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Vielleicht fahre ich zu den Feiertagen wieder einmal hin, überlegte sie, während sie auf der Great Chertesey Road über die Chiswick Bridge fuhr. Die Weite des Watts in Dänemark hatte im Winter ein außergewöhnliches Flair. Wie so oft spielte sie mit dem Gedanken, sich dort für ihren Ruhestand im Alter ein Haus zu kaufen, doch in Wahrheit empfand sie die dänische Provinz bei jedem Besuch als beengend und fuhr gerne wieder nach London zurück.
Es war ein turbulentes Jahr gewesen, das sich dem Ende zuneigte. Das Aufdecken der miesen Geschäfte des Rüstungstycoons Bronsteen und seines korrupten Umfeldes, bis hin zu dessen Verstrickung in die Anschläge auf das World Trade Center, hatte ihr großes berufliches Ansehen gebracht. Verglichen mit ihrem tragischen Verlust kam ihr das jedoch bedeutungslos vor. Sie würde den ganzen Erfolg, den neuen Job und die gesamte Anerkennung gegen einen einzigen weiteren Tag mit Niels eintauschen. Anfangs hatten sie nur beruflich miteinander zu tun gehabt, später unternahmen sie rasante Motorradtouren durch die englische Landidylle, auf denen Lena sich in den eigenwilligen Sturkopf verliebte, der ihr in vielem sehr ähnlich war. Schließlich – eine endlose Zeit später – funkte es auch bei ihm. Niels, der sonst gerne raubeinig tat, erwies sich als gefühlvolle Ergänzung. Nach einigen belanglosen, ernüchternden Beziehungen genoss sie diese Partnerschaft.
Zweieinhalb Wochen später musste er zu einer sehr riskanten Recherche, die ebenfalls mit Bronsteens Netzwerk zusammenhing, und kam nicht mehr zurück. Offiziell hieß es, er wäre Opfer eines Raubüberfalls im nächtlichen Rom geworden, doch Lena wusste genau, wer wirklich dahintersteckte. Sie hatte keine Chance gehabt, die Sache zu verhindern oder Niels irgendwie davor zu bewahren. Dessen ungeachtet machte sie sich Vorwürfe und das dumpfe Gefühl, versagt zu haben, blieb. Dagegen halfen weder die Aufdeckung von Bronsteens Machenschaften noch dessen späterer Tod.
Ich brauche etwas zu essen, fiel ihr ein, was die aufkommende Traurigkeit unterbrach. Sie lenkte ihren Mini auf einen freien Parkplatz in der Nähe der kleinen Pizzeria auf der Hauptstraße. Sie hatte keine Lust zu kochen und hier gab es riesige Family-Pizzen zum Mitnehmen für sechs Pfund. Bei so einer würde sie jetzt zuschlagen, die reichte fürs ganze Wochenende. Lena kramte nach Münzen in ihrer Jacke. Normalerweise fütterte sie die Parkuhr korrekt, weil die Strafen saftig waren, wenn man erwischt wurde. Nur jetzt fand sie absolut kein Kleingeld und würde auch in wenigen Minuten wieder zurück sein. Daher ging sie das Risiko ein und ließ das Auto, ohne zu bezahlen, stehen.
Während der Vietnamese, dem das Lokal gehörte, ihre Pizza machte, ging sie nebenan in das Lebensmittelgeschäft und holte Milch und Schokolade – jetzt war sie für das Wochenende gerüstet. Spontan fiel ihr ein, dass sie die Winterhosen aus der Reinigung holen sollte, bevor diese schloss. Sie schaute, ob eine Parkplatzkontrolle in der Nähe war, doch alles sah unverdächtig aus. Deshalb lief sie schnell zum Dry Clean und war rechtzeitig zurück, als die Pizza aus dem Holzofen kam. Geschafft – zehn Minuten und kein Parkticket!
Der Duft der frischen Pizza mit Schinken und Mozzarella war zu verlockend, daher knabberte sie bereits ein Stück vom knusprigen Rand, als sie den Mini vor ihrem Haus in der Queens Road ausrollen ließ.
Ich werde es mir zwei Tage lang gemütlich machen, dachte sie, fernsehen und den halben Sonntag verschlafen. Ihre Umhängtasche und die Pizzaschachtel in einer Hand balancierend, ging sie die Stufen zum Eingang hoch, suchte mit der anderen den Schlüssel in ihrer Jacke und sperrte auf. Am Boden im Vorraum lagen die Post und Berge von Werbeprospekten. Seit beinahe zehn Jahren wohnte Lena hier und genauso lange nahm sie sich vor, einen größeren Postkorb hinter dem Briefschlitz anzubringen. Sie schob den Papierstapel mit dem Fuß beiseite, ging in den Flur zur Kleiderablage und drehte im Vorbeigehen die Heizung größer.
Sie liebte ihr Haus in der ruhigen Vorstadt im Südwesten Londons. Der rotbraune Backsteinbau mit dem vorspringenden Erker, dem hellen Steinbogen rund um die Eingangstür und den weißen Holzfenstern, die mit Sprossen in lauter kleine Quadrate unterteilt waren, strahlte eine heimelige Atmosphäre aus. Eigentlich war es für sie alleine reichlich groß – unten befanden sich eine Wohnküche mit Ausgang in den Garten, das Bad und eine verglaste Veranda, die Lena auch als Arbeitsraum benutzte. In der oberen Etage waren Wohnzimmer, Schlafzimmer mit Balkon und Kinderzimmer, das mangels Nachwuchs als Garderobe und Bügelzimmer diente.
Lena hatte das Haus gleich bei der ersten Besichtigung gekauft, da sie vor dem Treffen mit dem Makler einen ausgedehnten Spaziergang in Twickenham unternommen und sich in den beinahe ländlich wirkenden Ort an der Themse sofort verliebt hatte. Einstweilen fiel ihr die Vorstellung schwer, anderswo zu leben. Sie kannte jeden Laden auf der zentralen Heath Road, mochte die Gespräche mit den Inhabern der Einkaufsläden und hatte ihre Lieblingslokale, wenn ihr einmal nach Zerstreuung war.
Was ihr überdies an der Lage gefiel, war die Nähe zur M3, der Schnellstraße, die sie in wenigen Minuten aus der Stadt hinausbrachte, zu den gewundenen Landstraßen Südenglands, wo sie bei schönem Wetter gerne mit ihrer schnellen Rennmaschine, einer knallroten Suzuki GSX, unterwegs war. Diese stand jetzt gut verpackt in einem Schuppen unten am Fluss und wartete auf das Ende des Winters.
Wenn es kalt war, duschte Lena gerne brennend heiß und nahm sich dann einen großen Pott starken englischen Tee. Das tat sie auch jetzt. Dann ging sie mit der Post hinauf ins Wohnzimmer, kuschelte sich mit der Pizzaschachtel in ihr Sofa und schaltete den Fernseher ein. Der lief ständig, wenn sie zu Hause war, meist nebenher ohne Ton, da Lena befürchtete, sonst wichtige Meldungen zu versäumen. Aber es gab ihr auch das Gefühl, nicht alleine zu sein.
»Ruth hat recht, nach den Reaktionen auf die Sendung wäre es gut, bald etwas nachzuschieben«, murmelte sie und streckte sich.
Lena war – nach Dusche, Tee und Pizza – auf dem Sofa eingeschlafen. Unterdessen war es zehn geworden und sie fühlte sich wieder voll Energie. Sie ging hinunter zu ihrem Schreibtisch in der Veranda. Sie arbeitete gerne nachts, da konnte sie sich am besten konzentrieren und kein Telefon störte. Also füllte sie Kaffee in ihre italienische Espressokanne und stellte diese auf die Herdplatte. Dann holte sie die hellgraue Mappe aus der Schreibtischschublade, die ihr Hawk im Sommer in Paris am Flughafen Charles de Gaulle in die Hand gedrückt hatte. Die beiden warteten dort, nach den Ereignissen um Bronsteen, die Lena dann in ihrer Reportage über die New Yorker Anschläge verarbeitete, auf ihre Anschlussmaschinen. Sie flog zurück nach London und Hawk wieder nach Washington.
»Ich wollte Ihnen etwas geben, was mich schon seit längerer Zeit beschäftigt«, hatte er gesagt und eine Bemerkung über mögliche Zusammenhänge zwischen dem Mossad und den Attentaten in der Londoner U-Bahn gemacht.
»Aber das waren doch arabische Terroristen«, antwortete Lena verwundert darauf, wobei Hawk da offenbar gegenteiliger Meinung war.
Sie kannte ihn, seit sie mit ihren Recherchen gegen die Lobbyisten der Rüstungsindustrie begonnen hatte. Schon damals brachten seine Unterlagen Lena auf die heiße Spur der korrupten Politiker. Und er war es auch gewesen, der später den entscheidenden Hinweis gegen Bronsteen entdeckte.
Hawk arbeitete lange Jahre für das Weiße Haus als historischer Berater und sammelte dort in aller Stille auch so manch geheime Information. Als er dann vor fünf Jahren seinen Ruhestand antrat, begann er Vorträge an Universitäten zu halten und sein Wissen für die politische Bildung von jungen Studenten einzusetzen.
Wenn er ihr etwas zuspielte, gab es dafür auf jeden Fall triftige Gründe. Allerdings war sie in den letzten Monaten so beschäftigt gewesen, dass sie keine Ruhe gefunden hatte, die Mappe durchzusehen. Aber nun, da sie nach einem neuen Thema suchte, war es an der Zeit zu erfahren, welchen Dingen Hawk diesmal auf der Spur war.
LONDON stand in großen Lettern auf dem Umschlag, drinnen gab es eine Reihe von Fotos aus dem Jahr 2005 von den Anschlägen in der U-Bahn, Bilder von den Überwachungskameras auf den Stationen und dann fand Lena Pressemeldungen aus verschiedenen Zeitungen.
Am Rand der Ausschnitte standen zum Teil Hawks Gedanken darüber, auf manchen Fotos klebten Textstellen und einiges war mit Rotstift angestrichen. Auf den ersten Blick nur eine Auflistung der Ereignisse, dachte Lena, als sie die Papiere durchging. Sie erinnerte sich deutlich an den Tag, sie war wegen einer Recherche außerhalb Londons unterwegs und hörte die Nachricht im Radio.
Sie blieb bei einer Meldung hängen, dass es keinen sicheren Beweis für die Herkunft der Attentäter gäbe, da alle Kontrollkameras bei den Zugängen zur Underground und an der Bushaltestelle an dem Tag ausgefallen waren. Eine Identifizierung sei daher nicht möglich. Hawk hatte eine Stelle markiert, in der behauptet wurde, einer der beschuldigten Männer wurde angeblich noch nach den Anschlägen woanders fotografiert.
Wenn einer der Täter es nicht gewesen war, ist das auch bei den anderen fraglich, überlegte Lena. Auch der Ausfall aller Kameras war seltsam. In der U-Bahn kann das schon mal geschehen, aber dass gleichzeitig auch die Überwachung der Busstation auf der Straße nicht funktioniert hatte, war ihr zu viel des Zufalls. Und im Haus roch es eigenartig …
»Der Kaffee!«, entfuhr es ihr. Sie sprang hoch und lief in die Küche, wo der Espresso überkochte. Mit einem Geschirrtuch zog sie die brodelnde Kanne von der Platte, goss den Inhalt weg und säuberte den Herd.
»Interessant«, murmelte sie eine halbe Stunde später, nachdem sie Hawks Notizen gelesen und auch die Kopien der Artikel durchgesehen hatte. Nicht alle waren von den Londoner Anschlägen. Lena wunderte sich zuerst, warum Hawk auch Aufnahmen und Zeitungsausschnitte von einem Bombenattentat im Jahr davor mit in die Mappe gelegt hatte. Die Täter kamen aus ganz verschiedenen Lagern, konnten demnach nichts miteinander zu tun haben. Beim näheren Betrachten der Ereignisse fielen ihr dann aber einige Übereinstimmungen ins Auge.
In der Moskauer Metro starben vierzig Menschen, als sich ein junger Tschetschene in einem Tunnel um halb neun Uhr morgens in die Luft sprengte. Wie in London war es ein vorderer Waggon, der durch die Wucht der Detonation schwer beschädigt wurde. Die Wagentüren in der restlichen Garnitur versagten, die Menschen konnten nicht aus dem Zug und Panik brach aus. Man brauchte Stunden, um die Fahrgäste zu der nächstgelegenen Station zu evakuieren.
Sonst gab es keine Gemeinsamkeiten. Der Anschlag war eindeutig ein Rachefeldzug, da Putin zuvor bei erzwungenen Wahlen in Tschetschenien seinen Kandidaten durchgesetzt hatte. Es gab Beschuldigungen, Bekenner und mehrere Verhaftungen, die eigentlichen Drahtzieher des Blutbades wurden dagegen nie ausgeforscht. Dennoch lieferten die Toten von Moskau den Russen einen neuerlichen Grund für die Unterdrückung der Tschetschenen.
Lena blätterte weiter. Ganz hinten in Hawks Mappe lag eine Klarsichthülle, auf der ein Zettel geklebt war. Auf dem stand:
Ich hatte gehofft, meine Überlegungen nach
dem Anschlag in London wären falsch.
Leider waren sie das nicht …
Was meinte Hawk damit? Lena zog die Papiere heraus. Sie betrafen den erst unlängst verübten Anschlag in Brüssel. Der war Lena in lebhafter Erinnerung, hatte doch Niels im März für die London Tribune darüber geschrieben und ihr die furchtbaren Fotos des Gemetzels gezeigt.
In einer Metro der Brüsseler Innenstadt, nahe der Europäischen Regierung, detonierte eine Bombe, die zwanzig Menschen im morgendlichen Berufsverkehr mit in den Tod riss. Bei der Fahndung wurde eine Flagge des Islamischen Staates gefunden, der sich dann später zu den Anschlägen bekannte.
Bereits wenige Stunden danach betonte die westliche Welt die Solidarität mit Brüssel und die entschiedene Verteidigung der europäischen Werte. Im verstärkten Kampf gegen den IS würde man nun enger in der Allianz gegen das Terrorregime zusammenarbeiten – eine strategisch wichtige Entscheidung.
So einen Schulterschluss gegen die arabische Welt hatte es auch nach den Angriffen auf die Londoner U-Bahn gegeben, dachte Lena. Die Briten, die davor überlegten, sich vom Krieg gegen den Irak zurückzuziehen, kämpften dann mit aller Härte weiter und die Finanzhilfe für die Palästinenser wurde zum Großteil eingefroren. Aber das war elf Jahre her und seitdem hatte es jede Menge anderer Gräueltaten in vielen Ländern der Welt gegeben. Und schließlich war es doch immer so, dass Attentäter den Sprengstoff am Körper trugen und für die Tat eine Uhrzeit wählten, wo möglichst viele Leute unterwegs waren.
Sie breitete die Sachen vor sich auf dem Schreibtisch aus. Warum gerade diese drei Anschläge, welche Verbindung gab es und welchen Grund hatte Hawk gehabt, die Mappe nach Brüssel wieder hervorzuholen und ihr zu geben?
Gedankenverloren schob Lena die Pressefotos zur Seite, da bemerkte sie auf der Rückseite von einigen ein großes, dick in Rot gemaltes Rufzeichen. Es waren die Aufnahmen von den zerstörten U-Bahn-Wagen der jeweiligen Anschläge. Hawk wies sie nicht auf den Ablauf der Geschehnisse hin, begriff sie, er meinte vielmehr die Art der Zerstörung, darin musste die eigentliche Parallele bei den Bluttaten liegen. Es konnte demnach nur um die Bomben selbst gehen. Lena flog förmlich durch die Artikel und las die rot unterstrichenen Passagen nochmals ganz genau.
Tatsächlich! Die Zeitungen erwähnten jedes Mal die komplizierte chemische Zusammensetzung des Sprengsatzes, die auf ein enormes technisches Wissen des Bombenbauers schließen ließ. Nachdem die Anschläge an verschiedenen Orten stattfanden und lange Zeit auseinanderlagen, war das bisher niemandem aufgefallen, sie hätte es ohne Hawk auch übersehen.
Schlagartig wusste Lena nun, was die eigentliche Botschaft der unscheinbaren Mappe Hawks. Sie hielt den Atem an:
Hinter all diesen Verbrechen, hinter all den Opfern, stand ein einziger Verursacher – einer, der alle diese Bomben gebaut hatte, einer, der skrupellos für jede Seite arbeitete, einer, der wieder begonnen hatte, eine Spur der Verwüstung zu ziehen.
2
Der Blick über den Genfer See war an diesem Morgen atemberaubend. Die Bäume am Quai du Mont-Blanc streckten ihre dunkelfeuchten Winterarme, deren Spitzen dicht mit weißem Reif überzogen waren, in den klaren Himmel. Dahinter, im blitzenden Wasser des Sees, abgedeckt mit eisstarren Planen, lagen einige Boote in der tief stehenden Sonne.
Jan Nimhaaven saß im Cottage Café, dem kleinen Ziegelbau mit Holzdach am Südufer des Sees, direkt hinter dem Brunswick Monument, dem bedeutenden Grabmal Herzog Karls des Zweiten. Er mochte das Lokal in dem alten Gebäude mit seinen dunklen Parkettböden, den kitschigen Stuckdekorationen und den charmant antiquierten Möbeln vom Flohmarkt. Es hatte etwas sehr Individuelles, ohne aufdringlich zu sein, und auch etwas Beruhigendes, was die Konzentration förderte. Wenn er in Genf zu tun hatte, in seinem Job war dies relativ oft der Fall, ging er nach dem Frühstück im Hotel stets hierher, nahm einen kleinen Mokka, dachte über seine Vorhaben nach und bereitete sich auf die Sitzungen des Tages vor. Die freundlich entspannte Atmosphäre, die hier auch schon früh um acht herrschte, empfand er als angenehmen Gegensatz zu den geschäftlichen Terminen, bei denen jeder versuchte, sein Pokerface aufzusetzen, um sich nicht durch eine persönliche Haltung angreifbar zu machen.
Nimhaaven war Mitarbeiter der Europäischen Kommission und einer der geladenen Delegierten bei den Genfer Gesprächen. Diese informellen Beratungen fanden in regelmäßigen Abständen zwischen Europa und Amerika statt. Durch ein umfassendes Programm zu grundsätzlichen Problemen kam den Treffen eine besondere Bedeutung zu. Auf diskret neutralem Boden wurden die prinzipielle Haltung der Nato zu wichtigen Angelegenheiten erarbeitet und die Weichen für eine gemeinsame Vorgehensweise gestellt.
Heute war ein bedeutender Tag für den niederländischen Abgeordneten, denn er übernahm den Vorsitz in einer der Arbeitsgruppen, die am Rande der Tagung stattfanden und die er selbst initiiert hatte. Es ging um die Siedlungspolitik Israels – ein Thema, das ihn seit Jahren beschäftigte und bei dem er ständig versuchte, die Union zu einem schärferen Vorgehen zu bewegen. Nimhaaven war ein erklärter Gegner Israels, was er gerne hinter politischen Sachargumenten verbarg. Die meisten Länder der EU, auch sein eigenes, waren sehr vorsichtig in ihren Aussagen und auch mit den USA war nicht zu rechnen. So hatte es lange gedauert und viel an Lobbyarbeit bedurft, um seine Kollegen für Verhandlungen über einen Boykott zu gewinnen. Den Ausschlag gab schließlich der französische Delegierte Bernhard Roux, der großes Ansehen bei den Mitgliedern genoss und sich von den Argumenten überzeugen ließ.
Nimhaaven stand auf und zahlte seine Mokkas, drei waren es gewesen. Es wurde langsam Zeit, hinüber ins Kempinski zu gehen, das nur fünf Minuten entfernt an der gleichen Uferpromenade lag. Er wollte sich auf dem Zimmer frisch machen und sein Eröffnungsreferat durchgehen.
Es war klirrend kalt und der Wetterbericht der Acht-Uhr-Nachrichten meldete für Genf die ersten Tage mit Temperaturen unter minus zehn Grad für das zweite Wochenende im Dezember. Die sonst gut frequentierten Gehwege entlang des Ufers am Quai schienen wie leergefegt. Jeder, der am Samstag zu dieser Stunde schon unterwegs sein musste, saß im Auto, nahm die Tram oder benutzte einen der Trolleybusse.
Trotz der Kälte trug Nimhaaven nur eine kurze Jacke und keine Kopfbedeckung. Mit seinen hundertdreißig Kilos litt er unter zu hohen Temperaturen und fürchtete bereits die lange Sitzung im überheizten Léman B, dem Tagungsraum, den sein Sekretariat für das Wochenende gemietet hatte. Es war das kleinste Besprechungszimmer des Hotels, aber seine Arbeitsgruppe bestand vorerst nur aus fünf Mitgliedern.
Er mochte das Hotel mit seinen antiquierten Suiten, den Marmorbädern und dem riesigen Glasportal, dessen Eingang man von der Straße aus über eine Holzbrücke erreichte. Architektonisch war es ein ziemlicher Klotz, doch innen erinnerte ihn das Foyer – mit dem spiegelnden Steinboden und dem von innen beleuchteten Rezeptionspult – an Las Vegas, wohin er sich mindestens einmal im Jahr eine Reise gönnte und seiner Spiellust frönte. Im guten alten Europa hatte er das strikt unter Kontrolle, ging nur ab und an in ein Casino, um die Atmosphäre zu schnuppern. War er aber in einem der Spielertempel in der Wüste Nevadas, unbeobachtet und unter Gleichgesinnten, gab es kein Halten mehr. Nicht selten verzockte er in wenigen Tagen die Hälfte seines Jahreseinkommens, das mit allen Vergütungen, Taggeldern, Spesenabgeltungen und Zusatzeinnahmen für diverse Gefälligkeiten so um die Dreihunderttausend betrug. Was soll’s, dachte er dann, man lebt nur einmal und als bekennender Single habe ich keine Familie, für die ich sorgen müsste.
Er fuhr hinauf in seine Junior Suite mit Seeblick, schlüpfte aus seiner Jacke und der Cordhose und duschte ausgiebig. Danach föhnte er seine schütteren Haare, damit sie exakt die kahlen Stellen überdeckten, zog seinen dunkelgrauen Anzug an und entschied sich für die weinrote Krawatte mit den feinen weißen Punkten.
»Wie Ihnen allen hinlänglich bekannt ist, sind in den letzten zwanzig Jahren über dreißig Milliarden Dollar in die Palästinensergebiete geflossen, die zum Großteil in unkontrollierbaren Firmengeflechten versickern. Alleine von uns, der Europäischen Union, kamen mindestens acht Milliarden, der Rest aus den USA, den Golfstaaten und aus verschiedenen Sozialwerken der Vereinten Nationen.« Nimhaaven war mitten in dem Referat und in seinem Element. Endlich kam Bewegung in die Sache. Er schob mit einer zufriedenen Geste seine randlose Brille zurecht, um besser lesen zu können, und ging in seinem Text weiter. »Von den Zahlungen profitiert nicht die Bevölkerung, sondern überwiegend Konzerne, die sich in Gaza und im Westjordanland bedienen. Die Gründe sind Korruption und verfehlte Siedlungspolitik.«
Er sah in die Runde, die seinen Ausführungen eher gelangweilt folgte. Nur einer der Teilnehmer machte sich Notizen.
»Bereits seit längerem gibt es deshalb strengere Zollgesetze für diese Gebiete und Projekte dieser Unternehmen erhalten keine Fördergelder mehr«, fuhr Nimhaaven fort. Er entschloss sich, den Vortrag abzukürzen und zum entscheidenden Punkt zu kommen. »Der Effekt dieser Maßnahmen ist aber bislang gering, womit es – im Interesse der Menschen – an der Zeit ist, eine härtere Gangart einzuschlagen und eindeutige Sanktionen gegen Israel zu verhängen. Der erste Schritt muss daher sein, die finanziellen Mittel einzufrieren und die geplanten Investitionen auszusetzen, bis die bestehenden korrupten Kanäle trockengelegt sind.«
*
Ron Gazzarah saß in der zweiten Etage des Kempinskis bei einem der Panoramafenster der Floor-Two-Lounge und nippte an dem Black Russian on the rocks, ein doppelter Wodka mit Kaffeelikör, den die Bedienung eben gebracht hatte. Er war von der israelischen Botschaft als offizieller Medienbeobachter der Gespräche akkreditiert, die wirklichen Gründe für den Besuch in Genf lagen für einen Operationschef des Geheimdienstes aber auf anderen Gebieten. Er warf keinen Blick hinaus auf den See oder die spektakuläre Kulisse der Alpen dahinter. Der herrliche Tag vor den Fenstern interessierte ihn nicht. Die Dinge spitzten sich auf mehreren Ebenen zu – von seinem Informanten in der Arbeitsgruppe Nimhaaven wusste er, dass die Entwicklungen demnächst eine härtere Gangart erfordern würden, vom verdeckt laufenden Einsatz im Libanon fehlte jegliche Information und später musste er noch diesen unangenehmen Kanadier abwimmeln. Er checkte zum wiederholten Mal seine Mails, wieder war keine aus Beirut dabei.
»Ah, Ron, ich habe dich schon in der Bar gesucht.«
Die sonore Stimme beendete Gazzarahs Suche nach einer Mail. Er steckte sein Handy ein und begrüßte den eleganten Herrn, der zum Tisch getreten war.
»Bitte, Moshe«, sagte er und deutete auf den Fauteuil gegenüber, »nimm doch Platz.«
Obwohl sie einander schon lange kannten und sich mit Vornamen ansprachen, gingen sie äußerst förmlich miteinander um. Moshe Ben-Ilan saß auf einer Schaltstelle im israelischen Außenministerium und war der kommende Mann in der Politik des Landes. Er war noch nicht einmal fünfzig, mit seinem hohen Haaransatz und dem kurzen, schon gänzlich grauen Vollbart wirkte er aber deutlich älter. Dazu trugen auch seine kalten Augen unter den buschigen Brauen und der schmallippige Mund bei, die seinem Gesicht einen leicht überheblichen Ausdruck gaben.
»Danke.« Ben-Ilan öffnete sein teures Wollsakko, strich die dezent gemusterte Weste glatt und setzte sich. Er war zu einem Termin mit dem israelischen Botschafter in der Schweiz, so konnte er sich ohne Aufsehen mit dem Geheimdienstmann treffen, um sich über die neuesten Entwicklungen informieren zu lassen. »Und, Neuigkeiten?«
»Leider ja«, Gazzarah war die knappe, unfreundlich klingende Sprechweise Ben-Ilans gewohnt und nahm sie nicht persönlich. »Es geht in die erwartete Richtung.«
»Du hast es aus erster Hand?«
»Mein Informant, einer der Teilnehmer in der betreffenden Arbeitsgruppe, ist bei allen Sitzungen dabei.«
»Der Kontakt ist zuverlässig?«
»Über jeden Zweifel erhaben, dafür verbürge ich mich. Man spricht von weiteren Sanktionen.«
Ben-Ilan zog unmerklich die Augenbrauen zusammen, sein Mund wurde noch schmaler als sonst.
»Das wäre eine Katastrophe, Ron«, sagte er nach einer Pause, »schon die bisherigen Maßnahmen der Zollpolitik und die reduzierten Förderungen lassen potente Investoren abwandern. Verschärfte Sanktionen hätten verheerende Folgen für die Wirtschaft unseres Staates.«
»Ganz zu schweigen vom Imageverlust, wenn wir das hinnehmen würden«, pflichtete Gazzarah bei. »Nimhaaven spricht offen über einen Boykott!«
»Dieser fette holländische Antisemit!«, rutschte es Ben-Ilan heraus. Er beugte sich weit vor, sprach leise und blickte dabei wie zufällig an Gazzarah vorbei zum Fenster hinaus. »Diese Idee darf niemals als Antrag den Weg in ein Plenum finden.«




