Staatsjugendorganisationen – Ein Traum der Herrschenden

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An dieser Stelle können noch Werner Altdorf als Verfasser kämpferischer Lieder, Heinrich Spitta für feierliche Gesänge und Georg Blumensatt, verantwortlich für Marschstücke, aufgeführt werden.
5.7 Fahrten und Lager
Eine weitere freizeitpolitische Aktivität von HJ und BDM waren die Fahrten und Sommerlager für die Jungen und Mädchen. Sie existierten als ein zentrales Element der NS-Erziehung, denn „nirgendwo sonst ließen sich die Lebensbedingungen so konsequent arrangieren und kontrollieren, wie es dem Ideal der HJ-Erziehung entsprach.“213 Fernab von Elternhaus und Schule war es den Nationalsozialisten möglich, für ein bis zwei Wochen den gesamten Tagesablauf der Jungen und Mädchen zu gestalten, um durch Spiele und Übungen zu festigen und zu verinnerlichen, was in der weltanschaulichen Schulung der wöchentlichen Heimabende gelernt wurde. Neben der weltanschaulichen Schulung und der kulturellen Arbeit spielte die Naturerfahrung in den Lagern eine große Rolle, denn „erst der naturverbundene Mensch besitzt eine sichere, unserer Weltanschauung entsprechende Haltung, erst er kann als Soldat in der Wehrmacht alle Vorteile, die das Gelände ihm bietet, sich zu eigen machen […].“214
Das Lagerleben mit seinen Ritualen, der Musik und den Gesängen, den Feier- und Weihestunden war prädestiniert, die Jugend weltanschaulich zu schulen. Es wurde beispielsweise bewusst die Lagerfeuerromantik genutzt, um ideologisch auf die Kinder einzuwirken. Diese Inszenierungen ließen ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl entstehen, welches im Nationalsozialismus von großer Bedeutung war.215
Obergebietsführer Karl Cerff hat im Vorwort des Buches 'Zucht Freude Glaube – Handbuch für die kulturelle Arbeit im Lager' geschrieben: „Immer mehr hat sich das Lager zu einer Erziehungsstätte unserer Gemeinschaft entwickelt, die wie selten sonst in unserem alltäglichen Leben uns von allen Seiten her anpackt und formt.“216
Der Tagesablauf in den Lagern war vollständig strukturiert und durchgeplant und ließ den Kindern selten Raum zu Entfaltung ihrer individuellen Ideen, Bedürfnisse und Fähigkeiten. So begann jeder Tag mit dem Frühsport, gefolgt von einem Fahnenappell und weiterer Aktivitäten wie beispielsweise Liederstunden, Spielrunden und Sportübungen. Beendet wurde der Tag mit dem Flaggeneinzug.

Abb. 18: Sommerlager der HJ

Abb. 19: Sommerlager der Jugend
5.8 Körperliche Ertüchtigung/Sport
Die Wichtigkeit der körperlichen Ertüchtigung im Nationalsozialismus wurde bereits dargestellt. Hitlers Äußerung über das „Heranzüchten kerngesunder Körper“217 kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Auch sie galt als eines der wichtigsten Erziehungsmittel, da in ihr erneut die Erziehungsziele umgesetzt wurden. „Die Tat, die Handlung, das Erlebnis waren verlangt, nicht Diskussion und geistige Gespräche.“218
Generell wurde zwischen dem Sport der Jungen und Mädchen unterschieden. Die körperliche Ertüchtigung der Jungen umfasste „Übungen ohne und mit Gerät, wie Leichtathletik […], Spiele, Kampfspiele, Bodenturnen, Freiübungen, Boxen, Schwimmen, Ski- und Eislauf; bei den Mädeln: Gymnastik, Mädeltänze, Spiele […], Kampfspiele, Hindernisturnen, Bodenturnen, Leichtathletik, Schwimmen, Ski- und Eislauf.“219

Abb. 20: Leichtathletik der HJ
Während die Zielsetzung der männlichen Jugend in der „Gesundheit, Kraft und körperlichen Leistungsfähigkeit“220 lag, auch um die Voraussetzungen für eine zukünftige Wehrtüchtigkeit zu schaffen, so war es bei den Mädchen die „Gesundheit, Anmut und Schönheit“221 sowie die Förderung der Persönlichkeit und der Charakterstärke. Gerade bei den Mädchen stellte der Sport eine Attraktivität des BDM dar, durften sie doch erstmals an Sport in der Natur teilnehmen und erhielten dazu die Möglichkeit, exklusivere Sportarten auszuprobieren.222
Die Jungen sollten sich im Sport mit ihren Kameraden messen und dadurch „stärker und vollkommener“223 werden. Der „kämpferische Gedanke“224 war stets vorhanden und zeigte sich auch in der Menge der vielfältigen Wettkämpfe, wie beispielsweise „Bann- und Gebietssportwettkämpfe, Winterkampfspiele, Frühjahrsgeländelauf, Führerzehnkampf“225. Auch paramilitärische Elemente fanden Eingang in den Sportbereich der Jungen.
Belohnt wurde der sportliche Erfolg mit Leistungsabzeichen, die einen großen Anreiz darstellten, aber auch Leistungsdruck aufbauten. Ab 1934 mussten alle Mitglieder eines Sportvereines in die HJ oder den BDM eintreten. Als am 1. Dezember 1936 das 'Gesetz über die Hitlerjugend' verabschiedet wurde und die RJF die Verantwortung für alle Bereiche des Jugendlebens erhielt, fielen auch die Sportvereine in den Wirkungsbereich der Gesamt-HJ. Außerhalb der Jugendorganisation gab es von nun an keine eigenständigen Sportorganisationen mehr.226
Innerhalb des 'Dritten Reiches' beauftragte die Reichsjugendführung zwei unterschiedliche Ämter mit der Verantwortung für den Sportbereich. So war das Amt für Leibesübungen für die „gesamten freiwilligen und pflichtmäßigen Leibesübungen außerhalb der Schule“227 zuständig, das Amt für körperliche Ertüchtigung übernahm den Bereich der Wehrerziehung und alle Aufgaben, die auf den „späteren Dienst in der Wehrmacht“228 vorbereiteten. Darunter fiel die Grundschulung, sowie Leibesübungen und die „gesamte sportliche Mobilmachung der Jugend“229 mit ihrer geistigen, körperlichen und charakterlichen Vorbereitung.

Abb. 21: Lauf der HJ

Abb. 22: Boxen
5.9 Die Funktion der Medien
Die Propagandaarbeit innerhalb der Gesamt-HJ war ein unentbehrliches Mittel zur Aufklärung. Das Presse- und Propagandaamt, welches für diese Zwecke eingerichtet wurde, hatte neben besagter Aufklärung das Ziel, die weltanschauliche Schulung zu unterstützen sowie die „Werbung der Hitler-Jugend auf allen Gebieten durchzuführen.“230
Zeitschriften und Veröffentlichungen
Ab 1933 entwickelte die Gesamt-HJ eine Monopolstellung für Zeitschriften und Bücher aus dem Kinder- und Jugendbereich, da außerhalb dieser Verlage keine Publikationen mehr veröffentlich werden durften. Es entstand ein umfangreiches Zeitungs- und Zeitschriftenwesen, das monatlich Zeitschriften für die einzelnen Sektionen herausgab. Die Jungen erhielten die Zeitschrift 'Hitlerjugend', später umbenannt in 'Junge Welt', die Zeitschrift 'Das Deutsche Mädel' richtete sich an die Mädchen aus dem BDM. Darüber hinaus gab es Monatsschriften für das Jungvolk ('Der Pimpf') und die Jungmädel ('Jungmädel').231 Bei der Zeitschrift 'Wille und Macht' handelte es sich um das „Monatsheft für die Führerschaft, zugleich das geistig anspruchsvollste Organ der HJ.“232 Hinzu kamen weitere sachgebundene Magazine, u. a. für die Landjugend und die Sozialarbeit der Gesamt-HJ.
Das Presse- und Propagandaamt veröffentlichte dazu periodisch „Kalender[…], Schulungsmaterialien, erzählende[s] Schrifttum, Ausbildungsschriften u. ä.; die Schülerzeitschriften und die Jugendbeilagen und Jugendbeiträge der Tageszeitungen“233.
Film
Wie die Zeitschriften und Bücher unterstand die Filmarbeit dem Presse- und Propagandaamt, wenn es sich dabei um Werbefilme, oder auch „Dokumentationen über den HJ-Dienst“ handelte. Der Film, vorwiegend in Kinos gezeigt, spielte aus propagandistischer Sicht eine große Rolle, „denn er kann den jungen Menschen packen und begeistern, er ist ein hervorragendes Aufklärungs- und Schulungsmittel, er kann Vorbild und erhebende Schau bedeuten.“234
Bekannte Propagandafilme dieser Zeit waren der BDM-Film 'Glaube und Schönheit' sowie die Reportage 'Der Marsch zum Führer'. Darüber hinaus gab es weitere Filme, die den Dienstbetrieb, oder auch die Sondereinheiten der HJ dokumentierten. Gelegentlich inszenierte die Gesamt-HJ auch politisch motivierte Spielfilme, welche „zeitnah Themen darstellen“235 sollten, ohne sich auf Motive aus der Vergangenheit zu konzentrieren. Zu den stark ideologisierten Filmen gehörte beispielsweise der Film 'Hitlerjunge Quex', welcher die Kampfzeit der HJ verherrlichte.236 Die Staatsjugendorganisation selbst entwickelte ein eigenes Prädikat, um die Filme zu beurteilen. Das Prädikat 'Jugendwert' stand für einen ideologisch wertvollen Film.
Doch wurde die Produktion von speziellen Jugendfilmen aus vermutlichen machtpolitischen Kontroversen zwischen Joseph Goebbels (1897 - 1945) und Baldur von Schirach recht niedrig gehalten. In einer Sonderausgabe von 'Junges Deutschland', 1944, von der NSDAP unter 'Jugend und Film' veröffentlicht, steht: „In 15 Jahren kamen in Deutschland nur 12 Spielfilme für die Jugend heraus!“237:
'Reifende Jugend', 1933,
'Hitlerjunge Quex', 1933,
'General Stift und seine Bande', zweiteilig, 1937,
'Drops wird Flieger', 1938,
'Kopf hoch, Johannes', 1941,
'Jakko“, 1941,
„Kadetten', 1939, (aufgeführt 1941),
'Himmelhunde', 1942,
'Hände hoch', 1942,
'Junge Adler', 1944.238
Gegebenenfalls kann der immer noch im TV zu sehende gekonnt aufbereitete Film mit Heinz Rühmann 'Quax, der Bruchpilot', 1941 als Film für die Jugend gewertet werden.
Darüber hinaus wurden in den meisten Einheiten der HJ und des BDM Bildgeräte eingeführt, um mit Hilfe von Bildern, Vorträge zu veranschaulichen.239

Abb. 23: Filmplakat Hitlerjunge Quex
Rundfunk
Der Rundfunk stellte ebenfalls ein wirkungsvolles Medium zur Massenbeeinflussung dar. Bisher war ein Radio nahezu unerschwinglich. Im August 1933 wurde auf der 10. Funkausstellung in Berlin der Volksempfänger VE 301 vorgestellt, wobei die Typennummer auf den 30. Januar, dem Tag der Machtergreifung hinwies. Statt bisher 300 und mehr Reichsmark, kostete dieses Radio nur 76 Reichsmark, die auch in Monatsraten abbezahlt werden konnten.240 Besondere Bedeutung fand das Radio für die „einheitliche[…] Ausrichtung der Jugenderziehung und Jugendarbeit“241. Es gab eine Reihe an HJ- und BDM-Sendungen die wöchentlich ausgestrahlt und darüber hinaus von Mitgliedern der Staatsjugendorganisation mit gestaltet wurden. Dazu zählte beispielsweise die 'Stunde der jungen Nation' oder auch 'Rundfunk-Morgenfeiern der HJ'. Erstere Sendung bestand einerseits aus vielen musikalischen Beiträgen, andererseits aus politischen Diskussionen. Die Sendung sollte ein wichtiges Mittel zur Massenindoktrination während der wöchentlichen Heimabende werden. Das Konzept der Massenbeeinflussung ging jedoch nicht wie geplant auf, da nicht jedes HJ- und BDM-Heim über ein Radiogerät verfügte, darüber hinaus der Empfang besonders in ländlichen Gegenden schlecht war.
Neben diesen Programmen wurden auch Hörspiele, Instrumentalmusik und dichterische Lesungen gesendet sowie Vorträge und Reportagen im Dienste der HJ-Propaganda.242
Für die Mädchen gab es spezielle 'Mädelstunden'. Diese umfassten beispielsweise „Bücher- und Werkstunden, die Sport- und Landmädelsendungen, […] [und] die monatliche Singstunde“243.
Hinter der Ausstrahlung dieses breit gefächerten Repertoires stand letztendlich auch der Versuch, Jugendliche zu erreichen, die noch nicht in die HJ oder den BDM eingetreten waren. Letzteres zählte auch zu den Zielsetzungen jener Sendungen, die über die Grenzen des 'Dritten Reiches' ausgestrahlt wurden, wie beispielsweise die Weltringsendung 'Jugend singt über die Grenzen'.244 Die Radiosendungen wurden zugleich genutzt, um bei Massenveranstaltungen möglichst viele Jungen und Mädchen gleichzeitig mit einem Thema vertraut werden zu lassen.
Neben den oben genannten Programmen unterstand auch der Schulfunk der Reichsjugendführung.245
Der Redner im Dienste der Aufklärung
Damit die Ideen und Vorstellungen der NSDAP enthusiastisch an das Volk vermittelt werden konnten, wurden rhetorisch versierte Redner gebraucht. Zu diesem Zweck wählte man die talentiertesten Nachwuchsredner aus den Reihen der HJ aus und gewährte ihnen eine umfassende Ausbildung. Jene verlangte „ein gründliches politisches Allgemeinwissen, eine umfassende Kenntnis des nationalen Schrifttums, eine stetige Unterrichtung durch Presse und Rundfunk und die strengste Arbeit an sich selbst.“246 Die Jugendlichen sollten in die Lage versetzt werden, eine Rede nach rhetorischen Grundsätzen zu halten, wozu gestische und mimische Fertigkeiten eintrainiert wurden. Ihre Stimmen sollten, orientiert an Hitler und Goebbels, einen suggestiven Charakter annehmen, um die Zuhörer damit emotional zu ergreifen. Speziell das 'rollende R' aus dem Sprachduktus ihrer Vorbilder wurde geübt und prägnanter Bestandteil einer jeden Rede. Der überhöhte Ton jener Stimmen wirkte bis in den Rundfunk und den Alltag nach dem 'Dritten Reich' hinein. Die derart geschulten Jugendlichen fanden ihre Aufgabenbereiche als „Bannredner, Gebietsredner und Reichsfachredner“247.
„Zu jedem wichtigen politischen Ereignis gab das Propagandaministerium 'Sprachregelungen' für die Berichterstattung heraus.“248
5.10 Sonder- und kriegsunterstützende Dienste in der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädchen
Zumeist volkswirtschaftlich und politisch begründet, nahmen die Mitglieder von HJ und BDM regelmäßig an Sonderdiensten teil. So sammelten sie Spenden für das Winterhilfswerk (WHW) und die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), jeweils orientiert an dem momentanen Bedarf, d. h. den aktuellen, politischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen des Reiches. Hierbei handelte es sich vorwiegend um Materialien wie Flaschen, Altpapier, Altmetallen, Knochen, aber auch um Geld. Die gesammelten Materialien, sogenannte Sekundärrohstoffe, sollten den Mangel an fehlenden Primärrohstoffen ausgleichen.
Darüber hinaus wurde nach 1939 versucht, die durch den Krieg bedingten Ernährungsengpässe auszugleichen.249 Um die Nahrungsknappheit zu kompensieren, sammelten die Mädchen und Jungen Beeren, Pilze, Obst, Bucheckern, Eicheln, Lindenblüten und Kräuter.
Selbst die finanzielle Situation der Staatsjugendorganisation wurde durch derartige Sammelaktionen verbessert und in einigen Teilen des 'Dritten Reiches' konnte der regelmäßige Organisationsbetrieb nur so aufrechterhalten werden.
Halb spöttisch-ironisch, doch auch zur Selbstaufmunterung, sangen damals die Jugendlichen folgendes Lied: 'Lumpen, Flaschen, Eisen und Papier – ausgehaune Zähne sammeln wir', welches forsch und im Stakkato vorgetragen wurde.250
Die Arbeits- und Ernteeinsätze, anfangs oft auf freiwilliger Basis der HJ- und BDM-Mitglieder durchgeführt, wurden während der Kriegsjahre zur Pflichtveranstaltung, auch bedingt durch den Verlust an männlichen Arbeitskräften.
Diese Entwicklung kennzeichnete die gesamte Jugendarbeit der Gesamt-HJ, deren geregelter Dienst nun nicht mehr aus Heimabend und Sportveranstaltungen, sondern oft nur noch aus kriegsbedingten Hilfsaktionen bestand. Die zuvor propagierte geschlechtsspezifische Erziehung in der Staatsjugendorganisation, mit getrennten Erziehungszielen und –methoden wurde während des Krieges aufgehoben. Gebraucht wurde jede Arbeitskraft, unabhängig vom Geschlecht.
Der BDM beteiligte sich während der Kriegsjahre verstärkt in der „Soldatenbetreuung (z. B. Lazarettbesuche, Feldpostbriefe schreiben, Strümpfe stopfen) und [in der] […] BDM-Nachbarschaftshilfe […] für Kinderreiche, Alte und Soldatenfrauen.“251 Hier sammelten die Mädchen Kleider für bedürftige Personen, bastelten Spielzeug für Kinder mittelloser Familien, halfen bei der Betreuung von Kleinkindern oder der Versorgung verletzter Personen.
In späteren Jahren, als der Verlust vieler Männer bereits deutlich spürbar wurde, nahmen die Mädchen auch gezielt und aktiv am Kriegsgeschehen teil. Sie wurden an Flakgeschützen eingesetzt und zu „Luftwaffenhelferinnen im Nachrichtendienst, Flugmeldedienst, im Luftwarndienst, im Wetter-, Büro- und Sanitätsdienst“252 ausgebildet.
Die sogenannten BDM-Gesundheitsmädel, welche im Krieg durch das 'Deutsche Rote Kreuz' ausgebildet wurden, erhielten Aufgaben in Krankenhäusern, Flüchtlingslagern und Lazaretten, darunter auch solche in Frontnähe. Insgesamt wurden während des Krieges ca. 35.000 BDM-Mädchen in diesen Bereichen ausgebildet und eingesetzt.253
Zudem wurden die BDM-Mädchen auch am 'Osteinsatz' beteiligt und übernahmen im Rahmen dieses Einsatzes sogar Posten und Hilfsaufgaben bei der Polizei oder der Post.254
Ein weiteres Aufgabengebiet von HJ und BDM in Kriegszeiten lag in der Kinderlandverschickung (KLV). Im Rahmen dieser Aktion wurden Kinder aus besonders kriegsbedrohten und -zerstörten Gebieten im gesamten Klassenverband in weniger gefährdete Regionen umgesiedelt. Da die gesamte Organisation und Durchführung bei der Staatsjugendorganisation lag, besaß sie zudem die vollständige Entscheidungsgewalt und Kontrolle hinsichtlich politisch-ideologischer Ausrichtung der Lager.
Die Jungen der HJ fanden ihren Einsatz in Bereichen der „Polizei, Feuerwehr- und Streudienste“255, so unter anderen als „Melder nach Bombenangriffen“256.
Darüber hinaus übernahmen sie „Urlaubsvertretungen bei den Kommunen, Post- und Bahndienst sowie Verpflegungsausgabe und Austragen von Gestellungsbefehlen für die Wehrmacht“257.
Die Sonderdienste der HJ weiteten sich vorwiegend in den letzten Kriegsjahren bis hin zum Frontdienst aus. Ca. 16.000 Hitlerjungen wurden im Jahr 1943 davon überzeugt oder überredet, sich der '12. Panzerdivision Hitler-Jugend' zur Verfügung zu stellen, welche 1944 größtenteils an der Küste der Normandie gegen die eintreffenden Alliierten kämpfte. Viele bezahlten diesen erfolglosen, erbarmungslosen Kampf mit dem Leben.258
5.11 Bundestracht/Uniformierung und Symbolik
Die Bundestracht, als äußerliches Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zur Staatsjugendorganisation, war für Jungen und Mädchen Pflicht. Die Uniform der Mädchen bestand aus einer „kurzärmeligen weißen Bluse, blauem Rock, Halstuch und Lederknoten, im Winter ergänzt durch die braune BDM-Weste“259. Die Jungen trugen eine Hemdbluse, Halstuch mit Lederring, Kniestrümpfe und eine Cordhose. Im Sommer wurde darüber hinaus eine Sommermütze getragen.260 Die Uniform spiegelte die Gleichschaltung der Jugend wider und nahm ihnen weitgehend ihre äußerliche Individualität. „Durch eine gleiche und einheitliche Kleidung entwickelt sich eben ein Gruppenbild, und aus diesem äußeren Gruppenbild könnten wir dann schon schließen auf den Gehalt und das Wesen dieser Gruppe.“261 Die Uniform hob zugleich sichtbare Klassenunterschiede auf und förderte dadurch das Selbstwertgefühl und die Disziplin. Die sozialen Unterschiede wurden durch eine innerorganisatorische Hierarchisierung ausgetauscht, welche durch Fleiß und vorbildliches Benehmen im Sinne des Nationalsozialismus von jedem Mitglied erreicht werden konnte. So formulierte Schirach folgendermaßen: „Die Uniform der HJ. ist der Ausdruck einer Haltung, die nicht nach Klasse und Besitz fragt, sondern nur nach Einsatz und Leistung.“262
Neben der Kleidung hatten die Mädchen und Jungen eine festgelegte Frisur zu tragen, und es war ihnen nicht erlaubt, Schmuck anzulegen. „Kein winziges Zeichen einer eigenständigen Ausdrucksform“263 war erlaubt. Auch hier wird wieder erkennbar, dass die Gemeinschaft im Vordergrund stand und sich keiner von ihr absetzen durfte.
Während im BDM die verschiedenen Dienstgrade anhand von Schulterriemen sichtbar gemacht wurden, zeigte sich dies in der HJ durch unterschiedliche Abzeichen.

Abb. 24: Hitlerjunge

Abb. 25: BDM-Mädchen
Die Fahnen
Die Fahnen der HJ und des BDM spielten eine wichtige symbolische Rolle. Zu fast jeder Gelegenheit kamen sie im HJ- und BDM-Dienst zum Einsatz, sei es beim morgendlichen Fahnenappell, bei Feiern und Festivitäten oder bei großen Aufmärschen. Stets wurden die Fahnen voran getragen, wie es im Refrain des Liedes 'Vorwärts, vorwärts'264 besungen wird: „Unsere Fahne flattert uns voran“. Beim Eintritt in die Organisation der Gesamt-Hitlerjugend mussten die jungen Mädchen und Jungen einen Eid auf die Fahne schwören. Dies lässt darauf schließen, dass der Fahnenkult im Nationalsozialismus durchaus eine religionsähnliche Funktion besaß, für den auch in den Tod gegangen werden sollte, so erneut erkennbar in der letzten Zeile des Refrains des bereits erwähnten Liedes, in der es heißt: „ja die Fahne ist mehr als der Tod“.
Die Flagge der HJ, ähnlich der der NSDAP, war rot-weiß-rot gestreift und zeigte im Zentrum ein schwarzes Hakenkreuz in einem weißen Kreis. Die Fahne des BDM zeigte einen roten sowie einen weißen Längsstreifen. Auch hier befand sich das schwarze Hakenkreuz mittig auf einem weißen Kreis.

Abb. 26: Fahnenappell

Abb. 27: Propagandafoto zum „Adolf-Hitler-Marsch“ mit Fahnen

Abb. 28: Lied: Feindwärts knattert die Fahne
Hitler selbst beschrieb in seinem Buch 'Mein Kampf' die Beziehung der Menschen zu ihrer Fahne folgendermaßen: „Im Rot sehen wir den sozialen Gedanken der Bewegung, im Weiß den nationalsozialistischen, im Hakenkreuz die Mission des Kampfes für den Sieg des arischen Menschen und zugleich mit ihm auch den Sieg des Gedankens der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird“265.
Das Fahnensymbol fand sich auch auf den Armbinden, den Wimpeln und auf den Instrumenten der Hitlerjungen und BDM-Mädchen wieder. Das allseits vorhandene Hakenkreuz symbolisierte die nationalsozialistische Weltanschauung. Nach Alfred Rosenberg (1893 - 1946) geht das Hakenkreuz auf das germanische Symbol des Kampfes zurück, Werte und Bräuche der eigenen Kultur reflektierend. Mit dem Hakenkreuz sollten die Menschen „Lebensraum, nationale Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Rassereinheit und lebenserneuernde Fruchtbarkeit assoziieren“266.
Dass das Hakenkreuz, die Swastika, auf vorgermanische Quellen zurückzuführen ist, jüngste Ausgrabungen sogar auf den semitischen Raum hinweisen, wurde im Nationalsozialismus teils verschwiegen, um sich ein schlüssiges NS-Gedankengebilde errichten zu können bzw. war das den NS-Ideologen womöglich nicht bekannt.
Begrüßungsritual der Gesamt-HJ
Wie im gesamten 'Dritten Reich' üblich und verpflichtend, grüßten sich die Jugendlichen in der HJ und im BDM mit dem Hitlergruß. Dabei wurde der rechte Arm leicht nach oben ausgestreckt und nach vorn gerichtet, die Finger dabei nebeneinander geschlossen. Dazu wurden die Worte 'Heil Hitler' rezitiert. Die Bedeutung der Geste wurde wohl von Benito Mussolini (1883 - 1945) übernommen, der sich wiederum an dem römischen Gruß 'Ave Caesar' aus der Zeit des römischen Reiches orientierte.



