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Mit stoischer Ruhe ertrug Meyendorff die bitteren Worte seines einzigen Freundes in Konstantinopel. Er wusste noch sehr gut, wie der damalige Rittmeister von Wildenstein mit einer Etrich E-100 von Luftsieg zu Luftsieg geflogen war. Wildenstein war der erste österreichische Jagdpilot, der mit einem Düsenflugzeug über einhundert Abschüsse erzielt hatte. Insgesamt gehörte er mit 147 Abschüssen zu den größten Fliegerassen der k. u. k. Luftflotte. Als er selbst zum vierten Mal abgeschossen worden war, war es nicht so glimpflich wie die drei Male zuvor ausgegangen. Dem Heldentod knapp entkommen, war sein linkes Bein nicht mehr zu retten gewesen. Meyendorff hatte es immer wieder erlebt, manche Männer konnten nach einer Amputation ungeahnte Kräfte und Energien freisetzen, sie gierten nach dem flüchtigen Leben, die meisten allerdings wurden bitter. Wildenstein gehörte zur zweiten Gruppe, er war voller Wut auf sich und die Welt.
Wildenstein griff nach dem Glas und kippte den Raki rasch hinunter. Er verzog das Gesicht, heiß brannte der Schnaps in der Kehle. Dann langte er nach den Zigaretten.
„Los, Herr Oberleutnant, rauch noch eine. Das ist ein Befehl!“
Wildenstein sog den Qualm kräftig ein.
„Das Einzige, was einem Krüppel noch Spaß macht, ist guter Tabak und starker Schnaps. Zum Teufel damit!“
Meyendorff starrte auf die Beinprothese, die Wildenstein abgeschnallt und mitten auf den Teppich geworfen hatte. Er dachte an sein verbranntes Bein. Unwillkürlich griff er danach, gleichsam um sich zu versichern, dass die Prothese nicht doch ihm gehörte. Wildenstein verfolgte die Bewegung.
„Und, hast du Schmerzen?“
Meyendorff schreckte ein wenig hoch, ihm war seine Bewegung gar nicht bewusst gewesen.
„Nein, nein. Zumindest jetzt nicht.“
Wildenstein schnippte die Asche achtlos auf den Teppich. Ihm fiel so etwas gar nicht auf, genauso wenig wie ihm auffiel, dass seine Uniform längst einmal gereinigt gehörte, dass er einen Haarschnitt und eine Rasur brauchte, dass seine Fingernägel geschnitten werden sollten. Sehr nachlässig wirkte der Hauptmann, auf dessen Brust alle nur erdenklichen Orden glitzerten.
„Du hast Schwein gehabt, Hermann, riesiges Schwein. Brandwunden heilen, Narben bleiben, aber du bist nicht beschädigt. An dir ist alles dran. Du hast großes Schwein gehabt.“
Wildenstein inhalierte und hielt den Rauch lange in der Lunge, ehe er ihn wieder ausblies.
„Nur wie lange wirst du Schwein haben? Irgendwann schicken sie dich wieder hinaus. Irgendwann sitzt du wieder in deinem Bomber und wirst kein Schwein haben. Das ist das Gesetz des Krieges. Und wenn dich das Schwein verlässt, du aber Schwein hast, wirst du tot sein. Wenn du aber doppeltes Pech hast, wirst du ein Krüppel sein. Prost.“
Meyendorff war betrunken, was ihm half, das ewige Gejammer des Hauptmannes mit der Prothese nicht zu hören. Er dachte an Clarissa. Er dachte an die gestrige Begegnung in der Kantine. Er dachte an ihr Lächeln. Noch nie waren seine Gedanken von einem Fräulein so gefesselt gewesen. Er konnte es nicht anders nennen, er war verliebt. Er saß ruhig auf seinem Stuhl, regte sich nur, wenn er nach Zigaretten oder dem Schnapsglas griff. Auf dem Stuhl gegenüber saß Wildenstein und redete und redete. Vielleicht war es Wildenstein egal, ob Meyendorff zuhörte oder nicht, solange der Vortrag nicht gestört wurde. Und Meyendorff hörte nicht mehr zu, vielmehr lauschte er einem geflüsterten Namen. Clarissa Roth.
„Ich hab dich etwas gefragt, Hermann!“, fauchte Wildenstein mürrisch.
Er schrak aus seinen Träumen hoch, er blickte in die müden Augen des fünfundzwanzigjährigen Greises in seinem Zimmer.
„Gehst du ins Bordell?“, wiederholte Wildenstein seine Frage.
„Nein, gehe ich nicht. Also zumindest derzeit nicht.“
„Zumindest, zumindest, ständig sagst du Nein und zumindest“, keifte Wildenstein.
„In Wien war ich gelegentlich im Café Rosa in der Zirkusgasse.“
„Und jetzt gehst du nicht?“
Meyendorff griff zu einer Zigarette. Sein Hals fühlte sich kratzig an, eigentlich hatte er für drei Tage genug von Tabak, dennoch entflammte er die Zigarette. Er antwortete nicht auf Wildensteins Frage. Eine Minute herrschte Schweigen zwischen den Männern.
„Und wie heißt sie?“, fragte Wildenstein lapidar.
Eine Ewigkeit verstrich ehe Meyendorff antwortete.
„Clarissa Roth.“
Wildenstein kippte sein Glas.
„Wie lange kennt ihr euch?“
„Ich kenne sie nicht. Noch nicht.“
Wieder verstrich eine Minute des Schweigens. Wildenstein streckte sich und angelte nach der Prothese. Er band die Gurte an den Beinstumpf. Er flüsterte.
„Sie ist sehr hübsch, nicht wahr?“
Es war zwar nicht unmöglich, dennoch schwierig, die Dienstzeiten von Angestellten anderer Abteilungen herauszubekommen. Meyendorff mühte sich schon den ganzen Vormittag, seine Kopfschmerzen und seine Ungeschicklichkeit bei verdeckten Ermittlungen zu überwinden. Die zwei Flaschen Raki, die Wildenstein mitgebracht hatte, war nicht der letzte Alkohol des gestrigen Abends gewesen. Wildenstein hatte Meyendorff solange beflegelt, bis sie schließlich gemeinsam in jenes Nachtlokal gegangen waren, in welchem sich die jüngeren Offiziere zu Besäufnissen einfanden.
Wildenstein hatte die Korken knallen lassen. Raki, ungarischer Tokaier, Tiroler Obstler, kroatischer Slibowitz, der Alkohol war in Strömen geflossen. Das war das Leben in der Etappe, durchzechte Nächte mit Invaliden oder Drückebergern, billiger Tabak, Tristesse und Aufschneidertum, geheuchelte Siegeszuversicht und als patriotische Begeisterung getarnte Selbstsucht. Als sich die Trunkenbolde um Wildenstein für eine Wehrpflichtmusterung im Offiziersbordell gerüstet hatten, war es Meyendorff gelungen, sich abzusetzen. Wildenstein hatte zwar herumgemeckert und ihn einen traurigen Poeten genannt, aber er hatte nichts von seinem Wissen preisgegeben. Anderenfalls hätte Meyendorff nicht gezögert, ihn an Ort und Stelle zu erschießen. Aber Wildenstein war nicht der Mann, der Kameraden öffentlich bloßstellte, er beschimpfte zwar jeden, aber er verletzte nie die Ehre eines Mannes. Alleine deswegen pflegte Meyendorff Kontakt zu ihm.
Unmöglich war es nicht, aber die Schwierigkeiten drohten ihm den Schädel zu sprengen. Die Kopfschmerzen schaukelten sich mit jedem Telefonat noch auf, bis Meyendorff seine Aktivitäten beendete. Ergebnislos. Er hatte Clarissa Roths Dienstplan nicht herausfinden können, also widmete er sich wieder seinen Listen.
Draußen vor der Tür seines winzigen Büros klapperten Schreibmaschinen und Fernschreiber, klingelten Telefone, zuckten gedämpfte Stimmen durcheinander. Was war das doch für eine einfache Sache, einen viermotorigen Bomber tief ins Feindesland zu fliegen, im Vergleich mit dem Ausfüllen von Tabellen und Formularen. Wie leicht war dieser gewaltige technische Organismus Flugzeug zu beherrschen im Vergleich zu den bürokratischen Abläufen der Militärverwaltung. Meyendorff spitzte mit dem Taschenmesser einen Bleistift. In Wahrheit war das seine Hauptbeschäftigung, das Spitzen der Bleistifte. Spitz wie deutsche Vergeltungswaffen waren seine Bleistifte, bloß lagen die Bleistifte in ihren Munitionsmagazinen, während die Vergeltungswaffen auf englische Städte und Fabriken niederstürzten. Meyendorff begutachtete den Bleistift von allen Seiten, wunderte sich über diesen merkwürdigen Vergleich, schüttelte den Kopf und legte den Bleistift zur Seite.
Ihm fiel ein Gesprächsfetzen des gestrigen Abends ein. Ein paar Leutnants hatten stockbesoffen vom Mädchenpensionat des Fliegerquartiers gesprochen. Mädchenpensionat, so hatten sie das Barackenlager am Rande Konstantinopels genannt, in dem ein Großteil des weiblichen Personals des Fliegerquartiers untergebracht war. Wahrscheinlich logierte Clarissa Roth dort. Meyendorff griff zum Hörer und ließ sich von der Vermittlung verbinden. Es dauerte beinahe zehn Minuten, bis die Verbindung hergestellt war, aber endlich erreichte er den Wachdienst des Barackenlagers.
„Hallo, hier spricht Oberleutnant von Meyendorff, Fliegerquartier Süd. Ich hätte gern eine Auskunft. Ja, ich warte.“
„Ja hallo, ich hätte gerne Auskunft in einer privaten Angelegenheit. Können Sie mir sagen, ob und wann ich Fräulein Clarissa Roth antreffen kann. Ja, eine private Angelegenheit. Von Meyendorff mein Name. Habe ich schon gesagt. Ich bin ein Bekannter der Familie und soll Empfehlungen von ihrem Onkel überbringen. Hören Sie nicht zu? Eine private Angelegenheit, nicht dienstlich. Also bitte. Ich weiß nicht, ob sie bei Ihnen untergebracht ist, sonst würde ich nicht anrufen, sondern gleich kommen. Ich bitte Sie, hören Sie doch zu. Blicken Sie nur einmal auf Ihre Listen und sagen Sie mir, ob Fräulein Clarissa Roth bei Ihnen untergebracht ist. Ja, ich warte.“
Meyendorff war genervt, zuerst unzählige Versuche, überhaupt eine Leitung zustande zu bringen, und dann dieser Hornochse von Adjutant. Die Zigarette war in seinen Fingern beinahe verqualmt, ehe sich am anderen Ende der Leitung jemand rührte.
„Hallo, ja ich höre. Wie bitte. Sie ist derzeit nicht im Lager, sie ist im Dienst. Um sieben Uhr hat sie sich abgemeldet? Jawohl, Sie haben mir sehr geholfen. Natürlich, also notieren Sie. Oberleutnant von Meyendorff in einer privaten Angelegenheit. Haben Sie es notiert? Ich sage Ihnen noch meine Dienstnummer, damit auch alles seine Richtigkeit hat. Brauchen Sie nicht. Gut. Danke sehr. Auf Wiederhören.“
Meyendorff legte auf und lehnte sich zurück. Sein Blick schweifte ins Leere. Clarissa Roth.
Er bezahlte den Fahrer. Dieser redete gestenreich, er schien etwas erklären zu wollen, aber Meyendorffs Türkischkenntnisse reichten nicht, um den Mann zu verstehen. Das Getriebe krachte, der Wagen fuhr los und verschwand. Er blickte sich um. Ein einigermaßen hübscher Platz, niedrige Häuser, ein paar Läden, ein Kaffeehaus und drei Palmen in Mitte des Platzes. Links zweigte eine Straße ab, die hinaus auf das Land führte. In der Ferne sah er ein paar zerbombte und ausgebrannte Häuser. Die letzten schweren Luftangriffe auf Konstantinopel waren über ein Jahr her. Wahrscheinlich war ein Bomber abgedrängt worden und der Bombenwerfer hatte die Bomben in Panik irgendwo ausgeklinkt, anderenfalls wäre es nicht erklärbar, weshalb man so ein unwichtiges Viertel angriffen hatte. Hier gab es keine Industrie und keine militärischen Stützpunkte. Ein paar Hundert Schritte trennten ihn vom Eingang zum Barackenlager. Er sah zwei Soldaten vor einem Gittertor Wache schieben. Auf dem Platz tummelten sich Leute. Vor allem junge Frauen. Meyendorffs Blick tauchte in die Menge. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem Auflauf bei drei Lastwagen.
Österreicherinnen. Auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen. In strenger Ordnung, kontrolliert von uniformierten Frauen des Wachdienstes und einigen Landsturmmännern kletterten die Frauen auf die Ladeflächen der Laster. Meyendorff suchte nach einem Gesicht in der Menge. Ein türkischer Korporal entdeckte Meyendorff und salutierte stramm. Das gesuchte Gesicht war nicht zu finden. Die Fahrer starteten die Motoren und nacheinander fuhren die Laster ab. Die Sonne senkte sich langsam dem Abend zu, es war heiß und windstill. Der Geruch von Dieselabgasen erfüllte die Luft und verflüchtigte sich nur langsam. Nachdem die drei Laster fort waren, legte sich beschauliche Stille über den Platz. Die Landsturmmänner salutierten vor Meyendorff, er erwiderte den Gruß, dann gingen sie in Richtung Barackenlager.
Eine halbe Stunde streifte Meyendorff ziellos durch die Gegend. Der Platz war hübsch, aber die Gassen dahinter offenbarten das Elend der Vorstadt. Schäbige Behausungen, anders konnte man es nicht nennen. Die Menschen hier waren bettelarm, wovon sie lebten, war ein Rätsel. Ganz so wie in allen europäischen Städten. Meyendorff hatte nirgendwo andere Vorstädte gesehen.
Er kam wieder auf den Platz und steuerte auf das Kaffeehaus zu. Im Schatten einiger Bäume standen kleine Holztische vor dem ein wenig schiefen Haus. Drei alte, verhutzelte Männer saßen mit dem Rücken zur Hausmauer nebeneinander. Sie schienen alle Zeit der Welt zu haben und durch nichts in ihrer Ruhe gestört werden zu können. Meyendorff grüßte mit einem Kopfnicken, die Männer erwiderten den Gruß. Er nahm den vordersten Tisch, nicht nur, um den Männern nicht zu nahe zu rücken, sondern auch, um den Platz gut überblicken zu können. Mühsam erhob sich einer der drei, warf sich ein nicht ganz frisches weißes Tuch über den Arm und schlurfte heran. Meyendorff war in seinem Leben häufig in Konstantinopel gewesen, auch in Smyrna und anderen türkischen Luftflottenstützpunkten, aber bis auf ein paar Brocken hatte er die türkische Sprache nicht erlernt. Nicht erlernen können. Nie hatte sich die Möglichkeit eines intensiven Sprachstudiums ergeben. Dabei hielt er sich selbst für talentiert. Schon im Volksschulalter hatte er Ungarisch gelernt und später auf der Kadettenschule perfektioniert. Weiters hatte er in Grundzügen auch Französisch und Kroatisch erlernt. Immerhin reichte sein Türkisch aus, um in Kaffeehäusern Bestellungen abzugeben. Meyendorff wusste, dass viele Türken nicht sehr glücklich darüber waren, dass sich österreichische, ungarische und deutsche Soldaten in ihrem Land aufhielten, denn mit ihnen ging der Krieg weiter, andererseits konnte man als Offizier die Herzen der Leute im Sturm erobern, wenn man sich bemühte, ihre Sprache zu sprechen, ihre Angewohnheiten zu respektieren und ihre Umgangsformen zu pflegen.
Meyendorff bestellte Apfeltee. Der alte Wirt verneigte sich und verschwand im Haus. Meyendorff versuchte nicht in das Innere des Hauses zu schauen, besser war, er vergegenwärtigte sich den hygienischen Zustand der Küche des Kaffeehauses nicht. Langsam entnahm er seiner Rocktasche das Zigarettenetui, fischte nach einer Zigarette und entflammte sie. Die Luft stand, dennoch war die Hitze erträglich. Es war erst Frühling, der Hochsommer würde schon noch die Gluthitze bringen.
Die Zeit lief. Meyendorff trank den süßen Apfeltee ohne jede Hast. Er passte seinen Atemrhythmus an den der drei alten Männer an. Die Zeit war nichts, der Tag unendlich, das Leben viel zu kurz und doch ewig in allen seinen Augenblicken. Er hatte die stoische Ruhe der Türken stets bewundert.
Später trank er eine zweite Tasse Apfeltee und rauchte noch eine Zigarette.
Eine Horde Kinder jagte mit Geschrei über den Platz und verschwand wieder.
Dann vernahm Meyendorff Motorenlärm. Er drehte den Kopf. Die Lastwagen kehrten zurück. Vor dem Barackenlager marschierten die Landsturmmänner und Frauen des Wachdienstes herüber. Meyendorff nickte dem Wirt zu und legte einige Münzen auf den Tisch. Er gab immer großzügig Trinkgeld.
Lärmend rollten die Laster über den Platz. Die Ladebordwände fielen krachend auf und Dutzende Frauen stiegen ab. Wieder war der Platz von durcheinanderwirbelnden Stimmen erfüllt. Meyendorff saß da und suchte in der Menge. Er war zwar recht weit entfernt, aber seine Augen waren ausgezeichnet. Für Piloten war es außerordentlich hilfreich, gute Augen zu haben. Er war nervös. War sie wieder nicht dabei? Sollte er jeden Tag hierherkommen? Machte er sich bei den Wachen nicht lächerlich, wenn er vor dem Mädchenpensionat wie ein streunender Kater herumschlich?
Da war sie!
Kurz hatte er ihr Gesicht gesehen. Sein Puls raste. Er erhob sich und ging entlang der Häuserzeile rund um den Platz. Die Frauen trotteten langsam in Richtung Barackenlager. Meyendorff suchte nach ihr, fand sie aber vorerst nicht. Hatte er sich getäuscht? Einige der Frauen bemerkten ihn und schauten neugierig herüber. Clarissas Augen waren dabei. Innerlich jauchzte Meyendorff vor Freude. Ihre Blicke trafen sich. Er blieb stehen und sah ihr nach, wie sie in der Menge vorwärtsschritt. Ihre Blicke trennten sich erst, als sich ein Haus zwischen sie schob. Wie schön sie war. Unbeschreiblich schön. Eine Prinzessin. Die Menschenmenge verflüchtigte sich, die Laster fuhren ab. Einige ältere Frauen standen noch tratschend bei den spärlich bestückten Warenkörben des Gemüsehändlers. Zwei Frauen des Wachdienstes waren unter ihnen.
Was sollte er tun? Wie würde er Clarissa jemals ansprechen können? Immer waren da neugierige Augen und Ohren. Wie würde er je mit ihr ins Gespräch kommen können?
Er wollte sich eben eine Zigarette anstecken, da huschte eine zierliche Gestalt um die Ecke und flog mit leichten Schritten an ihm vorbei. Clarissas vorwitziger Blick warf ihn beinahe um. Sie war gekommen!
Vor dem kleinen Fenster der Bäckerei blieb sie stehen und schien über das Angebot nachzudenken. Sollte sie ein großes oder zwei kleine Brote kaufen? Aber Meyendorff wusste genau, dass sie nicht wegen der Brote zurückgekommen war. Er trat an sie heran.
„Guten Tag, mein Fräulein. Ich habe die Ehre, Sie zu kennen. Erlauben Sie, dass ich Ihnen meine Aufwartung mache.“
Sie drehte den Kopf und lächelte ihn an.
„Guten Tag, Herr Oberleutnant.“
Sie reichte ihm ihre Hand. Meyendorff ergriff und küsste sie galant.
„Wenn Sie gestatten, es wäre mir ein Vergnügen, Sie beim Brotkauf zu begleiten. Oder darf ich es wagen, Ihnen einen kleinen Spaziergang vorzuschlagen?“
„Der Bäcker hat bis spät nachts offen. Ich muss das Brot nicht sofort kaufen. Aber in spätestens zwanzig Minuten muss ich durch die Sperre gegangen sein.“
Kurz schaute sie zu den älteren Frauen hinüber. Diese hatten sich offensichtlich zu einem Kauf entschlossen und waren im Begriff, ins Barackenlager zurückzugehen. Sie alle hatten den Oberleutnant und das Fräulein vor der Bäckerei gesehen.
„Die Hyänen werden uns bestimmt nicht aus den Augen lassen“, flüsterte sie.
Meyendorff konnte sehen, wie sich eine der zwei Wachfrauen von der Gruppe löste und sich in den Schatten eines Baumes stellte.
„Wir dürfen uns nicht vom Platz entfernen. Sonst rennt sie uns nach. Das machen sie immer so.“
Meyendorff räusperte sich.
„Ich will Ihnen keinerlei Schwierigkeiten bereiten, also schlage ich vor, wir spazieren hier ein wenig über den Platz. So ist allem Anstand doch hoffentlich Genüge getan.“
Er konnte nicht anders, er lächelte, wie er gewiss noch nie gelächelt hatte. War er jemals so voller Freude gewesen? Mit langsamen Schritten gingen sie über den Platz.
„Haben Sie gewusst, wann ich komme?“, fragte Clarissa.
„Nein, ich habe einfach gewartet.“
„Und mussten Sie lange warten?“
„Eigentlich nicht. Hier, in diesem Kaffeehaus, habe ich etwas Apfeltee getrunken. Eine Stunde. Ich hatte Glück.“
Er nickte unmerklich. Oh ja, er hatte wirklich Glück gehabt, unglaubliches Glück.
„Ist das Wetter hier nicht fabelhaft? Ich bin seit zwei Monaten hier und das Wetter gefällt mir mit jedem Tag besser. Die Sonne, das helle Licht, die Wärme.“
„Der Frühling am Bosporus ist tatsächlich für uns aus dem Norden ein kleines Wunder.“
„Bei uns zu Hause in Lemberg regnet es den ganzen Frühling über. Oder zumindest fast. Verglichen mit dem Winter in Galizien ist der Frühling hier wie ein Traum.“
Meyendorff verliebte sich in die feenhafte Leichtigkeit, mit der sie sprach, melodiös und anmutig. Und ihre Hände gestikulierten lebendig, tanzten zierliche Pirouetten in die Luft. Jetzt wusste er auch, woher sie kam. Aus Lemberg, aus dem Osten des Reiches. Ob sie Jüdin war?
„Ich liebe dieses Land, obwohl ich bislang kaum noch etwas davon gesehen habe.“
Ein Hauch von Traurigkeit huschte über ihr Gesicht.
„Immerzu wird man hier kontrolliert, nie darf man etwas unternehmen, immer nur Dienst und Disziplin. Dieser Platz ist ganz nett, aber gehen Sie einmal ein paar Schritte durch das Viertel hier. Deprimierend graue Häuser, fahle Wände, schmutzige Gassen. Und in der Dienstzeit immer das künstliche Licht im Bunker anstatt der fröhlichen Sonne.“
Clarissa lächelte wieder.
„Aber einmal durften wir einen Ausflug an den Strand unternehmen. Es war wunderbar. Früher habe ich immer von einem Sommerurlaub an der Adria geträumt. Ich wollte schwimmen, segeln, nach bunten Fischen tauchen. Jeden Sommer war ich wieder enttäuscht, nicht hinfahren zu können. Mein Vater hat mir jeden Sommer wieder erklärt, die Adria ist vermint, von Kriegsschiffen durchkreuzt und in der Reichweite italienischer Flugzeuge. Ich habe damals nicht begreifen können, was das mit meinem Badeurlaub zu tun hatte. Und jetzt war ich endlich zum Baden am Meer. Meine Kameradinnen und ich sind herumgetollt wie kleine Kinder.“
Clarissa hüpfte vergnügt neben Meyendorff und klatschte in die Hände.
„Die Hyänen haben uns fast nicht mehr aus dem Wasser gebracht. Es war wunderschön.“
Clarissa fasste sich wieder und ging ruhig weiter.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Hyänen sage, aber das ist so der Sprachgebrauch in den Baracken.“
Meyendorff war entzückt. Was für eine kindlich reine Seele in ihr wohnte.
„Sie können sich wahrscheinlich denken, dass man als Pilot meistens nicht auf die Landschaft achten kann. Zumindest nicht in einem ästhetischen Sinn“, führte Meyendorff aus. „Man sieht die Küste und das Meer, also hat man noch eine Stunde nördlich, südlich, östlich oder westlich zu fliegen. Man achtet auf die Landschaft nur als Navigationshilfe. Doch manchmal, in seltenen Momenten, gelingt es einem, aus siebentausend Metern Höhe in Ruhe und kurzer Freude die Erde zu beobachten. Ich wünschte, Sie könnten das einmal erleben, hoch im Himmel zu schweben, schwerelos über das Meer zu gleiten. Und unten liegen die ägäischen Inseln, kleine Landkonturen, braune oder grüne Küstenlinien und Berge im ewigen Wasser. Bedächtig neigt sich die Sonne gegen den Horizont im Westen und man sieht die Schatten der Wolken auf dem Wasser.“
Meyendorff war erstaunt, mit welcher Leichtigkeit ihn die Rührung ergriffen hatte. Ansonsten behielt er Gedanken und Gefühle wie diese für sich. In einer Welt der männlichen Disziplin und militärischen Hierarchie hatten schwärmerische Naturbetrachtungen keinen Platz. Aber hier hatte er den richtigen Ton getroffen, Clarissas Augen leuchteten neugierig, ja, vielleicht sogar fasziniert.
„Aber diese Momente sind so rar. Ich verstehe Sie gut, dass Ihnen der Ausflug großes Vergnügen bereitet hat.“
Er blieb mitten im Schritt stehen. Das war eine großartige Idee. Clarissa stoppte ebenfalls und konnte sich gar nicht von seinen Augen lösen.
„Mein Fräulein, darf ich Clarissa zu Ihnen sagen?“
Er nahm ihre Hand. Sie hauchte mehr, als dass sie sprach.
„Ja.“
Er küsste ihre Hand.
„Dann bitte ich Sie, mich Hermann zu nennen.“
Clarissa nickte. Er ließ ihre Hand nicht los.
„Darf ich darüber hinaus anbieten, Sie bei nächster Gelegenheit zu einem Ausflug in das Hinterland zu fahren? Es ist für mich keine Schwierigkeit, jederzeit ein Fahrzeug zu besorgen. Wir könnten eine Tagestour unternehmen und nach einem schönen Ort zur Rast suchen.“
Clarissas Stimme zitterte beinahe.
„Das wäre wunderbar. Ich würde mich außerordentlich freuen, aber ob das die Lagerleitung zulassen wird? Hier herrschen sehr strenge Regeln.“
Er küsste wieder ihre Hand und geleitete sie in Richtung Barackenlager.
„Liebe Clarissa, ich bin zwar nur Oberleutnant, aber unterschätzen Sie nicht meinen Einfluss. Wann ist Ihr nächster freier Tag?“
„Sonntag nächste Woche.“
„Also in zehn Tagen. Gut, dann Sonntag nächste Woche. Ich hole Sie ab. Sie werden sehen, man wird Ihnen diesen Urlaubstag nicht verwehren können.“
Er fixierte die Uhr. Mit geradezu impertinenter Langsamkeit kreiste der Minutenzeiger. Er durfte den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen, der General hatte feste Gewohnheiten, und wer etwas von ihm wollte, hatte sich diesen Gewohnheiten anzupassen.
Noch zehn Minuten.
Meyendorff war beileibe kein Freund des Generals, im Gegenteil, er fand den operettenhaften Hofstaat, in den er das Fliegerquartier verwandelt hatte, lächerlich. Meyendorff war von Adel, aber dieses Getue wie am Hofe König Ludwigs XIV. ärgerte ihn. Damit untergrub man die Moral der einfachen Leute, der Soldaten, der Arbeiter in den Werkstätten. Aber in diesem speziellen Fall gedachte Meyendorff sich Kirnbauers Faible für Empfänge zunutze zu machen.




