Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

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Das 31 Kapitel: Wie übel dem Simplicio die Kunst misslingt, und wie man ihm die klopfende Passion singt
Als ich dergestalt mit einem Teller in der Hand vor der Tafel aufwartete, und in meinem Gemüt von allerhand Tauben und merklichen Gedanken geplagt wurde, ließ mich mein Bauch auch nicht zufrieden, er kurret und murret ohn Unterlaß, und gab dadurch zu verstehen, dass Bursch in ihm vorhanden wären, die in freie Luft begehrten; ich gedacht, mir von dem ungeheuren Gerümpel abzuhelfen, den Paß zu öffnen, und mich dabei meiner Kunst zu bedienen, die mich erst die vorig Nacht mein Kamerad gelehret hatte; solchem Unterricht zufolg hub ich das linke Bein samt dem Schenkel in alle Höhe auf, drückte von allen Kräften was ich konnte, und wollte meinen Spruch ›Je pète‹ zugleich dreimal heimlich sagen; als aber der ungeheure Gespan, der zum Hintern hinauswischte, wider mein Verhoffen so greulich tönete, wusste ich vor Schrecken nit mehr was ich täte, mir wurde einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am Galgen gestanden wäre, und mir der Henker bereits den Strick hätte anlegen wollen; und in solcher jählingen Angst so verwirret, dass ich auch meinen eigenen Gliedern nicht mehr befehlen konnte, maßen mein Maul in diesem urplötzlichen Lärmen auch rebellisch wurde, und dem Hintern nichts bevorgeben noch gestatten wollte, dass er allein das Wort haben, es aber, das zum Reden und Schreien erschaffen, seine Reden heimlich brummeln sollte, derowegen ließ solches dasjenige, so ich heimlich zu reden im Sinn hatte, dem Hintern zu Trutz überlaut hören, und zwar so schrecklich, als wenn man mir die Kehl hätte abstechen wollen: je greulicher der Unterwind knallete, je grausamer das ›Je pète‹ oben herausfuhr, gleichsam als ob meines Magens Ein- und Ausgang einen Wettstreit miteinander gehalten hätten, welcher unter ihnen beiden die schrecklichste Stimm von sich zu donnern vermochte. Hierdurch bekam ich wohl Linderung in meinem Eingeweid, dagegen aber einen ungnädigen Herrn an meinem Gouverneur; seine Gäst wurden über diesem unversehenen Knall fast wieder alle nüchtern, ich aber, weil ich mit aller meiner angewandten Mühe und Arbeit keinen Wind bannen können, in eine Futterwanne gespannet und also zerkarbeitscht, dass ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches waren die erste Bastonaden die ich kriegte, seit ich das erstemal Luft geschöpft, weil ich dieselbe so abscheulich verderbt hatte, in welcher wir doch gemeinschaftlicher Weis leben müssen, da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäst suchten ihre Bisemknöpf und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftobak hervor, aber die besten aromata wollten schier nichts erklecken. Also hatte ich von diesem Actu, den ich besser als der beste Komödiant in der Welt spielte, Friede in meinem Bauch, hingegen Schläg auf den Buckel, die Gäst aber ihre Nasen voller Gestank, und die Aufwärter ihre Mühe, wieder einen guten Geruch ins Zimmer zu machen.
Das 32. Kapitel: Handelt abermal von nichts anderm als der Säuferei, und wie man die Pfaffen davon soll abschaffen
Wie dies vorüber, musste ich wieder aufwarten wie zuvor, mein Pfarrer war noch vorhanden, und wurde sowohl als andere zum Trunk genötiget, er aber wollte nicht recht daran, sondern sagte: Er möchte so bestialisch nicht saufen; hingegen erwies ihm ein guter Zechbruder, dass er, Pfarrer, wie eine Bestia, er, der Säufer, und andere Anwesende aber wie Menschen söffen. »Denn«, sagte er, »ein Vieh säuft nur so viel als ihm wohl schmecket und den Durst löscht, weil sie nicht wissen was gut ist, noch den Wein trinken mögen; uns Menschen aber beliebt, dass wir uns den Trunk zunutz machen, und den edlen Rebensaft einschleichen lassen, wie unser Voreltern auch getan haben.« »So wohl«, sagt' der Pfarrer, »es gebührt mir aber rechte Maß zu halten.« »Wohl«, antwort jener, »ein ehrlicher Mann hält sein Wort«, und ließ ihm darauf einen mäßigen Becher einschenken, denselben dem Pfarrer zuzuzotteln; er hingegen ging durch und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen.
Als dieser abgeschafft war, ging es drunter und drüber, und ließ sich ansehen, als wenn diese Gasterei ein bestimmte Zeit und Gelegenheit sein sollte, sich gegeneinander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schand zu bringen oder sonst ein Possen zu reißen; denn wenn einer expediert wurde, dass er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es: Nun ists wett! Du hast mirs hiebefür auch so gekocht, jetzt ist dirs eingetränkt!, und so fortan etc. Welcher aber ausdauren und am besten saufen konnte, wusste sich dessen groß zu machen, und dünkte sich kein geringer Kerl zu sein; zuletzt dürmelten sie alle herum, als wenn sie Bilsensamen genossen hätten. Es war eben ein wunderliches Faßnachtspiel an ihnen zu sehen, und war doch niemand, der sich darüber verwundert' als ich; einer sang, der ander weinet', einer lachte, der ander traurete, einer fluchte, der ander betete, einer schrie überlaut Courage, der ander konnte nicht mehr reden, einer war stille und friedlich, der ander wollte den Teufel mit Raufhändeln bannen, einer schlief und schwieg still, der ander plaudert', dass sonst keiner vor ihm zukommen konnte; einer erzählte seine liebliche Buhlerei, der ander seine erschrecklichen Kriegstaten, etliche redeten von der Kirch und geistlichen Sachen, andere von Ratione Status, der Politik, Welt- und Reichshändeln; teils liefen hin und wider und konnten an keiner Stelle bleiben, andere lagen und vermochten nicht, den kleinesten Finger zu regen, geschweige aufrecht zu gehen oder zu stehen, etliche fraßen wie die Drescher und als ob sie acht Tage Hunger gelitten hätten, andere kotzten wieder, was sie denselbigen ganzen Tag eingeschlucket hatten. Einmal, ihr ganzes Tun und Lassen war dermaßen possierlich, närrisch, seltsam, und dabei so sündhaftig und gottlos, dass der mir entwischte üble Geruch, darum ich gleichwohl so gräulich zerschlagen worden, nur ein Scherz dagegen zu rechnen. Endlich setzt' es unten an der Tafel ernstliche Streithändel, da warf man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpf, und schlug nicht allein mit Fäusten, sondern auch mit Stühlen, Stuhlbeinen, Degen und allerhand Siebensachen drein, dass etlich der rote Saft über die Ohren lief, aber mein Herr stillete den Handel gleich wiederum.
Das 33. Kapitel: Wie der Herr Gubernator ein abscheulichen Fuchs geschossen
Da es nun wieder Fried worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleut samt dem Frauenzimmer, und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal auch zu einer andern Torheit erkoren und gewidmet war; mein Herr aber setzte sich auf sein Lotterbett, weil ihm entweder vom Zorn oder der Überfüllung wehe war, ich ließ ihn liegen, wo er lag, damit er ruhen und schlafen könnte, war aber kaum unter die Tür des Zimmers kommen, als er mir pfeifen wollte und solches doch nicht konnte. Er rief, aber nicht anders als ›Simpls‹. Ich sprang zu ihm und fand ihn die Augen verkehren wie ein Vieh, das man absticht; ich stund da vor ihm wie ein Stockfisch und wusste nicht was zu tun war: er aber deutet' aufs Tresor und lallete: »Br-bra-bring da das; du Schuft, la-la-lang-langs Lavor, ich m-mu-muss e-ein Fu-Fuchs schießen!« Ich eilete und brachte das Lavorbecken, und als ich zu ihm kam, hatte er ein Paar Backen wie ein Trompeter; er erwischte mich geschwind bei dem Arm und akkommodierte mich zu stehen, dass ich ihm das Lavor gerad vors Maul halten musste, solches brach ihm mit schmerzlichen Herzstößen ohnversehens auf, und goß eine solche wüste Materi in bemeldtes Lavor, dass mir vor unleidentlichem Gestank schier ohnmächtig wurde, sonderlich weil mir etliche Brocken (sal. ven.) ins Gesicht spritzten: Ich hätte beinahe auch mitgemacht, aber als ich sah, wie er verbleichte, ließ ichs aus Furcht unterwegen, und besorgte, die Seel würde ihm samt dem Unflat durchgehen, weil ihm der kalte Schweiß ausbrach, und sein Angesicht einem Sterbenden ähnlich sah: Als er sich aber gleich wieder erholte, hieß er mich frisch Wasser holen, damit er seinen Weinschlauch wieder ausspülete.
Demnach befahl er mir den Fuchs hinwegzutragen, welcher mich, weil er in einem silbern Lavor lag, nichts Verächtliches, sondern ein Schüssel voller Vor-Essen für vier Mann zu sein bedünkt', das sich beileib nicht hinwegzuschütten gebührte; zudem wusste ich wohl, dass mein Herr nichts Schlimmes in seinen Magen gesammlet, sondern herrliche und delikate Pastetlein, wie auch von allerhand Gebackens, Geflügel, Wildpret und zahmem Vieh, welches man alles noch artlich unterscheiden und kennen konnte, ich schummelte mich damit, wusste aber nicht wohin, oder was ich draus machen sollte, durfte auch meinen Herrn nicht fragen. Ich ging zum Hofmeister, dem wies ich dieses schöne Traktament, und fragte, was ich mit dem Fuchs machen sollte? Er antwortet': »Narr gehe, und bring ihn dem Kürschner, dass er den Balg bereite.« Ich fragte, wo der Kürschner sei? »Nein«, antwortet' er, da er mein Einfalt sah, »bring ihn dem Doktor, damit er daran sehe, was für ein Zustand unser Herr habe.« Solchen Aprilengang hätte ich getan, wenn der Hofmeister nicht was anders gefürcht hätte, er hieß mich derowegen den Bettel in die Küche tragen, mit Befehl, die Mägd solltens aufheben und ein Pfeffer drüber machen, welches ich ernstlich ausrichtet, und deswegen von den Schleppsäcken mächtig agiert worden.
Das 34. Kapitel: Wie Simplicius den Tanz verdorben
Mein Herr ging eben aus, als ich meines Lavors los worden, ich trat ihm nach gegen ein großes Haus zu, allwo ich im Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell untereinander herumhaspeln sah, dass es frei wimmelte; die hatten ein solch Getrippel und Gejohl, dass ich vermeinte, sie wären alle rasend worden, denn ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten und Toben vorhaben möchten? ja ihr Anblick kam mir so grausam, fürchterlich und schrecklich vor, dass mir alle Haar gen Berg stunden, und konnte nichts anders glauben, als sie müßten aller ihrer Vernunft beraubt sein: Da wir näher hinzukamen, sah ich, dass es unsere Gäst waren, welche den Vormittag noch witzig gewesen. »Mein Gott!« gedacht ich, »was haben doch diese armen Leut vor? Ach, es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit überfallen.« Bald fiel mir ein, es möchten vielleicht höllische Geister sein, welche in dieser angenommenen Weis dem ganzen menschlichen Geschlecht durch solch leichtfertig Geläuf und Affenspiel spotteten, denn ich gedachte, hätten sie menschliche Seelen und Gottes Ebenbild in sich, so täten sie auch wohl nicht so unmenschlich. Als mein Herr in Hausöhrn kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut eben auf, ohne dass sie noch ein Bückens und Duckens mit den Köpfen, und ein Kratzens und Schuhschleifens mit den Füßen auf dem Boden machten, dass mich deuchte, sie wollten die Fußstapfen wieder austilgen, die sie in währender Raserei getreten; am Schweiß, der ihnen über die Gesichter floß, und an ihrem Geschnauf konnte ich abnehmen, dass sie sich stark zerarbeitet hatten; aber ihre fröhlichen Angesichter gaben zu verstehen, dass sie solche Bemühungen nicht sauer ankommen.
Ich hätte trefflich gern gewusst, wohin doch das närrisch Wesen gemeint sein möchte? fragte derowegen meinen Kameraden und vertrauten Herzbruder, der mich erst kürzlich das Wahrsagen gelehret, was solche Wut bedeute? oder wozu dieses rasende Trippen und Trappen angesehen sei? Der berichtet' mir für eine gründliche Wahrheit, dass sich die Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt einzutreten. »Warum vermeinst du wohl«, sagt' er, »dass sie sich sonst so tapfer tummlen sollten? hast du nicht gesehen, wie sie die Fenster vor Kurzweil schon ausgeschlagen? eben also wird es auch diesem Boden gehen.« »Herr Gott«, antwortet ich, »so müssen wir ja mit zugrund gehen, und im Hinunterfallen samt ihnen Hals und Bein brechen?« »Ja«, sagt' mein Kamerad, »darauf ists angesehen, und da geheien sie sich den Teufel darum, du wirst sehen, wenn sie sich also in Todsgefahr begeben, dass jeder ein hübsche Frau oder Jungfer erwischt, denn man sagt, es pflege den Paaren, so also zusammenhaltend fallen, nicht bald wehe zu geschehen.« Indem ich dieses alles glaubte, überfiel mich eine solche Angst und Todessorg, dass ich nicht mehr wusste, wo ich bleiben sollte, und als die Musikanten, deren ich bisher noch nicht wahrgenommen, noch dazu sich hören ließen, auch die Kerl den Damen zuliefen wie die Soldaten ihrem Gewehr und Posten, wenn sie die Trommel Lärmen rühren hören, und jeder eine bei der Hand ertappte, wurde mir nicht anders, als wenn ich allbereit den Boden eingehen, und mich und viel andere mehr die Häls abstürzen sähe: Da sie aber anfingen zu gumpen, dass der ganze Bau zitterte, weil man eben ein drollichten Gassenhauer aufmachte, gedachte ich, »nun ists um dein Leben geschehen!« Ich vermeinte nicht anders, als der ganze Bau würde urplötzlich einfallen; derowegen erwischte ich in der allerhöchsten Angst eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte, unversehens beim Arm wie ein Bär, und hielt sie wie eine Klett; da sie aber zuckte, und nicht wusste, was für närrische Grillen in meinem Kopf steckten, spielte ich das Desperat, und fing aus Verzweiflung an zu schreien, als wenn man mich hätte ermorden wollen: Das war aber noch nicht genug, sondern es entwischte mir auch ohngefähr etwas in die Hosen, so einen über alle Maßen üblen Geruch von sich gab, dergleichen meine Nase lange Zeit nicht empfunden. Die Musikanten wurden jähling still, die Tänzer und Tänzerinnen höreten auf, und die ehrliche Dam, der ich am Arm hing, befand sich offendiert, weil sie sich einbildet', mein Herr hätte ihr solches zum Schimpf tun lassen: Darauf befahl mein Herr, mich zu prügeln und hernach irgendhin einzusperren, weil ich ihm denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte: Die Furierschützen, so exequieren sollten, hatten nicht allein Mitleiden mit mir, sondern konnten auch vor Gestank nicht bei mir bleiben; entübrigten mich derohalben der Stöß, und sperreten mich unter eine Stiege in Gänsstall. Seithero hab ich der Sach vielmals nachgedacht, und bin der Meinung worden, dass solche Excrementa, die einem aus Angst und Schrecken entgehen, viel üblern Geruch von sich geben, als wenn einer ein starke Purgation eingenommen.
Ende des ersten Buches
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