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Mein Blick ruht auf dem Gewehr. Ich halte es steil aufgerichtet vor mir. Kaltes Eisen, dunkles Holz. Ein Steyr M95-Gewehr. Meine Braut, so sagt man. Ich habe gelernt, wie man damit umgeht. Ruhig und gezielt schießen, hat der Ausbildner gesagt, schnell nachladen und weiter ruhig und gezielt schießen. Beim Nahkampf mit aufgepflanztem Bajonett immer in den Bauch stechen, nicht in die Brust, denn da kriegt man das Bajonett vielleicht nicht schnell genug wieder heraus. Bajonette in der Brust klemmen gerne in den Rippen. Kräftig und gezielt in den Bauch stechen, so geht es. Jawohl, Herr Oberleutnant, zu Befehl, ruhig und gezielt und kräftig in den Bauch. Jawohl.
Ich denke an meinen ältesten Bruder Rudolf. Er ist seit Dezember in Serbien an der Front. Jetzt sind alle drei Söhne meiner Eltern Soldaten. Oder genauer, alle zwei Söhne, denn Fritzl ist ja schon zu Beginn des Krieges an der Ostfront gefallen. Fritzl, der Hitzkopf, der mutige Fritzl, der zweite Sohn meiner Eltern, der mich früher oft hart hergenommen hat, den ich immer ein wenig bewundert und beneidet habe für seine Schneid. Ich werde ihn nie mehr wiedersehen.
Mein Vater Rudolf Kellermeier ist Verwalter des Schlosses Marchegg, meine Mutter Köchin, ganz klar, dass der Baron die Ausbildung der Söhne und der Tochter seiner pflichtbewussten, treuen und fleißigen Untergebenen im Auge behielt. Der Baron und mein Vater sind seit Langem so etwas wie Freunde, natürlich unter respektvoller Wahrung des Standesunterschiedes. Der Baron weiß zu schätzen, dass er mit der Verwaltung seiner Ländereien kaum Arbeit hat und dass das Hauspersonal unter der Führung meiner Mutter seit Jahren keinen Anlass zur Klage liefert. Mein Bruder Rudolf hat alle Eigenschaften und Fähigkeiten, in Zukunft ganz wie unser Vater ein würdiger Verwalter zu werden. Vor dem Krieg nahm er Vater einen guten Teil der Arbeit ab. Friedrich, mein zweiter Bruder, war in der Schule immer aufmüpfig, hat miserable Zensuren gebracht und schien unseren Eltern mehr Ärger als Freude bringen zu wollen. Doch nach seiner Lehre als Schmied ist er ein ebenso geschickter wie verlässlicher Handwerker am Wirtschaftshof Marchegg gewesen. Annemarie, meine Schwester, war das Liebkind unserer Mutter. Im Sommer wird sie heiraten.
Ich selbst bin das jüngste Kind meiner Eltern und vorerst hatte niemand mit mir bestimmte Pläne. Ich wuchs im Windschatten meiner Geschwister auf, und da ich eher ein stilles Kind war, gab es kaum Anlass zum Tadel. Nur meine Neigung, in der Bibliothek des Barons die großen Folianten durchzublättern, fiel bald auf. Und als ich mich in Fragen der Geografie und Geschichte als gelehrig erwies, fasste der Baron den Entschluss, dem jüngsten Sohn seines treuen Verwalters und seiner geschätzten Köchin die Weihen höherer Bildung zukommen zu lassen. So kam ich in ein Internat und paukte Cäsars „De Bello Gallico“, Arithmetik und die Schriften Homers. Zuerst habe ich das Internat gehasst, doch irgendwann war ich den Auwäldern, den Wiesen und Feldern des Marchfeldes so entfremdet, dass ich zum Vorzugsschüler wurde. Mir blieb als Sohn eines Domestiken im Kreise der adeligen und großbürgerlichen Schulkameraden auch nichts anderes übrig.
Die Kameraden grölen und werfen die Karten auf den Haufen. Wieder einmal Streit wegen einer Kartenpartie. Den ganzen Tag über rauchen die hitzigen Köpfe und entzünden sich beim Kartenspiel. Seit dem Halt in Göding ist kein Offizier in unserem Waggon, also hallt das Geschrei, Schimpfen, Gespött und Gelächter noch lauter als zuvor. Pepi ist einer der Lautesten. Plänkler Josef Pokorny ist Sohn eines sozialdemokratischen Arbeiterfunktionärs. Kein hohes Tier, einer vom Fußvolk. Söhne von kleinen Sozialdemokraten werden nicht Unteroffiziere, also ist Pepi ein hundsgemeiner Infanterist wie ich. Während der Grundausbildung haben wir einander kennen und schätzen gelernt. Alfred, Pepi, Toni und ich, wir haben nicht nur im selben Zimmer gelegen, sondern sind auch Kameraden und Freunde geworden. Und alle vier sind wir im Marschbataillon abgerückt und werden gemeinsam an die Front gehen.
Pepi beginnt gerade, um von der Niederlage beim Kartenspiel abzulenken, mit der Otto-Hänselei. Eine mittlerweile stehende Redewendung im Bataillon. Otto Drabek ist unser Idiot vom Dienst, er ist sichtlich beschränkt, aber wegen seiner kräftigen Beine zum Infanteristen geeignet. Den Kalbfelltornister, das Gewehr und die Munition trägt er mit Leichtigkeit, also taugt er für die Front. Bloß mit dem Kapieren hat er so seine Schwierigkeiten. Am Anfang war es ein Heidenspaß für uns, wenn Otto bei Kommando Links-Schwenk Rechts-Schwenk vollführte. Oder wenn er über eine Stunde für das Lesen einer Seite in der Dienstvorschrift benötigte. Aber als die Ausbildner dazu übergingen, das ganze Bataillon für die Dummheit eines Mannes zu schleifen, musste Otto einiges von uns ertragen. Hänseleien waren da noch das Mildeste. Mir tat er manchmal leid, jedem tat er manchmal leid, was uns nicht hinderte, unseren Zorn an ihm abzuladen.
Die anderen stimmen sofort in Pepis Vorstoß mit ein und verlachen zum hundertsten Mal den Mann mit dem breiten Rücken und dem schwachen Geist. Otto arbeitete in den Wienerberger Ziegelwerken als Hilfsarbeiter, das hat er einmal erzählt, eingesetzt seiner Intelligenz entsprechend als Ziegelträger oder Hoffeger. Ich weiß nicht warum, aber ich beobachte Otto immer genau, denn er ist nicht nur beschränkt, sondern zeigt auch immer wieder überraschende und merkwürdige Verhaltensweisen. Die Spötteleien machen ihn traurig oder verstören ihn – das war mal so, mal so, aber sein Gewehr ließ ihn richtig erschaudern. Er ist dumm, aber nicht ungeschickt, er kann mit Werkzeug umgehen, nur das Gewehr greift er an, als wäre es eine giftige Schlange, als wüsste er nicht wohin mit seinen Händen. Das Gewehr macht ihm Angst. Ein komischer Kauz.
Alfred steckt sich eine Zigarette an. Ich folge seinem Beispiel, denn seit ich Soldat bin, rauche ich. Die Stimmen der jungen Männer im Waggon kippen und werden kreischend. Fast wie ein Haufen kleiner Buben im Turnsaal. Wir wollen alle Männer sein, aber irgendwie sind wir noch kleine Buben. Kleine Buben in Uniform und Armeeschuhen. Kleine Buben mit Gewehren und scharfer Munition.
Es wird dunkel und die Kälte im Waggon ist fast unerträglich.
BUDWEIS, SEPTEMBER 1945
Wir blicken uns im kleinen Wäldchen um.
„Die Luft ist rein. Sagen Sie mir, was Sie loswerden wollen.“
Schachner kratzt sich am Kinn. Seine Anspannung ist mit Händen zu greifen. Er ermannt sich erst nach einiger Zeit.
„Die Deutschen investieren wieder viel Mühe in die Modernisierung ihrer Panzerwaffen. Wo werden sie die neuen Panzer einsetzen? Im Osten natürlich. Deutschland hat kein Interesse, uns Österreichern die Italiener vom Hals zu schaffen. Im Gegenteil. Solange die Amerikaner die Italiener durchfüttern müssen, geht ihnen viel Material für den Krieg gegen das deutsche Mutterland ab. Also darf die Südfront, solange sie nicht in ernsthafter Gefahr schwebt, in Europa ruhig bestehen bleiben. Was den Deutschen Kopfzerbrechen macht, ist vielmehr der Osten. Den Sowjets ist es gelungen, hinter dem Ural ihre Industrie neu aufzubauen. Der europäische Teil der Sowjetunion ist ja durch den ewigen Bürgerkrieg in den Zwanzigerjahren und durch die Offensiven der Mittelmächte weitgehend totes Land. Sie waren drauf und dran den Krieg zu verlieren, aber Stalin hat es geschafft, die Industrie in Westsibirien aufzubauen. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis sie sich mit der Industrie Deutschlands oder Großbritanniens wird messen können. Und die Rote Armee modernisiert sich, das weiß man, die Rote Armee rüstet zur Rückeroberung der russischen Weiten. Es ist anzunehmen, dass Deutschlands allmächtiger Reichskanzler, dieser antisemitische, oberösterreichische Dreckskerl Adolf Hitler, seinen Drang nach Osten durch einen Sieg gegen die Sowjetunion endlich ausleben möchte. Nordafrika ist für die Mittelmächte verloren, aber Nordafrika ist für die Kaiser in Berlin und Wien und ihre mächtigen Reichskanzler ohnedies nicht sehr interessant. Es gibt einfach zu wenige Rohstoffe. Anders aber im Mittleren Osten und in Russland. Man schätzt, dass die größten Rohstofflager der Welt in diesen Regionen zu finden sind. Der Mittlere Osten gehört den beiden Kaisern und dem türkischen Sultan. Aber Russland? Was ist mit Russland? Die deutschen und ungarischen Panzer haben in Westeuropa keine Gegner mehr und im Mittleren Osten wird sich in der nächsten Zeit nicht viel tun. Die Nachschublinien der Alliierten sind schon so gewaltig ausgestreckt, dass selbst die Amerikaner Schwierigkeiten haben werden, genug Material gegen die Levante zu schicken. Was also tun mit all den neuen Panzern und den schwer bewaffneten Infanteriedivisionen? Die Weite Osteuropas ruft, und deren Bodenschätze. Noch ist die Sowjetunion besiegbar, noch ist die Rote Armee ungenügend ausgerüstet, in zwei Jahren ist das vielleicht anders. Wir erwarten, dass die Deutschen und Ungarn noch einmal alles gegen die Sowjetunion werfen werden. Sie wollen die Sowjetunion endlich niederringen. Hitler wird dem Kaiser wieder einmal die Faust ans Kinn setzen und ihn zwingen, die Offensivpläne zu unterschreiben, davon bin ich überzeugt. Spätestens in drei Monaten rollen die modernsten deutschen Panzer gegen die Sowjetunion. Die Sowjets wissen das auch, also müssen sie etwas unternehmen.“
„Jetzt frage ich Sie einmal, was wir beide tun sollen? Zwei hungernde, zerlumpte österreichische Pazifisten mitten in einer tschechischen Bretterstadt. Was hat das alles mit mir zu tun? Und selbst wenn ich etwas tun könnte, warum sollte ich Stalin helfen? Er ist ein Diktator und sicherlich dem fetten Kriegstreiber Churchill und dem Massenmörder Hitler nicht unähnlich. Wahrscheinlich träumt er von einem Raubzug durch Deutschland, bloß fehlen ihm noch ein paar Waffen. Außerdem weiß man sogar in Budweis, dass es in der Sowjetunion Lager gibt. Wieso soll ich einem Regime helfen, das Lager unterhält?“
„Lager gibt es überall. Auch die prodeutsche Minderheit in Nordamerika steckt in Lagern, dabei predigt der Präsident der USA ständig Freiheit und Demokratie. Die Welt ist schlecht, die Kaiser, Reichskanzler, Präsidenten, Parteivorsitzenden, Premierminister, weiß der Teufel, wie die Kerle überall heißen mögen, sind Verbrecher und Mörder, und daran können wir nichts ändern. Dennoch ist die Sowjetunion in höchster Gefahr. Millionen Russen wollen keinen noch längeren Krieg, sie wollen die Wunden der letzten blutigen Jahrzehnte heilen. Aber die Feldherren der Welt haben kein Interesse an einem großen Volk, das in Frieden lebt und sich wirtschaftlich und kulturell erholt, sonst könnte ja die Wehrkraft der eigenen Armeen geschwächt werden. Und, lieber Valentin, Sie wissen genau, wo die verbohrtesten Feldherren ihre Wohnsitze haben: in Berlin, Wien und Konstantinopel. War es nicht der preußische Militarismus, der in den Dreißigerjahren zum Wettrüsten mit den USA geführt hat? War es nicht der k. u. k. Militarismus, der Italien permanent gedemütigt hat, bis Italien selbst zur Militärdiktatur wurde? War es nicht der türkische Militarismus, der Bulgarien, Serbien und Griechenland gezwungen hat, die Balkanentente zu bilden? Und war es nicht die Hochkonjunktur des mitteleuropäischen Militarismus, die zum zweiten großen Weltenbrand geführt hat? Wir beide sind Pazifisten in einem Land, in dem die Bezeichnung Pazifist das schlimmste aller Schimpfwörter ist. Unsere Gegner, nämlich Ihre und meine, sind nicht die Italiener, Engländer, Amerikaner oder Russen, unsere Gegner sind die deutschen, österreichischen und ungarischen Generäle. Gegen diese müssen wir kämpfen. Sie sagen richtig, ein General kann nur von einem General besiegt werden, niemals von einem Dichter, aber der Dichter kann dem General vielleicht einen Hinweis geben.“
Ich musste ihn unterbrechen, das war ja nicht länger auszuhalten.
„Guter Mann, sagen Sie mir, warum ich einem sowjetischen General helfen soll, einen österreichischen zu besiegen. General bleibt General, welche Farbe seine Uniform hat, ist gleichgültig. Begreifen Sie das nicht?“
„Doch, aber wir müssen die Russen warnen. Wir müssen ihnen helfen, vom Militarismus unseres Landes nicht überrollt zu werden.“
„Vielleicht ist es besser, wenn die Russen nicht kämpfen. Sollen sie doch die deutschen und ungarischen Panzer in einem Schwung bis nach Sibirien fahren lassen. So ersparen sich die Russen neuerliches Blutvergießen.“
Schachner hält inne und blickt um sich. Als er sieht, dass wir alleine sind, zieht er aus der Innentasche seiner Jacke eine kleine Broschüre.
„Lesen Sie das. Das ist mir in die Hände gekommen. Fast zufällig. Lesen Sie es und verbrennen Sie es sofort. Niemand darf wissen, dass Sie diese Broschüre je gesehen haben. Das ist ein Geheimpapier, verfasst von einer Abteilung des deutschen Propagandaministeriums. Es ist keine visionäre Schrift. Derzeit üben sich die Nazi-Intelligenzler in Deutschland in der Verwirklichung ihrer Visionen. Ein kurzer Bericht über den Einsatz von geheimen deutschen Truppenverbänden in Russland. Und einige Ausführungen über die Rolle des russischen Volkes in einem deutschen Reich, welches sich vom Ärmelkanal bis zum Ural erstreckt. Lesen Sie diese Schrift, und Sie werden verstehen, warum wir den Russen helfen müssen. Ich sage nur so viel: Versklavung und systematische Ausrottung.“
Ich lasse die Broschüre in meinem Rucksack verschwinden.
„Und was soll ich tun? Wer steht hinter Ihnen?“
„Ich kann nicht viel sagen, aber das Netzwerk steht schon fast. Ich bin nur ein Glied in der Kette und nicht einer der Köpfe. Stellen Sie sich ein Sammelsurium von pazifistischen Intellektuellen vor, von denen die meisten in Lagern gewesen sind. Jedes Kettenmitglied kennt nur die angrenzenden Glieder und trägt einen Decknamen. Ich bin Grillparzer. Und es gibt den Namen Neidhart. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Unsere Möglichkeiten sind beschränkt, es geht nicht um militärische Informationen, da haben wir keinen Zugang, sondern um Wirtschaftsdaten. Das Ziel ist die Sowjetunion, aber der Weg führt über Prag. Und da kommt Nestroy ins Spiel. Nestroy ist eine Schaltstelle, jemand, der Nachrichten in drei Sprachen übersetzen kann. Deutsch, Tschechisch und Russisch. Dass Sie Deutsch und Tschechisch können, weiß ich, aber wie steht es mit Ihren Russischkenntnissen?“
„Verbesserungswürdig, aber ich habe Tolstoi und Dostojewski im Original gelesen und einigermaßen gut verstanden.“
„Das ist gut, das ist sehr gut. Valentin, Sie sind Nestroy. Wir brauchen Sie.“
„Und wenn ich Nein sage?“
„Bin ich traurig und muss weitersuchen. Aber ich verschweige Ihnen nicht, dass unsere russischen Freunde verärgert sein könnten.“
Ich bleibe stehen.
„Sie Hund, die knallen mich ab!“
„Weiß ich nicht. Wie gesagt, wir sind nicht so wichtig, wir liefern nur Wirtschaftsdaten. Aber möglich ist es.“
„Ich drehe Ihnen den Kragen um.“
„Eine Kugel mehr oder weniger ist in unserer Zeit egal, selbst wenn es um das eigene Leben geht. Oder nicht? Haben Sie etwas zu verlieren? Hängen Sie an etwas? Na also. Aber wenn Sie Nein sagen, abtauchen und schweigen, wird nichts geschehen. Ich helfe Ihnen. Das verspreche ich.“
„Auf so ein Versprechen pfeife ich. Und bevor ich Sie zum Teufel jage, noch eine Frage.“
„Ich höre.“
„Gibt es ein Zauberwort?“
Josef Schachner fixiert mich scharf, dann huscht ein dünnes Lächeln über sein von tiefen Falten zerklüftetes Gesicht.
„Ich habe gewusst, dass Nestroy kein Schwachpunkt sein wird. Wir leben im Schatten und arbeiten in der Nacht; das Zauberwort lautet: Schattennacht.“
KONSTANTINOPEL, FRÜHLING 1946
Anfangs hatte es noch einen gewissen Reiz gehabt, den Leuten die goldene Auszeichnung unter die Nase zu halten. Der Anblick der Auszeichnung half Meyendorff, die unzähligen neuen Gesichter einzuschätzen. Und er erlebte die gesamte Klaviatur menschlicher Regungen, Neid, Heuchelei, ehrliche Bewunderung, kollegiales Einverständnis, Ignoranz, alles, was man sich vorstellen konnte. Die Medaille provozierte, ein Blick in das Innere der Leute wurde möglich. Anhand dieses Blickes beurteilte Meyendorff die Offiziere, Soldaten, Beamten des Fliegerquartiers Süd. Aber mit der Zeit nutzte sich der Effekt ab, zum einen kannten viele Meyendorff bald, zum anderen maß er selbst dem Orden nicht mehr so viel Bedeutung bei.
Er stand im Gang vor der Kantine, zupfte an seinem Rock, öffnete den Nadelverschluss der Medaille und ließ das Ding in der Tasche verschwinden. Es war später Nachmittag, also würde in der Kantine nicht mehr viel los sein, dennoch wollte er nicht durch den Orden auffallen. Er wollte einfach nur einer von vielen sein, ein Bediensteter des Fliegerquartiers unter anderen.
Meyendorff versuchte sein Bein möglichst nicht nachzuziehen, sondern gerade und aufrecht zu gehen. Er zog an der Tür zur Kantine, der Geruch von gesottenem Gemüse strömte ihm entgegen. Wie üblich gab es irgendeinen Eintopf mit türkischem Gemüse. Meyendorff schätzte die türkische Küche sehr, aber wenn böhmische Köche mit türkischem Gemüse und Fleisch kochten, kamen meist keine besonderen Delikatessen dabei heraus. Aber satt wurde man davon. Immerhin. Nicht alle Soldaten des Kaisers wurden immer satt, in Mesopotamien etwa war die Versorgung jämmerlich.
Meyendorff bevorzugte es, seine Mahlzeiten in der Kantine zu sich zu nehmen, er mied das Offizierskasino, so gut es ging. In der Kantine war er anonym. Im Kasino tummelten sich die Etappenhengste, schlürften Schnaps und hatten stets den aktuellsten Soldatentratsch auf Lager. Hast du gewusst, dass Oberstleutnant Soundso ein Affärchen hatte? Der Feinspitz, jetzt ist er über der Ägäis abgeschossen worden. Hast du gewusst, dass Major Dieserundjener neulich zehntausend Kronen beim Hasard verspielt hat? Und so weiter. Meyendorff konnte wahrlich nicht behaupten, die Gesellschaft der Kasinoplatzhirsche wäre ihm angenehm. Da mischte sich der Herr Graf lieber unters Volk. Die einfachen Leute ließen ihn wenigstens in Ruhe. Dass er überall gemustert wurde, störte ihn nicht, daran war er gewöhnt. Die Offiziere munkelten natürlich über den jungen Graf von Meyendorff und seine Vorliebe für das niedere Volk in der Kantine, aber das war ihm auch ziemlich egal. Natürlich fand er so keine Freunde, natürlich blieb er so isoliert, aber gerade das wollte er ja. Er brauchte niemanden in seiner Nähe, zumindest keine Etappenoffiziere mit ihren Allüren.
Meyendorff zückte die Essensmarken, reichte sie der Küchenkraft, die im Gegenzug einen Teller mit einem dicken Eintopf auf ein Tablett stellte und es ihm zuschob. Er fasste in den Besteckkorb, nahm einen Löffel und trat an die Brotausgabe.
„Könnte ich bitte zwei Scheiben haben?“, fragte er den einarmigen Mann.
Strenge, graue Augen musterten Meyendorff. Der Mann hatte slawische Gesichtszüge und dunkles, grau durchzogenes Haar. Wahrscheinlich ein Kroate oder Bosniake. Falten schnitten tief in das Gesicht des Mannes, Falten, die zeigten, dass dieser Mann lange dem Tod näher als dem Leben gewesen war. Wortlos legte er zwei Scheiben Brot auf Meyendorffs Tablett. Danach stellte er einen Blechbecher mit kaltem Apfeltee dazu. Eintopf mit Brot, dazu Apfeltee, also irgendwie ein türkisches Mahl, dennoch aber ein österreichisches. Meyendorff nahm das Tablett und schlurfte davon. Er wusste, dass der Mann an der Brotausgabe ihm nachblickte, also vertuschte er unbewusst sein Hinken nicht. Der Krieg schlägt allen Wunden, egal ob kroatischer Kleinhäusler oder österreichischer Graf, der Stand war egal, solange man für das Vaterland Dienst leistete. Das signalisierte Meyendorff dem Mann, ohne darüber nachzudenken.
Er sah sich im Saal um. Vereinzelt saßen noch Leute herum. Sein Blick wanderte umher, da kreuzte ein Blick den seinen. Er erschrak. Ihm wurde heiß.
Da saß sie! Jawohl, da saß sie und schaute zu ihm herüber. Sie und zwei andere junge Frauen flüsterten miteinander. Meyendorffs Hände wurden feucht. Sollte er sich einfach zu ihnen an den Tisch setzen? Ein schneidiger Offizier würde das tun. Keine Frage, ein schneidiger Kerl ginge hin, setzte sich zu den jungen Frauen und unterhielt sie mit flotten Anekdoten aus dem Soldatenleben. Meyendorff zweifelte, ob er überhaupt nur einen einzigen Satz würde hervorbringen können.
Nun blinzelten die anderen beiden Frauen zu ihm herüber und musterten ihn neugierig. Wenn er noch länger ratlos herumstünde, machte er sich lächerlich, also schritt er los. Je näher er dem Tisch kam, desto heftiger pochte sein Puls. Er wusste wirklich nicht, wie er es schaffen sollte, das Wort zu erheben, aber irgendwie klappte es doch.
„Entschuldigen Sie bitte. Ist an diesem Tisch noch ein Platz frei?“
Er zitterte innerlich, als ihm das Fräulein ein strahlendes Lächeln schenkte. Wie glücklich musste ein Mann sein, den morgens dieses Lächeln begrüßte. Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden.
„An den anderen Tischen sind noch mehr Plätze frei“, plapperte eine Stimme ebenso kokett wie herausfordernd.
Meyendorff löste mit Mühe seinen Blick von dem Fräulein. Er wandte sich der Sprecherin zu.
„Ich wollte natürlich nicht aufdringlich sein. Wenn Sie lieber alleine zu speisen gedenken, suche ich anderswo einen Platz.“
Die Sprecherin war gewiss nicht älter als zweiundzwanzig. Sie war von großer Statur, nicht gerade hübsch, aber auch nicht hässlich. Ein Mädchen mit losem Mundwerk, wohl nicht dumm oder ungeschickt, aber für Meyendorff völlig uninteressant. Außer natürlich sie stellte sich zwischen das Fräulein und ihn.
„Sie können sich gerne setzen, Herr Oberleutnant“, sagte sie. „Wir sind schon fertig und müssen wieder los.“
Meyendorff blickte erst jetzt auf die Tabletts auf dem Tisch. Tatsächlich, sie hatten ihr Mahl schon beendet. Die drei jungen Frauen erhoben sich.
Kurz entschlossen stellte er sein Tablett ab, ging um den Tisch herum auf das schöne Fräulein zu und nahm Haltung an.
„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Von Meyendorff. Hermann von Meyendorff.“
Sie reichte ihm verlegen lächelnd die Hand, er ergriff und küsste sie.
„Clarissa Roth“, flüsterte sie.
Dann trugen die drei jungen Frauen ihre Tabletts fort. Im Gehen tuschelten sie miteinander.
Clarissa Roth. Jetzt kannte er ihren Namen. Clarissa Roth. Immer wieder sagte er ihn still vor sich hin. Clarissa Roth. Und wie strahlend schön sie lächelte!
Meyendorff sah nicht, dass alle Anwesenden in der Kantine die Szene genau verfolgt hatten. Er setzte sich und aß, ohne zu bemerken, dass er aß. Langsam und versonnen löffelte er den Eintopf. Fortwährend klang der leise Hauch ihrer Stimme in seinem Ohr. Clarissa Roth.
„Das kann ich dir schon sagen, Hermann, wenn man alles zusammenrechnet, ist der Krieg nichts anders als eine Täuschung. Eine Illusion. Man bildet sich den ganzen Zirkus bloß ein. Die Waffen, die Flugzeuge, die Ehre, die Tapferkeitsmedaillen, das ist alles Einbildung. Das einzig Wirkliche am Krieg sind diese Dinger hier. Das ist alles.“
Meyendorffs Gast zeigte auf die Beinprothese, die auf dem Teppich lag.
Die Luft im Zimmer war zum Schneiden, dicke Rauchschwaden nebelten alles ein. Die beiden Männer rauchten dennoch im Eilzugtempo weiter. Hauptmann Werner Freiherr von Wildenstein-Glawogger hatte zwei Flaschen Raki und türkische Zigaretten mitgebracht. Meyendorff füllte erneut die Gläser.
„Diese Bude hier, dieses stinkende Kaff, die Hitze, das brackige Wasser am Bosporus, das ist alles nur Mumpitz. Dein lächerlicher Orden da auf dem Tisch ist wertloser Kram. Du warst in der Zeitung, Herr Oberleutnant? Na bravo! Du bist in der ganzen Monarchie berühmt? Sehr gut, Herr Graf! Sehr gut! Heute bist du berühmt, weil du Glück gehabt hast, wo andere Pech hatten, aber morgen bist du tot. Du kriegst eine ehrenvolle Nennung in der Zeitung und hopp, vergessen bist du. Das ist sogar die bessere Variante für dich. Die schlechtere ist, wenn du ein Krüppel bist. Helden mit zwei Armen, zwei Beinen und einem feschen Gesicht gehört die Welt. Helden im Rollstuhl mag man gar nicht. Die will man vergessen. Und die sogenannte Öffentlichkeit vergisst Helden, denen irgendwo ein Körperteil abhandengekommen ist, verflucht schnell. Das Dumme daran ist, dass die Helden noch leben, als Krüppel zwar, aber sie leben. Und sie können nicht vergessen.“




