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Der Sonnenuntergang war fantastisch, aber das bekam sie kaum mit, weil sie immer noch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt war. Es war noch zu früh, um in den Club zu gehen. Da würde jetzt noch nichts los sein. Wahrscheinlich war er noch nicht einmal auf.
Was sie sich jedoch fragte, war: Was würde später los sein? Sie kannte den Club nur von jenem einen Besuch mit Cait an jenem schicksalsträchtigen Abend, an dem das ganze Drama, dem Cindy später zum Opfer gefallen war, seinen Anfang genommen hatte. Freiwillig wäre sie niemals wieder dorthin zurückgekehrt.
Aber um Freiwilligkeit ging es jetzt wohl nicht. Sie musste mit Cindy sprechen. Sie musste sehen, was sie . . . tat.
Warum rufst du sie nicht an?
Na, dich kenne ich ja schon gar nicht mehr.
Michelle war überrascht, dass ihre innere Stimme sich meldete. So deutlich meldete, wie es schon seit langem nicht mehr der Fall gewesen war.
Natürlich hatte sie schon zuvor daran gedacht, Cindy anzurufen. Spätestens, seit sie hier gelandet war. Und doch hatte sie es nicht getan. Dabei hätte sie es schon im Taxi tun können. Warum alles nicht ganz normal ablaufen lassen? Vielleicht verzichtete Cindy dann auf diesen . . . Auftritt, den Michelle sich sowieso nicht so richtig vorstellen konnte. Ein hautenges Kleid mit einem Schlitz bis zum Bauchnabel? Sie wusste gar nicht, dass Cindy so etwas besaß. Oder hatte Candice da geflunkert? Cindy das Kleid sogar geliehen? Um Michelle eifersüchtig zu machen? Eines von ihren, Candice’, Kleidern, denn sie besaß so etwas definitiv.
Aber warum? Warum sollte sie Michelle eifersüchtig machen wollen? Sie liebte Cindy. Ja, das tat sie, auch wenn sie das lange Zeit nicht hatte zugeben wollen. Mittlerweile hatte sie jedoch keinen Zweifel mehr daran. Und sie betrog sie auch nicht. Sie wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen. Es gab also gar keinen Grund für Eifersucht von Cindys Seite her, für den Michelle eine Art Bestrafung verdient gehabt hätte.
Kurz blitzte in ihrem Kopf ein Bild auf, wie sie sich mit ausgebreiteten Armen vor die Tür des Clubs stellte und Cindy gar nicht erst hereinließ. Wenn sie nicht drin war, konnte sie auch nicht singen.
Singen. Wieso überhaupt singen? Wieso auf einer Bühne auftreten? Und dann auch noch in einem so sexy Outfit? So etwas hatte Cindy bisher noch nie getan. Und auch nie ein Interesse dafür bekundet. Vielleicht sollte sie sie wirklich anrufen und fragen, was ihr da eigentlich in den Sinn gekommen war.
Doch kaum hatte sie ihr Smartphone in der Hand, da meldete es sich auch schon. Cindys Bild erschien auf dem Display. Eine lächelnde Cindy, deren freundliche Augen Michelle liebevoll betrachteten.
Sie nahm den Anruf an. »Ja?«
»Störe ich dich?« Cindys Stimme klang entschuldigend. »Tut mir leid, ich weiß, es ist noch früh, und du bist sicher noch im Büro . . .«
Jetzt hätte sie die Chance gehabt, die Wahrheit zu sagen. Hatte sie das nicht eben noch tun wollen? Und normalerweise log sie auch nicht. Aber etwas verschweigen war nicht lügen, oder?
»Hm«, meinte sie unbestimmt. »Ist schon okay.«
Sie war froh, dass Cindy sie nur anrief und keine Videoverbindung angefordert hatte, denn dann hätte sie diese Frage sicher nicht gestellt, weil sie die Palmen im Hintergrund hätte sehen können, auch wenn sie sich im schwachen Dämmerlicht nur noch wie Schattenrisse vom Himmel abzeichneten. Nun ja, auch in LA gab es Palmen . . .
»Ich vermisse dich so«, flüsterte Cindy. »Aber ich weiß ja, wir fliegen nach Weihnachten nach Colorado . . . Damit versuche ich mich zu trösten.«
Michelle schluckte. Sie schämte sich jetzt fast dafür, dass sie Colorado vorgeschlagen hatte. Denn aus Cindys Mund klang es wie Eiseskälte in der Hölle.
So schlimm konnte es doch nicht sein. Oder doch? Sie war immer noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem sie Cindy hundertprozentig verstand. Vielleicht hatte sie sie überhaupt noch nie richtig verstanden. Es war doch alles sehr schnell gegangen, und sie waren immer von irgendwelchen Katastrophen abgelenkt gewesen, sodass sie sehr wenig Zeit für sich selbst und ihre Beziehung gehabt hatten. So richtig war Michelle das noch nie aufgefallen, denn das war überhaupt nicht ihr Thema.
Aber es war Cindys Thema. Das merkte sie jetzt deutlicher und deutlicher. Obwohl sie es natürlich auch vorher schon gewusst hatte. Doch vielleicht hatte sie es gar nicht so richtig wissen wollen. Cindy hatte dafür gesorgt, dass es diese Beziehung überhaupt gab, und dann dafür, dass sie weiterhin Bestand hatte, dass sie wuchs und sogar in eine Ehe mündete. Michelle war sich absolut dessen bewusst, dass nichts davon ihr Verdienst war.
»Hast du was?«, fragte Cindy mit einem besorgten Tonfall in der Stimme, weil Michelle nichts sagte. »Bitte, nicht böse sein. Ich weiß, ich hätte Colorado nicht erwähnen sollen. Oder Weihnachten. Aber . . .«, wahrscheinlich schluckte sie jetzt so, wie Michelle zuvor geschluckt hatte, »ich hatte mir das so schön vorgestellt.«
»Ich könnte ja noch kommen.« Auf einmal flossen diese Worte aus Michelle heraus, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich losgelassen zu werden.
Sie hörte, wie Cindy heftig nach Luft schnappte. »Du würdest kommen? Jetzt? Zu mir?«
»Ich glaube, es war falsch, dass ich das sofort abgelehnt habe«, sagte Michelle. »Mittlerweile habe ich mir so meine Gedanken darüber gemacht. Und ehrlich gesagt hat sogar Chris mich darauf hingewiesen. Obwohl sie, wie du ja weißt, nicht gerade sentimental ist.«
»Chris?« Michelle konnte richtig sehen, wie Cindy jetzt die Stirn runzelte. »Was hat Chris denn damit zu tun?«
»Gar nichts«, beruhigte Michelle sie und musste gleichzeitig lächeln. Es gab nicht den geringsten Grund für Cindy, auf Chris eifersüchtig zu sein, aber sie glaubte so etwas aus ihrer Stimme herauszuhören.
Warum hatte sie ganz selbstverständlich angenommen, dass es nie Eifersucht zwischen ihnen geben würde? Doch nur, weil ihre vorherigen Beziehungen nie so tief gegangen waren, dass dieses Thema überhaupt hätte aufkommen können. Candice und sie hatten sich beispielsweise nie Treue versprochen. Das wäre überhaupt nicht gegangen. Bei Candice nicht und bei ihr selbst auch nicht.
»Oh Michelle . . . Liebling . . .«, hauchte Cindy mit tränenerstickter Stimme. »Dann kannst du ja morgen schon da sein. Meine Mutter wird sich so freuen . . .«
»Nur deine Mutter?«, fragte Michelle schmunzelnd.
Anscheinend hatte Cindy sich wieder gefasst und lachte jetzt auf. »Wenn ich meiner eigenen Frau sagen muss, dass ich mich freue, sie zu sehen, und sie das nicht von selbst weiß, dann ist aber irgendetwas nicht in Ordnung.«
»Da hast du wohl recht.« Michelle murmelte es nur, weil es eigentlich an sie selbst gerichtet war und nicht so an Cindy.
»Wenn du mir sagst, wann du ankommst«, fuhr Cindy ziemlich aufgeregt fort, »hole ich dich am Flugplatz ab.«
Michelle schüttelte den Kopf. »Ich weiß noch nicht, wann ich fliege, das kommt darauf an.«
Kurz sagte Cindy nichts, dann akzeptierte sie offenbar das, was Michelle angedeutet hatte, nämlich dass sie sich nicht festlegen wollte. »Ist gut«, seufzte sie etwas enttäuscht. »Dann sehe ich dich eben, wenn du da bist.«
Warum fragte sie jetzt nicht nach Candice? Aber das tat Michelle nicht. Sie wollte es gar nicht wissen.
Eifersucht war eben keine Einbahnstraße. Sie wunderte sich, warum Cindy bei der Erwähnung von Chris auf einmal misstrauisch wurde, obwohl es dazu keinen Anlass gab und Cindy das auch wissen musste, aber umgekehrt? Ja, Candice hatte gesagt, dass es ihr nichts ausmachte, ob eine Frau verheiratet war oder nicht. Das wusste Michelle nur zu gut, denn Candice hatte mehr als einmal etwas mit jemandem gehabt, der diesen speziellen Ring am Finger trug. Aber auch wenn Cindy eine verheiratete Frau war, das musste doch nicht heißen . . . Dazu gehörten doch immer zwei. Und Cindy würde so etwas nie tun.
Und doch war Vertrauen etwas sehr, sehr Neues für Michelle. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gelernt, dass man keinem Menschen vertrauen konnte. Bei ihrer Mutter angefangen. Vor Cindy hatte es nie jemanden gegeben, der diese ihre Einschätzung widerlegt hätte. Wenn man jemandem vertraute, ging man immer das Risiko ein, belogen und betrogen zu werden. Da konnte sie sich jetzt nicht so schnell umstellen. Vertrauen war immer noch mehr ein Wort für sie als ein Gefühl, als etwas, das tief in ihr verankert war. Es hing nur lose an einem seidenen Faden.
»Ja, dann siehst du mich, wenn ich da bin. Ich melde mich, wenn ich gelandet bin«, wiederholte sie noch einmal das, von dem sie wusste, dass es so gar nicht mehr geschehen konnte. Denn sie war ja schon hier.
»Nicht erst, wenn du gelandet bist. Melde dich, wenn du abfliegst«, bat Cindy. »Bitte . . .« Sie schluckte hörbar. »Dann bist du zwar noch nicht da, aber ich weiß, dass du wenigstens in der Luft bist. Auf dem Weg zu mir.«
»Traust du mir nicht?« Michelle reagierte, als hätte Cindy ihr etwas ganz Unglaubliches unterstellt. Und dabei stand sie hier, in einem Park in Miami, und schwindelte Cindy vor, sie wäre noch in Anaheim.
Na ja, sie schwindelte nicht wirklich. Selbst die Aussage, dass sie nicht wusste, wann sie fliegen würde, war nicht falsch, denn sie würde ja gar nicht fliegen, also konnte sie auch nicht wissen, wann. Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass das Haarspalterei war. Etwas, das sie sich in langen Jahren im Geschäftsleben hatte angewöhnen müssen und eigentlich nie gemocht hatte.
Sie wusste, dass sie Cindy durchaus hätte die Wahrheit sagen können, ohne etwas zu verschweigen, und dass sie es nicht tat. Vielleicht ging sie deshalb so in die Luft. Weil sie eigentlich Schuldgefühle hatte. Denn sie wusste noch nicht einmal, warum sie Cindy die Tatsache, dass sie bereits hier war, verschwieg. Sie wusste nur, dass etwas tief in ihr drin das verlangte, ohne ihr eine Erklärung abzugeben.
»Nein, natürlich traue ich dir«, widersprach Cindy sofort vehement. »Ich . . . ähm . . .«, auf einmal schien es, als wäre sie abgelenkt, »muss jetzt auflegen.«
Candice? dachte Michelle. Aber selbstverständlich sagte sie es nicht. Sie hätte auch fragen können, wo Cindy jetzt war. Vielleicht war sie schon im Club, zog sich bereits für ihren Auftritt um . . .
Nein, darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Was, wenn Cindy sich jetzt gerade vor Candice splitterfasernackt auszog, um das hautenge Kleid anzuziehen? Ohne Unterwäsche, denn so trug Candice diese hautengen Kleider auch immer. Das ging gar nicht anders, weil sich bei dieser Art Bekleidung sonst selbst das textilärmste Höschen abzeichnete.
»Tschüss, mein Liebling«, rief Cindy offenbar schon im Gehen. »Bis morgen dann!«
Michelle war froh, dass sie dieses morgen nicht auch noch bestätigen musste, denn danach war die Verbindung gekappt und Cindys Bild vom Display verschwunden.
Dennoch starrte sie noch eine Weile darauf, als würde sie erwarten, dass Cindys Gesicht wieder erscheinen würde. Aber sie hatte keinen Grund, noch einmal anzurufen. Warum sollte sie?
Mit einer Bewegung, als würde sie damit ein Kapitel beenden, steckte sie das Handy wieder in ihre Tasche.
Jetzt musste sie eine Entscheidung treffen, ob sie wollte oder nicht.
5
S ieht immer noch genauso aus wie damals.
Als Michelle das Lokal betrat, war es wie ein Déjà-vu, das keine guten Gefühle in ihr auslöste. Doch es war kein Déjà-vu, denn sie war ja tatsächlich schon einmal hiergewesen. Ein einziges Mal. Und das hatte sie verdrängt, soweit sie konnte.
Den Flügel und die Bühne im Hintergrund hatte sie damals gar nicht so richtig wahrgenommen. Sie war auf etwas anderes konzentriert gewesen. Auf Cait. Automatisch pressten ihre Kiefer sich aufeinander.
»Guten Abend.« Eine junge Frau, die zur Begrüßung der Gäste am Eingang stand, lächelte sie freundlich an. »Eine Person?«
Michelle nickte, während ihr Blick noch immer durch den langgestreckten Raum schweifte. Die Tische im Vordergrund waren schon recht gut besetzt. Ein paar Personen aßen bereits, die meisten unterhielten sich jedoch nur, lachten und erwarteten offensichtlich einen schönen Abend. Oder hatten ihn schon. Mit der Frau, die ihnen gegenübersaß.
»Haben Sie eine Reservierung?«, fragte die junge Frau jetzt.
»Nein.« Michelle schüttelte den Kopf. »Ich habe mich spontan entschieden herzukommen.«
Wie merkwürdig das klang. Normalerweise war sie überhaupt nicht spontan. Sie liebte Überraschungen nicht, egal, ob man sie ihr bereitete oder sie sie anderen bereiten sollte. Planung war ihre Devise. Nur so erreichte man die Ergebnisse, die man erreichen wollte.
»Die Tische an der Bühne sind alle reserviert.« Das Gesicht, das von halblangen dunklen Haaren eingerahmt wurde, schaute sie bedauernd an. »Wir haben heute Open Mic Night. Da sind die immer sehr begehrt.«
Open Mic Night. Das hieß also, Cindy war heute Abend nicht die einzige, die auf dieser Bühne auftreten würde. Michelle hatte sich schon gefragt, wie es zu diesem Auftritt gekommen war. Schließlich war Cindy keine professionelle Entertainerin. Noch nicht einmal eine Hobby-Entertainerin. Sie war gar keine Entertainerin. Warum sie sich plötzlich dazu entschlossen hatte, daran etwas zu ändern, konnte Michelle sich nicht erklären.
Es sei denn, Candice hatte etwas damit zu tun und sie dazu überredet. Candice stand immer im Rampenlicht. Das war für sie nichts Besonderes, sondern ihr normales Leben. Vielleicht hatte sie Cindy davon überzeugt, dass es auch ihr normales Leben werden sollte. Oder zumindest ein Teil davon. Weil Michelle sich nicht genug um sie kümmerte?
»Würden Sie mir bitte folgen?« Die junge Frau nahm eine Menükarte und ging Michelle voran ein paar Schritte in den Raum hinein.
Mechanisch folgte Michelle ihr, auch wenn sie einmal fast stolperte, weil ihr Blick immer noch auf die Bühne gerichtet war, die leer auf den Auftritt der ersten Person, die sich an diesem Abend dem offenen Mikrofon stellen wollte, wartete. Würde das Cindy sein?
»Bitte.« Mit einem einladenden Lächeln wies die sehr junge Frau – sie war höchstens Anfang zwanzig, vielleicht eine Studentin, für die das hier ihr Nebenjob war – auf einen kleinen Tisch, der in einer Ecke stand. »Mein Name ist Taylor, und ich bin heute ihre Kellnerin.« Sie machte eine kleine Pause, damit Michelle sich setzen konnte, bevor sie fragte: »Wissen Sie schon, was Sie trinken möchten?«
»Bourbon«, sagte Michelle automatisch. »On the rocks. Und seien Sie vorsichtig mit dem Soda.«
Taylor nickte, legte die Menükarte vor Michelle hin und drehte sich um.
Obwohl Michelle ihr hinterherschaute, als sie sich nun zur Theke begab, sah sie sie nicht wirklich. Sie war nur ein Teil dieses Raumes, der vor ihrem Blick verschwamm. Sie erinnerte sich. Sie wollte es nicht tun, aber sie konnte es nicht verhindern.
Als sie damals hier hereingekommen waren, Cait und sie, hatte sie sich nicht sehr intensiv umgeschaut. Es war Caits Aufgabe gewesen, sich um sie zu kümmern, so wie es ihre, Michelles Aufgabe gewesen war, sich in Orlando um Cait zu kümmern. Hier in Miami hatte sie nicht die Verantwortung.
Im Nachhinein war dieses Lokal ihr wie ein dunkler Vorhof zur Hölle erschienen, aber jetzt stellte sie fest, dass es gar nicht so dunkel war. Es war keine Schmusekneipe, die mit schummrigem Licht dazu einlud, hier das Vorspiel für spätere Sexgelage abzuziehen. Es war in erster Linie ein Restaurant, in dem Frauen allein unter Frauen sein konnten, für einen schönen Abend zu zweit.
»Haben Sie sich schon entschieden?« Taylor kehrte zurück, stellte den Bourbon vor Michelle hin und blickte sie fragend an.
Michelle schüttelte den Kopf »Ich glaube, ich will nichts essen. Ich habe keinen Hunger.« Das war eindeutig die Wahrheit, denn jeglicher Appetit, den sie eventuell hätte haben können, war ihr schon längst vergangen. »Später vielleicht.« Sie lächelte kurz, aber das Lächeln verschwand sofort wieder von ihren Lippen.
Taylor nickte berufsmäßig lächelnd, wie sie es auch getan hätte, wenn Michelle etwas bestellt hätte, und verschwand an die Tür zurück, um weitere Gäste zu begrüßen. Sie würde in kurzen Abständen wiederkommen, um entweder Michelles Glas aufzufüllen oder ihre Bestellung fürs Essen aufzunehmen, sobald Michelle Lust dazu hatte.
Anscheinend sollte die Open Mic Night nun beginnen, denn das Bühnenlicht strahlte auf, und der Raum wurde leicht verdunkelt. Eine etwas ältere Frau – möglicherweise die Besitzerin dieses Lokals – betrat die Bühne, nahm das Mikrofon und begrüßte die Gäste mit einem Scherz, der das Publikum zum Lachen brachte.
Michelle nicht, aber sie hatte auch gar nicht richtig zugehört. Aufregung machte sich in ihr breit. Sie spürte die Anspannung, die ihre Finger sich fester um ihr Bourbonglas legen ließen.
Wie üblich waren die meisten, die sich für dieses Event angemeldet hatten, Stand-up Comedians. Eine ältere Frau begann den Reigen, und offenbar war sie vielen der Anwesenden schon bekannt, denn begeisterter Applaus begrüßte sie, als sie die Bühne betrat. So, wie die Besitzerin, die gleichzeitig die Bühne verließ, kurz ihre Hand liebevoll über die Hüfte der Künstlerin gleiten ließ, konnte man vermuten, dass sie wahrscheinlich ein Paar waren.
Nach diesem ersten Auftritt, der das Publikum richtig angeheizt hatte, erschien eine junge Frau mit einer Gitarre auf der Bühne, die ziemlich schüchtern wirkte. Durch das bereits freundlich gestimmte Publikum nahm ihre Schüchternheit jedoch schnell ab, nachdem sie die ersten Akkorde angeschlagen hatte und die ersten Liedzeilen des Countrysongs, den sie sang, von ihren Lippen geflossen waren.
Danach übernahmen die Stand-up Comedians wieder das Ruder, nur unterbrochen von einer Frau, die selbstgeschriebene Gedichte vortrug, bis Michelle bei ihrem dritten Bourbon angekommen war.
»Und jetzt kommt etwas ganz Besonderes«, kündigte nach dem Abgang einer Komikerin, die nicht mehr als freundlichen Applaus aus dem Publikum hatte herausholen können, die Besitzerin, die offensichtlich auch die Moderatorin des Abends war, mit einem Augenzwinkern an. »Eine Künstlerin, die neu auf dieser Bühne ist. Mit etwas, das man an Christmas Eve vielleicht nicht so erwartet.«
Das Publikum war mit jedem ihrer Worte leiser geworden, weil sie schon allein mit ihrer Stimme eine Atmosphäre erzeugt hatte, als wollte sie ein Geheimnis verraten. Wenn alle ganz genau zuhörten.
Michelle saß kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie hielt sich kaum noch darauf. Wenn das jetzt Cindy war . . .
Und tatsächlich, sie war es, denn die Conférencière lüftete das Geheimnis schon. »Lockt sie bitte mit einem Applaus heraus.« Sie begann leise in die Hände zu klatschen. »Ich präsentiere euch . . . Cindy Claybourne!«
Atemlose Stille wurde von erwartungsvoll klatschenden Händen abgelöst, verwandelte sich aber sofort wieder in atemlose Stille, als Cindy die Bühne betrat. Gleich darauf ertönte von einem Tisch eine Art Johlen und dann sogar ein Pfeifen. Das von einigen anderen aufgenommen wurde.
Michelle hätte gar nicht mehr die Luft gehabt zu pfeifen – wenn sie das überhaupt hätte tun wollen –, denn Cindys Outfit raubte ihr das letzte bisschen Atem, das sie noch zur Verfügung gehabt hatte. Sie hatte es ja gewusst, Candice hatte es ausführlich genug angekündigt, aber etwas zu wissen und etwas zu sehen waren immer noch zwei verschiedene Dinge.
Das schulterfreie weiße Kleid, das wirklich wie eine zweite Haut saß, ging fast bis zum Boden, aber als Cindy einen Schritt auf den Flügel zumachte, öffnete es sich mit einem langen Schlitz, der Cindys Bein wie eine lockende Versuchung herausblitzen ließ. So einen Schlitz hatte Michelle selbst bei Frauen wie Candice selten gesehen. Es schien, als wäre das Kleid noch einmal extra nach oben geöffnet worden.
Sie hörte, wie einige im Publikum nach Luft schnappten, als Cindy nun weiterging. Hatte sie immer schon so schwingende Hüften beim Gehen gehabt? Mittlerweile hatte sich eine Frau im Smoking an den Flügel gesetzt und blickte Cindy entgegen.
Cindy ging lächelnd auf sie zu, nickte und lehnte sich dann ziemlich lasziv an den Flügel, das Bein vorgestellt, das der Schlitz frei sehen ließ. Das Mikrofon stand direkt vor ihr, und mit ihrer melodischen Stimme kündigte sie an: »Ihr kennt dieses Lied alle. Es ist das einzige Weihnachtslied, das keinen eigenen Titel braucht. Es heißt einfach nur . . .«, sie machte eine Kunstpause, »The Christmas Song.«
Die Frauen im Saal klatschten begeistert, und Cindy und ihre Begleiterin am Klavier warteten ab, bis sie sich wieder beruhigt hatten, dann schlug die Pianistin die ersten Akkorde an, entwickelte die Melodie ins Intro, und auf einmal erklang Cindys Stimme. »Chestnuts roasting on an open fire . . .«
Tat sie das extra? Michelle lief es abwechselnd heiß und kalt den Rücken herunter. Sie hatte immer schon gewusst, dass Cindy eine sehr melodische Sprechstimme hatte, aber ihre Singstimme war . . . mehr als melodisch. Sie war verführerisch, hauchte manche Noten nur, sang andere, als wäre sie in einer Kirche, und dann wieder, als wollte sie sämtliche hier anwesenden Frauen gleich vernaschen. Wenn ihr Outfit schon sexy war, aber wie sie dieses Lied sang, das war fast schon . . . mehr als erotisch.
»Na, gefällt es dir?« Das war eine andere Stimme da fast direkt an ihrem Ohr.
Nachdem sie zusammengezuckt war, drehte Michelle sich zu Candice um, die hinter ihr stand und ihr ins Ohr geflüstert hatte. Sie musste sich von der Küchentür herangeschlichen haben, denn sonst hätte Michelle sie gesehen.
»Hast du schon jemals solche heißen Kastanien aus dem Feuer holen müssen?«, fuhr Candice sie aufziehend fort und wies mit ihrem Kinn auf Cindy auf der Bühne.
»Du bist dafür verantwortlich, oder?«, fragte Michelle endlich, nachdem sie sich halbwegs wieder gefasst hatte, und drehte ihr Gesicht zur Bühne zurück, wo Cindy sich zwischenzeitlich ein wenig auf den Flügel gelegt hatte und sich dort räkelte. Zudem streichelte sie ihn bei jeder Silbe, die sie sang, mit sanften Fingern, als wäre es kein Flügel, sondern etwas anderes. Jemand anderes.
»Nein, du«, sagte Candice und ließ sich neben ihr am Tisch nieder. »Wenn du dich nicht so blöd angestellt hättest mit Weihnachten, wäre das nicht nötig gewesen.«
Das konnte Michelle so nicht akzeptieren, aber sie konnte auch nicht antworten, weil sie ihre Augen nicht von Cindy nehmen konnte und das eine Kurzatmigkeit bei ihr verursachte, die sich fast so anhörte, als hätte sie ihr Leben lang geraucht.
»Nun geh schon nach vorn«, forderte Candice sie ungeduldig auf. »Für mich macht sie das nicht, was sie da oben veranstaltet.«
Normalerweise ließ Michelle sich keine Befehle erteilen, aber jetzt stand sie fast wie in Trance auf und durchquerte das Lokal, ging an den Tischen vorbei, als wäre sie durch ein unsichtbares Band mit der Bühne verbunden und würde mit aller Kraft herangezogen.
So dunkel war es im Raum nicht, dass Cindy sie nicht sehen konnte, als sie bei den vorderen Tischen angekommen war, und es schien fast, als würde sie kurz stutzen, aber sie unterbrach ihren Vortrag nicht. Auch nicht die lasziven Bewegungen auf dem Flügel, bei denen man annehmen musste, dass sich seine Farbe gleich von Schwarz in Rot verwandeln würde.
Cindys Augen ließen Michelle nicht los, als sie nun zum Ende des Liedes kam. Scheinbar war sie davon so abgelenkt, dass sie, als sie gerade »Merry Christmas to . . .« hauchte, als ob das eine Aufforderung zum Sex wäre, auf einmal das Gleichgewicht verlor, von der glatten Oberfläche des Flügels nicht gehalten werden konnte und herunterfiel. Sie fiel nicht nur auf die Bühne, sondern rutschte wie auf einer Eisbahn bis an den Rand – und dann darüber.
Auch wenn Michelle noch nie so etwas getan hatte, öffnete sie sofort ihre Arme, griff nach Cindy und fing sie auf.
». . . youuu!«, hauchte Cindy mit dem letzten Ton des Liedes, lag in Michelles Armen, als ob sie da nie wieder aufstehen wollte, zog ihren Kopf zu sich herunter und versank in einen tiefen Kuss mit ihr.
Das Publikum johlte, schrie, pfiff, stand auf und klatschte. Es war eine Bombenstimmung.




