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Es ist anstrengend, durch den Schnee zu stapfen, doch heute Abend erhellt der Vollmond den Schritt. Der Mond lässt Füchse und Gedanken tanzen. Und plötzlich erscheint auf dem Weg tsamba de bouque, der in den Vollmondnächten über die Felder strich, bewaffnet mit einer Sense. Das Hinkebein. Wenn er einen Menschen traf, verfolgte er ihn, um ihn mit seiner Waffe zu töten, so erzählte die Großmutter im Stall von Fénis; aber man braucht sich nur hinter einem Baum zu verstecken, dann geht tsamba de bouque davon. Au claire de la lune je l’ai vu, à l’ombrette je l’ai perdu …
Miló flüchtet sich in den Bauch einer Felsspalte, um geschützt eine Zigarette zu rauchen. Sorgsam achtet er darauf, das Flämmchen zu verbergen. Wie viele Tage sind seit dem 8. September verbrannt, wie viele Vögel aus dem Nest fortgeflogen, seit die Rebellen entschieden hatten, nein zu sagen? Die ersten wohnten in der Berghütte von tante Pélagie, dann sind sie auf neunhundert Meter hinaufgestiegen, und jetzt noch höher, auf zwölfhundert, wo sich ein weiter Himmel über das Matterhorn und den Monte Rosa spannt: gegenüber das Valtournenche, das Tal mit den Strommasten, die gesprengt werden sollen. Von dort oben überblickt der Wachposten die große Straße am Talboden.
Miló denkt an die Bande: an den Backofen, der im Bau ist, den Generator, den sie zu konstruieren versuchen, das Holz, das auf die Axt wartet, die Auseinandersetzungen um die Gemeinschaftskasse, das Kalb, das geschlachtet werden soll, das Roggenmehl, das sie für die peilà beschlagnahmen müssen, die Unterstützung seitens der Bevölkerung, die immer mehr abnimmt. Und dieser miese Kerl aus Fénis? Man hat ihn sagen hören: «Wenn der Krieg noch zehn Monate weitergeht, brauche ich nie mehr zu arbeiten.» Und auch diesem anderen Erzfaschisten vom Schwarzmarkt muss man einen Besuch abstatten …
Ein Schritt, noch ein Schritt. Zur Bande gehört auch Victor, der Engländer: Eines Tages hat er sich im Dorf mit Grappa volllaufen lassen, die Genossen mussten ihn zurückschleppen und haben ihn mit Wassertragen und Ausschluss von den Aktionen bestraft. Außerdem ist da noch der andere Engländer, sie nennen ihn «Lord», und Italo ist eifersüchtig auf ihn, weil er ihm beim Tanz die Frau ausspannt. Es gibt Reibereien zwischen ihnen, und einige drohen, sich abzuseilen und wieder zu Cogne zu gehen. Kürzlich ist Michele zu uns gestoßen, der monatelang in Montenegro war als Maschinengewehrschütze beim vierten Regiment der Alpini. Er hängt an der Flasche, und wenn er betrunken ist, legt er sich mit jedem an. Aber es gibt auch gute Neuigkeiten: Am 25. Januar sind die Engländer bis vierzig Kilometer vor Rom vorgedrungen, hieß es in Radio London.
Mühsam setzt Miló im Schnee ein Bein vor das andere. Das Militärkommando fällt ihm ein, das seiner Bande kaum Beachtung schenkt, weil sie sagen: Das sind Kommunisten, die wollen keine Autonomie. Doch bedeutet es, wieder neue Zäune zu ziehen, wieder andere Mauern zu bauen, wenn man die Freiheit will? Das Aostatal ist nur ein kleines Fleckchen der weiten Welt, die man aus den Ketten befreien muss.
Sie haben einen Ofen in die drei Berghütten getragen, wo ihr neuer Sitz ist, haben Betten und Schränke gebaut, die Musketen gelagert, das Hotchkiss-Maschinengewehr und die Breda mit der Munition, die Handgranaten und die Pistolen. Nebendran steht ein alter Brunnen: La Suelvaz heißt der Ort. Es klingt wie der Name eines Indianerverstecks.
Im September sind als Erste Silvio, Toio, Pierino, Italo, Giovanni, Arturo und die beiden versprengten Engländer mit ihm hinaufgegangen. Eines Nachmittags erschien Chabloz in Begleitung eines ehemaligen Freiwilligen aus dem Spanienkrieg, der Gemsen jagen wollte; doch er hat sich geweigert, die Munition ist knapp. Jetzt sind neue Elemente dazugekommen. Unter anderem ein Gefreiter der Miliz, der Partisan werden will. Kann man ihm trauen? Ist er vielleicht ein Spitzel? Und außerdem haben die Besitzer von La Suelvaz gesagt, sie müssten weg, die Faschisten zeigen die Krallen, die Bevölkerung in Fénis hat Angst, die Deutschen kontrollieren. Werden sie noch weiter hinauf ziehen müssen, nach Morgnetta, ins Jagdhaus von Baron Peccoz? Während er zwischen weißen und schwarzen Schatten vorangeht, denkt Miló an alle diese Dinge: Er ist der Anführer der Bande. Den Mittelpunkt seiner Gedanken bilden die Sabotageakte, jetzt plant er einen großen Coup beim Kraftwerk von Covalou im Valtournenche. Dafür braucht es Disziplin, aber nicht diesen stumpfsinnigen Gehorsam der Marionetten der faschistischen Pseudorepublik: Die Rebellen müssen ihre Disziplin freiwillig, aus Überzeugung aufbringen. Am 21. Februar schreibt der Kommandant ins Tagebuch der Bande:
Schwere Disziplinlosigkeit hat sich Giordano zuschulden kommen lassen. Im Auftrag von Miló sollte er mehrere barres à mine und ein Rohr holen, Material, das zur Ausführung eines Sabotageakts benötigt wurde; er hatte versichert, das Material werde im Lauf des Tages bereitgestellt. Er ist erst nach fast zwei Tagen zurückgekehrt und kann seine Abwesenheit nicht rechtfertigen. Würde ich es ihm vorwerfen, wäre es ungerecht, da auch andere Bandenmitglieder in ähnliche Fehler verfallen sind. So kann es nicht weitergehen. Es ist absurd, eine Rebellengruppe trotz grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten und chronischer Nachlässigkeit bei der Erfüllung ihrer elementarsten Pflichten aufrechtzuerhalten. Wahrscheinlich ist es größtenteils meine Schuld, weil ich das System der Selbstkontrolle ausprobieren wollte anstelle der Disziplin, die sich von der direkten Autorität ableitet.
Ich habe eine Entscheidung getroffen und teile sie der Gruppe mit. Ich gebe die Methode der Selbstkontrolle auf und führe die der Disziplin ein. Ich übernehme alle Verantwortung gegenüber den verschiedenen Komitees, die die Gruppe sowohl politisch als auch finanziell tragen, und ebenso gegenüber der Gruppe und meinem Gewissen.
Ich erkläre das Experiment mit der Methode der Selbstkontrolle nicht für gescheitert, es wird schöner und dauerhafter fortgesetzt werden können, aber ich konstatiere, dass den Gruppenmitgliedern die moralische und politische Reife fehlt, um spontan und mit vollem Bewusstsein in Zusammenarbeit mit dem Anführer der Gruppe alle Verantwortung zu tragen, die aus unserer Lage als Geächtete entsteht.
6
Ende Februar und Anfang März erhellen Lichtschlangen die Nächte im Valtournenche. Das Tagebuch spricht deutlich: Am 27. Februar sprengen die Rebellen mit Sägen, Dynamit, Sprengkapseln und Zündschnüren einen Mast in die Luft, der den Strom nach Turin leitet, wo die Arbeiter zu streiken begonnen haben: eine Hochspannungsleitung von 270 000 Volt. Ein trockener Knall, ein weißes Licht und dann ein rotes Licht, auf das eine zweite Explosion folgt. Nach der Aktion bleibt keine Zeit zum Feiern. Eilig laufen sie zur Baustelle Volpe und machen sich an die Arbeit: Da gibt es so viel zu holen, was sie schultern und wegtragen müssen … Nun drohen die Deutschen und die Faschisten der Republik von Salò, die Wehrdienstverweigerer zu erschießen.
Doch einige Tage später nehmen die Saboteure einen Gittermast des Kraftwerks von Breil aufs Korn: In der Nacht unterbricht das Kreischen von Sägen an Stahl die Stille des Waldes. Nachdem die Sprengstoffkästen und die Lunten platziert sind, begibt sich die Gruppe auf eine Anhöhe, um das Schauspiel zu genießen: plötzliche Helle, Explosion, rote Schlange am Himmel. Und am ersten Frühlingstag gehen die Rebellen, manche mit dem Hut der Alpini auf dem Kopf, zum Kraftwerk von Castiglion Dora, setzen den Wächter fest und sprengen die Leitungsrohre.
Weitere Vögelchen fliegen aus dem Nest davon. Bis der April kommt, la fleur d’avril ne tient que par un fil. April ist ein besonderer Monat. Im April hat Miló die Schweiz verlassen, im April hat er geheiratet, im April beginnt der Kuckuck zu rufen: «Kuckuck, mein Kuckuck, wie viele Tage gibst du mir noch zu leben?»
Ende vergangenen Monats hat es in La Suelvaz einen Ausbruch gegeben. Eines Nachts haben sich Celestino, Vittorio, Gino und Bich, der Säufer, ein Maschinengewehr, zwei Breda, drei Kisten Munition und sieben Musketen gekrallt und sind auf und davon. Angeblich hat es was mit Chanoux und der Unabhängigkeit des Aostatals zu tun: Im Valtournenche soll eine neue Autonomistengruppe entstehen. Miló und die anderen haben sie in den Wäldern verfolgt, oberhalb von Misérègne, dem Reich des Elends. Giovanni hat fünf Magazine geleert, indem er im Wald breitgestreute Garben abfeuerte, und die Flüchtigen haben die Waffen zurückgelassen, auch Celestino, der als Oberfeldwebel den Russlandfeldzug mitgemacht hat und das Kriegshandwerk gewöhnt ist. Ob sie bestraft werden? Der Ältestenrat der Bande hat sich für die Todesstrafe entschieden, sie soll am Ostersonntag vollzogen werden. Wird es gelingen, die Sache zu klären?
Anfang April ist eine schlimme Nachricht eingetroffen; Carlo, das heißt Jean Chabloz, der Genosse aus der ersten heimlichen Versammlung, ist festgenommen worden, sie haben seinen Ring mit Hammer und Sichel gefunden: ihm einen Eisenring um den Kopf geschraubt, Benzin in die Arme gespritzt, ihn ausgepeitscht, mit Bajonetten, Fäusten und Fußtritten massakriert …
In der Nacht vom Samstag 22. April
geht Miló auf Kontrollgang mit Mario,
dem Jungen, der erst fünfzehn Jahre alt ist:
Vor Tagesanbruch erreichen sie das Kraftwerk von
Covalou
im Valtournenche, hinter dem Grat von Champlong,
tauchen die Masten der Druckleitung auf,
die Feinde, die fallen sollen
im ersten Licht der Morgenröte,
man muss die Gegend erkunden,
in Kürze sitzen die Bauern
mit dem Schemel am Hintern im Stall beim Melken
wie vor hundert Jahren, immer das gleiche Leben.
Miló umklammert den Fotoapparat in der Tasche,
in Kürze geht die Sonne auf, in La Suelvaz die Genossen
träumen von einer Frau,
der Wachposten friert in seinem Häuschen,
der ganze schwarze Wind des weiten Tals,
das Rauschen des Sturzbachs,
hier muss man warten auf das Licht,
das sonntägliche Morgenrot, die neue Sonne,
wann wird es möglich sein, in einer Gesellschaft
zu leben, in der alle gleich und alle verschieden sind
so wie die Blätter der Eiche?
Die Schönheit zu genießen
wie der Sperber, der am Himmel die Flügel ausbreitet?
Bald setzen die Frauen zur Messe den Schleier auf
die Kühe haben am Brunnen getrunken
in der Küche kocht man peilà
heute Abend geht’s nach Septumian zum Treffen mit dem Kommando
Pierino ist abgehauen,
seit drei Tagen saß er bei Solari und trank,
da, es wird hell, Miló knipst die Masten,
die in die Luft fliegen sollen,
seine Männer werden kommen mit dem Sprengstoff
man braucht Disziplin,
Brot und Käse.
Mario ist im Gras eingenickt
er ist doch erst fünfzehn
jetzt steigen sie zur Staatsstraße hinunter, Vorsicht,
hier fährt das Auto der Faschistenrepublik durch,
jetzt können wir gehen, sagt Miló, sie sind vorbei,
ja, sie sind vorbei
er umklammert den Fotoapparat in der Tasche
im Talgrund überqueren sie die Straße
hinter der Abzweigung nach Pontey,
doch da, auf der Staatsstraße, vier Lastwagen
kehren von der Razzia zurück
die Gewehrläufe noch heiß
verfluchter Mist
Miló und Mario rennen auf die Häuser von Breil zu
sie rennen, rennen
dann jeder auf eigene Faust
dort ist die Bahnunterführung
weg von den Häusern
Vergeltungsmaßnahmen der Schwarzhemden,
sie brennen nieder, foltern, nehmen Geiseln
bloß weg von den Häusern von Breil!
Miló umklammert die Handgranate in dem Säckchen
das Leinensäckchen hat seine Ida ihm genäht
die Frau, die er mehr liebt als alle anderen Frauen
dort vorn ist die Brücke über die Dora
da ist sie, die Brücke
Miló zieht die Granate heraus
dreht sich zu den Faschisten um und schreit
doch die Garbe trifft ihn ins Gesicht, mitten ins Gesicht
so lassen sie ihn liegen, neben der Dora
das Gesicht voller Blut
nehmen ihm Schuhe, Uhr und Ring ab
ja, auch den Ring, den Ida ihm geschenkt hat
lauf wenigstens du, Mario, lauf, wirf dich ins Heu
die Heugabel des Soldaten kann dich nicht finden
doch jetzt schießen sie erneut
die Musketiere aus den Alpen schießen
schießen auf ein kleines Mädchen
aus einem Haus kommt noch ein Junge
hat die Schüsse gehört, will nachsehen, was los ist
und die Garbe trifft ihn voll:
es ist Vittorio, einer aus dem Valtournenche
ein Partisan von neunzehn Jahren
er war heimgekommen, um die Weiden zu
bewässern.
Miló, steh auf, schlaf nicht ein.
Heute ist Sonntag, ein Sonntag im April, und in allen Dörfern läuten früh die Glocken zur Messe, die Frauen legen den schwarzen Schleier an, die Heilige Maria vom Schnee verlässt ihre Nische, um dich anzusehen, setzt das Kind, das sie im Arm trägt, auf den Boden und lässt es aus den ersten Blumen eine Girlande winden, sie tritt zu dir und wischt dir das Blut vom Gesicht, und mit ihr kommen nun die Madonnen aus den Nachbardörfern, Notre-Dame des sept douleurs, Notre-Dame de Pitié, Notre-Dame de l’Epine und Notre-Dame de la Guérison mit dem Wundermantel, bald wird hier das Weidenröschen zwischen den Trümmern blühen.
Miló, steh auf, schlaf nicht ein.
Mario konnte sich retten, tsamba de bouque, das Hinkebein, wollte ihn mit der Heugabel aufspießen, doch er hat sich tief im Heu verkrochen, wie eine Eidechse ist er in den Schober gehuscht und wartet nun auf dich, um nach La Suelvaz zu laufen, wo die Bande dich braucht, damit die Männer losgehen und die Masten in die Luft sprengen können.
Miló, steh auf, schlaf nicht ein.
Da ist Ida allein, mit der Kleinen auf dem Arm, die noch einmal deine Stimme hören will, und dann machst du für sie den Kuckuck nach, der nun zu rufen beginnt, um dich zu wecken: Ist Sterben wirklich, als erwachte man aus einem tiefen Schlaf? Jeden Tag fliegt eines fort und ein anderes kommt, lass uns nicht allein dem Lied der Dora lauschen.
Miló, steh auf, schlaf nicht ein.
Jetzt kommt der Pilot Bassanesi mit seinem Eindecker und rettet dich, er nimmt dich mit; er ist in der Schweiz losgeflogen und hat deine Mutter Joséphine-Amérique dabei, die die steinernen Löwen der Place Orientale verlassen hat, um zurückzukehren nach Fénis, wo sie ein junges Mädchen war, sie hat dich schon ziemlich lange nicht mehr gesehen, verstecke dich nicht, steh aus dem Staub auf, Miló, zieh dich um, empfange sie im Sonntagsstaat.
Miló, steh auf, schlaf nicht ein.
Zeige dein Gesicht noch einmal den Arbeitern von Cogne, die mit glühenden Stahlschlangen aus dem ganzen Tal herkommen, um zu beweisen, dass der Kampf für die Unabhängigkeit nicht nur eine Region betrifft, sondern jeden Einzelnen, so wie du dachtest: Die Unabhängigkeit gilt für jeden von uns, in unserem Leben, wenn es die Ketten abwirft.
Epilog
Parma, 3. März 2009
Ich fahre nach Oltretorrente, um Ida Summer zu besuchen, Milós Witwe. Ich überquere den Ponte di Mezzo. Auf der Wiese am Flussdamm sind noch weiße Schneeflecken, und am Brückengeländer lehnt ein alter Mann und beobachtet ein Nutria, eine Biberratte, die langsam aus dem grünen Wasser kommt, um an Land zu klettern. Plump, das wilde Nutria. Eine fette Ratte. Sie aalt sich im milden Märzlicht, das die Fahrräder auf dem Asphalt quietschen lässt und Umarmungen begünstigt; doch die Frau, der ich auf der Brücke begegne, möchte alle Nutrias nur umbringen. Auf der anderen Seite der Brücke das Denkmal eines Mannes, der seinen aufgebäumten Körper den Beleidigungen der Geschichte darbietet.
In dieser Straße ist der Dichter Renzo Pezzani geboren – hier ist die Gedenktafel –, in einer der Wohnungen über den Kebab-Läden, einem Geschäft, das wertvolles Porzellan verramscht. Ida lebt hier in diesem volkstümlichen, am Samstag stillen Viertel versteckt in einem Altersheim. Niemand kennt ihre Geschichte. Die Pförtnerin schaut in der Liste der Heimbewohner nach, findet aber den Nachnamen Lexert nicht. Die Witwe lebt versteckt.
Doch sie ist da, kommt mir im Trainingsanzug entgegen. Darüber eine zu weite Jacke, dieses Jahr ist der Winter auch in Parma lang. Sie schlief gerade in ihrem Zimmer, entschuldigt sie sich. Leicht wie eine Mücke schwebt sie durch die Gänge. Ich überreiche ihr den Strauß roter Tulpen, und wir setzen uns in einen Aufenthaltsraum, der sich nach und nach belebt: Neben uns stößt eine unförmige Frau stotternd ein paar Schreie aus, eine kleine Mongoloide ist still, eine lange Dünne kann sich nicht auf den Beinen halten. Ich frage nach einer Schere, um die Schleife an den Tulpen aufzuschneiden. Doch eine der verlassenen Seelen sagt zu mir: Hier darf man keine Schere haben. Wie? Sind wir im Gefängnis? Ich knote die Schleife auf, eine Frau nimmt sie als kostbares Dekorationsmaterial an sich. Dann stelle ich die Blumen in einen Wasserkrug. Vasen gibt es hier nicht, niemand bringt den alten Frauen, die in der Märzsonne vor sich hin summen, Blumen mit. In der Sonne von Renzo Pezzani.
Ida erzählt. Die Frau, die mit der kleinen Mongoloiden am Nebentisch sitzt, sieht mich an und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe, als wollte sie sagen: Die ist nicht mehr ganz richtig im Kopf. Die kleine Rache der Verlassenen.
Ida glaubt, ihre Eltern lebten noch. Sie leben in Lido Traversato. Auch ihre Tochter lebt noch und wird niemals sterben. Sie ist bloß Witwe, so wie sie selbst auch. Ida weiß nicht, dass Miló in Parma begraben ist, wenige hundert Meter von ihr entfernt, zusammen mit anderen Partisanen. Sie glaubt ihn noch in Fénis.
Idas Eltern stammten aus den Abruzzen, aus einer Krämerfamilie. Aber ihr Vater tat nichts, er spielte Karten. Sie, Ida, hat bis zur vierten Klasse die Schule besucht; für die fünfte musste man drei Kilometer den Berg hinauf laufen, da hat sie aufgegeben.
Dann ist sie nach Aosta gegangen, um frei zu sein. Auf der Treppe zur Entbindungsstation, wo sie als Krankenschwester arbeitete, begegnete sie eines Tages Miló. Mit diesem Schnauzbart und diesem Blick hatte er schon mehr als eine Frau beeindruckt. Als sie ihn aber auf dem Gerüst sah, verliebte sie sich in ihn, weil er ein freier junger Mann war.
Wenn er gekonnt hätte, hätte er ihr das Paradies geschenkt, ihr Miló. «Mein Käsebröckchen» nannte er sie. Im Gebirge übte sie mit der Muskete und zielte am besten von allen. Mit der Pistole in der Tasche überbrachte sie Botschaften. Zu Fuß, im Zug, im Bus, sie mischte sich unter Faschisten und Deutsche.
Und als die Leiche ihres Mannes exhumiert wurde, sah Ida, dass er gut erhalten war. Er hatte noch seine schönen Hände, weil man ihn tief in der Erde begraben hatte, dort bei Fénis. Sie hat ihm nur die Strümpfe gewechselt. Nun trägt er neue Strümpfe. Keine Ratte wird ihn zernagen können, denn er liegt tief unter dem Weidenröschen, das die Blume des Feuers ist.
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