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Noch acht Minuten bis der General zum Mittagstisch ging. Pünktlich um zwölf Uhr fünfzehn.
Es war ihm in fast einer Woche Untergrundarbeit nicht gelungen, an besagtem Sonntag eine Ausgangserlaubnis für Clarissa zu erwirken. Keiner seiner Vorstöße hatte Erfolg gehabt, schlicht und einfach, weil eine böse alte Hexe die oberste administrative Leitung der Quartiere für weibliche Militärangehörige und Luftflotten-Dienstkräfte innehatte. Diese Ausgeburt des Satans, oder vielleicht war sie doch eine direkte Delegierte des Papstes, mit fahlen Lippen, hochgeschlossenem Kragen und einem ständig unter den Arm geklemmten Gebetsbuch, verfügte rigoros über ledige Frauen, die ihr einundzwanzigstes Lebensjahr noch nicht vollendet hatten. Auf diesem Weg hatte Meyendorff Clarissas Alter erfahren, sie war genau zwanzig Jahre und sieben Monate alt, also fehlten ärgerliche fünf Monate zur Volljährigkeit. Es war völlig ausgeschlossen, dass ein minderjähriges Fräulein im Dienst der k. u. k. Luftflotte alleine mit einem Offizier ausging. Das hatte Meyendorff schließlich zur Kenntnis nehmen müssen. Er hatte nicht eine Schlacht, sondern bisher alle Schlachten verloren, aber die letzte Schlacht war noch nicht geschlagen. Er hatte noch eine Waffe in der Hand, eine gefährliche Waffe.
Es war Zeit. Meyendorff erhob sich, schaute an sich herab, befand sich perfekt adjustiert und verließ sein winziges Büro. Durch das Gedärm des Bunkers schlängelten sich unzählige Verzweigungen. Er lief einige Gänge entlang. Überall wurde gearbeitet, obwohl der oberste Befehlshaber des FlQ-Süd ein Traumtänzer war. Die Notwendigkeit, den gigantischen Verwaltungsaufwand des Krieges zu erledigen, bestimmte hier den Arbeitsrhythmus.
Meyendorff blickte in den Gang, in dem er dem General auflauern wollte. Kirnbauer verspätete sich, normalerweise müsste er genau jetzt mit seinem Adjutantenstab hier entlangmarschieren. Nach Kirnbauer konnte man, wenn er ins Offizierskasino zum Mittagstisch ging, die Uhr stellen. Meyendorff wartete hinter einer Ecke. Ein schmalbrüstiger älterer Beamter trug ein Bündel Akten an ihm vorbei und lächelte. Er kannte diese Szene offenbar schon, ein jüngerer Offizier, der dem General auflauerte.
Da kam er. General Kirnbauer. In Begleitung von zwei Ordonnanzoffizieren.
Meyendorff trat schwungvoll hinter der Ecke hervor, direkt in das Blickfeld des Generals, überrascht hielt dieser inne, Meyendorff knallte vorschriftsmäßig mit den Hacken und salutierte stramm. Natürlich hatte er für diesen Auftritt seine goldene Medaille nicht vergessen. Prunkvoll glänzte sie auf seiner Brust. Der General salutierte lässig.
„Sieh an, sieh an, Herr Oberleutnant. Bekommt man Sie endlich wieder zu Gesicht?“
Der goldene Schein der Tapferkeitsmedaille bewirkte, dass der General stehen blieb und Meyendorff wohlwollend musterte.
„Na, wie geht’s Ihnen so? Die Verletzungen kuriert?“
Meyendorff roch die Fahne des Generals. Schon vor dem Mittagessen hatte er getrunken.
„Danke der Nachfrage, Herr General. Ich bin wieder heil.“
„Na, das wird aber auch Zeit. Sagen Sie mal, Herr Oberleutnant, wo haben Sie sich versteckt?“, fragte er und wandte sich seinem Adjutanten zu. „Da hat man nun einen echten Helden im Haus und kann sich gar nicht an seinem Glanz erfreuen, weil er sich im Mausloch versteckt.“
Der General und seine Begleiter lachten.
„Herr General, ich bitte Sie aufrichtig um Nachsicht. Tatsächlich hat mich meine Verwundung viel Substanz gekostet, und für mich als Frontoffizier war die Umstellung auf den Etappendienst nicht leicht.“
Meyendorff ging forsch ins Gefecht, die alte Rivalität zwischen Front- und Etappenoffizieren war stets Anlass zu feurigem Disput. Der General spitzte seine Lippen und fixierte den vorlauten Oberleutnant.
„Umso mehr freut es mich, Herr General, wenn ich Ihnen mitteilen darf, dass ich mich an meinem neuen Dienstposten Seiner Majestät Luftflotte eingewöhnt habe und mit großem Engagement meine Arbeit leiste.“
Touché. Der General lächelte und klopfte Meyendorff auf die Schulter.
„Bestens, Herr Oberleutnant, bestens. Wollten Sie ins Kasino? Begleiten Sie mich doch. Man sitzt gern mit einen feschen Helden an einem Tisch.“
„Herr General, ich danke vorzüglich für die Ehre und schließe mich Ihnen gerne an.“
Sie marschierten los.
„Aber dass Sie sich überhaupt nicht haben blicken lassen, Herr von Meyendorff, hätte Ihrem Onkel, Gott hab ihn selig, gewiss Verdruss bereitet“, tadelte der General.
„Tatsächlich ist mir mein Versäumnis peinlich bewusst, darum möchte ich in aller Bescheidenheit fragen, ob die Einladung zu Ihrer Sonntagsmatinee noch Gültigkeit hat?“
Der General lachte jovial.
„Na, was glauben Sie, mein Guter! Meine Frau macht mir seit Wochen die Hölle heiß, weil ich ihr unseren Helden noch nicht vorgestellt habe. Also, ich erwarte Sie um zehn Uhr. Und diesmal keine Ausreden. So, jetzt erzählen Sie mir einmal ganz genau, wie Sie durch die feindlichen Linien gekommen sind.“
„Herr General, mit dem allergrößten Vergnügen, darf ich aber noch ein kleines Anliegen vorbringen?“
Der General schaute ein wenig scheel. Ein geübter Blick, den er im Laufe seiner Karriere wohl Tausenden Bittstellern zugeworfen hatte.
„Es wäre mir eine Ehre, nicht alleine zur Matinee erscheinen zu dürfen. Ich habe ein Fräulein kennengelernt, welches mir Ihnen vorzustellen eine Ehre wäre.“
Der scheele Blick des Generals verflog, er lächelte süßlich. Das waren genau die Geschichten nach seinem Geschmack.
„Darum will ich bitten, Herr Oberleutnant.“
Jetzt hatte Meyendorff Kirnbauer so weit, jetzt hieß es, die Schlacht im Sturmlauf zu entscheiden.
„Das junge Fräulein wohnt im Barackenlager Nord, und vielleicht ist Ihnen schon zu Ohren gekommen, dass dort sehr strenge Sitten herrschen. Ich fürchte, ich kann Ihnen das Fräulein nicht vorstellen, wenn Sie nicht Ihr gewichtiges Wort erheben.“
General Kirnbauer nickte heftig.
„Oh ja, Herr Oberleutnant, solche Klagen höre ich immer wieder, aber solange die Gräfin Almassy dort das Sagen hat, wird sich nichts ändern. Also, wie heißt das Fräulein?“
„Clarissa Roth, Herr General.“
Sie blieben stehen. Kirnbauer wandte sich an seinen Adjutanten.
„Gruber, notieren Sie. Fräulein Clarissa Roth kriegt eine schriftliche Einladung für die Matinee am nächsten Sonntag. Und wenn die bocken, werde ich denen die Leviten lesen.“
Er wandte sich an Meyendorff.
„Sagten Sie Clarissa Roth? Ist das nicht die Tochter von Wenzel Roth, dem Industriellen? Herrgott, jetzt fällt’s mir wieder ein, der Herr Papa hat mir doch vor Wochen einen Brief geschrieben und das Kommen seiner Tochter angekündigt. So ein Schlamassel, die kleine Roth ist mir völlig entfallen.“
Ernsthaft besorgt blickte er Hauptmann Gruber an.
„Jud oder nicht Jud, der Roth ist ein treuer Diener des Kaisers. Gruber, da müssen wir uns eine brauchbare Ausrede einfallen lassen.“
Streng fasste der General Meyendorff ins Auge und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Herr Oberleutnant, Sie sind mir persönlich dafür verantwortlich, dass Fräulein Roth pünktlich um zehn Uhr zur Matinee erscheint.“
Sie gingen weiter.
„So, aber jetzt erzählen Sie schon, wie Sie durch die feindlichen Linien gekommen sind.“
„Im Prinzip ganz einfach, Herr General. Meine Männer und ich haben uns tagsüber versteckt und nachts sind wir marschiert. Und wenn uns ein feindlicher Soldat entdeckt hat, haben wir ihn getötet.“
Der General lachte lauthals.
„Famos, Herr Oberleutnant, ganz famos! Das müssen Sie mir detailliert schildern.“
BUDWEIS, NOVEMBER 1945
Die grauen Portale, schmucklos und ohne jede Würde, gähnen trostlos in den Novembergassen meines Stadtteils. „Mein Stadtteil“ ist fast fürstlich gesprochen. Seine Hochwohlgeboren lassen sich herab, die Elendsquartiere innerhalb Seines Fürstentums zu beäugen. Oder so ähnlich. Nein, niemals kommt tatsächlich ein Adeliger oder sonst eine Person von Rang und Namen in die Vorstädte von Budweis. Die Inder kennen eine Kaste von Unberührbaren, Parias werden sie genannt, wenn mich meine lückenhaften völkerkundlichen Kenntnisse nicht wieder im Stich lassen. Sammelt alle Parias der Monarchie und pfercht sie in ein paar Städte zusammen, nennt diese Städte Brünn, Prag oder Budweis und schon seid ihr Besitzer der Gegenwart. Mein Stadtteil! Verkommene Bruchbuden, Barackenstädte und Kellerwohnungen, das ist mein Reich. Menschen, die sich längst mit Mäusen, Wanzen und Asseln im Wohnzimmer verbrüdert haben, Menschen, die gelegentlich das stark gebratene Fleisch von Ratten zu würdigen wissen, die aus Buchenmehl trefflich Sonntagsbrot zu backen wissen, weil das Weizen- und Roggenmehl nach Steyr, Pilsen oder Wiener Neustadt geht, sicher nicht nach Budweis. Hungernde Menschen kennen keine Würde, sie kennen nur ihr Leben, das sie aus ungeklärten Gründen von einem Tag auf den nächsten hieven wollen.
Die Nächte im November fallen überraschend schnell.
Heute ist Sonntag, der Tag des Herrn in einem katholischen Land, also ruhen die nicht kriegswichtigen Industrien. Ich bin aber arbeitslos, also habe ich oft die schöne Gelegenheit zu einem Spaziergang. Langsam gehe ich, denn meine Glieder spüren das nasskalte Wetter. Andenken an den vielen Morast in meinem Leben. Ich habe gehört, dass deutsche Industrielle nach Karlsbad fahren, um ihren Rheumatismus mit Schlammbädern kurieren zu lassen. Ob ich das glauben soll? Mein Rheumatismus ist im Schlamm der galizischen Sümpfe erst entstanden. Vielleicht liegt es daran, dass ich kein Industrieller bin, denn für Industrielle tickt die Uhr des Lebens ja anders als für niederösterreichische Landkinder, die das Schicksal in ein tschechisches Elendsquartier geworfen hat.
Schöne Sommer im Marchfeld. Ich habe so viele Erinnerungen in meinem Kopf, Millionen einzelne Lebensfragmente. Warum aber nur so schmerzlich wenige an die Sommer meiner Kindheit? Einmal, zweimal im Jahr schwimmt eine Erinnerung an das Marchfeld hoch, von einem unverständlichen Gefühlsstrom erfasst, überflutet mich, löst Jubel und Festtagsstimmung in mir aus und strahlt helles Licht unbeschwerter Kindheitstage auf mich nieder. Ich bin eine sentimentale Eule. Wogende Getreidefelder, fruchtig rote Punkte in den Kirschbäumen, das rhythmische Scharren, wenn die Schnitter ihre Sensen schärfen für die Mahd. Ja, die Kirschbäume! Ich sitze auf einem Ast, die Mooswinkler Kathi ein Stückchen tiefer. Wir mampfen. Frech spucke ich Kerne hinunter, und sie schimpft, weil ihr Kleid Flecken bekommen könnte. Liebe Katharina, Freundin meiner frühen Sommer, Spielgefährtin und zukünftige Braut, ich wollte dich ja heiraten, später, wenn wir beide erwachsen sein würden, du fandest es zwar gemein, wenn ich dich boxte, konntest aber meinen Heiratsabsichten durchaus etwas abgewinnen. Ist nie etwas geworden, wirst wohl einen anderen geheiratet haben. Sommertage in der weiten Ebene des Marchfeldes. Kostbare und rare Erinnerungen an eine versunkene Welt.
Ich werde wohl den Spaziergang etwas verkürzen, denn die Hüften und die Knie schmerzen immer stärker. Also kriegen wir doch früher als erwartet Regen und Nebel. Vielleicht sollte ich zum Armeewetterdienst gehen. Herr General, meine Gelenke sind heute ganz tadellos, schicken Sie Ihre Bombenflugzeuge los. Nein, damit scherzt man nicht, ich bin so blöd. Erst Ende Oktober hat ein Bomber irrtümlich seine tödliche Last über Budweis ausgeklinkt. Zwanzig Tote hat es gegeben. Na ja, Pilsen oder Steyr erreichen sie nicht, dort stehen Flakbatterien und die Abfangjäger, also schmeißen sie die Bomben irgendwohin, und wenn es sein muss, sogar auf eine industriell so unbedeutende Stadt wie Budweis. Immerhin haben wir hier die Bahnlinie zwischen den k. u. k. Schwerindustriezentren, da lohnen sich vielleicht ein paar vom Himmel fallende Bomben und Knochen amerikanischer Flieger.
Aber was weiß ich von Strategie, ich lebe in einem Kellerloch, zähle meine Brotmarken und hoffe, die Marken tatsächlich in Brot tauschen zu können. Ich bin ein winziges Rädchen einer Staatsmaschinerie, welche den Krieg als Selbstzweck ansieht und danach wirtschaftet. Bald bricht wieder ein neuer Kriegswinter an, und niemand weiß, wie viele noch folgen werden. „Kräftepatt“ sagen die Zeitungen, die Mittelmächte beherrschen Europa und den Mittleren Osten, die Alliierten den Rest der Welt. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben noch den Frieden sehen werde, und ich zweifle, ob es den folgenden Generationen vergönnt sein wird. Alter, klappriger Staat, schon vor fünfzig Jahren hat niemand mehr an eine Weiterexistenz der Donaumonarchie geglaubt, aber dieser Staat ist zäh, dieser Staat lebt durch und für den Krieg, nur der Krieg hält ihn noch zusammen. Die Schwerindustrie in Wien, Pilsen und Linz, die Munitionsfabrik in Wöllersdorf, die Waffenschmiede in Steyr, die Flugzeugwerke in Wiener Neustadt, die Panzerfabrik in Budapest, das sind die tragenden Kräfte dieses Staates. Und der Hochadel und der Generalstab sind die Verwalter. Nibelungentreue auch im zweiten großen Krieg. Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei, die Bündnispartner des Jahrhunderts. Diese drei Staaten werden noch viele Jahre Krieg führen können. Gewinnen werden sie nicht, daran glaubt niemand, verlieren werden sie aber auch nicht, also wird der Krieg noch manche Tage schmierigen Novemberlichtes erleben.
Ende des Spaziergangs, ich werde mich ins Bett legen und den weiteren Sonntag unter der Decke verbringen. Da ist es nicht so kalt. Der Winter beginnt schlecht, alle werden hungern, viele werden krank werden, manche werden sterben. Und ich soll ein Spion sein? Ich spinne, aber Schachner ist wirklich verrückt. Mit Kryptogrammen gegen die Generäle. Das ist kann doch nur ein bizarrer Witz des Lebens sein. Wenn ich wenigstens Arbeit hätte, da bekäme ich mittags immer Suppe oder Eintopf.
OSTFRONT, APRIL 1915
Bleiche Angst tropft mir kaltes Regenwasser auf den Rücken. Ich nagle meine Augen in die schmatzend feuchte Erde. Nur nicht nach oben schauen, nur nicht nach oben schauen. Geduckt wie ein sich vergrabendes Tier in der Pfütze hocken und hoffen, dass endlich der Regen aufhört. An Schlaf ist nicht zu denken, obwohl meine Lider schwerer noch als die lehmverkrusteten Stiefel nach unten ziehen. Das wäre es überhaupt, sich nach unten in die Erde ziehen zu lassen, tot in den Schoß der Mutter zu sinken. Nein, das Leben bleibt. Und die Angst.
Vorderste Linie, vier Uhr früh. Jedes Geräusch wird zur lebensbedrohlichen Furie, dabei bin ich so gut wie taub und höre nichts. Nein, ich strecke nicht den Kopf hoch, ich bleibe unten, ich schaue nicht in die Welt hinaus, ich schmiege meine Wange an die nasskalte Erde. Ich hocke und hoffe auf das Tageslicht, denn dann bin ich abgelöst und werde nicht mit den Russen ein paar Meter weiter um die Wette lauschen müssen. Im prasselnden Regen hört man ohnedies nichts. Und von Sehen kann nicht die Rede sein. Blind, taub, stumm sind wir. Der Österreicher hier, der Russe dort, blind, taub und stumm. Aber schwer bewaffnet. Gewehr bei Fuß und Munition für eine Woche.
Ob der Schnupfen noch stärker wird? Frühlingserwachen mit Regen und Segen. Nur ist nicht ein einziges Fleckchen an mir nicht durchnässt, kalt, klamm und starr. Melde gehorsamst, Herr Leutnant, das Gewehr ist sauber und funktionstüchtig, nur der Plänkler ist im Schlamm versunken. Hoffentlich kommt nicht eine Lungenentzündung den Schützengraben entlangmarschiert und spießt mich auf ihr Bajonett. Oder sollte ich darauf hoffen, um der vordersten Linie zu entkommen?
Der maßgeblichste Vorzug des Stellungskrieges ist die Überschaubarkeit. Jeder Winkel im Schützengraben ist dem Infanteristen ein Begriff. Dort lag Meier. Kopfschuss, in zehn Sekunden tot. Dort lag Müller. Nasenschuss, in zwei Wochen elend abgekratzt. Dort lag Schmied. Kieferschuss, sein Leben lang entstellt. Dort lag Brunner. Halsschuss, in zwei Minuten tot. Dort lag Steiner. Schulterschuss, in drei Monaten wieder an der Front.
Nur nicht einschlafen, niemals einschlafen auf nächtlichen Wachposten an der vordersten Linie. Selbst wenn das Wetter jede Bewegung, die eigene wie die des Feindes, unmöglich macht.
Alfred steht neben mir, wohl seit einer Stunde verharren wir regungslos nebeneinander. Meine dritte Nachtwache, meine vierte Stellung an der vordersten Linie. Ein paar Schritte weiter steht Otto. Sein Gewehr liegt im Matsch. Der Idiot kann sein Gewehr einfach nicht in der Hand halten. Immer legt er es irgendwo ab, wo es verdreckt. Wie soll er da schießen? Mit verdrecktem Lauf? Idiot. Mit dem Kerl hat das Regiment den kühnsten Streiter in diesem großen Ringen der Völker erhalten. Der größte Held des Kaisers! Beim Anmarsch hat er nach einer kurzen Rast sein Gewehr nicht wieder umgehängt, sondern irgendwo in der galizischen Trostlosigkeit liegen lassen. Erst nach sieben Kilometern Fußmarsch bemerkt der Leutnant, dass ein Plänkler ohne Waffe marschiert. Wo ist dein Gewehr, Infanterist? Otto kriegt große Augen, rennt panisch herum. Er hat das Fehlen seines Gewehrs überhaupt nicht bemerkt. Aber keine Zeit für eine Kehrtwendung, das Marschbataillon muss schnell zum Sammelpunkt, also weiter sich in die dreißig Kilogramm schwere Ausrüstung stemmen und schwitzend, keuchend, wie Ochsen beim Pflügen im Morgengrauen dampfend einen Schritt um den anderen setzen. Voran, voran, der Front entgegen.
Am Sammelpunkt gibt es die Standpauke vom Major. So etwas hat er noch nicht erlebt, ein Infanterist, der sein Gewehr ganz einfach vergisst, so etwas hat er noch nie gehört. Wer ist der Kretin? Der Kretin soll vortreten! Otto Drabek kippt fast um vor Angst. Er überragt den Major um eine Kopfhöhe und sein breiter Rücken ist vom Schleppen der Ausrüstung scheinbar nicht gebeugt, aber unter dem Donnerwetter des Majors schrumpft er zum Insekt. Anbinden, der Kerl wird eine Nacht lang angebunden, da wird er den Wert eines Gewehrs zu schätzen lernen. Sagt der Major. Und dabei ist er noch viel zu gut, sagt er, in Wahrheit gehört so ein Kerl vor das Standgericht. Also wird Otto an einen Baum angebunden. Quälend für ihn, beschämend für das Bataillon. Ihr Nichtsnutze habt also auf den Kretin in euren Reihen nicht aufgepasst. Der Major hat sich noch nicht beruhigt. Na gut, Strafexerzieren und verkürzte Menage.
Wir hassen Otto Drabek. Fünfunddreißig Kilometer Eilmarsch mit vollem Marschgepäck und dann noch Strafexerzieren und nur eine halbe Portion zu fressen. Was können wir dafür, dass er ein Idiot ist? Und am Baum hängt ein Kerl von fast neunzig Kilogramm strammer Muskeln und starker Sehnen und heult die ganze Nacht hindurch wie ein kleines Kind. Wäre ich nicht vor Erschöpfung der Bewusstlosigkeit nahe, hätte ich auch geheult. Oder Otto abgestochen. Das Bajonett in den Bauch, nicht in die Rippen. Mit so einem Mann muss ich an der vordersten Linie stehen. Danke lieber Herrgott, dass es regnet und die Russen sich nicht rühren.
Mühsam strecke ich meine Glieder und blicke kurz in Alfreds trübe Augen. Wann kommt endlich die Ablösung? Und wann kommt die Offensive? Bis auf Gewehrduelle und seltene Granatenüberfälle ist die Lage stabil, wie die alten Hasen sagen: ruhig. Aber irgendetwas ist im Gange, so viel ist gewiss. Die Deutschen kommen nämlich. Feldgraue Uniformen mischen sich nach und nach unter die hechtgrauen. Immer mehr preußische, schwäbische und sächsische Regimenter gruppieren sich neben Wiener, Budapester, steirischen und mährischen Regimentern. Und Artillerie kommt heran, unablässig kommt Artillerie heran. Tross um Tross. Merken die Russen drüben etwas davon? Weiß ich nicht, keine Ahnung. Und geschanzt wird, noch ein Graben und noch ein Graben, dort ein Verbindungsgraben. Die Deutschen bringen neuen Schwung.
Zuerst die schweren Niederlagen im Sommer und Herbst letzten Jahres, dann der tödliche Winter, der Fall Przemyśls, die russische Dampfwalze drohte Österreich-Ungarn schon zu überrollen. Aber jetzt kommen die Deutschen. Man merkt, dass die Leutnants, Hauptmänner und Majore der preußischen Infanterieregimenter anders sind als die österreichischen. Nicht so überheblich, nicht so tyrannisch, nicht so launenhaft, nicht so unberechenbar, sondern diszipliniert, streng und hart. Gut, auch die Deutschen haben ihre Idioten und wir auch Führer, die von den Leuten respektiert werden, etwa Oberleutnant Zillner, aber insgesamt ist für uns einfache Soldaten da ein deutlicher Unterschied sichtbar. Und die Artillerie, die die Deutschen bringen! Aber auch unsere Artillerie ist beachtlich. Beim Anmarsch zum gegenwärtigen Grabendienst sind wir an einer Batterie vorbeigekommen. Ungarische Artilleristen haben geschaufelt und geschaufelt, um die Skoda-Kanonen in Stellung zu bringen. Vier 10,4-cm-Kanonen, mit denen man bis in die russischen Reservestellungen feuern kann, und drei fette 15-cm-Feldhaubitzen. Modernste österreichische neben modernster deutscher Artillerie. Wissen die Russen, was da kommen wird? Wir marschieren an den ausgeschanzten Artilleriestellungen vorbei und sehen, wie deutsche Artilleristen kleines Gerät postieren. Neuartige Minenwerfer, die neben den Kanonen wie läppisches Spielzeug aussehen. Wir lachen über diese mickrigen Waffen.
Ruhe vor dem Sturm. Zumindest nachts. Tagsüber tacken die Maschinengewehre. Immer dieses nervtötende Pfeifen, wenn einem die Kugeln um die Ohren fliegen. Meine Feuertaufe war aus größerer Perspektive gesehen ein nebensächliches Scharmützel, aber ich habe mir das Mark aus den Knochen geschwitzt. In den Morgenstunden hat eine russische Granate einen Essenholer zerschmettert, woraufhin ein paar unserer Männer einen schlecht postierten Russen unter Feuer genommen und erschossen haben, woraufhin die drei uns gegenüberliegenden russischen MGs Feuer spien, woraufhin unsere gesamte Besatzung der vordersten Linie das Feuer eröffnet hat und woraufhin die Russen all ihre Gewehre abgefeuert haben. Ich dazwischen, mitten in der Meute. Pepi neben mir reißt sein Gewehr hoch und wirft sich an die Brustwehr. Er schießt und schießt, ein Magazin und noch ein Magazin. Dann wird die Luft um ihn zu dick, Gewehrkugeln prasseln auf uns nieder und ein MG schwenkt sich auf uns ein. Pepis Augen quellen hervor, er atmet kurz und stoßweise. Ich beobachte ihn, er nimmt mich nicht wahr, er nimmt überhaupt nichts wahr außer das Pfeifen, Krachen und dumpfe Pochen vorüberfliegender und in der Nähe einschlagender Kugeln. Ich zittere, wage nicht, mich zu bewegen und halte mein Gewehr schussbereit in der Hand. Auch ich verliere nach und nach jede Wahrnehmung, außer der von Kugeln bewegten Luft. Ich achte nicht mehr auf Pepi, ich höre nur mehr das Krachen der Gewehre. Das Feuer schwenkt weiter, die russischen Gewehre suchen ein neues Ziel, das MG spuckt anderswo Tod und Teufel. Wie auf ein Kommando schnellen Pepi und ich hoch, werfen uns an die Brustwehr, legen an und feuern ein paar Magazine leer. Dann wieder Deckung wegen des MGs. Und so geht es weiter, den ganzen Vormittag. Decken, horchen, ahnen, anlegen, feuern, decken, horchen und so weiter. Verwundete schleppen sich vorbei, meist Kopfschüsse. Walter, einer der wenigen, die den Winter überlebt haben, und der uns Neuankömmlingen viele gute Ratschläge gegeben hat, müht sich gebückt durch den Schützengraben. Sein Gesicht ist blutüberströmt. Mir schnürt es die Kehle zusammen, als ich ihn erkenne. So viel Blut. Er hält sich mit beiden Händen den Kopf. Dann stolpert er und stürzt auf die Knie. Ich starre auf die aufgeknackte Schädeldecke. Ich sehe ein winziges Stück der Oberfläche seiner Hirnhaut, sie scheint nicht beschädigt zu sein. Nur die Schädeldecke sieht entsetzlich aus, gesplitterte Knochenteilchen. Otto wirft sein Gewehr zu Boden, fasst Walter mit seinen prankenhaften Händen an, als jongliere er rohe Eier, hebt ihn mit einer ebenso überraschenden wie lächerlichen Vorsicht, fast sollte ich sagen Zärtlichkeit, hoch, lädt sich ihn auf den Buckel und trägt ihn nach hinten. Nach wenigen Minuten kommt Otto wieder, läuft durch den Graben, sammelt Verwundete auf und trägt sie davon. Bis am frühen Nachmittag das Gefecht an Heftigkeit verliert, hat Otto den Weg vom vorderen Graben zum Sanitätsplatz elf Mal zurückgelegt. Ausgepumpt, schweißüberströmt und von den Verwundeten blutverschmiert kauert er im Schützengraben. Angeblich soll Fähnrich Bleyer Otto eine Packung Zigaretten geschenkt haben.




