Die gigantischen Dinge des Lebens

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»’tschuldigung«, platzte es aus mir heraus. »Bohnen zum Abendessen.«
Tyler und ein paar andere sahen mich angeekelt an. »Du bist so abartig, Wichs.«
Ich zog meinen beigefarbenen Pullover aus und reichte ihn wortlos Alex. Er band ihn sich um die Taille und blinzelte wie irre.
Nach dem Unterricht holte er mich auf dem Flur ein. »Hey. Danke. Keine Ahnung, wieso du das gemacht hast, aber – danke.« Auch ich war nicht sicher, weshalb ich es getan hatte. Vielleicht hatte ich entschieden, dass ich nichts – keine Würde, keinen Ruf – zu verlieren hatte. »Kann ich dir den Pullover morgen zurückgeben?«
»Ja, na klar.«
»Ich bin Alex. Alex Shirazi.« Er lächelte zu mir hoch. »Und ich brauche weitere Hosen!« Dann fing er an zu lachen, hauptsächlich vor Erleichterung, und er lachte noch lange weiter, bis ich schließlich auch lachte.
Nach der Schule bemerkten wir, dass wir in dieselbe Richtung mussten, also liefen wir zusammen, und es stellte sich heraus, dass wir gerade mal zwei Straßen voneinander entfernt wohnten. Und so fingen wir an, gemeinsam zur Schule und von der Schule nach Hause zu laufen, und ziemlich bald hingen wir auch nach der Schule zusammen herum. Ich erfuhr, dass Alex Fernsehsendungen wie Parts Unknown des verstorbenen Kochs und Autors Anthony Bourdain liebte und andere Kochsendungen wie Salz. Fett. Säure. Hitze. Er kochte die Rezepte gern für seine Eltern nach, und manchmal auch für mich. Wir entdeckten schräge Gemeinsamkeiten; zum Beispiel mögen wir beide Brettspiele (besonders Carcassonne) und größtenteils dieselbe Musik, weil unsere Eltern uns mit ähnlicher Klangkost – Carole King, Feist, Tom Waits, Cat Power und viele andere – großgezogen haben.
Es war, als würden wir uns schon jahrelang kennen und nicht erst seit ein paar Wochen. Schon bald erzählten wir uns gegenseitig Dinge, die man nur mit jemandem teilt, dem man vertraut. Er berichtete zum Beispiel von seinen Ticks und wie sie sich verschlimmerten, wenn er aufgeregt war (und ich sagte ihm nicht, dass mir das schon aufgefallen war). Er erzählte mir, dass er sich ein Jahr zuvor bei seinen Eltern geoutet hatte und dass sein Dad anfangs bestürzt gewesen, mittlerweile aber sein wichtigster Unterstützer sei; er war sogar bei der Christopher-Street-Day-Parade in Calgary mit Alex mitgelaufen. Ich erzählte ihm von meinem Zeitkapselbrief und den Folgen. Wir schlossen einen Pakt: Alles, was wir einander erzählten, blieb unter uns. Wir erfanden sogar einen raffinierten Handschlag, um ihn zu besiegeln: erst die rechte Hand schütteln, dann die linke, Ellbogengruß auf der rechten Seite, dann auf der linken, gefolgt von einer schnellen Drehung und einer Verbeugung.
Einmal saßen wir abends in seinem Hobbyraum und Alex spielte mir etwas auf seinem Keyboard vor. »Das war klasse«, sagte ich. »Von wem ist das?«
»Von mir.«
»Echt? Ist ja genial.«
»Danke. Ich wünschte bloß, ich hätte auch Texte dazu. Aber das kann ich nicht gut.«
Es klingt vielleicht verrückt, aber ich bekam tatsächlich Gänsehaut. Die Einzigen, die meine Gedichte bisher gelesen hatten, waren die Mumps und Sal.
An dem Abend ließ ich auch Alex etwas von mir lesen.
Als Erstes vertonte er ein Gedicht mit dem Titel Freier Fall.
»Du musst singen«, sagte er. »Ich kriege keinen geraden Ton raus.«
Anfangs weigerte ich mich. Außerhalb der Geborgenheit meines Zuhauses sang ich nie, wirklich niemals laut.
Doch Alex war hartnäckig. »Na logisch kannst du vor mir singen. Ich bin doch dein Freund.«
Dein. Freund.
Also sang ich. Ich war grottenschlecht. Doch das spielte keine Rolle. Uns gefiel einfach der Prozess. Alex vertonte weitere Gedichte von mir, und wenn wir nicht gerade Carcassonne oder 7 Wonders spielten, musizierten wir in der Ungestörtheit seines Kellers vor einem nicht vorhandenen Publikum. »Wir sind wie Elton John und Bernie Taupin«, verkündete Alex eines Abends, nachdem wir Rocketman angeschaut hatten. »Nur dass du hetero bist und ich schwul.«
Wir hatten einen Riesenspaß. In seinem Hobbyraum mussten wir uns keine Gedanken um die Tylers dieser Welt machen. Sal hatte recht; einen Freund in meinem Alter zu haben, war in so vielerlei Hinsicht großartig. Es machte die Schlangengrube Schule ein bisschen erträglicher.
Aber wie Mup zu sagen pflegt: »Alles, was so aussieht, als sei es zu gut, um wahr zu sein, ist wahrscheinlich auch zu gut, um wahr zu sein.« Eines Tages Anfang Dezember sah Alex bei der Bandprobe in Fabrizio Bianchis Augen und bingo – sie verknallten sich Hals über Kopf ineinander.
Ich redete mir ein, dass ich mich für ihn freute.
Doch ich freute mich überhaupt nicht für mich.

Alex klappte gerade den Ständer seines Keyboards zusammen, als ich kam. »Wie war dein Wochenende?«, fragte ich.
»Super! Hab mit Fab rumgehangen. Ich habe ihm Nina Simone vorgespielt. Er hatte noch nie von ihr gehört, kannst du dir das vorstellen?«
»Wow«, sagte ich. »Lebt der hinterm Mond? Welcher Depp hat denn noch nie von Nina Simone gehört?« Ich versuchte, unbeschwert zu lachen.
Alex sah mich getroffen an, und obwohl ich größer bin als er, fühlte ich mich plötzlich viel kleiner.
Fabrizio kam mit seiner Trompete angeschlendert. Er ist breit und untersetzt, hat kurz geschnittenes blondes Haar und einen mutigen Modegeschmack, den die einen cool, die anderen eine verzweifelte Aufmerksamkeitsmasche nennen würden. Sogar heute hatte er unsere hässliche Banduniform durch einen leuchtend orangenen Schal ergänzt. »Hi, Wilbur.« Jedes Mal sagte er meinen Namen auf die gleiche Art und Weise, als hätte er gerade erfahren, dass mein Haustier gestorben war. Prüfend musterte er mich von oben bis unten, ließ meinen beigefarbenen ausgeleierten Pullover unter dem Sakko auf sich wirken und verzog den Mund, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen.
Er brauchte es nicht auszusprechen; ebenso wie ich ihn für einen bestätigungssüchtigen Narzissten hielt, betrachtete er mich als armseligen Trottel.
»Hi, Fabrizio. Interessanter Schal.«
»Das ist ein Plastron«, entgegnete er.
O bitte.
»Los geht’s, Leute!«, rief Mr P.
Wir liefen geschlossen Richtung Tür. Ich hoffte, unbemerkt an einer bestimmten Person vorbei zu kommen. Alex und Fabrizio schafften es unversehrt. Jo Lin mit ihrer Blockflöte auch.
Ich hatte nicht so viel Glück. »Toll gemacht, Fichs. Der eine Ton, den du gespielt hast … dieser eine, einsame Ton … hat echt alles miteinander verbunden. Reine Magie.«
Japp. Tyler Kertz spielt ebenfalls in der Band. Es ist so ungerecht. Die Band soll eigentlich ein Zufluchtsort für die Unsportlichen sein; auch wir verdienen eine Oase der Sicherheit. Doch Kertz ist eine dieser unerfreulichen Kreuzungen. Er ist nicht nur in der Schwimm- und der Basketballmannschaft unserer Schule, er spielt auch Saxofon. Und er sieht maßlos gut aus.
Und was am schlimmsten ist, er tut so, als sei er besser als wir Übrigen, als sollten wir dankbar sein, dass er uns mit seiner Anwesenheit beehrt. Mr P unterstützt das auch noch, weil, na ja, weil Tyler tatsächlich ein guter Saxofonspieler ist. Gleichzeitig ist er aber auch ein permanenter Arsch der untersten Schublade. Oliver, den Fagottspieler, nennt er Öliver, weil seine Haare ein bisschen fettig sind. Jo Lin heißt Gespenst, weil sie superschüchtern und still ist. Alex ist Ayatollah, wegen seiner iranischen Herkunft. Und wenngleich Tyler sich von offenkundig homophoben Sticheleien weitgehend fernhält, ersetzt er manchmal das b in Fabrizios Namen durch ein bi. Er brauchte auch sehr viel länger als nötig, um Laura – die bis letztes Jahr einen Jungennamen trug – mit dem korrekten Pronomen zu benennen.
Doch aus irgendeinem Grund lassen wir ihm so was allesamt durchgehen. Obwohl wir zahlenmäßig überlegen sind, fünfundzwanzig zu eins. Vielleicht haben wir uns damit abgefunden zu glauben, dies sei ein Vorgeschmack auf das echte Leben und wir gewöhnten uns besser schon mal daran. In düstereren Momenten frage ich mich, ob die anderen meinen, sie hätten noch mal Glück gehabt; wenn sie es nicht so derbe abkriegen wie ich, warum dann Staub aufwirbeln?
Ich versuchte, Tyler zu umgehen, aber er folgte jeder meiner Bewegungen. Plötzlich piekte er mit seinem Finger in meinen Bauchspeck. »Wird’s ein Junge oder ein Mädchen?«
Am liebsten hätte ich ihm zwischen die Beine getreten. Aber ich weiß nicht, wie man sich prügelt. Mir fiel noch nicht mal eine schlagfertige Antwort ein.
Was tat ich also stattdessen?
Ich lachte. Als fände ich das witzig.
Und verabscheute mich selbst fast so sehr, wie ich ihn verabscheute.

Wir standen draußen und warteten darauf, dass unser französisches Orchester eintraf. Ich hüpfte auf der Stelle, um mich warm zu halten. Obwohl es im Freien eiskalt war, hatte Mr P darauf bestanden, dass wir auf unsere Jacken verzichteten, damit man unsere Uniform sehen konnte: schwarze Hose zu orangenen Sakkos, weil Orange und Schwarz unsere Schulfarben sind. Die Sakkos müssen wohl in den Achtzigern entworfen worden sein, denn sie haben gigantisch große Schulterpolster und müffeln nach jahrzehntealten Körperausdünstungen.
»Ich bin so aufgeregt«, sagte ich zu Alex.
»Ich auch«, gestand er und zwinkerte hektisch.
»Ich hoffe, sie sprechen Englisch, denn ich kann nur un po français.«
»Es heißt peu«, sagte Fabrizio. »Un peu français.«
Ich probierte es noch mal. »Po.«
»Peu.«
»Po.«
»Peu.«
»Sag ich doch die ganze Zeit!«
Alex lachte. »Hast recht, Wil. Dein Französisch ist für den Po.«
Plötzlich stand Tyler neben mir. »Lass die Hopserei mal lieber, Wichs. Oder leg dir ’nen BH zu. Deine Männertitten schwabbeln.«
Poppy, die in der Nähe stand, unterdrückte ein Kichern.
Ich hörte auf zu hüpfen. Alex drückte meine Hand.
»Ich glaube, das sind sie«, sagte Fabrizio.
Ein gelber Schulbus bog um die Ecke und fuhr rechts ran. Sobald die Türen sich öffneten, legten wir mit O Canada los.
Eine elegante Frau erschien an der Bustreppe. Sie trug einen grauen Mantel über einem roten Kleid und hochhackige Schuhe, obwohl es kalt war und schneite. Ihr Haar war zu einem Knoten zurückgebunden und ihre Lippen passten farblich zu ihrem Kleid. Mr Papadopoulos fing an zu grinsen und sagte: »Geneviève! Ich meine – Mademoiselle Lefèvre! Bonjour!« Sie war sehr viel größer als er, und als sie einander umarmten, wurde sein Kopf zwischen ihre Brüste gequetscht. Er sah sehr, sehr glücklich aus.
»Ekelhaft«, sagte Fabrizio zwischen zwei Tönen, und ich stimmte wortlos zu.
Als wir O Canada zu Ende gespielt hatten, quollen nach und nach die übrigen Reisenden mit ihren Instrumenten aus dem Bus. »Die sehen aus wie wir«, sagte ich.
»Was hast du erwartet?«, fragte Fab. »Dass sie alle Baskenmützen tragen und ein Baguette unterm Arm haben?«
Trotz der Kälte wurde mein Gesicht ganz heiß. »Nein.« Insgeheim dachte ich: Na ja, Baskenmützen vielleicht schon.
Die letzte Schülerin stieg aus dem Bus.
Die Zeit blieb stehen. Sie war groß, beinahe so groß wie ich, und ihr braunes Haar war zu einem modischen Pagenschnitt frisiert. Ihre Schultern und Hüften wirkten ausladend. Sie trug einen gelben Mantel aus Pelzimitat, dazu eine schwarze Strumpfhose mit weißen Punkten, schwarze Stiefel und einen lila Minirock. In der Hand hielt sie einen kleinen Gitarrenkoffer. Sie hatte weder eine Baskenmütze auf noch ein Baguette bei sich, aber auf mich machte sie einen sehr französischen Eindruck. Sie bewegte sich wie eine Katze. Wie der Rosarote Panther. Der ja eine Art Katze ist.
Sie war umwerfend.
Mr Papadopoulos kam gleich zur Sache. »Wenn ihr den euch zugeteilten Übernachtungsgast gefunden habt, könnt ihr gehen.«
»Ich glaube, der, der ein bisschen wie Drake aussieht, ist meiner«, sagte Alex.
»Ich glaube, der große, dünne gehört zu mir«, sagte Fabrizio.
»Ich glaube, meiner ist der mit dem großen, runden Kopf«, sagte ich.
Alex und Fab hatten richtig geraten.
Ich nicht.
»Charlie Bourget«, sagte Mr P.
Das schöne Mädchen trat einen Schritt vor.
Meine Augen wurden noch größer als sie ohnehin waren. »Nein. Das stimmt nicht!«
Das schöne Mädchen zog eine Augenbraue hoch. »Willst du andeuten, ich kenne meinen eigenen Namen nicht?«
»Ja. Nein. Aber. Du bist ein Mädchen.«
Sie warf mir den verächtlichsten Blick zu, mit dem ich je bedacht worden bin, und ich habe schon viele verächtliche Blicke kassiert. »Charlie. Abkürzung von Charlotte.«
Mr Papadopoulos wirkte verwirrt. »Das tut mir leid. Ich nahm an …« Prüfend schaute er auf seine Liste. »Das müssen wir regeln. Wir können nicht ein Mädchen bei einem Jungen unterbringen …«
»Warum nicht?«, fragten Mademoiselle Lefèvre und Charlie einstimmig.
»Nun ja.« Mr P räusperte sich. »Wir wollen doch nicht, dass etwas … Ungehöriges … passiert.«
Alex hob die Hand. »Äh, Sir? Dieser Logik zufolge dürfte ich keinen Jungen als Gast haben.«
Ein paar andere nickten zustimmend. »Sie sind schrecklich heteronormativ«, fügte Fabrizio hinzu.
»Ich – Nein. Was auch immer das heißt, ich bin nicht …«
»Und vermutlich auch transphob«, fügte Laura hinzu.
»Ich bin nichts dergleichen«, sagte Mr P. »Die anderen haben angegeben, dass sie für ihre Übernachtungsgäste separate Schlafräume haben. Mr Hernandez-Schott nicht. Deshalb werfe ich die …«
»Wo übernachtet denn Mademoiselle Lefèvre, Sir?«, fragte Fabrizio unschuldig.
»Ich … sie … sie wohnt bei mir.«
»Und hat sie ihr eigenes Zimmer?«
Mr P wurde rot. Er machte den Mund auf. Zu. Und wieder auf.
Charlie begann vor Kälte zu zittern. »Mon Dieu.« Sie sah mir in die Augen. »Du. Junge. Wirst du, wie hat er gesagt, dich ungehörig benehmen?«
»N-Nein«, stammelte ich. »So einer bin ich nicht.«
»Sehen Sie?«, sagte Charlie. »Er ist schwul. Also ist es kein Problem.«
»Natürlich«, sagte Mr P. »Das hätte ich merken müssen.«
»Ich bin nicht schwul«, sagte ich. »Aber ich bin von zwei wunderbaren lesbischen Frauen erzogen worden, die meine feminine Seite gefördert haben, also ist es vielleicht das, was du wahrnimmst …«
»Nun gut, alors. Damit ist es geklärt«, unterbrach Mademoiselle Lefèvre. »Wir sind alle müde und wollen raus aus der Kälte. Charlotte wohnt bei dem netten Homosexuellen.«
Tyler krümmte sich vor Lachen.
Und ich wäre am liebsten weggelaufen, so schnell mich meine baumstämmigen Beine trugen.

Mrs Shirazi hatte angeboten, Charlie und mich zusammen mit Alex und seinem Gast, Léo, sowie Fabrizio und dessen Gast, Christophe, abzuholen, da die Mumps beide arbeiteten. Sie begrüßte mich mit zwei Luftküsschen, linke Wange, rechte Wange. Ich konnte ihr Parfum riechen. »Wilbur, hallo. Wie geht es dir und deinen Müttern?«
»Gut«, sagte ich. »Und Ihnen und Mr Shirazi?«
»Ach, ganz gut. Wir haben dich lange nicht gesehen.«
Weil Ihr Sohn seinen Freund für seinen Typen hat fallen lassen, hätte ich am liebsten gesagt.
Wir drängten uns in ihren Minivan. Charlie, Fabrizio und ich quetschten uns auf die Rückbank. Charlie schlief sofort mit dem Kopf an der Fensterscheibe ein. Ihr Mund stand offen und etwas Spucke sammelte sich im Mundwinkel. Sie hatte Sommersprossen und große Nasenlöcher. Ihre Ohren standen ein bisschen ab.
Sie war einfach … wow.
Fabrizio stieß mir mit Wucht den Ellbogen in die Seite. »Hör auf zu glotzen«, flüsterte er. »Ist ja gruselig.«
Alex unterhielt sich schon in einem Gemisch aus Englisch und Französisch mit Léo und Christophe. Ich beneidete ihn darum, wie viel wohler er sich in seiner Haut zu fühlen schien, seit er mit Fabrizio zusammen war; ich hätte meine nur zu gerne getauscht und einfach meine komplette Epidermis für eine neue hergegeben.
Charlie und ich wurden als Erste abgesetzt. Da wir ganz hinten saßen, mussten alle aussteigen. Ich packte Alex am Arm. »Das ist das Schlimmste, was mir je passiert ist«, zischte ich.
»Echt? Wieso?«
»Im Ernst, ich kann das nicht. Sie ist wunderschön.«
»Ganz so weit würde ich vielleicht nicht gehen«, sagte Fabrizio, der uns belauschte.
»Hab ich mit dir geredet?« Ich drehte ihm den Rücken zu. »Alex, jetzt mal im Ernst: Können wir tauschen?«
»Wilbur. Alles wird gut.« Alex holte Charlies Koffer aus dem Wagen und gab ihn mir. »Sei einfach du selbst.«
»Na ja, aber nicht zu sehr«, sagte Fabrizio, der immer noch lauschte.
Dann stiegen die beiden wieder ein, und Mrs Shirazi fuhr davon und ließ mich ganz allein mit Charlie zurück.
Sie wartete auf dem Gehsteig auf mich. »Öhm. Je m’excuse«, sagte ich laut. »Je, öhm, spreche … un po français.«
»Ich bin nicht schwerhörig und auch nicht dumm«, gab sie zurück. »Du brauchst nicht zu schreien. Mein Englisch ist viel, viel besser als dein Französisch.«
»Oh. Okay.«
»Dies ist eine sehr interessante Gegend, ja? Viele Wandmalereien und Graffiti und Skulpturen aus objets trouvés.« Sie betrachtete eine Frau, die von Kopf bis Fuß in Batikklamotten gekleidet war, gefolgt von einem Rastafari. »Und Menschen aus allen sozialen Schichten. Wie Christiania in Kopenhagen.«
»Klar«, antwortete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wovon sie redete, denn ich war noch nie irgendwo anders gewesen. Ich nahm ihr Gepäck und sie ihren Instrumentenkoffer. Wir liefen zur Haustür. Ich überlegte, was ich sagen sollte, irgendwas. »Das ist ja eine winzige Gitarre.«
»Das ist keine Gitarre. Es ist eine Ukulele.«
»Du spielst Ukulele?«
»Nein, ich trage sie nur mit mir herum, gehört zu meinem Outfit.«
»Oh. Das machst du sehr überzeugend …«
»Ich scherze, Wilbur. Selbstverständlich kann ich spielen.«
»Ah. Klar. Haha.« Im Geiste vermerkte ich, dass die Franzosen auch ironisch sein konnten.
»Welches Instrument spielst du?«
»Triangel.«
Sie runzelte die Stirn. »Im Sinne von pling?« Sie ahmte die Bewegung nach.
»Ich spiele auch noch Kuhglocke und Tamburin.«
»Ah. Eine Dreifachgefahr.« Ich konnte nicht sagen, ob sie das auch ironisch meinte.
Templeton sprang uns regelrecht an, als ich zur Tür reinkam. Er begann auf seinen stummeligen Beinen fröhlich hechelnd im Kreis um Charlie herumzulaufen.
»Ein Chihuahua, non?«
»Chihuahua-Dackel-Mischling.«
»Das ist vermutlich der hässlichste Hund, den ich jemals gesehen habe.« Sie sagte die Wahrheit, insofern konnte ich nicht wirklich beleidigt sein. Templeton ist neun, also 63 in Menschenjahren. Ich glaube, sein Fell war ursprünglich weiß, aber jetzt ist es gelb, wie Raucherfinger. Er hat einen abgebrochenen Zahn, ist auf einem Auge blind und ihm fehlt ein Ohr. Das ist nur einer der Gründe, weshalb ich ihn so lieb habe, denn ich bin auch nicht unbedingt das attraktivste Exemplar. Mup sagt, wir seien beide innerlich schön, was, wenn ich so darüber nachdenke, nicht gerade ein Kompliment ist.
»Ich finde, er ist so hässlich, dass er schon wieder niedlich wirkt«, sagte ich.
»Es ist aber überhaupt nicht niedlich, dass er Sex mit meinem Bein hat.«
»Templeton, aus! Böser Hund.« Ich hob ihn hoch. Charlie hängte ihren Mantel auf einen der drei bunten Haken im Flur, während ich dreimal an die Wand klopfte.
»Wieso machst du das?«
»Mein bester Freund. Wir haben ein System. Wenn ich von der Schule nach Hause komme, klopfe ich. Wenn er nicht zurückklopft, rufe ich ihn an. Wenn er nicht abnimmt, gehe ich mit meinem Ersatzschlüssel rüber. Falls er hingefallen ist oder so.«
»Was stimmt nicht mit ihm, dass er fallen könnte?«
»Nichts. Bloß fortgeschrittenes Alter.«
Wie aufs Stichwort klopfte Sal: eins, zwei, drei.
Charlie warf einen flüchtigen Blick in unser Wohnzimmer, und mir wurde flau im Magen. Nach unserer Pechlawine hatten wir uns etwas einfallen lassen müssen, wie wir das Haus einrichten konnten. Mum und ich hatten unser Heim vollständig mit Dingen ausgestattet, die sie und ich Sammlerstücke nennen und die Mup als Müll bezeichnet. Ich finde, dadurch wirkt unser Haus gemütlich. Mup meint, dadurch sieht es bei uns aus wie in einem Messie-Haushalt. »Muss anderer Leute Gerümpel immer gleich ein Schatz für euch sein?«, sagt Mup jedes Mal, wenn ein neues Stück bei uns einzieht.
Daher beobachtete ich nun mit angehaltenem Atem, wie Charlie das alte lila Sofa betrachtete, die grell pinkfarbene Samt-Chaiselongue, die Lampe mit den goldenen Quasten am Schirm, den nierenförmigen Couchtisch und all den Schnickschnack, den Mum und ich in den letzten paar Jahren angeschleppt hatten, wie die Sammlung aus Salz- und Pfefferstreuern, die den Kamin zierte, und die alten gerahmten Werbeplakate an der Wand.
»Eklektisches Design«, sagte sie und nickte zustimmend. »Gefällt mir.«
Darüber freute ich mich unbändig.
Wir fassten jeweils eine Seite ihres Koffers und trugen ihn die schmale Treppe nach oben in den ersten Stock. Als wir mein Zimmer betraten, schwand mein Hochgefühl. Wieso hatte ich das alte Poster von Emma Watson nicht abgenommen? Ja, sie ist eine superkluge Feministin, aber mein Poster stammte noch vom ersten Harry-Potter-Film; sie trug ihre Hogwarts-Robe und schwang ihren Zauberstab. Sogar mein allerliebstes Flohmarktfundstück, ein Gemälde von Poker spielenden Hunden, wirkte unter ihrem Pariser Blick plötzlich lächerlich. »Du kannst das Bett haben«, sagte ich. »Ich schlafe in der Nische.« Mein Zimmer hat eine einzigartige Form, unter dem Dachvorsprung gibt es einen kleinen Stauraum, in den man hineinkriechen kann. Mup und ich hatten am Abend zuvor eine Luftmatratze hingelegt. »Ich habe die oberen zwei Schubladen in meiner Kommode freigeräumt. Brauchst du sonst noch was?«
Sie antwortete nicht. Ihr Blick fiel auf meinen Nachttisch. Dort lagen gut sichtbar: Latexhandschuhe. Papiertaschentücher. Vaseline.
Sie runzelte die Stirn. Erschrocken sah sie mich an. Ich brauchte einen kurzen Augenblick.
»Nein! Es ist nicht … ich schwöre, das ist nicht für … das ist für Templeton! Meinen Hund!«
»Quoi?«
»Um seine Analbeutel auszudrücken. Das ist eine Krankheit, die manche Hunde kriegen. Wir können es uns nicht leisten, ihn dauernd zum Tierarzt zu bringen, also habe ich gelernt, wie man es zu Hause macht.« Sie schaute mich verständnislos an, und mir war klar, dass sie keine Ahnung hatte, wovon ich redete. »Ich ziehe nur die Handschuhe an« – ich tat so, als würde ich die Handschuhe überstreifen –, »dann nehme ich etwas von der Vaseline« – ich tat so, als würde ich Vaseline auf meinen Finger schmieren –, »dann stecke ich meinen Finger in sein Rektum, suche die Analbeutel und drücke den Inhalt auf ein Papiertaschentuch …« Diesen Teil stellte ich ebenfalls nach.
»Du bist ein Tierliebhaber.«
»Ja! Ja genau, ich bin ein Tierliebhaber.«
Sie stürzte aus meinem Zimmer und die Treppe hinunter.
Kurz darauf hörte ich sie schreien.

Ich hätte vermutlich auch geschrien, wenn ich einem Zombie begegnet wäre. Charlie war gerade dabei, Mademoiselle Lefèvres Telefonnummer zu wählen, als Mum zur Tür hereinkam, direkt vom Filmset von, wie sie es nennt, The Walking Dead für Arme. Die Maskenbildnerin hatte alles gegeben; es sah wirklich so aus, als sei die Hälfte ihres Gesichts verfault.



