Die gigantischen Dinge des Lebens

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Zum Glück kann Mum ganz gut Französisch, also war sie in der Lage, Charlie ziemlich schnell zu beruhigen. Ein paar Minuten später lachten die beiden in der Küche, während Mum Teewasser aufsetzte.
»Oh, Wil«, sagte Mum. »Erst dachte sie, du seist onaniesüchtig. Und dann dachte sie, du treibst es mit dem Hund!« Ich versuchte zu lachen, aber ich war ziemlich beleidigt. Als würde ich es jemals mit einem Hund treiben.

Sal schickte mir eine Nachricht, als Charlie und ich gerade dabei waren, den Tisch fürs Abendessen zu decken.
Was macht dein Austauschschwuler?
Sal hasst es, mit dem Daumen zu tippen, und sein Sehvermögen ist nicht unbedingt das beste, also muss ich ab und zu die Rechtschreibfehler und Autokorrekturen in seinen Nachrichten entschlüsseln.
Mein Austauschschüler ist ein Mädchen. Charlie = Charlotte.
Wie deine Lieblingsspinne!, antwortete Sal.
Sal und ich tauschten öfter mal Bücher aus, und ich hatte ihm vor Kurzem meine heiß geliebte Ausgabe von Wilbur und Charlotte geliehen.
Aber hübscher, tippte ich. Und ohne acht Augen und Beine.
Dem Hummel sei Dank.
Willst du zum Essen rüberkommen?
Wer kocht?
Norah.
…
Esse lieber hier, danke.
Sal schätzt Mums Essen ebenso sehr wie wir anderen auch.
Mup kam erst nach Hause, als wir uns gerade zum Essen hinsetzten. Sie trug ihre Arbeitshose und einen alten Pulli und war mit Fellbüscheln übersät. »Stanley und Daisy waren heute richtige Teufelsbraten«, sagte sie.
»Du arbeitest mit Kindern?«, fragte Charlie.
»Mit Hunden. Ist also fast dasselbe. Außer, dass die meisten Kinder auf die Toilette gehen können.« Mup arbeitet ein paarmal die Woche in einer Hundetagesstätte – ihr dritter von drei Jobs.
Während des Abendessens entspannte ich mich, denn ich wusste, die Mumps würden das Gespräch am Laufen halten. Templeton lag zu meinen Füßen und hoffte auf Abfälle. Mum, die das Make-up entfernt und ihre Jogginghose angezogen hatte, kredenzte uns eine ihrer Spezialitäten, einen fleischlosen Hackbraten.
»Heute bin ich am Set zur Statistin mit besonderen Fähigkeiten befördert worden«, erzählte sie. »Der Regisseur hat mich in der Nahaufnahme gefilmt, wie ich jemandem den Arm abkaue. Ich durfte ›Aaaaaaaaaaarrhh‹ sagen.«
»Sehr überzeugend«, sagte ich.
»Mir ist es kalt den Rücken runtergelaufen«, stimmte Charlie zu.
»Erzähl uns noch ein bisschen von dir, Charlie«, sagte Mup. »Hast du Geschwister?«
»Non. Ich bin ein Einzelkind, wie Wilbur. Ich wohne bei meinem Vater.«
»Und deine Mutter …?«
»Sie ist nicht mehr bei uns.«
Ich legte meine Gabel beiseite. Ein Kloß formte sich in meinem Hals. Ich hatte Angst, ich könnte anfangen zu weinen, denn das war millionenmal schlimmer als das Lied von Sarah McLachlan. »Das tut mir sehr leid«, sagte ich. »Wann ist sie …?«
»Als ich sieben war.«
»Wie ist sie …?«, fragte Mup.
»Zug.«
Alle drei versuchten wir, unsere Bestürzung zu verbergen. »Sie wurde vom Zug überfahren?«, fragte ich.
Charlie wirkte verwirrt. Dann fing sie an zu lachen. »Oh non! Ich habe es nicht gut erklärt. Als ich sieben war, nahm sie den Zug nach Südfrankreich mit ihrem Freund! Sie ist am Leben.«
Allesamt atmeten wir auf. »Gottseidank«, sagte Mum. Und dann: »Warum hat sie dich nicht mitgenommen?«
»Sie sagte, sie müsse ihrem Herzen folgen. Ich verbringe die Sommerferien bei ihr.«
Die Mumps sahen schon wieder ganz entsetzt aus. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich mich fühlen würde, wenn eine von ihnen wegginge, um ›ihrem Herzen zu folgen‹. Es war zu traurig, um darüber nachzudenken.
Mum holte die Karussell-Keksdose herunter und machte einen Teller mit ihren Quinoa-Ecken zurecht. »Ihr esst wohl viele Kekse«, sagte Charlie und betrachtete die mehr als zwanzig Dosen, die auf den Schränken aufgereiht standen.
»Nö«, sagte Mup. »Wir wohnen bloß mit einer Hamste-, Verzeihung, einer Sammlerin zusammen.«
»Sie verschaffen mir gute Laune«, sagte Mum. »Was macht dein Vater, Charlie?«, wechselte sie das Thema.
»Er ist ein Intellektueller.«
»Ich meinte, als was arbeitet er?«
»Als Intellektueller.«
Mup pfiff. »Wow. Ich glaube nicht, dass das in Nordamerika eine Berufsbezeichnung ist. Hier gilt es eher als Beleidigung. Insbesondere in der Politik.«
»Aber das ergibt doch keinen Sinn«, sagte Charlie. »Man will doch, dass Menschen in der Politik klug sind, non?«
Mum lächelte betrübt. »Möchte man meinen, nicht wahr?«
»In Frankreich schätzen wir sachkundige Meinungen.« Charlie biss ein Stück von der Quinoa-Ecke ab. Ihre Augen wurden größer. Kurz darauf sah ich, wie sie den Rest des Gebäcks für Templeton auf den Boden fallen ließ, der ihn verschlang, weil er buchstäblich alles frisst, einschließlich, aber nicht ausschließlich Zigarettenstummeln, schmutziger Unterwäsche und seiner eigenen Kotze.
»Was macht er genau?«, fragte ich.
»Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften. Er veröffentlicht Essays. Und er tritt oft im Fernsehen auf. Mein Vater und ich, wir streiten andauernd, aber nicht im Bösen. Er will, dass aus mir eine kritische Denkerin wird.«
Ich nickte und versuchte so auszusehen, als würde ich kritisch denken. Doch in meinem Kopf kreiste der Gedanke Sie spielt in jeder Hinsicht in einer anderen Liga als ich.

Nach dem Abendessen sagte Charlie, sie würde Templeton und mich gern auf unserem Abendspaziergang begleiten, und mir wurde schon wieder himmelangst. Ich zog Templeton den regenbogenfarbenen Pulli an, den Mum für ihn gestrickt hat, und steckte seine Pfoten in vier kleine farblich passende Stiefelchen. Wir liefen hinaus in die eiskalte Nacht.
»Kannst du mich bitte irgendwo hinbringen, wo man etwas zu essen bekommt?«, fragte Charlie. »Deine Mütter sind wundervoll, aber mon Dieu, dieser fleischlose Hackbraten …«
»Grauenvoll, was?«
»Oui! Ich möchte auf meiner ersten Reise nach Kanada nicht verhungern.«
»Ich schwöre, das werde ich nicht zulassen. Die Mumps haben viele tolle Eigenschaften, aber Kochen steht nicht ganz oben auf der Liste, insbesondere bei Mum.« Wir liefen in Richtung Zentrum unseres Viertels.
»Warum nennst du sie so? Die Mumps?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Als ich noch ganz klein war, fing ich an, Norah Mum und Carmen Mup zu nennen. Wenn du das zusammensetzt, kriegst du ›Mumps‹ raus.«
»Gefällt mir.« Sie zitterte; ihr gelber Mantel aus Fellimitat schützte nicht ausreichend vor der Kälte. »Ich kann meinen Atem sehen!« Sie spitzte die Lippen und hauchte kleine Atemwölkchen aus.
Der jamaikanische Imbiss hatte noch geöffnet, also ging ich da mit ihr hin. Sie kaufte drei Teigtaschen mit Rindfleischfüllung, die sie gierig verdrückte. Sie war eine geräuschvolle Esserin, die genießerisch seufzte und laut schmatzte. Lloyd zwinkerte mir zu. »Geht doch nichts über eine Frau mit gesundem Appetit.«
»Délicieux!«, verkündete Charlie, als sie fertig war. Lloyd schien zufrieden. Wir verabschiedeten uns und gingen wieder nach draußen.
Charlie hatte immer noch Hunger, also nahm ich sie mit zum Laden an der Ecke. Sie kaufte geräuchertes Trockenfleisch und einen Schokokaramellriegel und schlang auch das hinunter.
»Ich dachte, Franzosen essen kein Fastfood.«
»O doch. Wir lieben Fastfood ebenso wie ihr Amerikaner.«
»Kanadier.«
»Amerikaner, Kanadier. Ist doch dasselbe, non?«
»Nein. Das ist nicht dasselbe, überhaupt nicht –«
Sie fing an zu lachen. »Ich mache Witze. Ich habe in einer Fremdsprache einen Witz erzählt. Ich bin sehr gut.«
Und sehr schön, dachte ich, sogar mit all dem Fleisch und der Schokolade zwischen den Zähnen.
Ich knotete Templetons Leine vom Schilderpfahl ab. Er pinkelte an einen Feuerwehrhydranten. Charlie bückte sich und gab ihm ihr letztes Stück Trockenfleisch; er inhalierte es förmlich. »Wie lange hast du schon dieses komische kleine Vieh?«
»Ich hab ihn vor etwas mehr als einem Jahr zu Weihnachten bekommen.«
»Er war also ein Geschenk?«
»Nein, nicht wirklich. In den Ferien habe ich freiwillig im Tierheim ausgeholfen.« An dieses Weihnachten nur zu denken machte mich traurig. Mups Dad – ihr letzter noch lebender Elternteil und der Form halber mein Großvater, auch wenn ich ihn nie persönlich kennengelernt hatte – war kurz vor den Feiertagen gestorben. Sie war für die Beerdigung nach Buenos Aires geflogen, obwohl er sie enterbt hatte, als sie sich outete. Der Flug hatte unser gesamtes Budget für Weihnachten verschlungen, und hinterher war sie deprimiert gewesen. Die Stimmung im Haus war trostlos. Um noch eins draufzusetzen, war Sal für einen Monat mit einer Organisation für Frieden und Völkerverständigung nach Australien gereist, also konnte ich nicht zu ihm flüchten, und an Alex war damals noch nicht zu denken. Als ich hörte, dass das Tierheim Freiwillige brauchte, die als Urlaubsvertretung für andere Freiwillige mit den Hunden Gassi gingen, ergriff ich die Gelegenheit.
»Templeton war im hintersten Käfig«, erzählte ich Charlie. »Er war vollkommen fertig. Ich weiß nicht, was in seinem letzten Zuhause los war, aber er sah aus, als hätte er einfach aufgegeben.«
Charlie kniete sich hin, um Templetons Kopf zu streicheln, und er machte ein schnurrendes Geräusch. »Pauvre petit.«
»Niemand wollte ihn adoptieren. Ein paar Tage später sollte er eingeschläfert werden. Also hab ich beschlossen, ihm diese Tage schön zu machen. Jeden Morgen bin ich mit ihm Gassi gegangen. Und er war so süß und so dankbar … Er hat mich immer mit seinem einen guten Auge angeschaut und gelächelt …«
»Gelächelt?«
»Er lächelt. Ich schwör’s dir. An dem Tag, bevor er eingeschläfert werden sollte, hab ich es nicht mehr ausgehalten. Ich lief mit ihm zu uns nach Hause und bettelte die Mumps an, dass ich ihn behalten darf.«
Wir drei machten uns auf den Heimweg. Am Himmel stand die Mondsichel.
»Wilbur, das ist eine wunderschöne Geschichte. Du hast Templeton das Leben gerettet.«
Ich verriet Charlie nicht, dass es in meinen Augen genau umgekehrt war.
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