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Erschöpft schleppe ich mich nach unten in die Küche. Dabei ist es nicht nur der Kater und der damit verbundene Kopfschmerz, sondern vor allem mein linkes Knie, das mich beinahe bei jedem Schritt aufstöhnen lässt. Unweigerlich frage ich mich, was gestern Abend passiert ist. Wieso jemand bei mir übernachtet, den ich absolut nicht kenne, und warum zur Hölle ich keinen Schritt machen kann, ohne dass mir ein Schmerz durch die Knochen fährt?
In der Küche erwartet Papa mich mit einer Tasse in der Hand und einem müden Grinsen auf dem Gesicht.
»Hey Großer, ich bin richtig stolz auf dich. Beim nächsten Spiel bin ich dabei, ich verspreche es!«
Ich nicke, weil ich ihm glauben will. Gleichzeitig fühle ich mich unglaublich schlecht, weil ich enttäuscht bin, dass sie nie zu einem Spiel kommen, da meine Schwester sie im Moment einfach mehr braucht.
»Wie geht’s ihr?«, frage ich, nachdem ich den ersten Tropfen Kaffee wie ein kostbares Lebenselixier runtergeschluckt habe. Die wohltuende Wärme breitet sich in mir aus und vertreibt jede Dunkelheit, die seit dem Aufwachen in meinem Körper wabert und nur darauf wartet, mich in die Knie zu zwingen.
»Du kennst sie ja. Sie kämpft, sie versucht stark zu sein. Aber die Ärzte geben ihr nicht mehr lange«, antwortet er und seine Augen füllen sich mit Tränen. Ein dicker Kloß sitzt in meinem Hals und mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Mein Mund fühlt sich plötzlich staubtrocken an, dabei kann ich den Kaffee auf meiner Zunge noch schmecken.
Mila ist meine zwölfjährige Schwester und das größte Wunder unserer Familie. Nach mir hatte Mama drei Fehlgeburten und wir haben alle nicht daran geglaubt, dass ich irgendwann noch ein Geschwisterchen bekomme. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als Mama und Papa mich von der Schule abgeholt haben, wir in das kleine Café in der Hauptstraße gefahren sind und ich meinen liebsten Apfelkuchen mit Sahne zum Mittagessen bekommen habe. Es war der Tag, als sie mit Mila in der zwölften Woche war. Ihre Augen haben geleuchtet, als sie mir verkündet haben, dass wir bald zu viert sind. Ich weiß noch, wie sehr ich mich gefreut habe. Wie ich meine Freunde immer um ihre Geschwister beneidet habe. In der zwanzigsten Schwangerschaftswoche haben sie dann nicht nur festgestellt, dass es ein Mädchen wird, sondern auch, dass sie einen schweren Herzfehler hat.
Für meine Eltern war sofort klar, ihr Wunder trotzdem zu behalten. Als Mila auf die Welt kam, lag sie wochenlang auf der Intensivstation und ich durfte sie nur selten besuchen. Aber ich erinnere mich noch genau an den kleinen blassen Körper, an dem so viele Kabel gehangen haben. Wie ich sie nur mit einem Finger berühren durfte und wie kalt ihre Hände und Füße waren. Sie kam mit einer DCM, einer primären dilatativen Kardiomyopathie auf die Welt. Und so richtig verstanden habe ich das bis heute nicht. Meine Eltern haben mir das so erklärt, dass Milas Herzmuskel, aufgrund eines Gendefekts, zu groß ist und die Pumpleistung ihres Herzens beeinträchtigt. Ihr Körper wurde nicht ausreichend mit Blut versorgt, woraufhin die Ärzte ihr ein neues Herz einpflanzen mussten. Mila ist jetzt zwölf und ihr Implantat wird immer schwächer, obwohl es eigentlich zwanzig Jahre halten sollte. Das heißt, wir hoffen jeden Tag darauf, dass irgendwo jemand bei einem Autounfall oder an Hirnversagen stirbt, damit Mila ein neues Herz bekommt. Die Grausamkeit, die die Hoffnung mit sich bringt, ist jedem von uns mehr als deutlich bewusst. Als Mila angefangen hat zu verstehen, dass für sie jemand anderes sterben muss, hat sie fast aufgegeben. Mama und Papa sind mit ihr zu einem Therapeuten. Danach hat sie begonnen zu kämpfen und nie aufgehört. Manchmal wünschte ich, sie würde mir etwas von ihrem Kampfgeist abgeben.
Ich gucke zurück zu Papa, der an der Küchenzeile lehnt. Seine Hände umklammern seine Kaffeetasse und Tränen laufen ihm die Wange hinunter. Ich spüre wie auch meine Augen brennen und der Kloß in meinem Hals übermächtig wird.
»Wir wollten mit dir sprechen«, beginnt er dann und seine Stimme ist dabei ziemlich rau.
»Mila möchte aus dem Krankenhaus raus. Die Ärzte überlegen schon seit Wochen, ob die Möglichkeit besteht, das Herzunterstützungssystem mit nach Hause zu nehmen. Es würde jeden Tag ein Pflegedienst vorbeikommen, der uns hilft. Wir würden uns freuen, wenn du dir ein bisschen Zeit für Mila nimmst. Schließlich wissen wir nicht, wie lange ihr Herz das noch mit macht.« Bei dem letzten Satz zittert seine Stimme und ich bewundere, wie entschlossen er mir darüber berichtet, während mein Herz Stück für Stück mehr bricht und mir die Tränen heiß über die Wange rinnen. Ich liebe meine Schwester über alles und bedauere es, sie in den letzten Wochen so wenig gesehen zu haben, weil ich so viel mit dem Fußball zu tun hatte.
»Okay. Ich spreche mit meinem Trainer und lasse mich den Rest der Woche vom Training befreien.« Danach bricht meine Stimme, weil ich aufschluchzen muss. Papa kommt ein paar Schritte zu mir und legt seine Hand auf meine Schulter.
»Danke.« Dann stellt er seine leere Tasse zurück und verlässt den Raum. Ich bin froh, allein zu sein, weil mein Gesicht immer noch tränennass ist und mein Körper von Schluchzern erschüttert wird. Seit Mila in unser Leben getreten ist, mussten auch Papa und ich lernen, Gefühle zu zeigen. Mittlerweile fällt es mir nicht mehr schwer, zu weinen, wenn ich mich danach fühle.
Ich beobachte wie ein paar meiner Tränen in die Tasse fallen.
Irgendwann versiegen sie und ich trinke den kalten Rest meines Kaffees. Dann mache ich mich fertig. Auch wenn mir jede Bewegung wehtut. Als ich meine Hose ausziehe, sehe ich, warum mein Knie so schmerzt. Mit einem schnellen Ruck trenne ich den Stoff von dem getrockneten Blut. Beide Knie sind aufgeschrammt und auf den Schienbeinen sind blaue Hämatome. Ohne den Verletzungen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, dusche ich mich und ziehe mich danach an. Nach dem Zähneputzen fühle ich mich fast wie neugeboren. Wären da nicht die Kopfschmerzen und das unangenehme Gefühl, etwas Wichtiges von letzter Nacht verpasst zu haben. Ich packe meine Sportsachen zusammen und schultere meinen Rucksack.
Kurz bevor ich das Haus verlassen will, hält Mama mich auf.
»Den Ring habe ich auf deinem Boden gefunden.« Sie hält einen einfachen, schwarzen Ring in der Hand, der mir absolut unbekannt ist.
»Ist vielleicht von Jonas«, antworte ich reflexartig und stecke ihn ein. »Soll ich dich fahren?« Ihre Augen sind rotgerändert und ihr schmales Gesicht sieht noch eingefallener aus als sonst.
»Ist schon gut, Mum, leg dich mal schlafen«, entgegne ich und gebe ihr eine kurze Umarmung, dann verlasse ich unser Haus.
Als ich endlich in der Schule ankomme, sind die ersten drei Stunde bereits vorbei. Also mache ich mich auf den Weg zum Erkunde-Saal. Dabei versuche ich mir ein Lächeln aufs Gesicht zu kleistern, obwohl sich mein Inneres wie zerrüttet anfühlt. Die Schmerztablette hat mir zwar die Kopfschmerzen und die Lichtempfindlichkeit genommen, das dumpfe Gefühl in meiner Magengegend aber gelassen.
Als ich gerade Richtung Treppen will, stoße ich mit Leon und Tom zusammen.
»Captain«, kommt es von Leon, der mindestens genauso fertig aussieht, wie ich mich fühle.
»Du warst gestern irgendwann einfach verschwunden. Schmitt und ich haben dich überall gesucht«, sagt Tom und betrachtet mich aus müden Augen.
»Sorry, habe wohl zu viel getrunken«, erwidere ich matt und merke wie sich mein gesamter Körper viel schwerer anfühlt.
»Man sieht sich«, ergänze ich gepresst, weil mein Brustkorb immer enger wird. Ich schnappe nach Luft, weil ich das Gefühl habe, meine Lungen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Doch ich komme nicht gegen die Dunkelheit an, die sich plötzlich rasend schnell in mir ausbreitet. So, als hätte sie nur darauf gewartet, eine Schwachstelle zu finden.
Ich wende mich von den beiden ab und stürme davon. Sie rufen mir noch eine Verabschiedung hinterher, aber ich verstehe nicht was. Instinktiv steuere ich die Männertoilette an. Ich stoße die Türe auf, schließe sie sofort hinter mir und erbreche mich augenblicklich.
Mein ganzer Körper zittert und der beißende Geschmack von Kaffee und Magensäure liegt auf meiner Zunge. Irgendwann spüre ich die Schärfe in meinem Mund und die Kälte unter meinen schmerzenden Knien nicht mehr. Auch die Tränen, die mir heiß über die kalte Wange laufen, fühle ich nicht mehr.
Ich beobachte, wie sich die braungelbe Flüssigkeit in der Toilette immer weiter auflöst, seit ich die Spülung betätigt habe.
Dann heiße ich die gleichgültige Schwärze willkommen, die mich auf den Boden gleiten und an die Decke starren lässt. Ich fange an die Neonröhren in den Lichtern zu zählen, bis jedes Gefühl aus meinem Körper verschwunden ist. All die Gedanken an meine Schwester, die Mannschaft und den gestrigen Abend sind immer noch da, aber nicht mehr von Bedeutung.
Ich habe keine Ahnung, wie lange es dieses Mal anhält. Wie viel Uhr wir haben. Welcher Tag heute ist.
Ein und aus. Ein Atemzug nach dem anderen. Ein. Getrappel. Aus. Gemurmel. Ein. Und. Aus.
Ich betrachte die weißen Plastikwände, an denen sich alle möglichen Leute verewigt haben. Die Wörter verschwimmen vor meinen Augen. So, als könnte ich nicht mehr lesen. Als könnte ich nur noch atmen. Und das reicht mir für den Moment.
Das Einzige, was ich höre, ist das dumpfe Klopfen meines Herzens und das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Beides absolut bedeutungslos.
Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur liege und bin, aber irgendwann beginnt das Hintergrundrauschen sich wieder in Stimmen und Schritte zu verwandeln. Die verzerrte Schrift an den Wänden wird langsam wieder zu Wörtern. Zu einzelnen Buchstaben.
Neben all den Beleidigungen und Verewigungen, sind es zwei Zeilen, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
I wish
I was DEAD
Ich versuche nicht, darüber nachzudenken, wie passend es ist. Auf wie viele Arten ich die Zeilen verändern könnte, ohne dass die Aussage an Bedeutung verlieren würde.
Ich wünschte, ich würde sterben, anstatt meiner Schwester, weil ich mir sicher bin, dass sie mehr aus ihrem Leben machen würde als ich. Weil sie es verdient hat zu leben und nicht schon zu sterben, bevor sie geküsst wurde. Bevor sie sich verlieben konnte. Bevor sie richtig leben durfte. Eine Träne rollt meine Wange runter und ich versuche den Schmerz festzuhalten. Lieber ein negatives Gefühl als keins. Lieber Leid als Dunkelheit.
»Warte hier. Ich bin gleich wieder zurück«, höre ich die tiefe Stimme von heute Morgen. Er spricht anders. Laut, langsam und betont jede Silbe überdeutlich.
Es ist, als ob sich der dunkle Schleier endlich hebt. Mein Rücken schmerzt und ich habe unglaublichen Hunger.
Ich wische mir übers Gesicht und richte mich vorsichtig auf. Erst jetzt merke ich die Kälte in meinen Gliedern. Meine Knie fühlen sich steif an. Ich greife nach meinem Rucksack und meiner Sporttasche. Es ist mir schon Ewigkeiten nicht mehr so schwergefallen, aufzustehen.
Doch irgendwann schaffe ich es. Und obwohl ich auf Toilette muss, gehe ich raus, weil ich ihm seinen Ring wiedergeben und fragen will, warum er bei mir übernachtet hat.
Doch es ist niemand mehr in dem weißgefliesten Raum. Auch vor der Tür sind nur ein paar Leute, aber keiner mit blonden, längeren Haaren. Denn irgendwie ist das, das einzige Detail, das mir eben auf dem kalten Boden eingefallen ist, als ich seine Stimme gehört habe.
Ich gehe zurück zu den Waschbecken und betrachte mein Gesicht. Zum Glück habe ich in meiner Sporttasche eine Zahnbürste. Nachdem ich den ekelhaften Geschmack beseitigt und die Haare mit Wachs gerichtet habe, gucke ich zum ersten Mal auf mein Handy. Nicht die sechs unbeantworteten Nachrichten, sondern die Uhrzeit lässt mich aufstöhnen. Ich bin um kurz nach elf an der Schule gewesen. Wir haben viertel vor vier. Um fünf Uhr muss ich auf dem Sportplatz stehen. Mein Herz klopft viel zu schnell, weil es sich beschissen anfühlt, nicht zu wissen, wohin die letzten vier Stunden verschwunden sind.
Elias @Jonas [15:49]
Ich brauche was zu Essen. Döner?
Seine Antwort kommt postwendend. Eine Viertelstunde später halte ich das erste Essen für den heutigen Tag in der Hand. Auch wenn ich weiß, dass es dumm ist, vollgefressen Training zu haben, ist es noch schlimmer, auf nüchternen Magen Fußball zu spielen.
»Alter, wo zur Hölle bist du den ganzen Tag gewesen?«, fragt Jonas und steuert mit seiner Dose Cola einen Tisch am Fenster an.
»Mir ging’s ziemlich scheiße.« Das ist keine Lüge, auch wenn es nur die halbe Wahrheit ist.
»Immer noch von gestern? Ich habe doch gesagt, du sollst aufhören, Hochprozentiges zusammenzuschütten und zu behaupten es wäre ein Cocktail. Rum, Whisky, Wodka und Tequila sind eher ein Weltuntergang zum Mitnehmen.«
»Du vergisst die Cola und den Limettensaft«, gebe ich trocken zurück. Daraufhin seufzt Jonas nur schwer.
»Mila, oder?«, fragt er dann vorsichtig, woraufhin ich nur mit dem Kopf schüttele und den Kloß in meinem Hals hinunterschlucke.
»Du musst nicht jetzt über sie reden. Aber du weißt, dass du nicht allein bist. Du hast mir in letzter Zeit sehr wenig anvertraut. Glaub nicht, mir wäre nicht aufgefallen, wie du immer drauf gepocht hast, dass ich etwas von mir erzähle.«
Er hat recht. Aber was soll ich ihm sagen? Dass ich glaube, dass ich krank bin und Hilfe brauche? Dabei ist Mila die, die ein Herz hat, das jeden Moment aufgeben könnte. Ich kann ihm schlecht erzählen, dass das Training seit Wochen das Einzige ist, was mich am Leben hält. Was dafür sorgt, dass ich morgens aufstehe und abends einschlafe.
Dass Mila es verdient hätte, dass ich lebe, anstatt nur zu überleben. All das kann ich nicht sagen, weil ich nicht will, dass es zu meiner Realität wird. Jetzt ist es nur in meinem Kopf. Wenn ich es ausspreche, nimmt es Formen und Farben an und steht zwischen uns. Also entscheide ich mich dagegen.
»Gestern Nacht hat ein Typ bei mir übernachtet«, beginne ich und merke erst einige Sekunden später, wonach sich das anhört.
»Was?« Jonas reißt seine grünen Augen überrascht auf. Doch bevor ich etwas erwidern kann, hat er wieder das Wort ergriffen. »Also, wenn du auf Kerle stehst, ist das absolut okay. Das sollte sich nicht abwertend anhören.« Dann grinst er mir entschuldigend zu und spielt mit dem Verschluss seiner Cola.
»Das hat sich auch irgendwie komisch angehört«, erwidere ich und versuche das Kribbeln, in meinem Magen zu ignorieren.
»Ich glaube, er hat mich nach Hause gebracht. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich bei dir auf der Toilette kotzend zusammengebrochen bin. Sorry, nochmal.«
»Es war sauber, also alles gut«, erwidert er. Ich nehme noch einen Bissen von meinem Döner und erzähle erst weiter, als ich auch den runtergeschluckt habe.
»Ich bin heute Morgen wach geworden, weil sein Wecker geklingelt hat. Dann hat er sich angezogen und ist aus dem Zimmer raus. Ich habe überhaupt keine Ahnung, warum er bei mir übernachtet hat und einfach verschwunden ist ohne, dass ich weiß, wer er ist.«
»Warst du nackt?«, fragt mein Gegenüber und grinst vielsagend. Ich zeige ihm den Mittelfinger.
»Nein. Ich war komplett angezogen. Ich wüsste einfach gerne, wer er ist, um mich zu bedanken.«
»Vielleicht bist du auch verknallt? Würde endlich mal Zeit werden«, entgegnet er.
»Warum sollte ich mich jetzt plötzlich in ‘nen Kerl verlieben, wenn ich vorher nur was mit Mädels hatte?«
»Gegenfrage: Warum hast du noch nie mit einem Mädchen geschlafen?« Arschloch. Ich funkele ihn böse an. Daraufhin ernte ich nur ein breites Grinsen, bei dem er seine weißen Zähne entblößt, samt der Lücke, wo vorher sein Eckzahn stand.
Der steckte vor einem Monat in einem Fußball und Jonas hat die Lücke seither nicht schließen lassen. Er meint, das würde ihn aussehen lassen, als hätte er eine Schlägerei gewonnen. Wenn ihn jemand nach der Lücke fragt, antwortet er: »Du müsstest erst mal den anderen sehen.«
Was anfangs noch witzig war, mittlerweile aber nur noch nervig ist.
»Also, warum ist unser Topstürmer immer noch eine Jungfrau? An Auswahl hat’s dir wohl nicht gemangelt.« Als gäbe es ein Gesetz, wonach man bei einem bestimmten Bekanntheitsgrad unbedingt Sex haben müsste. Ich bin garantiert nicht der einzige Achtzehnjährige, der noch auf die Richtige wartet.
»Es hat einfach nicht gepasst.«
Jonas nickt mehrmals hintereinander und sagt: »Klar.«
»Er hat seinen Ring bei mir vergessen. Vielleicht braucht er ihn ja.« Versuche ich vom Thema abzulenken. Doch als er daraufhin schallend lacht und sein lockiges Haupt nach hinten wirft, werde ich richtig sauer.
»Was ist dein scheiß-Problem?«, frage ich und funkele ihn wütend an.
»Alter, weißt du, wie sich das anhört? Wie der gläserne Schuh von Cinderella. Müssen jetzt alle 700 Kerle der Schule antanzen und den Ring anprobieren, bis du deinen Traummann gefunden hast? Wir könnten es dann Cinderello – Der Topstürmer sucht sein Aschenputtel, das seinen betrunkenen Arsch nach Hause getragen hat, nennen.« Bei jedem Wort muss er sich mehr anstrengen, um nicht völlig die Kontrolle vor Lachen zu verlieren.
»Du bezeichnest mich als schwul und kennst jedes Detail von diesem lächerlichen Disney-Film?«, frage ich bissig und schiebe den Rest des Döners demonstrativ von mir weg.
»Ich habe dich nie als schwul bezeichnet.«
Ich beiße mir auf die Lippen. Mir ist der Appetit vergangen und das Interesse an der Unterhaltung.
»Wir müssen zum Training«, antworte ich nur und greife nach meiner Sporttasche, mit der ich Emins Dönerbude verlasse.
»Hey, jetzt warte doch«, ruft Jonas mit hinterher, aber ich höre nicht auf ihn.
Langsam fange ich an, an mir zu zweifeln, und Jonas schürt meine Unsicherheit mit seinen Sprüchen noch. Ich will mich lediglich bei dem Kerl bedanken, weil er nicht hätte bleiben müssen. Und ich bin mir mittlerweile sicher, dass ich ihn darum gebeten habe und er nicht von sich aus bei mir übernachtet hat. Aber er hat es trotzdem gemacht, obwohl wir uns nicht mal kennen. Ich will einfach mit ihm reden und ihm seinen Ring zurückgeben.
Warum muss Jonas jetzt so ein Riesending daraus machen?
»Sorry, Mann. Ich mache mich nie wieder über dich lustig«, sagt er, als er mich erreicht und lächelt mich reumütig an.
»Wenn du mich auslachst, erzähl ich dir nichts mehr«, entgegne ich pampig. Es nervt mich, dass ich so empfindlich bin, aber ich kann gerade nichts daran ändern.
»Ich helfe dir den Typen zu finden, okay?«, bietet er lächelnd an und ich versuche das Grinsen zu unterdrücken, was sich auf meine Lippen legt. Ich konnte ihm noch nie lange böse sein. Wahrscheinlich weil wir schon so viel miteinander durchgestanden haben und er nie nachtragend war. Selbst als die Sache mit Kim und mir angefangen hat, stand er mir immer zur Seite.
»Dann kannst du dich entschuldigen oder ihm einen blasen«, entgegnet er feixend und mein Grinsen verschwindet so schnell, wie es erschienen ist.
»Jonas!«
»Zu früh?«, fragt er lachend.
Und auch wenn ich ihm immer noch böse bin, bin ich froh es erzählt zu haben.
Arian
Ich renne den Gang entlang und erreiche pünktlich zum zweiten Klingeln den Raum, in dem ich jetzt Deutsch habe. Aber anstatt mich, auf Goethes Faust und die Gretchenfrage zu konzentrieren, driften meine Gedanken immer wieder ab.
Obwohl es nur wenige Stunden waren, habe ich seit langem nicht mehr so gut geschlafen wie letzte Nacht. Hätte mein Wecker nicht geklingelt und mich daran erinnert nach Hause zu fahren und Kurt rauszulassen, wäre ich wahrscheinlich geblieben. Was seltsam ist, weil ich ihn überhaupt nicht kenne. Genau genommen ist mir die ganze Übernachtungsaktion unangenehm. Deswegen habe ich Marla auch kein Wort gesagt, als ich sie heute Morgen abgeholt habe.
Ich spiele mit der Kappe meines Stifts, während ich versuche, meine Gedanken zu fokussieren und mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Damit ich nach dem Abi endlich wieder zurück zu meinen Freunden ziehen kann, sind die wichtigsten Voraussetzungen, einen guten Abschluss machen und genug Geld für den Start verdienen.
Doch anstatt diszipliniert aufzupassen, werfe ich gedankenverloren einen Blick aus dem Fenster. Die Sportanlagen der Schule sind nur ein paar Meter entfernt und meine Gedanken wandern augenblicklich zu Elias. Zu dem flehenden Ausdruck in seinen Augen. Zu dem großen Schlafzimmer und dem weichen Bett. Zu dem Moment, als ich mich rausgeschlichen habe, wie ein One-Night-Stand. Ich ignoriere das Klopfen meines Herzens und greife nach dem Ring an meinem linken Ringfinger. Aber als ich anstatt des warmen Metall nur meine Haut spüre, reiße ich den Blick vom Sportplatz los und schaue zu meiner Hand. Der Ring, den Papa mir aus Südamerika mitgebracht hat, ist nicht mehr da. Ich fahre immer wieder über die Stelle und versuche, mich zu erinnern, wo ich ihn zuletzt hatte. Aber mir fällt kein Zeitpunkt ein, in dem ich den Ring abnehme. Außer wenn ich mich schlafen lege.
Plötzlich wird mir heiß und kalt gleichzeitig. Kann es sein, dass ich ihn gestern Abend auch ausgezogen und bei Elias liegen gelassen habe? Fuck.
Doch bevor ich darüber nachdenken kann, wie ich Papas Ring wieder zurückbekomme, ohne mich zu blamieren, klingelt es zum Ende der Stunde.
Da Marla und ich jetzt eine Freistunde haben, sind wir wie immer unter den alten Apfelbäumen, hinter dem Westflügel verabredet.
»Du hast mir noch nicht verraten, warum du nochmal zu dem Typen zurückmusstest?«, fragt sie und gebärdet gleichzeitig.
»Hab was vergessen«, sage ich schulterzuckend und hoffe, dass sie nicht weiter nachhakt.
»Was denn?« Meinen Verstand.
»Meinen Geldbeutel«, entgegne ich. Ich hasse es, Marla anzulügen. Aber was soll ich schon antworten, wenn ich selbst nicht weiß, warum. Sie blickt mich noch einen Moment skeptisch an, so, als würde sie versuchen meine Gedanken zu lesen.
»Wie lief es eigentlich mit Jonas?«, frage ich, um sie von meinem Leben abzulenken.
»Frag nicht«, antwortet sie und fährt sich frustriert durch ihr schwarzes Haar. Mein Blick verharrt kurz auf den dunklen Spitzen, die beinahe genau denselben Ton haben wie ihr schwarzes, mit Blumen gemustertes Kleid, dann hebe ich den Kopf und schaue sie auffordernd an.
»Er hat den ganzen Abend an Kim Fischer gehangen, die letztes Jahr mit Elias gegangen ist. Keine Ahnung was das zwischen den Dreien ist. Aber Jonas scheint so verliebt in sie, dass er nicht mitbekommt, wie sie immer wieder Elias ansieht.«
Elias. Hat sie vorher auch schon so oft von ihm erzählt? Mein Blick fällt auf ihre traurig schimmernden Augen. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihr damit helfen soll.
»Hast du Jonas denn wenigstens mal angesprochen?«, gebärde ich, weil gerade ein paar Schüler an uns vorbeigehen. Genau in solchen Momenten fühlt sich die Freundschaft zwischen Marla und mir noch tiefer an, weil wir eine Sprache nutzen, die sonst keiner kennt. Ein paar Wochen nachdem wir uns kennengelernt haben, habe ich mir versucht online Gebärden beizubringen und Marla hat mir mit dem Rest geholfen.
Anstatt mir zu antworten, senkt Marla den Kopf und zuckt nur mit ihren Schultern.
Wir stehen einen Moment schweigend da. Jeder in Gedanken bei seinen verpassten Chancen. Wenn es so was wie Schicksal gibt, wäre es ziemlich enttäuscht von uns.
»Mir ist das Gerücht zu Ohren gekommen, dass du mit Nayomi verschwunden bist«, sagt sie dann und ihre Augen sprühen nur so vor Neugierde. Vergessen ist die Ausweglosigkeit von vorhin.
»Kann schon sein«, entgegne ich und lasse die Hände in die Taschen meiner Jeans wandern.
»Du hattest Sex und erzählst mir nichts?«, fragt sie dann, zu laut und mit viel zu viel Betonung auf dem Wort mit den drei Buchstaben. Manchmal habe ich das Gefühl, sie vergisst, dass uns alle hören können. Ich reiße nur die Augen auf und lege den Finger an die Lippen.
»Wir haben nicht miteinander geschlafen.« Dabei bewege ich nur meine Lippen, weil ich keine Lust habe, dass uns jemand zuhört.
Sie formt ihre Hand zur Faust und bewegt sie waagerecht von links nach rechts. Ich finde immer, dass es ein bisschen so aussieht, wie das internationale Zeichen für einen Handjob, es bedeutet aber einfach nur warum.




