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Betreff: Chemiebaukasten
Datum: 24. 08. 2012, 09 : 06:10
Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Ich bin aber immer noch für Dich da, obwohl ich finde, dass Du meine Geduld schon arg strapaziert hast. Aber dank meines Mitbewohners habe ich Nerven wie Drahtseile entwickelt. Nun was soll ich sagen? Mond klingt nicht schlecht, er ist aber noch weiter weg als Bonn! Ist seine Atmosphäre so beschaffen, dass ich Dich dort singen hören könnte?
Ich stelle mir lieber vor, dass ich Dich umarme und ganz fest zudrücke, meine Lippen an Deinen Hals presse und kurz hineinbeiße. Ich darf Deine Armhaare streicheln und Dir ins Gesicht sehen, bevor ich Dich küsse. Es misslingt erst, weil ich so lachen muss. Aber beim zweiten Anlauf klappt es. Ich darf mit meinen Händen unter Dein T-Shirt fahren und erkunden, was ich finde, und es fühlt sich alles bestens an und ich habe Käfer im Bauch. Ich will einfach nur nach hinten umfallen und unseren Chemiebaukasten aufmachen und alles ausbreiten, was darin für uns bereitliegt.
Anna

Betreff: Re: Chemiebaukasten
Datum: 24. 08. 2012, 11 : 26:16
Nur kurz, weil unterwegs. Du machst mich glücklich!
Anna, ich bin in Gedanken bei Dir.
Mitbewohner?

Betreff: Betreutes Wohnen
Datum: 24. 08. 2012, 13 : 21:19
Ja, es gibt einen Mann in meinem Leben, der mir die Nerven raubt. Du kennst ihn. Er heißt Klaus Kleemann. Er hat Dich gefilmt, der Mann hinter der Kamera. Wir waren über fünf Jahre lang ein Paar. Kurz bevor Du aus Deinem Urlaub zurückkamst, habe ich mich von ihm getrennt. Du warst der Anlass dafür, nicht der Grund. Wir waren schon seit Jahren „nur“ Freunde. Ich habe Lust, ihm seine Umzugskisten zu packen. Er hat es nicht eilig damit. Aber er weiß auch nicht, dass ich Männer schlage.

Betreff: Re: Betreutes Wohnen
Datum: 24. 08. 2012, 13 : 29:15
Ja, ich erinnere mich gut an Deinen Kameramann. Er war mir sympathisch. Eher der zurückhaltende Typ, oder? Bei Deinem Temperament ist das keine schlechte Kombination.
Die Wohnsituation ist natürlich anstrengend. Hast Du ihn denn schon in aller Deutlichkeit darum gebeten auszuziehen? Männer verstehen in solchen Dingen nur Klartext. Ich schließe mich da ein. Ist eure Trennung denn endgültig? Wenn Dir das zu intim ist, dann streich diese Fragen einfach aus Deinem Gedächtnis. Es ist eine Sache, erotische SMS zu verschicken – Du solltest einen sinnlichen Roman schreiben, bitte! Und die andere Sache ist es, über echte Gefühle zu schreiben, sich wirklich zu öffnen. Du warst schon sehr offen zu mir, ich danke Dir für Dein Vertrauen.

Betreff: Aw: Betreutes Wohnen
Datum: 24. 08. 2012, 13 : 32:19
Was für eine Frage! Natürlich ist die Trennung endgültig. Was denkst Du von mir? Ich kann meine Gunst nur einem schenken. Der bist Du. Alles andere wäre für mich Betrug. Und für mich sind meine erotischen SMS an meine Gefühle für Dich geknüpft. Ich trenne nicht zwischen ihnen und dem Vertrauen, was ich Dir entgegenbringe. So wie es dort geschrieben steht, wird’s am Ende gemacht, das sind nicht bloß unmögliche Fantasien für mich.
In diesem Sinne! Dein Familienwochenende steht bevor. Ich ziehe meine Fühler ein und mich selbst in mein Häuschen zurück. Bis Montag!
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Betreff: Ausritt
Datum: 27. 08. 2012, 09 : 33:16
Guten Morgen, Du Schöne, heute Morgen im Dämmerzustand zwischen Traum und Erwachen habe ich Dich zum Reiten begleitet. Du hattest mir auf unserem Drehtag erzählt, dass Du ein Pferd hast.
Die Sonne schien in Leipzig genauso wie heute in Bonn. Wir redeten nicht viel, ich war zufrieden, an Deiner Seite zu sein, Dich im Profil zu beobachten, wie Du Deinen Wagen zum Ziel lenkst.
Du gehst sehr liebevoll und souverän mit Deinem Pferd um. Vorsichtig führst Du es aus seiner Box, streichelst über seinen Hals und steigst in flüssigen Bewegungen auf seinen Rücken. Bewundernd blicke ich zu Dir hinauf, Du schenkst mir ein kurzes Lächeln, dann reitest Du aufrecht davon. Es ist schön, Dir einfach nur zuzusehen.

Betreff: Hallo?
Datum: 27. 08. 2012, 09 : 56:34
Anna? Wo bist Du denn? Ich habe seit Freitagabend aller zwei Minuten mein Handy kontrolliert, ob Du nicht doch eine SMS schickst. Ich bin süchtig und mein Stoff heißt Anna.
Drei Nächte kalter Entzug liegen hinter mir. Ich will mehr von Dir lesen, ich liebe Deine Geschichten. Ich bin ja heute Morgen richtig schwärmerisch. Im Horoskop stand, ich soll meine Gefühle ausleben. Also mache ich das zumindest schriftlich. Ich will Dich sehen, wir kriegen das hin. Ich will wissen, ob das Feuer nur im virtuellen Raum brennt oder auch an der Luft. Was machen wir, wenn wir nur eine Knallgasprobe hinbekommen? Nichts, jeder zieht seines Weges und wärmt sich ab und an an einer alten E-Mail, wie an einem guten Buch.

Betreff: Knallgasprobe
Datum: 27. 08. 2012, 10 : 59:58
„Knallgasprobe“ trifft den Kern der Sache. Ich bin „verknallt“, wie eine Sechzehnjährige. Und ich wärme mich schon jetzt an unseren alten E-Mails. Ich befürchte, mit einem Atemzug heißer Luft kommst Du nicht davon. Es wird großartig werden, wenn wir uns sehen.
Hast Du drüber nachgedacht, was wir hier eigentlich tun? Steigern wir uns in etwas hinein? Erschaffen uns künstliche Welten im Kopf? Wir haben uns doch nur ein einziges Mal dienstlich gesehen. Sind wir nichts als erotische Angriffsfläche? Habe ich mich in ein E-Mail-Phantom verliebt? Wir sind optisch kein schönes Paar. Ich bin eine Nummer zu groß für Dich, wenn ich Schuhe anhabe. Ich trage eigentlich immer Absatzschuhe. Wir sehen also nur im Liegen zusammen gut aus.
Ich warte dennoch auf Dich.
Wann ist endlich unser Tag?
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Betreff: Größe
Datum: 28. 08. 2012, 10 : 59:45
Ich frage mich ständig, was wir hier eigentlich treiben und warum? Wir hatten einen gemeinsamen, beruflichen Tag. Ich habe mich darüber gefreut, dass mir der Sender eine schöne und dazu noch witzige, kluge Reporterin schickt. Die Zusammenarbeit war locker. Und dann? Was ist passiert? Deine erste E-Mail, der unterschwellige Ton unserer Konversation, die Spannung, der Spaß dabei, das Spiel. Und jetzt? Ist es immer noch ein Spiel, ein intensiveres Spiel, der Einsatz ist höher. Wir können uns gegenseitig enttäuschen. Über mögliche Folgen will ich noch gar nicht nachdenken. Mache es natürlich trotzdem. Wir müssen uns sehen, um das hier zu beenden oder etwas anderes daraus zu machen. Nur was? Ich kann meine Familie nicht verlassen. Klinge ich wie ein jämmerlicher Fremdgänger? Der bin ich nicht, ich fahre nicht auf mehreren Gleisen. Warum will ich Dich dann sehen? Es ist kompliziert, es ist schön, es ist anstrengend, es ist aufregend und ich kann jetzt nicht aufhören, an Dich zu denken.
Wie groß bist Du denn? Bin ich so viel kleiner als Du? Das ist mir gar nicht aufgefallen – das liegt an meiner permanenten Selbstüberschätzung. Ich bin einen Meter und siebenundsiebzig, ein winziger Absatz darf also sein, beim Sturz in den Abgrund der Leidenschaft!

Betreff: Verderben
Datum: 28. 08. 2012, 11 : 07:56
Wir rennen ins Verderben Roger, es wird großartig!
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Betreff: Es ist so weit!
Datum: 29. 08. 2012, 11 : 58:55
Eine Antwort! Es ist schon fast Mittag, ich war schon auf Anna-Entzug. Ich bin durcheinander und das liegt nicht am anstrengenden Wochenende, sondern an Dir. Am Auf und Ab der Gefühle, die nicht unterscheiden zwischen virtuell und real. Ich freue mich, wenn Du mir schreibst, und ich habe die ganze Zeit Sehnsucht danach.
Verderben? Nein, nicht bevor wir uns nächste Woche am Herkules gesehen haben. Ich schlage den Dienstag vor. Du willst den echten Nowitzki? Du sollst ihn haben. Ich bin grad in Cowboystimmung, um mir Mut zu machen. Ich werde Dich küssen und dann sofort in Ohnmacht fallen, weil es wirklich passiert und mein pulsierendes Blut nicht mehr für meinen Kopf reicht. Ich lege mich dann kurz auf den Boden, und wenn ich wieder zu mir komme, möchte ich in Deine Augen sehen.
Ich kann mich nur nicht erinnern, welche Farbe sie haben.

Betreff: Re: Es ist so weit!
Datum: 29. 08. 2012, 12 : 03:52
Und ich dachte, Dein Entzug ist nicht so schlimm wie meiner. Ich hasse diese emotionale Abhängigkeit und diese Verlustangst. Manchmal befürchte ich, dass wir uns nie wiedersehen könnten.
Du bist mutig heute, mein Herz galoppiert. Ja, Dienstag, der 4.9. ist gut. Und bitte: Fang nicht wieder zwei Tage vor unserem Termin damit an, mich schonend darauf vorzubereiten, dass es nicht klappt.
Ich habe grüne Augen, passend zu meinen roten Haaren. Du hast blaue Augen. Klingt das kitschig!

Betreff: Aw: Es ist so weit!
Datum: 29. 08. 2012, 13 : 03:18
Ich habe ein großes Chaos im Kopf, aber ich bin wild entschlossen, in Deine grünen Augen zu sehen. Damit ist unser Treffen beschlossene Sache. Jetzt widme ich mich konzentriert meiner Arbeit und ich bitte Dich, mich mit erotischen Anspielungen aller Art zu verschonen. Du wirst Dich doch daran nicht halten, oder? Noch eine knappe Woche, Anna, dann sind wir schlauer.
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Betreff: Für Dich
Datum: 30. 08. 2012, 10 : 00:52
Endlich, noch sechs Tage! Dann haben wir uns.
Für Dich: Meine Lippen werden Dich ganz fest umschließen, meine Zunge, begleitet von meinem heißen Atem, macht sich auf den Weg. Sie schaut sich um, macht kleine Striche, Kreise und sie stupst ganz zärtlich nach. Meine Lippen passen auf, dass Du nicht frierst. Du zuckst. Du musst stillhalten, sonst wird das nichts. Ich muss Dich ein wenig festhalten, damit Du mir nicht entwischst. Und bevor Du explodierst und nicht mehr Herr Deiner Sinne bist, erlöse ich Dich von den Höllenqualen und küsse mich nach oben zu Deinen Lippen, vorher schaut meine Zunge noch nach, ob Du Dir Deine Ohren gewaschen hast. Ich küsse Dich. Wonach schmecken wir? Wie war ich?

Betreff: Re: Für Dich
Datum: 30. 08. 2012, 10 : 05:59
Du warst grausam! Wir schmecken nach Parfüm, nach Salz und nach mehr.
Hätte ich gewusst, welches Parfüm Du benutzt, wäre ich heute in die Parfümerie gegangen und hätte geschnüffelt. Ich bin mir sicher, meine Lippen, Hände und meine Zungen können Dich auch überraschen. Wirf bei der Fahrt nach Kassel bitte einen Blick auf Deinen Beifahrersitz. Nächste Woche möchte ich dort Platz nehmen. Wenn Du kuppelst, rutscht Dein Kleid ein kleines Stück über das Knie. Ich muss immer hinsehen. Es tut mir leid, ich muss dieses Stück Haut einfach anfassen, überlege sogar, ob ich es küsse, aber während der Fahrt geht das nicht. Ich lege dafür nur kurz meine Hand auf Deine, wenn Du schaltest, und streichle einmal den Arm hinauf.

Betreff: Zungen
Datum: 30. 08. 2012, 10 : 09:23
Du hast nicht mit meiner Automatikschaltung gerechnet. Ich muss weder kuppeln noch schalten, deshalb habe immer eine Hand frei für meinen Beifahrer.
Wie viele Zungen hast Du denn?

Betreff: Re: Zungen
Datum: 30. 08. 2012, 10 : 13:33
Okay, erwischt, Frau Journalistin, ich habe nur eine Zunge. Und die freut sich schon darauf, mit Deiner zu spielen, über Deinen Körper zu wandern, in Deiner Achsel zu kitzeln und über die Zartheit Deiner Haut an den Innenseiten Deiner Oberschenkel zu jubilieren.
Anna, wo habe ich nur meinen Kopf? Ich hoffe, bald ganz nah bei Deinem und jetzt leider bei der Arbeit.
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Betreff: Bin ich krank?
Datum: 31. 08. 2012, 14 : 02:22
Anna, ich schreie Deinen Namen in den Himmel. Aaaaannaaaaa! So bald wir uns schreiben schnellen die Emotionen hoch, die Erregungsstufe steigt jedenfalls bei mir Richtung Schnappatmung. Was ist das, Anna? Ich fahre am Dienstag wirklich nach Kassel. Ich kann es selber kaum glauben, zu einer Frau, die mir nur einmal begegnet ist, der ich aber jeden Tag schreibe, an die ich dauernd denke, obwohl ich sie nicht kenne. Liegt es daran? Macht das den Reiz unserer „Brieffreundschaft“ aus? Steigert die Unmöglichkeit des schnellen Treffens die Hitze? Ich muss jedenfalls während wir E-Mails schreiben immer öfter ganz tief durchatmen oder mir kaltes Wasser ins Gesicht spritzen. Das ist doch nicht normal. Jetzt denke ich wieder an Deine Lippen, kann Dich fast körperlich spüren, obwohl ich doch noch gar nicht weiß, wie Du Dich anfühlst. Und wenn ich daran denke, zerreißt mich das Verlangen Dich anzufassen, zu spüren, zu riechen und zu schmecken schier. Chef ruft an. Buchbesprechung.

Betreff: Diagnose
Datum: 31. 08. 2012, 14 : 52:28
Meine Diagnose ist folgende: Du bist verliebt, genau wie ich. So einfach ist das! Gesteh es Dir ein. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich in einen verheirateten Mann verliebt bin.

Betreff: Diagnose/Zweite Meinung einholen?
Datum: 31. 08. 2012, 15 : 30:24
Du schreibst, ich sei verliebt. „Find Dich damit ab.“ Das schreibst Du ganz locker. Ich bin verheiratet! Du haust mir nicht nur Witze, sondern auch die Wahrheiten um die Ohren. Aber kann das denn stimmen? Kann man sich beim Schreiben und vor allem beim Lesen von E-Mails verlieben? Oder war mein Gedanke beim Fernsehdreh, Deine nackten, sonnengebräunten Oberarme zu berühren, ganz kurz nur zu streicheln das Saatkorn, das dann aufging? Oder Dein Lachen, Du hast mich auch damals schon auf den Arm genommen. Anna, was wird das für ein Tag, der Dienstag. Du kannst mir glauben, so schwärmerische E-Mails habe ich schon sehr lange nicht mehr geschrieben. Eigentlich noch nie. Denn als ich das letzte Mal verliebt war, war die E-Mail noch nicht erfunden oder besser gesagt noch kein Kommunikationsmittel für Otto Normalverbraucher. Halt mich jetzt fest, nur einen Moment. In wen habe ich mich da bloß verliebt?

Betreff: Re: Diagnose/Zweite Meinung einholen?
Datum: 31. 08. 2012, 15 : 37:26
Ja, ich halte Dich fest, ganz fest.
Dass Du verliebt bist, wusste ich schon weit vor Dir. Sonst hätte ich mich nicht so weit vorgewagt und Dir ein Treffen in Kassel vorgeschlagen, aus Angst vor einem Korb. Ich für mich kann nur sagen: Zwei Tage nach dem Fernsehdrehtag und nach einem Traum, der Beweis dafür war, dass Du Dich bereits in mein Unterbewusstsein eingeschlichen hattest, habe ich aufgegeben, mich dagegen zu wehren. Ich mag Deinen Humor und Dein Gesicht, Deine Stimme, Deine Armhaare. Ich brenne darauf, Dich endlich anzufassen. Und ja, das gibt es: Blitzliebe. Und Du bist nicht der erste verheiratete Mann, der vom Blitz getroffen wird. In wen Du Dich verliebt hast, musst Du selbst herausfinden. In was Du Dich verliebt hast, kann ich Dir sagen: Ich bin einen Meter und fünfundsiebzig groß, trage Kleidergröße 38, Schuhgröße 38,5 und mein Gewicht willst Du nicht wissen. Bis bald, Verehrter! Das meine ich wörtlich.
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Betreff: Glückstreffer
Datum: 01. 09. 2012, 19 : 56:29
Die Acht ist meine Glückzahl, hoffe ich. Heute ist Samstag, ich bin trotzdem im Büro. Ich arbeite vor, muss schnell nur dem Drang nachgeben, Dir zu schreiben, Dir dadurch nahe zu sein, und vielleicht heute noch eine Antwort zu bekommen. Ich glaube, ich weiß, wie Du bist. Du bist klug, sehr klug, neugierig, impulsiv, brauchst immer wieder neue Reize und Herausforderungen, bist offen, aber auch ein wenig misstrauisch, noch lange nicht am Ende Deiner beruflichen Möglichkeiten. Du hast Power und Geschmack, bist zielstrebig, charmant, wenn Du willst, lässt Dir die Butter nicht vom Brot nehmen, arbeitest hart, würdest auch auf einer großen Bühne eine gute Figur machen, kannst Männer um den Finger wickeln, hast echten Witz, der grundsätzlich nicht so häufig vorkommt, singst, liebst Musik und ein Pferd. Du kannst also nur ein guter Mensch sein. Jetzt sag nicht, dass ich mir das alles nur einbilde.
Fass mich an, Anna. Streichle mein Gesicht, über meinen Kopf. Gute Nacht!

Betreff: Chemie
Datum: 01. 09. 2012, 20 : 45:13
Vergiss eins nicht: Wir sind nur Opfer von Chemikalien, Hormonen, Pheromonen, ein Chemieunfall. Zur falschen Zeit am falschen Ort, zu viel Sonne, wir gefallen uns. Ich habe aber immer vor Augen, dass Du verheiratet und unerreichbar bist. Es ist mir egal.

Betreff: Das (letzte) Wort zum Sonntag
Datum: 01. 09. 2012, 20 : 58:14
Ich komme mit dem Zug. Ich stelle mir vor, dass wir von diesem Bahnhof in Kassel wegmüssen, denn der Typ auf dem Bahnsteig beobachtet uns schamlos, weil wir uns küssen ohne scheinbar Luft holen zu müssen. Das brauchen wir nicht, wir beatmen uns gegenseitig, meine Haut brennt, wo Deine Finger sie streifen, meine Hand fährt unter Dein Kleid, Du bist wie Seide, so zart, ich beiße in Deinen Hals, muss mich zügeln, finde wieder Deine Lippen, will in Deinem Ausschnitt verschwinden und nie wieder auftauchen. Bitte, lass uns endlich hier verschwinden. Noch nie war mir eine Picknickdecke das Paradies!
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Betreff: Kalte Füße?
Datum: 02. 09. 2012, 10 : 30:09
Verehrter, bist Du noch da? Es ist so ruhig heute im Mailkörbchen. Weil Familienwochenende ist? Das Sonntagsschweigen? Willst Du mich darauf vorbereiten, dass unser Treffen am Dienstag ausfällt? Schon wieder? Ist die Luft in Bonn fußkalt geworden? Du bist so weit weg, gefühlt. Eiszapfen wachsen aus dem Rechner.

Betreff: Re: Kalte Füße?
Datum: 02. 09. 2012, 14 : 39:08
Verehrte, ich bin noch da. Bin gerade ins Büro gekommen, um zu arbeiten. Die Luft in Bonn ist nicht kalt geworden, das Zug-Ticket ist schon gebucht, 8.40 Uhr ab, 11.20 Uhr Ankunft in Kassel-Wilhelmshöhe. Rückfahrt um 19.45 Uhr. Ich kann trotzdem nicht kommen. Heute beim Frühstück sprach ich mit meiner Frau über ein anderes Paar. Er hat sie lange mit einer Kollegin betrogen. Meine Frau fragt sich, wie sie, die Partnerin, das nicht bemerken konnte oder wollte? Ich konnte ihr dabei nicht in die Augen schauen, denn ich plane auch, sie zu betrügen. Das ist meine miese Seite, der so schönen Verbindung zu Dir. Deine E-Mails, Deine Aufmerksamkeit wärmen mich. Dich wirklich zu treffen, würde mich in Flammen setzen. Aber um Dich zu sehen, zu berühren, Dich kennenzulernen, muss ich lügen. Victor, meinem Sohn, muss ich eine Geschichte aufbinden, meiner Frau habe ich erzählt, es gäbe noch ein Gespräch mit einem anderen Redakteur im Osten. Mein Kollege Oliver glaubt das auch. Ich sitze heute am Sonntagnachmittag hier, weil ich unseren Dienstag herausarbeiten will, denn bis dahin müssen wir das Drehbuch abgeben. Das alles ist arrangiert und ich kann es kaum erwarten, Dich zu sehen. Und mir wird schlecht, wenn ich mich bei meinen Lügen beobachte. Die Vorstellung, Dich nie zu küssen, ist wie ein brutaler Schlag in die Leber. Aber am Dienstagabend nach Hause zukommen, mich neben meine Frau zu legen, Dich noch zu sehen, zu riechen, Deine Hand zu fühlen, die vorsichtig meinen Arm streift, zwischen meinen Fingern noch genau zu spüren, wie weich Dein Haar, wie zart Deine Haut ist, das ist schrecklich schön, aber einfach nicht auszuhalten.
Ich kann Dich nicht treffen, es tut so weh, das zu schreiben.
Roger

Betreff: Dein Ernst?
Datum: 02. 09. 2012, 14 : 44:10
Ich habe Deinen Text fünf Mal gelesen. Da steht wirklich, dass Du nicht kommen wirst. Ist das Dein Ernst? Du brichst mir mein Herz. Tu das nicht, bitte! Ich bin um 11.20 Uhr am Bahnsteig in Kassel. Seit Wochen denke ich an nichts anderes. Ich muss Dich fühlen. Ich zittere am ganzen Körper, vor Schmerz. Du hast Deine Frau schon längst mit mir betrogen, tausendmal, im Kopf. Hast Du es gedacht, ist es genau so, als hättest Du es gemacht. Wo beginnt Betrug?




