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Wann endlich der Regen und diese Nacht ein Ende haben werden? Aber soll ich mir das tatsächlich wünschen? Besser die Nacht und der Regen bleiben, denn jetzt ist es still in Galizien, jetzt schweigen die Waffen und gestorben wird heute Nacht nicht. Wer weiß, was morgen ist?
Irgendwann fallen mir meine Augen zu, doch ich schlafe nicht, andererseits bin ich auch nicht wach. Ich pendle trunken zwischen beiden Zuständen. Vielleicht fürchte ich diesen Dämmerzustand mehr als das russische MG, denn die Träume sind besonders klar, stark und einprägsam. Wieder und wieder sehe ich die Schneeschmelze. Die Schützengräben stehen voller Wasser und aus dem Schneematsch und dem zerbröselnden Firn lecken sich langsam und beharrlich bleiche Eisleichen. Starre Hautfetzen werden zusehends weicher und weicher, gefrorenes Blut tüncht Schmelzwasserpfützen rosarot und die kleinen Eisschollen auf den Augen der menschlichen Kadaver tauen. Man glaubt, die Toten weinen. In Wahrheit übergeben sich die noch lebenden Soldaten und versauen noch weiter die Schützengräben. Eines Abends rollte ich mich in den Mantel und schlief auf einem Schneehaufen ein. Nachts kam das Tauwetter und als ich am Morgen aufwachte, fand ich mich von ein paar Kameraden eng umschlungen. Bloß waren diese schon wochenlang erfroren im Schnee versteckt gewesen. Zwei Tage habe ich nach diesem Morgenerwachen weder essen noch schlafen können, zwei Tage war ich wie in Hypnose und sah in den Augen der lebenden Kameraden schon deren Tod. Ich kann mich erinnern, dass Oberleutnant Zillner mich besorgt gemustert hat. Und ich habe nur an die Spannweite der Backenknochen seines Totenschädels denken können.
Alfred stößt mich an und reißt mich aus dem Halbschlaf. Ich sehe, wie ein paar Männer gebückt den Graben hinabmarschieren. Menageträger für den Frühstückskaffee. Der Morgen graut und die Regenfälle verziehen sich langsam, aber sicher.
KONSTANTINOPEL, FRÜHLING 1946
Meyendorff strich sich mit den Fingern über das Kinn. Er nickte. Eine gute Rasur. Er zupfte am Ärmel seines Uniformrockes, aber an der Passform gab es nichts auszusetzen. Auf seiner Brust hingen seine Abzeichen. In den Jahren seines Dienstes hatte sich da einiges angesammelt. Natürlich wurden alle Abzeichen von der Goldenen Tapferkeitsmedaille übertrumpft, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sich nur dieses eine Abzeichen auf die Brust geheftet. Aber der General war diesbezüglich unerbittlich, seine Soldaten hatten zu zeigen, was sie an Orden und Abzeichen so zu bieten hatten.
Der Wagen rollte auf den bekannten Platz, Meyendorff hieß den Fahrer warten und stieg aus. Wieder überprüfte er seine Uniform. Sie war aufgebügelt und saß perfekt, er war also für die Matinee gewappnet. Eine Zigarette glühte zwischen seinen Fingern, er ging ein paar Schritte auf und ab, blickte auf die Uhr. Dann sah er einige Frauen aus dem Barackenlager treten. Kirchgängerinnen. Ein Lastwagen wartete bereits, um die Frauen zu einer der katholischen Kirchen Konstantinopels zu bringen.
Die Sonne kletterte hoch. Zum Glück sorgte eine Brise für etwas Kühlung.
Da sah er sie. Und sie sah ihn.
Clarissa senkte kurz den Blick. Sie lächelte, als sie ihre Augen wieder hob. Meyendorff war von ihrer Schönheit verzaubert. Zehn Tage hatte er an nichts anderes denken können als an diesen Moment des Wiedersehens. Sie gingen aufeinander zu.
„Clarissa, ich freue mich, Sie wiederzusehen.“
Er küsste ihre Hand.
„Guten Tag, Hermann.“
„Wie schön Sie gekleidet sind.“
Sie warf kurz den Kopf in den Nacken und lachte.
„Als ich die Einladung zur Matinee des Herrn Generals bekommen habe, musste ich dieses Kleid erst ausbessern und aufbügeln lassen. Zwei Monate hatte es im letzten Winkel meines Spindes gehangen.“
„Der Wagen wird uns bringen.“
Er öffnete die Tür und ließ Clarissa einsteigen, dann eilte er um den Wagen herum und setzte sich neben sie auf die hintere Sitzbank. Der Fahrer legte einen Gang ein und fuhr los.
„Sehen Sie nur, wie alle neugierig schauen.“
Clarissa blickte zum Fenster hinaus. Meyendorff folgte ihrem Blick. Tatsächlich starrten ihnen Dutzende Augenpaare hinterher.
„Ich habe sofort gewusst, dass Sie hinter der Einladung stecken. Ich habe mich sehr gefreut.“
Meyendorff lehnte sich zurück und schmunzelte vor sich hin.
„Wenn Sie wüssten, liebe Clarissa, was es für eine Mühe ist, an der Gräfin Almassy vorbeizukommen.“
„Oh, das weiß ich. Wir haben mit ihren Richtlinien jeden Tag zu leben. Aber man munkelt, die Gräfin wird bald einen Erholungsurlaub antreten. Sie ist nicht mehr die Jüngste.“
„Nun, ich wünsche ihr nur das Beste, aber ich musste mit dem stärksten Geschütz auffahren, um dieses Bollwerk zu durchbrechen.“
Der Wagen rumpelte die mit Schlaglöchern übersäte Straße hinab. Meyendorff erzählte Clarissa, welche Kriegslist er hatte anwenden müssen, um an General Kirnbauer heranzukommen.
„Übrigens, der Herr General kannte Ihren Namen und offensichtlich kennt er auch Ihren Herrn Papa.“
Clarissa nickte.
„Ja, mein Vater kennt viele Herren der Generalität. Ich kann mich nicht erinnern, ob General Kirnbauer schon einmal bei uns zu Gast gewesen war. Ich kann mir unmöglich alle Namen hoher Militärs merken, mit denen Papa verkehrt.“
„Soviel ich in Erfahrung bringen konnte, besitzt Ihr Vater mehrere Fabriken.“
„Ich habe mich nie besonders für die Fabriken meines Vaters interessiert. Ich weiß gar nicht, was da alles produziert wird. Uniformen, Tornister, Fallschirme, irgendwelche Teile für Transportflugzeuge, ich weiß es nicht. Früher gefielen mir die Empfänge, die Uniformen, die galanten Herren, die eleganten Damen. Als Kind habe ich das sehr genossen. Und ich durfte den Gästen am Klavier vorspielen. Später habe ich mich furchtbar über diese lästigen Verpflichtungen geärgert und versucht, mich im Haus zu verstecken. Aber in den letzten Jahren sind die Empfänge im Hause meiner Eltern sehr selten geworden. Mein Vater ist nämlich nicht konvertiert.“
Meyendorff blickte kurz zum Fenster hinaus. Ihr Vater war also 1942 nicht zum römisch-katholischen Glauben übergetreten, obwohl das damals alle Juden tun mussten, wollten sie ihre gesellschaftliche Stellung nicht verlieren. Der Druck der deutschen Antisemiten war schließlich auch in Österreich-Ungarn gewaltig geworden. Die allermeisten reichen deutschen Juden hatten in Österreich-Ungarn Zuflucht gefunden, für arme hatte es diese Möglichkeit der Emigration nicht gegeben. Natürlich war die Folge der Auswanderung, dass in Österreich-Ungarn der ohnedies starke Antisemitismus hoffähig geworden war. Der Kaiser hatte zwar nie ein Gesetz zur Konvertierung unterzeichnet, aber auch ungeschriebene Gesetze können verbindlich sein. Und wer nach 1942 noch Jude war, konnte damit rechnen, gesellschaftlich gemieden zu werden. Wie es wohl Wenzel Roth geschehen war. Meyendorff kannte alle diese Zusammenhänge, aber das war Politik und Politik war ihm als Frontoffizier in Wahrheit völlig egal. Ob Clarissa Jüdin, Protestantin, Orthodoxe, Muslimin oder Katholikin war, war ihm einerlei, er liebte sie über alle Grenzen und Konfessionen hinweg.
„In ein paar Minuten werden wir da sein“, sagte er.
Der Wagen fuhr mit flottem Tempo durch das Nobelviertel. Hier lebten die türkische Oberschicht und die Führer der k. u. k. und deutschen Streitkräfte und Verwaltung. Die Straßen waren halbwegs gut gepflastert, die Häuser proper, die Gärten gepflegt.
„In diesem Teil der Stadt war ich noch nicht. Sehen Sie nur die Häuser! Der orientalische Baustil ist faszinierend, nicht wahr?“
Meyendorff genoss Clarissas Begeisterung mehr als das schmucke Viertel. Der Wagen hielt vor einem großen Portal. Meyendorff bezahlte und sie stiegen aus. Eine hohe Steinmauer umfriedete General Kirnbauers Garten. Vor dem Portal standen drei Männer der Garde, ein Korporal mit einer Liste in der Hand und zwei voll adjustierte und stramm stehende Wachen. Der Korporal salutierte.
„Herr Oberleutnant, Ihre Einladung bitte.“
Meyendorff musterte den Mann kurz. Dieser hatte gewiss viel Routine bei der Kontrolle der Einladungen zu den Empfängen des Generals. Er reichte dem Korporal die beiden Einladungen, woraufhin dieser Vermerke auf seiner Liste anbrachte. Hinter ihnen rollten eben drei Autos heran, aus denen Offiziere verschiedener Armeen stiegen. Zwei Österreicher, ein Ungar, ein Deutscher, ein Bulgare und zwei Perser. Meyendorff grüßte die Herren förmlich, öffnete das Portal und ließ Clarissa eintreten.
Sie fanden sich plötzlich in einem kleinen Paradies wieder. Meyendorff war überrascht, aber Clarissa wirklich hingerissen.
„Oh, wie schön es hier ist.“
Hohe Palmen standen entlang eines mit weißem Kies geschotterten Weges, blühende Oleandersträucher, Kakteen, Blumenbeete in tausend Farben, der Garten war ein Refugium der Schönheit und des Luxus. Und dann erst die Villa. Eine Jugendstilvilla mit orientalischen Elementen. Ein kolossales Haus. Meyendorff war für einen Augenblick vom Prunk dieser Wohnstätte geblendet. Der General verfügte wohl über gehörige Mittel. Allein die Anlage des Gartens musste Unsummen verschlungen haben. Er bot Clarissa seinen Arm an, sie hakte sich ein. Der Kies knirschte unter ihren Schritten. Ein livrierter Diener stand am Haustor und nahm Clarissas Täschchen sowie Meyendorffs Mütze und Handschuhe.
Sie traten in das Haus. Schlanke Säulen trugen das Gewölbe der großen Aula. An die fünfzig Personen waren schon anwesend, standen in kleinen Grüppchen beieinander und plauderten. Mehrere Diener gingen mit silbernen Tabletts auf und ab und boten gekühlte Limonade an. Auf einem Sockel standen der General und seine Frau, die eben von einigen türkischen Zivilisten umringt waren. Wahrscheinlich Stadtpolitiker, mit denen der General stets ein gutes Auskommen suchte.
„Da ist General Kirnbauer“, flüsterte er Clarissa zu. „Wir müssen seiner Frau und ihm die Aufwartung machen.“
Clarissa nickte. Ihre Augen glänzten. Obwohl ihr Vater ein reicher Mann und der Wohnsitz ihrer Familie in Lemberg eine ausladende Villa war, hatte sie solchen Prunk bislang nur einmal gesehen, das war im Schloss Schönbrunn gewesen, in der kaiserlichen Residenz.
Beide stellten sich an den Fuß des Sockels und warteten, bis die türkischen Politiker ihr Begrüßungsgespräch mit dem General abgeschlossen hatten. Einer der Türken übersetzte die wortreichen Äußerungen seiner Kollegen. Der General nickte nur, bejahte, lächelte und war sichtbar glücklich. Das war sein Leben, das war seine Lust, rauschende Empfänge, Prunk und Pracht, Luxus und hohe Politik. Die Türken verneigten sich, küssten der Frau ganz im Stile österreichischer Kavaliere die Hand und traten vom Sockel.
General Kirnbauer strahlte wie die Sonne am Bosporus.
„Da sind Sie ja, Herr Oberleutnant. So kommen Sie doch her. Kommen Sie.“
Meyendorff führte Clarissa die drei Stufen hoch.
„Meine liebe Amalie, jetzt kann ich dir endlich unseren Oberleutnant von Meyendorff vorstellen, der sich wochenlang vor seiner Verpflichtung gedrückt hat, uns seine Abenteuer zu erzählen.“
Amalie Kirnbauer war eine überaus attraktive Frau, sie war die zweite Gemahlin des Generals, fünfzehn Jahre jünger als ihr Mann und in früheren Jahren Schauspielerin und Sängerin gewesen. Meyendorff fühlte, wie er taxiert wurde, wie sie mit laszivem Blick seine Jugend und Schönheit verschlang.
„Gnädige Frau, es ist mir eine Ehre.“
Er küsste ihre Hand.
„Ganz meinerseits, Herr Oberleutnant.“
„Und Sie, mein Kind, sind wohl die Tochter von Wenzel Roth.“
Clarissa machte einen höflichen Knicks. Meyendorff bemerkte, dass der General Clarissa einen ähnlichen Blick zuwarf wie zuvor Frau Kirnbauer ihm.
„Wie war gleich Ihr Name?“, fragte der General.
„Clarissa, Herr General.“
„Nun denn, Clarissa, richten Sie Ihrem Herrn Papa schöne Grüße von mir aus und entschuldigen Sie mich bei ihm, ich hätte Sie natürlich viel früher zu einer Matinee einladen müssen. Und übermitteln Sie ihm auch noch meine besten Glückwünsche für eine so bezaubernde Tochter. Da tut’s mir richtig leid, Sie nicht eher kennengelernt zu haben.“
Kirnbauer fasste Clarissas Hand und tätschelte sie. Sein Blick verlor sich begeistert in ihrem wunderschönen Gesicht. Meyendorff verspürte einen Hauch von Ärger. Der Alte trieb es ja ganz schön bunt.
„Man hört, Sie sind ein wahrer Held, Herr Oberleutnant“, säuselte Frau Kirnbauer.
Der General ließ Clarissas Hand los und stellte sich Schulter an Schulter neben seine Gemahlin.
„Gnädige Frau, ich habe nur meine Pflicht getan.“
„Papperlapapp!“, empörte sich der General lautstark. „Unser junger Freund und eine Handvoll seiner Männer haben in wochenlanger Gefahr bewiesen, dass die k. u. k. Luftflotte über eine Mannschaft verfügt, vor der sogar die Preußen ihre Hüte ziehen müssen.“
Der General wuchs sichtlich, er hatte so laut gesprochen, dass der Trupp von Offizieren, der nun am Fuße des Sockels stand, alles genau hören konnte. Auch der deutsche Offizier hatte nichts versäumt.
„Solange es junge Soldaten vom Schlage des Oberleutnants von Meyendorff gibt, wird Österreich-Ungarn schließlich den Sieg davontragen.“
Meyendorff fühlte sich zum einen geschmeichelt, zum anderen steckte ein Kloß in seinem Hals.
„Der Kaiser“, fuhr der General in großem Ton fort, „vergibt nicht an jeden eine Goldene. Goldene wachsen nicht auf Bäumen, eine Goldene muss man sich verdienen. Herr Oberleutnant, ich bin stolz als Ihr Vorgesetzter, Sie hier in meinem bescheidenen Haus begrüßen zu dürfen. Seien Sie mein Gast.“
Applaus. Er spürte, wie die Blicke aller Anwesenden auf ihm ruhten. Seine Zunge klebte am Gaumen.
Die Frau des Generals lächelte hintergründig.
„Jetzt hast du unseren Helden verlegen gemacht. Entschuldigen Sie meinen Mann, Herr Oberleutnant, aber er ist unverbesserlich.“
Der General winkte generös einen Diener herbei.
„Johann, sorgen Sie dafür, dass sich das Fräulein Roth und der Herr Oberleutnant nicht über meine Gastfreundschaft beschweren können.“
Das war das Zeichen zum Abgang. Meyendorff küsste noch einmal die Hand der Frau des Generals, salutierte stramm, Clarissa knickste, dann folgten sie dem Lakaien zur Tafel. Die sieben Offiziere kletterten die Treppe zum General hoch. Ein höfisches Schauspiel.
Meyendorff war froh, wieder aus dem Rampenlicht abzutauchen. Er erhaschte einen Blick Clarissas. Sie war aufgewühlt und beeindruckt, sie war voller Sehnsucht.
BUDWEIS, NOVEMBER 1945
Das verstehe, wer wolle, ich bin gewiss zu blöd dafür. Ich war immer schon zu blöd für sogenannte Weltpolitik. Ein armer Tropf, gefangen in egoistischem Pazifismus, das bin ich, das war ich, das werde ich immer sein, wie es scheint. Knappe Horizonte, keine Weltsicht, kleinkrämerische Überlebenssucht, so bin ich. Aber was in Dreiteufelsnamen hat Deutschland davon gehabt, den großen Krieg von 14 bis 19 zu gewinnen? Einen Platz an der Sonne wollte man in Berlin. Den hat man auch bekommen, aber der Sonnenbrand hat sich hurtig eingestellt. Zehn Jahre lang wurden Frankreich, Russland und Belgien ausgepresst wie Obst in der Mostpresse, bis auf den letzten Tropfen, so lange bis nichts mehr vorhanden war, bis das geteilte Frankreich von den deutschen Industrieheuschrecken kahl gefressen war. Der große Südwesten musste Nahrungsmittel abführen, die moderate Reparation. Das kleine, industriell starke Nordfrankreich war der Vorhof der deutschen Stahlindustrie und arbeitete Tag und Nacht für die Akkumulation des Kapitals in den Ruhrmetropolen. So lange, bis die Franzosen hungernd zusammengebrochen sind. Ebenso die Belgier. Und die Weiten Russlands wurden geplündert, bis dort der Massenirrsinn Bahn brach und sich jeder gegen jeden mit Messer und Knüppel bewaffnete. Wir alle trauern noch um die Millionen Opfer, die der unendliche Hungerkrieg in Russland gekostet hat. Und die deutsche Industrie ist aus den Krisen der Zwanzigerjahre stark und stärker hervorgegangen. Die paar kleinen Hungersnöte in den germanischen Gauen waren schnell vergessen. Deutschland hat den Krieg gewonnen und war nun alleiniger Herrscher über Europa. Die liebe Donaumonarchie wandelte sich immer mehr zu einem Schauspielhaus für weltpolitische Banalitäten und Peinlichkeiten, aber die Preußen lieben die Österreicher und halten ihnen die Stange. Welcher preußische Landstreicher mit Zahnlücken gilt in der Welt nicht als ein großer Herr im Vergleich zu einem österreichischen Grafen? So etwas gewährleistet Sympathien auch in Krisenzeiten.
Aber Deutschland kriegt nicht genug, kriegt nie genug, will weiter Muskeln und Speck ansetzen, will die erste Macht auf der ganzen Welt sein. Nieder mit Amerika! Das war das neue Schlagwort der Hohenzollerschen Diplomatie. Schön, dass England vor 1914 reich an Kolonien war, sehr schön, fabelhaft sogar, denn ab 1919 fielen fast alle an Deutschland. Der brave Kaiser Wilhelm hat emsig Geschichte studiert und weiß, wie man ein Weltreich sichert. Mit Dreadnoughts! Nur Dreadnoughts gewährleisten heutzutage imperiale Macht. Schließlich waren es auch Dreadnoughts, die bei Scapa Flow die entscheidende Wende im großen Krieg gebracht haben. Also kochen die Hochöfen Deutschlands feinsten Stahl und die Werften an der Nord- und Ostsee schmieden große, immer größere Linienschiffe. Bald sagt man Super-Dreadnought. Die Kaliber werden immer größer, die Panzergürtel immer stärker, die Zewed-Geräte immer präziser. Bloß kostet ein Super-Dreadnought so viel, dass man eine Stadt wie Magdeburg tausend Jahre durchfüttern kann, obwohl, wie man weiß, der Bürgermeister von Magdeburg ein großer Esser ist. Deutschland laugt in den Zwanzigerjahren Europa aus, um die Industrie stark zu machen, in den Dreißigerjahren sind die Kolonien dran. Die besten Rohstoffe der Erde werden in hanseatischen Werften zu Großkampfschiffen geformt. Die deutsche Hochseeflotte auf allen Weltmeeren. Ahoi Mariechen, in zwei Jahren bin ich wieder zu Hause, ich schippere gerade mal eben zum heiteren Kanonenschießen nach Tsingtau.
Arme Welt, arme Menschheit, oder besser: dumme Menschheit. Die besten Leistungen menschlichen Fleißes werden für Kriegsschiffe vergeudet. Das ist meine miesmacherische Ansicht, aber ich bin ja politisch vielleicht ein Trottel.
Was weiß man in einem böhmischen Elendsquartier über das gelobte Land jenseits des Atlantiks? Bis auf eines nichts. Und dieses eine ist auch nicht schmeichelhaft. Leider. Denn für jedes deutsche Linienschiff haben die Nordamerikaner ebenfalls eines gebaut, für jeden deutschen Zerstörer sogar zwei. Brave Amerikaner, fleißige Amerikaner, reiche Amerikaner, ihr habt bewiesen, dass euer Kontinent wohlhabend ist, denn ihr habt ihn für Linienschiffe geplündert. US Navy sagt man, nicht mehr Royal Navy. Letztere ist in den Fluten der Nordsee versunken, Erstere wählt sich für dieses Schicksal den größeren Teich, den Atlantik.
Zehn Jahre lang haben die Großmächte jede Penunze in die Rüstung gesteckt, und wir einzelgängerischen und pazifistischen Defätisten wissen, wie das endet. Hellau, es brennt auf den Meeren, auf den Kontinenten und in den Lüften über den Wolken. Das verstehe, wer will, ich bin schlicht und einfach zu dumm dafür, denn mir gehen im Kopf hirnverbrannte Ideen um. Hirnverbrannt. Ich stelle mir vor, wie die europäischen Staaten all ihr mühsam erarbeitetes Kapital in den Bau von Wohnhäusern, Schulen und Universitäten stecken, in Hospitäler, die nicht der Heilung von zerschossenen jungen Männern dienen, sondern der Pflege von Alten und Kranken. Ich stelle mir vor, wie die Schwerindustrie nicht Panzer baut, sondern komfortable Reisewaggons, die auch mit gediegenen Polstermöbeln reüssieren. Und die Flugzeugfabriken bauen keine Bomber zur Zerstampfung menschlicher Siedlungen, sondern Verkehrsflugzeuge, mit denen europäische Studenten zu Forschungszwecken nach Amerika und amerikanische Studenten zu Bildungsreisen nach Europa fliegen. Und Dampfer schunkeln über die Ozeane, um europäische Webstühle, Lastkraftwagen und Radioapparate nach Fernost zu bringen, wofür sie im Gegenzug chinesische Seide und indische Gewürze wieder zurücktragen. Russlands Generäle spielen Balalaika in Budapest und ungarische Husaren fiedeln in Moskau, italienische Industriearbeiter essen böhmische Knödel und galizische Juden verkosten sonnengereiftes Obst aus der Poebene, afrikanische Mädchen küssen preußische Junker und steirische Holzknechte liegen bei den Töchtern arabischer Kamelzüchter.
Mit einem Wort, ich bin nicht zurechnungsfähig. Aber zum Glück kann ich meine Schnauze halten, denn anderenfalls hätte man mich schon irgendwo an die Wand gestellt. An letzterem Verfahren bin ich allerdings nicht nur einmal knapp vorbeigeschrammt, denn nicht immer konnte ich mein Mundwerk im Zaum halten. Bloß, die Zeiten können den Stimmbändern jede Kraft rauben, denn die medizinische Wissenschaft weiß seit Langem, dass zum Betätigen der Stimmbänder es der Luft der Lunge bedarf, und gerade Letztere kann zur Mangelware werden. Dies aus verschiedensten Gründen, derer einer sein kann: der Lungenschuss, oder sein kann: das Gasfeld ohne Gasmaske, weiters sein kann: die sechzehn Jahre Arbeitslager, darüber hinaus immer wieder sein kann: der jahrelange Kriegszustand der Weltvölker.
Manchmal will man auch schweigen, will man keinen Laut von sich geben. Zum Exempel nehme ich mich selbst. Ich will nicht viel reden und somit auffällig sein, denn ich habe Dreck am Stecken. Ich habe gar keine blütenweiße Weste. Ich muss sogar die Schnauze halten, denn ich bin ja seit Kurzem ein Agent des Feindes, ein schamloser Vaterlandsverräter. Wenn es denn jemals dazu kommen sollte, dass Schachner, oder vielmehr Grillparzer, mir eine streng geheime Nachricht unter das Kopfkissen legt. Nun, vielleicht gelingt es Schattennacht, eine Information für die Russen zu beschaffen, die den Krieg entscheiden könnte. Etwa, dass der alte österreichische Kaiser unter der Uniform buntscheckige Unterhosen trägt. Etwas wirklich Wichtiges also. Ich bin so verbittert, hungrig und einsam. Ich lebe in einem Drecksloch und genau so fühle ich mich.
Novemberdepression.
OSTFRONT, MAI 1915
Aufmarschraum 3. Bataillon. Und trockenes Wetter. Die Frühlingsregen haben sich längst verzogen, der Boden ist trocken und fest. Das ist ein schlechtes Zeichen.
Pepi lutscht fast seine Zigarette. Heiß glüht der Glimmstängel an seinen Lippen. Ich habe jetzt zum fünften Mal in einer halben Stunde in den Graben uriniert. Jedes Mal ein paar Tropfen, dann wieder stocken, noch ein paar Tropfen und wieder stocken. Aber der Druck auf der Blase lässt nicht nach. Finsternis umhüllt unsere Köpfe, Finsternis in den Augen, aber wir wissen, es wird bald Tag, die Sonne will den zweiten Tag des Monats Mai hell erleuchten. Gutes Wetter, gutes Wetter, immer wieder hört man die Leute sagen: gutes Wetter. Miserables Wetter, Wetter zum Sterben. Oberleutnant Zillner taumelt durch den Schützengraben, drängt sich an stinkenden Leibern vorbei. Ich stinke auch wie ein Schwein. Und ich muss schon wieder meine Blase entleeren. Alfreds Schulter stemmt sich schon seit einer Stunde gegen die meine. Oder umgekehrt? Alfred, Alfred, was soll ich ohne dich machen? Du darfst nicht fallen, du nicht, ohne dich bin ich verloren und hilflos.
Oberleutnant Zillner taumelt in die andere Richtung zurück. 3. Bataillon bereit. Noch fünf Minuten. Er hastet hinüber zum 1. Bataillon, das rechts neben uns steht. Meldung machen. 3. Bataillon bereit. Noch vier Minuten bis zur Offensive. Wissen die Russen Bescheid? Was gäbe ich, wenn ich jetzt in Neusandez Kartoffel schälen könnte? Alles, was ich besitze. Mein Leben? Nein, mein Leben nicht, das brauche ich heute noch. Flüsternd fliegt ein Wort durch die Reihe der kauernden Soldaten, die schlafen sollten, um bei Tagesanbruch bei vollen Kräften zu sein, aber niemand konnte in dieser Nacht schlafen. Der dumme Otto drängt sich immer in Pepis Nähe. Pepi strahlt Sicherheit aus, er hat Nerven, er bewahrt einen kühlen Kopf, auch wenn er Zigaretten übermäßig heiß raucht. Wieder und wieder geistert ein Wort durch die Schützengräben. Trommelfeuer. Eine deutsche Erfindung, so sagt man, von der Westfront mitgebracht. Melde gehorsamst, Herr Kaiser, die k. u. k. 4. Armee wartete noch zwei Minuten auf das Trommelfeuer. Etwas südlich von uns stehen die deutsche 11. Armee und hinter uns ein paar österreichische und sehr viele deutsche Kanonen. Und Minenwerfer. Und Reserveregimenter. Und Trains. Und Sanitätsbataillons. Und vorgeschaufelte Leichengruben. Volles Marschgepäck, volle Patronentaschen und volle Hosen, so stehen sie da, die Helden des großen Krieges. Wo bleibt die Zeit? Ich will noch eine Zigarette. Alfred steckt sie mir zwischen die Lippen, bloß weil ich ihn anschaue. Er kann Gedanken lesen, so viel ist gewiss.




