Gretge. „mit Hexen verwandt, als Hexe verbrannt“

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So häuften fleißige Mädchen viel Wäsche für die Aussteuer an und weniger fleißige litten später Not, was die Wäsche anging. Mettes Truhe hatte innen an der linken Seite eine Lade mit einer Klappe, in die sie ihre kleinen Schätze, wie die Brosche, welche sie zur Hochzeit geschenkt bekam, hineinlegen konnte. Weiterhin war die „Hohe Kante“, eine Leiste, um darauf die Taler und Schillinge zu legen, vorhanden. Das Geld verwaltete die Ehefrau und den Schlüssel zur Truhe trug sie stets in der Schürze.
In den späten Nachmittagsstunden hatte Mette ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht. Hibbel wusch es mit warmem sauberem Wasser ab, nachdem sie die Nabelschnur mit einer Schere durchtrennt hatte. Dann trocknete sie das kleine Kind ab und wickelte es in wärmende Decken ein. Nun erst reichte sie Mette, die inzwischen von Anne und der alten Margarethe gewaschen und versorgt war, das Neugeborene.
Mette nahm ihre Tochter liebevoll in den Arm und schaute sie nachdenklich an. Das Mädchen hatte die Augen geschlossen, die wenigen Haare auf dem Kopf schimmerten hellblond im Kerzenlicht. Das Gesichtchen war noch ein wenig schrumpelig, wie bei alten Leuten. Mette lächelte ihre Schwiegermutter an und sagte: „Sie soll Margarethe wie ihre Großmutter getauft werden“, woraufhin sie der alten Margarethe ihre Enkelin reichte. Margarethe setzte sich auf die Bettkante, nahm die Enkeltochter liebevoll in die Arme und schaute sie versonnen an.
Als das Kind zum ersten Mal die Augen aufschlug, sah es seine Großmutter mit großen Augen an und lächelte. Das erste Wort, welches es hörte, war „Gretge“. Die alte Margarethe sprach es mit Stolz und tiefer Freude aus. Sie schaute ihre Schwiegertochter dankbar an und legte ihre Hand auf deren Arm, als wolle sie Dank sagen. Dann stand sie auf, das Kind in den Armen, ging aus der Kammer in die Diele, zeigte den Männern stolz das Mädchen und erzählte, was ihr Mette gesagt hatte. Tietke nahm seinen Sohn Claus anerkennend in den Arm und freute sich mit ihm. Das Leben auf dem Hof würde weitergehen, auch wenn er einmal nicht mehr sein würde.
Claus nahm seiner Mutter das Kind ab und ging zu seiner Frau in die Kammer. Man sah ihm die Freude an, als er sich auf die Bettkante setzte. Mette lächelte und sagte: „Beim nächsten Mal wird es der Hoferbe sein und der soll Tietke, wie Dein Vater, gerufen werden. Sag es ihm bitte.“ Claus erwiderte: „Lass es gut sein. Die Hauptsache ist, Ihr beiden seid wohlauf. Wir haben einen harten Winter vor uns, aber wir werden es schon schaffen.“ Dann legte er Mette das Kind in den Arm und ging aus der Kammer zurück zu den anderen.
Anne hatte inzwischen das Abendessen für die Anwesen-den zubereitet. Es war nicht viel, aber das Wenige wurde gerne gegeben. Sie sprachen ein Dankgebet, dann wurde gespeist.
VII
Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1646 wurde das Kind in der Scheeßeler Kirche nach dem Gottesdienst durch Pastor Dornemann auf den Namen Margarethe getauft; nach der Großmutter, so wie es Mette wollte. Weil die Mütter nach der Niederkunft als unrein galten und deswegen sechs Wochen nicht in die Kirchen durften, war Mette bei der Taufe ihrer Tochter nicht dabei. Sie blieb daheim und die Dienstmagd Anne bereite ein beschei-denes Mahl zur Tauffeier im Hause vor.
Das Taufkleidchen und die Taufmütze hatte Mette sich bei der Bademutter gegen eine geringe Gebühr ausgeliehen. “Gretge“, so wollte sie ihre Tochter Margarethe rufen, war in ein besticktes Tuch, welches ortsüblich „Lure“ bezeich-net wurde, eingewickelt. Die Lure konnten sich die Taufeltern beim Pastor ausleihen, mussten aber auch dafür eine Gebühr bezahlen. An diesem Tag gab es gleich zwei Taufen, denn am Heiligen Abend waren zwei Kinder im Kirchspiel lebend geboren worden.
Claus hatte nicht viele Freunde im Dorf. Er war zwar ein Vollhöfner, der aber arm war, wie viele andere während dieser schweren Zeiten auch. Sein Freundeskreis wurde nach der Hochzeit noch kleiner. Das Verhältnis zu den Nachbarn, bis auf einen, hatte sich merklich abgekühlt. Das begann, als sich herumsprach, dass er eine auswärtige Frau, die auch noch aus Höperhöfen im Nachbarkirchspiel stammte, heiraten würde.
Es mangelte ihm deswegen an Paten. Er konnte die im Kirchspiel Scheeßel üblichen fünf Paten, bei einem Mädchen drei Frauen und zwei Männer, nicht zusammen bekommen. Er brachte nur drei Paten auf, und das waren ausschließlich Verwandte. Seine eigene Mutter, seine Schwester Anna Heitmann aus Bartelsdorf und sein älterer Bruder Peter. Diese brachten den üblichen Tauftaler mit, auch wenn sie ebenso arm wie er waren. Die Einquartie-rungen und das Marodieren von Tillys Truppen zu seines Vaters Zeiten hatte immer noch verheerende wirtschaft-liche Auswirkungen auf die Menschen der Region. Das Wüten des nunmehr seit 28 Jahren tobenden Krieges hatten auch hier im Dorf schwere Folgen hinterlassen. Dieser Krieg sollte erst zwei Jahre nach Gretges Geburt offiziell beendet erklärt werden, wovon hier aber noch keiner etwas ahnte.
Die Paten bereiteten sich im Pastorenhaus auf die Taufe vor. Wie in früheren Zeiten hielt die älteste Patin das Kind über das mittelalterliche Taufbecken.
In diesem Fall stand die eigene Großmutter Margarethe als Patin stolz in der Stube des Pfarrhauses. Der Pfarrer hatte keine Diele mit einem offenen Feuer, wie es die anderen Häuser üblicherweise hatten. Es verfügte über mehrere kleinere ungeheizte Kammern, eine Küche mit einem Vorratsraum und eine große Stube, die einen steinernen Kamin mit einem gemauerten Schornstein hatte, mit dem der Raum beheizt wurde.
Für die Bauern war dieser Luxus nicht möglich, denn Ziegel waren viel zu teuer und auch Feuerholz konnten sie sich nicht leisten. Bäume durften sie nicht ohne Genehmigung schlagen und das Pollholz, welches auf dem Waldboden lag, reichte nicht für alle Haushalte. Meist nahmen sie getrockneten Torf oder Heide zum Heizen und Kochen, mussten damit aber haushalten. So genossen sie den warmen Raum sehr, in dem auch Taufen an Tagen durchgeführt wurden, wenn es nicht Sonntag war oder das Geld zur Taufe in der Kirche vor dem Altar Gottes nicht reichte.
Als der Gottesdienst vorbei war, holte der Küster Johann Grelle die beiden im Pfarrhaus wartenden Familien zur Kirche ab.
Das Haus Gottes war heute besonders gut besucht, denn es war Weihnachten, und heute sollten zwei Menschen in das Buch des Lebens eingeschrieben werden, wozu es der christlichen Taufe bedurfte.
Die Scheeßeler Kirche war ein über 500 Jahre altes Gotteshaus, dem dieses Alter durchaus anzusehen war. Der Kirchturm aus gemauerten Felssteinen diente zugleich als Wehr- und Glockenturm. Die letzte Glocke war im Jahre 1636 gegossen geworden. Deren Vorgängerglocke war zu Tillys Zeiten von den katholischen Truppen mitgenommen und zum Gießen von Kanonen verwendet worden. Die Holzschindeln auf dem Dach hatte schon vor etlichen Jahren der neue Scheeßeler Pastor durch gebrannte Tonziegel ersetzen lassen. Im Inneren der Kirche waren die Wasserschäden sowie die notdürftig reparierten Schäden aus der Zeit der Kriegsgeschehen noch deutlich zu sehen. Die Kirche wurde damals befestigt und verteidigt. Sie diente auch als Soldatenunterkunft, während das Pfarrhaus von Offizieren als Hauptquartier genutzt wurde. Die kleinen Fenster waren mit den unterschiedlichsten farbigen Bleiglasfenstern ausgestaltet, welche die Wappen der Pastoren und Amtsvögte abbildeten. Die meisten hatten die rauen Zeiten unbeschadet überstanden. Das Altarbild aus dem 12. Jahrhundert, gemalt in Öl auf Holz war schön anzusehen. Es zeigte in der Mitte den gekreuzigten Sohn Gottes sowie rechts und links zwei gekreuzigte Männer. Am Fuße des Kreuzes standen die Mutter Maria und Maria Magdalena.
Auf dem Altar standen zwei eiserne Kerzenleuchter mit großen gelbweißen Weihnachtskerzen, deren Flammen ein warmes Licht über dem gesamten Gebetstisch verbreiteten. Die Leuchter hatte der alte Scheeßeler Schmied Johann Alvers gefertigt. Eine Orgel gab es in dieser Kirche nicht.
Die Kirchengemeinde war nach der Weihnachtspredigt in der Kirche geblieben. Sie saß auf den hölzernen Bänken mit den Brettern zum Knien, die, wie auch der Beichtstuhl, gleich rechts neben dem Haupteingang, noch aus katholischer Zeit stammten. Alle warteten neugierig auf die neuen Erdenbürger.
Zur Weihnachtszeit waren überall in der Kirche Kerzen aufgestellt. Sie leuchteten den Raum in einer anmutenden Art aus, die nicht nur Kinderaugen zum Staunen brachte. Nun warteten alle gespannt auf die Täuflinge. Der Küster geleitete die Paten, die die Kinder im Arm trugen, in die Kirche und führte sie zum am Altar stehenden Taufbecken.
Das hölzerne Taufbecken war reichlich mit Einlagen und Ornamenten aus Metall verziert, sowie mit einer versilberten Eisenschale versehen, welche das gesegnete Taufwasser enthielt. Den Beckenrand zierte die Inschrift: „Lasset die Kinderlein zu mir kommen denn solcher ist das Reich Gottes.“
VIII
Die alte Margarethe war sehr stolz und aufgeregt, würde doch ihre Enkelin im nächsten Moment auf ihren Namen getauft werden. Die anderen Paten standen um das Becken versammelt. Gretge sah in dem Taufkleidchen, auch wenn es nur geliehen war, für die Anwesenden himmlisch aus. Zuvor war der Knabe getauft worden, welcher am gleichen Tag wie Gretge geboren wurde. Nun war Gretge an der Reihe. Sie lächelte die umstehenden Menschen an, als sie die Taufe empfing. Beide Kinder waren während der Zeremonie ruhig geblieben und alle lobten, wie brav sie doch schon seien.
Anschließend gingen die Menschen ins Freie, aber dort war es noch kälter als in dem ungeheizten Gemäuer. Da sich die Leute aber bewegten, kam es ihnen nicht so vor. Sie gingen traditionell noch zu den Gräbern ihrer Lieben, die auf dem Kirchhof bestattet waren.
Die alte Margarethe ging mit der kleinen Margarethe, die sie warm eingepackt hatte, zu den Gräbern ihrer Eltern und Großeltern und zeigte ihnen symbolisch das neue Familienmitglied. „Kieck Modder un Vadder, de Deern heet ok Gretge as du Modder, und dien Modder.“ Dann fasste Tietke sie liebevoll am Arm. Die Tränen in den Augen seiner Frau hatte er wohl bemerkt. Er führte sie zum Wagen, in dem schon die anderen saßen. Sie fuhren langsam, denn sie hatten sich eine Menge zu erzählen und brauchten fast eine volle Stunde, bis sie zuhause ange-kommen waren.
Auf dem Kirchplatz zerstreute sich die Gemeinde. Die meisten fuhren oder gingen nach Hause, wenige kehrten noch in den Amtskrug ein. Der Amtskrug und die wenigen Kirchenkötnerstellen, wie die des Schmiedes Christoph Wohlberg sowie des Krämers Johann Bellmann waren rund um die Kirche platziert.
Die kleine Tauffeier für Gretge fand im Haus in Westeresch statt. Anne und der Jungknecht Peter Indorf hatten das Feuer geschürt, um das Flett recht warm werden zu lassen. Die Tiere waren versorgt, das Mahl vorbereitet. Dabei hatte eine Nachbarin, die alte Sophia, geholfen. Sie war auf dem rechten Bein ein wenig lahm, nachdem sie vor etlichen Jahren durch die Bodenluke gefallen war. Glücklicherweise hatte sie sich dabei nicht das Genick gebrochen wie viele andere vor ihr.
Es war ein bescheidenes, aber gemütliches Fest, an dem außer der Familie nur noch der Nachbar Henrich Ratchen mit seiner Frau Sophia und Hibbel, die Bademutter, teilnahmen. Die alte Hibbel aus Westerholz konnte aber nicht lange bleiben, denn während der Feier wurde sie zu einer weiteren Geburt gerufen. Sie schnackte noch kurz mit der alten Margarethe, nahm das Taufkleidchen wieder an sich und ging nach draußen, wo schon der alte Großknecht Lewerenz mit dem Wagen auf sie wartete.
Lewerenz war als Tietke Meinkens jüngster Bruder Claus` Onkel. Er war ledig als Knecht beim Bruder auf dem Hof geblieben, hatte so sein Auskommen und war nun der Großknecht seines Neffen.
Der Nachbar war mit seiner Familie der Einzige, mit dem Gretges Familie im Dorf noch Kontakt hatte. Der alte Bauer war ein guter Freund ihres Großvaters, aber davon wusste das eben getaufte Mädchen noch nichts. Sie spürte aber dessen herzliche Ausstrahlung und sein freundliches Wesen. So wuchs Gretge geborgen im Kreise der Familie auf. Sie war nun schon zwei Jahre alt. Viele neugeborene Kinder hatten den letzten sehr langen und harten Winter nicht überlebt, auch nicht der Junge, der am gleichen Tag wie Gretge geboren und getauft wurde. Ihre Eltern und Großeltern waren froh und zufrieden, was das Kind betraf. Sie gedieh prächtig, lachte viel und strahlte, wo immer man sie sah.
Es war wieder einmal Weihnachten und der lange grausame Krieg war nun vorbei, so erzählte man es sich überall. Die Menschen in den ausgebluteten und durch die kaiserlichen Truppen geschundenen Dörfern schöpften Hoffnung. Dennoch trauten sie dem Frieden nicht. Auch die schwedischen Truppen hatten ihre Spuren durch Ein-quartierungen und erhöhte Abgaben, durch Plünder-ungen, Diebstahl und vielerlei anderen Ärger hinterlassen. Die jungen Soldaten stiegen den Mädchen in den Dörfern nach und machten ihnen schöne Augen, was die Jungs und Männer aus den Dörfern gar nicht lustig fanden. Es gab viel Streit und Zank, auch untereinander.
Im Hause Meinken gingen alle ihrer Arbeit nach, waren fleißig und dennoch verhallten die Gerüchte über die Zauberkunst von Mettes Mutter und Großmutter nicht.
Das lastete schwer auf Mettes Mann Claus, der ja hier im Dorf geboren und aufgewachsen war. Sein Vater sagte ihm immer wieder, dass es den Menschen schlecht ging und sie stets einen Sündenbock für die eigene Misere suchten. Die Worte des Vaters brachten Claus dennoch keinen Trost. Beim morgendlichen Dreschen in der Tenne spielte sich seit Urgedenken das gleiche Zeremoniell ab, und Claus konnte hier richtig Dampf ablassen.
Er stand mit seinem Groß- und seinem Jungknecht mit dem Dreschflegel um den Haufen Getreide, welches sie selbst droschen und die Frauen später mit der Hand zu Mehl mahlten, weil es ihnen beim Müller zu teuer war.
Als der älteste der Drescher begann er die Arbeit mit folgendem Morgenspruch, den er vom Vater, der ihn von seinem Vater und das über die Generationen zurück erlernt und übernommen hatte:
„Duk unner, duk unner
de Welt is di gram
du kannst nich mehr leben
du musst dar man dran!“
Dabei wurde ein bitterernstes Gesicht gemacht und jeder schaute sich um, ob auch alle Türen im Hause geschlossen waren und kein Mithörer in der Nähe war.
Sie wussten nicht mehr, warum sie es so machten, aber es war genauso überliefert und was alle wussten, der Pastor durfte es auf keinen Fall wissen.
Alles machte einen unheimlichen Eindruck, zumal wohl kaum jemand den tieferen Sinn dieser Übung verstand.
Danach sagten sie den nächsten Vers auf und nach jedem wiederholte sich das ungewöhnliche Verhalten, welches auch auf den Nachbarhöfen in gleicher Weise geschah.
„Duk unner, duk unner
de Noord is noch free
dor kämpfen wi witer
to Lann un to See”
„Denn wor di eisk Korl
du Sachsenslachter
denn wer wi di kiddeln
von vörn un von achter.“
„Von Noorden un Süden
von West und Noorosten
un skullt us denn sölben
dat Leben ok kosten.“
„Allvoader ward helpen
dat use Sachsen ward free
dat free blieft de Norden
un free blieft de See.“
„Dat der Norden free blieft
un us Volk an Leben
wo kunn wie för Gröters
user Leben hingeben.“
„Un blieft wi in See
denn is dat ok good
denn finnen wi jo doch noch
een artigen Dod.“
Den Dreschflegel trieb Claus bei jeder Zeile mit einer Wucht in das Getreide, die einem Mann den Schädel spalten konnte.
Langsam ging der Winter vorbei und es wurde wieder Frühling. Die schwere und dunkle Zeit des Winters schwand mit jedem Tag ein wenig mehr und damit die drückende Last der kalten Jahreszeit. Endlich konnte er wieder auf die Felder, einfach nur raus aus der Enge des Dorfes und des Hauses.
IX
An einem sonnigen Frühlingstag, es war schon recht warm und die ersten Blumen waren schon längst im Garten bunt anzusehen, da spielte Gretge mit einem niedlichen Kätzchen vor der kleinen Seitentür. Über der Tür stand am Querbalken mit Stecheisen eingearbeitet „arbeite und bete“ sowie die Jahreszahl Ao 1322.
Plötzlich rannte das Vieh schnurstracks in das Haus des gegenüberliegenden und von den Eltern ungeliebten Nachbarn. Gretge gefiel das gar nicht, denn sie wollte mit dem kleinen Miezekätzchen spielen. Sie stand auf und lief hinterher und verschwand im Hause des Nachbarn. Dass es ihr verboten war, hatte sie vergessen, denn ihr Spielzeug war weg.
Mette hat das Verschwinden ihrer kleinen Tochter, als sie Holz von draußen hereinholen wollte, nicht gleich bemerkt. Die Stille auf dem Hof wurde plötzlich durch Geschrei im Nachbarhaus unterbrochen. Mette horchte auf und schaute hinüber zum anderen Hof, denn sie kannte die Stimme.
Dann sah sie ihre kleine Gretge weinend aus dem Haus laufen. Sie rannte direkt in die Arme ihrer Mutter. Die Tür des Nachbarhauses schloss sich, aber niemand war zu sehen.
Sie nahm ihre Tochter mit ins Haus und bemerkte erst hier, dass das Kleidchen von Gretge zerrissen war und sie an Armen und Brust blaue Flecken hatte. Gretge weinte noch immer und Mette nahm sie auf den Arm und tröstete sie.
Sie holte ihr ein anderes Kleidchen und zog es dem Kind an. Die beiden waren alleine im Hause, und Mette war froh darüber. Die Schwiegereltern und ihr Mann waren mit dem Knecht zur Schwester von Claus gefahren, um dort einen Geburtstag zu feiern.
Da Mette erst vor wenigen Wochen einem kleinen Knaben das Leben geschenkt hatte, konnte sie noch nicht mit. So blieb sie mit den beiden Kindern alleine im Haus zurück. Sie drückte Gretge fest an sich und strich ihr mit der Hand tröstend über das Haar. Dabei fragte sie sich, was im Nachbarhaus wohl vorgefallen war. Sie überlegte, ob sie es ihrem Mann nach dessen Rückkehr erzählen sollte. Sie traute sich aber nicht. Sie hatte Angst, dass die alten Geschichten von ihrer Mutter und Großmutter wieder auf den Tisch kamen. Sie litt sehr darunter und beschloss zu schweigen. So in sich versunken, liefen ihr Tränen über die Wangen.
Gretge bläute sie ein, es niemanden zu sagen. Dann machte sie ihrer Tochter, wie sie es von der Mutter gelernt hatte, aus Kräutern Umschläge, damit die blauen Flecken schneller verschwänden und das Mädchen bald keine Schmerzen mehr haben würde. Sie nähte schnell das zerrissene Kleidchen wieder zusammen, damit es niemand bemerkte.
Zwischendrin schaute sie nach dem kleinen Sohn, der nach dem Schwiegervater Tietke getauft worden war. Er schlief fest in seinem kleinen Bettchen, in dem schon Gretge als Säugling gelegen hatte. Es war so alt, dass Mette dachte, schon ihr Claus könnte darin gelegen haben.
Von diesem Tag an war dass allen bekannte fröhliche und unbeschwerte Lächeln von Gretges Gesicht für Jahre ver-schwunden.
Am Abend kam die Familie zurück. Gretge und Tietke hatte sie schon schlafen gelegt. Sie spann den Faden und saß am Feuer, als Claus eintrat. Er fragte, ob es ihr gut ginge und sie erzählte ihm, dass sie ihr Tagwerk geschafft habe und die Kinder schon zur Nacht gebettet seien.
Nachdem alle wieder im Hause waren, aßen sie zu Abend und gingen alsbald selbst zur Nachtruhe. Mit Kerzen und Holz musste man sparsam sein. Außerdem mussten alle am nächsten Morgen wieder früh raus auf die Felder.
X
Mette konnte mit keinem Menschen im Dorf, auch nicht mit ihrem Mann Claus über ihre Sorgen reden. Deswegen besuchte sie ab und an ihre Schwester in Bülste oder ihren Bruder in Höperhöfen. Mit den beiden konnte sie sich aussprechen und ausweinen. Bei den Besuchen nahm sie Gretge stets mit, denn sie fürchtete, das Mädchen könnte doch noch über den Vorfall reden. Auf Gretges Brüderchen passte dann die alte Margarethe auf. Sie war zu den Kindern sehr lieb, und auch Mette hatte in ihr eine gute Schwiegermutter, auch wenn es am Anfang sehr schwer war, es ihr recht zu machen.
So ging Mette auch an diesem Morgen zu Fuß los. Sie würde bis Mittag bei der Schwester sein. Da das Gespann auf dem Hof benötigt wurde, wollte sie sich nicht fahren lassen. Sie fühlte sich dann auch frei, konnte die Vögel beobachten und Heilkräuter sammeln. Die Stellen – an denen sie wuchsen - kannte sie gut. Das hätte sie mit dem Wagen, den der Großknecht fuhr, nicht gekonnt.
So schlenderte sie auf den Wegen und Pfaden alleine um-her. Ein Weg führte sie durch das Hochmoor, wo kein Pferd und kein Wagen hätten fahren können, wo es aber die richtigen Kräuter gab. Dieser Weg war den Menschen in der Gegend wohl bekannt.
Viele hatten sich durch das Hochmoor einst vor den kaiserlichen Truppen versteckt und damit gerettet. Ihr Bruder Harm selbst hatte sich mit seiner Familie hier versteckt und war unbeschadet auf seinen Hof zurück-gekommen, den er geplündert vorfand, aber nicht abge-brannt.
Auf der halben Wegstrecke und nachdem sie das Hochmoor hinter sich gelassen hatte, kam sie an einem Stein vorbei, der die Grenze der beiden Ämter Ottersberg und Rotenburg markierte. Er stellte aber auch die Grenze zwischen zwei Bistümern dar, denn Rotenburg gehörte zum Bistum Verden, welches nach dem großen Krieg von den Schweden kassiert und zum Herzogtum umbenannt wurde, während Ottersberg zum Erzbistum Bremen gehörte, welches ebenfalls zum Herzogtum wurde. Das war alles große Politik, wovon Mette aber nichts wissen wollte.
Sie traf an diesem Morgen nur wenige Menschen. Gretge, die Mette mehr tragen musste, als ihr lieb war, begleitete sie. Sie zeigte ihrer Tochter die Natur, erklärte ihr dabei Bäume, Sträucher und Kräuter sowie deren Nutzen und Wirken. Gegen Mittag sah sie schon das Dorf ihrer Schwester Tipke, deren Hof gleich am Ortsrand lag.
Es war ein ganzer ungeteilter Hof, wie der ihres Mannes. Das Fachwerk war sehr alt, das Dach strohgedeckt und die Giebelzier anders als in Westeresch, indem die Pferdeköpfe nach außen und nicht nach innen schauten. Die Menschen erzählten sich, dass es eine Tradition aus alten Zeiten war, dass verschiedene Stämme durch bestimmte Zeichen an den Giebelzierden zu erkennen waren.
Zwar wusste niemand mehr, welcher Stamm die Pferdeköpfe nach außen und welche sie nach innen trug. Gewiss war man sich aber darin, dass sie friedlich neben-einander gelebt haben mussten, denn die Nachbardörfer hatten schon mal eine andere Zier.
Es gab auch Dörfer, die hatten gar keine Pferdeköpfe, nicht einmal Windfedern.
Der Hof war von alten Eichen, die teilweise mehr als 250 Jahre alt waren, umgeben. Der Hofplatz war mit einer Steinmauer umrahmt, wobei die Steine lose aufeinander einen halben Meter hoch gelegt waren.
Der Hof hatte ein großes Vierfachständerhaus, wie es im Land überall zu finden war. Es gab noch ein kleines Backhaus, in dem wöchentlich einmal Brot gebacken wurde, wie auch ein Schauer, in dem die Fuhrwerke untergestellt waren. Ihr Schwager hatte zwei gute Acker-pferde, zehn Milchkühe und einen Ochsen. Die Hühner liefen frei auf dem mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Hofplatz herum.
Eine Scheune und ein Häuslingshaus standen unweit vom Haupthaus entfernt. Beim letzten Mal hatte die Sau sieben Ferkel geworfen, und Mette hatte eines als Geschenk mit nach Hause gebracht.
Die Nachbarn waren neidisch, was Mette an deren Bemerkungen deutlich spüren konnte. Dennoch war es ihr egal, na ja, nicht so ganz, aber ein Hausschwein war schon ein kleiner Reichtum, auf den man gut aufpassen musste.
Zwischen den großen Eichen wuchsen Hestern und allerlei weitere kleine Bäumchen.
Nun waren sie fast am Hoftor angekommen, als sie ihre Schwester schon aus dem Haus kommen und winken sah.
Sie nahm Gretge auf den Arm und ging einen Schritt schneller. Vor ihr stehend, nahm die Schwester beide in den Arm und freute sich sehr über den unerwarteten Besuch. Sie bemerkte wohl, dass Mette etwas umtrieb, bat sie aber erst einmal ins Hausinnere. Sie war mit ihren vier Kindern Hans, Anne, Mette und Peter allein im Haus.



