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»Das ist Wahnsinn…« Olivia blieb vor einigen Stößen Kinderbüchern stehen, die am Boden lagen.
»Allmählich wird es etwas voll«, wieder erklang dieses mädchenhafte Lachen. »Aber wenn genügend Bücher ausgeliehen sind, haben diese wieder Platz im Regal.«
»Sie sortieren keine Bücher aus?«
»Aber nein! Das wäre doch zu schade! Ich finde die gelegentlichen Stöße sehr gemütlich.«
Olivia drehte sich einmal um die eigene Achse, um zum Abschluss ihre Arme auszubreiten: »Mrs Graham, dies alles ist… wie die Welt aus einem Kinderbuch!«
»Warum gerade das?« Hell schwebte die Frage zu ihr herüber, von Verblüffung getragen.
Langsam ließ Olivia die Arme sinken und sah sich ruhig um. »Erst einmal diese Überfülle von Büchern… dann diese großzügigen Räume: Die Fenster, der Stuck rundum an der Decke… die vielen riesigen Sessel… wenn man um die hohen Regale biegt, weiß man nicht, was einen erwartet, vielleicht… zumindest in einem Buch wäre das der Fall… und noch mehr Bücherstöße… es scheint mir die ideale Voraussetzung zum Stöbern…« Sie sah die zierliche, grauhaarige Frau mit blitzenden Augen an: »Ich komme ins Schwärmen, aber irgendwie fühle ich mich, als wäre ich in einen Traum gefallen, der mir enorm gefällt!«
»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich so dazwischen dränge. Habe ich gerade gehört, Sie finden unsere kleine Bücherei traumhaft?«
Olivia wirbelte herum und sah vor sich eine Frau unbestimmten Alters, mindestens einen Kopf größer als sie selber, sehr aufrecht, dadurch ein wenig an eine strenge Schulleiterin erinnernd, die sie nüchtern musterte. Mit einer leichten Kopfneigung stimmte sie zu.
»Ivy«, wandte sich die Frau an Mrs Graham, »das Kompliment bekommt man nicht alle Tage.« Und zu Olivia gewandt fuhr sie fort: »Darf ich annehmen, dass ich in Ihnen die Nichte von Mr Fisher vor mir habe? Ich hörte, dass er Besuch bekommt.« Die Frage, klar artikuliert, kühl im Ton, löste Olivias Büchertraum in die Wirklichkeit auf.
»Ja, richtig, ich bin eine Nichte von Mr Fisher.«
»Es freut mich, sie in unserer Gemeinde begrüßen zu dürfen.« Das klang förmlich, aber nicht unfreundlich. »Darf ich annehmen, dass Sie länger bleiben, da Sie sich hier so eingehend umschauen?«
Eine erneute Neigung des Kopfes bestätigte auch diese Frage.
»Bitte, darf ich Sie einander vorstellen«, Mrs Grahams helle Stimme milderte unwillkürlich die kühle Tonlage der anderen Frau, »dies ist Lady Evelyn Cardoon, sie bewohnt das Herrenhaus von Howlethurst. Ihre Familie hat es vor mehr als vierhundert Jahren gebaut – Evelyn, dies ist Viola Imbry, Mr Fishers Nichte, es ist genauso wie Sie angenommen haben.«
Lady Cardoon musterte sie aus ihrer natürlichen Höhe ungestört weiter, bis Olivia schließlich ein offizielles Lächeln aufsetzte: »Ich bin kein gefährliches Tier, ich interessiere mich nur für Bücher. Und für Inneneinrichtung«, schob sie hinterher, ohne genau zu wissen, warum eigentlich.
Eine Augenbraue hob sich leicht, ein wissendes Lächeln spielte um die Mundwinkel, Lady Evelyn Cardoon folgte ihren eigenen, jahrhundertealten Verhaltensweisen: »Das sagen Sie so, aber in Wirklichkeit sind Sie Privatdetektivin!«
»Wie kommen Sie denn darauf? Nein, das nun ganz und gar nicht!«
Mit der kühlen Distanziertheit, die Lady Cardoons angeborenes Verhalten war, stellte sie mit leichtem Tadel in der Stimme fest: »Mr Fishers Nichte verhinderte den Mord an der Bildhauerin Viktoria Gaynesford«, so als würde sie einer unwissenden Schülerin auf die Sprünge helfen.
›Zu wem spricht sie jetzt‹, fragte Olivia sich unwillkürlich und hielt der Musterung weiter stand.
»Seine Frau hat es seinerzeit hier überall erzählt«, ergänzte Lady Cardoon, wieder leise tadelnd.
»Hat sie das…? Dann sprechen Sie von meiner Cousine. Aber sie ist auch keine Privatdetektivin, sondern Übersetzerin und… ja, Kulturjournalistin, vielleicht könnte man das so sagen. Sie schrieb damals einen großen Artikel über Viktoria Gaynesford für ein Kunstmagazin. Auf dem Wege geriet sie in die ganze Geschichte hinein.«
»Ach so, mehr war es nicht? Lediglich ein Zufall?«
»Aber Evelyn, ich bitte Sie, das klingt, als wäre es dann nur noch halb so viel wert. Die aufmerksame junge Frau hat ein Menschenleben gerettet.«
»Richtig.« Lady Cardoon gab ihre Musterung auf und gönnte Ivy Graham einen nachdenklichen Blick, bei dem Olivia der hervorstechende scharfe Nasenrücken der strengen Lady ins Auge fiel. Leonard hatte mal behauptet, diese Art Nasen seien der Ausweis uralten Adels. »Du sagst es – wenn diese junge Dame hier Bücher so sehr liebt, will ich ihr nicht weiter im Weg stehen. Wir werden uns vermutlich gelegentlich begegnen…« sie sah Olivia abwartend an. »Sie bleiben doch länger, sagten Sie das nicht?«
»Ich denke schon«, gab Olivia bereitwillig zu, der kurze Satz klang in Lady Cardoons Rücken aus.
»Nehmen Sie ihr ihre etwas herablassende Art bitte nicht übel«, Mrs Grahams helle Stimme verhehlte den Ärger nicht ganz. »Sie wird mit den Jahren immer kühler im Ton und ich kann das so gar nicht vertragen.«
»Haben Sie denn viel mit ihr zu tun?«
»Ja und nein. Dienstags sitzt sie seit einigen Wochen vorn an der Bücherausgabe, sie ist vorübergehend für eine sehr nette Frau eingesprungen. Ich glaube, die Kinder kommen nun vermehrt an den anderen Tagen.«
»Das stimmt! Ich kann sie gar nicht leiden!«
»Aber Jemima, nimm es nicht persönlich. Sie kommt einfach aus einer anderen Gesellschaftsschicht. Und hier im Ort ist sie die einzige aus dieser Welt, das ist sicher auch für sie schwierig, weißt du?«
»Weiß ich. Darf ich mal an die Bücher, vor denen Sie stehen, bitte.«
Mrs Graham trat freundlich beiseite. »Das ist Jemima«, wandte sie sich mit einer einladenden Handbewegung wieder an Olivia.
»Und ich bin Viola.«
»Hab ich schon gehört.«
»Und ich dachte, du bist tief in dein Buch versunken.«
»War ich auch. Ich weiß nicht, wann Sie gekommen sind. Aber ich habe vorhin zugehört, als die alte Distel mit Ihnen geredet hat.«
Das Entsetzen von Mrs Graham beantwortete Olivia mit kaum zurückgehaltenem Gelächter. »Jemima, Cardoons sind die hohen, sehr schönen Silberdisteln. Stechen tun die anderen, die Thistles, die auf den Wiesen zwischen den Blumen wachsen und einen in die Fußsohlen beißen; du weißt, die Dinger, die Iaah vorgibt, so gerne zu fressen.«
»Sie mögen die Geschichten von Pooh?« Jemima strahlte. Doch umgehend schob sie die Schultern nach hinten: »Obwohl ich sie jetzt nicht mehr lese!«
»Warum nicht? Ich lese sie immer wieder, auch heute noch, wenn ich mich ganz schlecht fühle, zum Beispiel nach einem gruseligen Traum, mitten in der Nacht.«
»Das hilft?«
»Bei mir immer. Versuch es mal.« Mit einer leichten Geste auf das Regal, das sie blockierte, trat Olivia beiseite und ging mit ihrer Gastgeberin zurück in die Diele. Mrs Higham nahm gerade mehrere Bücher zurück, von einer großen, ernsten Frau mit schneeweißen Haaren, zu einem Knoten verschlungen. Sie redeten freundlich miteinander. »Irgendwo hier, Mrs Graham, standen doch die Bücher über Kent.« Olivia ließ sich im Schneidersitz davor nieder.
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Das Abendessen begann mit Avocadoscheiben, die Raymund wie angekündigt mit Peperoni bestreut hatte, dazu Tomaten und Brot. Olivia hatte die Küchenvorhänge wie zwei Abende zuvor zugezogen und die beiden Kerzen auf dem Esstisch angezündet. Und sie steckte in ihren eigenen schmalen schwarzen Hosen. Das großgeblümte Gebilde aus Wangaris Laden lag bei den anderen seiner Art oben in Anns Zimmer.
»In eurer Bücherei ist ganz schön Betrieb, ich bin ein wenig überrascht. Die meisten leihen auch wirklich Bücher aus.«
»Sicher. Deswegen kommen sie ja.«
»Schon, aber es ist doch auch ein Treffpunkt, oder nicht? Viele reden miteinander, in allen Räumen. Ich kenne eine Dorfbücherei, in der heiliges Schweigen selbstverständlich ist.«
»Das ist aber doch Unsinn, oder? Es handelt sich ja nicht um eine Bibliothek, in der gearbeitet wird. Schließlich darf man alle Bücher mit nach Hause nehmen. Natürlich reden die Leute gern, erst einmal über Bücher. Von da kommt man weiter zu allen möglichen Sachen, das ist ganz natürlich. Aber die, die von vorne herein lieber über andere Dinge reden, treffen sich dazu auch woanders. Glaube ich zumindest.«
»Raymund, was weißt du über Lady Cardoon?«
»Hat sie dich gebissen?«
»Sie konnte sich gerade noch zurückhalten, in aller kühlen Herablassung natürlich, aber nur, weil ich vorgab, nicht die zu sein, für die sie mich hielt, nämlich deine detektivische Nichte.«
Raymund lehnte sich grinsend zurück: »Man erinnert sich also tatsächlich an diese Geschichte. Ich wusste es! Ein Teil des sogenannten kollektiven Gedächtnisses. Mrs Graham weiß es jetzt auch wieder und die Erinnerung rollt. Bin gespannt, ob etwas davon an meinen Ohren vorbeizieht – aber etwas viel wichtigeres: Was hast du über dich erzählt – heute – ganz allgemein?«
»Nur, dass ich meine Cousine bin, die – oh mein Gott, Raymund! Heute Vormittag habe ich einen Fehler gemacht!« Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.
Er wartete gelassen und aß seine Avocado weiter.
»Dilettantenscheiße! Richtige Dilettantenscheiße!« Erschrocken richtete Marmalade sich unter ihren weichen Decken auf und starrte zum Tisch hinüber.
»Kein Grund zur Beunruhigung«, teilte Raymund ihr nüchtern mit und zu seiner Nichte gewandt: »Könntest du etwas genauer werden?«
»Das Wort stammt von Marlene Dietrich und trifft meinen Fehler haargenau.«
»Die Herkunft dieses spannenden Wortes beschäftigt mich gerade nicht so sehr!« Raymund legte das Besteck beiseite und lehnte sich zurück, schließlich fragte er: »Hast du Fulham erwähnt? Bitte erinnere dich genau.«
Exakt das war es, was Olivia während seines Nachdenkens versucht hatte. »Nein, das nicht. Aber ich erzählte von meinen Großeltern, dem Verschwinden meines Vaters und dem daraus sich ergebenden Umzug nach Salzburg. Von meiner Mutter und ihrer Arbeit im Fundus der Festspiele und was ich dort trieb, jedenfalls ein wenig darüber.«
Raymund hüllte sich erneut in Schweigen. Als er sich aufrichtete, begann er, mit dem Zeigefinger unsichtbare Linien auf die Tischplatte zu zeichnen: »Wir müssen die Trennlinie zwischen Viola und Olivia verschieben und jetzt sehr genau festlegen. Mein Vorschlag ist folgender: Olivia ist Übersetzerin und Journalistin und lebt in Fulham. Nichts mehr über ihre Verhältnisse. Wie kämst du auch dazu, über sie zu reden. Im Verzweiflungsfall ist sie die Tochter eines Cousins von mir. Ich darf sie dann noch immer als ›Nichte‹ bezeichnen, da wir uns recht nahe stehen. Das müssen wir uns beide merken!«
»Verstehe.«
Ein Lächeln stahl sich zurück in Raymunds Augenfalten. »Du bist die Tochter meiner Schwester. Darüber, wie sie ihren Ehemann verlor und welche Konsequenzen sich daraus für sie ergaben, wurde sicher irgendwann geredet, von mir vielleicht nicht, aber von Ann vermutlich schon. Wer diese Fakten mit Olivia in Verbindung bringt, hat halt irgendetwas verwechselt. Darauf kannst du bestehen, denn wer außer Aphra darüber spricht, hat es nicht aus erster Quelle, behaupte ich jetzt mal. Evelyn Cardoon jedenfalls nicht. Ann konnte sie nicht leiden.«
»So definitiv?«
»Ja. Du musst dir klarmachen, dass Ann hier aufgewachsen ist, und diese Distel auch, sie kennen sich oder kannten sich, seit sie laufen können, gingen zumindest anfangs in dieselben Schulen und so weiter. Als wir vor vier Jahren hierher kamen, erfolgte eine Einladung ins Herrenhaus, nur für Ann, nicht für mich. Wir nahmen folglich an, um die alten Zeiten aufleben zu lassen. Damit wollte sie mich sicherlich nicht langweilen – Ann brauchte gerade mal diesen einen Tee mit Evelyn Cardoon, um zu beschließen, ihr weitest möglich aus dem Weg zu gehen.«
»Aber warum? Wenn sie Ann eingeladen hat, wird sie doch auch gastfreundlich gewesen sein.« Olivia erkannte ihre Tante in dieser etwas rüden Reaktion nicht wieder.
»Ann kehrte damals einigermaßen fassungslos zurück. Sie konnte nicht verstehen, dass ein Mensch sich sein ganzes Leben hindurch so wenig verändert haben sollte – das waren ihre Worte.«
»Und was meinte sie damit?«
»Evelyn Cardoon hat wohl in der Schule schon versucht, die erste Geige zu spielen und den anderen zu sagen, wo es langgeht. Ann mochte das damals nicht und erst recht nicht als reife Frau. Wie du dir das bei einem zweisamen Tee konkret vorzustellen hast, überlasse ich dir. Ann meinte damals, es müsse erlaubt sein, soviel Zucker in den Tee zu tun, wie man wolle oder auch gar keinen. Wenn dabei schon Schwierigkeiten auftauchen, sollte man die Beziehung nicht ausbauen – nun ja.« Raymund lächelte ein wenig traurig.
Nach einer Pause fuhr er nüchtern fort: »Evelyn Cardoon ist der letzte Spross eines sehr alten Geschlechtes und in ihr scheinen sich wie zu einem Finale alle negativen altadeligen Eigenschaften versammelt zu haben, lass es mich so zusammenfassen. Ich persönlich habe so gut wie nichts mit ihr zu tun, ich erzähle nur, was ich gehört habe.« Raymund nahm sein Besteck wieder auf.
»Trotzdem passt die Reaktion nicht zu Ann«, grübelte Olivia über ihrem Teller.
»Nun ja…« Raymunds Blick verlor sich im Garten. »Ich nehme an, du weißt, dass Ann in diesem Haus aufgewachsen ist. Kurz nach dem Tod ihres Vaters wurde auch ihre Tante Sophie, die Schwester ihrer Mutter, Witwe und bei einem längeren Besuch hier in Howlethurst beschlossen die Schwestern, in diesem Haus gemeinsam alt zu werden. Anns Mutter starb als erste und vor fünf Jahren dann Tante Sophie. Ann erbte das Haus, das weitere kennst du.«
»Ja, stimmt, aber Anns Reaktion auf den Besuch im Herrenhaus erklärt das noch nicht, oder bin ich so blind?«
Raymunds Blick kehrte wieder in den Garten zurück, fast so, als würde er seine Frau dort draußen sehen. Olivia beobachtete eine zunehmende Traurigkeit um seine Augenwinkel. »Na ja, das war so: Ann liebte dieses Haus und dieses Land. Ein wenig hatte sie immer Heimweh nach Kent. Aber sie verspürte keine Neigung, alte Beziehungen nach einem langen, freien Leben rein aus Gewohnheit wieder aufzunehmend. Also bestand sie darauf, quasi als Fremde zurückzukehren und abzuwarten, zu welchen Nachbarn sich angenehme Beziehungen ergeben würden, aus der Gegenwart heraus und zwischen den Menschen, die sie jetzt waren. Sie beschäftigte sich mit dem Umbau des Hauses und dem Garten, den sie aus der entstandenen Wildnis hervorlockte und ließ sich mit den Menschen Zeit.«
»Das klingt nach der Vorstellung von einem guten und noch langen Leben…« Olivia schauderte leicht.
Raymund schien es zu spüren. Fest legte er seine Hand auf die ihre. »Wir waren überzeugt, noch einen ganzen Lebensabschnitt vor uns zu haben. Und wir wollten ihn sehr bewusst gestalten. Der Plan war gut.« Er drückte noch einmal Olivias Hand, bevor er die seine wieder zu sich nahm. Beide vermissten Ann gerade fast schmerzlich.
Olivia wehrte sich als erste: »Und Lady Cardoon – ließ sie die Sache dabei bewenden?«
»Erstaunlicherweise nein. Sie unternahm noch einen Versuch, Ann für sich zu gewinnen, aber Ann blieb bei ihrer freundlichen Distanz.«
»Heißt?«
»Sie blieb stehen, wenn man sich traf, sprach sie im Supermarkt in Tenterden auch an, statt um die Regalecke zu verschwinden, lud sie aber nicht einmal zu einem Gegentee ein.«
»Au ha!«
»Richtig. Aber du erkennst leicht, dass sie ihr gegenüber nicht auf die Idee kam, über meine Verwandtschaft zu reden.«
»Verstanden – kurzer Blick auf den Schlachtplan: Meine Kindheit in London und Salzburg ist wirklich die meine, aber ich vermeide, sie in Fulham zu verorten, am besten überhaupt auf London zu sprechen zu kommen.«
»Ich halte das für das beste. Du kannst von Salzburg erzählen, wenn es denn sein muss. Aber deine Beziehung zu London solltest du auf Wangari Aulton und ihre Boutique in St. John’s Wood beschränken. Meinetwegen erfinde eine Boutique in Salzburg, für die du ebenfalls Stricksachen entwirfst. Und wenn du sehr dynamisch sein willst, eine in Wien. Nur bitte, lass es mich jeweils wissen.«
Nachdenklich schob Olivia die Peperonistückchen zu Mustern zusammen. »Es überrascht mich, wie unaufmerksam ich sein kann. Wenn ich mich an das Gespräch mit Susan erinnere, regt sich immerhin die Hoffnung, dass weiter kein Schaden daraus entstanden ist. Susan dürfte in den nächsten – für uns wichtigen – Wochen kaum zu einem der hiesigen Bewohner so engen Kontakt bekommen, dass sie über mich spricht.«
»Gut. Auch wenn man nie ganz sicher sein kann. Es ist wichtig, dass du dich an unsere neue Linie sehr getreu hältst. Denn auch in Susans Ohren sollte kein Widerspruch aufklingen, wenn sie von dir hört. Vergiss nicht, andere reden vielleicht gern.« Ihm entfuhr ein kurzer Seufzer: »Ich bin so pedantisch, weil ich um deine Sicherheit besorgt bin. In dieser Hinsicht ist es wichtig, dass auch Susan keinerlei Zweifel an deiner Identität bekommt. Solange behältst du einen freien Rücken.«
Olivia stimmte ihm zu: »Also zurück: Was kannst du mir über diese etwas befremdliche Lady Cardoon erzählen?«
»Ich will gerade den Eintopf holen, dann können wir sitzenbleiben. Lass den Brotkorb ruhig stehen, manchmal mag man noch ein Stück.«
Langsam und sorgfältig schöpfte er Erbseneintopf in ihre tiefen Teller. »Wieder aufgewärmt schmeckt er am besten, du wirst sehen. Nach meinem Nachmittag in der Bücherei koche ich nämlich nie.« Für einen Moment konzentrierten sie sich ganz auf den heißen Eintopf. Olivia blies sanft jeden einzelnen Löffel und genoss mit ungeteilter Aufmerksamkeit die Lieblingsspeise ihrer Kindertage. Raymund beobachtete sie dabei und freute sich.
»Es ist merkwürdig, denke ich gerade«, er ließ den Löffel sinken und schaute erneut hinaus in den dunklen Garten, »ich kenne Lady Cardoon persönlich ziemlich schlecht, und doch weiß ich eine Menge über sie. Von Ann das meiste und einiges von Aphra und Roger, alles sehr zuverlässige Quellen. Ich hole etwas aus, zum Verständnis erscheint es mir wichtig. Die Familie Cardoon lebt in Kent seit mindestens fünfhundert Jahren. In der Regierungszeit von Elisabeth der Ersten bauten ihre Vorfahren das Herrenhaus, in dem sie lebt. Es ist sehr schön, jedenfalls von außen, von innen kenne ich es ja nicht. Dir wird es auch gefallen: Das Erdgeschoss besteht aus Ziegelmauern, abwechselnd mit Fachwerk, in diesem Fall sind es senkrechte Balken mit weißen Feldern dazwischen, der erste Stock ist durchgehend schwarz-weiß gestreift mit einem großen Erker, der bis ins Dach hinaufreicht. Die ganze Pracht steht in einem formalen Garten mit überquellenden Blumenbeeten im Sommer. Die Mutter der jetzigen Lady soll eine auffallende Begabung für Gartengestaltung und Pflege gehabt haben, ich habe sie nicht mehr kennengelernt. Ihre Tochter pflegt das Erbe, aber sie ist, wie wir vorhin schon festhielten, die letzte Cardoon. Nicht schön – denke ich mir.«
»Hatte die Familie Einfluss in der Gegend?«
»Ich glaube nicht, jedenfalls nicht in den letzten Generationen. Davor waren sie Großgrundbesitzer mit den Pflichten und der Möglichkeit zu Macht und Willkür, wie aller Landadel. Sie werden es unterschiedlich gehandhabt haben, es redet heute niemand mehr darüber, scheint mir. Ich weiß auch nichts über eine verzweigte Verwandtschaft. Wenn es dir wichtig erscheint, werde ich es herausfinden. Die letzte Cardoon – es ist ganz normal, dass Familien aussterben, aber für den Betroffenen habe ich mir die Situation immer scheußlich vorgestellt.«
»Klassische Frage: Wer erbt ihren Besitz?«
»Keine Ahnung. Ich werde die Frage an Roger weitergeben.«
Olivia nickte: »Mach das, schon damit er nicht vergisst, dass wir an der Arbeit sind – hast du einen Vorschlag für morgen?« Als Raymund so auf Anhieb nichts einfiel, ergänzte sie: »Unser Ausgangspunkt ist der Tod von Delia Large.«
Raymund löffelte langsam weiter, hin und wieder gab er unbestimmte dunkle Töne von sich. Schließlich ließ er seinen Löffel wieder mal sinken und lehnte sich zurück: »Man muss mit den Leuten reden, wenn man weiterkommen will. Meine Sorge ist, dass die Betroffenen ihrerseits weiterdenken, wenn du sie sich selbst überlässt.«
Ein verschmitzter Blick war die Antwort: »Tun sie sicher. Aber nicht zwangsläufig in dieselbe Richtung wie ich. Ist dir jemand eingefallen?«
»Ja, tatsächlich. Morgen ist Freitag. Freitags kommt Sira zu Mrs Large zum Putzen. Du wirst sie mögen: Sie ist groß und breit und immer guter Laune. Von jener Laune, die ansteckend ist. Wenn ich sie treffe und wir zwei beiläufige Sätze über das Wetter wechseln, ist der Tag anschließend ein guter Tag. Phänomenal…«
»Dann liegt ein guter Tag vor mir.«
Kapitel 7
Als Olivia sich am nächsten Vormittag auf den Weg zu Susan machte, begleitete Marmalade sie, beiläufig, aber konsequent. Während Olivia vor der Haustür stehenblieb, ging sie an ihr vorbei ins Beet und blieb an der Hausecke stehen. Die zwei tauschten einen Verschwö-rerblick, bevor die Tür aufflog. Im Rahmen stand eine Schwarze, den Kopf voll unzähliger kleiner Zöpfe und einem Strahlen in den Augen.
»Guten Morgen – Susan ist nicht da?«
»Gerade nicht. Sie ist aber nur zum Bäcker gegangen. Möchten Sie nicht hereinkommen und auf sie warten?« Als Olivia scheinbar zögerte, trat die Frau mit einer einladenden Armbewegung ins Innere des Hauses beiseite. »Kommen Sie ruhig. Es wird sicher nicht lange dauern.« Zufrieden schloss sie hinter Olivia die Tür und führte sie ins Wohnzimmer. »Ich freue mich, dass Sie nach der jungen Frau fragen. Sie ist wirklich ganz allein.«
»Und Sie? Sie sind auch hier.«
Ein dunkles, fröhliches Lachen schien den ganzen Raum zu füllen. »Ich bin die Putzfrau, keine Gesellschaft. Ich habe schon Mrs Large das Haus gepflegt, es ist ein sehr schönes Haus.«
Chippendale-Möbel standen auf dicken Perserteppichen mit blau und weiß als Grundfarbe, über dem Kamin hing ein großer Stich von den Türmen von London, denen von Christopher Wren. Olivias Blick flog darüber hin und kehrte zu der Frau zurück, sie war normal groß, vollschlank und sah sie mit ihrem Lächeln in den Augen an. »Sie klingen, als würden Sie sich der Familie verbunden fühlen…«
»Natürlich. Die kleinen Sorgen des Alltags verbinden einen über die Jahre miteinander.«
»Ahnten Sie, dass Mrs Large sterben würde, bevor Susan aus Indien zurückkam?« Olivia war von ihrer Frage überrascht, noch mehr aber von der Antwort.
»Die letzten Tage vor ihrem Tod teilte es sich mir mit!« Als Olivias Augen wartend an den ihren hängen blieben, ergänzte sie schließlich zögernd: »Ich träumte von einer Eule. In der ersten Nacht hörte ich sie rufen, als ich aufwachte. Ich höre sie manchmal in der Nacht. Aber deswegen träume ich noch nicht von ihnen. Nur in den Tagen vor Mrs Larges Tod. Ganz regelmäßig.«
»Sie brachten Ihre Träume mit dem Tod zusammen? War das davor auch schon so?«
Die dunklen Augen, die in die von Olivia sahen, lächelten nicht mehr, ihr Gegenüber schien die unterdrückte Aufregung zu spüren. Sie sah sie verständnisvoll an: »Ich träume immer wieder mal vorausschauend, aber ich bin sehr vorsichtig. In jenen Tagen spürte ich, dass irgendetwas Mrs Large beunruhigte. Wäre ihre Nichte in England gewesen, hätte ich sie benachrichtigt, aber Indien ist zu weit weg.«
»Wie oft kamen Sie?«
»Montags und mittwochs für eine halbe Stunde oder so, ich putzte die Bäder, wenn nötig räumte ich die Küche auf, freitags war Putztag und ist es immer noch, und ich brachte Mrs Large jeden Morgen frisches Brot und Milch. Entschuldigen Sie…« sie eilte zur Haustür.
»Sira… Viola… das ist ja schön! Dann frühstücken wir jetzt alle zusammen!«
Schnell war ein weiteres Gedeck auf den Küchentisch gestellt und Sira schenkte dampfenden Tee ein. »Schaut mal«, Susan stand am Küchenfenster und trocknete sich die Hände ab, »die Katze schaut mich an, als hätte sie etwas Wichtiges zu sagen.« Draußen saß Marmalade und regte sich nicht, auch nicht, als drei Augenpaare durchs Fenster zu ihr hinübersahen.
»Die Katze von Mr Fisher.« Siras Augen streiften Olivia: »Sie weiß etwas, dass uns interessieren würde, da bin ich mir sicher. Vielleicht lernen Sie im Laufe der Zeit, sie zu verstehen.«
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Sira machte sich bald wieder an die Arbeit, während Susan und Olivia in Ruhe weiter Tee tranken. Doch der Tag war allzu strahlend, um lange im Haus zu bleiben. »Lady Cardoon ist in den Bus nach Tonbridge gestiegen… ich kann sie mir gar nicht in London vorstellen…, aber vielleicht will sie da ja auch gar nicht hin. Jedenfalls ist sie weg und wir könnten einen Spaziergang zum Herrenhaus machen. Ich bin da noch nie gewesen.« Olivia war selbstredend einverstanden und mit einigen Hinweisen von Sira machten sie sich auf den Weg.




