Staatsjugendorganisationen – Ein Traum der Herrschenden

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Hinsichtlich der Berufstätigkeit der Frauen stimmten Ideologie und Realität nicht überein. Zwar nahm in der Anfangszeit bis zum Jahr 1935 der Prozentsatz arbeitender Frauen kontinuierlich ab, doch ist diese Entwicklung mit Vorsicht zu betrachten, da zu gleicher Zeit fast ausschließlich Männer in die vorhandenen Berufe eingestellt wurden. Dadurch verringerte sich der Prozentsatz der Frauenarbeitsquote auf eine natürliche Art, ohne das weibliche Angestellte aus ihren Berufen entlassen wurden. Ab dem Jahr 1936 wich die Realität dann vollends von der postulierten Ideologie ab. Dies ist auf die florierende Wirtschaft und die forcierten Kriegsvorbereitungen zurückzuführen. Der Aufschwung und die damit dringend benötigte Arbeitskraft ließ nicht mehr zu, dass auf Frauen in vielen Bereichen des Arbeitslebens verzichtet wurde.113 Als mit Kriegsbeginn immer mehr Männer aus den Betrieben ausschieden, um an der Front zu kämpfen, nahm die Anzahl arbeitender Frauen noch einmal erheblich zu. Dieser Trend stieg durch den kriegsbedingten Verlust der männlichen Arbeitskräfte weiter an. Die in früheren Jahren propagierten spezifischen Frauenarbeitsstellen spielten zu dieser Zeit längst keine Rolle mehr.
3.4 Bild der Männer im Nationalsozialismus
In einer Rede am 13. September 1935 sprach Hitler folgende Worte: „Frau und Mann repräsentieren zwei ganz verschiedene Wesenseigenschaften. Im Manne sei vorherrschend der Verstand. Stabiler sei aber das bei der Frau hervortretende Gefühl.“114
Während somit in der nationalsozialistischen Ideologie die Frau und ihre Welt als emotional, seelisch und sorgend klassifiziert wurde, galt der Mann als rational denkend und handelnd sowie kraftvoller physischer Mensch. Er wurde charakterlich als stark und rational definiert. Ihm gebührte es, die Rolle des politisch aktiven und herrschenden Menschen einzunehmen. Seinen Fähigkeiten entsprechend, sollte der Mann als Ernährer der Familie einer beruflichen Tätigkeit nachgehen und so das Familieneinkommen sichern, seine Familie versorgen, ernähren und mit der Waffe in der Hand beschützen.
Die beiden Welten von Mann und Frau sollten sowohl in der Ehe, als auch im gesellschaftlichen Leben und Arbeitsleben getrennt bleiben. Der Mann war dazu bestimmt, den Frauen ihre Rolle zuzuweisen.
3.5 Bild der Mädchen im Nationalsozialismus
Das idealtypische Mädchen musste zu Zeiten des Nationalsozialismus einige grundlegende Voraussetzungen mitbringen. Es musste 'deutsch', 'arisch' und damit 'erbgesund' sein. Darüber hinaus sollte es ihr Leben zugunsten der Volksgemeinschaft einsetzen sowie die nationalsozialistischen Werte und Normen widerstandslos annehmen und nicht hinterfragen. Laut BDM-Leitung sollten folgende Eigenschaften das deutsche Mädchen ausmachen: Es „war sportlich, pflegte seinen Körper, achtete auf seine Gesundheit und war äußerlich sauber und ordentlich gekleidet; es war tüchtig und selbstständig in beruflicher, insbesondere in hauswirtschaftlicher Hinsicht.“115 Es sollte sich kulturell und musisch bilden und darüber hinaus auf ihre spätere Rolle als Mutter und den damit verbundenen Aufgaben vorbereiten. Wichtige damit verbundene Tugenden waren „Treue, Gradheit, Reinheit, Sauberkeit und Ehre“116.
Im BDM sollten sich die Mädchen nicht als Einzelpersönlichkeiten darstellen und entwickeln, bestimmend war das Wir-Gefühl, die Gemeinschaft. Die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen wurde im Selbstverständnis des BDM von „internen, erblichen, biologisch-rassischen Bedingungen“117 bestimmt und nur bedingt durch Erziehung beeinflusst. Damit wurden die Mädchen durch ihre Erbanlagen zu Objekten degradiert. Ihnen wurde nicht die Möglichkeit gegeben, eigene Interessen zu entwickeln, ihren individuellen Weg zu finden und zu eigenständigen Persönlichkeiten heranzureifen.
Nicht alle Mädchen ließen sich in dieses sehr enge und einschränkende Muster einfügen und es entstanden Gegenbilder zu diesem Typ Mädel, wie beispielsweise die „intellektuellen Blaustrümpfe“118 und die „politisierenden Dämchen“119.
3.6 Bild der Jungen im Nationalsozialismus
Das wohl einprägsamste Bild des Jungen im Nationalsozialismus formulierte Hitler auf seiner Rede zum jährlichen Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg 1935. Er wollte eine männliche Jugend, die „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“120 sei. Aus diesem Zitat wird ersichtlich, dass vor allem die körperliche Ertüchtigung und Aktivität den HJ-Jungen ausmachen sollte. In dem von der Reichsjugendführung veröffentlichten Buch „HJ. im Dienst“, wurde schon in der Einleitung formuliert: „Der Führer verlang von Dir, daß du Deine körperlichen Anlagen und Fähigkeiten bis zur äußersten Möglichkeit entwickelst.“121
Die intellektuelle Bildung fand keinen Eingang in das nationalsozialistische Jungenbild. Vielmehr ging es darum, sich an die Organisation zu binden und die Ideologie, die Normen und Werte unreflektiert zu übernehmen. Eigeninitiative der Jungen wurde zwar gewünscht, jedoch nur im Rahmen der bestehenden Normen. Befehle von Vorgesetzten sollten sie schnell und unhinterfragt ausführen, immer im Sinne der Gemeinschaft.122
Laut Hitler sollten die Jungen „friedfertig sein und mutig zugleich“123. Darüber hinaus sollten sie stark und hart sein und lernen, „Entbehrungen auf […] [sich] zu nehmen, ohne jemals zusammenzubrechen“124 Auch der Begriff der Ehre und des Stolzes wurde in diesem Zusammenhang angesprochen.
Deutlich abzugrenzen hatten sich die Jungen von den „'romantischen' oder 'intellektualisiert-problematisch[en]' Jugendlichen früherer Jugendbünde[…]“125 und auch vom „'sozialrevolutionären' und politisch-aktiven Typ verschiedener Jugendorganisationen“126.
4.1 Aufbau und Gliederung
Bereits von Beginn an war die Staatsjugendorganisation von der NSDAP vollständig politisch abhängig und galt als deren Nachwuchsorganisation. Wie auch die NSDAP war die Gesamt-Hitlerjugend hierarchisch und zentralistisch aufgebaut und zeigte in ihren einzelnen Sektionen eine analoge Struktur zur Partei.127 Obwohl formal freiwillig, wurden die 18-jährigen Männer oft nach Abschluss der HJ zunächst in die SA, später in die NSDAP übernommen. Die Frauen wurden aufgefordert, nach Abschluss des BDM oder ihrem Abschluss in der Organisation Glaube und Schönheit in die NS-Frauenschaft einzutreten. So wurde der Parteinachwuchs gesichert, der sich zudem bereits in den Strukturen und Funktionen der Organisation auskannte
Die Gesamt-HJ unterteilte sich in fünf Obergebiete: Ost, Nord, Mitte, Süd und West, die sich wiederum in jeweils vier bis fünf Gebiete und Obergaue aufgegliedert. Ab dort waren sie hierarchisch abgestuft in Bann, Stamm, Gefolgschaft, Schar und Kameradschaft, analog beim BDM untergliedert in Obergau, Untergau, Mädelring, -gruppe, -schar und -schaft.128 Der BDM, als Teil der Gesamt-HJ, war in seinem Aufbau der HJ angeglichen, es gab keine „eigens gestaltete weibliche oder mädchenspezifische Organisationsform.“129 Aus der getrennten Rollenverteilung von Mann und Frau im Nationalsozialismus ergaben sich allerdings bereits innerhalb der Staatsjugendorganisation zwei unterschiedliche Erziehungsschwerpunkte, so dass ab 1933 die Gesamt-HJ die Jungen und Mädchen nach Alter und Geschlecht in folgenden Organisationsformen zusammenfasste: Die Jungen von 10 bis 14 wurden zunächst im Jungvolk, gegründet 1931, organisiert. Anschließend wechselten sie für die nächsten vier Jahre in die HJ. Jene, bereits 1926 gegründet, war bis 1932 der Sturmabteilung (SA) unterstellt.130 Neben den Ortsgruppen gab es innerhalb der HJ Sondereinheiten, beispielsweise die „Nachrichten-, Marine-, Flieger- und Motor-HJ“131. In diesen Formationen erhielten die Jungen eine spezifische Ausbildung, welche ausschließlich ihnen vorbehalten war. Vergleichbare Einheiten für die Mädchen im BDM gab es nicht, jedoch konnten sie an Sonderausbildungen teilnehmen, wie beispielsweise am Gesundheitsdienst.132
Die weibliche Jugend wurde in die Jungmädel zwischen 10 und 14 Jahren und in den BDM für die 14- bis 18-jährigen untergliedert. Neben dem bereits 1930 gegründeten BDM wurde 1938 die Organisation Glaube und Schönheit für die 17- bis 21-jährigen jungen Frauen ins Leben gerufen. Die Teilnahme darin war freiwillig.133
Jährlich am 20. April, dem Tag von Hitlers Geburtstag, wurden die Jungen und Mädchen in das JV bzw. die JM aufgenommen. Anfangs wurden die Mitglieder des Jungvolks, in Anlehnung an die Jungmitglieder diverser Bünde vor 1933, Pimpfe genannt. Ab Ende 1938 durfte der Begriff nicht mehr verwendet werden, da er als abwertend galt.134 Vermutlich entdeckte die Reichsjugendführung den etymologischen Ursprung des Wortes Pimpfe, der „(kleiner) Furz“135 bedeutete. Der Übertritt in HJ und BDM erfolgte ebenfalls an besagtem Tag.136
Obwohl lange Zeit das „Prinzip der Freiwilligkeit der Zugehörigkeit“137 zur Staatsjugendorganisation propagiert wurde, änderte sich das 1936 grundlegend durch das HJ-Gesetz. Ab diesem Zeitpunkt blieb jeder Junge und jedes Mädchen für eine Dauer von 8 Jahren Mitglied der Staatsjugendorganisation. Mittels der 1939 eingeführten Durchführungsverordnung wurde die Teilnahme sogar zur Pflicht erklärt. Fernbleiben wurde nur in Ausnahmen gewährt, beispielsweise bei nachgewiesener Krankheit. Verweigerung wurde mit Strafverfolgung geahndet.
Während der 8 Jahre wurden den Jungen und Mädchen aufeinander aufbauende nationalsozialistische Inhalte und Verfahrensweisen vermittelt, die jährlich mit einem bestimmten Ausbildungsziel abschlossen.138

Abb. 5: Motor-HJ

Abb. 6: Nachrichten-HJ

Abb. 7: Flieger-HJ

Abb. 8: Segelpilot Joachim Gittelbauer

Abb. 9: Der Aufbau der Hitlerjugend nach Jahrgängen
4.2 Die Hierarchie, Struktur und das Führungsprinzip der Gesamt-Hitlerjugend als zentralistisches Prinzip des Machtsystems
Der Aufbau der Gesamt-HJ war einfach und klar nach zentralistischen Machtstrukturen gegliedert. Nur die „oberste Spitze“139 traf die wichtigen Entscheidungen über Aufgaben und Inhalte der HJ und des BDM. Die Führer an der Basis, die der Jugend sehr nahe standen, hatten für deren Umsetzung zu sorgen.
An der Spitze der gesamten HJ stand die Reichsjugendführung in Berlin. Alle Ämter innerhalb dieser obersten Reichsbehörde, bei der sämtliche Befugnisse zusammenliefen, wurden ausschließlich von Männern bekleidet. Auch die Reichsreferentin des BDM war der Reichsjugendführung direkt unterstellt, sie hatte jedoch „weitgehende Vollmachten [,][…] die Führung des BDM zu bestimmen.“140 Innerhalb der Behörde waren alle Bereiche der nunmehr staatlich gelenkten Jugendpolitik, u. a. auch die Ämter für die Leibeserziehung und die HJ-Gerichtsbarkeit, zusammengeführt. Die Leitung über die verschiedenen Ämter lag beim Stabsführer der Reichsjugendführung.141
Dem Aufbau der NSDAP entsprechend, hatte jede der sieben Einheiten (HJ => Reichsjugendführung - Gebiet - Bann - Stamm - Gefolgschaft - Schar -Kameradschaft/BDM => Reichsjugendführung - Obergau - Untergau -Mädelring - Mädelgruppe - Mädelschar - Mädelschaft) verschiedene Hauptabteilungen oder -stellen. So bestand z. B. ein Bann aus einer „Personalsstelle, Sozialstelle, Stelle für weltanschauliche Schulung, Presse- und Propagandastelle, Verwaltungsstelle“142. Diese Stellen gab es in ähnlicher Form auch auf den nächsthöheren und –tieferen Ebenen.
In jeder HJ- und BDM-Gruppe stand an der Spitze ein Junge oder ein Mädchen als Führer, die den Namen der Gruppe und der Klassifikation trugen, z. B. Bannführer oder Mädelgruppenführerin.143 Sie allein hatten die Verantwortung für ihre Gruppe und mussten sich vor der jeweils höheren Instanz verantworten. Ein Führer, anders als ein Vorgesetzter, verübte nach Schirach eine natürliche Autorität und war seiner „Gefolgschaft Vorbildlichkeit schuldig“144. Gemäß der nationalsozialistischen Idee des Führerprinzips waren die untergeordneten Jugendlichen ihrem Führer zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Sie hatten die von ihm erteilten Regeln und Anweisungen uneingeschränkt und unhinterfragt auszuführen.
Die einzelnen Stellen und Positionen wurden von den „Personalsstellen bzw.
-abteilungen und dem Personalamt der RJF“145 zugeteilt. Neben dieser Berufung gab es keine Möglichkeit, sich auf eine Position wählen zu lassen. Die Stellungen der Bannführer/innen und darüber liegende Positionen waren in der Regel hauptamtlich und damit besoldet.
Während die Männer für die einheitliche Ausrichtung der gesamten Arbeit verantwortlich waren, stand ihnen für die mädchenspezifischen Belange jeweils eine BDM-Amtsreferentin zur Seite.146
Generell war jedoch im Geschlechtervergleich das weibliche Geschlecht innerhalb der RJF „vollkommen unterrepräsentiert“147 und selbst in Mädchenangelegenheiten besaßen die Männer das Recht, die endgültigen Entscheidungen zu treffen.

Abb. 10: Aufbau der Stäbe

Abb. 11: Gliederung und Aufbau der Hitler-Jugend
5.1 Erziehungsziele im 'Dritten Reich'
Die Erziehungsziele im 'Dritten Reich' waren darauf ausgerichtet, die nationalsozialistische Ideologie und Anthropologie umzusetzen. Anstatt einer pädagogischen Ausrichtung fokussierten und unterstützten sie allein die Herrschafts- und Eroberungsbedürfnisse ihrer politischen Machtträger.
Die bereits erwähnte Abkehr von der Individualität zugunsten der Volksgemeinschaft, der Negierung von Pluralität und der intellektuellen Fähigkeiten einzelner Menschen innerhalb einer Gesellschaft, fand Ausdruck in der von Schirach 1933 deklarierten 'Revolution der Erziehung'. Um deren Ziel zu erreichen, die gesamte deutsche Jugend „körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zu erziehen“148, fand in der Schule wie auch in der Staatsjugendorganisation ein maßloser, totalitärer und entindividualisierender Zugriff auf die Jugend statt. Die Erziehung in der Gruppe, in der sich der Einzelne zugunsten der Volksgemeinschaft aufgibt, wurde zur vorrangigen Aufgabe und zum Ziel erklärt, wobei die jungen Menschen „durch Erkenntnis, Erlebnis und Willen an die Gemeinschaft gebunden“149 werden sollten. Aufklärung und intellektuelle Bildung waren nicht gefragt. Um Menschen zu erziehen, denen das Allgemeinwohl wichtiger war als die Bildung der eigenen, individuellen Persönlichkeit, sollten die Kinder so früh wie möglich der HJ und dem BDM beitreten.
Nach Hitlers Bildungsideal war ein „zwar wissenschaftlich wenig gebildeter, aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt von Entschlussfreudigkeit und Willenskraft […] für die Volksgemeinschaft wertvoller als ein geistiger Schwächling.“150 An Bedeutung gewann in diesem Zusammenhang die Propagierung eines religionsähnlichen Patriotismus, basierend auf Adolf Hitlers 'Mein Kampf' als deutsch-völkische Bibel. Die jungen Menschen sollten nicht zum kritischen Nachdenken angeregt werden, sondern zum blinden Glauben an die Richtigkeit der völkisch propagierten Ideen und Ziele. Geistige Fähigkeiten sollten nur in Bezug auf die Formung des Charakters eine Rolle spielen, in dem sie verhalfen, Tugenden wie „Treue, Opferwilligkeit und Verschwiegenheit“151 sowie Aufrichtigkeit, Entschluss- und Verantwortungsfreude zu entwickeln.
Letztendlich war die körperliche Ertüchtigung höchstes Erziehungsziel, Basis und Voraussetzung für die weitere ideologische Schulung im sozialdarwinistischen Sinne, das besagte, dass sich der Stärkere auf Kosten des Schwächeren durchsetzt. Hitlers vielzitierter Satz des „Heranzüchten kerngesunder Körper“152 kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Der Körperkult innerhalb des NS-Regimes wurde noch verstärkt durch propagandistische Parolen der Gesamt-HJ, wie beispielsweise 'Dein Körper gehört der Nation' oder auch 'Du hast die Pflicht, gesund zu sein'.153
Im Verhältnis zur körperlichen Ertüchtigung wurde der weltanschaulichen Schulung weniger Zeit und Raum bei der Erziehung der Jugend beigemessen. Ihr Schwerpunkt lag auf der „Behandlung der Rassefrage“154 und der Vermittlung eines 'Rassegefühls' als Grundlage für eine spätere anwend- und umsetzbare Rassenpolitik. Einher ging damit die Förderung eines „unerschütterlichen Nationalgefühls und eines fanatischen Nationalstolzes“155. Hierbei spielten vor allem die Schlüsselwörter „Rasse, Blut, Boden, Geist, Führertum, Ehre, Wehr, bewusste Selbstbejahung der Nation“156 eine große Rolle.
Die Erlangung der 'Ehre' wurde als Erziehungsziel besonders hervorgehoben, dass sie das „natürliche Recht auf die Achtung [darstellte], die jeder Volksgenosse als Glied und Träger der Gemeinschaft für sich beanspruchen kann.“157 Die größte Ehre erlangte der Einzelne durch den harten Kampf für das Vaterland, sei es an der Kriegsfront oder in der Heimat.
Zusammengefasst sei betont, dass es sich bei den formulierten Erziehungszielen im Nationalsozialismus fast ausschließlich um Prinzipien der Menschenformung handelte, orientiert an den Bedürfnissen des Staates. Pädagogische Normen und Ziele verloren an Bedeutung und verschwanden im Laufe der Zeit fast vollends.158
Einmal in der Staatsjugendorganisation angelangt und mit den Werten und Normen des Nationalsozialismus bekannt gemacht, sollten die Kinder nie wieder Gelegenheit erhalten, andere Ideologien kennenzulernen, um zu verhindern, dass sie eigene Vorstellungen einer individuellen Lebensgestaltung entwickeln. Hitler formulierte es in seiner Rede in Reichenberg vom 2. Dezember 1938 folgendermaßen: „Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch zu denken, deutsch handeln. Und wenn nun dieser Knabe und dieses Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort nun so oft zum ersten Mal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei oder in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganz Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen, alle mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre. Und wenn sie dann nach zwei oder drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter. Und sie werden nicht mehr frei, ihr ganzes Leben.“159
5.2 Erziehungsziele im Bund Deutscher Mädchen
Die propagierte Trennung zwischen der Mädchen- und Jungenerziehung wurde folgendermaßen erklärt: „Die Natur hat zweierlei Menschen geschaffen, sie sollen auch verschieden bleiben; einer Vermännlichung der Frauen können wir aus einem gesunden, naturgemäßen Empfinden heraus nicht das Wort reden, weder im körperlichen noch im geistigen Kampfe.“160
Hitler blieb in seinen Angaben bezüglich der Mädchenerziehung ambivalent. Einerseits erwähnte er: „Analog der Erziehung der Knaben kann der völkische Staat auch die Erziehung des Mädchens von den gleichen Gesichtspunkten aus leiten. Auch dort ist das Hauptgewicht vor allem auf die körperliche Ausbildung zu legen, erst dann auf die Förderung der seelischen und zuletzt der geistigen Werte.“161 In 'Mein Kampf' wiederum beschrieb er: „Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.“162
Schirach erwähnte eine weitere wichtige Rolle der Mädchen. Sie sollten im BDM „zu Trägerinnen der nationalsozialistischen Weltanschauung erzogen werden.“163 Diese Aussage definierte die Mutterschaft mit den Begriffen Hausfrau, Mutter und 'Kulturträgerinnen'. Das Elternhaus sollte den Kindern Werte vermitteln, die als Fundament der ideologisch-politischen Vorstellungen des Nationalsozialismus dienten. Um dies zu gewährleisten wurden die Mädchen im BDM, bevorzugt an den Heimabenden, in den ideologischen Vorstellungen geschult, wobei die Punkte „Rasse – Gemeinschaft – Führer“164 einen großen Stellenwert einnahmen. In Anlehnung daran sind auch die Charaktereigenschaften zu verstehen, nach denen die Mädchen im BDM erzogen wurden: „Rassebewußtsein, Aufopferungsbereitschaft, Treue und Verantwortungsbereitschaft innerhalb der Gemeinschaft, sowie bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Führer.“165
Der Begriff der 'zukünftigen Mutter' wurde im BDM dagegen nur selten gebraucht. Der Erziehung der Jungen gleich, erhielt die körperliche Ertüchtigung den größten Stellenwert. So „müsse eine gesunde Körperschulung […] Voraussetzung sein; allzu großer Anhäufung von Wissensstoffen müsse Einhalt geboten werden“166. Der Schwerpunkt der körperlichen Ertüchtigung der Mädchen lag in der „harmonischen Durchbildung des Körpers und im edlen Dreiklang von Körper, Seele und Geist“167.
Neben der Gesundheit, dem Pflichtbewusstsein und der sozialen Einsatzbereitschaft als weitere wichtige Aspekte der Erziehung wurde auch auf ein jugendliches Eigenleben der Mädchen geachtet. Der hohe Stellenwert ergab sich aus der Tatsache, dass der weiblichen Jugend erstmals in der Geschichte eine eigene Jugendzeit zugestanden wurde.168
Die RJF propagierte darüber hinaus die Wichtigkeit einer Berufsausbildung der Mädchen, welche vornehmlich die sozialen Berufe betraf, analog des Grundsatzes „Heilen, Helfen, Erziehen“. Nach Möglichkeit sollte die Erwerbstätigkeit der jungen Frauen jedoch mit dem Eintritt in die Ehe aufgegeben werden.169
In Anlehnung an die politischen Ereignisse orientierten sich einige Erziehungsziele der Mädchen an denen der Jungen. Diese sollten sie dazu befähigen, im Falle eines Krieges ihren „Mann“ zu stehen.
5.3 Erziehungsziele in der Hitlerjugend
Als höchstes Erziehungsziel der Jungen kann wohl die „kraftvollkämpferische[…] Männlichkeit“170 genannt werden, die ihre Heimat im Krieg gegen die anderen Länder verteidigt. Hitler wollte den volkgebundenen deutschen Menschen, der im Angesicht der Geschichte seines Volkes um dessen Zukunft kämpft und schon die Jungen sollten durch die körperliche Ertüchtigung auf diese spätere Aufgabe vorbereitet werden.171 Ihre Zielsetzungen lagen in der Entwicklung eines gesunden Körpers, im Aktivismus, Kämpferischen und dem Ansporn zur Leistung. Des Weiteren sollten „Charakterwerte wie Tapferkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, Ausdauer, Entschlussfähigkeit, Verantwortungsfreudigkeit, Verschwiegenheit usw.“172 geschult werden. Die sportlichen Wettkämpfe dienten der Auslese der Tüchtigsten bzw. der Besten, wobei halbmilitärische Übungen hierbei einen großen Stellenwert einnahmen. So wurden regelmäßig militärische Ordnungsübungen, Marschdienste von Einheiten, „'Antreten', Exerzierübungen, Appelle und ähnliches“173 durchgeführt. Damit einhergehend wurden Verhaltensweisen wie das Ein- aber auch Unterordnen, eine gewisse Selbstdisziplin und der Gehorsam gegenüber Vorgesetzten geübt.



