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«Sie haben die Banque de Genève in die Pleite getrieben …»
«Mit unserem Geld spielen sie an der Börse …»
«Hoch Nicole!»
«Hoch Dicker!»
«Gehen wir die Genossen verteidigen!»
«Bringt Stöcke, Pfeffer und Trillerpfeifen mit!»
Doch an jenem Novemberabend marschiert vor dem Palais des Expositions das Militär auf:
Rekruten aus der Infanterieschule
Jungs aus dem Wallis, der Waadt, dem Jura, aus Genf
können kaum die Waffen halten
mit Helm und Gewehr mischen sie sich unter die Menge
beziehen Prügel von den Arbeitern
ein paar Gewehre gehen zu Bruch
es sprechen Nicole und Tronchet
«Hoch die Sowjets!», «Tod den Schweinen!»
Man singt die Internationale
ist das die Revolution?
Nein, nur Krawall, Pfiffe, fliegende Steine
«Die Soldaten in die Kaserne!»
Ketten versperren den Zugang zum Gemeindesaal
die Menge durchbricht sie, zu Dutzenden stürmen sie
durch die Bresche
die Polizei jagt sie zurück
nur Krawall
bis die Trompete schallt
was hat das zu bedeuten?
«Un coup, visez bas, feu!»
schau diese Unglücksmenschen an, sie knien nieder,
zielen und schießen!
Maschinengewehre und Kriegsmunition!
in die Luft zielen verboten
nach dem Schuss eine tiefe Stille
in der Brasserie des Sports kommen erste Verletzte an
sie werden auf den Billardtisch gelegt
ein alter Mann wiederholt immer wieder
«Sagt es meiner Tochter, sagt es meiner Tochter …»
Erinnerst du dich, Miló? An alles erinnerst du dich, auch an Blanche, deine Gewerkschaftsgenossin: Sie hat ihren Bruder in der Rue de Carouge besucht und sieht nun auf dem Heimweg die Leute auf dem Platz, sie hört, dass es schon zwei Tote gegeben hat. Zuletzt werden es dreizehn Tote sein – darunter auch der Vater eines der Rekruten, die geschossen haben –, von den Verletzten zu schweigen.
Aber die Kaufleute können beruhigt sein, ihre Geschäfte haben überlebt, nur das Schaufenster des Bäckers hat ein Loch, die Feuerwehrleute werden in der Nacht mit einem Wasserschlauch die Blutspuren tilgen, und was soll die junge Blanche anderes tun, als in der Manteltasche die Fäuste zu ballen? Es ist kalt heute Abend in Genf, die Bise treibt die dürren Lindenblätter vor sich her, wer es sich leisten kann, geht ins Capitol in den Film La foule hurle mit Jean Gabin oder ins Central-Sonore, um die Beine der Marlene Dietrich zu bewundern.
In Bochuz denkt Miló wieder an die Szene mit Ramón Novarro und dessen akrobatische Flugkünste in dem Film La flotta del cielo, den er eines Nachmittags im Cinéma Oriental gesehen hat: Draußen schneit es, und Ramón springt hinaus in den Himmel, weil er seine unglückliche Liebe vergessen will, die schöne Sirene, die ins Meerwasser eintaucht. Die Flugzeuge dröhnen, Miló ist Ramón Novarro, er fliegt aus der Zelle davon und erlebt eine Liebesgeschichte mit der Sirene, küsst sie tief und lange.
In der Schwärze der Einsamkeit bevölkert sich die Stille mit Gespenstern, und der Gefangene sieht seine Helden wieder vor sich: Ramón Novarro, Bartolomeo Vanzetti, Nicola Sacco.
Eines Tages erschien auf den Straßen ein Plakat, auf dem stand: Sacco et Vanzetti sont innocents, liberons-les. Die Arbeiter in Genf demonstrierten. Einer von der Gewerkschaft zog einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche, der die beiden mit Handschellen aneinandergefesselt zeigte: Vanzetti hat einen Schnauzbart, Sacco einen stolzen Blick und eine Fliege. Beide tragen einen Mantel mit Pelzkragen: genau wie der Mantel, den Toto gestohlen hat, der Mantel, der ihn ins Gefängnis gebracht hat. Unter der Fotografie die Worte, die Vanzetti vor dem elektrischen Stromstoß gesagt hat, schwarze Binde über den Augen, Metallring um den kahl rasierten Kopf:
«Hier vor dem Tod wiederhole ich: Ich bin unschuldig. Sicherlich habe ich auch Unrecht begangen, aber ein Verbrechen nie. Ich danke allen, die mit uns gekämpft haben. Ich bin ein unschuldiger Mann, wie auch mein Genosse im Unglück, Sacco, unschuldig war. Ich verzeihe den Menschen, die mir das angetan haben.»
Und dann das im Gefängnis geschriebene Gedicht:
An den Füßen tragen wir Ketten
zur Buße.
In schmutzigen, dunklen Gefängnissen erleiden wir jede Qual
Zur Buße
Doch ihr, ihr da draußen
zerreißt die Ketten, holt uns heraus.
Die Gefängnistür geht auf
und wir hören den Schrei, den einzigen Schrei
Die Welt ist frei – ist frei – ist frei!
An einem dieser Tage hatte Amedeo ihm eine Zeitungsseite mit einer unfassbaren Nachricht mitgebracht:
Heute gegen zwölf Uhr erschien über Mailand plötzlich ein italienisches Flugzeug am Himmel und warf Flugblätter von Giustizia e Libertà ab. Die sprachlose, staunende Bevölkerung las sie mit Freuden. Die Flugblätter fordern zur Rebellion auf, um den Faschismus zu stürzen. Die Polizei griff ein, als das Flugzeug schon wieder aufgestiegen war und am Horizont verschwand.
Es ist ein Samstag im Juli 1930, Miló fantasiert. Zerreißt die Ketten! Dieser Irre ist ein Grundschullehrer aus Aosta: Bassanesi heißt er. Kommt aus dem Aostatal wie seine Mutter, ein Lehrer, ein sturköpfiger Fuchs, der gelernt hat, einen Eindecker zu fliegen. Um Platz für die Stöße von Flugblättern zu schaffen, verzichtet er auf den Fallschirm: zu schwer. Und über dem Domplatz von Mailand werfen Bassanesi und sein Freund die Flugblätter ab, die zur Revolte aufrufen, Tausende und Abertausende rote, grüne und gelbe Vögel flattern am lombardischen Himmel. Genau dann, wenn die Arbeiter und Angestellten aus den Käfigen der Büros und Fabriken kommen, in den Straßen den bunten Vögeln nachlaufen können und die Worte lesen: Revolte! Revolte!
Miló stellt sich vor, er sei sein Landsmann Bassanesi. Er erhebt sich im Flug über den See. Neben ihm in der Kanzel des Farman F200 sitzt seine Mutter Joséphine-Amérique, die aufgehört hat, Zigarren zu rollen. Jetzt überfliegen sie die Savoyer Alpen, der Eindecker verwandelt sich in einen rosa Phönix, der bis nach Fénis fliegt, dort macht er ein akrobatisches Manöver à la Ramón Novarro und setzt seine Mutter auf einer Wiese mit blühenden Weidenröschen ab; dann steigt er wieder auf, kehrt um und holt seine Verlobte Anna, die einen Mantel mit Fuchskragen trägt, aber darunter ist sie eine splitternackte Sirene und singt, wie die Sirenen für Odysseus auf dem Schiff.
4
Zu Beginn des Sommers 1934 verlässt Miló das Zuchthaus und überquert den Großen St. Bernhard; aber ohne Napoleons Berberstute … Innerlich nimmt er die Radtouren an den Ufern des Genfersees mit, das Paradies oberhalb der Veveyse, das Geklimper des Gefängniswärters, der im Vorbeigehen an die Gitterstäbe des Zellenfensters schlägt, Bassanesis Riesenvogel; und jenes Wort, das er nicht vergessen kann: «unerwünscht». Er hat Anna verlassen, die nun ihre Kunden in den Cafés sucht, wo sie sich für wenig Geld verkauft, und in den Nachtlokalen, in denen sie sich als Tänzerin ausgibt; auch sie wird die Strafanstalten kennenlernen. Auch sie wird ausgewiesen werden, unerwünscht.
In Italien strengt Miló sich an. Er lernt Roulette spielen wie die schicken Krawattenträger in Vevey, die er durch die Scheiben sah, wenn er an den Luxushotels vorbeiging. Auch er ist jetzt ein vornehmer Herr. Er fährt einen Balilla und hat stets ein Hündchen dabei, setzt in den Spielcasinos auf Rot und auf Schwarz: Er hat eine Methode entdeckt, die es ihm ermöglicht, zu gewinnen und ein schönes Leben zu führen. Bei Frauen ist er begehrt.
Hier ist er in Venedig. In der Rechten die Zigarette wie ein Geschäftsmann, die Linke in der Tasche des Mantels, den er mit dem Geld vom Roulette gekauft hat: im Hintergrund die Piazza San Marco, Touristen mit Tauben und Fledermaus-Carabinieri. Auf einem anderen Foto ist er in Nizza, mit Clownshose und Clownshut, in einer Gruppe, die von einer Ziehharmonika bei Laune gehalten wird. Im Jahr 1936 löst er das Überlebensproblem in einer Kaserne von Turin, viertes Bersaglieri-Bataillon: Er ist italienischer Staatsbürger und muss seinen Militärdienst ableisten. Der piemontesische Feldwebel begrüßt ihn mit dem Schrei: «Valdustàn patata» …
Nach dem Militär kehrt er zu seinem Onkel nach Aosta zurück. Die Gebirgsstadt empfängt ihn mit rauen Straßen, engen Gassen, Handwerksbetrieben. Auf dem Marktplatz sieht er Bergbauern mit gegerbten Gesichtern, Kinder, die barfuß um Almosen betteln, den Scherenschleifer mit seinem Karren, die fliegenden Händler und die Gemüsefrauen; ihm aber fehlt die blaue Luft des Sees. Die Stadt gefällt ihm wenig mit den traurigen Steinquadern des Römischen Bogens und den faschistischen Samstagen, den Fähnchen und Standarten, den Tugenden der Faschistischen Jugend, dem strahlenden Horizont, den Worten, die aus dem Radio tönen:
«Die Sonne geht auf, es kräht der Hahn, o Mussolini, aufs Pferd, wohlan!»
Vor dem Bahnhof stehen Statuen von Cäsar und Augustus. Wenn er den Blick hebt, sieht Miló die Berge; doch ihm fehlen die anarchistischen Freunde von den Baustellen in der französischen Schweiz. Auch wenn die Straße, in der er wohnt, ihn an gewisse enge Straßen in Vevey erinnert, wo er sich als Kind herumtrieb und von der Schleuder Davids träumte.
Er wohnt in der Via de Lostan in einem Reihenhaus bei seinem Onkel Baccio, der als Schmied arbeitet, und nimmt seine Tätigkeit als Anstreicher wieder auf. Doch bald erfasst ihn die Sehnsucht: Was wohl seine Mutter in Vevey macht? Umwickelt sie immer noch poupons in der Fabrik? Ist ihre Arthritis schlimmer geworden? Er hat sie seit mehreren Jahren nicht gesehen und beschließt, sie zu besuchen: Am 29. Juli – wenn der Weizen reift, wie sie beim Barras in den Osterien von Turin sangen – macht er sich auf Ziegenpfaden auf den Weg. Kein Weizen, allerdings. Keine kleinen Mädchen «mit einer Rose in der Hand», sondern Steinhaufen voller Vipern und das plötzliche «Halt! Wer da?» des Schweizer Gendarmen, der auf dem Großen St. Bernhard Dienst tut: Sie nehmen ihn fest, entdecken, dass er aus der Schweiz ausgewiesen wurde, und übergeben ihn dem italienischen Wachtmeister, der sich darum kümmert, ihn «angemessen» zu verhören und zum Sprechen zu bringen, um ihn in Handschellen ins Gefängnis von Aosta zu überführen. Auf dem Fahndungsfoto des Polizeipräsidiums hat der Flüchtling eine geschwollene Nase und verquollene Augen. Sie geben ihm drei Monate und zweitausend Lire Geldstrafe. Doch dann hat Maria Pia von Savoyen die gute Idee, auf die Welt zu kommen, und es gibt eine Amnestie: Der Allmächtige, unendlich Gütige und Gerechte hat die gekrönten Häupter nach seinem Bilde geschaffen, um die Unerwünschten zu begnadigen.
Begnadigt und überwacht. Niemand kann ihn allerdings daran hindern, sich zu verlieben. Lässt die Liebe nicht selbst die Esel tanzen? Eines Tages arbeitet er als Anstreicher auf dem Gerüst an der Entbindungsstation, als er eine magere Krankenschwester mit lächelnden schwarzen Augen vorbeigehen sieht: Es ist Ida, die Kleine aus den Abruzzen. Sie hat ihre Heimat am Meeresufer, wo sie sich eingesperrt gefühlt hat, für die Berge im Norden verlassen. Ihre Brüder arbeiten bei Cogne, sie schuftet hier. Und nun steht dort dieser kräftige Bursche mit dem Schnauzbart: Die Pinsel in der Hand, hält er inne und sieht sie verzaubert an. Er gleicht dem Schauspieler aus dem Film, den sie im Filmtheater Politeama Vittoria gesehen hat. Sein Po ist wohlgerundet, wie er da auf der Leiter balanciert. Seine Augen dunkel wie die Blüten der Akelei. In ihren Augen funkeln Sternchen. Sie unterhalten sich. Und heiraten am 13. April 1940. Die wichtigen Dinge geschehen immer im April.
Miló findet eine Stelle bei Cogne in der Mechanikerwerkstatt, Abteilung Eisenlegierungen. Die große Fabrik befindet sich im Süden der Stadt, wo ein Wildbach in die Dora fließt.
Er bekommt einen Arbeiterlohn, arbeitet aber als Angestellter:
«Bist du Parteimitglied?», fragt ihn der Personalchef, als er sich vorstellt.
«Wollt ihr jetzt einen Faschisten oder einen Angestellten? Wenn ihr einen Angestellten wollt, bin ich dabei.»
Der Betrieb arbeitet auf Hochtouren für den Krieg. Stahl für Eisenbahnschienen, Waggons, Kanonen, Flugzeuge, Schiffe, Panzer, leichte Waffen, Geschosse. Der Krieg. Nach der Eisenbahnüberführung sieht Miló, wenn er zur Arbeit geht, über dem Hauptgebäude des Stahlwerks die Schrift mit den weißen, fensterhohen Buchstaben: Duce Duce Duce. Und vor einigen Monaten hat man der Belegschaft die Regeln des faschistischen Arbeiters ausgehändigt, die folgendermaßen beginnen: «Erinnere dich, dass Mussolini immer recht hat.» Und so enden: «Arbeite und schweig.» Dazwischen wird an einer Stelle dazu aufgerufen, die aufrührerischen «Schwachköpfe», die behaupten, etwas von Politik und Strategie zu verstehen, unerbittlich niederzumachen: «Hab absolutes Vertrauen zu Demjenigen, der – in Rom – die Verantwortung für alles trägt. Er genügt für alle.»
Die Bewohner des Aostatals arbeiten bei Cogne, auf diese Weise brauchen sie nicht zu emigrieren: Der Krieg mit seinen Haien, Spekulanten und der Todessense kommt ihnen zu Hilfe. Die meisten sind Bauern, nach der Arbeit gehen sie heim zum Heuen und Stallausmisten. Sie haben zwei Arbeiten, das Tal hört auf, sich zu entvölkern. 1936 hat der Faschismus in Spanien seine Generalprobe abgehalten. Drei Jahre später ist Mussolini in das kleine Rom der Alpen eingezogen, durch einen M-förmigen Bogen gegenüber dem des Kaisers Augustus. Und jetzt marschieren bei Cogne die fürchterlichen Deutschen ein: Die verstehen was vom Tod! Und im Mai 1943 wird man deutlich sehen, was der Krieg wirklich ist, was übrigbleibt vom Bataillon Monte Cervino, das in den Steppen des Don zur Schlachtbank geschickt wurde … Die jungen Hasen kommen in Waggons zurück, auf denen steht: W i lupi della steppa – Ein Hoch auf die Steppenwölfe. Den gefeierten, mit Blumen und Schlachtrufen empfangenen Alpini bleibt nichts, als sich an die Flasche zu hängen: Die wenigen Überlebenden können den Bischof über die Barbarei der Roten und der Engländer reden hören und abends mit Freikarten ins Filmtheater gehen: Der Sieg ist ein Kinomärchen.
Seit Ende des Jahrhunderts, als die Cholera ein Massaker angerichtet hat, gibt es im Tal keine Arbeit mehr; Felder, wo man etwas anbauen kann, gibt es wenige, die Ernten sind karg und die Steuern hoch. Also wandert man aus: nach Paris, um Taxi zu fahren, in die französische Provinz, in Schweizer Städte, nach Amerika; Milós Mutter hat Vevey gewählt. In einigen Dörfern des Hochtals hängen in den Geschäften die Fahrpläne der Überseedampfer aus. In der Osteria flucht man: «Scheißitalien, hauen wir ab!»
Jetzt aber ist es genug: Man arbeitet bei Cogne, und in der Stadt ist sogar ein neues Viertel entstanden, wo die Arbeiterfamilien wohnen, die häufig aus dem Veneto und aus Kalabrien stammen oder Ausländer sind. Das zertrümmerte Erz wird mit Loren aus dem Bergwerk und dann mit einer Seilbahn bis zur Fabrik in Aosta transportiert: Hochofen, Stahlwerk, Walzwerk. Die Bewohner des Aostatals sind stark und gelehrig. Die Gießerei ist die Hölle: Hochöfen zum Schmelzen des Stahls bei Temperaturen von 1500 bis 2000 Grad, Getöse der Walzstraßen, Kräne, die Schrott wegräumen, Spritzer von geschmolzenem Stahl beim Guss. Der größten Gefahr sind die Schlangenlenker ausgesetzt, die am Ausgang und am Eingang der Walzen mit riesigen Zangen die Rundstahl- und Vierkantstäbe steuern. Tust du einen falschen Schritt oder verpasst den richtigen Moment, wirst du von der glühenden Schlange erfasst. Außerdem bringt die Schichtarbeit den Rhythmus des täglichen Lebens durcheinander: Eine Woche steht man vor Sonnenaufgang auf, in der nächsten Woche arbeitet man bis spät und kommt erst mitten in der Nacht nach Hause, in der dritten Woche schläft man nachts überhaupt nicht.
Unter den Arbeitern fühlt Miló sich wohler als unter den Bauern, die ständig am Schwanz ihrer Kuh hängen. Er beginnt, den historischen Materialismus zu studieren, organisiert Versammlungen bei sich zu Hause in der der Via Croix de Ville Nummer zwei. Er ist einer der «Besserwisser, die behaupten, sie verstünden etwas von Politik». Ida, die inzwischen die kleine Renata bekommen hat, gönnt sich einen Tapetenwechsel und fährt für einige Monate in ihre Heimat, die Abruzzen, während Miló zum Lehrer wird für Emilio, Alfredo, Augusto und Italo, alles Cogne-Arbeiter: Sein Freund Lino Binel, der in Mailand Ingenieur geworden ist, hat ihm Das Wesen des Marxismus gegeben, und er macht auf losen Blättern Zusammenfassungen: «Was versteht man unter Ware? Als Ware müssen alle durch menschliche Arbeit geschaffenen Dinge verstanden werden … Denn der Wert einer Ware ist nichts anderes als die Arbeit, die zu ihrer Produktion aufgewendet wurde …» Worte, bei denen man begreift, wie die Hölle funktioniert und wie erbarmungslos sie ist. Ende 1942 schreibt Miló an seine Frau: «Meine Schüler rauben mir all das bisschen Freizeit, das ich habe.»
Unterdessen macht der Faschismus mit seiner Angeberei weiter. Doch nicht alle heben den Arm mit der ausgestreckten Hand. Manche «Schwachköpfe» treffen sich nachts in der Vorstadt oder am Ufer der Dora, um zu beraten. Einer davon heißt Jean Chabloz und gehört einer Untergrundzelle an: Sein Deckname ist Carlo. Er ist in Frankreich Kommunist geworden, nachdem er die Ziegen des Aostatals mit einem Pariser Taxi vertauscht hat. Während er auf Kunden wartete, konnte er Zeitungen und Bücher lesen, verstehen, wie es in der Welt läuft. Er hat sich einen goldenen Ring machen lassen, auf dem eine Emaille mit dem Foto seines Sohnes angebracht war, innen eingraviert Hammer und Sichel mit den Initialen seines Namens. Die frühen Dreißigerjahre hat er in Paris erlebt, so wie Miló in Genf. Und nun, im Frühjahr 1943, erreichen die Nachrichten über Streiks in den Fabriken von Mailand und Turin allmählich auch das Tal, und es sind auch ein paar rote Fahnen aufgetaucht. Die faschistischen Schlägertrupps drohen mit Schlagstöcken und Pistolen, aber die Arbeiter reagieren, indem sie Bolzen werfen.
In der Stadt spielen die «Schwachköpfe» dem Regime lustige Streiche: Dem römischen Kaiser, der auf die Gipfel schaut, wird eines Nachts eine Kette aus steinharten Broten um den Hals gehängt, zusammen mit einem Schild, auf dem steht: Augustus, kannst du mit deinem Bronzemagen dieses Brot verdauen? An manchen Häusern tauchen Sprüche auf wie: Brot und Pasta, mit Duce ist jetzt basta. Und in der Fabrik organisieren sie kleine Sabotageakte der Kriegsproduktion: langsam arbeiten, Material verschwenden …
Am 25. Juli, einem Sonntag mit leuchtenden Wolken über den Höhen, kann der piemontesische Schuster in der Via Croix de Ville endlich verkünden:
«Er ist gestürzt! Er ist gestürzt!» Es ist, als setzte ein plötzlicher Rausch die Luft in Brand, ein unruhiges Glücksgefühl: Das obszöne Maul der römischen Wölfin, die von der Säule gegenüber dem faschistischen Parteibüro alles dominiert, muss dem federnden Schritt des Fuchses weichen, der die Freiheit schnuppert. Anmut und Schlauheit statt Grausamkeit.
Miló beteiligt sich an dem Trubel auf den Straßen der Stadt, er reißt die Abhörwanzen der Faschisten herunter, die Plakate, die «Glauben-Gehorchen-Kämpfen» predigen. Noch einmal wird er verhaftet, auf die Polizei und ins Gefängnis gebracht. Nur kurz allerdings: Die Tage folgen aufeinander, aber sie verändern sich.
5
Nicht alle wissen, wo das Clavalité-Tal liegt. Das Wort lässt an einen Knüppel denken, mit dem man der faschistischen Republik den Kopf einschlagen kann, an ein Tal, das man durchqueren kann, an die berühmte égalité, von der in den Geschichtsbüchern die Rede ist. Es vermittelt ein Gefühl von Öffnung, von Aufatmen, sogar von Adel; man könnte meinen, Monsieur de Clavalité mit dem Falken auf der Schulter auf die Burg von Fénis reiten zu sehen. Lauscht man der Melodie des Wortes, kann man an den Wind denken, der weit durch die Pinien, Lärchen und Flaumeichen braust, an die hungrigen Füchse, die nachts durch die Niederungen streichen. Jetzt jedoch gibt es keinen Monsieur, keine Fantasien: Und die Füchse sind die Rebellen, die hier ihre Höhle gebaut haben, die jeden Tag Waffen, Esskastanien, Reis und Tabak herbeischaffen und dafür sorgen müssen, ihre Haut zu retten. In dieser Senke, die in Friedenszeiten einer sanft gewellten Lichtung voll guter Kräuter gleicht, wohnt nun die Angst.
An diesem Abend eilen Milós Gedanken unter dem Wintermond dahin: Wird Sterben wirklich sein, als erwachte man aus tiefem Schlaf? Steif vor Kälte kehrt er von einem seiner Erkundungsgänge im Tal zurück, und plötzlich fällt ihm dieser Kinderreim ein, das Jahr im Sprichwort: «Ein Baum hat zwölf Äste, jeder Ast hat vier Nester, jedes Nest hat sieben Junge, jeden Tag fliegt eines fort und das nächste kommt.» Den sagte ihm seine Großmutter in Fénis immer vor, wenn er als Kind in den Ferien aus Vevey zu ihr kam mit Mama Joséphine, die jetzt dort in der Schweiz bestimmt an ihren Sohn denkt, während er am Rand des Abgrunds geht.
Jeden Tag fliegt eines fort und das nächste kommt: Wie viele Tage mögen vergangen sein, seit sie sich in der Wohnung in Aosta versammelt haben? Es war am Abend des 8. September, Badoglio hatte den Waffenstillstand mit den Alliierten verkündet. Doch in den Zeitungen wurde die Meldung mit einem Trauerrand veröffentlicht. Was war da los? Der berühmte Badoglio, der Herzog von Addis Abeba, hatte gesagt: «Der Krieg geht weiter.»
Miló dachte: «Wenn der Krieg weitergeht, geht auch der Faschismus weiter.» Und er hatte beschlossen, jene Versammlung in der Wohnung in der Via Croix de Ville zu organisieren. Binel nahm teil, der ihm die Artikel von Gramsci gegeben hatte und am 25. Juli mit ihm zusammen verhaftet worden war; Chabloz kam, der mit Ivrea und Turin Verbindung hielt, und einige Cogne-Arbeiter waren da, die Brot und Frieden auf die Mauern der Stadt geschrieben hatten. Ida stand auf dem Balkon Schmiere, und im Erdgeschoss hörte man die Schritte einer hinkenden Frau, während an der Straßenkreuzung die faschistische Miliz vorbeimarschierte. Wie viele Tage ist das her?
Miló erinnert sich an die Septemberabende, als sie beschlossen hatten, ins Gebirge zu gehen. Was hatte ihn zu diesem Entschluss bewegt? Ein Wind, der aus seiner Schweizer Jugend herüberwehte, von den Gerüsten, auf denen er den Ungehorsam erlernt hatte, von den erlittenen Demütigungen, dem Faustschlag der flics mitten ins Gesicht, von seiner Mutter, der Zigarrenarbeiterin, die schnell am Genfersee entlangging, von den freien Möwen, die er am Himmel über dem See hatte fliegen sehen. Es war ein Wind, der ein neues Wort unter die Menschen brachte, eine Hoffnung auf Gerechtigkeit. Nun warfen die Soldaten des königlichen Heeres die Koppeln fort und liefen davon, die Offiziere machten sich aus dem Staub, der Staat brach zusammen, und die Bourgeoisie machte sich in die Hose, der König, seine Generäle und Höflinge waren nur darauf bedacht, ihre Haut zu retten: Was sollte man tun? Was bedeutet «Waffenstillstand»? Miló und die anderen entschieden, für diese neue Hoffnung zu kämpfen.
Miló stapft durch den Schnee des Clavalité-Tals. Aosta ist weit, und der Winter ist auf über tausend Metern ein elendes Vieh. Die Aufständischen – die Banditen, sagen die anderen – sind etwa ein Dutzend, wie die Äste des Baums in dem Kinderreim, aber die Faschisten der Republik von Salò denken, dort oben seien mehr als hundert, und wagen nicht anzugreifen.
Um den Unterschlupf zu erreichen, hat er den Maultierpfad eingeschlagen, auf der einen Seite im Mondschein bleiche Felszacken, auf der anderen Schluchten und Abgründe. Gib gut acht, wohin du deine Füße setzt. Das Knirschen der Klettereisen begleitet die sich überschlagenden Gedanken. Miló denkt an seine Frau Ida: Sie ist als Stafette im ganzen Tal unterwegs, und eines Tages erschien sie bei einem solchen Schneesturm mit einem Paket oben in der Berghütte, dass sie selbst nicht wusste, wie sie das geschafft hatte. Sie näht Schulterriemen und Säckchen für die Handgranaten, sogar eine Nähmaschine haben sie ihr in die Hütte gebracht. Ida macht auch den Vierten beim Kartenspiel mit den Männern der Bande und hat Verbandsmaterial und Mullbinden im Schrank. Sie backt Pizza und kocht Spaghetti. Sie hat keine Angst. Sie nimmt den Zug bis Pont-Saint-Martin, dann läuft sie hinauf bis Gaby. In Ivrea geht sie auf den Markt, um Hosen und Hemden für die Bande zu kaufen. Doch nun ist sie wenigstens in Sicherheit mit Renata, ihrer kleinen Tochter, die ein Jahr nach der Hochzeit geboren wurde. Sie hat einen gefälschten Personalausweis: Ins Gebirge zu gehen war auch für sie eine Entscheidung auf Leben und Tod.




