Staatsjugendorganisationen – Ein Traum der Herrschenden

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Kameradschaftlichkeit, Gemeinsamkeit und die Erziehung zum Truppengeist waren Erziehungsziele, die vor allem beim Gelände- und Wehrsport sowie bei Fahrten und Lagern gefördert und unterstützt werden sollten.174
Ein weiteres Erziehungsziel lag in der „Erziehung zur Einfachheit“175. Vor allem die Jungen sollten zu einem „harten und bedürfnislosen Geschlecht“176 erzogen werden, welches eine „maßvolle Haltung in allen Dingen“177 erreichte und in der Schlichtheit die Schönheit der Welt erkannte.
Durch die verschiedenen Rollen, die den Jungen in der HJ übertragen wurden, sollte der Geltungsdrang der Jugendlichen befriedigt sowie das Selbst- und Ehrbewusstsein ausgebildet werden.178
5.4 Weltanschauliche Schulung und Heimabende
Die Praxisarbeit im BDM und in der HJ sollte die bereits beschriebenen Ziele umsetzen. Dies implizierte, dass möglichst viele Bereiche des jugendlichen Lebens in diesen Prozess integriert wurden. Dafür boten sich die Heimabende an, welche ein- bis zweimal wöchentlich stattfanden. Auf ihnen sollte durch Gespräche, gemeinsames Singen, Lesen, Basteln etc. die Bindung der Jugendlichen untereinander gefestigt werden.179
Seit 1937 existierte ein spezifischer Jahrgangsschulungsplan, der die Vermittlung der anstehenden Themen einheitlich im gesamten 'Dritten Reich' koordinierte. In speziellen einheitlichen Schulungsmappen, die vierzehntägig erschienen, wurden die Themen der einzelnen Stunden vorgegeben. Die Schulungsmappe der Hitlerjungen nannte sich 'Die Kameradschaft', die der Mädchen im BDM 'Die Mädelschaft'. Neben dem Leben und dem Werk Adolf Hitlers beschränkten sich die Themen im Wesentlichen auf die „Rasse-, Grenz- und Volkskunde und Bevölkerungspolitik“180.
Jedes der vier in der Hitlerjugend verbrachten Jahre stand unter einer bestimmten, aufeinander aufbauenden Thematik. Im ersten Jahr begannen die Jungen wie auch die Mädchen mit dem Thema „Der Kampf um das Reich“. Während die Jungen im zweiten Schulungsjahr das Thema „Das Volk und sein Blutserbe“ abhandelten, wurde dies im BDM erst im dritten Jahr behandelt. Die Mädchen wurden im zweiten Schulungsjahr zum Thema „Die nationalsozialistische Bewegung im Kampf um Volk und Reich“ unterwiesen. Im dritten und vierten Jahr wurden aktuellen politischen Ereignisse, sowie das Verhältnis des 'Dritten Reiches' zu anderen Ländern besprochen.181
Den Mädchen sollte durch diese Schulungsarbeit nicht nur die NS-Weltanschauung nahe gebracht werden, sie sollten auch befähigt werden, diese ihren zukünftigen Kindern zu vermitteln.182
Die Betonung der nationalen, heldenhaften Werte und Taten der eigenen Nation nahm während der weltanschaulichen Schulung mitunter fast religiöse Züge an, wobei allerdings der Glaube an den Nationalsozialismus die Religion ersetzte.
Innerhalb der vier Jahreszyklen waren die einzelnen Heimabende wiederum wie in nachfolgender Tabelle183 untergliedert:
Januar Deutsche Einheit, Überwindung der Gegensätze von Stämmen, Klassen, Bekenntnissen Februar Brauchtum und Geselligkeit im Jahreslauf, u. a. Fastnacht März Du hast die Pflicht gesund zu sein, gesunde Lebensführung, Erbgesundheit u. a.m. April Osterbrauchtum, Leben und Werk Adolf Hitlers, Geschichte der NSDAP Mai Tag der Arbeit, Erziehung zu sozialem Verständnis und zu Mitverantwortung Juni Familie und Dorfgemeinschaft Juli Naturbetrachtungen, Anleitungen zur Naturbeobachtungen; Kennenlernen von Pflanzen, Heilkräutern etc. August Heimat und Staatskunde September Die Arbeitswelt, Berufsberatung, Reichsberufswettkampf, Jugendschutz Oktober Erntedank und Erntebrauch, Anleitungen zu Erntedankfeiern etc. November Das Winterhilfswerk. Was können wir dazu beitragen?, Totengedenken Dezember Weihnachten und Jahreswende
Abb. 12: Heimabend
Formal war der jeweilige Heimabend nach einem speziellen Plan, der sich nur selten änderte, strukturiert. Nach einem kurzen politisch-gesellschaftlichen Wochenbericht, der die Jugendlichen mit den aktuellen politischen Geschehnissen bekannt machte, folgte die Vermittlung und Besprechung des anstehenden Themas aus der Schulungsmappe durch den jeweiligen Führer. Es kam auch vor, dass die Mitglieder von HJ und BDM ihrerseits Themen aufarbeiteten und sie ihren Gefährten vorstellten. Zu bestimmten Gelegenheiten wurde die dreißigminütige Radiosendung 'Die Stunde der jungen Nation', die neben Musik auch aktuelle politische Themen sowie ideologische Standpunkte thematisierte, in den Heimabend integriert.184
Obwohl die weltanschauliche Schulung etwa „ein Drittel der gesamten Schulungsarbeit“185 umfassen sollte, fiel die Umsetzung der geforderten Standards in vielen Regionen, beispielsweise in ländlichen Gebieten, schwer. Gerade in strukturschwachen Gebieten mangelte es an ausgebildeten Führern, wie auch an technischen Geräten oder Materialien.
5.5 Kulturarbeit
Der kulturelle Zweig war, wie auch die anderen Bereiche des Lebens, vollständig von der nationalsozialistischen Ideologie beeinflusst und durchdrungen. So wurde nur sehr einseitig und wenig differenziert über die unterschiedlichen Bereiche der Kultur gelehrt und gelernt; mit der Folge, dass sich die jungen Menschen keinesfalls kritisch und umfassend mit ihr beschäftigen konnten, da ihr Wahrnehmungsspektrum stark eingeschränkt war. Es wurde ihnen damit nicht nur verwehrt, eigene Standpunkte, Geschmäcker und Vorlieben zu entwickeln, sondern auch die Wahrnehmung vorenthalten, die große Bandbreite der kulturellen Güter und die mit ihr einhergehende unendliche Phantasie und Kreativität des menschlichen Geistes wahrzunehmen. Dieser wählerische Umgang mit dem kulturellen Bereich ging auf die Aussage Hitlers zurück, nur arische Menschen seien in der Lage, kulturelle Güter zu erschaffen, da sie „die ursprünglichen Träger der menschlichen Kultur waren und damit die wirklichen Begründer dessen, was wir mit dem Wort Menschheit alles umfassen.“186
Die praktische Kulturarbeit war ebenfalls Bestandteil der Heimabende von HJ und BDM. Besonders im Bund Deutscher Mädchen spielte sie aufgrund der Rolle der Mädchen, als zukünftige 'Kulturträgerinnen', eine wichtige Rolle. Nach nationalsozialistischer Auffassung hatten die Mädchen naturgemäß „eine engere Beziehung zu Volkstum, Heimat und Musik [aufzuweisen] als die Jungen“187. Kaufmann sah die Aufgabe der Kulturarbeit darin, „von der Seele her zum Erlebnis der nationalsozialistischen Weltanschauung zu führen.“188
Als wichtiges kulturelles Gut galten die deutsche Sagen- und Märchenwelt, die nationale Dichtung und Musik sowie die Philosophie und bildende Kunst189.
Für die Vermittlung wurde dem Medium Theater besondere Bedeutung beigemessen, bot doch gerade die theatralische Inszenierung die Möglichkeit einer unmittelbaren emotionalen Beeinflussung der jugendlichen Zuhörer. „Das Theater des nationalsozialistischen Reiches ist für die Jugend eine Stätte innerer Erhebung und Begeisterung.“190 Die Inhalte der Theaterstücke sollten zu großen Teilen „kriegerisches Heldentum und heroischen Opfergang“191 idealisieren. Neben Festspielen und Reichstheatertagen standen auch örtliche Veranstaltungsringe für Jugendliche auf der Tagesordnung.192 Die frühe Heranführung der Jugend an das Medium Theater ist durchaus positiv zu werten, allerdings lag die Zielsetzung nicht im persönlichen Erlebnis, vielmehr diente auch der Theaterbesuch der alleinigen Vertiefung nationalsozialistischer Kulturwerte. Häufig wurde auch auf die nordisch-germanische Mythenwelt zurückgegriffen, da sie in anschaulicher Weise die von den Nationalsozialisten favorisierten Tugenden der Treue, Ehre, Tapferkeit, Kraft, Mut und Stärke heroisierten, wie folgendes Zitat aus der Sage des Nibelungenliedes, einem deutschen Epos aus Mittelalterzeiten, zeigt:
„'Verhüt' es Gott vom Himmel!', so sprach da Gerenot,
'Wenn unser tausend wären, wir lägen alle tot,
Die Sippschaft deiner Mage, eh’ wir dir einen Mann
Zur Geisel übergäben! Nein, das wird nimmermehr getan'„193
„'Wir müssen doch ersterben', so sprach da Giselher,
'Drum soll uns niemand scheiden von ritterlicher Wehr!
Wer gerne mit uns stritte, wir sind noch immer hie!
Was Treue anbelangt, verließ ich meine Freunde nie!'„194
Der Begriff der Nibelungentreue, ein durch Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849 - 1929) in einer Rede vom 29. 03. 1909 bereits geprägter Ausdruck, spielte im gesamten politischen Geschehen des 'Dritten Reiches' eine wichtige Rolle.195 So galt beispielsweise der Wahlspruch der Schutzstaffel (SS) 'Meine Ehre heißt Treue'.
Zudem erwartete Hitler von jedem Bürger, von den politisch Verantwortlichen über die Soldaten bis hin zu den gewöhnlichen Bürgern, die Treue und den Glauben zum politischen System des 'Dritten Reiches' zur Erzeugung einer großen Einheit gleich denkender und handelnder Personen. Während des zweiten Weltkriegs gewann der Begriff der 'Nibelungentreue' als propagierter Kampfbegriff zunehmend an Bedeutung. Bewusst opfert Hitler eine unzählbare Menge an Menschenleben, in der Hoffnung, sein Ziel des riesigen 'Dritten Reiches' unter arischer Führung erfüllen zu können, riskierte jedoch gleichzeitig den Untergang seines ganzen Volkes. Gemäß einer germanischen Gefolgstreue sollten die Soldaten, ihren eigenen Tod in Kauf nehmend, für dieses Ziel kämpfen und sterben.
Mythen aus Zeiten der freien Jugendbewegung wurden von der Gesamt-Hitlerjugend als 'fremdvölkisch' deklariert und durch völkisch orientierte Mythen ersetzt.196
Neben der Aneignung des von den Nationalsozialisten anerkannten Kulturguts, sollten die Mädchen und Jungen ihre eigenen kreativen, schöpferischen Kräfte durch „Singen, Erzählen, Lesen, Spielen, Werkarbeit und Spielschararbeit“197 freisetzen. Aus diesem Grund wurde der handwerklichen Arbeit, welche Geschick und Kreativität förderte, eine wesentliche Rolle beigemessen. Durch eigene aktive Arbeit wurden beispielsweise die HJ- und BDM-Heime verschönert, Spielzeuge für Kinder armer Eltern sowie Gegenstände, die in der Gesellschaft oder im Kriegsgebiet benötigt wurden, angefertigt.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass weder durch die weltanschauliche Schulung, noch im Bereich der kulturellen Arbeit ständig kriegsverherrlichende oder rassenverachtende Themen besprochen wurden. Dennoch wurden diese Aspekte permanent indirekt thematisiert durch eine konsequente Hervorhebung der deutschen Tugenden, Tätigkeiten und Lebensformen, die in einer starken Selbstverherrlichung endeten. Des Weiteren wurde bei der Vermittlung der ideologischen Weltanschauung ganz bewusst auf eine kritische Auseinandersetzung mit anderen politisch-gesellschaftlichen Einstellungen verzichtet, so dass ein differenzierter Umgang mit der Ideologie, wenn überhaupt, erst in späteren Jugendjahren erfolgen konnte. Die konstante Indoktrinierung der Jugend führte fast automatisch zu einer Ablehnung anderer Völker und Rassen und dem Gedanken, ausgelöst durch die maßlose Selbstüberschätzung, einer Übernahme deutscher Lebensweise und Kultur in anderen Ländern, notfalls auch erzwungenermaßen.
Kurzer Exkurs: Kunst im Nationalsozialismus
Stellvertretend für die verschiedenen kulturellen Bereiche, welche im Nationalsozialismus durch den Staat reglementiert und kontrolliert wurden, soll hier die Kunst genannt werden. Unterschieden wurde von der 'Reichskammer der Bildenden Künste der Reichskulturkammer', mit Adolf Ziegler (1892 - 1959) als Präsidenten, zwischen der 'entarteten Kunst', d. h. Kunst, die nicht der nationalsozialistischen Kunstauffassung entsprach und der deutschen nationalsozialistischen Kunst. Zu der erstgenannten und damit verbotenen Kunst gehörten unter anderem Künstler des Impressionismus, Expressionismus, Dadaismus und des Surrealismus. Hitler erklärte seine Abscheu gegenüber diesen Kunstrichtungen damit, dass sie nichts „mit unserem deutschen Volke […] zu tun [haben]. Alle diese Schlagworte wie: „'inneres Erleben', 'eine starke Gesinnung', 'kraftvolles Wollen', 'zukunftsträchtige Empfindung', 'heroische Haltung', 'bedeutsames Einfühlen', 'erlebte Zeitordnung', 'ursprüngliche Primitivität' usw., alle diese dummen, verlogenen Ausreden, Phrasen und Schwätzerein werden keine Entschuldigung oder gar Empfehlung für an sich wertlose, weil einfach ungekonnte Erzeugnisse mehr abgeben […], die heutige neue Zeit arbeitet an einem neuen Menschentyp […] ein leuchtend schöner Menschentyp […]“198. Wie in diesem Zitat erkennbar wird, sieht Hitler die Werke aus genannten Epochen nicht als Kunstobjekte, sondern als wertlos, ja 'abartig' an. Hinzukommend kritisierte er die schaffenden Künstler, da sie in seinen Augen nicht den „leuchtend schönen Menschentyp“ repräsentierten, diesen darüber hinaus nicht in ihren Kunstwerken darstellten. Nur Kunstwerke, welche die deutsche Lebensform in all ihren Facetten darstellte und portraitierte, waren erlaubt und erwünscht. Ausgehend davon wurde jegliche abweichende Form abgelehnt, wie der Abteilungsleiter in der Reichsjugendführung und Propagandist Helmut Stellrecht in einem Zitat folgendermaßen darlegte: „Sie [gemeint ist die Kunst] ist Einkehr in sich selbst, Bekenntnis zur Welt des eigenen Volkes. Sie muss eine fremde Welt ablehnen, und wenn sie einen noch so hohen künstlerischen Ausdruck gefunden hätte.“199
Darüber hinaus verband Hitler die 'entartete Kunst', wie auch ihre Künstler, mit den Begriffen des 'Judentums', sowie des 'Bolschewismus' aber auch der 'Anarchie' und grenzte sie dadurch nicht nur von den deutschen, arischen Menschen ab, er machte sie darüber hinaus offiziell zu Feinden der deutschen Ideologie und dadurch zu Feinden des 'Dritten Reiches'.
Hitlers Strategie, um sich von der 'entarteten Kunst' abzugrenzen, sah wie folgt aus: „Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente der Kulturzersetzung […]. […] Diese vorgeschichtlichen prähistorischen Kunststeinzeitler mögen unseretwegen in ihre Höhlen ihrer Ahnen zurückkehren, um dort ihre primitiven internationalen Kritzeleien anzubringen […].“200 Aus seinen Worten spricht eine Antipathie, die einem Hass gleichkommt, der bewusst oder auch unbewusst daher rühren könnte, dass Hitler in seiner Jugend dreimal an der Kunstakademie von Wien abgelehnt wurde.
Die erwähnten Punkte führten dazu, dass viele Künstler, darunter Paul Klee (1879 - 1940) sowie Emil Nolde (1867 - 1956) durch Adolf Ziegler ein Berufsverbot erhielten. Einige Künstler versuchten daraufhin zu emigrieren oder malten im Verborgenen weiter.
Um auch die Bevölkerung hinsichtlich der 'entarteten Kunst' zu indoktrinieren und zu beeinflussen, wurde in München im Juli 1937 eine Ausstellung unter gleichem Namen eröffnet. In den folgenden drei Monaten wanderte die Ausstellung, welche insgesamt mehr als 2.000.000 Besucher verzeichnete, durch deutsche wie auch österreichische Städte, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Die Beweggründe zum Besuch waren sicherlich unterschiedlicher Art. Viele der Besucher mochten sich der nationalsozialistischen Meinung und Propaganda angeschlossen haben, es gab jedoch sicherlich auch eine nicht minder große Zahl von Menschen, die sich als Kunstinteressierte die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, viele bekannte Werke noch einmal gemeinsam in einer Ausstellung zu sehen.
Die Ausstellung versuchte nicht nur die betreffenden Kunstwerke, sondern auch verschiedene kunsthistorische Epochen als 'entartet' darzustellen und zu präsentieren. Auch die schaffenden Künstler wurden herabgewürdigt und diffamiert. Dabei ging Hitler so weit, als dass er in seiner Eröffnungsrede sogar indirekt den Vorschlag zu Sterilisation und Euthanasie der betreffenden Künstler publik machte, indem er sagte: „Entweder diese sogenannten 'Künstler' sehen die Dinge wirklich so und glauben daher an das, was sie darstellen, dann wäre nur zu untersuchen, ob ihre Augenfehler nur auf mechanische Weise oder durch Vererbung zustande gekommen sind. In einem Fall bedauerlich für diese Unglücklichen, im zweiten wichtig für das Reichsinnenministerium, das sich dann mit der Frage zu beschäftigen hätte, wenigstens eine weitere Vererbung derartiger grauenhafter Sehstörungen zu unterbinden.“201
Die Art der Präsentation diverser Kunstwerke sollte erneut die These einer 'entarteten Kunst' unterstützen, indem die Kunstwerke mit verurteilenden Begleittexten dargestellt wurden, schief aufgehängt oder auf dem Boden präsentiert.
5.6 Feste und Feierlichkeiten
Feste und Feierlichkeiten waren fester Bestandteil im kulturellen Jahresablauf von HJ und BDM. Auch sie standen unter dem Leitbild der NS-Ideologie.202 Laut Kinz konnten durch sie „Verpflichtungen, Bekenntnisse, politisches und völkisches Erlebnis, aber auch Geselligkeit und Frohsinn im Leben der Gemeinschaft verankert werden.“203 Die meisten Feiern sollten die Menschen emotional erfassen und ihnen die Wichtigkeit des Aufbaus und Erhalts des Vaterlandes sowie die Rolle des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft vor Augen führen. So gab es beispielsweise den Tag der Machtergreifung (30.1), den Geburtstag des Führers (20.4.), den Muttertag (am 2. Mai-Sonntag, ab 1934 am 3. Maisonntag), den Feiertag der Deutschen Arbeit (1.5), das Fest der Jugend zur Sommersonnenwende und den Heldengedenktag. Hinzu kamen das Erntedankfest im Herbst sowie das Fest zum Gedenken an die Gefallenen der NS-Bewegung am 9.11.204
In der Vermittlung kultureller Identitäten spielte der musikalische Bereich eine wesentliche Rolle, eigneten sich doch Lieder und Musikstücke hervorragend dazu, auf emotionale Weise nationalsozialistisches Gesinnungsgut zu vermitteln. Die Wichtigkeit des Liedes sowie des Singens und die damit verbundene propagandistische Möglichkeit der Indoktrination kleiner, aber auch größter Gruppen, kann an folgendem Zitat nachempfunden werden: „Im Lied, im Singen findet der junge Mensch Einkehr in das Empfinden der Gemeinschaft. In dem Gefühl, das ihn dabei trägt, verliert er das außerhalb der Gemeinschaft liegende Individuelle, schwingt er ein in ihr Denken und verliert sich in eine herrliche Einheit.“205
In der Staatsjugendorganisation wurde das Lied als Mittel der Beeinflussung bei fast jeder Gelegenheit eingesetzt, so bei Festen und Feierlichkeiten, beim Sport und zu den wöchentlichen Heimabenden.

Abb. 13: Feste und Feierlichkeiten

Abb. 14: HJ-Zug in Wintersdorf 1938
Die gesungenen Lieder können in drei unterschiedliche Genres eingeteilt werden: das politische Lied, das Kampflied sowie das alte und neue Volkslied. Besonders den glorifizierenden Kampf- und Marschliedern als „Erbe der Kampfzeit“206 wurde eine hohe Bedeutung beigemessen, sollten sie doch den Hitlerjungen auf den Krieg einstimmen. Besonders stimulierend wirkten hierbei Rhythmus und Melodie dieser Lieder, die zum Mitsingen und Marschieren anregten und damit die Gemeinschaft der Singenden stärkte. Der Inhalt der Lieder war geprägt von Themen wie Tod, Sieg und Untergang.207 Als Beispiele können das von Baldur von Schirach verfasste und in der Staatsjugendorganisation häufig gesungene Lied 'Vorwärts, vorwärts' angeführt werden, wie auch das Lied 'Es zittern die morschen Knochen'208 des wohl bekanntesten Lieddichters der HJ Hans Baumann. Letzteres enthielt die berüchtigten Liedzeile: „Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“. Obgleich Baumann um 1936 das 'gehört' in 'hört' umänderte, gilt das Stück bis heute als Paradebeispiel chauvinistisch-hegemonistischen Liedguts der NS-Zeit.


Abb. 15: Lied: Vorwärts, Vorwärts

Abb. 16: Lied: Es zittern die morschen Knochen
Eng verwandt mit dem Kampflied war das politische Lied, durch welches den jungen Menschen eine einheitlich politische Haltung vermittelt wurde. Besonders häufig beinhalteten diese Lieder Wörter, welche die ideologische Weltanschauung und den Krieg heroisierten, so unter anderem Volk, Vaterland, Führer, Glaube, Fahne. Das Wort Fahne spielte eine gewichtige Rolle und wurde, fast wie ein Religionsersatz, über das eigene Leben gestellt, ablesbar etwa im Refrain des Liedes 'Vorwärts, vorwärts' in dem es heißt: „Ja die Fahne ist mehr als der Tod!“. Wichtige Beispiele dieses Liedgenres sind weiterhin die Lieder von Horst Wessel 'Die Fahne hoch', oder 'Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit'.209
Auch alte und neue Volkslieder, darunter Gemeinschafts- und Hausmusik sowie deutsche Meisterwerke wurden an die Jugend herangetragen, in denen sich erneut häufig die Begriffe „Vaterland, Volk, Führer“ wiederfanden. Sie hatten die Aufgabe, die Jugend „zur Ehrfurcht vor dem schöpferischen Genius unseres Volkes zu erziehen.“210, so unter anderem in dem Lied 'Die Morgenfrüh ist unsere Zeit'. Hinzu kamen neue Volkslieder, welche während des Nationalsozialismus geschrieben wurden. Sie thematisierten meist das propagierte Jugendleben dieser Zeit.
Auch Liedgut aus der Zeit der Jugendbewegung wurde übernommen, jedoch nur Lieder, die sich im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie nutzen ließen. Ansonsten wurden bündische Lieder verboten, beispielsweise im 'Verordnungsblatt der Reichsjugendführung II/25 – HJ. Stabschef' vom 01. 12. 1934, dass neben sowjetrussischen Stücken wie 'Eisbrechermannschaft' auch solche wie 'Heijo, der Fahrtwind weht' vom Nerother Wandervogel aufführte. Gleichzeitig wurde den HJ-Dienststellen der Bezug von Liederbüchern aus dem noch bestehenden bündischen Verlag Günther Wolff in Plauen untersagt. Nach einer Durchsuchung des Verlags im Jahr 1938 durch die Gestapo wurde der Verlag zwangsgeschlossen, da weiterhin im Geheimen aus dessen Lagerbeständen bezogen wurde.211
Jazzmusik spielte, obwohl offiziell als entartet verboten, auch in der Zeit des Nationalsozialismus für viele Jugendliche eine wesentliche Rolle. Ihre swingende Rhythmik, die sich leicht in die allgemeinen Hörgewohnheiten der Menschen einlagerte, fand vor allem durch US-amerikanische Filme Verbreitung, deren amerikanische Titel in unverfängliche deutsche übersetzt wurden.

Abb. 17: Lied: Es dröhnen Trommeln durch das Land
So fanden sie ihren Weg auch ins Radio oder wurden auf Tanzveranstaltungen gespielt, wie bei der Swing-Jugend212 erkennbar wird.
Zu den wichtigsten und einflussreichsten Liedkomponenten gehörte, unter anderem der bereits erwähnte Hans Baumann. Erst 1933 trat er, vom katholischen Schülerbund kommend, der HJ bei und wurde schnell zum berühmtesten HJ-Lieddichter. Er fertigte für alle Bereiche Gebrauchsmusik an, darunter Tageszeitenlieder, Marschlieder, Weihnachtslieder, Vaterlands-, Ostlands- und Soldatenlieder.



