Optimisten sterben früher

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»Du hast es versprochen.«
»Ich weiß, ich weiß, aber was hätte ich denn tun sollen? Angie rief mich an, weil sie Hilfe brauchte.« Angie leitet die städtische Katzennothilfe, bei der Mom sich ehrenamtlich engagiert. »Sie haben die beiden herrenlos und halb verhungert unter einer Veranda gefunden. In den anderen Tierheimen gibt es keinen freien Platz. Angie hat sie vor einer Stunde hergebracht. Es ist ja nur so lange, bis wir ein richtiges Zuhause für sie finden.«
»Das hast du auch bei Pippi Langstrumpf, Stuart Little und Mumin-Mama gesagt.«
»Es ist schwieriger, eine Bleibe für die älteren zu finden. Die beiden hier sind noch jung, also sollte es nicht so schlimm werden.« Mom hielt mir eine der schwarzen Katzen hin. Ferdinand fauchte. »Den hier nenne ich Stanley, nach Stanleys Party. Und das ist Alice, aus Alice im Wunderland.«
Ich liebe Katzengesichter. Ich kraulte Stanleys Ohren und er schnurrte in einer Tour, wirkte friedfertig und sanftmütig. Aber das änderte nichts an den kalten, harten Fakten, zum Beispiel, dass wir uns kaum die vier Katzen leisten konnten, die wir schon hatten. »Dad bringt dich um.«
»Ich regle das mit ihm«, sagte sie leichthin. Als sei es die einfachste Sache auf der Welt.

Zum Abendessen kochte Mom eine Tofupfanne. Ich machte einen Salat, entfernte die äußeren Blätter und warf sie weg, wusch die übrigen mit ein wenig Spülmittel. Mom war der felsenfesten Überzeugung, dass sie das rausschmecken konnte, aber ich erinnerte sie daran, dass ein bisschen Spülmittel besser war als eine Infektion mit Kolibakterien. Nachdem wir uns je eine Portion genommen hatten, machte ich einen Teller für Dad zurecht, in Form eines Smiley-Gesichts, und stellte ihn mit Plastikfolie abgedeckt in den Kühlschrank.
Beim Essen schauten wir ein Katzenvideo auf Moms Laptop an. Alle sechs Katzen lagen bei uns im Wohnzimmer. Ferdinand machte den Neulingen klar, wer der Herr im Haus war. Alice tippelte erst zögerlich auf meinem Rock hin und her, rollte sich dann auf meinem Schoß zusammen und schlief ein. Mom lächelte. »Du musst doch zugeben, es ist schon schön, ein paar neue Babys zu haben.«
Ja, meine Mutter nennt die Katzen ihre Babys. Und ja, es ist nicht schwer, darin einen tieferen Sinn zu entdecken. Die Katzen – besonders Ferdinand – halfen ihr, sich nach Maxines Tod aus ihrem schwarzen Loch der Verzweiflung herauszuziehen, was sonst niemandem – weder mir noch Dad noch ihrem Therapeuten – geglückt war.
Auf dem Bildschirm versuchte Maru, die japanische Katze, in immer noch kleinere Kisten zu kriechen. Ich kannte das Video schon, aber es brachte mich jedes Mal wieder zum Lachen.
»Weißt du noch, als Opa und Oma Maxine den Spielzeugherd geschickt haben?«, fragte Mom. »Und sie den Karton viel interessanter fand?«
»Ich hab ihr geholfen, ein Spielhaus daraus zu machen.«
»Sie liebte diesen Karton.« Mom fing immer wieder mit solchen Erinnerungen an meine kleine Schwester an. Manchmal machte es mir nichts aus; manchmal wünschte ich, sie würde einfach die Klappe halten.
Heute wünschte ich, sie würde einfach die Klappe halten.

Als ich den Geschirrspüler eingeräumt und die Arbeitsplatte mit antibakteriellem Reiniger geschrubbt hatte, duschte ich, nicht ohne vorher zu prüfen, ob die Gummimatte rutschfest war. Die Statistiken zu Verletzungen und Todesfällen aufgrund eines Sturzes in der Badewanne sind alarmierend.
Nach dem Duschen war ich froh über den beschlagenen Spiegel, denn so musste ich meinen langen, dürren Körper nicht nackt sehen. »Du hast die Größe eines Supermodels ohne das Aussehen eines Supermodels«, hatte ein Junge namens Carl mir in der sechsten Klasse sachlich erläutert, als ich den ersten von vielen Wachstumsschüben hatte und alle anderen Kinder überragte. »Na ja, bis auf deine Möpse. Das sind Supermodelmöpse. Winzig klein.« Ich war nicht traurig, als Carl und seine Familie nach Moose Jaw, Saskatchewan, zogen.
Ich flitzte nackt durch den Flur in mein Zimmer, schmiss meine getragenen Klamotten auf den Haufen auf dem Boden und zog meinen Hausanzug an, einen Pinguineinteiler. Rachel, das Mädchen, das mal meine beste Freundin gewesen war, hatte genauso einen; wir hatten sie zusammen genäht, damals, als wir unzertrennlich waren. Ich fragte mich oft, ob sie ihren wohl noch trug. Ein- oder zweimal hatte ich ihr fast eine Mail geschrieben, um sie zu fragen.
Fast.
Der Bücherturm neben meinem Bett war dank Katzeneinwirkung umgekippt. Ich stapelte ihn wieder auf und zog mein Bilderalbum aus dem Versteck unter meinem Bett hervor. Ich hatte nichts Neues hinzuzufügen, aber ich schaute es eine Weile an, weil es mich beruhigte.
Als ich fertig war, kroch ich ins Bett und zog mir den neuesten Roman von Ann-Marie MacDonald rein. Das ist einer der Vorteile von Moms Job: Sie kriegt oft Leseexemplare von Büchern, bevor sie veröffentlicht werden, und reicht sie an mich weiter, wenn sie durch ist.
Kurz nach elf hörte ich Dad nach Hause kommen. Ein paar Minuten später piepte die Mikrowelle. Ich hoffte, dass ihm der Smiley aufgefallen war. Ich hoffte, er hatte ihn zum Lächeln gebracht.
Ich hoffte, er würde Alice und Stanley erst am nächsten Morgen bemerken.
Einen Moment überlegte ich, ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten. Ich stellte mir uns beide auf dem Sofa vor. Ich stellte mir vor, wie ich meine Füße auf seinen Schoß legte. Ich stellte mir vor, wie er Witze über den Geruch machte und mir dann eine seiner berühmten Fußmassagen verpasste.
Vor ein paar Jahren – als es Maxine noch gab und das Leben unendlich und voller Möglichkeiten erschien – war ich bei dem Mädchen, das mal meine beste Freundin gewesen war, zu Hause gewesen und wir hatten Windspiele aus Kronkorken gebastelt. Einer war unter die Fernsehkonsole gerollt. Sie hatte danach gesucht und nicht bloß den Kronkorken, sondern auch eine verstaubte, hüllenlose DVD mit dem Titel Das Geheimnis gefunden.
»Was denkst du, was das ist?«, fragte sie.
»Keine Ahnung.«
Irgendwie hatten wir beide Angst, es rauszufinden. Wenn ihre Eltern nun auf schräge Sexspiele standen? Dieses Wissen würden wir nie wieder aus unseren Hirnen löschen können. Doch die Neugier siegte. Wir legten die DVD ein.
Es hatte nichts mit Sex zu tun. Eher war es eine Art Selbsthilfevideo, eine Anleitung, wie man durch die Kraft seiner Gedanken glücklich wird. Wenn man zum Beispiel ein Foto von einem Auto, das man gern hätte, ausschneidet und dann die ganze Zeit das Foto anstarrt und sich vorstellt, man würde das Auto fahren – sofern man fest genug daran glaubt, dass man es verdient –, dann kriegt man es durch die bloße Kraft seiner Gedanken schließlich auch. Das zumindest schloss ich aus der ganzen Sache. Selbst mit zwölfeinhalb Jahren fanden wir, dass das ziemlicher Quatsch war, aber das hielt uns nicht davon ab, es eine Zeitlang auszuprobieren. Rachel schnitt ein Foto mit sämtlichen Bandmitgliedern von One Direction aus (weil, wie sie sagte, ihr »so ziemlich jeder davon recht wäre«) und versuchte sich vorzustellen, dass einer von ihnen ihr Freund sei. Ich probierte es mit etwas Realistischerem und wählte ein Foto von einer Klebepistole.
Zu Weihnachten bekam ich die Klebepistole. Rachel bekam keinen Freund von One Direction, aber sie ging eine Weile mit einem Jungen aus, der eine ähnliche Frisur wie Niall hatte.

Ich wünschte, auch der Gedanke, wie mein Vater und ich gemütlich schweigend auf dem Sofa lagen – vielleicht sogar Musik hörten –, würde Wirklichkeit werden.
Aber so funktionierte das Leben nicht. Also blieb ich, wo ich war.
Mumin-Mama hatte sich zu meinen Füßen eingerollt. Pippi Langstrumpf lag auf meiner Brust.
Maxine kam manchmal nachts in mein Zimmer und presste ihren kleinen Körper an mich. Morgens war ich komplett verschwitzt, aber es machte mir nie etwas aus, denn es war wundervoll, ihren winzigen, pummeligen Kleinkindbauch zu spüren, zu sehen, wie ihre Brust sich hob und senkte, und ihren heißen Atem an meiner Wange zu fühlen.
Bevor ich das Licht ausmachte, nahm ich das Foto meiner kleinen Schwester vom Nachttisch und küsste es. »Ich hab dich lieb, Maxine. Es tut mir leid, Maxine.«
Jeden Abend sagte ich das.
Denn ich hatte sie umgebracht.

Ich war zehn, als Mom mit Maxine schwanger wurde. Wir wohnten noch in der Comox Street. Mom und Dad waren vierzig. Sie betonten, die Schwangerschaft sei kein Unfall, sondern eine schöne Überraschung.
Mir gefiel die Sache ganz und gar nicht. Als Einzelkind hatte ich ein schönes Leben. Doch schräger-, aber auch großartigerweise wurde Rachels Mutter fast gleichzeitig schwanger. Die Geburtstermine lagen nur drei Monate auseinander. Rachel und ich waren Bastelfreaks, und uns dämmerte, dass die Bastelmöglichkeiten für Neugeborene endlos waren. Wir strickten Blaubeermützchen, machten Äffchen aus Socken und nähten weiche Fleecedecken. Auf einmal konnten wir es nicht abwarten, bis unsere Geschwister auf die Welt kamen, damit wir sie komplett ausstatten konnten.
Maxine Ella wurde als Erste geboren. Da Dad meinen Vornamen hatte aussuchen dürfen, war nun Mom an der Reihe, und Maxine war der nächstbeste nach ihrem Favoriten Max, aus ihrem Lieblingskinderbuch Wo die wilden Kerle wohnen. Dad wählte Ella, nach Ella Fitzgerald.
Kurz darauf wurde Rachels Bruder Owen geboren. Wir waren irrsinnig stolz darauf, große Schwestern zu sein. Ja, wir liebten es, unsere Geschwister hübsch anzuziehen. Aber es war noch viel mehr als das.
Wenn sie nicht gerade brüllte wie am Spieß, war Maxine das süßeste und fröhlichste kleine Mädchen, das man sich vorstellen kann. Ihr Lieblingsbuch war, welch eine Überraschung, Wo die wilden Kerle wohnen. Sie glaubte, es sei nur für sie geschrieben worden. Also schlug Rachel vor, Maxine zum dritten Geburtstag ihren eigenen Wolfsanzug zu nähen.
Wir nahmen eine weiche, hellbraune Wolle. Ich strickte den Anzug und die Kapuze, mit zwei spitzen Ohren. Rachel nähte ein kuschliges Innenfutter aus Fleece. Von Hand nähte ich vorn eine Reihe brauner Knöpfe an.
Max liebte diesen Anzug. Andauernd wollte sie ihn tragen. Wenn Mom oder Dad darauf bestanden, dass sie ihn auszog, zerrte sie ihn wie eine Decke hinter sich her. Sie schlief sogar darin und nuckelte am Stoff wie an einem Schnuller.
Am 18. November, vor etwas mehr als zwei Jahren, gingen Mom und Dad zum Einkaufen. Ich blieb mit Maxine zu Hause. Rachel wollte mit Owen vorbeikommen, aber dann rief sie an und meinte, er habe Fieber.
Max war mies gelaunt. An dem Morgen war sie um fünf Uhr aufgewacht und um ein Uhr mittags bereits übermüdet und quengelig. »Zeit für den Mittagsschlaf«, sagte ich.
Sie kriegte einen Wutanfall. Dennoch brachte ich sie in ihr Zimmer. In der Küche, wo ich meine Hausaufgaben machte, hörte ich sie brüllen. Nach einer Weile beruhigte sie sich. Irgendwann ging ich an ihrem Zimmer vorbei und hörte, wie sie vor sich hin brabbelte und fröhlich spielte.
Dann wurde es still. Ich nahm an, sie sei eingeschlafen.
Eine Weile später kamen meine Eltern nach Hause. Dad ging in Maxines Zimmer, um sie zu wecken.
Ich habe immer noch Albträume von seinen Schreien.
Maxine hatte den Wolfsanzug als Decke benutzt. Sie hatte an einem Knopf genuckelt, und dieser hatte sich gelöst. Sie verschluckte sich daran.
Sie konnte nicht atmen.
Alle sagten, es sei nicht meine Schuld gewesen. Alle sagten, niemand sei schuld, es sei bloß ein zufälliger, schrecklicher Unfall gewesen.
Mein Kopf versucht es zu glauben, aber mein Herz ist dazu nicht in der Lage.
An diesem Tag lernte ich ein paar Lektionen:
1 Das Leben ist ungerecht.
2 Tragische Dinge geschehen, wenn man sie am wenigsten erwartet.
3 Sei immer aufs Schlimmste gefasst. So hast du vielleicht den Hauch einer Chance, dich selbst und deine Liebsten zu beschützen.

Der Robotermann ging in drei meiner Kurse. Drei zu viel, dachte ich, als er am Donnerstagnachmittag in Englisch vor mir saß und mir die Sicht versperrte. Sein dunkelgrüner Pulli roch nach Schaf.
Wir behandelten Wuthering Heights, Sturmhöhe von Emily Brontë, Rachels und mein Lieblingsbuch, seit wir zwölf waren. Ich hatte es mindestens vier Mal gelesen.
Der Uhrzeiger schlich langsam auf die Pause zu und Mr Herbert gab uns eine Hausaufgabe. »Anstatt des üblichen Aufsatzes möchte ich, dass ihr einen Ausschnitt aus dem Buch umschreibt. Die Stelle könnt ihr euch aussuchen. Macht ein Drehbuch daraus, ein Radiohörspiel, ein Theaterstück. Oder ein Gedicht, einen Liedtext – was ihr wollt. Seid kreativ. Eure fertige Arbeit stellt ihr dann der Klasse vor.«
Ich stöhnte. Mr Herbert ist noch jung für einen Lehrer und glaubt, unkonventionelle Ideen – ebenso wie Schuhe von Fluevog und Designer-Jeans – verliehen ihm eine gewisse Coolness.
Nein.
»Ihr habt zwei Wochen Zeit«, fuhr er fort. »Und um das Ganze noch etwas spannender zu machen, werdet ihr in Zweiergruppen arbeiten.«
Nein. Neineineineineineineinein.
In weniger als einer Minute hatte jeder einen Partner, einschließlich des Mädchens, das mal meine beste Freundin gewesen war. Selbst Alonzo, mein Licht am Ende des Tunnels, hatte jemanden.
»Gut, ist noch jemand ohne Partner?«, fragte Mr Herbert.
Langsam hob ich die Hand.
Der Robotermann ebenso.
Er drehte sich um und grinste. »Du und ich, wie’s aussieht, Petunia.«
Mir brach kalter Schweiß aus. Mein Herz fing an zu rasen. Zweiergruppen waren etwas für sozial kompetente Menschen. Ich musste mit Mr Watley reden. Er sollte mich freistellen, aus gesundheitlichen Gründen. Er könnte mir eine Entschuldigung schreiben: Spielt nicht mit den anderen Kindern.
Als es klingelte, sprintete ich aus der Klasse. Aber Jacob hielt Schritt. Er folgte mir bis zu meinem Schließfach. »Also, Petunia …«
»Mein Name ist nicht Petunia! Sehe ich aus wie eine Petunie?«
Er betrachtete meine blumengemusterte Steppweste und die Blumenohrringe aus Filz, und ich lief rot an. »Willst du darauf wirklich eine Antwort?«
»Wer nennt sein Kind Petunia? Ich heiße Petula.«
»Nimm’s mir nicht übel, aber wer nennt sein Kind Petula?«
Ich drehte an meinem Schloss. »Meine Eltern haben eine Münze geworfen. Mein Vater durfte meinen Vornamen bestimmen und meine Mutter meinen zweiten Vornamen. Und Petula Clark ist eine von Dads Lieblingssängerinnen.«
Der Robotermann schaute mich ausdruckslos an. »Don’t sleep in the subway?«
»Oh. Stimmt. Meine Oma liebt dieses Lied.«
Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. Er war beinahe gut aussehend, wie einer der nicht ganz so attraktiven Baldwin- Brüder.
»Und wie ist dein zweiter Vorname?«, fragte er.
»Geht dich nichts an.«
»Kann nicht schlimmer sein als meiner.«
»Wie ist deiner?«
»Wenn ich dir meinen verrate, sagst du mir dann auch deinen?«
»Na gut.«
»Schlomo.«
»Echt?«
»Echt. Du bist dran.«
»Harriet.«
»Harriet.«
»Japp. Wie die Hauptfigur in Harriet – Spionage aller Art.«
Er verzog das Gesicht. »Ich hab den Film gesehen. War nicht besonders.«
»Der Film war grässlich! Ich rede über das Buch.«
»Es gibt ein Buch?«
Mir blieb der Mund offen stehen. »Du hast Harriet – Spionage aller Art nicht gelesen?«
»Ich bin kein großer Leser.«
Du lieber Himmel. »Harriet ist vermutlich das beste Kinderbuch aller Zeiten. Louise Fitzhugh hat der Welt eine weibliche Hauptfigur beschert, wie es sie zuvor noch nie gegeben hatte. Sie ist mutig und eigensinnig und manchmal ziemlich gemein.«
»Klingt wie du.«
»Ach, komm, du kennst mich doch gar nicht.«
»Ich weiß, dass du Katzen hast.«
Ich bekam eine Gänsehaut. »Woher weißt du, dass ich Katzen habe?«
»Weil du ganz schön viele Katzenhaare an dir hast.«
Mein Gesicht glühte. Normalerweise vergaß ich nie, vor der Schule mit dem Fusselroller über meine Sachen zu gehen, aber der heutige Morgen war völlig verrückt gewesen. Dad hatte Alice und Stanley entdeckt und war, wie vorhergesehen, fuchsteufelswild geworden. Ich wollte nicht, dass er oder Mom noch mehr in Stress gerieten, also fütterte ich die Katzen, schaufelte ihre Häufchen aus dem Katzenklo, machte mir ein schnelles Frühstück, packte Mittagessen für uns alle ein und schmiss noch eine Ladung Wäsche in die Maschine, bevor ich das Haus verließ.
Um meine Scham zu überspielen, zog ich meine Seemannsjacke an und setzte die Katzenmütze auf. Dann verriegelte ich mein Schließfach und huschte an ihm vorbei.
»Warte. Wir müssen noch über die Aufgabe reden.«
Ich lief weiter.
Mit den Ellbogen stemmte ich die Eingangstür auf und raste die Treppe runter.
Rachel, das Mädchen, das mal meine beste Freundin gewesen war, stand inmitten einer schnatternden Horde von Mädchen auf dem Gehweg.
Ich erstarrte.
Ich könnte zu ihr hingehen, dachte ich. Jetzt gleich. Lächeln und Hallo sagen. Einen Fuß vor den anderen. Sei mutig! Zeig dich von deiner besten Seite!
Ich schaffte es nicht. Ich drehte nach links ab und machte einen großen Bogen um die Gruppe. Doch diese paar Sekunden der Unentschlossenheit genügten Jacob, um mich einzuholen. Er schritt aus wie eine Giraffe.
»Was ist mit dir und dem Mädchen? Wie heißt sie noch mal, Rachel?«
»Nichts.«
»Im Unterricht starrst du sie die ganze Zeit an.«
»Das kannst du nur wissen, wenn du mich angestarrt hast.«
»Nee, hab ich nicht. Ich bin bloß ein aufmerksamer Beobachter menschlichen Verhaltens. Das muss ich auch sein, wenn ich Regisseur werden will.« Er deutete mit seiner Fleisch-und-Blut-Hand auf mich. »Zum Beispiel: Ich schaue dich an, mit deinen selbst gebastelten Ohrringen und deiner Weste, und ich schätze, du bist der kreative Typ.«
Ich ließ mich zu einem kaum merklichen Lächeln hinreißen.
»Und ich sehe, wie krumm du rumlatschst, als sei dir deine Größe peinlich, anstatt dass du stolz darauf bist und dazu stehst. Ich sehe, wie mürrisch du dreinschaust und wie sich dein Blick noch weiter verfinstert, während ich das sage, und wie du dich in der Schule von den anderen absonderst. Das bringt mich zu der Schlussfolgerung, dass du eine Einzelgängerin bist. Eine unglückliche, kreative Einzelgängerin mit Schattenseiten und wenig Sozialkompetenz …«
»Halt die Klappe!«, schrie ich und boxte ihn auf den Arm.
»Au!«
Ich hatte ihn auf den Roboterarm geschlagen. Schützend legte er seine echte Hand darauf. »O Mann. Ich glaube, du hast ihn kaputt gemacht. Schau mal. Er bewegt sich nicht.«
»Entschuldige!« Tränen schossen mir in die Augen. Seit Maxines Tod hatte ich leichte Probleme damit, meine Impulse zu kontrollieren, aber ich versuchte, mich zu bessern. »Tut mir so leid.«
Ich hörte ein elektronisches Surren. Er fuhr einen Roboterfinger in meine Richtung aus und grinste. »E.T. nach Hause telefonieren«, sagte er. »Ich hab bloß Spaß gemacht, Petula. Alles gut.«
Beinahe hätte ich ihn gleich noch mal geschlagen. »Du bist so ein Vollidiot!«
»Er ist aus Carbon, praktisch unverwüstlich. Schau her.«
Er machte eine Faust und schlug damit gegen eine Mülltonne. Sie fiel um. »Siehst du?« Er stellte die Mülltonne wieder auf. »Nicht mal ein Kratzer. Ich fühle mich wie Steve Austin.«
»Wer?«
»Fernsehserie aus den Siebzigern. Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann. Aber Steve Austin hatte zwei bionische Beine, einen bionischen Arm und ein bionisches Auge. Ich hab nur den Arm, bis zum Ellbogen.«
Ich schwenkte nach links, um die Baustelle zu umgehen. Er bog ebenfalls ab. Meine Neugier siegte. »Darf ich fragen, wie …?«
»Na klar. Ich war alleine wandern, letztes Jahr. Aus dem Nichts tauchte ein riesiger Felsbrocken auf und quetschte mir den Arm ein. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich hoffte, jemand würde vorbeikommen, aber der Tag verging, und dann die Nacht, und noch ein Tag … Ich dachte, ich sterbe. Nach ein paar Tagen wurde mir klar, dass ich keine andere Wahl hatte: Um zu überleben, musste ich mir mit einem Schweizer Taschenmesser den Arm abschneiden.«
Ich starrte ihn an. »Lass mich raten. Du saßt genau hundertsiebenundzwanzig Stunden lang fest.«
»Ja, woher weißt du das?«
»Weil das die Handlung von 127 hours ist.«
»Hervorragender Film. Ich war sehr zufrieden damit, wie sie meine Geschichte umgesetzt haben. Und James Franco in der Hauptrolle, also, ich meine –«, er zeigte auf sich, »bei der Geburt getrennt.«
»Es war nicht deine Geschichte, sondern die von Aron Ralston. Ich habe sein Buch gelesen.«
»Ah. Ich wusste nicht, dass er ein Buch geschrieben hat.«
»Natürlich nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Du bist so ein Lügner.«
»Ich bevorzuge den Ausdruck Geschichtenerzähler.«
»Mit dem Unterschied, dass du nicht mal deine eigene Geschichte erzählst, sondern einfach die von jemand anderem klaust.«
»An dieser Stelle bevorzuge ich den Ausdruck Hommage.«
Wir erreichten unser Haus. »Hier wohne ich.«
Er drehte sich um. »Moment mal, liegt die Schule nicht nur drei Blocks in diese Richtung?«
»Ja.«
»Warum hast du dann einen Umweg gemacht?«
Ich schwieg. Es hatte keinen Sinn, ihm von der Frau in Großbritannien zu erzählen, die von einer herunterfallenden Betonplatte erschlagen worden war, oder dem Mann, den in Tennessee ein Zementmischer überrollt hatte, oder von irgendeinem anderen abgefahrenen Tod, der unschuldige Passanten in der Nähe von Baustellen ereilt hatte.
Mein Kopf juckte, also nahm ich die Mütze ab. Die Wolle war immer noch voller Regenbogenglitter von Ivans Aktion in der Woche zuvor. Ein paar Glitzerpartikel rieselten auf meine Jacke und auf die Erde.
Jegliche Farbe wich aus Jacobs Gesicht. »Ich weiß, woher ich dich kenne.«
Es war, als hätte ihn jemand mit einer Nadel gestochen. Er fiel in sich zusammen. Plötzlich war er kein Draufgänger mehr.
Ich tätschelte seinen Roboterarm mit meinen behandschuhten Fingern. »Ich war auch bei dieser Therapeutin. Sie ist echt furchtbar. Daher mein Rat: Du musst nicht, ich wiederhole, du musst da nicht wieder hin. Du kannst dir jemand anderen suchen.«
Er antwortete nicht. Im Geiste war er woanders.
Ich ging die Treppe hoch und ins Haus.
Als ich mich umschaute, stand er immer noch da.

Nein.«
»Wie bitte?«
»Du hast mich schon verstanden. Nein.« Mr Watley hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Aus seinen Ärmelbündchen sprossen dichte Haare.
»Aber ich dachte, ich hätte meinen Fall hervorragend dargelegt.«
»Hast du nicht. Und ich werde sicher keinem Lehrer vorschreiben, wie er seinen Kurs zu führen hat. Außerdem, und hier sind wir beim Kernpunkt meiner Entscheidung, wird es dir guttun, mit jemandem zusammenzuarbeiten.«
»Wird es nicht.«
»Petula, wir haben das schon besprochen. Du hast gesagt, du wolltest dich wieder auf die Welt da draußen einlassen …«
»In mundgerechten Portionen, Sir. Und nicht auf alles und jeden, und ganz sicher nicht auf ihn.«
Mr Watley machte wieder das umgekehrte V mit den Fingerspitzen unter seinem Kinn. »Und warum nicht?«
»Aus vielerlei Gründen. Zum einen liest er nicht. Das zeugt von einem Mangel an Charakter und vermutlich schwachem Intellekt.«



