Optimisten sterben früher

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»Du bist schrecklich voreingenommen. Er wirkt wie ein anständiger und kluger junger Mann.«
»Er nervt.«
»Dies ist ein fabelhaftes Beispiel für jemanden, der im Glashaus sitzt und mit Steinen wirft.«
»Sir!«
Er stand auf. »In zehn Minuten musst du zu FuKJu. Ab mit dir.«
»Ihr mangelndes Wohlwollen wurde zur Kenntnis genommen«, sagte ich, als er mich aus seinem Büro scheuchte.
Langsam schlurfte ich zu FuKJu.
Der Tiefpunkt einer grausigen Woche.

Nach Maxines Tod bestanden meine Eltern darauf, dass ich zu einem Trauerbegleiter ging. Aber unser Budget war knapp, und Therapeuten kosten Geld. Also schickte man mich zu jemandem an meiner Schule.
Carol Polachuk sagte, sie sei auf Trauerarbeit spezialisiert, was ein Witz war, denn sie verursachte mehr Trauer, als dass sie einem half. Ich sagte in unseren Sitzungen kaum mehr als Ja und Nein. Das wurmte sie und ihre Glubschaugen gewaltig.
Eines Tages sagte Carol – entnervt von meinem Schweigen –: »Schau mal, es war ein Unfall. Du wolltest deine Schwester nicht umbringen.«
Genauso gut hätte sie hinzufügen können: Aber du hast sie umgebracht.
Ich wollte bloß die Wand hinter ihr treffen, als ich meine Teetasse warf. Ich wollte sie ihr nicht an die Stirn schleudern oder sie mit dem Inhalt überschütten. Ich wollte ganz sicher nicht, dass sie blutete. Es war eine blöde Impulshandlung und ich bereute sie sofort.
Aber Carol reagierte, als hätte ich versucht, sie umzubringen. Sie drohte, mich wegen Körperverletzung anzuzeigen. Meine Eltern wurden in die Schule zitiert. Mr Watley wurde eingeschaltet. Treffen fanden statt.
Eine Lösung wurde gefunden. Statt Einzelgesprächen mit Carol ging ich nun einmal die Woche zu FuKJu. Jeder an unserer Schule weiß, dass nur die wirklich hoffnungslosen traurigen Gestalten einmal pro Woche zu FuKJu müssen, um sich künstlerisch auszudrücken.
Rachel und ich hatten es insgeheim ›Basteln für Bekloppte‹ genannt. Nie im Leben hätte ich mir ausgemalt, dass ich eines Tages dazugehören würde.
»Eure Arbeiten werden benotet«, erklärte Mr Watley meinen Eltern und mir. »Wie in einem normalen Kunstkurs.«
»Davon abgesehen, dass es das nicht ist«, sagte ich. »Davon abgesehen, dass ich unter Leuten sein werde, die möglicherweise strafrechtlich unzurechnungsfähig sind.«
Meine Eltern hörten mir nicht zu. »Das wird eine gute Sache«, meinte Dad.
»Du hast immer leidenschaftlich gern gebastelt«, ergänzte Mom.
Ich versuchte, ihnen das Offensichtliche klarzumachen: dass ich seit Maxines Tod rein gar nichts gebastelt hatte. Sie sagten, das sei absurd. Die Therapie würde mir helfen, wieder in die Bastelei einzusteigen.
»Wie soll ich basteln, wenn ich Angst um mein Leben habe?«
Mein Protest stieß auf absichtlich taube Ohren.

Zeitgleich mit Alonzo Perez kam ich am Eingang der Beratungsstelle an.
Alonzo ist wunderschön, hat dunkle Haut und eine schmale, aber muskulöse Statur. Er trug eine knallig pinkfarbene Hose und ein eng anliegendes T-Shirt, auf dem Schlampe stand. Seine Haare waren auf einer Seite frisch abrasiert. Von allen Leuten in unserer kleinen Gruppe von Außenseitern mochte ich Alonzo am meisten.
Alonzo war bei ›Basteln für Bekloppte‹, weil er versucht hatte, sich umzubringen, nachdem er sich bei seiner Familie geoutet und die ihn rausgeworfen hatte. Nun wohnte er bei einer Tante an der East Side.
»Hey, Petula. Wie geht’s dir?« Er hielt mir die Tür auf, weil er wusste, dass ich Türklinken mit bloßen Händen nicht anfassen mochte.
»Gut, danke.« Alonzo hatte mit mir Geschichte und Englisch, er war also Zeuge meiner Ohnmacht gewesen.
»Freut mich.«
Ivan der Schreckliche saß schon am hinteren Ende des Tisches. Er ist der jüngste Teilnehmer, erst dreizehn, ein pummeliger, mürrischer Junge mit schwarzen Haaren und einem irre durchdringenden, unheimlichen Blick. Auf mich wirkte er wie die männliche Version von Carrie aus einem meiner Lieblingsromane von Stephen King. Ich fragte mich, ob er eines Tages die gesamte Beratungsstelle mit der Kraft seiner Gedanken in Brand stecken würde.
Außerdem hat Ivan das, was unsere Beinahe-Therapeutin Betty Ingledrop als »zyklische Gefühlsausbrüche« bezeichnet. Wie zum Beispiel, als er eine Tube Glitter auf meinen Kopf entleerte. Oder Alonzo, einen Gummihammer schwingend, durch den Raum jagte. Oder versuchte, seinen eigenen Daumen an den Tisch zu tackern.
Vor zwei Jahren war Ivans Mutter bei einem Urlaub in Mexiko ertrunken. Ich tat mein Bestes, um nett zu ihm zu sein. Einerseits, weil er mir leidtat, andererseits, weil ich insgeheim hoffte, verschont zu werden, wenn er die Schule kraft seiner Gedanken in Flammen aufgehen ließ.
Alonzo und ich setzten uns. Es war wieder saudiarabisch heiß. Ich zog gerade meine Retro-Mr-Rogers-Strickjacke aus, als Koula Apostolos hereinspaziert kam.
Koula ist ein Jahr jünger als ich und hat die Figur einer osteuropäischen Kugelstoßerin: massig, untersetzt, muskulös. Sie trug ein Top, das man kaum erahnen konnte, Jeansshorts über einer Netzstrumpfhose und Arbeitsstiefel. Ihr schulterlanges Haar starrte vor Haarspray.
Meinen Kleidungsstil bezeichnete sie mal als ›Omas Handarbeit‹, also nannte ich ihren Stil ›Schlampige Achtziger‹. Aber das sagte ich bloß ein Mal, denn sie drohte mit Prügel, falls ich es wiederholen sollte.
Koula ist alkohol- und drogenabhängig. Vor einem Jahr flog sie von der Trafalgar Secondary und wechselte zu uns. Es ging das Gerücht um, dass sie irgendwas mit Carol Polachuk gemacht hatte. Irgendwas sehr viel Schlimmeres als das Werfen einer Teetasse.
»Ich bin seit einem Monat trocken«, sagte sie nun, und während sie sich setzte, hielt sie ihre Münze von den Anonymen Alkoholikern hoch.
»Aller guten Dinge sind drei?«, fragte Alonzo, denn Koula zeigte uns nun zum dritten Mal seit September ihre Dreißig-Tage-Münze. Die letzten beiden Male hatte sie mit einem Besäufnis gefeiert.
Koula machte ein finsteres Gesicht. »Halt’s Maul, Schwuchtel.«
»Leck mich, Schlampe.«
Sie fingen an zu lachen. Alonzo zog Koula an sich und umarmte sie. Beim besten Willen verstand ich ihre Freundschaft nicht.
Betty Ingledrop kam mit einer Schachtel Donuts in der Hand aus ihrem Büro. »Hallo zusammen!« Sie zieht sich weit weniger jugendlich an, als sie ist. Jede Woche trägt sie einen anderen grellfarbigen Anzug mit beigen Nylons und praktischem Schuhwerk. Heute war pink dran.
Betty ist unsere Kunsttherapeutin – irgendwie. Als sie bei uns anfing, erklärte sie, dass sie – streng genommen – noch keine Kunsttherapeutin sei; wir gehörten zu ihrem ›klinischen Praktikum‹.
»Also bist du Studentin«, sagte Alonzo.
Sie lächelte herzig. »Wir sind alle Studenten der Schule des Lebens.«
Betty lässt sich wirklich von nichts aus der Fassung bringen.
Außerdem fanden wir heraus, dass sie eigentlich lieber mit jüngeren Kindern arbeiten wollte, aber dies das einzige Praktikum war, das sie kriegen konnte. Das erklärte die Auswahl ihrer Kunstprojekte.
Einen Arm hinter dem Rücken, kam sie an den Tisch. »Bitte heißt unser neues Gruppenmitglied willkommen.«
Er kam aus ihrem Büro. Er war groß. Er hatte einen Roboterarm.
Jacob.
Nein. Neineineineineineineinein.
Es war meine Schuld. Ich hatte ihm gesagt, dass er auch woanders hingehen konnte.
Er setzte sich neben mich. Heute trug er einen schmutzig weißen Seemannspullover, den er auszuziehen begann, weil es so heiß war. Wegen seiner Roboterhand dauerte das ein Weilchen. Darunter trug er ein weißes T-Shirt, das bis oberhalb seines Bauchnabels hochrutschte, bis er es schließlich mit einer Hand wieder runterzog. Außer mir starrten alle auf seinen Roboterarm. Ich starrte auf die schmale Linie schwarzer Haare, die in seinen Hosenbund lief.
Betty wollte, dass wir uns vorstellten. Dann sagte sie: »Jacob, möchtest du uns von dir erzählen? Das hier ist ein geschützter Raum.«
»Klar.«
Erwartungsvoll beugten wir uns vor, denn es stimmt in der Tat: Elend ist nicht gern allein.
»Es war auf einem Flug über die Anden«, fing Jacob an. »Mit meiner Rugby-Mannschaft. Das Flugzeug stürzte ab. Einige von uns überlebten, aber lange Zeit kam niemand, um uns zu retten. Wir hatten nichts mehr zu essen. Wir mussten eine schwere Entscheidung treffen: verhungern oder unsere toten Freunde essen.«
Ich schüttelte den Kopf. Alonzo lachte schallend. Doch Ivan machte Augen so groß wie Untertassen. »So wie Kannibalen?«
Jacob nickte.
»Was hast du gemacht?«
Jacob beugte sich zu ihm. »Ich bin hier, oder nicht?«
Ivans Augen wurden noch größer.
Koula verschränkte die Arme vor ihrer üppigen Brust. »Bockmist.«
»Definitiv«, sagte Alonzo.
Jacob grinste. »Erwischt. Trotzdem, guter Film. Überleben! Regie Frank Marshall, der auch bei dem weniger bekannten Streifen Arachnophobia Regie geführt hat.«
»Also hast du kein Menschenfleisch gegessen?«, fragte Ivan.
»Nein.«
Ivan guckte zutiefst enttäuscht.
»Na gut«, sagte Jacob. »Jetzt aber. Ich war segeln mit meinem Bruder, Buck. Ein Sturm zog auf. Buck starb; ich überlebte. Buck war immer der Liebling meiner Mutter gewesen …«
»Eine ganz normale Familie«, unterbrach Betty mit heruntergezogenen Mundwinkeln.
Jacob nickte beeindruckt. »Sehr gut. Hat 1981 den Oscar für den besten Film des Jahres gewonnen.«
»Freak«, sagte Koula.
»Filmfreak«, entgegnete Jacob.
Unsere Beinahe-Therapeutin räusperte sich. »Da du ganz offenkundig nicht bereit bist, uns von dir zu erzählen, machen wir weiter.« Sie schlug einen Ordner auf.
»Heute basteln wir Origamivögel.« Sie hielt ein Beispiel hoch. »Jeder Vogel steht für eine Angst. Ihr könnt je eine Angst auf einen Vogel schreiben. Dann gehen wir nach draußen und lassen sie frei – symbolisch.«
»Also produzieren wir Müll«, sagte ich.
»Petula bleibt heute den ganzen Tag hier«, kicherte Koula. »Sie hat ungefähr eine Zillion Ängste.«
»Es sind keine Ängste, wenn sie auf Fakten und Forschungsergebnissen basieren.«
»Und das von dem Mädchen, das einen Umweg um Baustellen macht, weil es fürchtet, von runterfallenden Trümmern erschlagen zu werden.«
Jacobs dichte Augenbrauen schnellten hoch, und mir war klar, dass ihm nun einleuchtete, warum wir am Donnerstag diesen Weg gegangen waren.
»Und du hast mich mal zusammengeschissen, weil ich auf dem Schulweg Musik gehört habe«, fuhr Koula fort.
»Mich auch«, sagte Alonzo.
Mein Bauch krampfte. »Ich habe bloß versucht aufzuzeigen, dass man mit Kopfhörern seine Umgebung nicht mehr wahrnimmt. Man hört weder einen LKW kommen noch einen Vergewaltiger …«
»Hier, nimm einen Donut«, unterbrach mich Koula. Sie schaute mich mit ihren Wieselaugen an, griff mit ihrer Männerhand in die Schachtel und betatschte sorgfältig jedes einzelne Exemplar, bevor sie sie an mich weiterreichte.
Ich starrte in den Karton. »Ich habe keinen Hunger.«
Koula lachte. »Har! Har! Har!« Wie Hundegebell. »Klar. Du wirst einen kompletten Vogelschwarm basteln müssen.«
Am liebsten hätte ich sie geschlagen.
»Koula«, sagte Betty. »Denk an unser Motto: Sei freundlich.«
Ivan ließ dröhnend einen fahren. »FurzJu!«

Fünfzig Minuten später schlappten wir allesamt mit unseren Vögeln auf das Feld hinter der Schule. Ich hatte sechs gebastelt, nicht, weil ich einen Schwarm brauchte, sondern weil ich Origami einfach draufhatte. Alonzo hatte auch ein paar gemacht. Ivan und Koula je einen. Jacob hatte keinen einzigen gebastelt. »Ich kann damit wirklich viel machen, aber Origami? Vergiss es«, sagte er zu Betty und zeigte auf seinen Roboterarm.
Betty, pragmatisch wie immer, antwortete: »Vielleicht möchte Petula dir ja ein paar von ihren abgeben.«
Ich gab Jacob zwei Vögel. Er las, was ich daraufgeschrieben hatte. »Biologische Kriegsführung. Flugzeuge.«
»Hab’s dir ja gesagt«, meinte Koula. »Sie ist durchgeknallter als ein Sicherungskasten.«
»Um ehrlich zu sein«, sagte Betty, »bin ich sehr stolz auf Petula. Sie hat die Aufgabe ernst genommen. Sie versucht, an ihren Problemen zu arbeiten.«
Koula zeigte Betty den Stinkefinger, als die gerade nicht hinsah.
»Alles klar, Leute, sind wir so weit? Lasst eure Ängste frei!«
Wir warfen die Vögel in die Luft.
Sie segelten unmittelbar zu Boden.
Wir betrachteten sie, wie sie da zu unseren Füßen im Matsch lagen.
»Im Filmgeschäft«, sagte Jacob, »nennen wir das Antiklimax.«

Einige Minuten später klingelte es und wir trotteten zurück in die Beratungsstelle, um unsere Sachen zu holen.
»Diese Gruppe«, sagte Jacob, als die anderen gegangen waren, »ist wie eine gestörte Version von Breakfast Club – Der Frühstücksclub. Koula ist Ally Sheedy in unheimlich. Ich bin Judd Nelson in fröhlich. Du bist wie die Figur von Molly Ringwald, nur verklemmter.« Bevor ich reagieren konnte, zog er sein Telefon heraus. »Gibst du mir deine Nummer?«
»Wozu?«
»Damit wir eine Zeit ausmachen können, um an unserer Hausaufgabe zu arbeiten. Wie ist dein Nachname?«
»De Wilde.«
Er lachte. Ich nicht. »Im Ernst?«
»Das ist belgisch. Und ich begreife nicht, was daran so komisch ist, Jacob Schlomo Cohen.«
»Zu dir passt das einfach De Nicht. De Vorsicht würde es besser treffen.« Er zog seinen Pullover über den Kopf. »Hey«, hörte ich seine gedämpfte Stimme durch die Wolle, »kannst du mir beim Anziehen helfen?«
Ich ergriff die Gelegenheit und verschwand schleunigst.
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