieder ein normales Leben führen und nichts mehr von Geheimorganisationen wissen.«
Silberstein lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah Snyder prüfend an.
»Dann lassen wir ihn doch in Ruhe. Von sich aus wird er sicher nicht reden, dann würde ja auch seine eher unrühmliche Rolle in dieser Angelegenheit näher beleuchtet. Daran kann nun wiederum ihm nicht gelegen sein«, und nach einem weiteren prüfenden Blick, »aber daran scheinst du kein Interesse zu haben. Ist da noch mehr?«
»Ja, du bist auf dem richtigen Dampfer, Kaminski hat noch einmal angerufen.«
»Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Worum ging es diesmal?«
»Er hat von einem Informanten in der bayerischen Partei gehört, dass die Wertebank in Berlin mit einem großen Projekt vorstellig werden will. Ziel ist es, angesichts der praktisch nicht vorhandenen Zinsen die deutsche Regierung dazu zu bringen, am Kapitalmarkt reichlich Geld aufzunehmen und so eine Art Bürgerfonds zu gründen. Die Rede ist von 500 Milliarden in einem ersten Schritt. Dieses Geld soll dann höher rentierlich in den Aktienmarkt investiert werden. Natürlich will die Wertebank dann zunächst die Kapitalaufnahme über Anleihen und danach die Aktieninvestments dieses Fonds managen.«




