Staatsjugendorganisationen – Ein Traum der Herrschenden

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Das Jahr prägen intensive Zentralisierungsarbeiten und politische Propagandaaktionen der Gesamt-HJ. Es gibt „zahllose Kundgebungen, Märsche, […] Straßendemonstrationen, Versammlungskampagnen usw.“43
1933
Als Adolf Hitler am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt wird und die NSDAP die Macht übernimmt, hat die Gesamt-Hitlerjugend ca. eine Million Mitglieder.
Am 28. Februar erlässt Paul von Hindenburg (1847 - 1934) die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat. Damit ist u. a. die juristische Grundlage für eine zentralisierte Gleichschaltung sowie Auflösung aller politischen, kirchlichen und bündischen Jugendorganisationen gelegt.44 Die Gesamt-Hitlerjugend ist zu jenem Zeitpunkt noch nicht die größte und einflussreichste Jugendorganisation, gewinnt aber durch die neuen innerstaatlichen Machtstrukturen an enormen Einfluss.45 „Wie die NSDAP nunmehr die einzige Partei ist, so muß die HJ die einzige Jugendorganisation sein.“46 Im April des Jahres 1933 okkupiert Schirach die Geschäftsstelle des Reichsausschusses der deutschen Jugendverbände47 und übernimmt deren Vorsitz. Kurz nach der Übernahme beginnt er, die jüdischen und die parteigebundenen Jugendorganisationen aus dem Verband auszuschließen bzw. wie im Falle der rechtsorientierten Jugendorganisationen in die Gesamt-Hitlerjugend zu integrieren. Die NS-Jugendbetriebszellen und der Reichsverband der deutschen Jugendherbergen werden der HJ eingegliedert.48
Am 8. April Zusammenschluss der bündischen Jugendorganisationen zum Großdeutschen Jugendbund, zwecks Abwehr der zunehmenden Macht der Gesamt-HJ. Nach der Ernennung Schirachs am 17. Juni zum Jugendführer des Deutschen Reiches, beginnt er sofort mit der Zerschlagung des Großdeutschen Jugendbunds. Viele der Bünde lösen sich in den folgenden Tagen und Wochen selbst auf, integrieren sich in die Gesamt-HJ oder werden durch die Gesamt-HJ verboten.49
Die Eingliederungskampagne in die HJ betrifft auch die konfessionellen Jugendgruppen. Trotz des Reichskonkordats vom 20. Juli mit dem Vatikan, das den katholischen Verbänden eine eingeschränkte Jugendarbeit zugesteht, wird noch im gleichen Monat die parallele Mitgliedschaft in der Gesamt-HJ und in einer kirchlichen Jugendorganisation verboten.50
Die evangelischen Jugendorganisationen werden durch ein Abkommen zwischen Schirach und dem Reichsbischof Ludwig Müller (1883 - 1945) Ende 1933 in die Gesamt-HJ eingegliedert.
Es folgt die Ausgliederung von HJ und BDM aus dem Verantwortungsbereich der SA.
Die gesamte Jugendorganisation wird Mitte des Jahres, veranlasst auch durch die vielen neuen Mitglieder, neu strukturiert. Ab jetzt sind innerhalb der Gesamt-Hitlerjugend die 10- bis 14-jährigen Jungen dem Deutschen Jungvolk, die 14- bis 18-jährigen Jungen der Hitlerjugend, die 10- bis 14-jährigen Mädchen dem Jungmädelbund (JM) und die 14- bis 18-jährigen Mädchen dem Bund deutscher Mädel zugeordnet.51
Der BDM wird in seiner Arbeit unabhängiger, richtet sich nicht mehr alleinig an den Bedürfnissen der HJ aus. Er wird nun als „Kampf-, Arbeits- und Lebensgemeinschaft“52 beschrieben, die ihren Beitrag innerhalb der Gesellschaft zu leisten hat.
Im Sommer übernimmt Lydia Gottschewski als Bundesführerin die Leitung des BDM. Durch das Verbot der anderen Organisationen steigen die Mitgliedszahlen deutlich an.
1934 ('Jahr der Schulung und inneren Ausrichtung'53)
Am 15. Juni Ernennung der Gauverbandsführerin Trude Mohr (Bürkner) (1902 - 1989) zur Reichsreferentin des BDM.54 Sie untersteht direkt der Reichsjugendführung (RJF).
Im selben Monat wird der Sonnabend als 'Staatsjugendtag' ausgerufen. Er ist ausschließlich dem HJ- und BDM-Dienst vorbehalten und stellt die Mitglieder der Jugendorganisation von der Schule frei.
Im Juli beginnt der HJ-Streifendienst seine Arbeit. Er übernimmt Polizeiaufgaben innerhalb der HJ und versucht oppositionelle Jugendgruppen auszumachen.55
Durch die Übernahme der 'Artamanen' wird auch der landwirtschaftliche Bereich in die Gesamt-HJ integriert und es entsteht der 'Landdienst'. Einführung eines 'Hauswirtschaftlichen Jahres' für BDM-Mädchen als Beitrag zum Aufbau des 'Dritten Reiches'.56
Artur Axmann ruft den Reichsberufswettkampf ins Leben, der zu einer bestehenden, faktisch verpflichtenden Instanz für Jungen und Mädchen wird.57 Die letzte bedeutende Maßnahme der HJ im Jahr 1934 ist ihre Abkopplung und Distanzierung von der SA, der sie laut Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1. Dezember 1933 noch immer unterstellt ist. Fortan werden die 18-jährigen Jungen nach ihrer Entlassung aus der HJ nicht mehr in die SA, sondern direkt in die NSDAP übernommen.58
1935 ('Jahr der Ertüchtigung')
Der Reichssportwettkampf findet zum ersten Mal statt. Seine Teilnehmerzahl steigt in den kommenden Jahren stark an.
Wiedereinführung der allgemeine Wehrpflicht und der Arbeitsdienstpflicht im Juni. Die vormilitärische Ausbildung in der HJ rückt in den Vordergrund.59 Es entstehen verschiedene Sondereinheiten der Hitlerjugend, wie beispielsweise die Marine-HJ, die Motor-HJ, die Fliegereinheiten und die Nachrichten-HJ.
1936 ('Jahr des deutschen Jungvolkes')
Ab diesem Jahr erfolgt die Aufnahme der Jungen und Mädchen in das Jungvolk und den Jungmädelbund mit wenigen Ausnahmen in geschlossenen Jahrgängen jeweils zum 20. April eines Jahres, dem Datum des Führergeburtstages.60
Im April Vereidigung von 190.000 Führern und Führerinnen der HJ und des BDM.

Abb. 1: Das Gesetz über die Hitlerjugend
Es folgt eine Neugliederung der Gesamt-HJ „nach Jahrgängen und Wohnbezirken“61. Zu dieser Zeit waren bereits sechs Millionen Jungen und Mädchen Mitglied der Hitlerjugend.62
Baldur von Schirach wird zum Staatssekretär berufen.
Ende des Jahres erlässt Adolf Hitler das Gesetz über die Hitler-Jugend. Die darin enthaltene 1. und 2. Durchführungsverordnung schreibt die Mitgliedschaft alle Kinder und Jugendlichen in der Gesamt-Hitlerjugend als Dienstpflicht fest. Mit diesem Gesetz endet die Entwicklung der Gesamt-Hitlerjugend, die „von einer 'Kampfjugend' über die 'Volksjugend' zu einer 'Staatsjugend' geworden war.“63
1937 ('Jahr der Heimbeschaffung')
Das Jahr 1937 ist gekennzeichnet durch den Aufbau von HJ- und BDM-Heimen und Adolf-Hitler-Schulen, die als Vorschulen der NS-Ordensburgen dienen. Der Aufbau der Reichsführerschule in Potsdam und der Akademie der Jugendführung dienen dazu, die Ausbildung und Karriere zukünftiger Führer und Vorsitzenden der Hitlerjugend zu verbessern.64
In diesem und im folgenden Jahr werden die letzten, oft illegal bestehenden Jugendverbände ausgeschaltet.
Dr. Jutta Rüdiger (1910 - 2001) übernimmt im November das Amt von Trude Mohr. Sie trägt fortan die Bezeichnung Reichsreferentin für den BDM beim Reichsjugendführer.65
Verstärkte hauswirtschaftliche und kulturelle Tätigkeiten sollen den Vermännlichungstendenzen im BDM entgegenwirken.
1938 ('Jahr der Verständigung')
Die Organisation Glaube und Schönheit für die 17- bis 21-jährigen Mädchen sowie BDM-Haushaltsschulen werden gegründet. Für die jungen Frauen wird ein 'Pflichtjahr' eingeführt.
Im April wird das Gesetz über Kinderarbeit und die Arbeitszeit der Jugendlichen verabschiedet, welches die Situation der Kinder und Jugendlichen stark verbessert.66
Bedeutendes Ereignis dieses Jahres ist das Zusammentreffen aller HJ- und BDM-Führer/innen am 24. Mai zum Reichsführerlager. Im Hinblick auf einen möglichen Krieg finden folgende Bereiche Einzug in die HJ- und BDM-Arbeit: „steigende Gesundheitsvorsorge, die Anstrengung um den Erhalt der jugendlichen Leistungsfähigkeit sowie die Luftschutzausbildung – und natürlich die seit 1938 forcierte militärische Ertüchtigung der Jugend“67.
Der HJ-Streifendienst wird eine Sonderformation für den SS- und Polizeinachwuchs.68
Nach der Besetzung des Sudetenlandes und dem Anschluss Österreichs an das 'Dritte Reich' werden deren Jugendorganisationen in die Hitlerjugend integriert.69
1939 ('Jahr der Gesundheitspflicht')
Die körperliche Gesundheit wird propagiertes Ziel dieses Jahres. Um in der Zukunft gesunde Nachkommen zu zeugen, wird besonders die Jugend angehalten, durch Sport, Körperpflege und Lebenshaltung den eigenen Körper gesund und kräftig zu halten.70
Im September Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen. Beginn des 2. Weltkriegs.
Im November Erlass der 3. Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitlerjugend vom 01. 12. 1936, der die praktische Umsetzung regelt. Fortan werden alle Kinder und Jugendlichen per Gesetz automatisch in die HJ integriert. Der Jugendführer darf fortan die Staatsorgane für die Durchsetzung seiner Ziele zu Hilfe nehmen.71
Die Hitlerjugend wird in diesem Jahr in eine 'Stamm-HJ' und in eine 'Allgemeine HJ' aufgeteilt. Mitglieder der 'Stamm-HJ' sind alle vor 1939 aufgenommenen Mitglieder der Jugendorganisation oder ehemalige Mitglieder der 'Allgemeinen HJ', die sich nach einem Jahr bewährt hatten.72

Abb. 2: Erste Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitler-Jugend
Mit Kriegsbeginn erhält die Staatsjugendorganisation neue Aufgaben. Die HJ übernimmt fortan „Partei-Einsätze (Kurier-, Wach-, Propaganda-Dienst); Einsatz für Staat und Kommunen (Meldedienst, Luftschutz, Feuerwehrdienst; sogenannte Technische Nothilfe; Hilfsdienst bei der Post, der Bahn, Einsatz bei der Wehrmacht (Kurier- und Verladedienst, Verpflegungsausgabe, Telefondienst u. a.m.); Einsatz in Wirtschaftsbetrieben und Arbeitskommandos; Sammlungen von Altmaterial, Kleidungsstücken u. ä.; Land- und Ernteeinsätze, NSV-Dienst und 'kulturelle Betreuung'“73
Der BDM übernimmt fortan auch Aufgabenbereiche, in denen die Männer aufgrund des Krieges fehlen. Ihm obliegt auch die Versorgung Verwundeter und Kranker.
Ab 1940 ('Jahr der Bewährung')
1940 tritt Baldur von Schirach als Reichsjugendführer und Jugendführer des deutschen Reiches74 zurück und übergibt seine Position an Artur Axmann. Neben seiner Tätigkeit als Reichsleiter für die Jugendführung der NSDAP erfolgt seine Ernennung zum Reichsstatthalter und Gauleiter von Wien.75
Um die Dienstpflichtverordnung nicht zu gefährden, wird die „Disziplinarordnung der HJ in eine Dienststrafordnung umgewandelt, die ein Verfahren bei Nichterfüllung der Dienstpflicht […][vorsah] und Verstöße gegen die HJ-Disziplin, 'Gefährdung des öffentlichen Ansehens der HJ' und ähnliches mehr verfolgt[…].“76
Im März Einberufung des vollständigen Jahrgangs 1923 zur Jugenddienstpflicht.
Beginn der 'Kinderlandverschickung' mit der Evakuierung von Schulkindern aus kriegsgefährdeten Regionen.77
1941 ('Unser Leben, ein Weg zum Führer')
Die Mitgliedszahlen der Gesamt-HJ steigen während des Krieges weiter an, da die Jugendorganisationen der eroberten Gebiete häufig in die Gesamt-Hitlerjugend integriert werden.78

Abb. 3: Dienststrafordnung der HJ.
1942 ('Osteinsatz und Landdienst')
Schirach und Axmann gründen den Europäischen Jugendverband. Er schließt sich aus faschistischen Jugendorganisationen Österreichs, Italiens und einiger anderer Länder, die mit dem Deutschen Reich sympathisieren, zusammen.79
1943 ('Kriegseinsatz der deutschen Jugend')
Die Kriegseinsätze der HJ werden intensiviert, ab Januar werden selbst Schüler als HJ-Luftwaffenhelfer eingezogen.
Der Widerstand vieler Jugendlicher gegen die Gesamt-HJ, vor allem gegen die HJ-Dienstpflicht, wächst. Dem begegnet die Staatsjugendorganisation mit „stärkeren Disziplinarmitteln, Ausweitung des Jugend-Arrests, Verschärfung der Kontrollen des Streifendienstes, Forcierung des militärähnlichen Drills und Zuhilfenahme der Staatsorgane und ihrer Mittel“80.
Die gesamte Hitlerjugend entwickelte sich während des Krieges zu einer „Kriegshilfsdienstorganisation“81. Kriegsbedingte Themen bestimmen in zunehmenden Maß den Inhalt der Arbeit. Der BDM beteiligt sich z. B. an der Gesundheitsversorgung in den Lazaretten, bereitetet Essen für Bedürftige zu, fertigt und flickt Soldatenkleidung, stellt Spielzeug für die Kinder her, hilft in Betrieben, Fabriken und Bauernhöfen.
Im Sommer 1943 zeigen sich erste Zerfallserscheinungen der Gesamt-HJ.
1944 („Jahr der Kriegsfreiwilligen“)
Die Jugend wird zu einem „sinnlosen Widerstand“82 aufgerufen. Der männliche Jahrgang 1929 wird zum Wehrdienst einberufen und auch Mädchen werden jetzt in den Wehrdienst integriert.
1945
Die gesamte Hitlerjugend zerfällt bei Kriegsende gemeinsam mit dem 'Dritten Reich'.83

Abb. 4: Mitgliederbewegung
3.1 Die Ideologie des Staatssystems
Als einzige Partei im totalitären nationalsozialistischen Staat zugelassen, erhielt die NSDAP die Monopolstellung als Staatspartei. Ihre programmatischen Grundsätze wurden als Doktrin erklärt und erhielten absolute Gültigkeit für alle Bürger des Staates.84 Systemkritische Einstellungen und Meinungen wurden verboten und durften somit in keiner Form bekundet werden. Zuwiderhandlungen wurden mit Strafverfolgung geahndet.
Im Gegensatz zu anderen Ideologien besaß die nationalsozialistische Weltanschauung nie ein stringentes System. Sie bestand aus einem „Ideenkonglomerat“, „das Vorstellungen, Leitbilder und Ressentiments des deutschen nationalen Bürgertums vereinigte.“85 Hitlers Weltanschauung, erörtert in seinem Buch 'Mein Kampf', kreiste im Kern um die aus der Ariosophie aufgenommene und verschärfte Anthropologie der „Erkenntnis von der Ungleichheit der Menschen“86. Rassismus und Antisemitismus, die Hervorhebung der 'arischen' Rasse über die nicht-arischen Völker und das damit verbundene Elitedenken wurden somit grundlegend für alle weiteren ideologischen Vorstellungen der Nationalsozialisten.87 Der Standpunkt des einzelnen Menschen wurde „durch sein Blut und durch seine Rasse“ definiert.88
Innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie war das Führerprinzip von wesentlicher Bedeutung. Es griff das vermutete germanische Prinzip von 'Führer und Gefolgschaft' auf, in dem der Führer allen Menschen des Volkes hierarchisch übergeordnet war und seitens der Untertanen bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Staatsoberhaupt verlangt wurde.89 Damit erfolgte zugleich die Negierung des Einzelnen zugunsten der Volksgemeinschaft im Sinne der Parole: 'Du bist nichts – Dein Volk ist alles'90 als integrativer Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Sie entlehnte dafür Gedankengut aus der Zeit des 1. Weltkriegs, als sich der einzelne Soldat angeblich für die Gemeinschaft opferte. Aus nationalsozialistischer Sicht versprach „das mystische Erlebnis der Volksgemeinschaft […] dem Einzelnen Geborgenheit und Selbstgewissheit, erlöste ihn von der Kontingenz seines Daseins, indem er sich als Teil eines übergeordneten Ganzen, als organischer Bestandteil der Volksgemeinschaft, als treuen und ergebenen Gefolgsmann Hitlers interpretieren konnte.“91 Damit einher ging die Ablehnung aller geistigen und intellektuellen Fähigkeiten der Menschen zugunsten einer starken Betonung des Körperkultes. Das Heranzüchten gesunder und starker Körper war vielfach gepriesenes Ziel. Hingegen war die geistige Entwicklung der Menschen für die Nationalsozialisten nur im Hinblick auf die Ausbildung von Charakter- und Willensstärke von Bedeutung.92 Damit kam der Militarisierung der Gesellschaft, die zunehmend in alle Lebensbereiche hineinspielte, eine wichtige Rolle zu. Durch das Tragen der Uniform und durch das Befolgen der Regeln sollte eine Gleichheit und Einheitlichkeit in allen organisierten Bereichen erwirkt werden.
Das Fernziel nationalsozialistischer Ideologie basierte auf Hitlers imperialistischen Eroberungsbestrebungen. Nach denen sollte der Lebensraum Richtung Osten hin erweitert werden, entsprechend der „Bevölkerungszahl und dem 'Machtwillen' des 'deutschen Volkes'“93. Dieser angestrebte Großstaat sollte wiederum von den herangezüchteten 'Herrenmenschen' geführt und gelenkt werden.
3.2 Die Grundsätze der Anthropologie
Grundlage für die Herausbildung dieser 'neuen Menschen' war Hitlers Rassenideologie, die rein wissenschaftlich betrachtet keine eigene neue Ideologie war. Hitler griff bereits in 'Mein Kampf' nur rudimentäres Gedankengut aus der Ariosophie und der britischen Rassenlehre des Kolonialismus auf - vernommen in seiner Wiener Jugendzeit - und mischte jene Aspekte mit der 'Eugenik' von Dr. Eugen Fischer (1874 - 1967). Er unterschied zwischen „Kulturbegründer, Kulturträger und Kulturzerstörer“94, wodurch sich eine „Rangordnung der Rassen“95 mit den 'arischen' Rassen an der Spitze ergab. Mithilfe des Sozialdarwinismus definierte er die 'arische' Rasse in ihrer Beschaffenheit und ihren Eigenschaften als höherwertig. Er leitete aus dieser angenommenen Überlegenheit das natürliche Recht ab, andere, niedere Rassen, u. a. die Juden, zu beherrschen.96 Da nach seinem Geschichtsverständnis die Herrschaft der 'Arier' in der Vergangenheit durch das Judentum bedroht war, sagte er „dem rassischen Gegner den Kampf auf Leben und Tod“97 an.
Die Dominanz der 'Arier' fand er in den menschlichen Eigenschaften ihrer Rasse begründet. So hob er ihre „Willens- und Charakterstärke, sowie körperliche Robustheit“98 hervor, negierte aber, wie bereits oben angeführt, intellektuelle und geistige Fähigkeiten der Menschen. Wert erzielte in seinen Augen der einzelne Mensch allein durch sein Machtstreben. Je mehr Macht der Mensch besitzt, desto höher solle er aufsteigen. Hitler unterteilte die arischen Menschen in die breite Masse und in die Elite, den sogenannten „nordischen Rassekern“99. Letzterer Gruppe sprach er die besten Eigenschaften und die höchstentwickeltsten Fähigkeiten zu, was sie dazu berechtigte, die „beherrschende Stellung in Volk und Staat“100 einzunehmen.
Für seinen angestrebten neuen Staat wollte Hitler einen „neuen Menschen“101, rassisch homogen, entstehen lassen. Das Ziel bestand darin, den „nordischen Helden“102 zu züchten, mit den Eigenschaften der „rassische[n] Gesundheit als Basis für Willen, Härte, Disziplin und Kampfgeist, für Leistung und Opferbereitschaft, aber auch für große Kulturschöpfungen aus 'arischem' Geist“.103 Im 'Klugen Alphabet' von 1935 wurde unter dem Begriff Rasse definiert, dass durch „Rückkreuzungen und weiteren Standardkreuzungen durch Ausmendeln, Entmischungen, also Ausmerzung bestimmter Rasseelemente“104 Menschen entstehen können, die alle diese Eigenschaften verkörperten. Dieses Verfahren sollte in ihrer Vollendung zum 'Herrenvolk' führen, welches den anderen Völkern in oben genannten Aspekten weit überlegen sei.
Pädagogische Aspekte der humanistischen Bildungstradition fanden keinen Eingang in diese Anthropologie, denn es ging nicht mehr darum, durch Erziehung den individuellen Menschen in seiner Selbstverwirklichung zu fördern. Vielmehr sollten, mit Hilfe von biologischer sowie seelisch-geistiger 'Zucht' und 'Dressur', Menschen gestaltet werden, die sich selbst im Sinne des Nationalsozialismus (NS) für die Allgemeinheit aufgaben.105
3.3 Bild der Frauen im Nationalsozialismus
Der Nationalsozialismus wurde als eine Bewegung der Männer gesehen, in der Frauen nur eine untergeordnete Rolle in der Familie, Gesellschaft und im Berufsleben einnahmen.
Äußerungen Hitlers dazu auf dem Nürnberger Parteitag im Jahr 1934 vermitteln anschaulich diese propagierten Rollenbilder: „Wenn man sagt, die Welt des Mannes ist der Staat, die Welt des Mannes ist sein Ringen, die Einsatzbereitschaft für die Gemeinschaft, so könnte man vielleicht sagen, dass die Welt der Frau eine kleine sei. Denn ihre Welt ist der Mann, ihre Familie, ihre Kinder und ihr Haus. Wo aber wäre die größere Welt, wenn niemand die kleine Welt betreuen möchte?“106
Gemäß dieser Rollenzuordnung wurden die Arbeitsbereiche von Mann und Frau im Nationalsozialismus der Vorkriegszeit zumeist getrennt. Während der Mann in der patriarchalisch orientierten Gesellschaft einem Beruf nachging und damit für den finanziellen Familienerhalt sorgte, übernahm die Frau den Haushalt und die Kinderbetreuung.
Die Ehe selbst wurde laut Hitler nicht als Selbstzweck aufgefasst, ihre vornehmliche Aufgabe lag in der Reproduktion des Nachwuchses. Dabei wurde die 'Mutterschaft' als eine Art Beruf(ung) angesehen, idealisiert und „parteipolitisch definiert und staatlich durchgesetzt“107. Es galt, eine möglichst große Anzahl rassischer und erbgesunder Kinder zu gebären, wobei Jungen besonders erwünscht waren. Der Begriff der Mutterschaft bezog sich dabei nicht nur auf den Bereich innerhalb der eigenen Familie. Durch die Reproduktion des Nachwuchses galten die Frauen als Bewahrerinnen der Volksgemeinschaft, denn durch ihre Nachkommen trugen sie zur Sicherung der deutschen Rasse bei. Aus dieser Bestimmung leitet Hitler die Wertschätzung, ja sogar eine Gleichberechtigung der Frau ab: „Auch die Frau hat ihr Schlachtfeld: Mit jedem Kind, das sie der Nation zur Welt bringt, kämpft sie ihren Kampf für die Nation.“108 Er verlangte „dass sie in den ihr von der Natur bestimmten Lebensgebieten jede Hochschätzung erfährt, die ihr zukommt“.109 Diese starke Idealisierung und Mythologisierung der Mutter ist ablesbar an vielen Veranstaltungen, die ihr zu Ehren zelebriert wurden wie beispielsweise der Muttertag, der zum festen Bestandteil im Jahreszyklus nationalsozialistischer Feiern avancierte. Zudem wurde Müttern ab einer bestimmten Kinderanzahl das Mutterkreuz verschiedener Stufen verliehen.110
Doch statt Gleichberechtigung im heutigen Sinne ergab sich für die Frau aus ihrer vorgegebenen Rolle als Mutter, Haus- und Ehefrau eine mehrfache Abhängigkeit. Neben dem Gebären und Kindergroßziehen gehörte es zu ihren Pflichten, ihren Mann im täglichen Leben unterstützend beizustehen. Darüber hinaus sollte sie ihr Leben der völkischen Gemeinschaft anbieten und unterordnen. So war es in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus durchaus erwünscht, dass Frauen, in späteren Jahren auch unverheiratete junge Mädchen, einen Beruf ausübten, allerdings hauptsächlich in Bereichen mit sozialen Komponenten. Trude Bürkner-Mohr, damalige Reichsreferentin des Bundes Deutscher Mädel, propagierte dementsprechend die Aufnahme eines Berufes aus dem Sektor „Helfen, Heilen, Erziehen“111. Aus anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, so auch der Politik, hatten sich Frauen vollständig herauszuhalten. Auf der ersten Generalversammlung der NSDAP wurden sie aus allen führenden Parteigremien ausgeschlossen. Fortan blieb Ihnen nur innerhalb des BDM die Möglichkeit, höhere Positionen einzunehmen, wobei auch hier die letztendliche Entscheidungsgewalt bei den Männern lag.
Auch wenn Hitler von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sprach, ergab sich für Letztere nach heutiger Sicht eine deutlich niedrigere Stellung innerhalb der Gesellschaft. Anstatt als Subjekt ihr Leben selbstständig, durch Eigenbestimmung und Eigeninitiative zu gestalten, verfiel die Frau in die Rolle des Objektes.
Wie sah nun das Verhältnis zwischen propagierten Rollenbild und tatsächlich gelebter Realität aus? Bezüglich des Zieles, möglichst viele Kinder zu gebären, bestand eine Übereinstimmung zwischen Ideologie und Wirklichkeit. Die Geburtenrate stieg in der Zeit des Nationalsozialismus an. Es ist anzunehmen, dass diese Entwicklung auf fördernde Kriterien, aber auch auf Zwangsmaßnahmen zurückzuführen ist. Zu Ersteren gehörte beispielsweise die Ermäßigung der Steuer für kinderreiche Familien, wie auch die Auszeichnung mit dem Mutterkreuz. Als Zwangsmaßnahme wurde gesetzlich ein Verbot über die Nutzung von Verhütungsmitteln erlassen, wie auch ein Verbot über die freiwillige Sterilisation.112



