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Kinder in die Krise
Bei Kindern und Jugendlichen wiederum hat der Selbstbestimmungs- und Freiheitskult dazu geführt, dass sie sich immer weniger von Erwachsenen sagen lassen. Wenn Erziehende die Steuerung abgeben, führt dies zu mangelnder Selbstdisziplin, Charakterschwäche und fehlendem Verantwortungsbewusstsein. Es verleitet dazu, dass junge Menschen immer jünger Entscheidungen treffen und Erfahrungen machen, für die sie noch nicht reif sind. Das führt zu Überforderung und Entwicklungsstörungen, zu schwerwiegenden Krisen und verpatzten Lebenschancen. Wie viele Umwege und Leid könnten unserer Jugend erspart bleiben, wenn sie auf gut gemeinte und fundierte Ratschläge von Eltern und Pädagogen/innen hörte!
Eltern mit Führungskompetenz
Erziehung gelingt am besten dann, wenn beide Seiten aufeinander hören und einander ernst nehmen und wenn Eltern und Erzieher fähige Berater und Mentoren sind, die auf Basis von Liebe und Annahme Kinder bei der Entscheidungsfindung unterstützen, mit Widerstand umgehen und Einsicht fördern können. Die kompetente Anwendung der Coaching-Formel »Verstehen, Klären, Lösen« ist hier die erforderliche Schlüsselqualifikation. Kinder brauchen gefestigte Persönlichkeiten, die ihnen Interesse und Aufmerksamkeit schenken und die sie als Vorbilder achten können.
Entwicklungschance für beide Seiten
Der Weg in die Eigenständigkeit ist ein Prozess lebendiger Entwicklung, der beide Seiten emotional fordert. Die Verantwortung bleibt aber bei Eltern und Pädagogen/innen. Sie müssen Einfühlungsvermögen und Führungskompetenz beweisen, um die wahren Bedürfnisse ihrer Kinder Bescheid wissen, sie liebevoll auf ihrem Reifungs- und Loslösungsprozess begleiten und die täglichen Herausforderungen auch als Chance für ihre eigene Entwicklung sehen.
Kapitel 2: Erziehung und die Frage der Macht
Kapitel 2
Erziehung und die Frage der Macht
»Wer liebt, herrscht ohne Gewalt
und dient, ohne Sklave zu sein«
Zenta Maurin
2.1. Grundsätzliche Überlegungen
2.1.Grundsätzliche Überlegungen
Viele Menschen haben ein derart gestörtes Verhältnis zum Thema Macht, dass man sie in der Erziehung am liebsten ganz abgeschafft hätte. Weil mit der Ausübung von Macht die Gefahr von Gewalt und Machtmissbrauch einhergeht, wurde sie in den letzten Jahrzehnten in der Pädagogik generell negativ bewertet. Man wollte sie aus der Erziehung verbannen. Deshalb ist sie nicht etwa verschwunden, sondern sie treibt seltsame Blüten, oft im Verborgenen. Viktor Adler sieht in der Frage der Macht das zentrale Motiv für menschliches Handeln.
Wir müssen uns vor Augen halten, dass sich ein gesundes Selbstwertgefühl nur dann entwickeln kann, wenn sich ein Kind akzeptiert, ernst genommen und handlungsfähig, also mächtig fühlt, im Gegensatz zu ohnmächtig. Macht ist also nichts Negatives an sich, auch nicht die elterliche Macht, sondern es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Lassen Sie mich einige grundlegende Überlegungen dazu anstellen.
Grundsatz 1: Macht braucht Legitimität
Staat und Gesellschaft
Im Staat ist sie durch Verfassung, Gesetze und Verordnungen geregelt in Parlament, Regierung und Verwaltung, Polizei und Gericht. In der Wirtschaft wird sie durch Arbeitsrecht, Verträge und Vereinbarungen ergänzt. Im Leben der Demokratie geht die Macht durch freie Wahlen vom Volk aus.
Elternhaus
Die Legitimität der elterlichen Macht ergibt sich aus der biologischen Beziehung. Sie wurzelt in der Fürsorge und Verantwortung der Eltern für ihre Kinder und deren anfänglicher Hilflosigkeit und Unfähigkeit zu selbständigem Überleben.
Schule
Die Legitimität der pädagogischen Macht ergibt sich aus dem für die Durchführung des Bildungsauftrags benötigten Ordnungsrahmen.
Macht darf nur zum Dienen dienen
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Macht nur dort legitim ist, wo sie zum Wohle derer dient, über die sie ausgeübt wird, um ein gemeinsames, übergeordnetes Ziel zu erreichen.
Grundsatz 2: Macht braucht Befugnisse
Im Staat, bei der Polizei und in der Wirtschaft sind die jeweiligen Befugnisse klar definiert. Der Finanzminister z. B. hat klar definierte Möglichkeiten, wie er seine Steuern eintreiben kann. Ein Polizist kann Strafmandate austeilen.
Welche Befugnisse haben Eltern und Lehrer? Mir scheint, dass man ihre Befugnisse aus Angst vor Machtmissbrauch stark reduziert, indem man den Worten Macht und Autorität einen negativen Beigeschmack verpasst hat.
Gab es früher oft ein Zuviel an Autorität, so erleben wir heute eher ein Defizit. Pädagogen sehen sich häufig vor dem Dilemma, dass sie Führungsverantwortung tragen müssen, ihnen aber die dafür erforderlichen Machtbefugnisse aberkannt wurden.
Stattdessen fordert man von ihnen, Jugendliche allein über die Kunst der Motivation zu lenken. Diese ist überaus wichtig im pädagogischen Alltag und erfordert permanente Selbstreflexion und Weiterbildung. Aber es ist, als müsste der Finanzminister allein auf Aufklärung und Motivation setzen, um seine Steuern einzuheben. Ob alle Staatsbürger die Reife hätten, ihre Abgaben freiwillig in der erforderlichen Höhe abzuliefern?
Grundsatz 3: Macht braucht Kontrolle
Ethisch saubere Machtverhältnisse kommen ohne entsprechende Kontrollmechanismen nicht aus. Es bedarf mehrerer Ebenen, um Macht zu kontrollieren.
a)Durch übergeordnete Instanzen
In der Erziehung ist das zum Beispiel die Jugendwohlfahrt.
b)Im Reflexions- und Erfahrungsaustausch auf gleicher hierarchischer Ebene
zwischen dem Elternpaar, aber auch in der Beratung, in Seminaren und im Erfahrungsaustausch von Eltern untereinander.
c)Durch jene, über die sie ausgeübt wird
Überall muss es ein Recht auf Einwand oder Einspruch geben. Es ist die Aufgabe der Eltern, die Einwände ihrer Kinder ernst zu nehmen und ihnen Gesprächs- und Konfliktkultur zu vermitteln. Immer aber sollten die Ebenen des Respekts gewahrt bleiben und Wertschätzung in beide Richtungen fließen.
In den vorangegangenen Seiten habe ich einen Schwerpunkt darin gesehen, ein Defizit elterlicher Autorität in der gegenwärtigen Erziehungskultur aufzuzeigen. Damit möchte ich aber keineswegs die Bemühungen um Liberalisierung und Demokratisierung der vergangenen Jahrzehnte abwerten, die für unsere westliche Kultur überaus wichtig waren, sondern lediglich darauf hinweisen, dass ein neues Ungleichgewicht entstanden ist, welches die Gefahr einer reaktionären Gegenbewegung in sich birgt.
Meine Aufgabe sehe ich darin, mich für ein neues Gleichgewicht einzusetzen und Eltern darauf zu sensibilisieren, in ihrem Erziehungsalltag die jeweils richtige Balance zwischen Freiheit, Mitsprache und Gehorsam zu erkennen, und sie in ihren Fähigkeiten zu bestärken, stimmig, authentisch und selbstbewusst auf die unterschiedlichen Situationen zu reagieren.
2.2. Betrieb Familie
2.2.Betrieb Familie
Stellen Sie sich Ihre Familie wie einen kleinen Betrieb vor. Die Eltern sind die Vorgesetzten, die Kinder die Mitarbeiter. Da stellt sich die Frage: Haben Sie Führungskompetenz? Wissen Sie, was Sie von welchem Mitarbeiter verlangen können? Sind die Aufgaben klar definiert? Geben Sie Gelegenheit zur Mitsprache? Nehmen Sie die Sorgen Ihrer Mitarbeiter ernst? Überlegen Sie sich, was Sie von einem Chef erwarten, damit Sie gerne für ihn arbeiten, und prüfen Sie, wie weit dieses »Anforderungsprofil« auf Sie zutrifft als »Boss« Ihren Kindern gegenüber.
Wie viel Führungskompetenz haben Sie?
Die nächste Frage ist, ob Sie sich als Chef ernst genommen und respektiert fühlen. Können Sie sich durchsetzen? Wird Ihre Autorität akzeptiert? Sind Sie konfliktfähig? Können Sie delegieren? Wie locker oder mühsam funktionieren die alltäglichen Abläufe? Wie viel Kontrolle dürfen oder müssen Sie ausüben? Passt das Betriebsklima? Stimmt die Vertrauensbasis? Gibt es Mobbing oder Machtmissbrauch? Macht das Zusammenleben Freude oder ist es von Chaos, unterschwelligen Konflikten und Machtkämpfen geprägt? Wichtig ist auch, ob das Führungsteam, die Eltern, gut kooperieren und wertschätzend und freundlich miteinander umgehen und ob Fairness und Solidarität die Beziehungen prägen.
Eine Fülle von Aufgaben
Der Betrieb Familie hat eine Fülle von Aufgaben zu bewältigen, die von Visionen und Zielen geleitet werden: Die materielle Existenzsicherung der Familie, Gesundheit und Freizeit, die Entfaltung und Ausbildung des Nachwuchses – das alles erfordert bewusstes Handeln, die Schaffung tragfähiger und klarer Strukturen und gerade in unserer modernen Welt ein kluges und effizientes Zeitmanagement.
Wofür steht Ihre Familie?
Wie sieht es mit der Familienkultur, mit der »Corporate Identity« in Ihrem Betrieb Familie aus? Welche Ausstrahlung hat er nach innen und nach außen? Welche Rolle spielt er in der Gesellschaft? Welche Werte und Familienregeln sind Ihnen wichtig? Wie werden diese den Mitarbeitern vermittelt? Stärken sie ihnen den Rücken oder stellen sie ein einengendes Korsett dar oder gar ein Gefängnis, aus dem man am liebsten ausbrechen möchte?
Coaching und Weiterbildung
Die Liebe der Eltern zueinander und eine funktionierende Partnerschaft bieten das beste und tragfähigste Gerüst für ein erfülltes Familienleben. Bitte beachten Sie: Nicht nur die Mitarbeiter, auch die Führungskräfte müssen von Zeit zu Zeit auftanken, brauchen Coaching und Weiterbildung, um die vielfältigen Anforderungen des modernen Lebens zu bestehen. Das gilt auch, wenn die Eltern voneinander getrennt sind, und erhält einen besonderen Stellenwert bei Alleinerziehenden. Wie sieht es mit Ihren persönlichen Ressourcen aus? Wo holen Sie sich die Kraft, die Sie brauchen, um gut für sich selber und Ihre Familie sorgen zu können? Der Austausch im Freundeskreis und die gelegentliche Rücksprache mit kompetenten Vertrauenspersonen helfen, die eigene Situation objektiv zu beleuchten und sogenannte »blinde Flecken« zu vermeiden, auch dann, wenn man selbst »vom Fach« sein sollte.
Familie lässt sich nicht kündigen
Ein guter Chef fühlt sich für seine Mitarbeiter verantwortlich, Eltern umso mehr. Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings zwischen Firma und Familie: Eltern und Kinder genießen absoluten Kündigungsschutz! Daran kann z. B. auch eine Scheidung nichts ändern. Mit dem Erwachsenwerden erhalten die Kinder immer mehr Selbständigkeit und Unabhängigkeit und gründen eines Tages ihre eigene Firma oder Familie, in welcher die Eltern höchstens noch beratende Funktion einnehmen. Trotzdem bleiben sie mit ihren Kindern in einer lebenslangen Schicksalsgemeinschaft verbunden, die einen einzigartigen Reife- und Entwicklungsprozess für beide Seiten möglich macht, der aber auch schwierige und schmerzhafte Anteile beinhalten kann.
Wie schön ist es, wenn erwachsene Kinder sich in Liebe und Dankbarkeit von ihren Eltern lösen können, um eine neue Beziehung der Gleichberechtigung und Generationensolidarität miteinander einzugehen.
2.3. Die natürliche hierarchische Ordnung
2.3.Die natürliche hierarchische Ordnung
Moderne Eltern wollen Kinder nach demokratischen Prinzipien erziehen und sie gehen vom Ideal der Gleichberechtigung aus. Im Konfliktfall wird Eltern von den meisten Experten geraten: Verständnis, Geduld, diskutieren, verhandeln, verhandeln, verhandeln – bis eine für beide Seiten akzeptable, eine sogenannte WIN-WIN-Lösung gefunden wird. Ein wunderbares Konzept für Erwachsene, in das Kinder hineinwachsen sollten.
Aber kennen Sie das? Sie haben Ihrem Kind ausreichend erklärt, warum es Zähne putzen soll, warum es einen bestimmten Film nicht sehen darf etc. Jede weitere Erklärung wird mit einem »Ja, aber …« abgeschmettert. Da fängt man an, sich sozusagen den »Mund fusselig« zu reden, kein Argument kann motivieren und überzeugen. Hier geht es also um das Durchsetzen notwendiger Maßnahmen, nicht um Win-Win-Lösungen, weil dem Kind offenbar noch die nötige Reife und Einsicht fehlt.
Wenn ein 5-Jähriger oder 12-Jähriger bei der Debatte über das Fernsehprogramm zu seinen Eltern sagt: »Aber du schaust dir doch auch an, was du willst!«, fehlt diesen oft das passende Argument. Aus Sicht der Gleichberechtigung ist dieser Einwand stichhaltig. Wie kommen Sie dazu, Ihrem Kind Vorschriften zu machen? Das tun Sie doch auch Ihrem Partner oder Ihrer Freundin gegenüber nicht! Spüren Sie, dass das mit der Gleichberechtigung so nicht stimmen kann?
Kinder sind gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt
Sie haben von Geburt an dieselbe Würde wie Erwachsene und verdienen dieselbe Wertschätzung – aber sie haben nicht dieselben Pflichten wie ihre Eltern und daher auch nicht dieselben Rechte – eine pädagogische Binsenweisheit, die aber durch die blauäugige Gleichberechtigungsbrille betrachtet häufig verzerrt wird.
»Ich will den Willen meines Kindes nicht brechen!«,
sagen verantwortungsbewusste und bemühte Eltern, fühlen sich aber zunehmend hilflos, wenn ihre Anweisungen ignoriert werden oder das Kind auf legitime Auforderungen mit »Hab’ keine Lust!«, »Mir doch egal!« reagiert oder wenn es sich weigert, seine Sachen in Ordnung zu halten, Hausaufgaben zu erledigen, sich gesund zu kleiden oder zu ernähren, etc.
»Kinder lernen aus den Folgen«
ist ein Slogan, der eine gewisse Berechtigung hat. Aber was ist, wenn mein Kind die Folgen auch dann nicht ernst nimmt, wenn es die zehnte Bronchitis oder Blasenentzündung hat, die Zähne bleibenden Schaden nehmen oder die Tochter mit 20 ohne Schulabschluss und Berufsausbildung dasteht? »Du hättest das besser wissen müssen!«, lautet dann der berechtigte Vorwurf der jungen Leute an ihre Eltern.
Ob wir es wollen oder nicht: Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist nicht von Gleichberechtigung, sondern von einer natürlichen hierarchischen Ordnung geprägt. Die Rolle der Eltern ist die von Führungskräften. Sie tragen die Verantwortung dafür, das Unternehmensziel zu erreichen, die Existenz ihrer Mitarbeiter abzusichern und ein Klima zu schaffen, bei dem jeder seine Rechte und Pflichten kennt und ein offenes und verständnisvolles Miteinander möglich wird. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, dürfen sie ihre Führungsverantwortung nicht abgeben – um dann womöglich den Kindern die Schuld am Chaos zu geben.
2.4. Elternrechte, Elternpflichten, Kinderrechte, Kinderpflichten
2.4.Elternrechte, Elternpflichten,
Kinderrechte, Kinderpflichten
Die Pflicht der Eltern ist es, ihre Kinder zu lieben und für sie zu sorgen, ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Die Pflicht der Kinder ist es, ihre Eltern zu achten und ihnen zu gehorchen. Das ist die Ausgangsbasis in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern und entspricht der natürlichen hierarchischen Ordnung zwischen den Generationen, den »Ordnungen der Liebe«, um es mit Bert Hellinger zu sagen. So ist es auch im vierten Gebot festgelegt: »Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass du lange lebest und es dir wohlergehe auf Erden.«
Alle menschlichen Kulturen basieren auf dem Respekt der jüngeren vor der älteren Generation. Es widerspiegelt den Vorsprung an Wissen und Erfahrung und gewährleistet die Balance zwischen Geben und Nehmen, da das kleine Kind noch nicht die Verantwortung für das eigene Leben übernehmen kann. Umgekehrt können seine Eltern ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, wenn es sich notorisch ihren Weisungen widersetzt und die Achtung vor ihnen verliert. Tiefenpsychologisch gesehen verliert es damit auch seine Selbstachtung. Wer seine Eltern nicht respektieren kann, hat auch Schwierigkeiten, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.
Heute ist erfreulicherweise viel von Kinderrechten die Rede. Was man Kindern, auch noch hierzulande und über den Globus betrachtet, alles antut, ist eine Schande für die Menschheit. Andererseits hat unsere westliche, konsumorientierte Jugend begonnen, selbstbewusst auf ihre Rechte zu pochen, manchmal auch ohne den gebührenden Respekt. Daher stellt sich für mich auch die Frage: Was ist mit den Kinderpflichten? Ich glaube, dass wir die junge Generation nicht nur mit Kinderrechten, sondern auch mit Kinderpflichten vertraut machen müssen, so wie auch Elternrechte und Elternpflichten stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert werden sollten.
2.5. Der Kampf der Generationen
2.5.Der Kampf der Generationen
»Ich will aber nicht!« – Schon in der Trotzphase wird klar, dass sich Kinder gegen den elterlichen Willen auflehnen und ihren eigenen durchsetzen möchten. Es geht also um die Frage der Macht.
Kindlicher Widerstand ist
eine entwicklungspsychologische Notwendigkeit
Warum fordern Kinder Erwachsene so häufig zum Machtkampf heraus? Weil der Kampf der Generationen zum natürlichen Entwicklungsprozess dazugehört!
Indem sie Erwachsenen Widerstand entgegenbringen, lernen Kinder, ihren eigenen Willen und ihre Interessen zu spüren und durchzusetzen, auszuloten, wie viel Macht sie besitzen und sich gegen Übergriffe anderer zu wehren.
Wir dürfen es als Zeichen ihres Vertrauens werten, dass wir Eltern für sie die Ansprech- und Konfliktpartner Nummer Eins sind – weil sie eben zu uns eine ganz besonders enge und einmalige Beziehung haben – und dürfen ihr Trotzen und Revoltieren nicht persönlich nehmen.
Eltern und Pädagogen/innen sind aufgefordert, sich dieser Herausforderung zu stellen, wenn sie Kinder ins Leben begleiten. Dieser natürliche Machtkampf zwischen Eltern und Kindern löst bei Erwachsenen oft Angst aus und wird nicht selten mit Unterdrückung und Gewalt beantwortet. Das muss aber nicht so sein! Das natürliche Kräftemessen kann auch von Wertschätzung, Liebe und Fairness geprägt sein und kann solchermaßen einen absolut positiven Beitrag in der kindlichen Entwicklung und in unserer Beziehung zum Kind leisten.
Kinder wollen starke Eltern
Wie sollen Kinder Respekt haben, wenn Eltern schwach und nachgiebig sind und sich zu viel gefallen lassen? Es ist natürlich, dass Kinder testen, um zu wissen, woran sie sind und wie weit sie gehen können. Jedoch können sich Kinder nur dann bei ihren Eltern geschützt und geborgen fühlen, wenn sie sie als überlegen erleben und zu ihnen aufschauen können.
Konfliktkultur
Kinder wollen eine klare Antwort auf ihre Frage der Macht. Eltern, die sich zu ihrer Führungsrolle bekennen, können diese so ausüben, dass sie sich nicht zu Machtmissbrauch – meist aus Überforderung – hinreißen lassen, sondern dass sie eine Kultur des Einspruchs und Widerspruchs möglich machen, damit Kinder lernen, ihre Wünsche und Bedürfnisse, aber auch ihre Einwände so zu artikulieren, dass sie zu ernst zu nehmenden Verhandlungspartnern heranreifen können. Auch liegt es in der Kompetenz der Führungskraft, konstruktive Streitkultur zu vermitteln, bei der alle Beteiligten sich respektiert und ernst genommen fühlen.
Kinder brauchen authentische und starke Persönlichkeiten und Vorbilder – echte, wohlwollende Autoritäten.
Überforderung durch Schwäche
Wenn Eltern ihre Führungsrolle und ihre Macht abgeben, wird oft jeder kleine und notwendige Ablauf im Familienalltag zur Nervenprobe. Damit überfordern sie nicht nur sich selber, sondern vor allem auch ihre Kinder, weil es ihnen an Halt und Orientierung fehlt.
Solche Kinder werden führungslos, frech und altklug und wir bringen sie um ihre unbekümmerte Kindheit und womöglich auch um ihre zukünftigen Chancen im Leben.
2.6. Führungskompetenz und Führungsverantwortung
2.6.Führungskompetenz und
Führungsverantwortung
Was versteht man nun unter Führen oder Führung?
In einem Skriptum aus dem Fach Betriebswirtschaft meiner Tochter Michaela (Quelle leider unbekannt) fand ich zu diesem Thema folgende Aussagen:
»Führen ist das Richtung weisende und steuernde Einwirken auf das Verhalten anderer Menschen, um ein Ziel zu verwirklichen. Es umfasst auch den Einsatz verschiedener Ressourcen. Führen ist lehr- und lernbar.«
Was unterscheidet nun Führen von Zwang und Manipulation? Es hat mit der Legitimität der Führungsposition, der Kompetenzen und Machtbefugnisse und mit der Wahl der Mittel zu tun. Manipulation ist versteckte Machtausübung – sowohl was das Ziel als auch die Mittel anbelangt. Sie lässt sich schwer nachweisen, insbesondere dann, wenn ihre Opfer unmündige Kinder sind oder sich scheinbar freiwillig einem Diktat unterwerfen.
»Führen ist nichts Selbständiges an sich, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, um Visionen, Planungsvorstellungen, Ziele, Aufträge und deren Anforderungen realisieren zu können. Führen hat eine dienende Funktion – nämlich der Sache, dem Ziel.«
Diese dienende Rolle kennen Eltern zur Genüge. Mit der Geburt eines Kindes wird ein langer Lebensabschnitt dieser Aufgabe untergeordnet. Wie lässt sich nun das Dienen mit dem Bekenntnis zu elterlicher Macht und Autorität vereinbaren? Zenta Maurin hat es in bewundernswerter Weise auf den Punkt gebracht und darum steht dieses weise Zitat auch zu Beginn dieses Kapitels: »Wer liebt, herrscht ohne Gewalt und dient, ohne Sklave zu sein.«
»Effizientes Führen ist für den Erfolg unabdingbar.«
Egal, wie man die Erziehungskultur vergangener Tage beurteilen mag – es gab einen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens darüber, was akzeptiert war und was nicht. Kinder und Jugendliche wussten, was man von ihnen erwartete, woran sie waren, was sie sich erlauben konnten und was nicht. Dadurch war es für Eltern leichter, Führungskompetenz auszuüben.
Das hat sich in unserer modernen, pluralistischen Zeit grundlegend geändert. Erziehung ist zur Privatsache geworden. Es gibt viel weniger verbindliche Werte und Methoden, auf die Eltern zurückgreifen können, und keinen allgemeinen Konsens, was erlaubt ist und was nicht. Ein Überangebot an Erziehungsratgebern schafft oft erst recht Unsicherheit. Die Jugendschutzbestimmungen wurden lockerer und können sehr individuell ausgelegt werden. Dadurch können sich Eltern kaum mehr auf diese berufen, wenn sie dringend eine Stärkung ihrer elterlichen Autorität benötigen.
Es gibt kaum jemanden, der einen 12-jährigen Raucher im öffentlichen Raum zur Rede stellen würde, und wenn, dann wehren sich viele Eltern gegen einer derartige Einmischung. Das bedeutet aber auch, dass sie nicht mehr auf die Ressource eines erziehenden Kollektivs zurückgreifen können und Eltern heute zunehmend alleine dastehen und das Grenzensetzen viel mühsamer geworden ist als in früheren Zeiten. Ist man noch dazu allein erziehend, fehlt auch der zweite, stärkende und ausgleichende Elternteil.
All das hat Erziehung heute schwieriger gemacht und es ist notwendiger denn je, sich der eigenen Werte und Führungskompetenzen bewusst zu werden und ständig daran zu arbeiten.
Welches sind nun die Ziele der Erziehung?
Das langfristige Ziel der Erziehung besteht darin, die nächste Generation, die nächsten Führungskräfte heranzuziehen. Dabei handelt es sich darum, Kindern eine gesunde und ihren Anlagen und Begabungen entsprechende Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Integration in der Gesellschaft zu ermöglichen, in einer Weise, die sie ein aktives und verantwortungsbewusstes Individuum werden lässt, das im Einklang mit sich selbst, seinen Mitmenschen und der Umwelt leben kann – das aber auch genügend Selbstbewusstsein besitzt, seine eigene Meinung zu vertreten, und genügend Mut und Zivilcourage, sich in begründeten Fällen auch gegen den allgemeinen Strom oder gegen Autoritäten zu stellen.




