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»So weit ist er zum Glück nicht.«
»Aber solche sturen Fanatiker warten nur auf die passende Gelegenheit, die sie benutzen können, um ihren Scheiß durchzubringen. Wir müssen jederzeit bereit sein zu reagieren.« Er lehnte sich wieder zurück und sagte gedehnt: »Jederzeit, Ron! Haben wir uns in diesem Punkt verstanden?«
»Zweifellos, aber wie sieht die Rückendeckung aus?«
»Keine Sorge, unsere Leute stehen voll dahinter, nur es muss an der Regierung vorbeigehen und es darf keinerlei Verdacht auf mich fallen. Wir haben unzählige politische Seilschaften«, Ben-Ilan machte eine wegwerfende Handbewegung, »die zu viele Interessen und nicht die nötige Entschlossenheit haben. Israel wird es uns danken, Ron, wenn erst die richtigen Leute am Ruder sind.«
Gazzarah nickte mechanisch und leerte sein Glas. Das Eis war mittlerweile zergangen und der Wodka schmeckte schal. Was ist aber, wenn die richtigen Leute nicht ans Ruder kommen?, hätte er sein Gegenüber gerne gefragt, verkniff es sich aber. Ben-Ilan baute mit viel Geschick ein eigenes Netzwerk im Hintergrund auf, um in dem Augenblick, wo sein Einfluss groß genug war, das politische Ruder an sich zu reißen. Gazzarah wusste, dass er sich auf ein äußerst gefährliches Spiel einließ, aber war diese Gruppierung erst am Zug, würde auch er in die absolute Führungsriege im Mossad aufsteigen. Der Nachrichtendienst unterstand nur dem Premier, der zugleich auch Außenminister war. Das bedeutete, im Zentrum der Macht zu sein und genau da wollte Ron Gazzarah hin.
»Ich kümmere mich darum«, sagte er daher und wischte seine Befürchtungen beiseite. »Der Plan ist …«
»Erspar mir die Details.« Ben-Ilan winkte ab. Er vermied es, über schmutzige Dinge genau Bescheid zu wissen. Wesentlich war nur, dass sie funktionierten. »In der anderen Aktion läuft alles?«
»Ja, natürlich! Keinerlei Probleme, es ist alles im Griff«, antwortete Gazzarah schnell, um nicht durch eine Pause seine Unsicherheit zu zeigen, weil er aus Beirut noch keine Nachricht von seinem Team hatte. Aber das brauchte der Politiker nicht zu wissen.
»Gut, Ron«, sagte Ben-Ilan knapp und erhob sich, »ich muss weg, zu einem Termin in der Botschaft.«
Damit ging er – nur mit einem Kopfnicken und ohne Gruß.
»Eitler Arsch«, brummte Gazzarah unhörbar hinter ihm her, sah auf die Uhr und stand ebenfalls auf.
Er musste zu dem Treffen mit dem verdammten Kanadier in das chinesische Restaurant des Hauses, wo sie zum Essen verabredet waren. Er hatte Hunger und hoffte nur, dass ihm dieser bei der bevorstehenden Unterhaltung nicht vergehen würde. Während er in den Lift stieg, um in die Etage darunter zu fahren, zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und checkte, ob eine Mail aus Beirut eingetroffen war. Aber das Display zeigte: No Messages.
»Hey! I’m here!«
Der asiatische Kellner, der die Silberplatte mit den gebackenen Garnelen auf dem Serviertisch abstellte, zuckte zusammen. Dann legte er dem Gast das Essen vor, ohne sich anmerken zu lassen, was er über den großen, grobknochigen Glatzkopf dachte, der sich aus dem Sessel hochschraubte und – quer durch das Lokal – lautstark seinem Besucher winkte.
Das chinesische Tsé Yang im ersten Stock des Hotels war eines der besten Restaurants in Genf, pflegte eine elegante Atmosphäre und bot perfekt zubereitete Delikatessen. Dementsprechend distinguiert waren auch die Gäste, die in dem Lokal den Gaumenfreuden frönten und ob des Benehmens irritiert innehielten.
Doug Whise ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und breitete die Hände zur Begrüßung aus.
»Hello Ronny, ich war früher da und habe deshalb schon bestellt«, polterte er, ohne seine Lautstärke auch nur im Geringsten zu vermindern, und deutete auf die Garnelen, als Gazzarah an den Tisch trat.
»Kein Problem«, antwortete der betont leise und nahm den Platz gegenüber ein. Für das saloppe Ronny hasste er Doug.
Der Kellner verbeugte sich und reichte ihm die Speisekarte.
»Danke, die brauche ich nicht«, sagte Gazzarah, der oft und gerne hier aß, »ich nehme als Vorspeise die Teigtaschen mit frischem Ingwer und dann die Spezialität des Hauses.«
»Das Szechuan Rindfleisch auf Sellerie und Lauch – ausgezeichnete Wahl«, erwiderte der Kellner nickend. »Zu trinken darf ich Ihnen traditionell Tee anbieten?«
»Ja, passt gut zum kalten Wetter.«
Der Kellner entfernte sich mit einer weiteren höflichen Verbeugung und Doug, der grinste, weil Gazzarah Tee bestellt hatte, lehnte sich zurück. Er nahm einen tiefen Zug von seinem Bier und wischte sich dann mit dem Handrücken den Mund ab. Manieren waren nie seine Stärke gewesen. Die brauchte er auch nicht, denn Doug trieb sich fast das ganze Jahr über in zweifelhaften Camps in Südländern herum, wo man das Essen einfach aus Dosen löffelte. Das Auffallende an ihm war sein Gesicht mit der Narbe, die die linke Augenbraue in zwei Teile zerschnitt, und dem herben, verbissen wirkenden Mund mit den großen, viel zu weißen falschen Zähnen.
Nach seiner eigenen Definition war Doug ein beliebter Militärberater für einige politische Regime. In Wahrheit war er ein abgehalfterter Söldnerführer, der bei jedem Umsturz für die Seite, die am besten bezahlte, seine dreckigen Finger ins Spiel brachte. Doch inzwischen vermieden es viele Militärberater, ihn und seinen bunten Haufen anzuheuern, da er häufig hohe Kollateralschäden verursachte. Folglich hatte er eine eigene Sicherheitsfirma unter dem klingenden Namen Clearance gegründet und keilte die Aufträge selbst, direkt von den Diktatoren oder Putschisten der Dritten Welt. Freiwillige, die sich gegen guten Sold verdingten, irgendwo Köpfe kaputtzuschlagen, gab es genug, so zählte Dougs Privatarmee unterdessen über fünfzig Mann. Damit war er nun auf größere Aufträge angewiesen, da seine Finanziers, die sich von der Investition in die Idee satte Gewinne erwarteten, langsam begannen, den Geldhahn zuzudrehen.
»Es wäre an der Zeit, über eine breitere Kooperation zu sprechen«, sagte Doug nach dem üblichen belanglosen Smalltalk, zwischen zwei Garnelen, und trank sein Bier gierig in einem Zug aus.
»Über das Thema haben wir schon letztes Mal diskutiert«, versuchte Gazzarah auszuweichen, »ich denke daran, aber es ist recht schwierig.«
»Schwachsinn«, brauste Doug ansatzlos auf, »was kann für dich schon schwierig sein, als Obermacher beim Mos…?«
»Genug«, unterbrach der Geheimdienstmann die unbedachte Äußerung scharf.
Die Leute rundherum schauten auf. Doug maulte irgendetwas, begann aber wieder im Teller zu stochern.
»Bist du vollkommen verrückt geworden?«, setzte Gazzarah leise und eindringlich hinzu. »Halte dich zurück, sonst haben wir uns das letzte Mal getroffen.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Doug mit einem harten Blick und einem verächtlichen Unterton. »Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Dir brauche ich nicht zu sagen, was so eine Mannschaft kostet. Ich muss unbedingt einige lukrative Sicherheitseinsätze haben. Du weißt, Ronny, ich würde alles tun, um sie zu bekommen.«
Der Schluss war eine offene Drohung und Gazzarah spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Doch wollte er nicht seine eigene Position gefährden, musste er um jeden Preis ruhig bleiben. Wieder einmal rächt sich mein Fehler, dachte er zornig.
Es war vor über zwanzig Jahren gewesen: Ron Gazzarah war damals bei einer Sabotagezelle des Mossad und hatte seinen ersten Einsatz in Bosnien als Kommandant. Er sollte, gemeinsam mit Leuten vom amerikanischen Geheimdienst, eine paramilitärische Gruppe der Weißen Adler ausschalten, die aufseiten der Serben für ihre Brutalität berüchtigt waren. Die Amis setzten, um die eigenen Agenten zu schonen, vermehrt bezahlte Kämpfer ein. Einer dieser Blutsöldner – mit dem Auftrag, die Tötungen zu übernehmen – war der kanadische Waffennarr Doug Whise, der zuvor auf der albanischen Seite mitgemischt hatte und sich gerne auch dafür rekrutieren ließ. Es ging schief. Gazzarah, selbst noch unerfahren, hetzte die Gruppe in einen Hinterhalt und von den zwölf Männern überlebten nur zwei – er und Doug. Um dem drohenden Prozess und einer sofortigen Entlassung zu entgehen, vertuschte er die unschöne Sache mit dessen Hilfe.
Seitdem war er gezwungen, Doug ruhig zu halten und ihm Aufträge zukommen zu lassen. Durch seinen internen Aufstieg bis zum Chiefs of Operations ging das ohne größere Probleme, aber er mochte den Hitzkopf nicht und versuchte, sich diesen mit unbedeutenden Missionen vom Leib zu halten. Doug war für stille Geheimdienstarbeit einfach nicht geschaffen und Gazzarah liebte es, Einsätze mit einer professionellen Lautlosigkeit durchzuführen – in der Vorbereitungsphase.
»Ich sehe, was ich machen kann«, sagte er, um die Situation zu beruhigen. Sein Mobiltelefon meldete mit einem leisen Piepston den Eingang einer Mail. Er wandte sich zur Seite und las die Nachricht. Sein Gesicht wurde starr. »Ich muss dringend weg!«
»Du musst weg?« Doug polterte wieder los. »Ich komme extra von Marokko hierher, um dich zu treffen! Und du musst weg?«
»Ja, es geht eben nicht anders«, er senkte die Stimme, »ich habe einen Einsatz und da ist anscheinend die Scheiße am Dampfen. Das ist eindeutig wichtiger!«
Doug wollte schon wütend hochfahren, doch Gazzarah drückte ihn zurück auf den Stuhl.
»Unter Umständen kann ich etwas in Syrien arrangieren«, sagte er schnell, um dem Kanadier etwas in Aussicht zu stellen, das ihn vorläufig besänftigte und das Gespräch beendete, »da läuft einiges mit dem IS schief. Die Allianz braucht jede Menge Personal.«
»Das wäre ein Anfang.« Doug entspannte sich, der Tonfall blieb aber drohend. »Aber lass dir nicht zu lange Zeit, nicht nur meine Finanzen gehen zu Ende, auch meine Geduld!«
Ron Gazzarah hörte das nur mehr mit halbem Ohr. Er ließ sein Essen stehen, verabschiedete sich knapp von Doug, zahlte im Vorbeigehen seine Rechnung und stürmte die Treppen hinunter.
Unfähig, dachte er aufgebracht, alle unfähig! Dass er sich als Operationschef um eine laufende Angelegenheit persönlich kümmern musste, würde Konsequenzen für die Leute im Libanon haben, das schwor er sich. Aber erst einmal galt es, die Mission ohne großes Aufsehen zu klären. Sein Gehirn lief auf Hochtouren. Er musste in die Botschaft, die Identität wechseln und am Airport Bescheid geben. Er sprang in den silbernen Mercedes in der Tiefgarage. Während er die Nummer des Piloten wählte und auf den Quai hinausbog, hatte er den Kanadier bereits vergessen.
3
Die vorweihnachtliche Atmosphäre des verschneiten Freitagabends war wieder der üblich grauen Londoner Suppe gewichen, als Lena am Sonntag frühmorgens Richtung Stadt fuhr. Es war kalt geblieben und der feine Nieselregen fror auf den Fahrbahnen der Nebenstraßen. Sie war vorsichtig unterwegs, immer wieder schlitterte der Mini, trotz seiner sehr guten Straßenlage, seitlich weg. Ihre Laune passte zum Wetter, denn die Scheiben waren zugefroren gewesen und Lena hatte noch keinen Eiskratzer gekauft. So mühte sie sich mit einem Küchenschaber ab, der für derartige Zwecke als Notbehelf im Auto lag.
Sie hatte gestern bis Mittag geschlafen und dann alle Überlegungen Hawks nochmals überdacht. Falls er recht haben sollte, war der Stoff brisant. Heute war sie um sechs aufgewacht und konnte – den Kopf voller Gedanken – nicht mehr einschlafen. Eigentlich wollte sie das Wochenende über ausspannen, spazieren gehen und den beginnenden Urlaub genießen; doch jetzt sprang sie aus dem Bett und fuhr, entgegen dieser Pläne, ins Büro. Die Redaktion besaß ein umfassendes Archiv mit allen wichtigen Meldungen, auch solchen, die nicht veröffentlicht wurden. Dort gab es die größte Chance etwas zu finden, das die These Hawks bestätigen konnte.
Die Straßen in der Innenstadt waren menschenleer, nur einige verschlafene Fußgänger führten ihre Hunde an der Leine, die in dem eisgrauen Morgen auch nicht sehr erfreut wirkten. Es war erst halb acht, als sie in die Tiefgarage fuhr.
Lena wunderte sich, als sie die Eingangstür zum Büro aufstieß: Es war nicht abgeschlossen und überall brannte Licht. Sie ging vom Entree in das große zentrale Arbeitszimmer, wo die Fotografen und die freien Mitarbeiter ihre Plätze hatten – nichts.
»Lena?«, fragte die Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich um. Es war Clark, der mit einer Tasse Tee aus der Küche kam.
»Du bist schon da? Und noch dazu am Sonntag?«, meinte sie erstaunt.
»Dasselbe könnte ich dich auch fragen!« Clark war bester Laune, ungeachtet der frühen Stunde. »Hast du nach zwei Tagen schon genug vom Urlaub oder ist es die Sehnsucht nach den Kollegen?«
»Nein, es ist der nächste Stoff. Mich lässt da eine Idee nicht zufrieden. Und bei dir?«
»Mich lässt der Boss nicht zufrieden«, er grinste sie an, »unser Herr und Meister kommt gegen Mittag aus der Schweiz zurück. Ruth ist auch da, wir müssen Verschiedenes vorbereiten, er will wissen, was in seiner Abwesenheit los war.«
»Ah, ich dachte, Shyam bleibt länger weg«, meinte Lena, »passt mir aber gut, dann kann ich gleich wegen der nächsten Sendung mit ihm sprechen.«
»Das ging aber schnell«, sagte Ruth, die Lena sprechen gehört hatte und aus ihrem Büro kam, um sie zu begrüßen. »Vorgestern wolltest du noch eine Woche lang gemütlich darüber nachdenken. Was ist es denn?«
»Es geht um den Anschlag auf die Underground bei uns in London.«
»Du meinst von 2005?«
»Genau, aber nicht nur darum, sondern auch um den Vorfall in Moskau davor und um den heurigen Anschlag in Brüssel.«
»Irgendwie blicke ich da jetzt nicht ganz durch«, Ruth schüttelte verständnislos den Kopf, »was haben die miteinander zu tun?«
»Bring mir auch einen Tee«, sagte Lena zu Clark, »dann erzähl ich’s euch.«
»So werde ich ausgenutzt«, maulte Clark scherzhaft.
Lena lachte und warf die Tasche mit dem Laptop auf einen Stuhl, während er zurück in die Küche ging, um ihr eine Tasse Tee einzugießen.
»Das wäre doch ein ziemlich heißes Ding, meint ihr nicht?«, fragte Lena, als sie beim Tee saßen. Sie hatte Hawks Mappe offen, den Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet und die beiden in ihre Überlegungen eingeweiht.
»Irgendwie …«, meinte Ruth nachdenklich, da Lena sie auffordernd ansah, etwas zu sagen, »ganz schlüssig kommt es mir nicht vor.«
»Wieso? Allein das Thema London ist schon eine tolle Story, da die Attentäter hier lebten und Briten waren. Diese neue Art von Terrorismus ist das Symbol für einen steigenden Hass gegen die Politik und die Menschen im eigenen Land. Wo hat es das vorher gegeben, außer vielleicht in Nordirland mit der IRA.«
»Oder in Spanien mit den Basken oder gerade in der Türkei mit den Kurden – neu ist das nicht.«
»Für uns in London schon«, verteidigte Lena ihre Idee, »und dann die gleiche Vorgehensweise zu verschiedenen Zeiten, in Ländern, die räumlich weit auseinanderliegen …«
»Ja, gut«, warf jetzt auch Clark ein, »aber gibt es eine andere Möglichkeit? Das Muster muss ähnlich sein. Man bindet sich das Zeug um und geht wo rein, wo viele Leute sind, wie eben die U-Bahn.«
»Und alle verwenden den gleichen Sprengstoff, der ein spezielles Know-how erfordert?«, konterte sie jetzt genervt. »Glaubst du, dieser Zusammenhang ist Zufall? Da muss doch einer dahinterstehen.«
»Zugegeben, es wäre möglich, aber zugleich ist es auch wieder sehr unwahrscheinlich«, meinte Ruth nachdenklich.
Clark deutete auf die Unterlagen. »Ob du da nicht voll auf die Ansicht deines amerikanischen Freundes hineinkippst? Aber bitte, ich bin in solchen Fragen kein Spezialist.«
»Eben!« Lenas Augen funkelten. »Dann mach mir das Thema nicht mies!«
»Das versuche ich gar nicht und an deinen Argumenten ist sicher was dran«, räumte Clark ein, setzte ein Lächeln auf und hob entschuldigend die Arme.
»Es ist auch ausschließlich die Entscheidung von dir und Shyam, ob ihr das Thema machen wollt«, sagte Ruth spitz, »Clark und ich sind nur diejenigen, die mit euren Erfolgen dann die Statistik füttern.«
Lena atmete tief durch. »Entschuldigt, ich verstehe eure Zweifel ja. Andererseits spüre ich, dass da etwas faul ist und es sich lohnt, dem nachzugehen. Davon will ich euch eben gerne überzeugen.«
Sie schob alles auf einen Stapel zusammen und holte ihren Laptop.
»Schon okay, komm Clark, wir machen bei uns drüben weiter.« Ruth stand auf und die beiden gingen hinaus.
Eine Stunde später, Lena stöberte über ihren Computer im Server der Redaktion herum, lagen jede Menge Notizen auf dem Tisch und sie hatte die Welt rundherum vergessen.
Das Archiv der Firma war umfangreich und bestens aufgearbeitet. Sie erinnerte sich an ihre vorherigen Jobs beim Fernsehen, wo man alte Sendungen in Bändern im Keller stapelte, die man mühsam ausheben und entstauben musste und es dann womöglich keine Abspielmöglichkeit mehr für das alte Videosystem gab. In Shyams Büro war genau das Gegenteil zu finden: Jeder Bericht und jedes Dokument wurde säuberlich digitalisiert und war über Suchbegriffe verfügbar.
Diese Übersicht führte Lena zu einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Fars über einen Anschlag in Teheran im Jahr 2012. Im Norden der Hauptstadt wurde ein Atomphysiker in seinem Auto getötet, diesmal nicht von einem Selbstmörder, sondern von einem Motorradfahrer mit einer Haftbombe. Der hatte neben dem Fahrzeug angehalten, den Sprengsatz befestigt und war danach mit Vollgas geflüchtet. Die Explosion erfolgte Sekunden später, der Wissenschaftler hatte keine Chance zu entkommen. Ob er entscheidend am iranischen Atomprogramm beteiligt gewesen war, blieb unklar, schien aber realistisch. Der stellvertretende Gouverneur Teherans beschuldigte den Mossad, hinter der Tat zu stecken. Angeblich seien Führungsoffiziere der Israelis, als Diplomaten getarnt, öfter im Land unterwegs, um unzufriedene Iraner für derartige Anschläge anzuwerben.
Die Umstände waren vollkommen anders als in London, außer dass auch dort Inländer die Tat verübten, nur der verwendete Sprengstoff war der gleiche. Bei allen Sprengsätzen hatte es sich um eine als NHS-Gel bezeichnete Substanz gehandelt, eine neuartige Verbindung von Stoffen aus der Nano-Technologie. Lena hatte in die Suchmaske des Archivs nur den chemischen Begriff eingegeben und fand die folgende Beschreibung:
Die stärkste der chemischen Sprengsubstanzen, die in den letzten zwanzig Jahren entdeckt wurde, eine besondere Metallverbindung, mit der vielfachen Sprengkraft von herkömmlichem TNT oder Dynamit.
Kommt sie mit normaler Luft in Berührung, löst die Kettenreaktion eine gewaltige Explosion mit hoher Detonationsgeschwindigkeit aus. Daher kann bereits mit geringsten Mengen eine verheerende Wirkung erzielt werden. Die Verbindung ist jedoch derart empfindlich, dass ein hohes Maß an Wissen nötig ist, um sie im Gebrauch beherrschen zu können.
Die Entdeckung machte man im Jahr 2002 am bekannten Rutfeld-Institut in Haifa. Die Forschungsergebnisse wurden im Herbst 2008 in führenden Fachjournalen veröffentlicht.
Lena wollte schon weiterblättern, hatte aber das Gefühl, da stimmte etwas nicht. Sie las den Text mehrmals, bis sie erkannte, was sie daran stutzig machte – der Ort und die Jahreszahlen! Wenn man in Israel einen derartigen Sprengstoff entwickelt hatte, hing der Mossad mit drin und wenn die Details erst 2008 bekannt wurden, hatten nur die Leute in diesem Labor Zugang zu dem Wissen. Zumindest bei den Anschlägen vor der Veröffentlichung.
»Wichtiger Punkt!«, murmelte Lena vor sich hin, während sie sich einige Details notierte. »Wer die Bomben gebaut hat, muss die Forschung an dem Institut in Haifa gekannt haben.«
Für sie stand damit fest, dass dieser mysteriöse Hintermann existierte. Entweder war es einer der Forscher oder er hatte dort zu tun, möglicherweise war es auch ein ehemaliger Student, überlegte sie.
»Interessant«, sagte sie laut, als sie sah, dass es einen halb fertigen Bericht zu dem Vorfall im Iran gab, der aber nie veröffentlicht worden war. Sie stand auf und ging hinüber in Clarks Büro.
»Erinnerst du dich an Teheran vor vier Jahren, wo der Atomphysiker ermordet wurde?«
»So einigermaßen.« Clark sah auf. »Was ist damit?«
»Jemand hat eine Reportage ins Archiv eingespielt, aber die wurde weder zu Ende geschrieben noch je gebracht.«
»So genau weiß ich das auch nicht mehr«, sagte Clark und überlegte, »Shyam war es wahrscheinlich zu spekulativ. Du kennst ihn ja, er ist in dem Punkt relativ heikel.«
»Was ist denn daran spekulativ?« Lena wunderte sich darüber. Dann deutete sie auf die Aufstellung im Monitor. »Nebenbei erwähnt, auch über die Londoner Anschläge gibt es nichts Umfassendes. Einige kleine Berichte, ein paar Artikel, das ist alles.«
»Aha, ist mir bisher nicht aufgefallen.«
»Einer der größten Anschläge in Europa, das wäre doch ein toller Stoff gewesen.«
»Toller Stoff!?« Clark verzog den Mund. »Mit dir hält das Grauen in diese Firma Einzug …«
»Ich meine doch nur«, gab Lena lachend zurück, »dass sich die Berichterstattung darüber gut verkauft hätte, immerhin war es über Monate ein heißes Thema. Da wundert es mich eben, wenn Shyam sich das entgehen lässt.«
»Ich bin nur ein kleines Rädchen«, Clark zuckte die Achseln, »und mache meine Statistik. Die muss ich jetzt auch weitermachen …«
»Ja, schon gut, ich störe dich nicht weiter«, meinte Lena und ging wieder zurück in ihr Zimmer.
Für sie war jetzt klar, dass sich ihre nächste Story um den geheimen Bombenbauer hinter dem Londoner Anschlag drehen musste. Wie könnte der Titel für die Reportage sein, dachte sie und blickte zum Fenster hinaus.
»Hallo Clark, hallo Mutter«, sagte Shyam, als er um elf in die Redaktion kam. Dann schaute er bei Lenas Tür herein. »Du bist auch da? Ich dachte, du wolltest Urlaub nehmen?«
»Ja, habe ich auch«, sagte Lena freudig und stand auf, »ich muss dir nur ganz dringend was sagen und komme dann hinüber zu dir, ich …«
»Jetzt lass mich bitte erst mal ankommen.« Shyam hob beschwichtigend die Arme. »Ich bin eben aus Zürich gelandet und der Flug über den Kanal war ein Horror – Regen, Stürme, Turbulenzen! Also: Schönen Sonntag, alle weiteren Katastrophen morgen, dafür habe ich jetzt keinen Kopf.«
»Sind keine Katastrophen«, Lena ließ sich wieder zurück auf den Sessel fallen, »du hast eine halbe Stunde, dann komme ich. Unbedingt! Ich mache dir auch einen supergroßen Caffè Latte und hole Bagles von gegenüber.«
Shyam schmunzelte und verdrehte die Augen. »Gut, damit hast du den Boss überzeugt, aber ich will Schoko-Donuts – zwei Stück, ohne Nüsse!«
Shyam Asik Barod war sehr attraktiv, dazu kamen perfekte Umgangsformen, ein guter Geschmack für Kleidung und das nötige Kleingeld. Sein Vater war Inder, was man an Shyams Teint bemerkte. Die Familie betrieb ein Handelshaus für Gewürze und fernöstliche Spezialitäten, das der Vater vor langer Zeit gegründet hatte und womit er wohlhabend geworden war. Ruth half ihrem Sohn einfach aus Freude und um eine Beschäftigung zu haben, wie sie betonte, nötig hatte sie es nicht.
Bislang unverheiratet gehörte Shyam mit seinen fünfundvierzig Jahren zu den umschwärmten Junggesellen Londons. Seinen ersten Abschluss mit Auszeichnung machte er in Cambridge, studierte danach Politik an der prominenten Berliner Humboldt-Universität, wo er in der Mindestzeit promovierte. Überdies beherrschte er drei Fremdsprachen perfekt. Nach einer längeren Studienzeit im Ausland gründete er das Redaktionsbüro und wurde Fernsehproduzent.
»Nun«, sagte er zu Lena und setzte sich an den großen Besprechungstisch, wo sie mit einem Berg von vollgekritzelten Zetteln, Kaffeegeschirr und einer offenen Schachtel Donuts thronte, »was kann nicht bis morgen warten?«
»Eine heiße Sache, auf die ich gestoßen bin. Ich beginne sie eben zu recherchieren.«
»Wolltest du das neue Thema nicht erst im Frühjahr angehen?«, fragte er, um dann beifällig hinzuzufügen: »Übrigens meine herzliche Gratulation zum Erfolg der ersten Sendung. Du hast mit deinem Spürsinn einen beachtlichen Start hingelegt.«
»Danke!« Lena konnte ihren Stolz nicht verbergen. Die Anerkennung tat ihr gut, bei früheren Jobs hatte sie diese vermisst. »Frühjahr war ursprünglich für die neue Geschichte geplant, aber jetzt hat sich akut etwas ergeben.«




