Gretge. „mit Hexen verwandt, als Hexe verbrannt“

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Ihr Ehemann Cord war heute zur Ableistung seiner Dienstpflichten unterwegs und würde erst am späten Abend heimkehren.
Die Schwiegereltern lebten im Häuslingshaus auf Altenteil, nahmen aber an den gemeinsamen Mahlzeiten im großen Haus am Tisch teil. Soweit es ging, halfen sie auf dem Hof oder in der Küche.
Auf dem Hof arbeitete der Knecht und hackte bei der Scheune Holz. Die beiden jungen Mägde kümmerten sich um die Kinder und das Vieh.
Mettes Schwester Tipke schlug einen kleinen Spaziergang vor, wie sie es immer taten, wenn sie sich trafen. Das Haus hatte viele Ohren und die Schwestern hatten schon immer ein sehr inniges Verhältnis zueinander gehabt. Sie gingen aus dem Haus und schlenderten über den Hof, wobei die Holzklotschen klapperten, als sei ein ganzes Fuhrwerk unterwegs. Sie hakten sich unter und verließen den Hof Richtung Bach, der einige hundert Meter entfernt am Rand einer Wiese floss.
Am Bachlauf standen etliche alte, sehr hohe Pappeln, die im Sommer viel Schatten gaben. An einer Kurve, die der Bachlauf nahm, lag ein großer Findling. Das war der Platz, den die beiden Frauen immer aufsuchten.
Sie setzten sich und Mette erzählte ihre Sorgen, was Gretge widerfahren war in allen Einzelheiten. Sie waren sich einig, dass Claus davon nie etwas erfahren dürfte, denn sie fürchteten, er würde im Hause des Nachbarn wüten oder sonst etwas Schlimmes anstellen.
Die Sorgen konnte Tipke ihrer Schwester nicht nehmen, aber es war beiden nach den stundenlangen Gesprächen stets wohler. Wer genau hinschaute, konnte erkennen, dass die beiden Zwillinge waren. Tipke war nur zweimal bei Mette im Dorf gewesen, einmal bei der Hochzeit und danach noch einmal kurze Zeit später. Die Menschen in dem Dorf waren ihr nicht geheuer. Dass man sie dort die doppelte Hexenbrut nannte, hatte sie über drei Ecken gesteckt bekommen.
Hier in ihrem Dorf, wo sie nun lebte, waren die Nachbarn anders und es grenzte sie keiner aus, kannte man doch die Geschichten und Gerüchte über die Mutter und Groß-mutter der beiden. Wer am Moor lebte, und wer sich keinen Arzt leisten konnte, war auf die Kräuterfrauen angewiesen, und die gab es zu Hauff. Sie waren allerdings sehr vorsichtig geworden, denn wer geglaubt hatte, nun, wo man nicht mehr katholisch war, würden die Strafen der Hölle die Menschen nicht mehr erreichen, wurde eines besseren belehrt.
Auch hier im Amt, wo Tipke nun lebte, wurden, seit die Großmutter um die Jahrhundertwende verstorben war, mehrere Frauen der Zauberei angeklagt und drei lebendig verbrannt.
Mette blieb über Nacht bei ihrer Schwester Tipke und ging erst am nächsten Morgen mit Gretge wieder nach Hause.
Es hatte ihr gut getan, mit der vertrauten Verwandten zu reden und intime Sorgen besprechen zu können. Sie beneidete sie ein wenig, gönnte es ihr aber von Herzen, in Cord einen guten, fleißigen Mann gefunden zu haben, der in einem Dorf lebte, wo die Welt noch in Ordnung war, jedenfalls sah es Mette so.
Gegen Mittag waren sie wieder in Westeresch ange-kommen und der kleine Tietke lachte seine Mutter mit hellen Augen strahlend an.
Claus sah diese Ausflüge mit gemischten Gefühlen, denn die Leute im Dorf redeten darüber, warum die Frau über Nacht fortblieb und was sie wohl machte. Die Vermutungen gingen so weit, dass man offen darüber sprach, die ging in den Wald zu den Waldhexen und lehrte ihre Tochter Gretge, die sie stets mitnahm, das Hexen.
Er konnte Mette weder davon abbringen, sich vom Knecht fahren und auch abholen zu lassen, noch verstehen, warum sie dann wieder unbedingt zu Fuß gehen wollte. Darüber hatten sie häufig gestritten.
Im Grunde genommen machte er sich große Sorgen um seine Frau und seine Tochter. Claus’ Mutter hingegen verstand Mette und unterstützte sie immer wieder, wes-wegen Claus stets einlenkte, denn gegen beide Frauen kam er nicht an. Eigentlich wollte er es auch gar nicht.
XI
Gretges Mutter wurde noch dreimal schwanger und gebar noch zwei lebende Töchter, aber auch noch einen toten Knaben.
Dass sich die Eltern im Laufe der Jahre immer weniger verstanden, bemerkten die Kinder kaum. Der Vater arbeitete den ganzen Tag, schob Probleme auf die schweren Zeiten, und auch die Großeltern sprachen nicht darüber. Die alte Margarethe fand auch kein Mittel, hier gütlich Einfluss zu nehmen.
Gretges Vaterbruder Peter lebte mit seiner Familie auf ihres Vaters Hof und hatte drei Kinder, Anna, Johann und Tietke. Sie spielten kaum mit ihrer Cousine Gretge. Meist heckten sie nur Dummheiten aus und neckten Gretges kleinen Bruder Tietke, der einst den Hof erben sollte. Er war ja der älteste und einzige Sohn von Claus. Dass alles anders kam, erlebte sein Großvater, der alte Tietke, nicht mehr.
So wurde Gretge älter und übernahm als älteste Tochter immer mehr Pflichten auf dem Hof. Sie musste der alten Großmutter, die immer kümmerlicher wurde, und der Mutter im Haushalt helfen, aber auch auf die kleineren Geschwister achtgeben. Mit den Nachbarkindern durfte sie nicht spielen. Das hatte ihr die Mutter verboten, und sie passte auf, dass Gretge sich an das Verbot hielt.
Gretge wuchs zu einem ansehnlichen Mädchen heran, welches lange, schön geflochtene dunkelblonde Zöpfe trug wie die meisten anderen Mädchen auch.
Am Ende waren sie mit einer blauen Schleife zusammen-gebunden. Ihre Großmutter trug einen Dutt, wie es viele ältere Frauen taten und darüber meist ein Kopftuch. Das hielt die Haare zusammen und die Ohren warm, schützte sie zugleich vor Zugluft.
Sie war sehr zurückhaltend, hatte keine Freundinnen und wurde von den Nachbarkindern häufig als „Hexenbrut“ gehänselt, wenn kein Erwachsener dabei war. Es wurde auch hinter vorgehaltener Hand über sie getuschelt und gekichert. Das schmerzte Gretge sehr. Sie sah die Mutter auch oft leise weinen, wenn der Vater und die Großeltern nicht im Hause waren. Dann ging sie zu ihr und sie nahm sie in die Arme, wie es sonst die Mutter bei ihr oder die Tante bei Gretges Mutter tat.
Gretges Familie stand vor und nach dem Kirchgang meist alleine und abseits vor der Kirche und fuhr häufig schnell wieder heim.
Mette hatte sich einst der Frau von Pastor Dornemann, wegen der Geschichte mit dem zerrissenen Kleidchen anvertraut. Sie wurde eher hinaus komplimentiert als angehört. Mette hatte auf Zuspruch und Hilfe gehofft, fand sie aber nicht. Die Pastorenfrau sprach von Missverständ-nissen und falschen Deutungen, denn das würde der beschuldigte Nachbar nie im Leben machen und strafte somit Mette Lügen.
Da von ihr kein Verständnis oder gar Hilfe zu erwarten war, sprach sie die Frau nicht mehr an. Selbst die Beichte unterließ sie, denn nun traute sie auch dem Pastor nicht mehr.
Gretge war nun in dem Alter, in die Kirchengemeinde aufgenommen zu werden und besuchte den Unterricht aller Konfirmanden. Die Unterrichtung nahmen der Pastor und der Küster, der zugleich der Schulmeister war, vor.
Auswendiglernen von Psalmen und Gebeten war hier an der Tagesordnung. Die Geschichte von Moses und Noah fand Gretge sehr interessant. In den Konfirmationsstunden wollte kaum jemand aus Gretges Dorf neben ihr sitzen. Sie würde sich später an einige von ihnen erinnern und diese der Hexerei beschuldigen.
Am Tag ihrer Konfirmation zog Gretge ein aus schwarzem Tuch gefertigtes Ehrenkleid an, wie es alle Mädchen im Kirchspiel Scheeßel trugen.
Ihre Großmutter Margarethe schenkte ihr zur Konfir-mation eine reich verzierte Brustspange, wie sie auch ihre Mutter eine hatte, die den unteren Kragen zusammenhielt, und über der Schulter ein mit feiner Stickerei verziertes weißes Tuch. Eines mit Spitzenvolant konnte sich die Familie nicht leisten. Sie sollte das Kleid weiterhin tragen, bis sie eine Braut sein würde. Dass es aber dazu nicht kommen sollte, konnte zu dieser Zeit kein Mensch ahnen.
Kapitel 2
Die Jahre 1660-1663
I
Nach der Konfirmation war es an der Zeit, dass sich Gretge, wie die meisten jungen Mädchen auch, auf das Leben als Ehefrau vorzubereiten hatte. So wurde sie in eine Stellung als Jungmagd vermittelt. Dort sollte sie lernen, einen Haushalt zu führen.
So ging sie zunächst in den Haushalt der Familie Höborg in Buxtehude. Höborgs waren Kaufleute, die einen Krämerladen besaßen und Handel mit Stoffen betrieben. Sie waren beide schon über 50 Jahre alt und hatten sieben Kinder, von denen drei schon aus dem Hause waren.
Die beiden Töchter Hanna und Dorothea waren nach Stade und Hamburg in andere Kaufmannsfamilien verheiratet und der Sohn Meinke, welcher das Geschäft einst erben sollte, war in Hamburg bei einem Großhändler in Anstellung, um dort sein Gewerbe zu erlernen.
Die Menschen dort waren ganz anders als bei Gretge daheim. Keiner beschimpfte sie mehr als Hexenbrut, und die Leute redeten mit Ihr wie mit den anderen auch. Sie fühlte sich von Anfang an sehr wohl.
Hier traf sie auch auf ihre vier Jahre ältere Cousine Trine, die hier schon seit zwei Jahren in Höborgs Diensten stand. Trine war eine kess auftretende junge Frau, die sich an das Stadtleben schnell angepasst hatte. Sie trug dezente Kleider, welche ihr die Herrschaft vorschrieb und zuteilte, die ihre unübersehbar üppige Figur dennoch betonten. Sie schaute sich bei den älteren Frauen ab, wie man betont mit den Hüften hin und her schwingen kann, denn darauf flogen die jungen Männer, was Trine schon sehr gefiel. Ihre Haare trug sie oft zu einem Zopf geflochten nach hinten herunter hängend.
Durch ihre besonders langen dunkelbraunen Haare, die geflochten bis zum Gesäß reichten, war es für die Jungen Männer ein wahres Schauspiel, wenn sich ihr Zopf und die Hüften entgegengesetzt im Schwung des Gangs wiegten. Ihre üppigen Brüste trug sie dabei betont hoch. Ihre braunen Augen waren in der Gesamtheit ihrer Erschei-nung eine Abrundung dessen, was ihr mit in die Welt gegeben wurde.
Beide Cousinen wurden Freundinnen, stammten sie doch aus dem gleichen Dorf und waren auch noch miteinander verwandt. Trine hatte die Aufgabe erhalten, Gretge in den Haushalt und die Arbeiten einzuweisen, wie es einst Bertha, ihre Vorgängerin, bei ihr getan hatte.
Trine durfte schon ein wenig im Kontor mithelfen, wenn es darum ging, Ware zu sortieren und Regale aufzufüllen. Sie war dort jetzt für die Sauberkeit verantwortlich und hatte somit sehr viel Kontakt zu den Kunden, auch wenn sie mit dem Verkauf nichts zu tun hatte. Die Kasse hatte Frau Höborg unter sich, und die Beratung und Bedienung der Kunden übernahm in der Regel ihr Mann.
Die Herrschaft war sehr bibeltreu und legte viel Wert auf den Glauben. Sie gingen jeden Sonntag in die Kirche und beteten vor jeder Mahlzeit, was Trine von daheim nicht kannte.
Trines Stiefvater sah den Kirchgang eher als Zeitver-schwendung an, denn er hielt ihn angeblich von der Arbeit ab, während seine Frau es genoss, dadurch einmal unter die Leute zu kommen. Für Trine war es eine kleine Umstellung, denn die Eltern ihrer Stiefeltern sahen das alles noch gottesfürchtig.
Sie stand jeden Morgen gegen fünf Uhr auf, schürte das Feuer und bereitete das Frühstück. Zuvor versorgte sie die neun Hühner und den Hahn sowie die zwei Haus-schweine. Die Speisekammer war ihr zugeteilt, seit ihre Vorgängerin das Haus verlassen hatte.
Es gab nur zwei Schlüssel, den einen trug Frau Höborg und den anderen Trine bei sich. Gretge stand mit Trine zusammen auf und half ihr in der Küche und beim Vieh. Trine dachte: „Bald macht das Gretge, und ich kann ein wenig länger schlafen“, so wie es Trines Vorgängerin mit ihr gehalten hatte.
Gretge konnte bald wieder lachen und fröhlich sein. Sicherlich hatte sie sieben Tage in der Woche Pflichten zu verrichten, durfte aber mit der Familie zusammen am Tisch essen und gemeinsam zum Kirchgang gehen und wurde auch dort nicht gehänselt, so wie daheim.
Sie blühte richtig auf. Das bemerkten auch die jungen Burschen hier in der Stadt, wo Feste gefeiert wurden, die sie von zu Hause her gar nicht kannte. Die Menschen hier waren ganz anders als daheim in ihrem Dorf und das machte sie neugierig.
Trine war sozusagen zur Großmagd aufgestiegen und Gretge war nun in der Position einer Jungmagd.
Ihrer Cousine Trine fiel auf, wie Gretge in den Mittelpunkt des Interesses bei den jungen Männern, wo sie bislang stand, rückte. Das gefiel ihr ganz und gar nicht, denn sie war doch die Großmagd und das Kücken war figürlich eher sparsam und zierlich ausgestattet und konnte sich mit Trines Maßen nicht messen. Gretge fiel dies nicht auf. Sie war zu sehr mit der neuen Situation und sich, als dass sie sich mit den Gefühlen der Cousine beschäftigte.
II
Zu Gretges erster Fastnachtsfeier, die am 11. Februar des Jahres 1662 stattfand, nahm Trine sie dennoch mit. Wo sollte sie Gretge auch sonst lassen. Höborgs würden es nicht verstehen und Trine nach dem Grund fragen. Also nahm Trine sie mit.
Die Stadtjugend traf sich in einer alten Scheune am Rande der Stadt, während die Alten sich meist im Krug trafen oder am Feuer in den Dielen versammelt waren. Sie soffen so viel Bier und Branntwein, wie eben rein ging und manche so viel, dass es ihnen zu den Ohren wieder herauskam.
Die jungen Leute hingegen hatten schon aufgrund ihres Geldbeutelinhalts spärlichere Möglichkeiten. Dennoch kreisten auch in der alten Scheune mehrere Schnaps-flaschen, welche die jungen Männer mitgebracht hatten.
Sie tranken sich in Stimmung und zugleich Mut an und nutzen ihn auch gezielt, um die Mädchen und jungen Frauen etwas aufzulockern. Manche Pärchen ver-schwanden in der Scheune auf den Dachboden, auf dem Stroh gelagert war. Gretge sah das zwar, wusste aber noch nicht, was hier so getrieben wurde.
So fragte sie Trine, was es denn da oben auf dem Dachboden zu sehen gäbe. Trine lachte laut auf und die Jungs, die bei Ihnen standen, lachten mit. „Du Dummchen, wirst es noch früh genug erfahren“, sagte Trine zu ihr mit einem Grinsen im Gesicht. Einer der Jungs bot sich an, es ihr zu zeigen. Gretge schämte sich, denn sie war naiv genug gewesen, zu fragen. Nun schoss es ihr durch den Kopf, was dort geschah, konnte nur die Fleischeslust sein, vor welcher der Pastor noch letzten Sonntag in seiner Predigt eindringlich gewarnt hatte, und doch verspürte Gretge Lust auf das Verbotene mit der Neugier eines unwissenden Menschen.
Zwar hatte der Pastor am Sonntag in seiner Predigt noch zum Maßhalten angehalten und die Gemeinde vor der Hölle und den Auswüchsen der Sünde gewarnt, aber es scherte sich kaum jemand darum. Sie hatten den langen Krieg überlebt und feierten erstmals im Frieden.
An diesem Abend trank Gretge zum ersten Mal in ihrem Leben selbst gemachten Branntwein vom Hauswirt, den Trine abgezweigt hatte. Er bekam ihr gar nicht gut, denn ihr wurde hundeelend. Dennoch kicherte, ja gackerte sie ungewöhnlich laut und es war ihr schwindelig dazu. Aber sie trank weiter alles mit und eiferte ihrer Cousine nach. Sie wollte endlich einmal auch dazugehören und sich freuen, von ganzem Herzen freuen.
Ihre Onkels und Anverwandten hatten schon viel von diesen Feiern im Kreise der Familie berichtet und nun durfte sie es endlich miterleben. Nun war sie selbst dabei und hörte den dort Anwesenden aufmerksam und neugierig zu, denn sie hatten ja anscheinend alle etwas Besonderes erlebt.
So hörte es sich jedenfalls in Gretges Ohren an. Sie erzählten prahlend ihre Heldentaten in den schillernsten Farben. Nur Gretge selbst konnte nichts berichten, und das machte sie traurig.
III
Früh am Morgen ging sie noch aufgedreht mit Trine zusammen nach Hause. Es waren nur zwei Meilen, und die Nacht war zwar sehr kühl, aber es gab keinen Schneefall oder Regen. Trine hatte eine kleine Laterne mitgenommen, die sich nun als sehr nützlich erwies.
Gretge dachte daran, dass Trine plötzlich für lange Zeit verschwunden war, und als sie wieder da war, hatte sie überall Strohreste am Kleid und im Haar gehabt.
Es war Gretges erste Nacht, die sie durchgefeiert hatte. Beide jungen Frauen waren recht angetrunken und lachten über Trines Männergeschichten und die Jungs, die Trine ganz eifrig abblitzen ließ. Über den jungen Mann, von dem sich Trine diesen Abend besteigen ließ, sprachen sie nicht.
Ja, die Sache mit den Jungs hatte Gretge gefallen, und es war ein neues unbekanntes Gefühl. Es war einer dabei, der war auch so still wie sie selbst und nicht so, wie die anderen, die grölten und die Mädchen einfach überall anfassten. Überall, das geht doch nicht, dachte sie noch.
Auch Gretge wurde am Gesäß und an der Brust getätschelt und wies die Männer ab, haute einem gar recht forsch auf die Hand. Dennoch bemerkte sie dabei, dass sich ihre Brustwarzen dabei zu kleinen festen Knoten formten und es ihr zugleich warm vom Herzen über den Bauch in den Schoß schoss. Sie hätte es gerne einmal versucht mit dem Jungen, der ihr gefiel, einen Augenblick allein zu sein, hatte sich aber doch nicht getraut. Sie hatte Angst, weil sie noch nie mit einem Jungen zusammen gewesen war und es hatte sich auch noch nie einer für sie interessiert, der nicht darüber sprach, es einer kleinen Hexe einmal so richtig zu besorgen. Diese Worte waren ihr im Ohr geblieben, auch wenn sie damals den Satz noch nicht richtig verstanden hatte.
Vor einem Jahr war sie zufällig am Schauer daheim bei den Eltern auf dem Hof vorbeigegangen, als sie Stimmen vernahm. Da schaute sie durch die Ritzen der Bretter in das Innere und sah den alten Großknecht Lewerenz auf der Jungmagd Anne, deren Rock hochgeschoben war, mit heruntergelassener Hose liegen und sich auf und ab bewegen. Dabei fiel der Satz, dass er es ihr schon besorgen würde. Da begriff Gretge, was der Junge einst gemeint hatte. Sie sah seinerzeit noch gespannt bis zu Ende zu und schlich sich dann zum Haus zurück. Darüber hatte sie noch mit niemandem gesprochen.
Weil Gretge mit nichts prahlen konnte, erzählte sie Trine, dass es zu Hause im Heimatdorf unweit des Teufelsackers eine Stelle im Wald gab, an der eine eigentümliche Pflanze ringförmig wüchse, welche als Hexenkraut allerorts bekannt war.
Sie beschrieb den Platz sehr genau und berichtete, dass dort in der unbewachsenen Mitte die Hexen tanzten, wenn es Vollmond war, und tat, als hätte sie es selbst gesehen und erlebt. Diese Pflanze trifft man nicht einzeln an, sagte sie Trine hinter vorgehaltener Hand, sondern es stehen viele zusammen, als wollen sie sich schützen. Sonderbar ist es nun, erzählte sie mit einem geheimnisvollen Flüstern, dass diese Pflanzen alle zu einem Kreise angeordnet sind und dass in der Kreisfläche selbst keine stehen.
Sie prahlte nun mit all den Geschichten, die man sich über ihre Großmutter und Mutter im Dorf erzählte, als sei Gretge dabei gewesen und vermittelte der Cousine den Eindruck, eine wahrhafte Hexe stünde vor ihr. Trine sah sie erschrocken an, aber Gretge fühlte sich wohl und meinte ihrer Cousine imponiert zu haben.
Sie erzählte weiter, dass die Großmutter immer eine Zauberformel sprach, und erhob dabei die Hände beschwörend gen Himmel gestreckt:
„Ich greif` an diesen weißen Stock
und verleugne unsern Herrn Gott
und seine zehn Gebot.“
Nun fuhr es Trine in die Glieder, und sie fürchtete sich ein wenig, zumindest war es ihr nicht sehr geheuer. Aus der Ferne hörte sie einen Wolf heulen und der Vollmond stand am Himmel, als grinse er sie hämisch an. Ihre Laterne warf Schatten, die das Bild für Trine noch mehr verzerrten.
Gretge hingegen war sichtlich zufrieden, schien sie doch davon überzeugt, Trine mächtig beeindruckt zu haben, was im Grunde genommen ja auch stimmte.
Diese Begebenheit sollte noch ein tödliches Nachspiel haben. Trine war sich nun sicher, Gretge hatte die jungen Männer mit ihren Zauberkünsten verhext. Das würde sie dieser dummen Gans heimzahlen, dachte sich Trine. Im Hause Höborg angekommen, atmete sie erst einmal durch und schlicht sich in ihren Schlafkoven, während Gretge noch auf dem Abort, welches wenige Schritte vom Haus auf dem Hof stand, saß, um die viele Flüssigkeit wieder los zu werden. Sie hatte die Laterne mitgenommen.
Als sie ins Haus trat, war schon alles still und Trine schien bereits zu schlafen. So zog sich Gretge das Kleid aus, legte sich mit dem Unterhemd, welches knielang war, in ihren Schlafkoven und zog die hölzerne Lade vorsichtig zu. Der Alkohol schlug nun zu und versetzte sie in einen tiefen Schlaf, wobei sie mit einem zufriedenen Lächeln einschlief.
Den Nachtwächter hörte Gretge schon nicht mehr, während Trine noch lange wach lag und ihn hörte, wie er durch die Gassen ging und rief „Liebe Leut, lasst Euch sagen, unsere Uhr hat Drei geschlagen“. Auch sie schlief ein, wachte morgens aber mit dem Gefühl auf, keine Sekunde geschlafen zu haben. Sie hörte aber nichts, und das war ungewohnt, denn sonst war Gretge schon längst am Verrichten ihrer morgendlichen Pflichten.
IV
Trine schob den Holzladen ihres Schlafkovens beiseite, schwang ihre Beine heraus und ließ die Füße heraus-baumeln. Sie hatte einen leichten Kater, stand dennoch auf, ging den Schritt zu Gretges Schlafkoven, der noch geschlossen war.
Sie lauschte und hörte ein leises Schnarchen, traute sich zunächst aber nicht, Gretge zu wecken. Dann überlegte sie sich, wenn sie es nicht täte, würde sie vom Hausherrn verantwortlich gemacht werden, wenn das Feuer nicht geschürt und das Frühstück nicht fertig war.
Also öffnete sie ganz sachte die Holzlade von Gretges Koven und schaute vorsichtig durch den Spalt, der etwas Licht auf Gretges Gesicht schienen ließ. Sie sah ihre junge Cousine friedlich schnarchend schlafen. Als sie diese wecken wollte, schreckte sie zurück, sie könnte sie ja verzaubern.
Dann stupste sie Gretge vorsichtig mit dem Zeigefinger an der Schulter, immer und immer wieder, bis Gretge die Augen aufschlug und Trine erschrocken, aber noch sehr verschlafen ansah.
Trine fasste allen Mut zusammen und stauchte sie zusammen, was ihr einfiele, noch im Koven zu liegen und sie als Großmagd müsse sie wecken.
Gretge sah sie nun erschrocken an und entschuldigte sich, sprang aus der Koje, schlüpfte ins Kleid und rannte in die Küche. Das Feuer war aus. Sie befreite den Eisenherd von der Asche und machte Feuer, bereitete das Frühstück und erledigte ihre Pflichten, wobei ihr der Schädel um die Augen pochte und sie das Gefühl hatte, jemand würde ihr mit einem Dreschflegel auf den Kopf hauen.
Höborgs bemerkte zwar, dass ihre beiden weiblichen Bediensteten heute gar schrecklich aussahen und ein wenig unordentlich und unkoordiniert ihre Pflichten versahen, sagten aber nichts, denn sie hatten am Abend zuvor selbst reichlich getrunken und laute Stimmen waren ihnen unan-genehm. Trine kümmerte sich heute mehr um die Kinder, während Gretge sich um die Tiere und den Haushalt bemühte.
Die nächsten Tage stritten sie noch sehr heftig miteinander, und Trine provozierte Gretge noch zu vielen für sie schädlichen Aussagen, die Trine später zu nutzen wusste.
In aller Munde war, dass Hexen am Hexensabbat mit dem Teufel ihr Ungemach trieben und schauerliche Dinge machten, von denen die Alten an manchen Abenden ehrfürchtig erzählten.
V
Zwei Wochen später erkrankte Anna Catharina, die jüngste Tochter im Hause. Der herbeigeeilte Arzt konnte keine Ursache feststellen und schon gar nicht helfen. Er sprach davon, dass es sehr ungewöhnliche Symptome seien, bei denen auch der Aderlass keine Abhilfe geschaffen hatte.
Er ließ das arme Kind dennoch jeden Tag zur Ader, und nach einer Woche wachte es morgens nicht mehr auf. Gretge fand sie leblos im Kinderbettchen und schrie auf „Oh Gott, dat Kind is doot bleben.“ Sofort war die ganze Familie Höborg auf, und das Wehklagen war groß.



